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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 33
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Ich habe geglaubt, Du würdest kommen, so sind nun schon vierzehn Tage herum, wo ich jeden Tag Dir entgegensehe und deswegen auch nicht schrieb und noch wegen etwas anderem. Weil ich manchmal zu sehr ergriffen bin, wenn ich an Dich denke, und versäume oder vergesse vielmehr darüber, an Dich zu schreiben, was ich denke. Ich will Dir nun erzählen, wie mir ist und wie ich bin, damit Du keine Sorge um mich haben sollst. Ein Tag wie der andere, frohsinnig, lustig, ja manchmal fast ausgelassen, und dennoch find ich innerlich recht viel ernste Fragen. Die erste Frage bist Du. Der Clemens, sagt mir eine innere Stimme, hat viele Fäden ins Weltgewebe eingesponnen, alle sind sie Geist und Feingefühl, aus Schönheit und Güte hergeleitet, und man kann die edle und erhabne Natur von ihm daran beweisen, aber doch führen sie alle wieder zu Mißkenntnis und Undank und auch nicht dahin, wo der Clemens meint, und dem er doch so viele Glückseligkeit der Gegenwart opfert. – Und dann denk ich gar, Du wirst durch Aufopferung Dich wohl um allen Vorteil dessen bringen, was die Menschen als Glück erringen möchten. Wie komme ich dazu? – Ach verzeih mir's, ich habe ein Buch von Dir gelesen. – Bei der Großmama lag es – und ich hörte, daß sie darüber sprach – sie wollte aber gar nicht, daß ich es wissen solle, sie legte es auch sorgfältig unter andre Bücher. Wie ich aber allein in ihrem Arbeitszimmer war, denn ich schlafe da, damit eins von uns in der Nähe von der Großmama nachts ist. – Es ließ mich nicht schlafen, ich dachte immer, es sei wohl besser, nicht nach dem Buch zu suchen, aber ich hab's doch gelesen. Du hattest mir nie davon gesagt, und ist's denn wahr, daß es von Dir ist? – und so vieles, was mich ganz verwirrt! – Große und kleine, törichte und vernünftige Begebenheiten scheinen mir darin verflochten, und dann scheint es mir so sonderbar geschwärmt, und Höhen und Tiefen, die meinem Geist wie ein Rätsel daliegen. »Marias Satire« heißt dies Buch – ist das vielleicht, wie die Schuld und die Unschuld eine verkehrte Rolle spielen in der Welt, oder ist es scharfes und schonungsloses Beobachten und Behandlen der Verhältnisse und Menschen? – Was frag ich doch, es geht mich ja gar nichts an, und wir zwei sind ja bis jetzt immer in – der Liebe und dem Geist – sehr begreiflichen Lagen miteinander gewesen, wo Du recht wie Maitau, von dem man wächst und gedeiht, auf mich gewirkt hast. – Nun aber ist mir's, als wärst Du verzaubert und legtest die Haut der klugen Schlange dann ab, wenn Du bei mir bist. – Und da kommen mir Gedanken über Dein Glück, die mich verwirren. Ach, ich hoffe, daß Du es nicht der Mühe wert halten wirst, auf meine mir selbst unverständige Gedanken und Gefühle zu achten. Ich will lieber von mir sagen: Ich hab jetzt viel zu tun, noch außer den Büchern von Dir lese ich auch noch viel vor, französisch-politische Sachen. Ich bin aber jetzt sehr zerstreut und kann gar solchen Anteil nicht mehr dran nehmen; obschon es mich immer dahin bringt, daß ich an die Zukunft denken muß wie an einen großen freien Plan, auf dem die Welt ganz unabhängig von Meinungen und Willensstreit sollte neu geboren werden, und sollte sich abwaschen von den Zeitumständen und von Leidenschaften und Begierden und alten Satzungen und sollte die besten nützlichsten Kräfte und die erhabensten Empfindungen entwicklen. Denn bis jetzt scheint mir, als sei das noch nicht so gekommen! – Und soll ich denn fortfahren, Dir alles zu sagen? Wenn es auch nur kindisch herauskommt und ganz unerfahren? – Ach, was nützt Erfahrung? Sie verführt nur dazu, daß die Leute mit Eigensinn an dem einmal Festgestellten hängen und durchaus sich nicht zugestehen, daß die Vernunft das Bessere oder das Wahre erfinde. Zu was nutzt es denn, einen forschenden Geist zu haben, wenn es nicht wäre, um die Mittel zu einer neuen Schöpfung zu finden, worin dieser Geist als in einer Ordnung, die von ihm ausgeht, die zugleich ihn trägt und ernährt, das Göttliche schafft. – So groß und einfach, wie ich mir das alles denke! Wie könnte ich je glauben, daß ich selbstgedachte Ideen über Welt und Menschenwesen würde können geltend machen? – Und doch muß ich mich dem hingeben, als sei es der Fußpfad, der durch unbewanderte Gegenden mich leitet, vielleicht über gefahrvolle Klippen, die aber in mir Kräfte bilden, mit welchen ich vielleicht manches erwerben könnte, wovor andre zurückschrecken und erbleichen, ich aber nicht. – Wenn ich manchmal stillstehe und mich nach andren Menschen umsehe, so fühle ich, wie ich mit ihnen nicht zusammenstimme, wenn ihre Herzen von außen her erschüttert und berührt werden, dann zeigen sich Tugenden; das ist ja aber der Zufall, der hier wirkt, was ist das aber, eine Tugend des Zufalls? –

