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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 71
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Bettine. Weimar, bei Friedrich Maier

Ich ging so hastig von Frankfurt; mein eiliges Entlaufen, mein gehemmtes Gehen und Wiederkehren, das mußte Dir, geliebtes Kind, wie das Tun eines Nachtwandlers vorkommen, und so war's auch, ich war wie ein Schlafender, der sich gern seines Traumes erledigte, wenn er nur könnte; nun hab ich bei diesem Abschied von Dir gefühlt, daß ich träume, daß ich wohl erwachen werde, wenn ich im Traumwahn von Deiner Seite weiche, daß ich dann in nichts Ersatz finden werde für die Heimat bei Dir. – Aber der Traum gibt einem andre Hoffnungen, die allergrößten vom Erdenleben! – und führt einen durch die allerunbesonnensten, feurigsten Lebensepochen; ist man erwacht, so sitzt man tief in der leeren Erdenschererei, und alle prophetischen Klänge der hohlen Baßgeige Erfahrung begrüßen einen mit dem fatalen: hab ich dir's nicht gesagt? Bis jetzt bin ich dahin noch nicht gekommen, meine Hoffnung im Steigen, meine Erwartung vom Zusammenleben mit viel bedeutenden, wunderlichen, liebenswürdigen Menschen hier aufs höchste gespannt! – Der Park steht in seinem edelsten Grün. Du hast solchen üppigen Rasen, so belaubte Kronen noch nicht gesehen wie hier, wo ein rascher kühler Fluß mit unendlicher Geschäftigkeit alles Leben nährt und in seinem Verband hält, er gibt der irdischen Lust allhier einen himmlischen Anstrich von Kraft, von Poesie, von Lebensfülle. Einbrüche, Wortbrüche und noch speziellere Brüche stürzen alle die Verhältnisse ein, die nicht unter des Wonnemonats heiligen Gerichtsbarkeit stehen. Er teilt Hirtenbriefe aus zu Schäferidyllen; Ablaßbriefe, Beichtzettel, Schmutztitel von Erbau- und Predigtbüchern, im Wonnemonat gehalten, findest Du an den heimlichen Ufern der Ilm hingestreut, alles vom Wonnemonatheiligen unterschrieben. Du findest aber auch in diesem Park die schönsten Altargeländer zum Anbeten der Heiligen! – Gerichtsschranken zum Verurteilen, Ketten und Fußblöcke zum Fesseln. Und da liegt mancher, der sich nicht kann helfen, da sind Prüfstände des tentamen und examen rigorosum des Lebens, Krieg, großer Kampf, kleine Hinrichtungen, Missetäter, die ihr Leben lang an einer Kette schleppen, Gaudiebe und Gaudiebinnen, die leicht von Hand zu Hand gehen lassen, was sie ewig zu bewahren geschworen hatten. Aber auch mitten unter diesem Gewühl findet sich der Schlüssel zu dem stilleren Garten des Eden, in dem zuerst das stille milde Erfreuen über das Sein einem anwehet – wo man zuerst es sich sagt, welch beglückend Gefühl dieses Sein ist, das die Entzückung unterbricht, um aufs neue wieder den Segnungen der Ruhe sich hinzugeben. Der Morgen geht auf; – unter dem Baumschatten auf der Haustürbank ruhig hingelagert, sich und die Welt anschauen, das deucht einem das perennierende Vergißmeinnicht des Genusses. –

Ich könnte so fortträumen, um Dir zu beweisen, daß ich träume! – Es ist ein wahrer Tauschimmer von Lebensblüten, und alle meine Empfindungen sind ein blumiges Spielgärtchen, in der die erfrischte Welt in der Morgenröte liegt! – Und die Vergangenheit? –

Ich wohnte unter vielen, vielen Leuten
Und sah sie alle tot und stille stehn,
Sie sprachen viel von hohen Lebensfreuden
Und liebten, sich im kleinsten Kreis zu drehn;
So war mein Kommen schon ein ewig Scheiden
Und jeden hab ich einmal nur gesehn,
Denn nimmer hielt mich's, flüchtiges Geschicke
Trieb wild mich fort, sehnt ich mich gleich zurücke.

Und manchem habe ich die Hand gedrücket,
Der freundlich meinem Schritt entgegensah,
Hab in mir selbst die Kränze all gepflücket,
Denn keine Blume war, kein Frühling da,
Und hab im Flug die Unschuld mit geschmücket,
War sie verlassen meinem Wege nah;
Doch ewig, ewig trieb mich's, schnell zu eilen,
Konnt niemals nicht des Werkes Freude teilen.

