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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 50
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Fortsetzung des historischen Briefes.

Am Samstag sind wir um neun Uhr nach Frankfurt gefahren! Der erste, der am Kornfeld von Sachsenhausen uns begegnet, war die Empusa; sie hatte sich nicht mehr am Abend in die Stadt getraut, es war Mehltau gefallen, und so blieb sie auf der Gerbermühle, damit nicht auf ihm der Mehltau sich hafte, der sehr oft die Auszehrung veranlasse. Ich rief dem Kutscher Halt, sprang aus dem Wagen, brach mehrere Ähren ab, nahm sie in den Mund und ließ sie blühen; – dann persuadierte ich die Empusa, doch diese Roggenblüte durch den Mund zu streifen und zu essen, als ein ganz sicheres Mittel gegen die Auszehrung. – Dies hab ich im Kloster gelernt. Empusa fraß die Roggenblüte, fühlte sich nun, gesichert gegen den Mehltau, ganz munter. – In unserm Haus war alles voll Sonnenschein und erinnerte mich sehr an unsere Kindheit, wo wir uns als in die Galerie versteckten, um dort das kleine Seeschiff zu betrachten und die unzähligen kleinen Wachspüppchen von allen Ordensgeistlichen, vom Papst an bis zu den Bettelmönchen und Nönnchen. – Die Galerie stand offen, ich verweilte dort bei manchem aufgehobenen Kinderspiel aus unserer frühsten Zeit; auch fand ich dort in einem Schrank den schönen Kastorhut der Mutter mit einem blitzenden Band von Stahl und Goldperlen, auf den der Papa als die Johanniswürmchen setzte, wenn er mit uns am Abend im hohen Sommer spazierenfuhr. – Der Kastorhut war mir gar zu lockend; ich setzte ihn auf, er stand mir schön, ich glich der Mama, denn ihr Bild wurde mir wieder ganz deutlich – und der Papa hatte mich auch lieb vor allen Kindern, ich glaub wohl, daß ich ohne Sünde den Hut kann behalten. – Ich frage bei Dir an, ob's ein Diebstahl ist – unterdessen hab ich ihn zum Günderödchen gebracht, daß sie mir ihn versteckt, bis Du mir schreibst, ob Du erlaubst, daß ich den Hut behalte! – ich behalt ihn aber doch! – Abends war bei der Gunda der Tee; da waren allerlei Menschen, die ich noch nicht gesehen hatte, aber auch Link war da, Dein Freund! – sie erwarteten Heinse, aber der kam nicht, den ich doch so gern gesehen hätte. Ich saß auf einer Schawell an der Türe des Kabinettes, das ganz voll war! – an Günderödchens Seite, so lehnte ich mich an sie und während ein Doktor Kästner sang: »nicè bella nicè amata«, schlief ich ein; kein Mensch hat's gemerkt. –

