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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 51
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Liebe Bettine. Düsseldorf.

Dein letzter Brief hat mich mehr als je ein vorhergehender erfreut, er ist recht fröhlich ohne alle Melancholie, und Du hast eine große Darstellungsgabe; immer mehr werde ich überzeugt, daß Du eigentlich zum poetischen Auffassen aller Ereignisse, auch der kleinsten, das größte Talent hast, und ich kann Dir nicht genug empfehlen, daran festzuhalten. Alles, was Du mir erzählt hast, ist gut und lieb und wahr. – Wie weh sollte mir es tun, wenn Du aus Deiner natürlichen Richtung herauskämest. – Wie schön wird unsere Freundschaft werden, wenn nichts Unklares und Trübes mehr in ihr herrscht und unsre Empfindungen sich klar und tief aussprechen, und wir uns recht vernünftig aneinander freuen können. Daß Du ruhig und heiter bist und dahin strebst, fühle ich mit Freuden, und daß ich auch dahin strebe, darfst Du mit Recht von mir begehren. Du glaubst, ich werde diese Messe nicht nach Frankfurt kommen, ich komme doch, und vielleicht bleibe ich den ganzen Winter über in Frankfurt. Savigny ist dann freilich allein in Marburg, doch im Sinne des Worts genommen ist er das wohl immer, was Du wohl auch an ihm bemerkt hast. Am deutlichsten erscheint seine Einsamkeit darin, daß er einen nie vermißt; mich schmerzt das oft. Da ich aber an die Vollendung eines Menschen kaum stärker glauben darf als an die seinige, so wäre es töricht von mir, näher zu untersuchen, ob er ganz recht hat, mich nur grade so zu lieben und nicht mehr; er hat sicher recht und damit holla! – Eines fehlt uns, liebe Bettine, und mir mehr als Dir; es ist die Kunst, mit sich selbst genug zu haben, die müssen wir erlernen. Es ist das einzige Mittel, zum Überflusse zu kommen, denn dann haben wir die Hülle und Fülle, in dem unsre Liebe zueinander, die nun Gott sei Dank das beste und edelste Geschenk des Geschickes ist, ein Übermaß ist, über das, was als unsere innere Lebensgenüge noch obendrein uns geworden ist. – Gott wird Dir vielleicht und hoffentlich zu einem lieben Mann helfen und mir zu einem lieben Weibe, mit diesen Verhältnissen und dem gehörigen Glück und Unglück wird es sich so angenehm leben, als es zum Leben notwendig ist. Das nach der Meinung vieler Narren und Weisen höchst eitel und nicht sehr zu schätzen sein soll. – Doch noch eins, mein Kind! – Es ist zwar leicht, sich über vielen Verdruß, über viele Kleinlichkeiten hinauszusetzen, noch leichter aber ist's, sich alles das zu ersparen. Sich ein wenig einzuschränken, um keinen Verdruß zu haben, lohnt wohl der Mühe; Verdruß kränkt uns doch und nimmt uns das Vertrauen zu den Menschen; hieraus wäre wohl zu empfinden, daß er dem freien Lebensorgan unseres Herzens in den Weg tritt, und wenn wir ihn nicht mehr empfinden, so ist das doch eine Abstufung unserer Seele. Wie schön ist es nun, die Menschen um sich her so zu berühren, daß sie einem keinen Verdruß mehr machen können, und doch die Freiheit und das ganze Leben seines Herzens zu behalten. Daß Du nun von so vielen Menschen verkannt wirst, wie zum Beispiel von Ebel, der trotz seiner schwachen Seiten ein sehr gelehrter Mann ist, und von Leonhardi, der offenbar einen Widerwillen gegen Dich hat, wundert mich nicht, da mir selbst in einzelnen Minuten Deine Erscheinung nicht ganz gefällt und mich drückt. Wenn ich das empfinde, der ich Dich so gut kenne, wie sollen das alle die Leute nicht empfinden, die keinen Menschen kennen? – Nun zweifle ich aber gar nicht, daß es Dir einleuchten werde, wie es nicht zu verschmähen sei, allgemein liebenswürdig und geliebt zu werden, denn nur dann kann man behaupten, zur wahren Schönheit des Gemüts gelangt zu sein, wenn kein guter Mensch unbefriedigt