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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 30
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Liebe Bettine.

Du schreibst mir nicht, dies martervolle Schweigen ertrage ich nun sechs Wochen. Dein letzter Brief erregte mir Zweifel, die mich ungeduldig auf den folgenden machten, ich schrieb Dir in einer ganz entgegengesetzten Empfindung, wollte Dir sagen, daß die Basis alles sittlichen Gefühls nicht Stimmung, sondern Wahrheit sei, daß die Wahrheit wieder nur echte Religion sein könne, daß aus dieser kein lügenhafter, sondern ein ganz echter Bildungstrieb nur hervorgehe, der in jeder Handlung, in der Äußerung den ganz reinen Menschen darstelle; daß eben nur dieser Mensch allein wirkungsfähig sei, das wollte ich Dir sagen, ich wollte Dir aber nichts sagen, was Mißtrauen gegen Dich beweise; was ist das nun, daß Du schweigst? Ach wolltest Du mir doch nur einige Hülfe leisten, so würde mir das eine Erholung sein, woran ich jetzt verzweifle, nämlich den Wegen nachzuspüren, die sich Deinem höheren Interesse anfügen. Deine Briefe sind ja doch keine Kunstarbeit? – Oder kannst Du sie nur in gewissen Stimmungen hervorbringen? da doch so vieles darin sich noch ganz unenthüllt zeigt, vieles mir ahnungsweise anregt. Wie kommt's, daß dies alles Dich auch nicht reizt, es noch ferner in Dir zu beschauen und mir mitzuteilen. Es ist etwas sehr Vortreffliches und Seltnes, Briefe zu schreiben, die bloß die Geschichte des Herzens zum Gegenstand haben, ohne zu lügen. Ich will hier dies näher auseinandersetzen. Der gebildete Mensch oder der empfindendere lebt ein doppeltes Leben, er lebt das gesellige praktische Leben seines Standes, seiner Familie, und lebt das Leben seines Geistes, seiner Begriffe, seiner Empfindungen. Jenes Leben ist gebunden und bestimmt durch seine Umgebung und den Punkt, auf den er in der bürgerlichen Welt gestellt ist; dieses aber hat das Universum, die Natur und das eigene Gemüt zum Gegenstand, insofern es frei in sich selbst fortbildet, ohne daß das praktische Leben des Menschen darauf einwirke. Beides zusammen bildet seine Geschichte, die (wie sich diese beiden Leben in ihm mehr oder weniger bestimmen, aufheben oder durchdringen oder gegenseitig erhöhen) die Geschichte eines schwankenden, einseitigen, geschlossenen oder ewig fortstrebenden Gemütes ist. – Die Berührung des höheren Lebens in uns mit dem Leben, welches durch die Umstände hervorgebracht wird, bildet die Bequemlichkeit oder Unbequemlichkeit unserer Lage, unsre Zufriedenheit, unser Gedeihen, was jedem Geschöpf das Klima und der Boden ist. Aber alles kann ein Umstand dieses Lebens werden, auch was sonst kein Umstand ist: die Geschichte eines andern Menschen. Insofern nun diese mit unserm höheren oder bürgerlichen Leben in Berührung kommt, bildet sich uns der Mitbürger, der Genosse, der Nachbar und, bei totaler Berührung, der Freund. Dieser kann, ewig fortschreitend, in höherer Annäherung endlich sich beinah mit uns durchdringen; dies nenne ich das Anziehen, Erfassen, es wird endlich zum Bedürfen. Denn es geht von der einen Seite die nämliche Tätigkeit aus wie von der andern, und wird endlich geistige Lebensforderung. Und hier, wo vier Arme offen sind, entsteht die Umarmung, der Bund, und dann die Trennung mit Einverständnis in einem Dritten, das Ziel. Endlich aber das Wiederfinden, wenn jeder seinen halben Zirkel durchlaufen hat. Das Leben ist zwischen zweien vollendet; jeder hat das seine im Sinne des andern errungen; sie haben sich im Mute verwechselt, im Streben getrennt und durchdringen sich nun im Errungnen, in der Ruhe des Bewußtseins, das Ziel. Von hier aus geht ein neuer Abschnitt der geistigen Lebensgeschichte an, diese Ruhe, dies errungne Ziel ist der Stillepunkt eines erhöhten Werdens, denn die Verzweigungen geistigen Verhältnisse gehen ins Unendliche, sie sind der wahre Sakontalabaum, der Blüte und Früchte zugleich trägt. Und das beglückt ja so unendlich in der Freundschaft, daß der junge Blütenbaum, noch ganz innerlich beschäftigt mit dem Treiben seiner Blüte, bewußtlos die Nahrung reift für den Geist, der auf ihn angewiesen ist. Bei dieser Gelegenheit sage ich Dir, daß ich dies schöne Buch, die Sakontala, für Dich bestellt habe; Du mußt sie in wenig Tagen erhalten. Ich wollte sie Dir erst mitbringen, um sie vielleicht mit Dir zusammen zu lesen; aber wenn wir beieinander sind, da ist ja immer Blumenzeit, und da findet sich so manche Blume am Weg, die wir spielend betrachten, daß wir zu keiner Beschäftigung und zu keinem ernsten Resultat kommen. Die Sakontala soll ein solches Resultat in Dir bilden. Was an andern Menschen als vorüberstreifender Genuß auch nur eine äußere Bildung bewirkt, das faßt in diesem Freundschaftsklima Wurzel und wird selbststerbender Geist.