Ich möchte Dir alles vertrauen, was mir im Herzen liegt, aber es liegt so viel drin, was ich selbst nicht erkenne. Ich möchte beinah sagen, alle Tugend sei mir zuwider! – ja! – ich glaube dies, daß der Mensch ganz das Echte sein soll, und nicht das Unechte. Tugend ist ja aber, was von dem Unechten sich gestaltet als eine Seeleneigenschaft, die wir in ihrer Übung Tugend nennen. Wenn aber die Echtheit der große Ozean wäre, der zwar alle Strömungen in sich aufnimmt, nie aber überwallet, sondern alles umfasset? – können wir dann sagen, der Ozean ist tugendreich? (flüssereich) – oder nur: der Ozean ist er selber! Sein und Werden ist zweierlei, das sag ich mir auch, und Werden ist für das wirkliche Leben, Kraft fühlen und diese anwenden, und nicht bloß sich zum Helden träumen. Und dies ist, was mich oft vor mir erschreckt, daß ich im Lande der Phantasie mir eine große Rolle auserwählt habe, die ich zwar ohne Gefahr spiele, die aber nicht die Wirklichkeit berührt. – Wie mache ich's, daß ich aus dieser Verbannung des Wirklichen erlöst werde? Dann wär ich nicht mehr traurig, wenn es mir deutlich würde, was ich will, kann und soll! Dann würde ich mich mit den Plänen meiner eignen Gedanken beschäftigen; die Welt wäre mein, ich brauchte nichts von andern, und meine Liebe würde gar nicht ein sehnendes Verlangen sondern eine wirkende Macht sein. Clemens, ich bin dumm, daß ich solche Gewaltsgedanken habe, und sage mir oft: »Das ist Dichtung, Du willst aber nicht bloß aus feuriger Einbildungskraft Dich selbst erdenken, wie Du sein möchtest, sondern Du willst selbst sein.« – Prüfungen und Gefahren bestehen, die aus der Tätigkeit hervorgehen, das ist Tugend üben, daraus geht das wirkliche Sein erst hervor. Tugend ist also das Werden, das Sein aber ist Allmacht. – Clemens! Welche Sehnsucht habe ich zu diesem Sein! – Aus sich selbst handeln, fühlen, daß man das Schicksal beherrsche, weil alle Keime zu allem, was mir widerfahren kann, durch mein Tun lebendig werden und zum Blühen kommen und zu Früchte werden muß. – Mit andern Worten, vermöge meines Charakters und meiner Kraft handeln und was ich überschaue auch bemeistern in meinem Innern; das scheint mir der Herd des Lebens oder der Altar, auf dem die Opferflamme alles Irdische verzehrt, dem innern Gott zu ehren, und ich will dies immerhin Religion nennen, obschon dies ganz und gar das Innerste tiefste Wurzellager ist des Geistes, während Religion doch eine über uns selbst erhabne Einwirkung auf uns übt.

