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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 8
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Clemens, Du hast mich mit Deinem Brief übereilt; ich wollte Dir ja noch mehr schreiben, letzt am Donnerstag gab ich den Brief so schnell auf die Post, weil ich's nicht erwarten kann, daß Du meinen Brief hast, er ist ja bloß eine Liebkosung meiner Seele, von der Du willst, daß sie durch ihre harmonische Bildung in das Gewebe der Weltereignisse sich mit als ein notwendiger Faden einwirke, und Du meinst, es ist zu schwer für mich, das zu verstehen? – Lieber Clemens, dies alles spricht ja laut genug und täglich und stündlich zu mir! – Aber! – Freilich, ein großes Aber fährt aus blauer Luft ein Blitz auf mich ein! Und ich schäme mich, meine Gedanken vor Dir auszusprechen. Wie soll ich denn anfangen? – Ja ich müßte Dir von meiner Verwundrung sprechen über alles, was ich sehe und höre in der Welt! über die Lehren, die jene Leute mir geben, die mich zu einem angenehmen und liebenswürdigen Mädchen erziehen wollen. Das kommt mir aber gar nicht angenehm, sondern sehr horribel vor, was andre Leute wohlerzogen oder gebildet nennen. Ach und Du meinst, ich könnte diesen Anstandsforderungen genugtun? – Ach Clemens, weißt Du, daß mich dies alles ganz dumm macht? – Ich verstehe entweder Deine Briefe nicht, oder alles, was Du willst, läuft stracks dem zuwider, was jene heischen! – Und ist das nicht eine sklavische Art des Seins, vor andern Menschen sich zu benehmen, und wird die Seele sich nicht an das Knechtische gewöhnen, die den Konvenienzen auf Kosten ihrer reineren Gefühle nachgibt! – Ich bin so ärgerlich, es hat mich was gekränkt. Das junge Mädchen, was uns sticken lehrt, ist eine Jüdin, sie heißt Veilchen, es ist ein recht liebkosender Name, und ich fand letzt das erste Sträußchen ihrer Namensvettern zusammen, da ging ich ganz früh zu ihr, um sie damit zu überraschen, ich fand sie auf der Treppe mit dem Besen in der Hand, sie war beschämt, ich aber gleich nahm ihr den aus der Hand und sagte, ach lassen Sie mich auch ein bißchen kehren. Da kam so früh schon, denn es war noch nicht sieben Uhr, der Hofmeister vom Eduard Bethmann vorbei, der mußte es der Tante gesagt haben, daß er mich vor der Haustür eines Juden auf offner Straße kehrend fand – ich muß jetzt lachen, denn es ist auch recht lächerlich – ich will Dir die derbsten Ausdrücke von der Tante ihrer Mercuriale ersparen, sie meinte nur, ich sei verloren, für ein besseres Dasein verloren, ich habe mich gänzlich weggeworfen! Vous navez point de pudeur, point de respect humain, on vous trouve balayer la rue main en main avec une juive! Ich mußte lachen! Nein ich konnte nicht anders. Du weißt, ich fürchte die Tante und mag sie nicht gerne beleidigen oder reizen! Cachez vous devant le monde, qu'on ne lise point sur votre front les deshonorants signes de votre effronterie. Ach ich mußte noch einmal lachen, die Tante ging hinaus! Ich hätte sie gern wieder gut gemacht, keine Möglichkeit, ich fühlte, daß ich mich nicht ernsthaft stimmen konnte. Die Bahn war plötzlich gebrochen, ich glaube, ich werde nie wieder dazu kommen, ihre Anstandsregeln zu respektieren. – Ach und wenn Du wüßtest, wie hübsch es bei dem lieben Veilchen war! – da war alles schon so sauber im Stübchen, ein kleiner Kaminherd, auf dem brannte ein Feuerchen, dabei kochte das Frühstück für den Großvater, der saß dabei und strich seinen langen weißen Bart durch die Finger, Veilchen stickt ein Goldmuster sehr schön in einen rosinfarbenen Sammet, so nennt sie ein sanftes Braunrot in ihrer Judensprache. Die Arbeit ist bestellt, und sie bekommt dann viel Geld, wenn es fertig sein wird. Sie ernährt ihren Großvater und zwei seiner Urenkel, die Waisen von dem gestorbnen Bruder, denen ist die Veilchen ganz wie eine Mutter, ich half ihr sticken, es ward recht gut, denn ich hab Augenmaß und mache die Stiche sehr egal. Alles, was mit dem Geld angefangen werden soll! – 20 Louisdor! – Da ist so viel zu bestreiten in der Haushaltung, vom Hemd bis auf die Schuhe und Schüsselchen und Töpfchen, und der Herd, der eingefallen ist, und die Ofenplatte geplatzt; das muß geflickt werden und das Wohnzimmerchen frisch geweißt, wo die Leute eintreten, um die Arbeit zu bestellen. Veilchen ist von der Gattung Mädchen, die einen Nelkentopf vor ihrem Fenster pflegen und Absenker machen und endlich einen ganzen Flor daraus ziehen, die auch wohl ein Myrtenbäumchen zur Blüte bringen, aber kein Kränzchen daraus winden. Es wär auch schade, meinte sie heut morgen und lächelte. – Wir waren so vergnügt zusammen beim Sticken, ich fädelte die Flittern und Goldbouillon auf einen langen Faden, da ging die Arbeit viel geschwinder; wenn sie solche Hülfe hätte, meinte sie, dann würden die Sorgen ihr nicht so leicht über den Kopf wachsen; ich bat sie, daß sie mich alle Frühmorgen mit soll sticken lassen, dann wird's gewiß acht Tage früher fertig. Früh um vier Uhr geht schon die Sonne auf, da kann ich sticken bis acht Uhr, dann muß ich zur Großmama zum Frühstück – jetzt wird's aber die Tante nicht erlauben, denn weil ich die Gaß gekehrt hab – und sollt ich's heimlich tun, das wirst Du mir nicht erlauben, und sollt ich's gar unterlassen? Das will ich nicht. Mein Wort brechen, einem Mädchen, was seinen Großvater ernährt und seine Geschwisterkinder? – Sie weiß nichts davon, zum Tanze zu gehen oder schön geputzt in Kleidern auf den Freier zu warten. Und ich wollte da ein kleines unschuldiges Fädchen anspinnen ins Gewebe der Welt, ein einzig klein Fädchen, und – nein, ich soll's abreißen, weil sich's nicht schickt. Ach! wo soll ich in der ereignisvollen Welt meinen Faden anknüpfen, wenn das Einfachste gegen den Anstand ist! – Wer hat diese Lügen gemacht? – Denn das sind wirkliche Lügen, nach denen ich mich niemals richten werde! Ach wenn Du hier wärst Clemens, Du würdest vielleicht es der Tante so vernünftig darstellen, daß sie nichts dagegen haben könnte. Ich hab noch viel zu erzählen, aber nicht heut, jetzt lauf ich in den Garten mit dem Spitz, es ist schon Nacht, ich fürcht mich nicht, wenn der Hund bei mir ist. –