Ich habe Dir hier in der Berührung mit dem Freunde die Geschichte jeder Berührung mit dem Lebendigen erzählt, deren Bedingung die Wahrheit ist, wenn sie nicht das elendeste Verderben in uns hervorbringen soll, denn alle Trauer, alle Unzufriedenheit ist eine Folge der Lüge; nicht grade der Lüge in uns, sondern der Lüge an sich. Eine Ansicht, die wir von jeher, durch uns und andre, durch Unerfahrenheit, durch das was noch nicht ergründet ist, haben, ist Lüge an sich; – und fähig sein heißt daher nichts als Anlage zur Wahrheit haben; sich bilden heißt diese Fähigkeit verstärken; gebildet sein aber heißt in eins die Möglichkeit zur Annahme aller Wahrheit hervorgebracht haben. Dann tritt das Wissen ein oder die wirkliche Besitznehmung von der Wahrheit; diese ist unendlich wie die Wahrheit. Es sind daher alle Menschen fähig. – Viele bilden sich, wenige sind gebildet, und zählbar sind die, welche wissen. Das eigentliche Verderben aber ist die Wiedervernichtung des Erbauten, des Gewußten, dessen, was einmal in unserm Besitz ist, ist die Zerstörung unsrer geistigen Gesundheit durch alle Art von Mißbrauch und endlich die schändlichste aller Arten der Schändung, die Lüge in uns, die wir um so leichter herrschen lassen, als wir meistens in der Trägheit die Selbstbetrachtung verabsäumen und keinen Begriff von der Wahrheit haben; in diesem Falle nun sind die meisten Menschen, auch viele, die sich zu bilden scheinen, denen aber die Bildung nicht eine Verstärkung ihrer Anlage zur Wahrheit, sondern ein Amüsement wird, ihre Unfähigkeit zur Wahrheit zu entlangweilen oder die Vorwürfe der Lüge in sich zu ersticken. Solche gebildete Lügner sind die miserabelsten, denn ihre Lüge hat eine Art von Arm und Bein und scheint lebendig, um sie noch dichter zu umschlingen, sie fürchten sich auch meistens vor jedem Zuwachs ihrer Bildung, wie vor einem neuen Schlangenkopf, und wissen sie sehr viel, so platzen sie vor Dünkel und Anerkanntheit, die letzte Gattung ist der Keim aller Hoffart. – Wir können auch gewissermaßen unschuldig, aber doch nicht ohne die verdiente Beschädigung der Affektation, in die Lüge fallen, und zwar auf folgende Art. Da Konsequenz oder ein vernünftiges Auseinanderfließen der Handlung, das wir selbst beherrschen, eine einzelne Tugend scheint, so will man sie gern im einzelnen ausüben und lügt, wenn man zugleich zwei- oder dreierlei verschiedene Arten von Konsequenzen auszuüben glaubt, grade auf ebensoviel verschiedene Arten. In dieser Lüge ist Schmeichelei, Heuchelei, ja sogar eine gewisse Gattung von Höflichkeit zu Haus, der man sich oft mit Fleiß nicht enthalten darf. Es ist aber sehr lächerlich, indem man seine Wahrheit aufopfert, konsequent sein zu wollen, da diese beide eins sind. – Man hört oft: »Dieser und jener Mensch hat keinen Charakter, er bleibt sich nicht gleich.« – Und in dieser Rede ist doch nichts gesagt, als daß dieser Mensch uns nicht in chronologischer Ordnung eine gewisse Anzahl ähnlicher Empfindungen zusammengelogen hat. – Oder hat er nicht gelogen, sondern ist wirklich ein solcher Rosenkranz, der aus denselben Gebeten besteht und den man schlafend beten kann: »Dieser Mensch ist nicht kommod, um ihn gelegenheitlich zu beurteilen, um von ihm zu sagen, er ist ein hübscher, grader, krummer, kleiner oder magrer Mann.« Der wahre Mensch, der sich hingibt in der Freundschaft, klaubt nicht eine gewisse Partie seiner Erscheinung heraus, er gibt sich immer mit der ganzen Lebenssumme grade so ausgedehnt hin, daß er den Augenblick der Hingabe erfüllt. Das, was man Charakter nennt, kann daher nur durch die größte Menge ähnlicher Züge im Menschen begriffen werden und ist nur merkwürdig im Begeisterten als die Gestalt des Schattens, die seine Bewegung nach irgendeinem Licht auf sein Gemüt zurückwirft, und im bloß erwerbenden Menschen als die Gestalt seiner Beschränkung, aus denen man, wie aus den Schatten, welche die Weltkörper aufeinander werfen, astronomische Schlüsse auf die Gestalt, Lage und Durchkreuzung der Sphären ihrer Bildung, ihres Stillstands oder ihrer Bewegung machen kann. Es gibt aber noch einen andern Gesichtspunkt für das Interesse, das man an einem Charakter haben kann, und obschon er nicht hierhergehört, wo ich nun vom Umgange (Verkehr untereinander) rede, so will ich, um einem schiefen Einwurfe vorzubeugen, doch etwas davon sagen.

