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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 57
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Bettine.

Ich habe einmal eine Geschichte gelesen von zwei Liebenden, die mutterselig allein in einem Walde saßen, aus dem sie nicht mehr herauskonnten. Diese Leute wandten alle Mittel auf, um der Langenweile zu entgehen, sie setzten sich einander gegenüber auf Bäume und pfiffen und schimpften und machten sich Vorwürfe, hatten Ängste etc.; sollten in unsern letzten Briefen sich nicht einige Ähnlichkeiten mit diesen Verliebten finden lassen? – Ich zweifle kaum daran, und es hat also vermutlich nichts auf sich. – Zu meiner letzten ängstlichen Ermahnung an Dich hat mir eine gewisse Undeutlichkeit eines Briefes über Dich Anlaß gegeben, die aber nur eine Undeutlichkeit ist. Laß Dir daher meine Besorgtheit als einen Beweis meiner Liebe und nicht als einen Argwohn oder Beschuldigung gelten. Daß ich seit einer Zeit nicht mehr im Ton früherer Tage schreibe, fühl ich selbst deutlich, aber ich bereue es nicht. Alles Wesen hat auf Erden seinen Frühling, Sommer usw.; wir spielen ganz natürlich mit den Kindern und werden ernster mit den Erwachsneren, denn wir fühlen, daß sie selbst zu leben beginnen, und wir haben nun kein Recht mehr, sie zu zerstreuen. Wenn einer ein Erzieher wäre, so tät er dies absichtlich; ist er ein bloßer Liebender, so tut er es, ohne davon zu wissen, und so ist es bei mir der Fall; unser Verhältnis ist nun ernster zueinander und weniger auf die bunte Phantasie gegründet, weil unser Verhältnis zum Leben ernster ist. Man wird zu leicht verführt, die andern Menschen zu vergessen, sobald man sich einem einzigen mit Bequemlichkeit ergeben kann, und man nennt es nur zu leicht ein liebendes Gemüt haben, wenn man ein einseitiges Gemüt hat; und wir sollen uns ja durchaus bilden und alle unsere Flächen der Seele mit der Welt in unschuldige, wohltätige Berührung bringen. Je einzelner und ausgezeichneter aber der einzelne Mensch ist, dem wir uns allein hingeben, je mehr beschränken wir uns, je mehr bestehlen wir die andern Menschen um das Wohltätige, was unsere Liebe für sie haben könnte, und wenn wir es beim Lichte betrachten, sind die Menschen nicht so verschieden, als sie aussehen. Wir dürfen nur das Wesentliche vom Zufälligen in ihnen trennen und nur jenes lieben, so wird unsre Selbstliebe zur natürlichen schönen Liebe für die ganze Gattung; und richten wir dann über uns einzelnen, wie wir über die ganze Gattung so gern richten, so gehen wir der schönsten Bildung entgegen; wir erheben uns zu Repräsentanten der reinen Menschheit, wir werden, was wir für das Höchste, Schönste in der Produktion des Universums erkennen, wir werden Bilder der reinen Menschheit, Ebenbilder Gottes. –

Je begehrender, je wünschevoller aber unser Herz ist, je größere Pflicht liegt uns ob, uns zu bilden, je rührender uns die Liebe anderer zu empfinden und anzuschauen ist, je mehr müssen wir das in uns für sie ausbilden, was uns mit ihnen verbinden kann; denn der ist kein guter Mann, der gerne wohltut und nichts zu erwerben sucht. Wir beide lieben einander herzlich um unserer selbst willen, das hat die Natur durch die Ähnlichkeit unserer Gemüter so wohltätig in uns vorbereitet – es bliebe also bloß uns noch übrig, uns einander zu lieben um aller andern halben! – Das ist schwerer, denn hier setzen wir allgemein anzuerkennende Vortrefflichkeit in uns voraus; – laß uns bescheiden sein, und wir müssen eingestehen, daß wir sehr weit von der Vortrefflichkeit entfernt sind, und hier trennen sich unsere Wege, nicht unsere Herzen; denn wir müssen uns auf einige Zeit aus dem Gesichte verlieren, da Du ein Weib bist und ich ein Mann, und ein vortreffliches Weib etwas ganz anderes ist als ein braver Mann. –

Doch lasse das alles ungeschrieben sein, es gefällt mir nicht, glaube mir, Deinem Herzen und Deiner Liebe. Damit Du mein Vertrauen und meine Liebe erkennst, damit Du die Menschen begreifst, die um Dich sind, damit Du etwas freudig fühlst, was auch mich innig erfreut hat, so sende ich Dir einen Brief, der mir über Dich geschrieben ward und der für Dich und mich den Beweis enthält, daß ein vortreffliches, geistvolles Wesen den innigsten Anteil an uns nimmt, Dich und mich liebt – so schicke ich Dir die beiden Briefe, wovon der erste meine Warnung an Dich veranlaßte. – Auf diesen ersten Brief antwortete ich und beschwerte mich über die Undeutlichkeit seines Inhalts in Hinsicht Deiner und erhielt hierauf die heutige schöne Antwort, die ganz Dein Herz und Geist einnehmen muß. Ich bitte Dich aber, davon, daß ich Dir die Briefe mitteile, Dir nichts merken zu lassen, da diese Leute Dir nicht vertrauen, wie ich es tue. – Nochmals bitte ich Dich herzlich, ja sogar ernstlich, um Vermeidung aller männlichen Gesellschaft, außer in Gegenwart von Franz und Toni. Auch bitte ich um Fleiß, lieb Kind; sei wahr und treu, ich liebe Dich unendlich.

Clemens.

Beiliegenden Brief besorge an Minchen.

Ich finde den ersten der beiden Briefe nicht gleich; ich schicke also nur den zweiten, aber schweige und schicke ihn zurück.

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