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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 39
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Liebe Günderode! denn, lieber Clemens, ich muß doch gewiß einen haben, bei dem ich Dich verklage, Dir ins Gesicht kann ich's nicht alles sagen, was ich Schlimmes von Dir weiß und aus Deinem Brief heraus sogleich entdeckt habe. Ach ich möchte gar zu gerne nicht pfiffig sein und lieber gar nichts merken, aber wenn ich's nun einmal gemerkt hab, wie soll ich's machen, es übergehen würde doppelt listig sein. – Also schreib ich's hier ans Günderödchen, da kannst Du gleich erfahren, wie zwei Mädchen sich über einen listigen Jüngling lustig machen. Also denk nur, Günderödchen, der Clemens ist eifersüchtig über den Gärtner. – Lies nur diesen Brief von ihm, wo er gleich von vorneherein mir meine Sentimentalität mit den Blumen vorwirft und wirklich die Vergleiche bei den Haaren herbeizieht, Kartoffel, Gelerüb, Rose! – und dann, ich wär sentimental, und dann mir Heilmittel eingibt, ein halb Dutzend Paar leinerne Stiefelstrümpf, an denen ich ein halb Dutzend Jahre knottlen soll, um mich zu kurieren, und denk doch, Günderode, so geht das drei, vier Seiten fort, aber von dem, was ihn eigentlich ärgert, davon weiß er nichts zu sagen, da ist er ganz unschuldig. Mit der gesunden Lotte soll ich umgehen, um von meiner Empfindsamkeit mich zu heilen, schwarze Kreide soll ich ihm schicken und weiße Kreide, und von meinen Geschwistern soll ich ihm schreiben, von denen wisse ich nichts zu sagen, wirft er mir vor – und ich hatte mir doch vorgenommen, ihm zu schreiben, daß Lulu ein kaffee- und milchfarbnes seidnes Kleid anhatte, was ihr so sehr schön stand. Vom Ball soll ich ihm erzählen, schreibt er, wie kann ich das? – Wollt ich mein Liebesabenteuer von jener schönen Ballnacht ihm mitteilen, das wär ihm wohl gar nicht angenehm. Günderode, davon lasse Dir ja nichts herauslocken, von meiner triumphierenden Heimfahrt erzähle ihm nichts und wen ich beim Aufgehen der Alba am Wege stehen sah, der mich grüßte und dem ich meinen Kranz aus dem Wagen zuwarf, das schreib ihm nicht, das bleibt unter uns Mäderchen! – Und die Revolutionsgeschichte mit allen ihren Rebellern hier in Offenbach und mit meinen tausendfach facettierten Reflexionen darüber, die, meint er, soll ich wieder hervorholen. – Ja wenn er wüßte, was wir zwei beide, ich und Du, alles schon drüber miteinander gedacht und verhandelt hatten und was wir niedergeschrieben, und auch so manches Blatt schon zerrissen haben. O Günderode, damals hatte er auch keine Ruh und predigte Dir so lange, Du solltest mich davon abbringen, so hatten wir denn beschlossen, im stillen darüber uns allein Rechenschaft zu geben, weil doch diese Weltangelegenheit eine ganz andre, lebendige, ins tiefste Denken eingreifende Gewalt ist, weil sie doch ein Richteramt führt über alle heiligen Rechte der Menschheit, weil sie doch in sich selber eine ganz von allen Urgründen der Lebens- und Bildungsstufen aufstrebende Geistesbahn ist. Geschichte studieren! Müllers Schweizergeschichte! bon! Aber sie ist vorbei, gedörrte Quetschen, schmackhaft zwar, aber was soll ich mit Backobst! – Was soll ich mit euch – ihr krüppeliches Winterausdauerungsprodukt, bin ich ein Hamster, der beide Backentaschen voll in seine Vorratskammer aufspeichert? – Nein, ich bin eine frank und freie, lustige, helle Bergquelle, vom Zufall oft durch Wüsten und Paradiese hinrauschend mit gleicher Lebendigkeit; geht's über Klippen, dann ist er gleich noch einmal so aufgeregt, da stampft er, da gischt er, da dampft und braust gleich seine Lebenskraft heller aus dem lichten Schaum hervor. Nein, ich