von uns geht. – Ich weiß nicht, Bettine, warum es mich so unendlich unmutig macht, wenn ich Trätschereien über Dich höre, aber ich glaube, es ist deswegen, weil es eine wirkliche Nachlässigkeit von Dir ist, sie zu veranlassen. – So habe ich jetzt zum Beispiel wieder gehört, daß Du dem Mädchen, was Dich Sticken lehrt, Briefe von mir und Dir vorliest, und was hindert dies Mädchen, sie mag ein gutes Geschöpf sein oder nicht, das, was sie gehört, herumzutragen? – Was Du selbst nicht verbirgst, wird sie auch nicht verschweigen und hat es wohl nicht verschwiegen, sonst wüßte ich's nicht. So wie Du zu ihr mit Deiner Vertraulichkeit hinabsteigst, steigt sie wieder hinab, und sofort ist der Weg sehr kurz, daß unser ganzer Umgang ein Gassenhauer wird. Das ist nun eine sehr verdrießliche Sache, das macht Dich und mich den Leuten lächerlich und mit Recht, und uns beiden macht es die Leute beschwerlich, denen Du es sowenig wie ich verdenken darfst, über das zu lachen und zu spotten, was mit solchen Prätensionen im Kote gefunden wird. Sehr ungeschickt und ebenso töricht aber wär es, wenn Du dem Mädchen das verweisen wollest oder nur ein Wort darüber verlörst, denn das Mädchen hat gar nichts verbrochen, sondern bloß Dir selber sollst Du es verweisen und das recht tüchtig. Diese ganze Geschichte kann zwar sehr zufällig und nicht so bedeutend sein, als sie hier auf dem Papier Dir wiedergegeben ist, auch hast Du vielleicht Dein Vertrauen seitdem beschränkt, von deren Mitteilung zu der niedrigsten Klasse kein großer Schritt ist, sie selbst mag sein, wie sie will, sie darum zu verwerfen wäre unmenschlich, aber überhaupt in eine vertraute Freundschaft mit ihr zu geraten, ist sehr töricht. Du siehst nun, ob die Brüder und Anverwandte keine Ursache haben, mit Dir und mir unzufrieden zu sein, wenn sie solche Dinge von uns erfahren sollten; ich glaube, sie haben keine Ursache, unsern Umgang zu ehren, wenn Offenbacher Juden sich über ihn unterhalten. Werde nicht traurig über die Geschichte, sondern nehme Dich in acht mit Deinem Vertrauen. Es kommt am Ende der Verdruß auf mich und mit Recht, warum habe ich Dich nichts Besseres gelehrt. Ich habe unlängst den Franz gebeten, Dich nach Frankfurt zu nehmen; er täte es gern, nur macht er mancherlei Einwendungen, er begehrt, daß Du der Toni gehorchen, reinlich, fleißig und häuslich sein sollst; das ist nun freilich in etwas gegen Deinen Freiheitssinn, der in Dir von der Großmutter ordentlich erzogen wurde, aber das wirst Du ihm doch nicht verdenken, bei der großen Ausbreitung des Familienzirkels im Hause kann er nur wünschen, daß ein so junges Mädchen wie Du sich an ihn und Toni anschließe, dies ist eine notwendige Folge seines treuen Gemüts. – Du wünschest nicht in Frankfurt zu sein, so wie Du jetzt bist, ist es Dir viel angenehmer, weil Wald und Flur Dir vor der Tür entgegenlachen, weil Musik und alles und die Einsamkeit Dir dort teilweise geraubt werden und auch der Umgang der Großmutter Dir dort fehlen wird. Aber wär es vielleicht nicht besser und zuträglicher für Deine ganze Zukunft, wenn Du Dich mit Geist und Seele in einen ganz andern Zirkel stelltest? – Du würdest eine schöne Mühe anwenden, Dich dem Franz gefällig zu machen, Du wirst selbst nach und nach Dich mehr der Gesellschaft anderer Menschen, der das Weib nie entgehen soll und darf, anpassen, und mit viel größerer Freude und Ruhe wirst Du Dich selbst und die innere Bildung Deiner Seele fortsetzen, wenn Du siehst, daß die Menschen Dich lieben. Es wäre selbst das schönste Unternehmen, mit Mühe daran zu arbeiten (ohne doch deswegen es merken zu lassen), die Geselligkeit und Freundlichkeit unseres Hauses unter Deinem heimlichen Schutzrecht gedeihen zu machen, und ich zweifle nicht daran, daß es Dir möglich wäre, wenn Du recht wolltest. –

