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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 56
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Es ist wohl wahr, daß ich Dir lange nicht geschrieben habe, denn mein letzter Brief, in dem ich wie ein ungebärdig Kind mich allem widerstemme, was Du mir vorhältst, der gilt nichts. Aber diesmal, noch ehe ich Deinen langen Brief eröffnet hatte, nahm ich mir vor, auf der Stelle zu antworten; so hielt ich denn an mich, ließ mir erst eine Feder schneiden, mit der ich gleich recht kulant schreiben wollte; und wie ich schreibefertig war, erbrach ich erst Deinen Brief, in dem ich las und noch einmal las und wieder las, daß Du in meinen letzten Brief Dich nicht zurechtgefunden hast und nicht mehr weißt, ob meine Briefe ruhig und zufrieden oder kalt und erschlafft sind; ob ich Dich noch ebenso liebe wie sonst oder Dich ziemlich vergessen habe, da stockten meine Gedanken. –

Ich habe zwar lange stillgeschwiegen gegen Dich, der Grund aber war kein andrer, als weil die Antwort mir nicht gleich einfallen wollte; ich bin nicht geübt, mich zusammenzunehmen und zu suchen in meinem Herzen nach Antworten. Auf Vorwürfe, die Irrtum sind, auf Sorgen, die mich nicht grämen, auf Fragen, von denen ich nichts weiß. Da denk ich und will noch einmal denken, weil ich ja suchen muß nach Antwort und weil es ja nicht ist wie in Offenbach, wo ein frischer Wind durch die Pappeln rauschte, alle Blätter zum Flüstern und Plaudern brachte, auch meine Gedanken auf die Flügel nahm und zu Dir hinflog! – Sieh, das ist schuld, daß ich weniger schrieb; der Offenbacher Luftzug, ach, der erhielt mich so frisch! – Ach, die Straßen waren mein! die so sauber morgens in der Frühsonne dalagen, und die roten, dunkelroten Granithäuser mit Spiegelfenstern und grünen Gittern. Ach, jetzt erst vermiß ich alles! Wenn die liebe Domstraße noch in gemächlichen Morgenträumen sich dehnte und ich mit den reinlichen Täubchen allein drin auf und ab spazierte; sie waren mich so gewohnt, sie flogen nicht auf, wenn ich kam! – und dann waren noch mehr kleine Hauptpläsier und Schelmstreiche, die auf den ganzen Tag mich glücklich machten. Das war zum Beispiel, wenn ich ging auf Raub nach Rötel für meine Zeichnungen. In dem roten Granit, von dem dort die Häuser gebaut sind, steckt solcher Rötel von verschiedenen Nuancen bis zum stärksten Scharlachrot! den hab ich in der frühsten Frühe, wo kein Mensch merkte, daß ich die Häuser demolierte, mir beim Herrn Nachbar herausgebohrt und habe dann meiner Flora einen Kranz von Rosen aufgesetzt mit diesem gestohlnen Gut! – Vier Knaben in Rotstift mit Perücken in schwarzer Kreide spielen mit einem Bock in weißer venezianischer Kreide auf hellblauem Papier. – Die Gassenbuben, denen