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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 36
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Bettine.

Liebes Mädchen! Hier ohne Dich zu wohnen, wenn ich das aushalte, so darf ich mich meiner Stärke rühmen. – Ach, wo ist's in der Welt wieder so schön, als hier in diesem Frühling hoch in den Lüften zu schweben, dem Himmel so nah, daß jedes der sechs Fenster meiner Stube eine prächtige Landschaft unter Rahm und Glas bringt. Nur das Große der Stadt berührt mich; die Türme sehen mir in die Fenster, und die Stadtuhren sind meine Wanduhren, ich kann nichts tun, als an Dich denken, Dein Bild hinhalten. Der Frühling flieht von meilenweiten Bergen über die blühenden Felder und den sanften Strom und die klingenden, singenden, schwingenden Wälder her zu mir; und bringt Blumendüfte, Farben und Klänge mit, all herein zu den sechs Fenstern, und da halte ich Dein Bild in die Mitte, daß es der Reichtum der Jugend umwalle. Ach, warum bist Du nicht da? – Ich bin entsetzlich ungeduldig um Dich! – Überall entbehre ich Dich, und selbst an Dich zu schreiben macht mir Schmerz, weil Du mir auch dazu fehlst! Ja, zu den Gedanken an Dich, zu Dir selbst fehlst Du mir. Und wenn Du da wärst, so wärst Du überall in der Herrlichkeit. – Und alles Sprechen ist nicht wert, ein Wort darüber zu verlieren, so wie alles Schießen keinen Schuß Pulver wert ist. – Wenn ich Dir sagen soll, wie es hier ist, wie es mir ist, wahrhaftig ganz anders als beim de Gabrielli, der Sonn und Mond, Wald und Tal und Ferne und Sturm auf ölgetränktem Papier uns so deutlich vormalte, und wir uns beide freuten so herzlich darüber. Nein, es ist auf dem Papier nicht zu erschwingen, was ich brauchte, Dir zu sagen, was man hier in einer Minute empfinden kann, ich müßte in einer Minute wahnsinnig und gescheut, dichtend und liebend und spottend, und lebend und sterbend sein, um Dir dies Leben recht wieder zuzuströmen. Das Haus mitten in den Berg gebaut, aus allen Stockwerken in den Gärten, selbst aus dem Keller. Wenige Schritte oben das prächtige Schloß und Eichen und alles. O ich möchte noch einmal närrisch werden, da ich's einmal schon bin. Daneben steht am Garten ein hoher, alter Turm, da lassen wir nun eine Treppe hinaufführen, ich bin schon mit einer Leiter hinaufgestiegen; oben wird ein Zelt aufgeschlagen, und da hängt man wie ein Luftschiffer über Berg und Tal. – Ach ich langweile mich tot, daß Du nicht da bist, Bettine, daß Du nicht da bist, all du Frühling, den ich soeben erzählt hab, daß Du alles nicht da bist, was da ist, weil Du mir fehlst, lieb Mädchen. Gott weiß, ich sehe nur alles im Auge, im Genuß derer, die ich liebe, und ohne sie ist die Welt mir eine ausgebrannte Kohle. Aber ich liebe auch Gott und sein Werk und am meisten Dich, Du bist mir sein Absteigquartier. Die Vögel philosophieren in den Lüften, die Frösche weissagen in den Teichen, und ich versuche ihnen nachzusingen und zu quaken, derweile sie ihre Studia absolvieren. – Ach helf mit – wirke auf Deinem Fleckchen, der Welt den Frühling in seiner Fülle in den Schoß zu ergießen, damit das Leben überall sich regt; sonst kommen Vögel und Frösche bei Euch zu kurz vor lauter Amtsgeschäften. –