O Sonne, schein hernieder und helle mir den Sinn auf, und daß ich nicht schüchtern vor dem Schatten fliehe und daß die Zukunft nicht einst wie ein schwerer Hammerschlag auf meine Vergangenheit falle und sie als nichtig zusammenschmettere! – Clemens, da siehst Du, wie das in mir ist, was andre Menschen mit Gebet ersetzen, ich auch rufe an ein himmlisches, aber kein mit Tugenden (die ich in mir nicht umfasse) ausgeschmücktes Phantom! – Ich rufe an, alles, was meine Tätigkeit reizt, ich sage mir, du willst alles, was aus der Natur des Menschen entspringt, mutig ertragen, du willst mit rechter Erkenntnis dich von der Erkünstlung und der Verstimmung des menschlichen Geistes ablösen und diese überwinden. Und dann sag ich mir: Wer ist Gott? – Gott ist die Zukunft! Wen diese nicht göttlich an sich reißt, daß er sich von den Ketten befreie aller Vergangenheit und in der Zukunft ganz aufgehe, den führt's nicht zu Gott. Ich weiß und fühle, daß ich recht habe! – Denn dies allein löst alle Ungleichheiten des Glückes auf. Weltbegebenheiten, die gefährlich aussehen für die Ruhe und die Gegenwart, die wallen da als reiner geistiger Strom zwischen politischen Ufern, die von schwarzen, stupiden Geistern bevölkert sind, dem Göttlichen zu; das heißt: dem die Freiheit zeugenden Gott. Politik aber ist ein aus sehr beschränktem Interesse hervorgehendes, sehr stupides Handlen und führt nicht zu Gott, nicht in die Zukunft, sondern es fesselt die Sinne an eine schon im Werden vergehende Gewalt.

