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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 60
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Die Weck- und Schreckposaune! ist aber nichtsdestoweniger das Kämpfende. Achtes Kapitel sechster Vers: Jakob hatte lange mit dem ihm unbekannten Manne gerungen; alle seine Kräfte angewandt und noch nicht genug, ob ihm gleich das Gelenk seiner Hüfte verrenkt war; daher sagte jener: »Laß mich gehen, denn die Röte des Morgens bricht an.« Aber Jakob antwortete: »Ich laß dich nicht; es sei denn, Du segnest mich.«

Er will den Segen, der den Segen in Armen hat! – Er hält den, der ihn und alles hält.

Dein Brief ist so voll sorgender Liebe zu mir und doch so ohne Zutrauen, daß ich eigentlich nicht weiß, ob ich mich freuen soll oder nicht. Wie kannst Du glauben, daß ich witzig und kokett werde, um Deine Liebe zu verspielen; ich werde alles tun, um sie unberührt zu behalten; ich will einfach bleiben und gut. – Ich will auch auf den vergangenen Streit nicht zurückkommen und nichts entscheiden über Recht oder Unrecht. Nur allgemeine Bemerkungen lasse mich hier oben ansetzen; nämlich:

Erstens: Empfindung ist grade gelogen und Tatsache wahr.

Zweitens: Wer klagt, ist nicht unschuldig!

Drittens: Einen Ball, wo die Leute mich ansehen wie die Kuh das neue Scheuertor, ist mir gar nicht wichtig von ihm zu erzählen.

Viertens: Man kann mich loben, aber auch lügen.

Fünftens: Die unendliche Lebhaftigkeit, aus der ich oft plötzlich aus einer traurigen Stummheit übergehe und die Dir oft unangenehm aufgefallen ist, hat sich auf jenem Ball nicht ergossen! –

Soll ich Dir sagen, wie es mir ergangen ist an jenem Abend? – Als wir eintraten in den Saal, da stand ein ganzer Trupp langer, dünner, kurzer, dicker, breiter, alle schwarz gekleideter Tanzherrn in der Mitte, die so viel Raum zum Tanz ließen zwischen sich und den Wänden, an denen die jungen Mädchen zwischen Mamas aufgereiht waren wie allerlei Marktfrüchte, worunter Schoten, Rüben und Zwiebeln nicht die wenigsten waren, hier und da ein angenehmer Blumenkohl, nur selten ein Borsdorfer Apfel, worunter ich zu zählen; jetzt holten die Herrn diese Rübchen, Zwiebelchen und Schoten-Bukettchen zum Tanz. Alle hatten Uhrketten mit allerlei Berlocken, manche zwei aus der Tasche hängen; diese Berlocken machten ein Glockenspiel wie eine Herde. Ich saß da dicht am Musikantenbalkon und vertrieb mir die Zeit, mit beiden Händen meine Ohren zuzuhalten, um nichts von der Musik zu hören; dabei sah ich mir die Menschen an, die da herumhüpften, und hatte die Empfindung, als ob sie alle toll seien, und endlich mußte ich lachen, ich ließ die Hände los, da brauste mir der Walzer seinen vollen Strom ins Gehör! – Dann machte ich ein zweites Experiment; ich klappte die Ohren auf und dann wieder zu, so kam ich stückweis zu einer ganz aparten Musik, die ich mir aneinanderflickte wie eine Harlekinjacke! – So vertrieb ich mir die Zeit. Endlich kam Grunelius, der Lange, und tanzte einen Walzer mit mir, ich aber nicht mit ihm, denn er hielt mich schwebend, und ich kam nicht dazu, eine Fußspitze auf die Erde zu setzen. Zu diesem Kunststück, mit mir wie mit einer Porzellanurne herumzutanzen, brauchte er alle Kneifgewalt seiner langen Finger, die er wie Krallen in mich einschlug; denn wär ich heruntergefallen, so konnte ich den Hals brechen; da hätte man ihm vielleicht Vorwürfe machen können. Wer war froher als ich, da ich wieder an meinem Platz war; nun schob ich mich ganz unter den Balkon, hinter einen Haufen Schals und Flöre; ich lehnte mich in ein Eckchen und hatte ein heimatliches Gefühl, noch ein Weilchen konnte ich mit Mühe mich wach erhalten, aber wie es kam, daß ich dem Drang zu schlafen nachgab, weiß ich nicht zu sagen, genug, der Kampf war kurz, der Schlaf siegte, aber als edler Feind, denn nie hab ich süßer geschlafen; die Musik war wie Goldfrüchte, die ein duftender Wind von den Zweigen löste, da oben auf dem Berg, und mir alle in den Schoß rollte; alle die Lichter waren Sterne am Himmel. Auf einmal erwache ich zu meinem Erstaunen, da zu sein, wo ich bin; statt dem Berg, mit Orangenbäume besetzt, lauter närrische Gesichter, die im Schweiß ihres Angesichts Baßgeige und Fiedel streichen oder mit aufgeblasenen Backen Trompeten! – statt dem klaren Nachthimmel mit Sternen Staubwolken, die sich mit der Erleuchtung um den ersten Platz streiten. – Eine Pause tritt ein, toute la masse des mâchoires en mouvement, mehrere Erfrischungen zu verkauen. Es machte diese Bewegung, die immer zwischen den Kinnladen und den Schläfen korrespondierte, einen so fatalen Eindruck auf mich, daß mir schwindelte, und ich fühlte, daß ich eine Art mal au coeur bekam! – Ach Clemens, kann man so physisch unglücklich werden, wie ich in diesem Augenblick war? – Ach hätte ich doch in jenem Augenblick in Offenbach in unserm Hof können meinen Kopf unter die Pumpe halten, wo ich mir schon manchmal ähnliches Weh vertrieb, wenn mich ein Ekel überkam über irgend etwas, das mir unerträglich war. – Ach Gott! – Ach lieber Gott, Du hast so viele geflügelte Boten, schick mir doch einen, der mich hier wegträgt auf mein Kopfkissen in die Sandgasse. – Das war mein inneres Stoßgebet, ich wagte nicht den Kopf umzudrehen und nach dem Engel umzuschauen aus Furcht vor dem Schwindel. – Da steht plötzlich der Franz Chameau vor mir, ob ich den Kehraus wolle tanzen? – Da ich als vierjähriges Kind oft mit ihm gespielt hatte, wo wir uns oft einander den Wall heruntergestoßen hatten, so machte ich diesmal keine Kompliment mit ihm und sagte: Ach, gehen Sie Esel und machen Sie mir nicht schwindlich mit Ihren Uhrketten. Diese Worte können höchstens das gewesen sein, was ich in den Tag hinein geredet soll haben; mehr ist mir nicht bewußt den ganzen Ball hindurch gesprochen zu haben, den ich noch verwünsche! – Ich muß fort, ich muß wieder nach Offenbach, in die dunkle reine Nachtluft dort meine Seufzer verhauchen. Die weißen Wände meines Stübchens mit den gelben Streifen, die Diele von Holz, der grau angestrichene Tisch und Schrank! – ach ich sehne mich dahin! – ach ich kann die Teppiche nicht leiden! die rotseidenen Vorhänge rauschen mich noch ganz krank – und ich kann jetzt nicht fortschreiben, weil ich ganz übel bin, bloß von der Erinnerung. –
 