bin nichts. Aber wenn einer das sagt, dann bin ich gleich etwas. – Auch fürchtet der Clemens, ich lese alles durcheinander – und macht mir Vorwürfe, er denkt, Romane können mir die seltsamen Gedanken einprägen, und wenn er wüßte, daß keine Romane mir je gefallen können als mir meine eignen! – Gibt es etwas Ärgerlicheres, als Liebschaften sich vorerzählen lassen, wo man sich gleich wundert wie die Schafe, welche auf diesem Romanen-Teppich weiden, nur zu diesem Schwindel kamen, und der meint, dazu käme ich. – Noch eine ganz närrische Seite tritt oft wie ein mir unverständliches hebräisches Wort auf den Lehrstuhl, und zwar mit den feierlichsten Gebärden, so daß ich im Anfang ganz ängstlich wurde und mir vergeblich den Kopf zerbrach, was das sein möge. – Von nun an beseitige ich meine Skrupel, weil ich erst jetzt deutlich sehe, daß der liebe liebste Clemens auch von allerlei ihm selbst nicht recht deutlichen Beweggründen angespornt wird, manches zu wollen, zu fordern, zu beteuern. Das Wort ist Pflicht. »Tue Deine Pflicht mit Ernst – das Leben nehme leicht.« – Seh ich mich um nach meiner Pflicht, so freut mich's recht sehr, daß sie sich aus dem Staub macht vor mir, denn erwischte ich sie, ich würde ihr den Hals herumdrehen! So erpicht bin ich gegen sie. – Nun, ich hoffe, daß ich und meine Pflicht nie zusammenkommen, falls eine sollte auch auf mein Los gekommen sein – ich würde sie mit meinem ernsten Blick schon in Schranken halten, daß sie mir nicht über den Hals käme, ich verstehe keinen Spaß darüber, meine ganze Natur kommt in Aufregung, und Kräfte machen sich in mir auf die Beine, die alles in Grund und Boden trampeln, was sich mir aufsässig machen will. Also Pflicht, halte dich im Hintergrund, wenn du nicht abgedroschen sein willst. – Meinetwegen geh zum Herrgott und klag, daß du nichts bei mir ausrichten kannst; wenn ich ihm's vorstell, wird er schon Räson annehmen. Heilige Harmonie der Natur, dich wollen sie aus dem Geleis bringen der einzig göttlichen Sphäre, der Freiheit nämlich, und wollen zur zinspflichtigen Pflicht machen alles, bis auf den Adel der Seele sogar, aus dem alles Große entspringt. – Entspringen heißt ja aber schon, dem Strang der Pflicht ausweichen, ich aber entspringe ihr nicht, ich wende mich grade um gegen sie, seh ihr scharf ins feige Angesicht und sage ihr: Weiche zurück vor meinem reinen Instinkt des reinen großen Mächtigen, von dem du dir nichts träumen lässest. – Und denk, Günderode, auch meine Träume greift mir der liebe Clemens an mit seiner Satire, und wenn er doch in unserm Traumbuch läse, wo wir so seltsame wunderliche Sachen und Gedanken schon aufgeschrieben, aus denen Du schon Stoff zu manchem schönen Gedicht gefunden hast. – Wenn er Deinen Franken in Ägypten läse, ein geträumtes Abenteuer gab dazu den Stoff – aber jetzt werd ich gleich einmal meine Pflicht überschreiten und werde ein bißchen zum Gärtner gehen, da es die Abendstunde ist, wo er begießt, da hab ich ihm versprochen zu kommen, und zwar nicht aus Pflichtgefühl, sondern aus Lust am lieblichen Geschäft, aus Lust an alle dem frischen Leben, was sich in dem schönen Schmelz der Farben regt, am Wachstum der Knospen und an allem in allem! und auch zum Kohlbeet werd ich gehen, was der Clemens für des Gärtners Pflichtniederlassung hält. – Ich werde mich da mit meinem Pflichtstrickstrumpf hinsetzen und etliche Pflichtmaschen stricken, ich werde aus Pflicht gegen meine Bildung in der alten Schweizergeschichte lesen, daß der Teutone keine Stiefelstrümpfe trug, als er noch ein freier Mann war, ich werde also aus Pflichtgefühl am Altar der Freia mein Strickzeug niederlegen und das Gelöbnis ihr tun, nie wieder Stiefelstrümpfe zu stricken, die dem freien deutschen Charakter Fesseln anlegen! –