So träume ich, so denke ich, wenn ich manchmal in der Nacht aufwache und der Mond scheint ins Zimmer, wenn das immerwährende Treiben in den Wolken die Frage an mein Geheimnis richtet, was wird wohl aus meinem Leben werden? – Viel soll daraus werden, geb ich den Wolken zur Antwort, aller Kampf und Widerwärtigkeit in der dunklen Flut der Seele rinnt in der Schöpfungskraft der Zukunft entgegen. Vieles übt das Mondlicht in mir, wie ein dichterisches Genie sieht es und denkt für mich und übt Talente in meiner Phantasie und erhebt mich so hoch über mein Sein, daß ich gleichsam das Bewußtsein davon verliere und in dem Spiel mich selbst gar nicht mehr herausfinden kann. Ach welche schöne Träume – ach wenn ich denen nachkommen könnte! Aber wenn der Mond untergegangen ist und der Schlaf hat mich überfallen, dann beim Erwachen ist keine Spur mehr von diesem Zauber in meinem Geist. Die Veilchen, die kleine Goldstickerin, von der ich Dir im vorigen Jahr schon manchmal sprach, die hat mir von manchen jüdischen Religionsgebräuchen erzählt; wenn der Jude den Neumond erblickt, dann sammlet er seinen Geist, als wolle er seiner Zauberkraft sich unterwerfen. – Und der Jude klagt ihm und betet, daß ihn der Haß gegen die Feinde nicht verblende und daß die Verachtung dieser ihn nicht niederdrücke; und er stellt sich vor den Richterstuhl des Mondes, und auf seinen Heimwegen aus Fremde, da öffnet er sein Gewand dem Neulicht, daß es seine Brust bescheine. Möchte es auch nichts als bloß Gebrauch sein, so deutet es doch darauf, daß er will zu einer höheren Sphäre emporgehoben sein durch den Neumond, er verlangt von der Gewalt der Natur, daß sie ihn erhebe. Wie schön ist dies und wieviel wahrer, als wenn ich ein Register mache meiner Sünden und mir diese schlimme Rechnung auszulöschen erbitte von Gott! – Clemens, ich habe mir dies aus der jüdischen Religion angenommen, oder es ist vielmehr in mich wie ein Blitz hereingefahren, daß ich zu dem Mond eine Ehrfurcht hege und ein Vertrauen, und ich könnte Dir noch viel mehr sagen, aber auch von den Türken habe ich gelernt das Abwaschen; wenn ich abends meine Hände wasche, so dient mir das statt Abendgebet; es macht mich unendlich heiter beim Schlafengehen; – als liege ich in der Wiege einer schöneren Welt, und als werde ich aus dieser Wiege herausfliegen und – jetzt schweig ich, Clemente, denn Du sollst Dich nicht verwundern über den Trieb solcher Eigenheiten, es ist ja auch nichts Tiefes, es ist nur ein leises Berühren mit der Natur. Und was mögen wohl andere für Gesichte und innerliche Seltsamkeiten haben! – Da fällt mir die de Gachet ein, sie war am Rhein, wo sie sich ein kleines Gut gekauft hat; manchmal möchte ich bei ihr sein, und ich glaube auch und fühle, daß sie vortrefflich ist wie Du und Deine Freunde, aber oft zweifle ich noch an ihr, wenn ich höre, wie sie bei jeder Gelegenheit von dem spricht – was ihr heilig sei, sagt sie; und ich hab darüber eine Unterhaltung mit ihr gehabt, sie wohnt auf vierzehn Tage in Oberath, wo sie jetzt unwohl ist, aber sie wird bald wieder an den Rhein gehen; sie frug mich, ob ich nicht mit Dir auch bloß von dem spreche, was mir heilig sei? – Ich lachte sie aus. – Das machte sie böse, sie suchte mich zu überführen, daß ich ganz kindisch sei und noch nichts vom Leben begriffen habe, denn ich habe noch nicht vom Baum der Erkenntnis gegessen. – Ich sagte, der trage Äpfel, und ich mache mir nichts aus Äpfeln; wenn ich nun noch dazu gewarnt sei, daß die Äpfel von diesem Baum eine so wunderliche, unangenehme Erkenntnis des Bösen einem beibringe, das dann überall einem in den Weg trete, um einem das Vergnügen am Leben zu verderben, so wolle ich lieber nie Äpfel essen und lauter Kartoffeln, die nicht schädlich sind. – Sie sah mich so gemischt an – sie sagte lieber gar nichts mehr. – Ich guckte zum Fenster hinaus nach den kleinen Pflänzchen, die eben begossen wurden, und nach dem Feld, wo der Landmann den Acker furchte, sie wohnt bei diesem Mann, um das Pflügen zu lernen, denn sie will im Rheingau ihr Feld selbst bestellen, und sie ging hinaus, um eine Lektion von Hot und Haar zu nehmen, den Pflug ordentlich wenden zu lernen; sie begleitete mich noch, nachdem der Pflug ausgespannt war, durch die Hecken hinter der Gerbermühle weg; sie fragte, ob das nicht was Heiliges sei, die Erde zu bestellen. – Das kann wohl sein, aber daß man gegenseitig sich ergieße über seine Heiligkeit, das kommt mir fremd vor. – »Ja«, sagte sie, »fremd kommt einem das Heilige vor, aber das Unheilige befremdet nicht, das wie ein unheimlicher Strom aller Unterhaltung das ganze Leben mit sich reißt und überall seinen Schlamm zurückläßt. Wer kann noch darauf rechnen, daß der Boden des Geistes wieder gereinigt werde von bösen Dünsten. Die Welt, die so schön könnte sein, wird untergehen, weil das Heilige vertauscht wird mit dem Scheinheiligen. Es wird eine große Verwirrung werden im Geist der Menschen, und die das Große zu tun berufen sind, die werden das Kleine tun, so geht es mit der Revolution; der Strom des Unbeiligen darin ist zu stark, und die ihm widerstehen, die werden darin untergehen. Das Große zu bewirken, kann man immer nur die heiligsten Mittel ergreifen, wo aber zum edelsten Zweck ein unheilig Mittel dient, da ist er verloren und erzeugt nur Übel«, sagte sie. Sie war so schön vom Feuer ihrer Rede und von der Morgenluft. Du hättest sie lieben müssen, ich auch liebte sie, und sie sprach weiter: »Wer das Große tut aus reinem Genie, nämlich ohne sündhafte Vermittlung der eignen Schwäche, die ja doch das Große nicht zu fassen vermag, der kann nicht untergehen. Umstände, Zufälle, Geschicke reichen diesem aus. – Seine Größe muß alles decken, erzeugen, zaubern. War unser König wirklicher König, der nur seine Kraft sammelte durch das Genie, das immer heilig ist. – Wer konnte ihm widerstehen! Nicht die Nation! – Geist ist alles, er ist die Macht des Heiligen – er fühlt sich, und dies Gefühl eben macht ihn zum Herrscher. Die Zuflucht aber zu fremden Mitteln ist unheilig, und sei der Zweck auch noch so edel und groß, er wird nie verehrt, er wird unter den eignen Trümmern begraben. – Und die Welt sieht das alles mit Staunen an und gewöhnt sich zuletzt an die umgestürzten Trümmer und baut ihr herabgewürdigtes Leben darauf fort.« – Wie die Frau das alles sagte, so fühlte ich mich so sehr beklommen vor ihr, und wie ich sah, daß sie keine Tränen wollte fließen lassen, ging ich zurück hinter einen Baum und sah mich nicht mehr um nach ihr; sie stand bald auf von dem Stein, wo sie gesessen hatte, sie sagte noch zum Abschied, ich solle immer bedenken, daß jeder Mensch das Recht habe, der Größte zu werden, und daß darin die ganze Erziehung der Seele begründet sei – und daß dazu nicht die äußere Größe und Anerkenntnis gehören, aber die Geschicke, die seien der Tempel aller Größe, und ihr eignes Geschick beweise es, daß sie diesen Gedanken immer vor Augen gehabt, sie wolle groß werden in ihrem Schicksal. »Cette pensée est mon Pilote«, sagte sie, »et il me menera par tous les Mondes et Cieux!« – Ich vergaß Abschied zu nehmen, ich sprang zwischen den Hecken fort. Wie ich mich nach ihr umsah, stand sie noch da, ich winkte ihr mit dem Sacktuch, sie nickte mir und ging weg, und jetzt legte ich mich an die Erde und ließ mein Herz ausklopfen.

