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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 53
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Ich sitze hier schon eine halbe Stunde und besinne mich – nicht, was ich Dir schreiben soll, denn ich hab genug zu sagen, aber wo ich anfangen soll! Das geschieht mir nun schon so oft, als ich auf Beantwortung Deines letzten längeren Briefs denke. – Und sonst war das nicht so! – Nie hab ich mich bedacht, es floß mir aus der Feder! – Deine Verweise kränkten mich nicht, wenn sie auch manchmal aus der Luft gegriffen waren – und jetzt weiche ich dem aus, Dir zu schreiben, alles dient mir zum Vorwand; ich geh zur Günderode ins Stift, ich bleibe länger bei ihr mit dem heimlichen Willen, daß es zu spät sein möge, Dir heute zu schreiben, und so vergeht ein Tag nach dem andern; an jedem wache ich auf mit dem Gefühl einer Tagespflicht, die ich gern hinter mir haben wollte und zu untüchtig bin, sie zu leisten. Also Du siehst wohl, daß es nicht Leichtsinn war; hätte ich den nur dabei gehabt, so wär mein Brief schon längst bei Dir angelangt. – Ich hab der Günderode davon gesagt und hab ihr (es mag Dir vielleicht nicht recht sein) Deinen Brief ganz vorgelesen. – Sie sagte, der Clemens spielt in einer fremden Tonart, in der Du nicht bewandert bist, in die Du auch nie hineinkommen wirst, es ist daher nur zweierlei zu tun, entweder Du antwortest ihm Punkt für Punkt, wie wenn Du vor Gericht ständest, wo man ja auch aus dem innern Lebenskreis herausgeworfen wie ein Hund parieren muß. Oder Du überspringst alles, was er rügt, was er frägt und empfiehlt, denn er wird doch wohl nicht mehr von der Stimmung dieses Briefs durchdrungen sein. Ich fand auch diesen letzten Rat vorzuziehen, allein wo ich hier am Schreibtisch sitze mit mir allein (denn Dein Brief hat mich isoliert, und ich weiß nichts in diesem Augenblick vom Spielplatz geschwisterlicher Liebe), also mit mir allein hier, in den Spiegel sehend über meinem Schreibplatz. – Da regt sich ein ungeheures Selbstgefühl! – Clemens! Ich glaub wohl, es gibt Menschen, die sich lenken lassen von dem Geiste anderer, ich auch, sobald dieser Geist in dem meinen widerhallte, sobald also er den meinen zur Übereinstimmung weckt. – Diesmal tut er das nicht, ich könnte diesem Brief wie der Inquisition gegenüberstehen, die nie den Sinn von einem freisinnigen Menschen erfassen kann als nur zu seinem Verderben! – Und – noch eine Frage: Soll ich Dich beschämen durch meine Antwort? – Das wär schlimm, denn es bewiese Dir, daß es mit der Hingebung in Freundschaft und Liebe nichts ist, daß alles Rufen und Berufen immer dem inneren Selbst weichen müsse, daß alles, was diesem inneren Selbst widerspricht, von ihm mit Füßen getreten wird, und ich muß Dir sagen, lieber Clemens, daß ich ganz nach diesem göttlichen Ebenbild des Selbstseins geschaffen bin. –

Nun lasse uns immer diese bittere Frucht anbeißen, denn ich seh, es geht doch nicht anders; und eher wird mir das Herz nicht leicht Dir gegenüber.

Also erst der Eingang Deines Briefes, der mir ein Streben nach Klarheit und Ruhe unterlegt! – Nein Clemens, ich habe kein mir bewußtes Streben der Art, das muß von selbst aus dem Lebensquell hervorspringen. Eines Strebens bin ich mir bewußt, weil sich alle meine Kräfte darin bewegen. Das ist innere Unantastbarkeit. Du nennst das »die Kunst, mit sich selbst genug zu haben« – mir ist das keine Kunst, warum? – weil ich alles mein nenne, weil alles mein ist, was ich anrede, was mich erregt. – Sehnsucht hab ich nie gehabt, von Kindheit an nicht, ich könnte Dir aus dem Kloster darüber erzählen. Das Schöne hab ich liebgewonnen, ich nahm es an, wenn man mir es schenkte, um gleich es wieder zu verschenken. Nur in der Freiheit, in dem Fürsichbestehen gefällt mir das Leben; und ich werde nie etwas an mich reißen. Ich werde mich hinneigen, aber ich werde mich nicht gefangengeben.

