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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 85
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

In wenig Tagen gehn wir von hier ab. Ich weiß nicht, ob wir uns in Wiesbaden aufhalten. Du mußt meinen letzten Brief nicht erhalten haben, weil ich nichts von Dir weiß. So sehr ich mich freu, Dich wiederzusehen, tut's mir doch leid, die Gegend zu verlassen; hier hab ich zum erstenmal die Natur beklettert, mitten in ihrem Schoß konnte der Mutwille nicht Ruhe halten; wohin mein Auge blickte, dahin wollte ich, oft meint ich mit Händen die Berge zu greifen, und wenn ich eine Strecke gelaufen war, dann war's, als sei ich viel weiter entfernt vom Berg. Erreichen muß man nicht wollen; goldne Wünsche, grünende Hoffnungen, wartet nicht, daß ich euch nachlaufen wenn ich auch euch nachseufze ein Weilchen! – Es ist vor ein paar Tagen ein Mann hier durchgekommen mit einer Flugmaschine, er wollte sich damit sehen lassen, aber Leonhardi, der noch zwei Stahlbäder zu nehmen hat, wovon er ganz stahlblau wird, wollte durchaus nicht, daß der Mann fliegen solle; der Mann wollte uns auf der Terrasse ein Flugstückchen machen, für einen Taler wollt er's tun. Leonhardi sagte, der Mensch fällt gewiß und bricht Hals und Bein, dann haben wir die Heilkosten, den Doktor, den Apotheker, den Chirurg, den Aufwärter, das Essen, die Nachtwache, die Wartfrau und zuletzt vielleicht gar die Begräbniskosten samt Pfarrer und Küster auf dem Hals, zu so wenig Badegästen, als wir noch sind, kann sich das sehr hoch belaufen. Alles war von Leonhardis Weltweisheit eingenommen, der noch vorbrachte, er säh es dem Kerl an, der sei expreß gekommen, ein Unglück anzurichten. Vom Manne hatte ich erfahren, daß er keine drei Batzen habe, denn er hatte auch schon gestern keine mehr gehabt und sich durchbetteln müssen. Leonhardi behauptete, des Mannes Augen seien auf seine Taschen gerichtet gewesen, er sei ein Dieb. – Ich brachte die Nachricht, der Mann wolle mit Gewalt fliegen; da seht ihr, sagte Leonhardi, er will uns einen Streich spielen. Ich wurde also wieder zu dem Mann geschickt, ob er nicht gutwillig gehen werde, wenn man ihm einen Douceur gebe. Ich brachte die Nachricht: der Mann wolle absolut fliegen und lade die Gesellschaft bei Mondschein auf die Terrasse. Ach, sagte Leonhardi, in dem Menschen sitzt die Verzweiflung; das ist eine dumme Geschichte in der einsamen Gegend, wo keine ordentliche Polizei ist – dem Mann verbieten zu fliegen habe er keinen Befehl, meint der Polizeimann, sagt der Badepeter, erzählte ich. – Der gute invalide Polizeisoldat mußte kommen, der sagte: Lassen Sie ihn, der wird nicht weit fliegen, er ist auch Invalide, es kann nicht jeder Nachtwächter in Schlangenbad sein, um sein Brot zu verdienen. – Da haben wir's' – ein zerschoßner Kerl will da noch ungeheure Kunststücke machen! – Alles war aufgeregt, jeder lachte darüber, aber man wollte ihn los sein. – Mit zehn Gulden geht er ab, rief ich. Die zehn Gulden waren gleich beisammen und noch mehr, jeder steuerte ungezählt bei. – Ich lief mit dem Geld zum Mann, der gar nichts davon wußte, auch so viel Geld seit lange nicht gesehen hatte. Ich konnte ihm schwer begreiflich machen, daß es sein gehöre, wenn er nicht fliegen wolle; dies letzte begriff er vollends gar nicht, denn er ließ sich durchaus nicht vom Fliegen abhalten, was er vorher eigentlich nicht im Sinne hatte, es mußte jetzt geschehen! Ich lief auf die Terrasse und rief: der Mann kommt, er will doch mit aller Gewalt fliegen! – Ein großer Spektakel war da los, der Mann zog aus einem Pappkasten zwei Schläuche, blies Luft hinein, es wurden zwei Pferdchen draus, ein weißes und ein schwarzes, so groß wie Windhunde, angespannt an einen Luftballon, in dem der Amor saß, das ging in die Höhe an einem langen Bindfaden und schwebte zehn Fuß über uns, er hielt dabei eine Rede über das schwarze und weiße Pferd am Liebeswagen. Voigt sagt, diese Rede sei aus dem Plato. Als der Phaethon vom Abendwind eine Weile herumgetrieben war, wickelte der Mann den Bindfaden wieder auf, entließ die Luft aus den Gaulen und nahm mit tausend Danksagungen Abschied. – Wir alle waren sehr lustig über die Geschichte und gönnten es dem guten Mann, der durch seine Gutmütigkeit den besten Eindruck gemacht hatte.

Wir sind jetzt ganz allein hier, wir machen von morgens bis abends die herrlichsten Spaziergänge, ich glaube, es wird traurig werden, wieder in mein finsteres Zimmer eingesperrt zu sein. Aber es wird doch ein angenehmer Winter sein; die Heiraten der Geschwister werden nicht wenig zur häuslichen Glückseligkeit beitragen. Ich wundre mich, daß Du so wenig Anteil dran nimmst.

Grüße Sophie von mir, und wenn Du schon in Marburg bist, so schreib ihr, daß ich alle Tag an sie denke.

Bettine.

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