Ich war gestern in Frankfurt, es war ein Herr Burckhard da, der uns viele schöne Bilder und Handzeichnungen zeigte, es waren meistens italienische Gegenden. Ich möchte nach Italien, ich möchte so gern reisen, die Sehnsucht ist gar zu groß; ich beschwichtige sie damit, daß ich mir einbilde, Dich bald zu sehen, diese Freude ist doch noch größer; ich will mittlerweile recht fleißig lernen. O Generalbaß! – Werden wir uns je einander bezwingen? – O Zeichenkunst, werde ich je weiterkommen. Die Toni bekümmert sich recht viel um mich. –

Ich habe mir ein kleines Kabinettchen eingerichtet, in dem ich studiere, links steht das Klavier, was die eine Wand des Kabinettchens ausmacht, rechts ist das Fenster, aus dem hör ich abends noch den Klavier- Hoffmann gegenüber oft bis Mitternacht phantasieren, und vor mir ist der Tisch und dazwischen noch ein kleiner Ausgang. Auf dem Tisch liegt Homer und viele andere Bücher, und denn mein Schreibkästchen mit allen Deinen lieben Briefen. Im Homer lese ich oft. Könnte ich Dir nur darstellen, was ich da für Erfahrungen mache – welche Rückerinnerungen einer früheren Welt in mir aufgehen. Diese Götter kenne ich, mein Clemens; die auf goldnen Sandalen die Wolken beschreiten. Sie machen ungeheuere Schritte und gleiten weit dahin wie auf Schlittschuhen, ehe sie ein Bein vors andre setzen, und wenn sie sich wenden, so prallen die Wolken vor ihnen zurück und versenken sich zwischen Geklüft, und wenn sie denn vorüber geschossen sind in ihrer Ruhe wie der Blitz, dann bricht ihr Zorn in Gewittern los. – Sieh, da im Fenster steht noch eine Hyazinthe, die ich selbst früh aufzog, sie neigt sich zu mir, als wollte sie sehen, was ich schreibe. Ich bin heute so vergnügt und freue mich so auf alles. Jetzt werde ich ein wenig in den Garten springen und einen Grasplatz in meinem Gärtchen zurechtmachen, wenn Du wieder kommst, daß wir uns zusammen darauf setzen. Ich will ihn so groß machen, daß man sich recht bequem drauflegen kann und träumen.

Lieb mich. Bettine.
 

Eben lese ich diesen langen Brief durch. – Ach, wie verwirrt sind doch meine Gedanken auf dem ersten Blatt! Versteh ich denn, was ich hab gesagt? – Wenn Du es vermagst, einen Sinn herauszudenken, das könnte mich noch bei mir rechtfertigen, denn gestern glaubte ich sehr deutlich mich selbst zu verstehen. Ich hab auch so albern über Dein Satirenbuch geschrieben, wie ein altes Mütterchen. Und dann von der Revolution zu reden, haben meine Gedanken auch so ungebärdig sich angestellt. Wie klar und hell ist dagegen, was ich Dir von der de Gachet wieder gesagt habe, und doch hat sie's selbst noch einfacher und ganz mächtig ausgesprochen. – Und doch hab ich manchmal mich unterfangen sie zu tadlen oder Argwohn zu hegen gegen sie – die doch soviel größer und wahrer ist als alle andre Menschen. Gelt Clemens, solche Naturen wie die Gachet sind keiner Kritik unterworfen, denn sie sind weit erhaben über die Gedanken, die wie ein ungeweihter Rauch aufsteigen aus Vorurteilen, die Gott nicht wohlgefällig sind.