Sieh aber nur, so sind die Menschen, so bin ich auch. Gestern und vorgestern hab ich das Vorhergehende geschrieben, da war alles das noch neu und wünschenswert, ich konnte noch nach Dir und nach der Natur begehren. Heute ist es schon ganz anders, ich begehre nur nach Dir, es ist mir, als hätt ich Dich in ewiger Zeit nicht gesehen, und ich empfinde recht deutlich, wie Erinnerung und Sehnsucht einander so ähnlich sind, daß sie sich sogar ergänzen. Und was die Erinnerung nie gewußt hat, das kann die Sehnsucht in Erfahrung bringen und es der Erinnerung überliefern. Daß ich Dich so lebhaft vor mir sehe und in jeder Minute Deiner gedenke, ist doch nur eine Folge davon, daß Dein Bild erst so kurze Zeit deutlich in mir aufgeregt ist durch Deinen Brief, und hätte ich nun seit längerer Zeit nichts von Dir erfahren, so würde mein Sehnen danach der Erinnerung die Rolle abnehmen. Die Nähe hinter und vor uns regt uns gleich stark an. Was wir vergessen, töten wir, wessen wir gedenken, das beleben wir. Was uns vergißt, das tötet uns. Jede Sehnsucht ist Begierde zu bilden, zu gebären, jede Erinnerung ist eine Wiedergeburt. Wahrhaftig, liebes Kind, ich liebe den Frühling nur, weil ich mit innigerer Rührung Deiner drinnen gedenken mag, weil er das einzige ist, das mir in Momenten Dich würdig ersetzen kann, und er versteht und reflektiert mich doch noch nicht wie Du und kann mich nicht so belehren und erquicken. Aus einer recht herzlichen, offenherzigen Liebe kann doch nur allein in der Welt etwas werden, und wenn der Menschen Geist sich nicht recht gewaltig durchdringt und nicht recht muß, so bleibt es eine ewige Lumpenkrämerei und gibt immer Plattheiten. So wie die Elemente sich durchdringen und die Welt bilden, und der Geist und die Welt sich durchdringen und den Menschen bilden, und der Mensch diese Liebe mit einem freien Blick ansieht und, indem er ihre Notwendigkeit und seine Freiheit in dieser Notwendigkeit betrachtet, den Gott erkennt und anbetet – alles das ist nur eine herzliche Liebe, wo diese Liebe nicht ist, da ist die Dummheit und all das Böse, das uns empört. – Ich kann mich oft recht an dem Gedanken entzücken, daß mir in Dir die Welt, die mir gegenübersteht, die Welt, die ich gern ansehen und lieben mag, ja alles, was des Meinigen auf Erden werden sollte, zum Menschen erschaffen worden ist, der mich wieder aufnimmt in seine Gedanken und sich an meinen Freuden ergötzt; seitdem kommen alle freundlichen Ideen, die ich denke, zu mir zurück und denken mich wieder; und was ich anschaue mit Liebe, das schaut mich wieder so an; seitdem bin ich zur Welt geworden und lebe das Leben, das man mein Leben nennt, das aber des Lebens Leben selber ist. – Ich habe mich oft unterfangen, meine Liebe zu Dir zu meinem eignen Werk zu machen, aber es war ein verkehrter Streich, ich bin das Werk meiner Liebe zu Dir, und nicht diese Liebe mein Werk. – Meine unglückliche frühere Neigung preise ich jetzt hoch, denn ich habe mich dadurch erkennen gelernt, und so kann ich Dich in jeder Minute recht verstehen, und Du brauchst keinen Blick unerwidert in die Welt zu tun; und alles, was von Dir laut wird, findet einen freundlichen Richter in mir. – Gott will's so haben, daß wir uns lieben und einander belehren sollen, ich sehe es in allen Dingen und gebe mich dem offen hin, denn ich will nicht mit der Wahrheit streiten, denn es ist nicht möglich, sich zu trennen von dem, in dem man sich begriffen fühlt; es ist undenkbar wie alles Resignieren, was immer nur auf sich selbst verzichten heißt. – Es resigniert niemand, sowenig als das Wasser resignieren kann, Wasser zu sein, solange es noch Wasser ist. – Und Resignation ist nach meinem Begriff nichts als eine lächerliche Selbstgefälligkeit in einer notwendigen Veränderung unserer Selbst, welche Veränderung durch diese lächerliche Selbstgefälligkeit allein entsteht. – Resignation und Kaprice sind an und für sich dieselben tötenden Feinde des eigentlichen freien und vollen Lebens, das nichts von sich weiß und das mit einer von beiden zu sterben beginnt. Wenn wir mit Kaprice das Leben festhalten wollen, so resignierte das Leben schon auf uns und ist im Abmarsch. – Wenn wir resignieren, so sind wir im Abmarsch, und das Leben hat die Kaprice, uns nachzulaufen oder nicht, und beides ist eine gegenseitige schlechte Koketterie, bei der man die Zeit verliert. Denn daß wir so oder so leben, ist grade der Beweis, daß wir so leben wollen und sollen, solange wir wollen; da das Leben die Durchdringung des Geistes und Stoffes ist, in der sich nach ewigen Gesetzen grade die Lebenserscheinung konstalisiert, so ist's in allem. Das ganze Leben kehrt in sich selbst zurück, und wo wir schon so in uns selbst zurückgegangen sind, daß wir von uns selbst und also von keinem Ding uns mehr getrennt denken können, heißt es, sei der Tod; der Tod aber ist in jedem Momente des Lebens, da das Leben nichts ist als das ewige Zurückkehren und Hervorgehen des Lebens aus und in sich in demselben Momente. – Ebenso ist das Leben in jedem Momente des Todes, denn Leben und Tod sind eins; um leben zu können, muß man ewig sterben, und um sterben zu können, ewig leben. Die Ansicht vom Leben im Gegensatze vom Tod ist eine sehr beschränkte Ansicht und etwa so, als klage ein Handwerksbursch über die Flüchtigkeit der Zeit, weil der viele Spaß am blauen Montag ihm den seinen so kurzweilig macht. Alle Menschen, die ihre eigne Biographie für ihr Leben halten und so lange einen Menschen für lebendig halten, als seine Stelle nicht vakant ist, sind solche Handwerksburschen, und ihr Leben sind blaue Montage. –