ich sie manchmal aus dem Fenster heraushielt, freute es unvergleichlich, und einer holte den andern herbei; manchmal waren ihrer fünf bis sechs, die baten, ich soll ihnen den Bock zeigen, sie haben mich bewundert. – Hier hat Fräulein Leonardi einen Homer gezeichnet! – er wird sehr geschätzt; ich werd's nie dahin bringen, einen Kopf zu zeichnen, der soviel Lob verdient und sowenig Neid, da er grade aussieht wie ein alter Schulmeister, der die Auszehrung hat und deswegen sehr ärgerlich gestimmt ist. Die Gassenbuben würden vor ihm ausreißen, aber nicht ihn bewundern wie meinen Bock! – Ach die schmutzigen Straßen hier! Wenn in Offenbach ein Platzregen kam, sahen da die Pflastersteine aus wie frisch gewaschne Gesichter – hier muß man ein paar Tage durch die Pfützen patschen! – aber was schadet das, wenn die Sonne, die dort sie schnell auftrocknete, nur hier Gelegenheit fänd, irgend zu einem zu schleichen; solang ich hier bin, hat sie noch nicht einmal mir das Fenster auf die Dielen gemalt! – um solche Dinge muß ich Sehnsucht haben, als müsse ich aus der Haut fahren. – Ich gehe in die Karmeliterkirche, setze mich da in die Bank, wo das Kirchenfenster mit seinem Weinlaub sich auf den Boden malt; der Schatten des Laubes spielt mir auf dem Kleid, der Wind weht das Blatt herunter, so fällt Schatten mir vom Schoß, das amüsiert mich so träumerisch. – Die Zeit, die ich dort verliere – nicht wahr, ich könnte sie nützlicher anwenden? Alles ist hölzern, was ich hier Ernsthaftes beginne! Ich hab nur Interesse an Dummheiten. – Ein innerer Drang, heraus aus der Frankfurter Eierschale, die ich durchpicken möchte. – In die Kirche gehe ich ins Hochamt gern. Der Franz sagt: Du bist ja recht fromm, Mädchen! – Was zieht mich in die Kirche? – Der Weihrauch, es ist doch ein bißchen ein stolzer Geruch! – In den Straßen riecht es nach Schacher; sonntags sind die Läden geschlossen! Was steckt denn hinter diesen eisernen Stäben und Gittern? – Schacher, Geld! – Was machen die Leute mit dem Geld? – Ach! sie geben Diners, sie putzen sich und fahren mit zwei Bedienten hintenauf. – Gestern erzählt der Dominikus, daß in Wien immer ein Bedienter von Heu ausgestopft ist, das riechen des Fiakers hungrige Pferde; sie schieben dicht an den Staatswagen heran, der Fiaker schlummert, jeder Gaul packt ein Bein der Galahosen und rupft das Heu heraus. Die Schenkel werden dünner, bis nur die Hälfte des Heumannes noch am Wagen hängt; der Herr steigt ein, der andere Diener springt hinten auf neben den Halbmann, dessen Eingeweide der Wind plündert. – Aller Reichtum ist ein ausgestopfter Kerl, mit dem man Parade macht, und die Lungerer sind die Hungerpferde, es ist ihnen einerlei, ob der seine Eingeweide verliert, an dem sie sich sattfressen. –