Du denkst Dir also unsre Liebe zueinander als den »Überfluß und die Fülle des künftigen Lebens? die uns zu der Genüge desselben noch obendrein gegeben ist«. – Du sprichst aus: »Gott werde mir hoffentlich zu einem lieben Manne und Dir zu einer lieben Frau helfen.« Das sind Deine Worte an mich! und das ist die Tonart, in die ich durchaus nicht übersetzen kann. Und – ich kann mich dabei auch gar nicht aufhalten, die liebe Frau, der liebe Mann mögen sich zusammenfinden, wo es ihnen deucht, ich will sie nicht genieren! mehr läßt sich von mir nicht herausbringen. – Jetzt gehst Du weiter in Deinen Vermahnungen, als ob die Philister Dich trunken gemacht hätten, und sprichst vom Verdruß und von Abstumpfung gegen die Berührung mit Menschen. Ach, das mag ich gar nicht noch einmal lesen, mir ist, als müsse ich mit einem Mückenplätscher diese närrische Mücken von Dir alle totschlagen. – Nun sagst Du, daß Dir, der mich doch so gut kenne, meine Erscheinung in einzelnen Minuten auch nicht gefalle.

Ach wär es möglich, daß eine fremde Sprache eine andre fremde Sprache mit ihren Klängen und Wortarten so ganz decke, daß einer einen Roman in der einen schrieb, der andre in der Meinung, es sei die andre Sprache, in ihr diesen in der ersten geschriebnen Roman läse? – und kriegte da eine Geschichte heraus, von der keine Spur je geahnt oder gemeint war. So ist's mit Dir, und ich muß Deine Hoffnungen alle niederschmettern, daß ich mich bemühen würde, »allgemein liebenswürdig und geliebt zu werden«. Du hast mich nicht in meiner Sprache gelesen; Du hast eine andre Natur herausgekriegt, die Dir nur dann und wann nicht gefällt, meistens aber doch. Wenn Du aber in der meinigen Sprache mich gefaßt hättest, so würde ich keinen Augenblick Dir gefallen, nein, davon nicht, von andern Dingen wär die Rede. Ein Gewimmel von Mißverständnissen.

Nun lasse uns noch durch den Morast der Trätscherei waten, da ich hochgeschürzt bin und daher nicht fürchte, mich zu beschmutzen. – Und doch kommt es mir sehr hart an, daß ich hier haltmachen muß. Was Deine Briefe anbelangt, so liegen sie alle mit Nummern bezeichnet in einem kleinen Schränkchen, das ich zur Not bei einer Feuersbrunst oder Überschwemmung unter den Arm nehmen könnte und damit das Weite suchen; ich geh an diesen Behälter nie, nur wenn ich einen neuen Ankömmling hineinsperre wie im Kloster, heraus kommt mit meinem Wissen keiner! – Ja ich selbst lese sie nicht leicht wieder, wie ich sonst wohl tat, denn eine zu große Masse von Gedanken durchströmt mich und führt mich wie ein gelichtetes Schiff auf die hohe See, die Heimat hab ich im Herzen, aber ich kehr zu ihr nicht zurück, ich lande unter fremden Himmelsstrichen. – So geht's mit Deinen Briefen, sie sind meine Heimat, in ihnen bin ich geboren, aber die Heimat hab ich verlassen. Sowenig ich die Türe meiner Hütte öffnen kann hier im fernen Weltteil, sowenig öffne ich diese Briefe, die mir geliebt aber fern liegen. – Versteh mich! das heißt, liebe mich darum!

Nun will ich Dir noch vom Veilchen erzählen, Du sagst von ihr »sie mag ein gutes Geschöpf sein, zu der ich hinabsteige mit meiner Vertraulichkeit!« – Wer bin ich denn, daß ich mich herablasse, wenn ich mich zu einem guten Geschöpf vertraulich wende? – Bin ich ein Engel? nun, die fliegen ja den guten Menschen nach und bewachen sie auf Schritt und Tritt, aber ich glaube nicht, daß ich ein Engel bin, ich glaub vielmehr, daß ich zu ihr hinansteige statt herab! – Sie ist diesen ganzen Sommer in Wiesbaden mit ihrem Großvater, sie weiß, der alte Mann muß sterben mit seiner Krankheit, er ist schon zwischen siebzig und achtzig Jahr, aber sie hat ihn hingeführt, seine Enkel hat sie ausgetan bei befreundeten Juden für ein Kostgeld, so hoch sie es zu erschwingen vermag. Die Hoffnung, daß die Bäder ihm nutzen, macht den alten Mann geduldig in seinen Schmerzen; so denkt sie ihn leise den Lebenspfad fortzugeleiten, so pflegt sie ihn! Er ist mein Großvater, sagt sie, mein Vater war sein Liebling, er hat gar sehr viel an ihm getan! – und so wischte sie sich den Schlaf aus den Augen am Abend, denn sie war früh aufgestanden; – also da las ich ihr als vor aus den Büchern, die ich von Dir hatte, manches schöne Lied vom Goethe hat sie auswendig gelernt während dem Sticken, und ich fädelte ihr die Nadeln ein. Es waren die liebsten Zeiten mir. Als sie wegging, hab ich ihr versprochen, nach den Kindern zu sehen; und ich bin deswegen mit ihr im Briefwechsel, so lasse ich ihr Stickmuster bei dem Goldarbeiter Fink machen, wenn sie neue Aufträge hat – ich schicke ihr die Seide und das Gold und geb ihr meine Ansicht; es ist mir immer das größte Pläsier, wenn ein Auftrag bei ihr einläuft, wobei meine Erfindung von ihr in Anspruch genommen wird, mein liebstes ist Stahlflitter und Perlen, und letzt haben wir eine grüne Sammetrobe in solchen Stahlgirlanden angeordnet mit einem Netz von goldnen Raupen darüber, und das soll so wunderschön gewesen sein, schreibt sie, daß man nicht glaubt, in Paris könne es besser gemacht sein. – Meinst Du, sowas hätte keinen Reiz für mich? Wohl freue ich mich über einen solchen Brief. Und wie manche Stunde in der Nacht habe ich in Erfindungen geschwelgt. Du siehst, lieber Clemens, die Gegend ist anders, als Du sie gedacht hast, da ist kein Steg, der hinab in die Gemeinheit führt. Wir befinden uns innerhalb der Grenzen des einfachsten Verkehres, und Deine Furcht, daß Dein Umgang mit mir ein Gassenhauer werde und daß man ihn belache und sich darüber ärgere, im Kote zu finden, was mit so hohen Prätensionen auftrete, ist dem inneren Wesen nach ungegründet. – Du schreibst »in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten ist töricht«. – Clemens, was wär es, wenn ich auch dadurch mich abhalten ließ, der Veilchen die kleinen Gefälligkeiten zu erzeigen, weil Offenbacher Juden von mir sprechen? –