Am 25. März. Jeden Nachmittag kommt der Herzog, der blinde Herzog von Aremberg, mit einem großen Pack Revolutionsblättern, Sieyes, Mercier, Pétion, noch andre, die mit großem Ernst am Weltgeschick weben. Das klingt ein in meine verneinende Seele gegen alles, was ich in der Welt gewahr werde, sie beweisen und heben den Schleier von aller Verkehrtheit. Abends, wenn alles fort ist, spricht die Großmama mit mir, Mirabeau sei ein Komet, der alles entzündet, was sich ihm nähert. Das Große in ihm verstehen lernen adle die Seele, sie macht Auszüge aus seinen Briefen, sie gibt mir eine Nadel, damit soll ich ins Heft stechen, welchen Satz ich treffe, den soll ich als Gedenkspruch bewahren, sie hatte diese Sätze selbst alle gesammelt und war überzeugt, ich werde mit der Nadel nicht unrecht stechen, aber ich stach in: »Die Macht der Gewohnheit ist eine Kette, die selbst das größte Genie nur mit vieler Mühe bricht«, und die Großmama stutzt, ob ich den Satz nicht gar selbst erfunden hab. Nein liebe Großmama, hier steht er, ich bin nicht Mirabeau, aber sein Geist ist mir ins Blut gegangen, er wird mich ewig mahnen, nicht von der Gewohnheit abzuhängen. Die liebe Großmama! Adieu mein Clemens, und schreib, daß Du kommst.

Deine Bettine.

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