Hat mir denn der Ritter nicht danken lassen für meine Sammetmütze? – und hat er sich nicht über den antiken Lorbeerkranz gefreut? – Das hör ich so gern, wenn die Leute sich bedanken. –

Wunderschöne Musik ist das meinen Ohren.

Noch eine vergnügliche Stunde muß ich vor Abgang des Briefes Dir melden. Heute morgen, als ich den Brief schon zugemacht hatte und wollte ihn eben dem Juden Hirsch in seinen Schnappsack werfen, in der Meinung, er sei es, der an der Türe klingelt, so war es der freundliche Pfarrer Sch...z, der die Großmutter und auch mich besuchen wollte, so sagte er mir wenigstens, ich hab's geglaubt, obschon es mir was Neues war, daß mich jemand besuchen wollte, und nun noch dazu aus der Ferne will ein so gelehrter Mann bis nach Offenbach gekommen sein, um mir weiszumachen, daß er vorzüglich gekommen sei, mich zu sehen! So ein Pfarrer kann lügen! – Er hat mich geküßt auf die linke Wange und hat mich versichert, es sei wahr. – Und Du habest ihm schon lange meine Bekanntschaft machen lassen durch Deine Gespräche über mich! – Ich wußte nicht, was ich dazu sagen sollte. – Clemente, der Pfarrer ist ein guter Kerl, aber er ist, glaub ich gewiß, ein Aufschneider. – Er kann wohl nichts davor, er muß ja sonntags immer himmeln. – Und er hielt mir auch eine allerliebste Zauberrede, die etwas Nachwehen von Kirchenduft hatte. Nein Clemente, die Rede war wirklich schön. – Ach er war ja gar zu gut, der Mann, wie kann ich doch dumm von ihm reden; er hat mich später auch auf die rechte Wange geküßt und hat mir gesagt, wie schön und edel – ich weiß es gar nicht mehr, was er gesagt hat, denn ich war zerstreut, denn ich mußte an einen alten Töpfer denken, der gleicht ihm; von dem Töpfer will ich Dir was erzählen, was sehr Hübsches, ich hab seine Bekanntschaft auf dem letzten Weihnachtsmarkt gemacht, er hatte einen ganzen Korb voll Tiere gebacken und bunt glasiert, die bot er zum Verkauf fürs Kindervolk, das seinen Korb umringte und mehr danach verlangte als nach allen andern Spielsachen. – Es war auch nicht von ohne. Zum Beispiel einen Schlitten hat er gemacht, der einen Schwan vorstellt, weiß glasiert, mit schwarzem Schnabel, ein Mohr steht hinten drauf, schwarzbraun glasiert, mit einem grünen Kittel. Dieses Kunstwerk besitze ich selbst, es steht in meiner Kunstkammer, das heißt unter meinem Bett. – Dem Töpfer hatte ich damals seinen ganzen Tonkunstvorrat abgekauft für die Kinder, jedes ging mit einem Lamm oder Fuchs oder Wolf, Bär, Löwe etc. ab, ich behielt das Hauptstück, den Schlitten; er wollte nun eiligst wieder Neues anfertigen, und ich wollte gern mit ansehen, wie er damit fertig werde. Und, liebster Clemente, ich hab drei Abende bei dem Mann zugebracht, Frau und Kinder saßen bei der Lampe und machten Tiere, die Gott nachträglich noch schaffen muß, wenn er gerecht sein will, oder seine Unendlichkeit bleibt unerwiesen, denn was die Phantasie der Töpferskinder erfunden hat, ist noch nicht im Naturreich geschaffen; dem Vater war aber alles recht, er gab diesen Geschöpfen einen Schneller und einen Drucker und setzte sie auf Postamente, sie wurden angemalt von einem Kittel mit einem breiten Schlapphut als Kopf, er saß in der Ecke beim Feuer am Herd und warf einen mächtigen Schatten. Wie ich nun sah, daß alles so fix ging, daß keiner zagte, seine Kunstwerke zu fördern, wie keiner eine Kritik übte, wie alles recht war, was da entstand, da schämte ich mich meiner Schüchternheit. Ich saß nun auch am Tisch und machte Tonkünste, ins Tierreich wollte ich mich nicht wagen, ich machte einen Baum, auf seinen Zweigen sitzen Vögel, so recht antik, mit wenig Blättern, kannst Du denken. – Kaum fing er an zu werden, so hatte der Schlapphut eine Schlange drum geringelt und der Töpfer Adam und Eva druntergestellt. – –

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