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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 35
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Der Savigny kann wohl ruhig Dir zusehen, wie Du schwärmst für ein Bildchen, das zwar nur bemalt auf ein kleines Brettchen, doch Deine Schwester Dir lieblicher ins Gedächtnis ruft, als sie wirklich ist. – Der Savigny sieht still dem zu, wie Du und andre ausgreifen nach Glück und tausend Mißverständnissen dadurch begegnen; seine Glückseligkeitslehre geht ungestört über dem Gewirr Eurer phantastischen Neigungen weg, er sieht Eure Freuden und Leiden wie Tag und Nacht wechseln, denn wie könnte er Anteil nehmen an dem neugefundnen Glück, das Ihr jeden Augenblick aus dem großen Ozean der Zufälligkeiten herausfischet, und gleichgültig wieder in diesen Ozean hineinfallen lasset, was Euch im ersten Augenblick geblendet hat. Ihm aber wächst im heimlichen Grund eine Blume, die nicht verblüht, Du nennst sie seine Studiermaschine, ich nenne sie seine Muse. Was er hört und sieht, das entgleitet seinen Sinnen wieder, sobald es nicht Bezug auf sie hat. Und das ist natürlich, was Dir unnatürlich deucht. Und wo er fühlt, mag er nur sich selber in diesem Wirken fühlen, seine Muse führt ihn mit freundlichem Anstand die Berge hinan, die andre unersteiglich finden, und bereitet ihm die Ordnung, die er notwendig fordert, wenn er sich einheimisch bei ihr fühlen soll, es muß ihr doch was an ihm liegen, sonst pflegte sie ihn nicht mit dieser Sorgfalt. Drum soll Dich auch sein Stillschweigen nicht verdrießen, denn Du und ich sind außer aller Ordnung. – Das nennt er nun verschließen – daß seine Ordnung mit Deiner Außerordnung die Grenzscheide zieht. – Du bist ungerecht, ihm das zu verargen, aber Dir ist's zu verargen, daß es Dich ungeduldig macht; ich bitte Dich, was fragst Du danach, oder wie ist's möglich, daß Du nachträglich noch melancholisch darum sein kannst. – Welche Freude hab ich, wenn er mir schreibt, auch nur wenig Worte, seine Briefe sind mir Heiligtümer, aber welche Freude hab ich, auch wenn er nicht schreibt, an dem reinen Himmelsblau, das die schwarzen Schwalben durchjauchzen heute zum erstenmal; die alte Kordel freut sich und liest aus ihrer frühen Ankunft einen warmen Sommer, ihre neunzig Jahre sonnen sich gern. Wie schön ist's an ihr, daß sie an allem sich freut. Ja, es gibt viele Lesearten von dem, was die Seele begehrt. – Und alles tönt in die Wahrheit, die in Dir selber erklingt, und dazu kann Savigny immer schweigen. Was er Dir wörtlich sagen könnte, das ist nur Nebensache gegen diesen Hauptinhalt des Schweigens oder Nichtssagens, worüber du klagst, dessen doch sein inneres Leben bedarf.

Ich bin nicht neugierig, was innerhalb seiner Geistesburg vorgeht; sowenig als auf das, was innerhalb von Klostermauern vorgeht. Wer einmal weiß, alles geht innerhalb der vier Wände der Ordnung, wie kann der noch Kunde davon haben wollen und sich kränken, wenn keine erschallt.

Weißt Du, es ist heute der 7. Mai, geh in den Wald, lausch der Nachtigall, die drauflosschmettert, trotz dem »schweigenden Haine«, sie durchschallet das Revier allein, und allein hört sie begeistert sich zu. Schweigt, ihr Nachbarn, denn sie antwortet eben ihr volles Leben dem Frühling, der hat sie darum gefragt. Mit Savigny und Dir ist solch Frag- und Antwortspiel nicht, wie der Frühling und die Nachtigall haben. – Was willst Du nun noch? – Du bist im Unrecht, und er ist im Recht in seiner Stummheit. – Du aber Clemens, darfst nicht verstummen, Du lockst wie ein Vogelsteller die zärtlichen Waldsänger; o wer hat nicht Lust, ein Vögelchen in der Nähe zu sehen, zu haschen und zu liebkosen und dann wieder fliegen lassen. Du lockst mir sie herbei, die das Naturleben so glücklich, so ganz ergötzlich bevölkern. –

Die Briefe Deines Ritter! – er singt ja zu mir! – und Du hast mir's ganz verschwiegen? – und jetzt bitte ich, schick ihm die beiliegenden Zeilen. –

