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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 31
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Der verminderte Septakkord hat seinen Satz auf dem Leitton des Grundtons.

Kleine 3.
Falsche 5.
Verm. 7.

Die erste Versetzung auf der Sekunde des Grundtons: Quintsextakkord, die zweite auf der Quart: Terzquartakkord, die dritte auf der Sext ist der Sekundenakkord.

Ich hätte dies sollen in mein Studienbuch schreiben, ich will Dir nur zeigen, daß ich studiere. Ich kann leichter eine Melodie erfinden, als sie in ihre Ursprünglichkeit auflösen. Innerlich ist alles tiefer zu fassen in der Musik, als sich ans Gesetz zu halten; dies Gesetz ist so eng, daß der musikalische Geist jeden Augenblick es überschwemmt.

Was mich selber bilden soll, das muß aus mir auch hervorgehen, drum möchte ich aller Teilnahme ausweichen und allein mit mir fertig werden. Es kommt mir wie Frevel vor, daß ich mich einer Leitung hingebe, die vielleicht das Ursprüngliche in mir verleitet. So war's mit der Gachet, und was Du über Freundschaft sagst in Deinem Brief, das macht mich flüchten vor ihr. Gäb es Höhlen und Verberge, in die man sich könnte zurückziehen vor gewissen Gefühlsanrechten, ich würde dahin flüchten. Ich schaudre vor solchen Allgewalten des Daseins, sie erregen die Eifersucht der Eigentümlichkeit; Freundschaft ist aber gewiß eine die höchsten Seelenkräfte verzehrende Schmarotzerpflanze. Ich soll doch mein eigen werden, dies ist doch der Wille meines Ichs, denn sonst wär ich umsonst; dies eine, was mich eigentümlich aus dem Gesamtsein herausbildet, das ist der Adel des freien Willens in mir; anders kann ich's nicht ausdrücken. – Sich dem Begriff und Willen eines andern unterwerfen, der auch kein Selbstsein hat – denn sonst würde dieser Wille nicht die Geistesnatur des Freundes zu seinem Herd wählen, sondern in sich selber aufflammen – das ist Verzichten auf diesen Adel des freien Willens. So steht das in mir fest, daß ich den nicht aufgebe. Die Freundschaft behauptet zwar, die edlere Natur im Freund hervorzurufen; wie aber kann dieser Adel des Willens sich bilden, wenn nicht in sich und durch sich selber? Raubt da die Freundschaft nicht die Kraft der höchsten Tätigkeit dem Freund, der dann nicht mehr den Willen in sich trägt des besonderen Seins. – Die Freundschaft hat ihn ausgelöscht. Held sein ist nicht befreundet sein, Selbstsein ist Held sein; das will ich sein. Wer Selbst ist, der muß die Welt bewegen, das will ich. – Dies helle Selbstsein soll nicht verdunkelt werden durch den Schatten der Freundschaft; ich brauch das nicht, ich kann den Sonnenbrand vertragen, und Freundschaft ist Brudermord. –

Ich hab zu fechten mit meinen Gedanken, sie fahren gleich auf und wollen immer recht haben.

Am Generalbaß hab ich auch meinen Ärger. Ich möchte diese Gevatterschaft von Tonarten in die Luft sprengen, die ihren Vorrang untereinander behaupten, und jeden, der den Fluß der Harmonien beschafft, um den Zoll anhalten. Aber so wahr diese unumstößlichen Ohrengesetze nur verschimmelte Vorurteile sind, die der Genius mit der Ferse von sich stößt, so wahr werden diese Gefühlsanrechte, denen ich drohe, daß sie mir nicht auf den Hals kommen sollen: als Freundschaft, Großmut, Milde, Mitleid (das ist das allerekeligste), Gerechtigkeit, Nachsicht, Ehrgefühl und alle sittlichen und Moraltugenden ein elend Ende nehmen – es sind Vampire, die dies Selbstsein des freien Willens heimlich lüstern aufsaugen.

Alle Tugend komme von Gott, steht im Katechismus. Schachert der Gott so mit dem Pfennig des Verdienstes? – Verdienst ist Chimäre, ist Lüge. Das fühlt der freie Geist, und bei ihm wird die reine Kraft nimmer zum Verdienst sich ausmünzen, die man abwägen könne; nein, sie ist das Selbstsein. Wer ist der verdienstlose freie Geist? – der soll König sein! Von ihm fällt der Verdienst ab, er muß frei sein. Verdienst macht ihn unfrei, denn er muß sich ihm verpfänden. Dies ist aus meinem Tagebuch, worin ich meine Revolutionsgedanken aufschreibe: »Der ist nicht König, der aus Hülfsmitteln der Not das augenblickliche Mögliche benutzt, um seine Verdienste daraus zu bilden. Nur der ist König, der ganz frei, ganz mächtig diesen Adel des Willens an seiner Zeit ausbildet. – Willkür kann nicht hervorgehen aus dem Adel des freien Willens, sie ist zusammengesetzt aus unfreier Bildung, die der Egoismus der Klugheit ausgedacht hat. – Und Freundschaft ist ein vorbereitender Egoismus jener Bildung, die den Platz des freien Willens sich angemaßt.« – Ich könnte Dir noch mehr aus diesem Buch absonderlicher und verwirrlicher Gedanken aufzeichnen, die wie mutwillige junge Herden untereinander sich stoßen, die aber ein gewaltiger Hebel sind dieser freien Natur in mir. Ich hab der Großmutter draus vorgelesen, und sie meint, ihr sei bange, ich könne vom Fels stürzen. »Auch im Geist kann man sich versteigen, mein Kind«, sagte sie und erzählte mir die Geschichte des Kaiser Max auf der Martinswand; sie sagte: »Die Engel sollen ihn da wieder heruntergetragen haben, aber nicht immer sind diese bereit, wenn man sich so mutwillig versteigt.« – »Was brauch ich denn wieder herunter, liebe Großmama, wenn ich mich oben erhalten kann? – könnte ich denn nicht auch ein Wolkenschwimmer werden?« – »Kind meiner Max«, sagte sie, »was hast du vor wunderliche Gedanken.« »Auch darüber kann ich mich trösten, wenn meine Gedanken nicht mit der Klugheit der Menschen übereinstimmen; diese Klugheit verträgt sich nicht mit meiner hüpfenden und springenden Natur, die in allem sich selber verstehen will und wie ein Speer sich der Klugheit entgegenwirft.« »Das weiß Gott«, sagte die Großmama. »Aber Kind, wie sieht es aus in dir?«