Rund um mich war die Landschaft wild und öde,
Kein Morgenrot, kein goldner Abendschein,
Kein kühler Wind durch dunkle Wipfel wehte,
Es grüßte mich kein Sänger in dem Hain;
Auch aus dem Tal schallt keines Hirten Flöte,
Die Welt schien mir in sich erstarrt zu sein.
Ich hörte in des Stromes wildem Brausen
Des eignen Fluges kühne Flügel sausen.

Nur in mir selbst die Tiefe zu ergründen,
Senkt ich ins Herz mit Allgewalt den Blick,
Doch nimmer konnt es eigne Ruhe finden,
Kehrt trübe in die Außenwelt zurück,
Es sah wie Traum das Leben unten schwinden,
Las in den Sternen ewiges Geschick,
Und rings um mich ganz kalte Stimmen sprachen:
»Das Herz, es will vor Wonne schier verzagen.«

Ich sah sie nicht, die großen Süßigkeiten,
Vom Überfluß der Welt und ihrer Wahl
Mußt ich hinweg mit schnellem Fittich gleiten.
Hinabgedrückt von unerkannter Qual,
Konnt nimmer ich den wahren Punkt erbeuten
Und zählte stumm der Flügelschläge Zahl,
Von ewigen, unfühlbar mächtgen Wogen
In weite, weite Ferne hingezogen.

Eben erhalte ich Briefe von Arnim mit seinen Reiseplänen schon unter Segel, er geht übers Meer; unsre guten Wünsche, mögen sie ihm guter Engel der Begleitung sein; lese selbst, die Briefe schicke hierher zurück. – Deine kleine Freundin Löwenstern wirst Du nun bald wiedersehen, sie ist gestern abgereist, ich hab sie aus meinem Fenster bei ihrer Freundin Fümelle einen zärtlichen, mädchenhaften Abschied nehmen sehen; wenn Du sie siehst, so empfiehl mich ihr als Deinen treuen Bruder, den ihre Freundschaft zu ihrer Gespielin sehr gerührt hat; das Fräulein Fümelle wohnt mir gegenüber und wird, wie ich höre, auch bald nach Offenbach gehen; ich sehe oft mit Vergnügen, wie sie ihre kleine zierliche Figur von Fenster zu Fenster trägt und keine Ruhe in den Füßchen hat, und wie ihr Herr Papa sein Barbierbecken am Fenster stehen hat, und wie das Barbierbecken den Herrn Papa abwartet, bis er seinen Bart hineinschaben läßt von dem kunstreichen Messer eines Weimarer Barbierheros! – Alles ist nämlich hier von einer Muse des Übermutes genährt, keiner geht über die Straße ohne persönliches Gefühl des Mitwirkens in die tolle Alltäglichkeit, selbst bis auf den Friseur, der einer der wichtigsten Kavaliere ist. Das ganze Windmühlenwerk der Künste ist fortwährend im Gang, die Hand des Tonkünstlers und der Fuß des Tänzers klappen ineinander, die Kunstreihe körperlich geistiger Fertigkeiten wird durch einen Aufwand geistiger Regierung aufs höchste gesteigert. Fragen, Suchen und Finden sind drei verschiedene Ichs, die überall sich beisammen finden, sie bilden wie, eine Ölschlagmühle eine Witzschlagmühle. Nun schlagen auch noch die Nachtigallen dazu. Zwischen den blühenden Büschen wandlen Deutschlands größte Geister, eingehüllt in den Nimbus ihres Namens; – es ist für einen Anekdotenjäger das beste Revier; wärst Du hier, wir würden die Zeit aufs beste genießen, und Du würdest auf dem Schmetterlingsflügel der Welt wie auf einem Teppich Dich tummeln, denn so möchte ich Weimar nennen statt deutsches Athen, mit welchem absurden Namen es sich prahlt. –

Ich bleibe auf jeden Fall einige Zeit hier, wo Du mich gern wissen sollst, denn ich bin sehr gern und glücklich hier und streife meinen Mißmut ab wie eine alte Schlangenhaut. Das einzige ist, das Salbadern mit Herders Tod langweilt mich; aber auch hierüber ist ein Scherz nicht unwillkommen:

Herder ist von uns gegangen,
Goethe sieht ihm traurig nach;
Wieland trocknet seine Wangen
Und Amaliens Herze brach. –

Diese empfindsam Gesellschaft hab ich, wie sie im Vers beschrieben ist, mit schwarzer Kohle an die weiße Gartenwand vor Goethes Garten, der in den Park führt, abgemalt; alles ist hingegangen, es zu betrachten. Der abgehende Herder und der weinende Wieland sind unwiderstehlich gelungen! –

Lebe wohl! schreibe mir, schreibe doch der Mereau ein paar Worte und liebe sie, wie ich es um Dich verdiene, daß Du die liebst, die mich versteht. – Von allem diesen haben wir unter uns gesprochen, und Du wirst mit andern nicht davon reden.

