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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 64
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Liebe Bettine,

Euer Fest auf Claudinens Geburtstag liegt mir so am Herzen, daß ich wünschte, Ihr möchtet etwas recht Schönes und Edles vorstellen, das Euch Ehre machte; Du weißt, wie oft auch das Ölgetränkte, wenn es noch so gut angelegt war, verunglückt. – Ich habe daher nachgedacht und etwas ziemlich Artiges erfunden, was sich auch gut ausführen läßt und bis auf ein Härchen paßt. Das Ganze ist ein kleines Drama in einer Szene, das ich Euch schreiben will und das Ihr, wenn Ihr mir augenblicklich schreibt, ob Ihr meinen Vorschlag folgen wollt, schon den nächsten Mittwoch haben sollt. Ich will es Euch hier näher beschreiben: Einige Mädchen haben eine Freundin, die sie sehr lieben und deren Geburtstag sie feiern wollen; sie wissen aber nicht wie, denn ihre Freundin ist so vortrefflich, daß sie nicht wissen, wie sie ihr recht Ehre erweisen sollen. Da sie über ihre Anschläge sinnend in den Wald gehen, finden sie eine Matrone, der sie ihr Anliegen vorbringen; diese ist eine Zauberin und verspricht, den Jungfrauen zu helfen. Sie sagt: Ich will eurer Freundin die Taten des edlen Weibes zeigen, das an ihrer Wiege stand, sie unsichtbar wiegte, ihre Träume bildete und ihr, ohne daß sie es weiß, Vorbild und Schutzengel geworden ist, nehmt die Blumen, die hier liegen, und windet Kränze; da müßt Ihr Euch dann zusammensetzen und Kränze machen und während der Arbeit ein zweckmäßig sanftes Terzett oder Duett singen, wozu ich Euch, wenn Ihr mir irgendein Muster angebt, aus einer Oper einige Verse machen will, auch kann es Lied mit Chor- oder Wechselgesang sein, wie Ihr mir die Anzahl der Jungfrauen oder das Lied bestimmt. Wenn dann Eure Kränze fertig sind, so spricht die Zauberin: Geht und holt ehre Freundin und bekränzt sie; dann geht Ihr auf Clodine zu, die unter den Zuschauern sitzt, hängt ihr die Kränze von weißen Rosen und Lilien um und führt sie zu der Zauberin; diese nun hebt den Vorhang von ihrem Zauberspiegel, indem die folgende Geschichte transparent gemalt und illuminiert erscheint.

»Claudia war eine römische Vestalin; ihr Vater ein Feldherr. Nach einem Sieg wollte er einen Triumphzug in Rom feiern, aber ein Tribun, der sein Feind war, verbot es ihm; Claudius triumphierte dennoch. Der Tribun, erzürnt über seine Kühnheit, näherte sich ihm von hinten und wollte ihn plötzlich vom Wagen reißen; Claudia bemerkte es und vergißt aus Liebe zu ihrem Vater die Ruhe und Majestät ihres geheiligten Standes; sie springt dem Tribun vor, wirft sich in des Vaters Wagen, umfaßt ihres Vaters Knie und weist den Tribun zurück. Dieser muß nun von seinem Vorhaben abstehn, denn was eine Vestalin berührt, ist heilig, und sie ist dem Tribun an Macht gleich.« Ich habe Euch die Szene mit der Feder skizziert hier beigelegt, wie sie am wenigsten Mühe zu malen kostet. Man sieht von hinten in den Wagen, der Triumphierende merkt es noch nicht, alles ist der Moment. Die Vestalin muß ganz verschleiert sein, in weiße Gewänder gehüllt; auf dem Rande des Wagens steht eine Viktoria, wie gewöhnlich bei dem Triumph, in der Ferne werden Trophäen getragen; das Ganze ist in den kleinsten Raum gedrängt. – Wie schön paßt das auf Klodine, ihre treue Liebe zu ihrem Vater, ihre Zucht, ihr Name Klaudia. Das wäre eine Szene. Eine andre aus dem Leben dieser Vestalin ist folgende: Die Römer wollten das Bild der Göttin Cybele nach Rom auf einem Schiffe über die Tiber fahren, aber das Schiff ging nicht von der Stelle; da trat die Vestalin in einen Kahn, betete die Göttin an, band dann ihren Gürtel an das Schiff der Göttin und zog das Schiff ohne Mühe herüber als einen Beweis ihrer Tugend. Das wäre ein zweites transparentes Bild; dann könnt Ihr um sie herum tanzen und sie küssen und drücken etc. Ihr müßt mir aber bestimmt die Arien schreiben und die Anzahl der Mädchen, damit ich die Verse schreiben kann, Ihr müßt mir dazu die Worte der Arie schreiben und wie sie einfallen, damit ich meine ebenso einrichten kann. Ich meine Lotte die Zauberin, Kundel, Du, die Mädchen, oder auch die Jung dabei, wenn Ihr wollt, wegen dem Tanz oder wie es Euch lieb ist. Da hättet Ihr Euer ganzes Fest einfach, neu und schön; spreche doch mit dem Georg gleich darüber, und wenn Ihr dann wollt, so habt Ihr am Mittwoch alles; ich eile mich und bleibe ein paar Nächte auf. Die Bilder könnt Ihr ja nach der Skizze besser gezeichnet gleich von einem Maler zurechtpinseln lassen, sie müssen in der Form eines großen Spiegels gemacht werden.

In diesem Augenblick erhalte ich den äußerst geistvollen Plan zu Eurem Schattenspiel, ich will alles so gut machen, als ich kann, aber ich erschrecke fast vor dem Plan, wenn ich nur Leichtigkeit genug besitze; das Ende sei mir überlassen, sagt Ihr. So haben wir denn wirklich wie Brüder in der Ferne gearbeitet. Der Klausner steigt mit Winkelmann ein und fährt zu Brentano. Nun fällt der Vorhang Eures Schattenspiels, und nun laßt meine Szene angehn, die geht gleichsam bei Brentano vor, und das Edle, Rührende in ihr hebt das Komische wieder auf, so daß das Fest ganz den Eindruck einer freudigen Anmut bekommt. Euer Schattenspiel ist dann ein himmlisches Vorspiel; was ich entworfen, ist überhaupt äußerst leicht auszuführen, und wie glücklich wird Klodine durch die Berührung ihrer kindlichen Zärtlichkeit sein. – Schreibt mir doch gleich den Samstag, ob Euch mein angehängter Plan gefällt. In Tonis Stube unter der Treppe kann die Höhle der Zauberin sein, Ihr dürft nur um die Ecke herum eine spanische Wand stellen, so habt Ihr ein Theater, und in der Höhle ist ja noch dazu ein Eingang auf den Gang; schöner könnte es nicht sein. Das Schattenspiel macht Ihr an der Saaltüre und seid in Tonis Stube. Während es hinweggenommen wird, kleiden sich die Schauspielerinnen an, die Gesellschaft tritt in Tonis Stube und ist nun gleichsam mit dem Postwagen in der Sandgasse angekommen, und da geht das Weitere vor. Den Gesang, den Tanz könnt Ihr ja weglassen, wenn es Euch zuviel wird. Aber mein Bild der Vestalin, meine kleine Szene mit der Zauberin, sie freut mich gar sehr, und ich weiß, es wird sehr herrlich auf das Komische wirken. Schreibt gleich umgehend, was Ihr wollt, an dem Schattenspiel fange ich heute schon an. Die Idee mit dem Postwagen und Winkelmann ist göttlich. Danke der Toni herzlich.

Clemens.

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