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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 70
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Hier ein Brief von Md. Mereau, der an mich adressiert war; Du hast sie vielleicht jetzt schon gesehen und mit ihr gesprochen, sage mir, ob sie noch schön ist, oder vielmehr, ob Du sie noch liebhast. Ich war auf der Gerbermühle und hab der Marianne von Deinem Lied erzählt, nun mußt Du ihr es auch schicken, sie ist sehr begierig darauf wie natürlich, ich soll Dich grüßen von ihr. Ich hab gefragt, warum sie so wenig mit uns war während Deinem Hiersein; ach sie wußt es nicht warum! – Und ich weiß auch nicht, warum ich hier sitze und der Zukunft den Rücken drehe und in den Spiegel einer weit zurückgezogenen Zeit schaue und auf einen kleinen Fleck nur schaue. Das ist der Beginn unseres Briefwechsels! – Weil Du jetzt fort bist, so hab ich mich gar nicht mehr besinnen können, wie ich Dir sonst schrieb, der Mereaubrief will doch zu Dir, ich muß ihn schicken und schreiben! – Da suche ich nun in Deinen früheren Briefen, wie es sonst mit uns war, so ganz gedächtnislos bin ich und finde ein Lauffeuer verbundenen Gefühle und Gedanken, ein Morgenrot, ein Morgenlicht, ein Aufblühen, ein Mittagsglühen, ein unermüdliches idealisches Tragen und Heben, ein Lehren, in Liebe verwandelt, und endlich eine schöne reine Lebenskühle! – Ich bin ermattet, sie tut mir wohl, diese Frische! – meine Sinne wollen schlafen ein wenig, es war ein zu heißer Frühling. Knospe an Knospe blühen alle – Du gehst voran; ungeduldig, da machst Du die Tür auf vom nächsten Revier, wo die Blüten freudig herumtanzen, und wie es da weitergeht mit Befruchten und Reifen, das ergreift Dich. Das Leben will keine Zeit verlieren! Ich aber bleib noch hier, das schmale grüne Fleckchen des Unvergeßlichen! – erster Geschwisterliebe, erster Erscheinung des Lebens, der ich mich verbunden habe; das braucht ja keiner Rosenglut, keiner glühenden Früchte, das Hoffnungsgrün ist so rein, so einladend immer, auch im Nebel lebendig durchschimmernd. – Das ist mein Plätzchen. –

Es ist jetzt sehr still bei mir, weil Du nun fort bist, ich werd mich aber bald wieder dran gewöhnen. – Du wirst doch wohl nicht mit Deinem Freund Wrangel nach Rußland gehen! – ich rate herum! – sonst hast Du mir alles gesagt, diesmal gingst Du mit einem Geheimnis auf dem Herzen! – Ich seh Dich in Gedanken übers Meer forteilen; das gebührt Dir ja auch. – Ich ging' in andre Weltteile und machte da jede Hütte auf an Deiner Stelle. – Wie ist das dumm, daß man wie ein eingesperrter Vogel von einem Stängelchen zum andern hüpft, von Marburg nach Frankfurt, wieder nach Marburg, zur Abwechslung nach Jena oder Weimar! – für was lernt man Geographie und kann die Welt auswendig auf den Tisch malen! – und bleibt hinterm Tisch sitzen, kommt nie in sie hinein. O welche schwere Verdammnis, die angeschaffnen Flügel nicht bewegen zu können; Häuser bauen sie, wo kein Gastfreund Platz drin hat! – O Sklavenzeit, in der ich geboren bin! – Werden die Nachkommen nicht einst mitleidig mich belächlen, daß ich mir's mußte gefallen lassen, wenn wir vielleicht als Geister einstens sklavische Natur uns vorwerfen! – Wie! Ihr habt den Geist eingesperrt und einen Knebel ihm in den Mund gesteckt, und den großen Eigenschaften der Seele habt ihr die Hände auf den Rücken gebunden? – Ach Clemens, gehe Du doch nur immer aufs Meer, wo jede Welle in die andere fließt! wo nichts noch feste Gestalt hat, wie gewonnen, so zerronnen! besser, daß alles zerfließe, als daß Gestalt gewinne, was nicht ganz Großmut und Freiheit wäre! – Das sind so nachwehende Töne aus meinen Unterhaltungen mit der Günderode, die auf drei Wochen nach Hanau ist.

Gestern waren wir bei Bethmann zu einer Lektüre vom Hamlet, die Szene zwischen ihm und Ophelia unterbrach die Vorlesung, jeder hatte sie allein für sich gelesen, aber laut sie zu lesen, das wollte keiner. – »Ich will's vorlesen«, rief ich und glaubte, nur die Schwierigkeit dieser Szene, Charakter und Doppelklang der Ironie wiederzugeben, verhindere das Weiterlesen. »Wie, Sie wollen's lesen«, schrieen alle; ich war schon aus meiner Ecke hervor am Tisch und las mit lauter Stimme die ganze Szene trefflich, ja trefflich, denn die ganze Zeit hatte ich eine Umwälzung aller Sinne erlitten, und nun kam die Rache, und die Lenznacht meiner Empfindungen stieg aus meiner Brust empor wie eine Feuersäule, und ich las fort stehend und freute mich am Widerhall meiner Stimme, und – siehe da, alle waren fort in die andren Zimmer, ich war allein gelassen worden. – Was sie dachten, weiß ich nicht. Auf mich hatte es eine glückliche Wirkung; zum erstenmal wieder eine Nacht, wie die in Offenbach sonst waren, wo der Schlaf so leicht mich deckte, als sei es ein Erwachen in eine höhere Sphäre. – Es weissagt etwas in mir, daß eine Kraft in dieser Welt sei, die mit Leidenschaft mich liebt.

Bettine.

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