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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 58
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Clemens.

Sehr viel Ärger wird Dir alles machen, was ich eben im Begriff bin Dir zu schreiben. Ich spür schon, daß ich sehr alles das sein werde, was Du im Ganzen ein ungezognes oder ungebärdiges Ding nennen kannst, wenn Du willst; – erstens, da der zweite mir gesendete Brief, den Du wunderschön edel nennst, nichts als Lüge über mich und von mir ist, so behalte nur Deinen ersten ganz und gar für Dich – denn es ist mir gar nichts daran gelegen, dergleichen durchzustudieren! – Und ich wollte doch lieber etwas anders tun, als dergleichen Geschwätz nur zu berücksichtigen an Deiner Stelle, ob dies oder jenes ist oder war. Ich sage Dir feierlichst, warte, bis ich irgendeine Explosion gemacht habe; dann schreie: hätte ich mir das gedacht! – obschon auch dies nach geschehener Tat nichts helfen kann! – aber dann hat doch Dein Nachseufzer einen Grundton, und kann daher schon eine Melodie aus sich entwickeln. – Du hast mich nach Frankfurt promoviert – jetzt, wo ich da bin, läufst du wie eine Glucke am Ufer, wo das Entchen schwimmt, und glucksest Dich ganz müde vor Angst. Aber ich schwimme gar auf keinem gefährlichen Element, es ist lauter Einbildung von Dir!

Deine Illusionen hüpfen wie die Heuschrecken in Deinem Brief herum; ich weiß nicht, welche ich zuerst erwischen soll. – Die allerledernste Heuschrecke ist mir die, wo Du mich mit Gewalt willst auf den großen Unterschied hinweisen zwischen einem vortrefflichen Weib und einem braven Manne. Mögen sich diese zwei beiden zusammenfinden auf irgendeinem glücklichen Stern, nur das einzige bitte ich mir aus, daß Du es mir nicht zu wissen tust; und ein für allemal will ich von diesem Heiligtum gänzlich ausgeschlossen sein! – Und zweitens – Deine Warnung vor aller männlichen Gesellschaft! Die Günderode sagt zu mir, sie kenne keine männliche Gesellschaft außer die meine. Ich, lieber Clemens, kenne auch keinen männlichen Umgang als den mit den Hopfenstecken, die mir die Milchfrau besorgt hat für den kommenden Frühling, sie sind die derbsten unter meinen Bekannten, auch gehe ich zwar mit ihnen um, aber nicht zart; ich schneidle dran zurecht kleine Rinnen, an denen die Bindfäden hin und her sich flechten. – Manchmal hab ich die ganze Stube voll Hobelspäne und Schwielen in der Hand. Die »nicè ingrata«, obschon sie Dein Universitätsfreund ist und, nachdem Du ihr den Doktorschmaus bezahlt hattest, mit Deinen besten Kleidern durchging, hat zwar einen Bart und möchte vielleicht auch für einen Mann gehalten sein; aber sie sieht in den Spiegel und singt »nicè bella«, und wer zweifelt, daß sie eine »Nicè« ist. Gerne fliehe ich sie, soweit der Schall ihrer Stimme trägt. Clemens, vor Ärger kann ich das Schöne in Deinen Briefen nicht würdigen, ich will im ursprünglichen Geist mit Dir eins sein, aber mich faßt eine Ungeduld, Deine Belehrungen zu überspringen; – es ist ein wahrer Schiffbruch mit der Moral, sie ist wie ein Uhrwerk, an dem die Kette gesprengt ist, sie rasselt sich aus, und auf einmal steht die Uhr still, und so tot sind mir diese Werke der Belehrung! Ich laufe zur Günderode, sie liest mit mir Deinen Brief; wir sind beide drüber hinaus, wir zanken einander, wir lachen einander aus, wir kommen auf keinen grünen Zweig! – Gestern gingen wir bei schönem Frost um die Tore, Günderödchen und ich – es war schon dämmerig und die Allee ganz leer; ich war aufs Glacis gesprungen und wollte das Kunststück machen, von einem Tor zum andern zu kommen, ohne herabzufallen, da trat der Mond hervor, und ein leiser Wind machte ihm durch die Wolken Bahn, da sprang ich wieder herab und zog es vor, mit der Günderode einen sanften philosophischen Schritt zu halten.

Adieu! – Noch einmal! Dein mitgeteilter Brief ist voll Unkraut der Lüge.

Bettine.

St. Clair ist hier – erste männliche Unterhaltung in der Ecke des Fensters –, ich könne eine Jeanne d'Arc sein, in mir läge Stoff zur Heldennatur, die Auriflamme zu ergreifen, für die Erhaltung der Freiheit und Menschheitsrechte. Diese Unterhaltung hat mir geschmeichelt – ich liebe Kriegestaten! – Kühn! Entschieden! – das sind Eigenschaften, die ich in meiner Seele ausbilden möchte – aber der Sklavenmarkt der Gesellschaft ist dazu nicht. – Wohin fliehen! – überall triffst Du auf einen Boden, der der Saat der Drachenzähne nicht günstig ist.

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