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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 44
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Bettine.

Wer diesen Brief von mir erhält, weiß ich nicht! Welchem von meinen Freunden schreibe ich, und wer ist mein Freund? Ich bin schon acht Tage in der französischen Republik, bin auch verliebt, habe Ruinen gesehen, Spitzbuben und Weiber, die, bloß der Einfachheit der Forderungen an sie wegen, immer die Besten sein mögen, die wir haben, in der schlechtesten Welt, die wir haben. Wenn Du ein Mensch bist, der sich gerne mit der Idee abgibt, wie dies oder jenes besser sein könne, der sich in der Zeitlichkeit damit beschäftigt, die Stube zu möblieren, so wäre hier unendlicher Stoff für Deine Ideen, für Schlosser und Schreiner. Alles Gegenwärtige ist mir nur der Stiel, an dem ich Vorzeit und Zukunft anfasse. Die unendlich tiefen, vollen und unsichtbaren Gefäße. Die meisten haben nur den Stiel in Händen und sind mit dem Stiel zufrieden, weil sie nicht wissen dürfen, was sie tun, um etwas zu tun. Wie mir's gegangen ist, willst Du wissen, mir ist's nie gegangen. Ich bin, drum liebe ich, und lebe ohne Liebe und Leben; ich bin ein geborner Idealist. Ich bin ein Schüler der ewigen Erkenntnis! – Alles begreifen, ist mein Handlen! – Alles lieben, meine Sorgen. Und daß ich alles Deinem Herzen hinbiete, das zu reich an Gerechtigkeit und ewiger Milde ist, um zu besitzen, das ist mein kleiner Fluch, glücklich bin ich nicht, das ist Menschenwerk, unglücklich bin ich nicht, das ist auch Menschenwerk; ich bin alles, das ist Gotteswerk, und mag es niemand beweisen, das ist arme Bescheidenheit, die Kunst aber ist die Kanaille, die mich mit diesem sorgenvollen Ehrgeize behängt hat, und die Trägheit ist es, der ich es verdanke, daß ich so edel bin.

Lieb und Leid im leichten Leben,
Sich erheben, abwärts schweben,
Alles will das Herz umfangen,
Nur verlangen, nie erlangen.

In dem Spiegel all ihr Bilder
Blicket milder, blicket wilder,
Kann doch Jugend nichts versäumen,
Fortzuträumen, fortzuschäumen.

Frühling soll mit süßen Blicken
Mich entzücken und berücken,
Sommer mich mit Frucht und Myrten
Reich bewirten, froh umgürten.

Herbst, du sollst mich Haushalt lehren,
Zu entbehren, zu begehren,
Und du, Winter, lehr mich sterben,
Mich verderben, Frühling erben.

Wasser fallen, um zu springen,
Um zu klingen, um zu singen,
Schweig ich stille, wie und wo? –
Trüb und froh, nur so, so!

Arnim, Arnim, Dir ruf ich ewig nach, nur neben Dir mag ich leben und sterben, beides muß ich; seit ich Dich kenne, mag ich es auch. Du freue Dich meinen Teil, Du weine meinen Teil, ich gönne Dir beides und wäre zufrieden mit Dir, und so wenig, als einer sich selber gewährt, der kein Verlangen nach mehr hat. Neben Dir ist mir's traurig ergangen, und doch konnt ich in Dich als in den Frühlingshimmel schauen! – Dich hab ich als einen solchen gefunden und mein selbst vergessen. So bist Du mir entgegengekommen und hast mich solchermaßen geliebt! – O Jugend, o Leben, o Liebe, o Tod, o Webstuhl der Zeit! – O Teppich, o Gastmahl, o Rausch, o Kopfweh, o Nüchternheit der Gegenwart. O notwendige Ewigkeit der Gemeinheit und Ungemeinheit, o Allerheiligstes, o Allerunheiligstes.

Im Sandrat steht ein Kupfer, es stellt eine trinkende Psyche vor, auf der Stirn der Psyche fängt die einzige kreisende Linie an, die das ganze Bild herausbringt; an diesem Pünktchen sucht mich, wenn Ihr Euch nach mir sehnt, da sitze ich und hab ein Hütchen auf.

Du bist es, Du liebes Mädchen, die diesen Brief erhält. Du bist mein einziger Freund; auch bin ich bald wieder bei Dir. Meine Liebe hier ist geendigt, nein Dir geopfert, hier hast Du noch ein Lied; schreib mir nicht hierher, ich bin früher wieder bei Dir. Mein Herz sehnt sich wieder nach Deiner reinen tiefen Seele, o Du Engel, Du bleibst mir ewig. Hier hast Du ein Lied, das ich niederschrieb, als ich Benediktchen gesehen hatte, ich hatte es eigentlich geschrieben, als ich an Dich dachte. Doch zuerst einige Worte über einliegende Zeilen von Ritter, die er mir ohne eine Zeile an mich so schickte. Ich weiß nicht, was er damit sagen will, finde sie auch sehr unverständlich, und Du sollst ihm also nichts drauf antworten und sie so lange für einen Wisch halten, bis etwas Gescheuteres oder nichts erscheint, und damit gut.

Am Rheine schweb ich her und hin
Und such den Frühling auf,
So schwer mein Herz, so leicht mein Sinn,
Wer wiegt sie beide auf.

Die Berge drängen sich heran
Und lauschen meinem Sang,
Sirenen schwimmen um den Kahn,
Mir folget Echoklang.

O halle nicht, du Widerhall,
O Berge, kehrt zurück,
Gefangen liegt so eng und bang
Im Herzen Liebesglück.

Sirenen, tauchet in die Flut,
Mich fängt nicht Lust, nicht Spiel,
Aus Wassers Kühle trink ich Glut
Und ringe heiß zum Ziel.

O wähnend Lieben, Liebeswahn,
Allmächtiger Magnet,
Verstoße nicht des Sängers Kahn,
Der stets nach Süden geht.

O Liebesziel, so nah, so fern,
Ich hole dich noch ein,
Die Frommen führt der Morgenstern
All zu der Liebe ein.

O Kind der Lieb, erlöse mich,
Gib meine Freude los.
Süß Blümlein, ich erkenne dich,
Du blühest mir mein Los.

In Frühlingsauen sah mein Traum
Dich Glockenblümlein stehn.
Vom blauen Kelch zum goldnen Saum
Hab ich zuviel gesehn.

Du blauer Liebeskelch, in dich
Sank all mein Frühling hin,
Vergifte mich, umdüfte mich,
Weil ich dein eigen bin,

Und schließest du den Kelch mir zu,
Wie Blumen abends tun,
So lasse mich die letzte Ruh
Zu deinen Füßen ruhn.

Adieu lieb Kind, auf Wiedersehn.

Clemens.

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