Wir leben nur durch das Bewußtsein unseres Lebens, aber ohne alles Leben überhaupt haben wir kein Bewußtsein, und wir leben daher nur durch die Ewigkeit des Lebens, die alles Leben ist und jedes Leben.

So gibt es denn nur ein Leben. Damit übrigens etwas lebe, muß es im Momente erscheinen und also von der Zeit gefesselt sein; insofern also unser eigentümlich Leben im Momente liegt, ist es in diesem von der Zeit gefesselt, und hinter jedem Momente liegt dessen Tod; der Tod also befestigt das Leben in der Zeit, die Zeit aber selbst ist ein Produkt von uns, denn wir können eine Ewigkeit denken; also liegt der Tod in der Ewigkeit, und Leben ist nichts als die Ewigkeit, die wir uns zueignen dadurch, daß wir uns ein Stückchen von ihr mit einem hinten vorgehaltnen Tod auffangen. – Doch ich kehr zu Dir zurück, liebes geliebtes Kind, ist doch diese Reflexion schon eine Sünde gegen Dich, ich habe in Dir meine Ewigkeit so schön gefangen, daß ich nicht länger grammatisieren darf; da das Leben der Sprache ein Gedicht mit mir lebt, das Du bist, Du Lied vom Weibe, von Liebe und von Gott. – Daß ich Dich so liebe, dafür danke Gott, wenn es Dich glücklich machen kann, ich danke ihm auch um Deiner Liebe willen. Es ist ein großes Erbarmen von ihm, daß er uns alles ineinander gegeben hat, und wir dürfen nicht stolz darauf sein, denn es ist nur Gott, den man liebt, den Gott im Menschen, und je schärfer und tiefer wir blicken, je mehr erkennen wir ihn und je ruhiger und einfacher wird die Liebe. – Etwas Rührendes liegt in unserer Liebe; wenn ich Dir ernst über lebendige Stellen meines Lebens spreche, die nun gestorben sind, und wenn ich Deiner gedenke! – Aller Lärm wird dann stumm, alle Menschen werden mir steinern neben Dir, und dies Stille erwacht in eine Musik, ich möchte sie eine innere Musik nennen, die sich selbst hört. Wenn ich aufrichtig sein soll, spreche ich mich gegen niemand gern aus als gegen Dich, denn Du verstehst mich und freust Dich meiner. Mit den andern Menschen verbindet mich nichts als ihre Seltenheit. – Gute Nacht bis morgen! –

Clemens.

Sollte die Günderode Dir einen sehr wunderbaren Brief von mir zeigen, so verwundre Dich nicht, ich bin begierig, was sie darauf spricht.

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