Du merkst, Clemens, daß ich wieder mit allerlei der Beantwortung Deines Briefes ausweiche! – Mich hat zwar dies lange Stillschweigen nicht irregemacht, ich glaub noch fest, daß ich Dir am nächsten bin. Dein Käfig voll Turteltauben, die Du am Rhein Dir eingefangen hast, die Dir im Kopf girren und gurren und (Bemerkung der Günderode) dazu noch andere herbeilockst. Deiner Bruderliebe zapfst Du ein Schöppchen Moral für mich ab. Ich lasse es stehen, denn ich kann keinen Appetit mir dazu anschaffen, aber ich nehme es für genossen an. – Und da muß ich Dir doch wohl beweisen, wie ich das Kleinod Deiner Liebe heilighalte über alle Moral hinaus.

Und sage Du nicht, aber Du vergißt mich gewiß einmal ganz! Dich vergesse ich nie, aber ich vergesse manches über Dich. – Deiner Sorgen, die mich ermüden würden, wollt ich nicht augenblicklich sie vergessen; Deiner Moral vergeß ich, die meiner Liebe Eintrag tun würde. –

Das alltägliche Leben ist hier sehr zudringlich, wo »nicè bella nicè ingrata« mich verfolgt durch die ganze Wüste, in welchem die Gemeinde der Gesellschaft sich versammelt; da war's in Offenbach doch anders, wo ich jeden Tag im Erbrausen der Symphonieen mich konnte verlieren. Die Abendstunden waren lieblich bei der Großmama, wo wir über alten Büchern studierten, dort sind mir oft über Nacht die tiefsten Gedanken eingefallen. Ich hab die höchsten Rollen durchgespielt, mich tief ins Leben hineingedacht, nicht bloß so obenhin, und hab mehr in denen gewaltet und geschaffen in meinem innern Sinn als in allem Äußern. Ich dachte oft: Auf was freust du dich denn so sehr? – Es war, den Traum der Einbildung von voriger Nacht fortzusetzen, wenn ich schlafen gehen werde. Meine großen Menschheitsprojekte führte ich da auf die Höhe des Weltmeeres. – In der Dunkelheit der Nacht so allein, da wird das Tiefste, was man will, recht deutlich! – Wenn man durchführte, was man in der Nacht bei Mondschein halbschlummernd sich ausdenkt! – Was würde dann noch als Traum können verworfen werden? – Ich tue meine große Taten alle im Traum, das Morgenrot scheint mir oft noch hinein, so nah drängt sich ihm das Tagsleben, und ich springe auf meine Füße ganz voll Willenskraft, aber wo soll ich doch das Leben anfassen? – Für einen zu sorgen oder zwei, die mir grade in den Weg kommen, deucht Euch allen Extravaganz! – Ihr verbietet mir mit einem armen Judenmädchen Umgang zu haben; und ich will Umgang haben mit allem, was zugleich mit mir auf dieser Welt lebt. Oder sind dies etwa keine gerechten Ansprüche: daß ich bin; und der Hülfe bedarf, die Du geben kannst. – Aber Sittlichkeit und Anstand, das sind zwei dumme Wächter, die dem menschlichen Sein und Willen den Weg verwehren. Fordere nun nicht mehr, ich soll Dir treu bleiben; ich bleibe Dir in allem treu, was meine Natur nicht verleugnet, aber Deine närrische Angst, ich soll nie, nie mit einem Menschen vertraulich werden, den ich nicht achte, während ich mit allen Menschen vertraulich bin! und gar keinen Unterschied zu machen weiß, als der sich von selbst macht! – Manchmal bist Du doch gar zu blind über mich. – Ich kann die Menschen gar nicht voneinander unterscheiden und soll doch mich nur an die halten, die ich achte! – Ich könnte zu dieser Achtung sehr leicht die unrechten herausgreifen, was soll ich sie erst lange hin und her wenden, zu dem bißchen Umgang, das doch nichts mehr gilt als eine Prise, welche die schnupfenden Leute sich bieten. Die Günderode und ich gehören einstweilen zusammen, bei ihr ist der Ablagerungsplatz unserer Bemerkungen und Witzeleien; das macht sich von selber. – Ich bitte Dich um Gottes willen, gebe doch auch Deine Stoßseufzer auf um einen lieben Mann, den Du mir herbeiwünschest und an den Du nur denkst, wenn Du präokkupiert bist von einer andern Liebe als der brüderlichen, wo dann, wie natürlich, keine Zeit zu dieser bleibt. Es ist Vorsorge, geliebter Clemens, aber glaube, daß ich keiner Stütze im Leben bedarf und daß ich nicht das Opfer werden mag von solchen närrischen Vorurteilen. Ich weiß, was ich bedarf! – ich bedarf, daß ich meine Freiheit behalte. Zu was? – dazu, daß ich das ausrichte und vollende, was eine innere Stimme mir aufgibt zu tun. – Die Liebe, mein Clemente, die werde ich einfangen wie den Duft einer Blume, alles wird dem Geist zuströmen, der nicht mehr sorgen wird, wie er sich soll zu verstehen geben; denn im Allerinnersten ist es Tag bei mir, dagegen mir die Welt sehr dunkel vorkommt, in der ihr glaubt, Licht zu haben, und dies Licht ist aber nur das, welches die Philister scheinen lassen; ein garstiges, schmutziges Talglicht zum Nutzen und Besten der Bärenhäuter, zu deren Nutzen immer das ganze Leben berechnet ist. – So gehöre ich denn in einen andern Kreis der Allgemeinheit, wo sich fassen möchten: Kinder, Helden, Greise, Frühlingsgestalten, Liebende, Geister. – Warum wähl ich mir diesen? – weil die mich fragen nach dem Irdischen, sie gehören zu mir! – Da glänzen die Wolken schon im Abendrot. – Späte Rosen glühen schon in der Halbdämmerung! Nacht, gib doch Kraft zur Unsterblichkeit.

Bettine.

Einen Gruß von Gundel.

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