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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 84
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens!

Clemente, gestern erhielt ich Deinen Brief in Schlangenbad! Ich hätte sehr gern ihn dem Herzog von Gotha vorgelesen oder lesen lassen, allein er war schon am Morgen abgereist; es war schade, er hatte gern etwas mit mir zu verhandeln; da er so oft auf dem Spaziergang neben mir herlief, zog er seine Schreibtafel heraus, stellte sich vor mich, daß ich nicht weitergehen solle, es war recht lächerlich. Von der Günderode erzählte ich ihm, von Deiner Sophie hat er mir viel erzählt, unendlich Schönes. Sie hat mir eingeleuchtet wie ein Stern, ich mußte darüber entzückt sein, und verwundere mich, daß ich ihn begegnen mußte hier, der die Sophie so verehrt, mir eine ganze Brieftasche voll Gedichte an sie vorlas, alle Tage unendlich Vortreffliches mir erzählte. Dafür hab ich ihm auf meiner Gitarre mehrere Präludien zu seinen Liedern komponiert. Es war eine Not mit seinen französischen Gedichten, zu so was konnte ich keine musikalische Anwendung machen. Unter mir wohnt die Kurprinzessin von Hessen, der hab ich alle Nacht aus dem Fenster vorgespielt, das machte ihr viel Freude, sie hat mich in Affektion genommen und ist oft mit mir allein spazierengegangen; ich sollte ihr erzählen, da war viel von Dir die Rede! Von wem soll ich sonst reden. Aber von meinem Aufenthalt bei der Großmama und von manchen ernsten Geschichten und Gesichten der französischen Revolution war die Rede; da wunderte sie sich, daß ich so ernste Dinge berühre schon in der Jugend.

Ich weiß, was Jugend ist: Inniges, unzerstreutes Empfinden des eignen Selbst. – Die Einsamkeit aber ist eine Quelle, sich selbst zu trinken. Dieser Gedanke gefiel der Kurprinzeß, ich mußte ihn ihr in ein Denkbüchlein schreiben; und ich setzte noch hinzu: »Denken ist, die Wege Gottes beschreiten – durch Denken gelangt man zu Gott!« Und dies gefiel der Kurprinzeß so, daß sie mich dafür auf die Stirne küßte. – Sie redet nun oft mit mir und nennt das seltsame Gedanken, was ich so herausplaudere ohne viel Nachdenken; so hatte ich letzt gesagt, der Gedanke sei ein geflügelt Roß, und wer es regieren könne, der schwinge sich mit ihm auf in die Unsterblichkeit. – Das alles will sie behalten und aufschreiben; – immer möchte sie mehr aus mir herauslocken, als ich grade sagen kann oder mag, denn zu geistiger Offenbarung gehört der Wille, den Geist zu entfalten. – Der Geist ist zwar immer wandelnd, nämlich in ihm selber wandelt sich alles, was er berührt, und davon wächst und blüht er und reift zur Frucht selber. – Unser höchstes Wirken ist Denken; gibt es vielleicht Geister, die noch ein höheres Wirken haben als Denken? und was mag das sein? – Nein! Denken ist das große Lebensmeer der Gottheit, aus dem entspringt alles Wirken! – So sag ich, und die Kurprinzeß freut sich an diesen Reden und will wissen, wo ich das alles herhabe; ich sage, das sind Hobelspäne von Gesprächen mit der Günderode, und daß ich mich da oft durch die Gedankenfülle durchdränge wie durch eine Volksmenge, die mich umwimmelt, und daß ich den ersten besten beim Ohr kriege, und viele andere witschen mir durch. Da freut sich die Kurprinzeß und will mehr wissen, und ich muß als in einem fort aus dem Ärmel schütteln. – Und der Glaube ruft den Geist herbei, der sagt seine Geheimnisse, die Natur haucht sie aus. – So ist jeder, der belehrt sein will, ahnungsvoll wie die Knospe, die dem Licht aufbricht, aus ihrem Kelch duftet die Begeistrung fürs Licht. – Und das Licht kann dieser Begeistrung nicht widerstehen, sowenig der Geist der Liebe widerstehen kann! –

