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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 81
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Liebe Bettine.

Du bist ein närrisches Mädchen, nun bist Du in Deinem letzten Brief wieder lustig, und wir waren grade sehr traurig wegen Dir. Sophie weint oft tagelang, sie glaubt, sie werde mich durch Dich verlieren. Nun waren wir schon entschlossen, in ein paar Tagen nach Trages zu reisen, damit Du sie dort sehen könnest, und nun gehst Du auf einmal ins Schlangenbad. Sophie ist sehr traurig darüber, sie weiß nun gar nicht, wie sie zu Dir gelangen soll, ich bitte Dich, schreibe bald, ob es vielleicht gar nicht möglich ist, dann gehe ich grade nach Marburg, doch ohne Sophie, die auch dahin zieht; wann, wissen wir noch nicht. Ich bitte Dich herzlich, werde nicht wieder ängstlich, beim Lichte besehen war die Langeweile in Frankfurt viel dran schuld. Arnim ist jetzt in England, wohin ich ihm nicht schreiben kann. Meine Büste erhältst Du in einigen Wochen; Du wirst sie finden, wenn Du von Schlangenbad zurückkehrst, vielleicht besuche ich Dich dort von Marburg aus. Um alles in der Welt willen verliebe Dich in niemand, den ich nicht kenne. Die Männer sind außer mir, Arnim und Wrangel nichts wert, und Savigny, der aber einen starken Naturfehler hat, daß er Dich nicht versteht, kann auch noch hinzugezählt werden, der ist aber mehr vortrefflich, als daß er mir's wert wäre, folgert sich daraus. Schreibe der lieben Sophie, antworte auf ihren lieben Brief!

Dein Clemens! –

Du fragst nach meinen Liebesliedern, närrisch Kind, nicht alle Seufzer lassen sich in Worten aussprechen, und daß Du sie mitseufzen solltest – ach nein! das macht mich zu wehmütig, viel lieber lasse Dich mit ihnen anhauchen, an die der Schmelz der Poesie in reinen Kristallen sich anlegt.

Von den Mauern Widerklang –
Ach! im Herzen frägt es bang:
Ist es ihre Stimme?
Und vergebens sucht mein Blick,
Kehret mir ein Ton zurück? –
Ist's nur meine Stimme? –

Auf der Mauern höherm Rand
Sind die Blicke hingebannt,
Doch ich seh nur Sterne;
Und in hoher Himmelssee
Ich die Sterne küssen seh,
Wären's unsre Sterne.

Nacht ist voller Lug und Trug,
Nimmer sehen wir genug
In den schwarzen Augen;
Heiß ist Liebe, Nacht ist kühl,
Ach ich seh ihr viel zuviel
In die schwarzen Augen.

Sonne wollt nicht untergehn,
Blieb am Berg neugierig stehn;
Kam die Nacht gegangen,
Stille Nacht, in deinem Schoß
Liegt der Menschen höchstes Los
Mütterlich umfangen.

Willst du mir Trost verleihen,
Laß mich aus deinen Augen,
Der Liebe Schwärmereien,
Minutenwahrheit saugen.

Laß um des Lichtes Quelle
Die trunkne Fliege schwirren,
Laß, wird es ihr zu helle,
Sie in die Flamm irren.

Du sahst im Nektarkelche
Die heitre Psyche sterben,
Wenn ich noch länger schwelge,
Läßt du mich auch verderben?

Aus deines Herzens Raume
Möcht ich nur einmal trinken
Und dann zum kühnsten Traume
Im Götterrausche sinken.

Du bist die Zaubervase,
Die meinen Geist umhüllet,
Und im Champagnerglase
Ist schon mein Los erfüllet. –

Dies letzte kleine Gedicht, liebe Bettine, entstand, weil unsre Sophie (denn so muß ich sie nennen, die auf Deine Gunst meines Glückes Los gesetzt hat) einen kleinen Schmetterling retten wollte, der, nachdem er seine Flügel am Licht verbrannt hatte, in ihrem Champagnerglas versank. – Ach Kind! diese Gedichte sind wie die kleinen Johanniswürmchen, die leuchtend hin und wider fahren.

