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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 6
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Clemente! Zu Ostern willst Du kommen? Heute haben wir den 22. März! – Nein, es sind beinah noch vier Wochen. Aber es wird dann schon sehr schön im Garten sein. Ich habe unsre Rasenbank erhöht, das muß früh geschehen, das kurze Gras muß recht dicht wachsen. Unsre Katze hat Junge, sie sind so allerliebst, Clemens, der Frühling ist nicht mehr zu leugnen, die Reben weinen. Es ist ja auch in wenig Zeit schon Mai, aber doch in vier Wochen erst, denn dann ist gewiß das schönste Wetter.

Ich soll von meinem Tagewerk Dir schreiben und was wir Geschwister zusammen treiben. Heut war ich den ganzen Tag im Garten, ich hab ja am Tag, wo Du fort bist, am Abend noch ein Beet umgegraben und hab Salat hineingesäet, er ist schon heraus, ich mußte eine Strohdecke drauflegen gegen unzeitigen Frost. Ich will mir doch nichts mehr von den Menschen weismachen lassen! Und statt am Abend mir Vorwürfe zu machen, daß ich alles besser wissen will, bin ich am frühsten Morgen schon auf, wo die ganze Welt noch schläft, und beobachte sie; erst kommen die Tauben, sie baden sich und trinken am Brunnen zwischen den Steinen das Wasser, ich hab sie gelockt auf der Haustreppe mit gestohlenem Futter! Morgenstund hat Gold im Mund, darum soll ich früh aufstehen, meinst Du. – Es war noch ganz nebelig und verschlafen, doch bald fiel das Gold der Morgenstunde schräg in die Straße, in den Hausgiebeln gingen die Fenster auf, da wohnen die jungen Mädchen, die wollen auch Morgenluft schlucken; ich ging um die Ecke am Kanal längs den Gärten, da sind so viel Veilchen, man steckt sie in den Busen, sie duften Dir ein Weilchen, es ist ihre Sprache. Als ich vom frühen Spaziergang heimging, sah ich den Bäckerjungen laufen, er schellte am Haus, wo die Emigranten wohnen, der Duc de Choiseul guckte aus dem Fenster und kaufte Milchbrot, ich wollte ihn nicht beschämen und kehrte wieder um; als ich zum zweitenmal zurückkam, trat die Milchfrau ans Fenster, die ihm die Milch abmaß. Da kamen noch viele Milchtöpfchen zu allen Fenstern heraus; einer, der sich von Spitzbuben umringt sieht, kann sich nicht ängstlicher durchschleichen als ich zwischen dem Milchhandel dieser vornehmen Emigranten; ehemals waren sie von einer großen Valetaille umringt, die sich wieder bedienen ließ von allerlei Gesindel, und nun sind sie eingerichtet in eigner Person, wie kompendiöse englische Reisenecessaire, wo man alles beisammen hat, selbst das Überflüssige. Ist's möglich, daß man ein Heer von Müßiggängern beschäftige mit Angelegenheiten, die nur der Müßiggang notwendig macht. Sie malen, sie schleifen in Glas, sie sticken Blumen auf Bandschleifen, sie drechslen, sie überschwemmen das Land mit närrischen Künsten, und die Großmama wundert sich, daß unter allen keine Gelehrten sich finden.

Deine Bettine.

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