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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 87
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Bericht über Zensurverfolgung,
Beschlagnahme und Polizeischikane des Buches
»Clemens Brentanos Frühlingskranz«

Bei meiner Absicht, das Buch dem Prinzen Waldemar zuzueignen, war mir daran gelegen, es dem Prinzen rein wie eine Lilie darzubringen. Damit es also von ungeeigneter Berührung der Polizei frei bleibe, hab ich es gleich anfangs der Zensur unterworfen; ich glaubte, das dem bescheidnen Charakter des Prinzen, dem jede spätere polizeiliche Einwendung verletzend sein mußte, schuldig zu sein. Als der Druck schon über die Hälfte zensiert war, erhielt Graf Flemming vom Zensor die Nachricht, daß Graf Arnim seine Absetzung befohlen habe; er kam ihr zuvor, indem er augenblicklich seinen Abschied begehrte, der ihm noch an demselben Tag zukam.

Da man um einen einstweiligen Zensor verlegen war, weil der neuernannte erst in drei Tagen von einer Reise zurückerwartet wurde, so erbot Graf Flemming sich, die wenigen Tage die Zensur noch zu behalten. Präsident Meding wies das Anerbieten ab, weil der Minister befohlen habe, ihn so schnell als möglich außer Funktion zu setzen. Graf Flemming fragte verwundert nach dem Grund dieses Mißtrauens; ihm wurde angegeben, er habe im August vorigen Jahres ein Witzliedchen auf die Feier des tausendjährigen Reichs passieren lassen, welches konfisziert wurde – »aber am andern Tag wieder freigegeben«, berichtigte Graf Flemming.

Die Zensurbogen meines Buchs wurden nun auf ein paar Tage interimistisch einem dritten übergeben und zugleich die schon zensierten Bogen von der Druckerei zurückgefordert, um sie noch einmal zu zensieren. Aus sittlichem Takt für den Prinzen, damit es nicht heiße, man habe es erst durch die Zensur so zurechtstutzen lassen, und um nicht in dem Kloak der Gemeinheit dies Buch auslauchen zu lassen, entzog ich es jetzt der Zensur! Aber wer kann der Inkonsequenz solcher Behörden entgehen, welche die aus dem Sumpf ihrer Trugschlüsse entflatternden Irrlichter für Fixsterne halten, die sie gerade in den Morast hineinstiefeln machen, aus dem sie nicht wieder heraus können stiefeln.

Nun geht es über von der Zensurbedrängnis zur Beschlagnahmsverkehrtheit: am dreiundzwanzigsten Mai ward es der Polizei zuerst vorgelegt, am vierundzwanzigsten mit Beschlag belegt wegen respektswidrigem Inhalt der Zueignung. Sollte man nicht glauben, der Samen zu so narrischen Staatsvorwänden sei aus China verschrieben? Und sollte man nicht ein preußisches Ministerium für einen Lohkasten halten, in welchem dergleichen lächerliches Zeug emporschießt, aber gar keine oder nur krüppelhafte Früchte trägt wegen dem fremden Klima, in das es versetzt ist? – Der Buchhändler bemerkte dem Assessor Ballhorn, der diese Polizeiangelegenheit besorgt, der Grund der Beschlagnahme sei um so auffallender, da der Prinz die Zueignung angenommen habe. – Wie? – schon angenommen? – Warum haben Sie mich nicht gleich davon instruiert? – Der Buchhändler entschuldigte, er habe nicht geglaubt, daß er ihn zu instruieren habe. – Am 25. erhielt er vom Polizeiamt die Nachricht, daß die Beschlagnahme im Sinne der Zueignung wieder aufgehoben sei, daß aber ein trifftigerer Grund ermittelt sei, auf welchen sie es zum zweitenmal in Beschlag genommen und nicht eher freigegeben werde, bis es die Zensur passiert habe, weil nämlich der Name auf dem Titel fehle. Der Buchhändler wendet das Blatt um und zeigt ihm den Namen unter der Zueignung vollständig ausgesprochen; der Polizeiassesor nahm diese Gründe nicht an. –

Am 30. Mai erhielt der Buchhändler beiliegendes Schreiben des Polizeipräsidiums vom 28., datiert in Antwort auf sein Einkommen, in welchem er zugunsten des Buches das neuste Gesetz erwähnt, welches erst sechs Wochen alt ist und nach welchem Bücher über zwanzig Bogen durchaus nicht mehr zensiert werden dürfen.

Der Schikane solcher Zensurhanswursten sich preisgeben, das passiert die Geisteszensur nicht, gegen den Unsinn der Polizeihanswursten ankämpfen, das wäre albern; ich habe daher meinen Namen mit einem Stempel an die Exemplare drucken lassen.