Ich bin heute so munter, ich möchte noch mehr schwätzen! Meine Augen sehen im Dämmerlicht sehr hell, ich schreib gern bei Mondschein, da kann ich so vergnügt im Zimmer auf und ab gehen. Am Himmel tragen die Wolken ihre Begebenheiten mir vor, sie ballen sich zusammen und türmen sich und schreiten auseinander und steigen und kreuzen sich und lassen sich nieder, kurz, es ist ein Staatsleben unter ihnen. – Am meisten seh ich Revolutionsereignisse drin! – Wollt ich prophetisch sein, ich würde mich an die Wolken halten! – Nicht daß sie wirklich Geschicke ausmalen könnten. Aber der Geist kann sich selber ahnen, selber erkennen und sich selber hinübererzeugen in das, was er sich vorstellen kann. Gewiß kommt einst eine Zeit der Erlösung, wo nicht mehr einer die Wahrheit prophetisch oder ahnungsweise vorträgt, sondern wo die ganze Welt zugleich weiß und empfindet, was ihr Lebensnahrung gibt und wo sie drin wuchert, wie im üppigen Boden die Pflanzen und Früchte wuchern! – Gedeihen des Geistes ist eine über alle Vorsichtsmaßregeln und Begriffe und Bedeutungen hinausstrebende Kraft. – Alle Philosophie erstickt, umstrickt, und zwar mit groben Stricken, den ungebundenen Geist. Ach ich hab da letzt noch mit Sinclair disputiert. – Ich kann aber nicht disputieren, ich muß mich nur totärgern, bis der Kerl fertig ist, wo ich gleich bei der ersten hölzernen Redensart als schon außer mir komme; ich kann auf nichts achtgeben, sie sagen, ich wär eingebildet; die andern sind eingebildet mit ihrer Repulsion und Attraktion und Potenz und Notstall der Philosophie und Kunstreligion.

Es gibt Menschen, die sind wie die Raupen, sie zehren nur vom Pflanzenstoff des Geistes; wenn die sterben, so werden sie zu Schmetterlinge, die gauklen in ihrer Seligkeit so über den Blumen. Das, womit sie ihren Geist nährten, gab ihnen keine andere Offenbarung der Seligkeit als nur diese. –

Was der Geist in sich entwickelt, das wird seine Offenbarung, sein höheres Leben! – Der Maler hat ein ganz besonders Himmelreich (Verewigung), in das er sich durch seine Kunst hinüberübt und –lernt! – Aber! aber! – die Maler malen ja alle daneben und nicht das, was ihnen wieder Geist gibt. Der Künstler muß ja etwas hervorbringen, was ihn wiedererzeugt, sonst ist's aus mit der Ewigkeit. Der Musiker komponiert ja falsch, und wenn er noch so sehr den Generalbaß reitet, grade deswegen; er spielt ja Menschensatzung und nicht Überirdisches! – Der Sänger singt ja falsch, und wenn er noch so rein trifft, er trifft ja die Seele, das Gefühl, dessen nicht der Geist hat und auf höhere Berührung wartet. – Der nur erzeugt die wahre Kunst, der das hervorbringt, was die Zeit zu dem erhöht, wozu sie reif ist, um sie weiterzureifen. – Der singt falsch, der durch seinen Gesang nicht das göttliche Licht der Freiheit in dem Hörer entzündet, denn er erfüllt nicht den Zweck der Kunst und gibt dem Geist Ärgernis, denn er zieht ihn herab.

Mit diesem letzten will ich in Deine Saiten eingreifen, von dem, was Du über Schauspielkunst sagst. – Mir hat der Mond diktiert.

Ich möchte der lieben Sophie auch noch was sagen, aber ich hänge vom Mond ab, daß er mir doch einen Augenblick dazu Licht gebe! – eben kommt er! – Licht und Feuer in den zerstreuten Hütten funkelt durch das Grün der Bäume. – So weit ich seh, versinkt die Welt in Ruh!

Clemens, die Sterne funkeln zu Tausenden am Himmel, unter meinem Fenster steht meine alte Invaliden-Schildwache und paßt auf ein Ständchen meiner Gitarre; er ist gewohnt, mich abends noch singen zu hören, ich werd ihm ein alt Klosterlied an die Jungfrau Maria singen, denn es ist morgen Maria Himmelfahrt.

Deine Freundschaft mit Tieck entzückt mich – oft, wenn ich in seinen Schriften las, hatte ich eine große Begierde, ihn kennenzulernen. Ich werde ein Kleidchen machen für sein Töchterchen, so schön als möglich, das schenk dem Liebchen von mir. – Du kommst also, Clemente! ich freue mich. – Wir sind jetzt ganz allein hier! – wir machen Promenaden ins Wilde! – Die Toni hat aber als den Mut verloren, wenn wir den Weg verloren hatten! ich dachte, es wäre recht närrisch, wenn wir uns nicht wieder in die Heimat fänden und gingen so fort und kämen in fremde Lande.

Bettine.

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