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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 80
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Nur ein Wort, ich bin in Schlangenbad und habe soeben Deinen Brief bekommen, ich kann Dir nur erzählen, daß ich morgen ausführlich schreiben will, wenn der Genuß, auf die Höhen zu steigen und in die Ferne zu spähen, mich dazu kommen läßt.

Sophie ist wunderbar, daß sie mich so gern sehen will, ich weiß nicht, was ich von mir denken soll, daß ich bis jetzt noch gar nicht daran gedacht hab.

Bettine.

Grüße sie von Herzen und sag ihr, ich hoffe mein möglichstes von unserer Zusammenkunft, aber so bald wird's nicht sein können, da wir sechs Wochen hierbleiben! –

Clemens, Du bist artig! und Sophie ist fein, Ihr wollt Euren Brautkranz von mir geflochten haben, darum ist es, daß Ihr ihn wieder aufbündelt und mir alle aufgelösten Blumen in den Schoß schüttet! – Geschwind Wasser her, daß sie mir frisch bleiben, und dort auf der Wiese breche ich noch viele dazu, und alle ihr kleinen Geschlechter, die ihr die Augen noch nicht dem Licht öffnet, seid zum Reigen im Hochzeitskranz gebeten. Ihr sollt an euern feinen Stielen nicken auf der Braut ihrem Köpfchen und ja sagen, wenn allenfalls die Braut zagt, denn! – es ist wahr – ich würde ja auch gar sehr zagen – wenn ein wonneträumender Trunkener vor mir stände und wollt mich fragen: Willst du mich glücklich machen? – Und: Nein! würde ich da sagen viel eher, aber nicht: Ja, und der Pfarrer würde sich wundern; und weiter würd ich sagen: Seh, wie du fertig wirst, wenn du durchaus und mit Gewalt dein Glück dir willst bequem einrichten, damit es sich bei dir niederlasse! – Euch sag ich, meine teuren Freunde, denn die seid Ihr mir jetzt, was ich nicht verdeutschen kann, was aber tief in meiner Seele liegt. Grad vor meinem Fenster steht ein Rosenstrauch mit unzähligen Rosenfamilien, heut morgen vom Tau ganz schwer, lagerten die langen schwanken Äste beinah am Boden, ich nahm einen Zweig ins Aug, auf den grad die Sonne blitzte, und dachte, das soll die Sophie sein, und wie ich hinunterkam, war's eine freudige Rosenmutter mit drei Knöspchen dicht ihr am Busen! – ich hab sie nicht abgebrochen, ich will sehen, wie sie emporkommen. Ach! ein Knöspchen ist grad wie ein Wickelkindchen! – ach auch sie verlangen, daß man die Lippe zusammenziehe und ein Schnütchen mache und sie küsse! – sie wollen tändlen, sie lächlen und wollen angelacht sein, und die Lust, wie ein Vögelchen, hüpft in ihren Zweigen! –

Ich war ja auf der Reise hierher sehr vergnügt! – auf dem Bock saß ich, und die Neugierde, was es denn alles gäb in der Welt, ließ mich die ganze Nacht nicht schlafen! – Was hab ich gesehen? – ganz stille Landstraßen mit Bäumen besetzt, die wie besessen an uns vorbeirennten! – durch Dörfer. Die kleinen Häuser sind ja auch Knospen, sie umhüllen in seinen Windeln ein Geschlecht, es könnte edel blühen; aber ihm fehlt die Luft, die reine, balsamische des Geistes. Ach wann wird der herabträuflen und von welchem Himmel? – er ist höher als der Nachthimmel voll unzähliger Sterne, der über meinem Haupte schwankte! – Die Sterne strahlen gegen Morgen viel heller und freudiger, und doch sahen sie ihrem Untergang entgegen! Alles wird schöner, wenn es sich bald verändert; und wird das wohl im Tode auch so sein? Die Wolken erröteten endlich ganz freudig – und die Sterne? – wo waren die geblieben? – Ist das Vexierspiel im Himmel ein schönes Spiel; ei dann nehm ich mir's heraus, und meint der liebe Himmel, er hat mich, eh er sich's versieht, bin ich ihm entwischt. – Und eine Philosophie schaffe ich mir gegen ihn an, die es ihm wettmache!

Ich bin krank gewesen bloß von der Gottphilosophie, die mir Günderödchen wollte eintrichtern, das regte mir die Galle auf und machte mir so fürchterlich Schwindel, dagegen ist nun nichts gut, als ein Kräutchen am Weg gebrochen! – oder am nächsten Bach oder auf der Wiese, wo alle Tag die Herde weidet; pflück ich's nicht, so frißt's der nächste Hammel ab! – und damit dreh ich dem Gott den Rücken und freß mein Futterkraut, ich kann so nicht in die närrische Art mich finden vom Gastmahl im Evangelium, wo der eine, der kein hochzeitlich Kleid anhatte, zur Tür hinauspromoviert wurde! Und doch, weil einmal ein paar gute Schelmen etwas Besseres zu tun hatten als bei Tische zu sitzen und zu schlemmen, wird der Herr des Gastmahls aufsässig und ladet die Krüppel und Bettler ein, die kommen zu Scharen herangehinkt und gehockt und getrampelt. Sie hatten die besten Seiten ihrer Lumpen nach außen gehängt, der Herr des Gastmahls war damit zufrieden. Sie räuspern sich, sie husten, sie niesen in die Suppe, wie solcher Leute Brauch; der Herr des Gastmahls läßt es sich gefallen! – Sie genießen sie, knöpfen sich den Bauch auf, sie schwemmen mit köstlichen Weinen die Bissen hinab! – der Herr hat seinen Wohlgefallen dran. Der Weinstrom begräbt unter seiner Woge den gastlichen Anstand. Der Herr des Gastmahls streicht sich den Bart und geht so ganz fidel mit diesen Fleetzen um, aus Trotz gegen die, welche sein Gastmahl nicht wollten annehmen; der eine hatte einen Acker, der andere einen neuen Backtrog, der dritte eine Frau im Handel.

In meinen Lernbüchern aus dem Kloster, wo wir alle Sonntag mußten eine Betrachtung über das Evangelium aufschreiben, was vorgelesen worden war, steht folgende Bemerkung: »Ich bin recht froh, daß die armen Schlucker sind bei dem Herrn zu Tisch gewesen, aber warum konnte er doch so böse sein gegen die, welche lieber ein anderes Geschäft taten, als bei ihm zu Gaste essen; vielleicht weil sie sahen, daß er den zur Tür hinauswarf, der ihm nicht gefiel, wollten sie nichts mehr mit ihm zu schaffen haben! ich hätte mich auch gefürchtet, bei einem so strengen Gastgeber zu essen.« –

Unsre Reisenacht bat mich ganz glücklich gemacht, obschon sie die Gegend mit ihrem Mantel zudeckte. Außer ein paar Strohhütten, die vor Weinlaub nicht aus den Augen sehen konnten, war nichts am Wege; ein plaudernder Bach, dessen Mundart ich noch nicht verstehe, war unser Begleiter im engen Tal bis ins Schlangenbad hinein, von wo auch ich Dich grüße, in der Hoffnung auf vier bis sechs himmlische Wochen! – in denen die Muse des Vielschreibens mich umtanzt. – Du hattest mir Gedichte wollen abschreiben, Deine Liebesliedchen! – Schicke sie mir, damit ich sie entziffern kann.

Bettine.

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