Sieh, das sind alles fromme Wünsche, und ich weiß kaum, ob die Momente, an die sie sich knüpfen, wirklich eintreten werden, und ob es möglich sein wird, je auf einem solchen Parterre des Witzes und des Extraordinären einen freundlich häuslichen Garten anzulegen, wo jeder gern sein möchte. Ich habe nie Gemüter angetroffen, die so warm lieben und zugleich sich schämen, diese Liebe zu äußern. So trifft der Spott immer die Innigkeit, und ist keiner da, der sie auslacht, so lacht sie sich selber aus. – Übrigens weiß ich bei allem dem nicht, ob man damit übereingekommen ist, Dich nach Frankfurt zu nehmen; mein Wunsch wäre es beinah, daß Du mehr in den gewöhnlichen Frankfurter Schlendrian kämst, damit Du das Auffallende in Deinem Betragen etwas unterdrücktest, denn durch dies Auffallende kannst Du leicht einstens noch viel Verdruß haben, nicht als wäre es deswegen schlecht an sich, nein, es ist nur hinderlich und steht oft und bei dem Weibe fast immer im Wege, Gutes zu wirken.

Die Sitte kann keinem Menschen erlassen werden; sie ist eine Art Allerweltsprache, ohne die man nie verstanden wird; doch soll der Mensch in sie ebensowenig von Jugend auf hineingeleimt werden, als er ganz unfähig für sie werden darf. Aber schön ist, wenn sie der Mensch mit freiem Willen ergreift, sie durch die schöne Eigentümlichkeit seines Daseins veredelt und so allen andern in dieser allgemeinen Sprache sich selbst liebenswürdig und verständlich macht. Jede gänzliche Verschließung des Menschen ist verderblich und hat etwas Fürchterliches und Unnatürliches, um so mehr, wenn sie nicht ganz freiwillig, sondern durch eine äußere schmerzliche Berührung mit der Welt hervorgebracht ist, die aus Unfähigkeit und Unbildung entstand; denn in dem Zusammenhang besteht die ganze Größe der Welt, und an ihr können wir uns allein stärken und bilden. Wer sich diesem Zusammenhang entzieht, muß ein großes reiches Leben zurückgelegt haben, das er nun ausbilden und verarbeiten will, oder er muß sich von seinen Wunden heilen wollen, so kann er zu entschuldigen sein, wenn er zurücktritt. Aber jener, der durch Ungewohnheit und Ungeschicklichkeit im Umgang mit Schmerz und Sehnsucht nach eben der Welt, der er sich nicht anpassen kann, sich zurückzieht und auf sich selbst reduziert, der verdient bei allen übrigen Verdiensten doch von dieser Seite für einen unvollkommnen, ungeschickten Menschen gehalten zu werden und wird mit Recht ausgelacht, wenn er seiner Unbeholfenheit den Namen der Zurückgezogenheit oder der Betrachtung geben will. So lange, liebe Bettine, als die Einsamkeit Dir noch anklebt als Widerwillen gegen die Gesellschaft, mußt Du Dich nach den Menschen umsehen und alle Mittel anwenden, Dich von allen Menschen geliebt zu machen.

Das Leben des Weibes ist fester und unbeweglicher als das Leben des Mannes, das Weib berührt die Menschen näher und muß Segen über ihre Umgebung verbreiten. Was frommt es Dir, wenn dann und wann ein geflügelter Denker an Dir vorübereilt, der Dich grüßt und weitereilt und Dir die Sehnsucht unbefriedigter Liebe zurückläßt! Ich weiß nicht, welches Bild schöner ist, ein Marienbild von einem trefflichen Meister, das in einer kleinen Dorfkirche vergessen hängt, aber vor dem fromme und unschuldige Menschen beten, oder eine herrliche Statue in den Händen von Barbaren, die dann und wann von einem durchreisenden Kunstkenner oder von einem reisenden Engländer bewundert wird. Jenes wird nie verkannt und immer gewürdigt, dieses wird selten erkannt, und jeder Dünkel brüstet sich mit ihm. Ich wünsche es daher herzlich, liebe Bettine, daß Du auch verkehrtere Menschen und gewöhnliche durch deinen Umgang, durch eine einfache, durchaus sittliche Erscheinung, die ohne aufzufallen alle die Rechte der Liebenswürdigkeit und Güte geltend macht, erfreuen mögest. Du rettest dadurch mich von Vorwürfen und machst, daß Deine Liebe zum Schönen nie als eine Zuflucht erscheint, sondern ein freies, schönes Erheben, das wie die Andacht und Religion neben dem stillen häuslichen Leben steht. –

Arnim hat mir neulich viel geschrieben, er ist bis Mailand herumgeirrt und hat viel gedichtet; sein ganzer erster Brief ist über Dich, doch ohne Verliebtheit, mit freundlicher Achtung und Annäherung erfüllt. Wenn ich nach Frankfurt komme, lese ich ihn Dir vor; er ist jetzt in Genf und grüßt Dich herzlich. – Sollte Dir übrigens der Vorschlag gemacht werden, nach Frankfurt zu kommen, so mache keine Einwendung als höchstens, daß Du gern Dein eignes Kämmerlein haben möchtest, denn die vielen anderweitigen Berührungen, denen du ausgesetzt bist, wenn Du die Wohnung teilst mit Gundel, die ganz andere Gewohnheiten und Verkehr hat, als ein so junges Mädchen wie Du sie haben kannst, würde auf Deine fernere Bildung sehr verderblich wirken. – Adieu liebstes Schwesterchen, sei vergnügt und fleißig und fein.

Dein Clemens.

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