Soweit meine Mitteilungen an die Günderode, lieber Clemens, über Deinen Brief; ich hab ihr zwar nicht wörtlich so geschrieben, denn es braucht zwischen uns der Worte nicht so umständlich, und diesmal war sie selbst hier, und wir gingen zusammen spazieren im Boskett, und wir lachten am allervergnüglichsten über Deine Besorgnis um meine Melancholie, hinter der sich doch nur immer die Langeweile verbirgt, da ich die aber gar nicht herberge, da ich wie ein kleiner Spritzteufel oder sogenannter Laubfrosch (Rakete) feurig herumhüpfe, morgens aus dem Bett in den Garten barfuß, denn ich hatte ja wahrhaftig gestern meine Studienbücher liegenlassen. – Dann wieder hinauf, angezogen, dann zur Großmama frühstücken, dann Klavier exerzieren, Generalbaß – Hoffmann kommt, entwickelt kabbalistische Mysterien der Musik, die ungeheure Kabale und Schikane ihrer Torsperre; der geniale Hoffmann, der Mann des Ruhmes und der Begeistrung hebt diese Gesetze mir zulieb auf, namentlich die der Metrik, die so engherzig sind, daß jedem Volksredner in dieser engen Taille der Atem ausgeht. – Jetzt macht mir's Freude zu komponieren. – Hymnen der Diane, Päane an Dionysos, von Stolberg übersetzt. – Ja das macht mir Freude, ich klettere als abends aufs Dach von der Wäschküche, dort erfind ich die wunderlichsten Wendungen. Der Himmel rötet sich davon vor tiefem Mitgefühl, und die Sterne drängen sich herbei und lauschen, und Hoffmann lauscht auch, er ist unser nächster Nachbar. Meine Stimme ist durchdringend, wär mein Geist es auch! – Hoffmann kommt am Morgen in die Stunde, kann meine Melodie halb auswendig; was ich mit Bleistift notiert habe, kann er meist besser als ich – übers Metrum streiten wir zwar nicht, denn er will durchaus, es soll sein, wie ich's ursprünglich singe, Takt und Auftakt kommen in Subordination und dürfen nicht ihre herkömmliche Observanz mehr geltend machen, er sagt, wenn ich mich hineinstudiere, so wird's der Musik eine neue Bahn brechen. Närrischer Kerl! willst mir schmeicheln, mir Mut machen zum Lernen; weiß ich doch, daß er's mir weismacht, so trägt's doch meine Begeisterung unendlich hoch! zu Unerhörtem, noch Ungehörtem. Hoffmann machte als ein kraus Gesicht. – Aber denk doch – bald gewöhnte er sich – nein, er verliebte sich hinein – und letzt, als er in einem Konzert phantasierte auf dem Klavier, hat er alles ineinandergeflochten; es war schön, ja so begeisternd schön, ich wußte nicht, was ich hörte, ich konnte meinen Ohren nicht trauen! Es kam mir so deutlich vor, als habe ich das gesungen. Als er am andern Tag in die Stunde kam und fragte, wie sein Spiel mir gefallen habe, sagte ich ihm mein Entzücken, aber doch sei es mir so bekannt vorgekommen, ich hätte beinah jede Wendung vorausgeahnt, so fremdartig sie auch geklungen habe. »Ja freilich, es sind Ihre eignen Wendungen.« – Gott, ich war ganz beschämt, daß ich so schön gefunden, was ich selber erfunden hatte, er tröstete mich aber! – er sagte, er habe die Mauer zu übersteigen oft Lust gehabt, allein über einem gelehrten Musiker fallen die andern alten Generalbaß-Tyrannen wie die Krähen her, rupfen und hacken ihn, aber eine unschuldige Liebhaberkomposition berücksichtigten nicht diese alten Hintersassen des Hochmuts und der Pedanterie. Andre, mit gesundem Gefühl Begabte werden diese Lieder schon ihrer Eigentümlichkeit halber gern hören und gern nachsingen. Denn aus fremden Landen komme manches in der gestatteten Harmonieenfolge Unerhörtes, und doch errege es selbst das verbildete Ohr zum Genuß, glaubt, es wird am End dergleichen keinen Widerspruch mehr erleiden, die unschuldige Weisheit muß sich einschwärzen.