Mein Aufenthalt hier in Frankfurt dauert nun schon vierzehn Tage, morgens früh wecke ich den Franz und laufe mit ihm in die Gemüsgärten vor der Stadt. Das ist meine beste Zeit. Da ich mit der Gundel in einem Zimmer wohne, so ist das Eckelchen, worin ich mich bewege, sehr klein, dafür hab ich einen größeren Raum bei der Günderode im Stift, wo ich Landkarten male von Alt-Griechenland. – Doch dort kommt der alte Domherr von Hohenfeld hin und sieht auf mich herab und gibt mir Anweisung, das ist mir unangenehm. – Ich hab früher mit dem Sonnenschein gern verkehrt, jetzt ist mir lieber die Nacht, wo ich auf den langen dunklen Gängen spazierengehe und erwarte, daß ein Geist kommt, mit mir zu reden; mit dem Dominikus unterhalte ich mich über die Republik der Herbstspinnen auf der Altan. Wohin ich gehe, ist der wie von einem allgemeinen Landregen aufgeweichte Pfad der Langenweile, in dem man leicht mit dem Schuh steckenbleibt und nicht weiterkann! – Doch sollte ich mich nicht fassen können und meinen Geist auf die Weide treiben (Du nennst es Bildung meiner Seele, ist mir ganz unverständlich!), »ich soll mein auffallend Betragen unterdrücken«, weiß nicht, in was es besteht – soll die »Sitte als eine Allerweltsprache aus freier Anmut führen lernen«, wo ist das Theater, wo man diese Rolle spielt? –

Du hast es also gewünscht, ich möchte Offenbach verlassen, um in einen höheren Kreis und Verkehr mit der Welt zu treten. – Lieber Clemente, in dem Offenbacher Kreis war die Katz zu Haus, in diesem hier tanzen die Mäuse auf dem Tisch! – Die Katze konnte ich verstehen und Lehre von ihr annehmen, obschon ich oft dabei gähnen mußte. Das Letzte, was ich ihr vorlas, sind die »Lettres de Madame de Sevigné«, es hat ihr sehr leid getan, daß sie meiner Seelenbildung nicht konnte diese letzte Hand anlegen. Hier verstehe ich wohl, was sie meint. Diese an eine Tochter geschriebne Briefe sind ein eleganter Tanz der Seele auf dem Tanzplatz der höheren Welt, wo alles ihrer Grazie bei jeder Wendung Beifall klatscht. – Ich werde nie in die Verlegenheit kommen, solche Briefe schreiben zu müssen. –

Adieu Clemens. Ich werde auch unter den Mäusen keine Gelegenheit haben, mich geltend zu machen; es ist ein apart Geschlecht, ich gehöre nicht dazu.

Ich hab einen recht garstigen Singlehrer, einen alten Distelbart! pfui! wie mir der zuwider ist; wenn er fort ist, mach ich Fenster und Türen auf, damit die Atmosphäre seines Dagewesenseins nicht im Zimmer eingeklemmt bleibe. – Wenn Dir nächstens geschrieben wird, daß ich über Schmerzen auf der Brust klage, so bedaure mich nicht, ich muß lügen um des Distelbarts willen.

Adieu, ich gehe jetzt zur Günderode und lese ihr diesen Brief vor und konsultiere, ob ich diesen widerbellerischen Brief Dir schicken soll.

Clemens! – die Günderode hat gesagt, der Brief wär sehr gut und ich soll Dir ihn schicken.

Bettine.

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