Wie es aussieht in mir, liebe Großmama? Nicht wie hier in Offenbach die Wiesen weit hinaus sich ziehen und der Waldrand hinter dem beschifften Fluß bescheiden und lieber das rasche Bächlein mit seinen großen Eichen überwölbt, und die große Bleiche, wo alles so früh schon tätig ist, und die engen Schleichwege zwischen blühenden Hecken, die ums Dorf führen – und dann ganz in der Ferne die Gebirglinie, die an den Himmel ihre Weisheitsschrift ankreidet, an die der freie Wille ohne Auslegung der Schriftgelehrten, ohne Glaubenszwang sich hingibt; dazu die blaue Heerstraße der Wolkenzüge. Nein, dies Vaterlandsbild gleicht nicht meiner Seele, es ist mir doch, ich komme anderswoher! – hoch und niedrig waldumwachsenes Felswerk, an dem der Rasen schüchtern hinaufklettert und das seine eigensinnigen Klippen so trotzig hinausstreckt, an dem die Nebel sich zerreißen. – Wege des Geheimnisses zwischen brausenden Wassern immer tiefer in unverständlichen Windungen, wo der Sonnenstrahl herabblitzt ins enge Tal und nährt zärtlich die blauen Blüten, und das Sinnenfeuer der Natur dampft aus dem kalten Stein, der in der Sonne erschwitzt. Der Wacholderstrauch duftet mir da Weihrauch und stachelt meine Wange, und ich weiß nicht, was Glück ist, als nur – daß die Natur dies heimliche Vertrauen zu ihr so mächtig beantwortet.

Dort wohnt der Knabe, von dem will ich erzählen, wie er in der Nacht sich eilig rüstet, so weit die Sterne leuchten zu wandern, wo neue Berge heraufsteigen und Wälder, und Quellen eng zwischen Klippen herab in freie Länder wallen. Die Sonne steigt, er kommt herab zum Feigenbaum, im feuchten Sand zu ruhen, die Wolke, kühl vom Wind heraufgetragen, regnet auf ihn nieder, er schöpft den Trunk aus der Quelle, er ersteigt den Baum nach den Feigen, die sind noch herb, und er harrt unter dem belaubten Dach, daß die Sonne sie soll reifen.

Dies Lebensbild schrieb ich auf und sagte der Großmama, so sehe es aus in mir; die weite Welt wollte ich durchlaufen und bleib liegen unterm Feigenbaum und warte, daß die Feige mir in den Schoß falle, und vergesse aller Zukunftsgedanken. Der Großmama gefiel dies alles, sie sprach von poetischen Gesichten und Geistergegenden, und die Seele könne oft in ganz andern Klimaten gedeihen als der Leib. – Und, sagte sie, wenn man reiset, kommt man in Gegenden, in denen die Seele zu Haus ist, da kommt man mit ihr zusammen und lernt erst ihre Persönlichkeit verstehen,

Es ist wahr, Clemens, in mir ist ein Tummelplatz von Gesichten, alle Natur weit ausgebreitet, die überschwenglich blüht in vollen Pulsschlägen, und das Morgenrot scheint mir in die Seele und beleuchtet alles. Wenn ich die Augen zudrücke mit beiden Daumen und stütze den Kopf auf, recht fest, dann zieht diese große Naturwelt an mir vorüber, was mich ganz trunken macht. Der Himmel dreht sich langsam, mit Sternbildern bedeckt, die vorüberziehen; und Blumenbäume, die den Teppich der Luft mit Farbenstrahlen durchschießen. Gibt es wohl ein Land, wo dies alles wirklich ist? und seh ich da hinüber in andre Weltgegenden? – Besinn Dich doch darauf. Ich kann Dir doch heut nicht mehr schreiben, ich bin zu schläfrig, die Großmama hat mir den ganzen Abend indische Pflanzen gezeigt; und Kolibris, so klein und fein; wie Schönheitspfeile gucken sie mit ihrem spitzen Schnäbelchen aus den Blüten.

Deinem Freund Ritter hab ich eine Sammetmütze gemacht, wie ich selbst eine aus Übermut trage, aber ohne den Lorbeerkranz, den ich darum gewunden, den er aber immer aus Übermut tragen kann, weil dieser mir scheint der Flußgott zu sein, der die Urne seines Geistesstromes ergießt.

Deine Bettine.

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