Clemens! – Ich weiß, daß eine ganz eigne Polizei existiert, womit man die jungen Mädchen verfolgt. – Und das nennt man in der Ordnung. Und aber Ordnung umfaßt nicht das Außerordentliche, das sich reimt mit dem Göttlichen. Ordnung ist hölzern, sie kann sich nicht reimen! – Aber Göttlich und Außerordentlich reimt sich. Die Purpurröten! sie wogen, sie durchleuchten und färben reizend die strömenden Lüfte, lasse sie das freie Blaue in sich trinken? –

Lieber Ritter! dem Clemens zum Trotz zaubere Du doch ein wenig Rot mir in die blaue Ferne, ich schlürfe es wie das rote Blut der Traube, und wenn ich auch ein wenig trunken träume! –

Clemente, ich muß Deiner lachen! – »Wie sie so sanft ruhn, alle die Seligen.« – Dies Lied fällt mir eben ein. – Ja, es ist in der Ordnung, daß sie ruhen, und es reimt sich nicht auf mich, die singt: »Du, o Dionysos, umschlingst die Seele und trägst aus purpurtrunknen Gluten sie hinüber ins ewig frische Blau!« – Das ist nicht in der Ordnung (denn wer, Teufel, versteht es), aber es ist doch unendlich schön und reimt sich mit meiner lebendigen Seele.

Mir sind Ritters Briefe ein Zauberspiegel seiner Geistesnatur! nichts von Ordnung darin. Aber »jeden Nachklang fühlt mein Herz« reimt sich auf diese Außerordnung. Jeder Halm auf der Abendwiese wiegt sich in diesem Nachklang, und darauf reimt sich: »Es steht von goldnen Blumen die ganze Wiese so voll«, und es ist schön, wie sie aus seinen Briefen mir zunicken, und das ganze Seelengeheimnis ist nur ein ewig Blühen und Fruchtbringen der Natur, an dem der Vergleich des Herkömmlichen stumm vorübergeht; – es hat keinen Teil an ihm. – Im Geheimnis ist der Mensch frei, er hat keinen Richter, sein Gewissen hält Wache für ihn auf der höchsten Höhe. Und übersieht und erkennt und erreicht alles, was dem Gewissen der Vorurteils-Menschheit ein furchtbarer Kampf ist.

Wer Ewigkeit glaubt, hat die Unsterblichkeit. Wer dem Geheimnis nicht einverleibt ist, hat keine Existenz. – Ich hab das antworten wollen auf Deine kunstvertiefte Schauung; und ich hab sie gar nicht verstanden und wieder gelesen und noch nicht verstanden. Und endlich hab ich aber gemerkt, daß ich mich immer zerstreuen ließ durch einen schmalen Lichtstreif, der durch ein Astloch des zugemachten Ladens fiel, quer über meinen Schreibtisch, in dem tanzte der Demantstaub des Lichtes, und ich sah ihren Kontertänzen zu, anstatt nachzudenken über das, was ich nicht gleich verstand. – Jetzt hab ich aber dem Astloch den Rücken gewendet. Und da hab ich mich besonnen, so scharf ich vermochte. Da sagst Du: »Es gibt nur ein einziges Leben, denn das Leben all ist ein gelebtes.« – Ja Clemens! Ein gelebtes, wo jeder Atemzug ewig drin fortlebt. – »Die Kunst aber ist ein ungelebtes Leben und ist daher im Leben unmöglich.« – Ach, darauf hab ich mich stark besonnen; und immer schwankt's. – – Und jetzt weiß ich's! – Oder weiß ich's dennoch nicht? – ein ungelebtes Leben! – Mein Gott! meine Götter, zu denen der Geist alle Sinne, alle Augenblicke die Tempelstufen hinanträgt. – Wie die Lichtstäubchen dort den Sonnenstrahl hinantanzen – in denen aller Geist sich einwebt oder auflöst. Ist das die ungelebte Kunst, die nicht möglich ist im Leben – so lebt doch der Geist einzig in ihr und steigt bis zur obersten Sprosse der Himmelsleiter mit starkem Willen; – mir ist bang, sie muß ihm nachgeben. – Still! hier verwirrt sich's. – »Das einzige Wissen ist das, dem eine einzige Kunst entgegengesetzt werden könnte.« Ich schäm mich, eine Antwort zu suchen. – Und doch hab ich sie: Das einzige Wissen ist der liebende Geist, die einzige Kunst ist das des zu liebenden Göttlichen, was des Geistes Streben an sich reißt durch seine magnetische Kraft. Die Kunst also ist ungelebte Magnetkraft, die alles Leben an sich reißt. – Ach! – in der fernsten Ferne meines Lebens sehe ich, fühle ich diese Magnetkraft mich beherrschen – sie ist Kunst in sich. Feuerkraft ist sie, dem Geisteswillen sich zu unterwerfen. Das Ungelebte zwingt das Lebende! – bist Du's zufrieden, Clemens? – – Adieu.

Bettine.

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