 

Sonntag, am 2. Juni!

Soeben meldet der Buchhändler, man wolle das auf der Polizei liegende Exemplar, welches ich zurückfordern ließ, um es auch mit dem neuen Titel zu versehen, durchaus nicht hergeben und habe zum Vorwand genommen, es müsse mit dem neu einzureichenden Exemplar verglichen werden. –

Der Beweis dieser albernen Willkür ist durch die Nachgiebigkeit von mir, einen neuen Titel drucken zu lassen, nicht zu teuer erkauft, wenn es recht deutlich ins Licht stellt, wieviel verderblicher für den Staat es ist, das Zensurgesetz als Privatvorrecht der Tücke sich anzumaßen als je eine Zensurfreiheit sein könnte. – Auch hab ich die Schlangenhaut, an der die Zensurbehörde und Polizei jetzt zerren, schon abgeworfen, und bin in etwas anderm begriffen, was mir mehr am Herzen liegt. Es ist die Beantwortung der Preisfragen, die von der Potsdamer Regierung Anno 1842 gestellt über das Zunehmen der Armut, und wie ihr zu steuern sei. – Der Preis ist gewonnen, allein dem Übel ist nicht gesteuert. Ich habe mir die bescheidne Aufgabe gemacht, alles mir darüber Mitgeteilte zu ordnen und meine Ideen dem anzureihen. Eine so wichtige Zeitfrage kann nur durch allgemeine Ermittlung ausgefördert werden. Der Schwanenorden hat mich zu dieser Unternehmung angeregt, und manche Ideen, die durch ihn ausführbar sein würden, haben mich angefeuert. – Sollte es diesem Buche ebenso gehen wie dem andern, so würde ich vorziehen, es an einem andern Orte drucken zu lassen; ich habe den Ertrag den Armen bestimmt; ich muß dafür sorgen, daß es nicht eine Beute des Unverstandes werde. Man hat dies Buch schon verleumdet, obschon sein Inhalt nicht bekannt ist. Sie kennen das Sprichwort: Auf viele kleine Streiche fällt auch die größte Eiche. – Der König war einmal sehr gnädig für mich gesinnt. Ich hab mich nie vor ihm sehen lassen, um Kollisionen zu vermeiden, die ihm nur Unmut erregen könnten, und mich der demütigenden Lage aussetzen würde, mich rechtfertigen zu müssen.

Was hat man zum Beispiel für Lügen in Zeitungen über mich vorgebracht, in Hoffnung, mich dadurch bei dem König zu verleumden. – Bei Gelegenheit der ganz unwürdigen Behandlung des Hoffmann von Fallersleben, den ich nur durch Grimms kenne, die sich in früheren Zeiten seiner tätigen Freundschaft rühmten, die werfen ihn nun, in der Zeitung gedruckt, zur Tür hinaus. Als ich ihre Erklärung erfuhr und ihren bösen, ganz ungegründeten Argwohn, als habe er mit geheimen Machinationen sich das Lebehoch der Studenten erobert, da beschwor ich sie, sich nicht an ihrer höheren Pflicht gegen einen alten Freund zu vergehen! – Sie meinten, ich solle ihn nicht verteidigen, er habe auf der Polizei gegen mich ausgesagt, als habe ich dies alles veranlaßt. – Er hat ja nichts verbrochen, was eines Vorwandes bedürfte, warum sollte er eine Verleumdung auf mich ausbringen, die ihn selbst verdächtigte. Dem König wird man viel weisgemacht haben über ihn! – Aber er liebt den König, wahrlich, das hat er vor mir einfach und treuherzig ausgesprochen. Der Artikel der Grimm hat die öffentliche Stimme gegen sich, und die Großmut des Königs, der sie unter seinen Schutz nahm, kommt dadurch in Verruf, als habe die Demonstration des Volkes, das der sieben Göttinger sich angenommen, sollen dadurch unterdrückt werden. Hätten die Grimm sich vielmehr des armen, bedrängten Hoffmann angenommen, so hätten sie des Königs edle Denkweise dadurch ins Licht gestellt, und der König, nach einem erhabneren Gewissen handelnd, würde vielleicht bewiesen haben, daß seine größte Macht aus seiner Großmut entspringe. Und Hoffmann würde dann vielleicht nicht wie ein gescheuchter Habicht von einem Gastfreund zum andern flüchten müssen, und ihm würde überall Willkomm zugerufen werden. Denn der wird mit Freuden gesehen, an dem die Gerechtigkeit und Gnade des Herrschers sich erweist. – Denn es gibt kein beglückenderes Gefühl, als den Herrscher an sittlicher Größe weit erhaben über sich zu sehen.