Genug vom Generalbaß. Du siehst, lieber Clemens, daß er seinen Platz in meinen verschiednen Interessen behauptet. – In meinen Heften, die ich vor vierzehn Tagen, also zum 1. Mai, geheftet habe und die den ganzen Monat ausdauern sollten, hab ich schon jetzt kaum Platz, Randglossen zu machen, so hat's Ideen geregnet mit dem Mairegen. – Ich hatte nämlich aus Pedanterie mir meine Hefte numeriert und eingeteilt auf jeden Tag soviel Seiten, heute in der Geschichte, morgen Musik, übermorgen Ph., ich sag's nicht, was, aber Philosophie ist's nicht, die mich übel anriecht auf hochdeutsch. – Aber es ist das schönste, weisheitsvollste Wissen für mich, in dem ich unendliche Aufschlüsse finde von Sonne und Mond und allem, was war und noch sein wird, und hab ich wollen eine Einrichtung der Ordnung machen und einmal Pflichtgefühl spielen, und alles war in schönster Ordnung und Gelöbnisse, sie nicht zu überschreiten. Aber Mirabeau hat recht behalten, mein Genie hat diese Ketten gesprengt wie ein Pulverturm, der in die Luft flog und alles untereinanderwarf, es ist kurios mit anzusehen. Aus den vier Heften ist keins zu unterscheiden, was es behandlen soll, schon auf der dritten, vierten Seite ist's wie unterirdisch Feuer, das sich aus dem Schoß des Wissenschaftlichen hervorwühlt und wie eine Lava alles verschüttet. Das Erdreich, über das solche Lava sich ergießt, soll am fruchtbarsten werden.

Ich hab schon sehr genug geschrieben! – Doch kann ich's nicht unterlassen, noch alles, was den ganzen Tag mich wie einen Bratapfel auf dem häuslichen Herde dem Feuer aussetzt und gar macht, hier zu notieren. – Auf die Darre bei der Großmama komme ich auch jeden Tag ein paar Stunden, des Unendlichen unendlich viel, was da vorkömmt. – Vorzüglich eine Reise zweier Erdwürmer ihr vorzulesen, welche die Erdschichten untersuchen. Die Großmama schluckt Kohlen, Kalk, Kreide, Kies, Kranitlager hintereinander (fünf K von ungefähr), ich bin immer froh, wenn die guten Herren ins Wirtshaus einkehren, wenn sie die Schnapsflasche herausholen und die Wurst, wenn sie die Nachtmütze überziehen und aufs Ohr sich legen, aber ich kann ja nicht mit ausruhen, ich muß gleich weiter – das ist meine peinlichste Zeit, ich seh auch die Großmama oft so stupid an, daß sich die Verwunderung darüber auf ihrem Gesicht malt. – Jetzt denk Dir die Emigrantenangelegenheiten noch alle unter meiner Obhut, alle Wege, wozu einer zu faul ist die Beine aufzuheben, fliege ich im gewaltigen Sturmflug hinab, hinan. Die frühen Morgentauwege, wo ich allemal mit nassem Schuhwerk heimkehre und bringe einen Strauß mit. – Und das ist doch noch nicht alles: Hühner und Hunde der ganzen Nachbarschaft wollen auch sich mit mir abgeben, und Deine Stiefelstrümpfe stellen sich nun gleich einer Heiduckenwache vor die Tür des Gartens des Lebens, »wo die wirbelnden Blüten im Winde sich drehen.«- Lied, komponiert von Sterkel. Adieu! –

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