Gestern am Sonntag fuhren wir nach dem Trages; – schon um sieben Uhr waren die Wagen vorgefahren, alles, was mitfuhr, hatte sich im Saal versammelt, alles war eingestiegen, und als alles eingestiegen war, da war kein Platz mehr für mich! – Da hieß es, der Leonhardi kommt gleich vorgefahren mit Fr. von Barkhausen, mit denen fährt die Bettine. – Der Leonhardi kam erst gegen zehn Uhr! – keine Frau von Barkhausen mit; man war unsicher, ob ich allein mit ihm über Feld fahren könne, unterdessen stieg ich ein und sagte, fahr zu, Kutscher, und bald war ich mit meinem Leonhardi in die sommerlichen Felder entflohen. – Jetzt laß Dir erzählen und glaub es nicht, das kann mich nur überzeugen, daß es Dir zu toll vorkommt; er klappte einen Tisch auf, darauf legte er einen Folianten, den er mitgenommen hatte, einen Krug Geilsheimer Wasser, den er mit einer Schlinge ans Fenster befestigte, placierte er auch darauf – und nun legte er sich mit beiden Ellbogen auf seinen Tisch und fing an, in der Chronik zu studieren und Exzerpte zu machen. – Nachdem ich eine Weile eine große Warze und eine kleine Warze auf seinem Backen betrachtet hatte, so fing ich an zu pfeifen. – Das war ihm verdrießlich; er bat mich, stille zu sein, denn er habe da was sehr Ernstes vor sich und sich es zum Gesetz gemacht, nie Zeit zu verlieren! – Ich schwieg recht gern, aber ich sang in Gedanken und vergaß das Schweigen und sang wieder laut. – Das störte ihn sehr; er machte mir Vorwürfe, daß ich keinen Augenblick Ruhe haben könne! – Als wir an einer Schenke hielten, um die Pferde zu futtern, setzte ich mich auf den Bock und ließ den Leonhardi mit seiner alten Chronik im Wagen! – nur einmal ließ ich halten, weil eine wunderschöne Blume am Weg stand, die wollt ich pflücken; da machte der Leonhardi einen fürchterlichen Lärm, ich hatte aber meine Blume. O blühte sie doch ewig! – Es ist mir lieb, daß bis jetzt mir noch niemand gesagt hat, wer sie ist, denn dann setzt man gewöhnlich auch hinzu, sie ist ganz gewöhnlich und wächst da und da sehr häufig! – Nun laß Dir nur erzählen, wie schrecklich bös ich den Leonhardi gemacht hab; ich wollte nämlich ein bißchen fahren! und ich kann es auch recht gut. Da hat mir der Kutscher die Zügel gegeben; der Leonhardi, der alle Augenblick aus seiner Chronik herausguckt, sieht das, ruft, ich soll's seinlassen, die Pferde scheuen leicht. Der Kutscher sagt, ich könnte getrost fahren; – ich schnalze mit der Zunge und werfe den Pferden die Zügel ein bißchen auf den Hals, sie werden charmant mutig, und es geht noch einmal so rasch! – Der Leonhardi kriegt Angst schrecklich, die Pferde seien ausgerissen, steckt eilig den Kopf durchs offne Fenster, wirft den Krug, der Propfen geht heraus, und das Geilsheimer Wasser fließt über die Chronik. –

Es mußte gewischt und geduppt werden den ganzen Weg! – Aber jetzt kommt was sehr Lächerliches; er holte einen ganzen Pack alter Zeitungen aus der Tasche, ohne die er nie reist, sagte er – und nun wurden die nassen Stellen bepflastert; das ging so fort, bis wir in den Wald kamen, wo der Weg zu schlecht ist, um zu lesen oder zu pflastern. – Wir kamen an, wie eben die Krebse auf den Tisch getragen wurden – ungeheuer große Kerle aus dem Goldweiher. Der Leonhardi zankte noch nachträglich auf mich, daß ich allein am späten Kommen schuld sei – ich hätte alle Augenblick eine Blume abbrechen wollen, ich hätte das Geschirr an den Pferden in Unordnung gebracht, ich hätte die Pferde wild gemacht. – Es waren mehrere Hakennasen aus Savignys Familie da; – es war ein ziemlich heißer Nachmittag, mit verbrannten Nasen kamen wir vom Hahnenkamm zurück; Savigny war über die Maßen freundlich und schloß alle Schleusen seines Paradieses auf und schien dennoch so einsam unter uns allen, als wären wir wie eine Horde Räuber bei ihm eingefallen. Die Zeit kam zum Aufbruch; auf der Heimfahrt war ich nicht in Leonhardis Kutschenverlies eingesperrt, er hatte dagegen appelliert. – Ich schlief im Wagen bis in Hanau, wo die Pferde futterten; da sahen wir Minchen, und da teilte ich ihr Deinen Brief mit, sie freut sich recht, die Heldin Deiner Oper zu sein. Dort kam der Georg gefahren und nahm mich in sein Gik, wo ich durch die kühle Nachtluft sehr erquickt ward. – Heute nachmittag sind wir wieder in Offenbach angekommen; ich wollt, ich wär gar nicht fortgewesen, so müde bin ich von dieser Reise. – Ich endige meinen historischen Brief, weil es mir grade so ist, als werde nichts heut vorgehen, woraus ich geschichtlichen Honig saugen könnte. – Günderode, Minchen und Marianne grüßen. – Du kommst wohl diese Messe nicht nach Frankfurt? –

Bettine.

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