O kurzsichtige Staatsklugheit, die solcher Männer Gesinnung untergräbt, welche vor der Menge als Wahrzeichen galten, des Adels und der Großmut ihres Fürsten: diese Staatsklugheit kommt niemals ins Gleichgewicht mit der gesunden Vernunft. –

Auch mich wollte man bewegen, gegen die falschen Zeitungsnachrichten zu protestieren. Könnte ein boshaft Geschwätz, das mit Absicht Umstände erfindet, den blanken Stahl meiner Ehre vor dem König trüben, so erheb ich lieber die Lüge ins Prophetentum als die Lügner einer Rechtfertigung zu würdigen. – Sie sind des Königs Freund, der ihm die Wahrheit aus der Lüge schält. – Gegen den armen Hoffmann erschallte hundertfältige Verleumdung, sogar ein Loch in seinem Beinkleid, mit dem er in Gesellschaft erschien, ohne es zu merken, wurde ihm zum Verbrechen gestempelt, eben so unschuldig sind seine politischen Vergehen. – Aber der Widerspruch gegen seine Verfolgung und Verfolger erschallte tausendfach im Volk, das die moralische Verderbtheit und politische Inkonsequenz darin wohl erkennt, aber nicht die Umwege, durch die man dergleichen Handlungsweisen vor dem König beschönigt. Wie schön könnte der König nun das Volk belehren, durch eine einfach menschliche Handlung, deren nur große Seelen fähig sind, so einfach und naturgemäß auch eine solche Handlung sein möchte, wie zum Beispiel, wenn des verfolgten Hoffmann Geschick durch den König selbst erleichtert würde. – Damit würde er auch der Ministerhecke ihre tauben und faulen Eier zerschlagen, und so ihr das Brüten ersparen.

Ich mißbrauche Ihre Geduld, ich komme vom Hundertsten ins Tausendste. Meinen konfiszierten Feldblumenkranz hab ich verschmerzt. Mag es dabei bleiben. Der König muß keinen Anteil daran nehmen, man muß sich scheuen, diesen Mann von so edler stolzer Denkart in Berührung mit der Gemeinheit zu bringen. –

Wissen Sie, womit man den königlichen afrikanischen Löwen in die Flucht schlägt? – Wissen Sie es nicht, so fragen Sie Varnhagen; ihm soll es Frau von Helfer mitgeteilt haben, deren Mägde mußten sich einmal so vor einem großen Löwen in Sicherheit setzen; nämlich indem sie sich ihm von der schlechtesten Seite zeigten. – Und so wär's kein Wunder, wenn der König vor der Polizei sich zurückzöge, die diesmal ihre schlechte Seite nicht bemänteln kann, die sie ja von allen Seiten hat.

 

Am dritten Juni. –

Nachdem ich nun den Umdruck des Titels bestellt und der Polizei davon durch den Buchhändler habe Anzeige machen lassen, und somit versagt habe, das Buch zensieren zu lassen, wozu ich berechtigt bin, da es hierdurch sogar gesetzmäßig nicht mehr zensurfähig ist – so wird eben heute am 3. Juni dem Buchhändler insinuiert, es werde auch gegen meinen Willen und trotz dem Umdruck des Titels zensiert werden. – Ich habe noch einmal, und zwar schriftlich, dagegen protestiert. – Sollte die Polizei diese Willkür gegen mich durchsetzen, nun so gehe ich aus dem Land, in ein andres Land, wo die Polizei sich nicht so unverschämt horribel zeigt, daß der königliche Löwe vor ihr ausreißt. –

Man sagt, ich wär ein Teufel; man wünscht Sie zum Teufel, es ist auf ein Rendez-vous angelegt. – Wo ich auch das Glück haben werde, Sie zu begegnen, es wird mich immer freudig begeistern, und ich bin Ihnen von Herzen ergeben, wie Sie es um mich tausendmal verdienen. Die Einlage der beiden Aktenstücke bitte ich zurück. –

Am 3. Juni 1844 Bettine.

 

Ich sitze hier wie in einer Festung; die Polizei wirft eine Kartusche nach der andern herein. Wenn der Gott nicht noch Großes mit mir vorhat, so weiß ich nicht, warum er so spät noch mich eine kriegerische Karriere durchlaufen läßt und eine politische Minierkunst mich ausüben läßt.

Sonderbares Welttheater. – Der Hintergrund Humboldt mit zeitweiliger Apparition des Königs, vor dem der Vordergrund die Polizei und dahintersteckenden Ministerien Savigny, Eichhorn, Arnim sich eklipsiert, die Tatzen ausstreckt gegen den Mittelgrund, eine Tugend, welche ihm dafür die Zunge herausstreckt. –

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