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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 42
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

»Schreib mir gleich«, das kann geschehen, da bin ich mit der Feder in der Hand. – »Schreibe auch an sie ein paar Zeilen dazu!« – Ei Clemens, Du bist nicht recht gescheut! – »Wenn sie Dich kennte, sie liebte mich vielleicht.« Gewiß nicht. Wenn sie mich kennte, so würd ich ihr sagen, sei ganz ruhig, Benediktchen, der Clemens wird allemal ein Narr, wenn er an den Rhein kommt, im vorigen Jahr war's so mit der Walpurgis, da brausten Reime wie Schäume! – Clemens, versuch's doch zu dichten, das erleichtert vielleicht Dir die Brust. – Dort, wo Deiner Kindheit goldne Tage in fröhlichem Spiel dahinflogen, auf nimmermehr wiederkehren, wo Du mit Nachbarskindern im Sand spieltest, wo Benediktchen schon seinen blonden Lockenkopf an Deine Schulter versteckte, wenn die Sonne zu heiß brennte, wo Du ihm das Stumpfnäschen putztest und schon damals ihm drohtest, daß wenn es nicht Deine Braut sein wolle, so werdest Du Dich erschießen. Gäb das nicht eine Idylle, einen zärtlichen Roman? Woher weiß ich das alles? – Eben kam der Kanonikus Linz zur Großmama direkt von Koblenz, erzählt, daß Du dort im Korbachischen Hause Schiffbruch gelitten, daß Dein Freund, ein schöner, munterer, vollblühender preußischer Jüngling, weitergereist sei, wahrscheinlich um Deiner Liebe keinen Eintrag zu tun, da er dem Benediktchen, das auch rote Wangen habe und blond sei und voll wie eine Rose und ein Ringelhaar habe bis auf die Erde, diesem habe Dein preußischer Freund besser gefallen; so sei er fort nach Düsseldorf, wo er Dich erwarte, wenn Du würdest Deine Liebeskapriolen fertiggeschnitten haben (Ausdruck des Kanonikus Linz, Du kannst's ihm nicht übelnehmen, er ist geistlicher Herr und muß aus Solidität schon dergleichen Liebeshändel verachten). Clemente, Du bist närrisch! – ich kann es deutlich erkennen an der Nachschrift Deines Briefes: »Schreibe dem Savigny alles, was ich Dir schrieb.« Was ist denn das alles, was ich schreiben soll? – Ich habe das Blättchen auf die andere Seite gedreht, es befand sich ganz weiß, und ich bin in höchster Unwissenheit! – Was soll ich dem Savigny schreiben? daß Du glücklich in Wochen gekommen bist mit einer neuen Liebschaft? – am Rhein, wo's allemal so geht? – ja in Wochen! – denn so lang wird's kaum dauern, denn Du wirst Dich gewiß schon früher wieder herausmachen und wirst gelaufen kommen und Deinen Kirchgang tun bei mir und von mir Dich aussegnen lassen wieder, denn das muß ich allemal. Das erstemal Walpurgis, das zweitemal die Gachet, und nun Benediktchen, hinter all dem steckt nun noch Mienchen, da steckt die Günderode, da steck ich auch, dahinter steckt auch die Eitelkeit. – Die Braut Deines einzigen Freundes. Der Freund ist vielleicht ein dicker ungeschliffner, gar nicht reizender Bräutigam. Du siehst im Spiegel ein edles Antlitz mit sanftem Reiz der Unterlippe, mit unendlich anmutig witzgem Feuer der Oberlippe widersprochen. Du siehst eine blendende Stirn, auf der das Genie nicht zu verschleiern ist, und ein Paar schwarze Augen und einen ganzen Kerl, der gewohnt ist zu siegen! – Du kommst, und die Braut ist schon mit Kuchenbacken beschäftigt; sie hat keine Zeit mehr zum Scherzen, die Wirklichkeit geht an, das Spiel der Lieblichkeit kann nicht auf dessen Kosten getrieben werden. O Clemente, Deine blaue Halsbinde, Deine wunderschön lederne Beinkleider! Deine rote Freiheitsmütze! – Die ganze Armatur wurde vor mir bestellt und dem Schneider, mit einer witzigen Bemerkung nach der andern, das Bequeme, aber notwendig Elegante eingeschärft. – Ich war bei der Günderode, als ich von Eurer Begleitung nach dem Mainzer Schiff zurückkam, ich lachte und sie lächelte (sie lächelt immer nur über Dich, sie lacht nie), wie ich ihr aber die Beschreibung machte von Euch zwei, wie Arnim so schlampig in seinem weiten Überrock, die Naht im Ärmel aufgetrennt, mit dem Ziegenhainer, die Mütze mit halb abgerißnem Futter, das neben heraussah, Du so fein und elegant, mit rotem Mützchen über Deinen tausend schwarzen Locken, mit dem dünnsten Röhrchen, einen lockenden Tabaksbeutel aus der Tasche, und wie Arnim unterwegs die Bemerkung machte, die Mädchen am Brunnen sähen Dir mit Wohlgefallen nach, daß Du da unterwegs getan hast, als verständest Du das nicht, und nachher es dem Arnim zuschobst, aber doch gleich sehr viel schärfer auftratst, als wenn Dir wer weiß welcher originelle Geist so ganz durch den Leib gefahren wär, und wie Du mit Deinem zierlichen Sprung ins Mainzer Schiff mit einem so selbstbewußten Genuß hineinsprangst. – Es sei prophetisch, meinte gleich die Günderode! – Und wir verbrachten noch den letzten Nachmittag in ihrem Stiftskämmerchen mit Glossen über Dich. – Kaum bin ich hier, so kommt Dein Briefchen mit allem Schaden, den Deine Vorbereitung Dir angerichtet hat, denn sie hat leider wie der Blitz in Dich selber eingeschlagen. Verzweifle nicht! – Aber dem Savigny schreib ich's nicht, genug, daß es die Günderode weiß. – Da hast Du nun meinen Brief.

Und noch eins hab ich mit der Günderode ausgemacht, Dich zu fragen – ob Du's noch so unpassend findest, daß der Gärtner an den Blumen hängt, seiner Passion, und nicht so am Kohl, seiner Pflicht.

Deine barbarische Schwester.

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