Lieber Clemens, seit zwei Tagen liegt der angefangene Brief da, und ich mochte nicht wieder drangehen aus Furcht vor dem Schwindel, – lasse uns über die anderen Punkte jenes Briefes schweigen, aus Furcht vor diesem Schwindel! Ich weiß Dir ja auch was Besseres zu sagen, jetzt kommt der Frühling bald, denn in Erwartung des März hab ich keinen Respekt mehr vor dem Winter, und meine Sehnsucht, die grüne Saat bald herauskommen zu sehen, stellt ihn mir auch näher; ach ja, gewiß, der Frühling ist ein Knabe aus weiter Ferne, in so reiner klarer Luft kommt er herangezogen, daß man ihn schon von sehr weit her sehen kann. Heute habe ich einen Brief von Dir wieder gelesen, den Du mir im letzten Frühling schriebst, er ist so schön; wenn ich die Zeit mir ihm so entgegeneilend denke, wie die Felder und Wiesen dann auch bei Euch grün werden, und dann fangen die Obstbäume an zu blühen, und der Himmel wird ganz blau! Vielleicht schreibst Du mir dann auch einen blühenden Brief wieder, wenn die Sonne auf Deinen Schreibtisch scheint. Ich habe dann zwar noch eine Beschäftigung mehr, denn die Altan wird ganz mit Bohnen und Hopfen bepflanzt. – Das wird ein grünendes Zelt, das ganze Haus wird lustiger aussehen. Die Stangen hab ich mit dem Dominikus schon geordnet; – Kasten haben wir mit guter Erde gefüllt, da sollen die Sonnenblumen zu einer erstaunlichen Höhe drin wachsen; auf die Mauer kommen erstens ein Aurikelflor, zweitens Ranunkeln – meine liebsten Blumen! – wenn diese sind abgeblüht, dann kommen die Grasblumen! Nein, diese sind mir die liebsten! – In die Mitte mache ich einen Sitz, auf beiden Seiten kommen meine zwei große weiße Rosensträuche hin, die der Gärtner in Offenbach mir überwintert, und den Granatbaum und den Feigenbaum, unter dessen Schatten man ganz gedeckt ist! – Adieu lieber Clemens! ich bin und bleibe, wie ich war, Du tätest mir das größte Unrecht, wenn Du nur vermuten könntest, daß ich anders werde. – Ach ich kann ja meine Seele nicht abwerfen wie ein schlechtes Gewand! –

Bettine.

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