Nun sing ich Dir hier noch ein Liedchen, was aus den Saiten meiner Gitarre entschlüpfte, als ich gestern abend im Mondenschein mit Sophie am Fenster lag, nachdem ich Deinen lieben Brief ihr vorgelesen hatte und sie recht tief bewegt war von dem Glück, was Du ihr im Rosenbusch unter Deinem Fenster prophezeist. –

Sieh dort auf dem Wiesengrunde
Tanzen jetzt ein Elfchen munter
Unterm Rosenbusch hinunter,
Der die Blätter niederstreut.

Elfchen spielen Lotto heut,
Schreiben auf die Blätter Nummern,
Ja du darfst nur kühnlich schlummern,
Denn dein Glück kommt dir im Schlummer.

Du gewinnst die beste Nummer:
Eine Braut wirst du im Schlummer,
Drum erwachst du ohne Kummer,
Hochzeit, Hochzeit, hohe Zeit. –

Sieh, wie scheint der Mond so weit,
Und die, Frösche und die Unken
Singen bei Johannisfunken
Ihre Metten ganz betrunken.

Brünstig glühn Johannisfunken,
Sternlein kühl am Himmel prunken,
Und das Irrlicht hüpft betrunken,
Wo du gingst, ein Jungfräulein.

Auf dem Acker glüht ein Schein.
Wo beim Drachen eingetruhet
Kaltes Gold, das rot erglutet,
Fiel dein Kränzlein unvermutet

In des Drachen Gruft hinunter,
Und der Drache ist gebunden,
Und der Schatz ist dir gefunden:
Gold und Silber, Edelstein,
Und drei Rosen, die sind dein.

Diese kleinen Gedichte oder poetische Mücken, die einem umschwirren in heiteren Stunden, summen einem im Geist, bis man sie mit dem Reim totschlägt und in dem Busen eines Freundes einsargt, damit sie doch da anständig begraben sein mögen! – Deiner Treue von jeher hab ich diese Spur heiterer und beglückender Stunden nun ganz unbefangen hingegeben; keinem andern Menschen könnt ich das. O wie sehr fühl ich in diesem Augenblick, was Du mir bist! – Ach lasse darum diese Gedichte einen Wert für Dich haben, weil Du der Lebensbaum bist, der in seine frische Rinde sie von der Bruderhand sich eingraben läßt; lasse es mit Dir verwachsen, das Gefühl, daß glückliche Zeiten auch mich begrüßten, und wenn böse Zeiten kommen, so lasse mich in Deines Herzens Schrein die Schätze der Erinnerung finden. In dieser Empfindung einer stillen Nacht, wo ich die Schätze der Freundschaft und Treue, die nur in geliebten Menschen aufbewahrt sind, überzählte, hab ich auch nachfolgendes Gedicht an Dich gemacht.

Laß Dich, mein Kind, den Tadel nicht verführen,
Vertrau, wenn Du ihn hast, dem guten Sinn,
Und sprich: Nur weil ich nicht unsterblich bin,
Will die Versöhnung liebend mir gebühren.

Denn Gottes Hand, sie kann uns plötzlich rühren,
Und stürb der Freund mir unversöhnet hin,
So würde scharfer Tadel den Gewinn,
Daß Liebe ich gegeben, mir entführen

Bis dahin suche Trost in dem Sprüchworte,
Daß Rom nicht ist in einem Tag gebauet,
Daß alle alles auch zugleich nicht können,

Daß vor dem Morgen erst der Himmel grauet,
Daß trunken bunt Aurora pflegt zu brennen,
Bevor der Gott tritt aus der Sonnenpforte.

Schreib, befriedige uns, beglücke und pflege unser Glück, ersehnt, verlangt von Deinem treuen Bruder

Clemens.

Schmerzlich ist's mir immer, wenn Du Deiner Klostertage erwähnst und nie Dich bemühen magst, sie ein bißchen zu ordnen, da Du selbst noch Material dazu hast! – Wär's denn nicht höchst intressant, einen kleinen Katechismus Deiner religiösen Begriffe zu geben!

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