Du kannst mir einen Gefallen tun, wenn Du mir sechs kleine Chemisettchen gestickt und mit Kragen von feiner Leinwand machen läßt; ich wünsche sie aber sehr bald, deswegen laß sie recht artig, aber nicht zeitspielig machen. Ich konnte diesen kleinen Toilettenbetrug sonst nicht leiden, aber ich will hier ein bißchen unter die Leute gehen und weiß ja noch nicht, ob sie verdienen, mich in meinem wahren Hemde zu sehen; die Dinger müssen nur ein Herzfleckchen und bißchen Hals sein. Herz und Hals wage ich nur in der Liebe.

Dein Clemens.
bei Friedrich Maier.

Ich habe nicht Zeit, das Lied an Marianne abzuschreiben, schreibe Du es ab. –

Es stehet im Abendglanze
Ein hochgeweihtes Haus,
Da sehen mit schimmernden Augen
Viel Knaben und Jungfraun heraus.

Sie wechslen mit Weinen und Lachen,
Sie wechslen mit Dunkel und Hell,
Mit schimmernden Augen und Wangen
Sie wechslen ihr Röcklein gar schnell! –

Dort hab ich mein Liebchen gesehen,
Ein freundliches zierliches Kind;
Sie konnte wohl schweben und drehen
Wie fallende Blüten im Wind.

Und die in dem Hause dort wohnen,
Sind heilig und wissen es nicht,
Sie spielen mit Kränzen und Kronen
Alltäglich ein neues Gedicht.

Sie sind gleich den Göttern und handlen
Alltäglich in andrer Gestalt
Mein Liebchen wird auch sich verwandlen,
Das tut meinem Herzen Gewalt.

O Liebchen, wo bist du geblieben?
Ich steh vor dem schimmernden Haus
Und will dich bescheiden nur lieben,
O Liebchen, o sehe heraus!

Ich will dein pflegen und warten
Im Herzen so treu, als ich kann,
Da seh ich sie sitzen im Garten,
Wohl bei einem reichen Mann.

So kauf ich mir Harke und Spaten,
Bind mir ein grün Schürzelein vor.
Ich stell mich, als wär ich der Gärtner,
Und klopf bei dem Reichen ans Tor.

Tu auf, o Reicher, den Garten,
Ich will dir so gern ohne Sold
Die Blumen all pflegen und warten,
Sie sind ja mein Silber und Gold.

So sei mir, o Gärtner, willkommen,
Zieh höher die Rosenwand mir.
Verflecht sie zu Netzen und Schlingen,
Ich habe ein Vögelchen hier.

Zieh höher und dicht mir die Laube,
Zieh mir ein gitternes Haus,
Daß keiner das Vögelchen raube,
Daß es nicht fliege heraus.

Da klinget so herzlich und süße
Im Garten ein inniges Lied,
Die Bäume, sie senden ihr Grüße,
Die Blume lauschend ihr blüht.

Da seh ich mein Liebchen so weinen,
Sie sieht zu mir heimlich herauf.
Die Sonne will nicht mehr scheinen,
Die Blumen, sie gehen nicht auf.

So hast du dann es verlassen
Das schimmernde Götterhaus,
Deiner Locken Gold wird blassen,
Deiner Augen Licht gehet aus.

O Liebchen, o sei nicht so munter,
Du hast vergeudet dein Los;
Dein Sternlein, es gehet ja unter
Tief in des Meeres Schoß.

Ans Meer will ich und stehen
Still in dem Abendschein,
Da muß in den Wellen ich sehen
Versinken dein Sternelein.

Im Niedersehen da rollen
Die Tränen still hinab,
Die sich vereinen wollen
Mit deines Sternes Grab.

Dies Lied hab ich ersonnen
Wohl vor jenem Zauberhaus,
Das glänzt in der Abendsonne,
Wo du nicht mehr siehst heraus.

Als Jugend um Liebe brennte
In irrem Liebeswahn,
Da wolltest du ihn nicht erkennen,
Die hell mich blickte an.

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