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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 78
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Was uns nah ist, lieben wir innig im Leben, was uns näher ist, können wir nicht genug lieben! Wer liebend auf seinem Weg weitergeht bis ans Ende, der hat die Wallfahrt nach seiner Heimat recht als ein Kind mit aller Andacht vollendet und kommt auch als Kind an das End seines Lebens! – Wie weise, wie ernst müssen diese Kinder nicht sein! wie groß, wie herrlich, und doch sieht ihnen ihre Größe niemand an. Sie treten lächelnd in den Kreis, und wenn sie scheiden, treten sie lächelnd wieder ab, dies ist Sonnenschein im Leben, ihr aber seid gerührt über die lächelnde Einfalt und schauert über das geheime Geistige darin; das sind kühle Wolken, erquickender Regenschauer im Leben. – Der lächelnde Mund kömmt näher, er küßt euch die Tränen von den Wangen, dies ist Regen und Sonnenschein zugleich, eine Art Aprilwetter, das man Laune nennt und auf welches gemeinlich der herrliche Regenbogen erfolgt, der Friedensbote von Gott gesandt, der die Weltanschauung in ein freudiges Licht stellt und Milde nach dem Sturm verkündet. So geht es auch mir. Oft hängt die Träne auf der lächelnden Lippe, und der Friede sieht aus den Augen, von denen die Träne eben hinabrollte. Wenn nun aber der lächelnde Mund nicht gleich bereit ist, die Träne zu empfangen, das heißt, wenn der Regenbogen nicht gleich erscheinen will, so entsteht daraus die Trauer, die Dich ängstigt und die Du mir für diesmal vergeben mußt, weil ich Dir mit Wahrheit den Beweis geben kann von meiner Liebe zu Dir, daß mir nichts mehr weh tun wird, was Du auch unternimmst, daß ich alles um Deinetwillen lieben werde, was Du Dir aus voller, warmer Seele aneignest; ich weiß ja, daß Du meinen Anteil an Deinem Glück nicht verschmähest, mehr begehre ich nicht. Sieh, ich denke oft, ehe man eine Hand umwendet, ist es anders mit des Menschen Gedanken und Träumen und Entschlüssen. Also mag auch noch vieles geschehen, wovon jetzt unser Herz nichts ahnt und was es traurig machen würde, wenn es das jetzt schon wüßte; denn wenn wir nur bemerken wollen, wie oft kein Pulsschlag, kein Wink mehr von Dingen da sind, von denen wir uns nie zu trennen glaubten. Es ist eigentlich entsetzlich! – man darf nicht viel dran denken, denn sonst erscheint einem das Leben wie ein alter Mann, der eine kindische Neuigkeit mit wichtiger Miene uns hinterbringt, um uns etwas weiszumachen, und dem wir auf die Spur gekommen sind und nun nichts mehr glauben wollen, und wenn wir denn immerfort denken und grüblen wollen, so werden wir am Ende wie spukende Geister und spazieren ewig unter unsern alten Ruinen herum, indessen die übrigen sich schon neue Gebäude aufgeführt haben. Freilich, wenn freundliche Jäger sich gerne in solche Schlösser verlieren, sich nicht vor dem geistigen Druck der geistigen Hand fürchten, unerschrocken den glühenden Becher kredenzen, mitwandlen in stiller Mondnacht über Flur, Berg und Tal und Strom, leise durch die Flut rauschen. – O blieb es ihm immer so kühl bis ans Herz wie dem Fischer! O könnte er doch immer aus Thulens Becher trinken, trinken bis zum Hinsinken, wo er begraben liegt.

Clemens, Dein Lied hat mich erfreut – es gibt eine Zeit im Jahr, wo die Bäume so festlich rauschen, geschmückt mit ihrem Laub, als ob sie den Bräutigam erwarten, und wenn wir wissen wollen, was denn die eigentliche Macht ihrer Schönheit ist, so ist's immer ihre eigne Gestalt! So ist's mit Deinem Lied, vielleicht auch mit Deinem Charakter, mit allem, was aus Dir hervorgehen wird noch! – es ist, als ob es die Vorbereitung einer festlichen Zeit sei, und wenn wir uns näher ihm vertrauen, so ist es immer wieder es selbst! Du bist es selbst, das Glück, auf das Du Dich so festlich vorbereitest, das Glück, dem Du Dich anvertraust.

Soeben habe ich Sophiens Brief erhalten, er ist zu freundlich gegen mich. Wirklich, ich verdiene es nicht. Sie sollte mich schelten, daß ich die ganze Zeit so mürrisch gegen sie war, und nun unterwirft sie sich meinem Urteil! – was soll ich darauf sagen? – Clemens, was ist dies Verehren, was sich auf nichts reimen will in mir? – Ihr kommt mir vor wie einer, der den Heiligen Geist erwartet, und weil da grade eine Taube sich zu Euerm Fenster gewöhnt, so empfangt Ihr sie mit großer Begeistrung! Und doch, Deine Begeistrung hat mehr heiligen Geist in sich als die Taube, die nur ein paar Futterkörnchen sucht. In wenig Tagen schreib ich an Sophie; daß die Post mir auf dem Nacken sitzt, merkst Du am kurzen Atem meines Briefs. Wir gehen in wenig Tagen nach Schlangenbad; verzögre Deine Reise, bis wir zurückkommen, denn hierbleiben kann ich nicht, schon der Gedanke an andre Luft sagt mir, ich soll gehen.

Apropos von der Großmama, die schon mit Deinem Vorhaben uns benachrichtigte, noch ehe die Propheten und Vorläufer Deinen neuen Glauben verkündet hatten, die also aus dem Urborn geschöpft haben muß, nämlich aus Handbrieflein von Weimar. – Daß ich krank gewesen, ist auch wahr, ich habe Dir nichts davon gesagt, weil ich Dir erst schrieb, als ich schon wieder besser war, und Dir keinen unnützen Schrecken einjagen wollte. Ich möchte Dir gern noch viel Liebes sagen und meiner Treue Dich versichern sowie auch Sophie, aber wirklich, die Zeit will nicht warten. Adieu, ich umarme Euch tausendmal.

Bettine.

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