Der Charakter kann allgemein merkwürdig sein, wenn man ihn als Kritiker betrachtet, dies ist die Betrachtung, deren jeder Charakter als Kunstwerk würdig ist; es sei nun, daß ich wirklich den Charakter einer gedichteten Person oder wirklich eines lebenden Menschen wie ein Produkt seines Lebens, als Kunstprodukt der dichtenden Natur anschaue. Sich zu dieser Ansicht erheben zu können erfordert einen sehr hoben Standpunkt, denn man muß sich dann zur ganzen Poesie – Schöpfungskraft der Natur – wie der Kritiker zum Dichter verhalten; und hier wird mehr erfordert, als nach den geschriebenen Gesetzen einer gewissen Kunstschule dem freien, lebendigen Gedicht die Brust aufzuschneiden, um noch minutenlang zeigen zu können, wie ihm das Herz schlägt. –

Die Konsequenz aber, welche etwas wert ist, ja allein den Wert des Menschen bestimmt, ist eine musikalische, sie ist Harmonie im weitesten Sinne und wird, insofern er mehr oder weniger das ganze Leben berührt, mehr oder weniger Tonarten und Modulationen umfasset, doch immer nur in harmonischen Übergängen wechseln. Insofern er nun bloß das Thema der ganzen Musik ist, ist sein Gang aus sich selbst, und kann er einen Charakter haben, aber insofern er die Harmonie des Ganzen mitbegründet, hat er nur den Charakter seines Instruments; sein Leben aber ist ohne Charakter, bloß ein Teil der ganzen Harmonie. Von dieser Konsequenz der Harmonie kann aber nur die Rede sein bei umfassendern Menschen, denn um harmonisch zu werden, muß man schon eine gewisse Anzahl von Tönen umfassen, und ist hier die Rede nicht von jener Gattung, die nur insofern leben, als ihrer etliche Tausend wohl, wenn sie zusammentreten, ebenso leicht alle zu einem tüchtigen Menschen gehörigen Eigenschaften, als eine vollständige Kriegskontribution zusammenbringen könnten. Hieher gehören alle Menschen, welche ihrem Stande Mittel sind und sich nicht über ihn erheben, welche nur halb leben, wie ich oben anführte, nur das praktische Leben haben und daher nie biographische Personen werden können, man müßte dann als Kunstprodukt einen einzelnen betrachten, nicht um ihn, sondern bloß um die Umstände seiner Zeit an ihm zu erlernen, denn diese Leute sind unglücklich genug, nichts als ihre Umstände zu sein, deswegen sind sie ebensowenig verächtlich als die Irokesen, obschon weniger merkwürdig. Sie sind die Besitzer des zeitlichen Lebens und werden auch bei der größten Frömmigkeit nie selig werden, da der Himmel nicht zukünftig, sondern von jeher und ewig ist und in nichts anderm besteht als in dem Verstehen und Besitzen der Harmonie. Wir erwerben durch Tugend den Himmel, wir erringen durch Fleiß die Kunst, wir lernen durch Harmonie die Musik, wir gebären sie endlich selbst, in leichter, ewig voller und ergoßner und empfangener Lust des ewigen Lebens, das ist gleichbedeutend. Jene aber sind weit entfernt hievon und verhalten sich wie das gebogne Holz, das noch am Stamme grünt oder dorrt, zur schön geschwungenen Mutter der Töne und der Lieder – der Lyra im Arme des Sonnengottes. Aber auch der wilde Wald rauscht und grünt und ist lieblich oder mächtig, wenn ihn ein empfindend Gemüt begreift, aber er ist nichts ohne dieses. Hier trennt sich der Weg, und ich sage Dir, wo es recht ist, jene Menschen zu vergessen, und wo es recht ist, sie nicht zu verachten: Wo Du mit dem Höchsten an sich, mit dem Geiste das Wesen des Geistes betrachtest, wo Du betest oder dichtest oder liebst, sollst Du jener vergessen, und ständest Du unter ihnen; denn man soll auch im Haine Gott anbeten und die Bäume vergessen. Betrachtest Du aber die Welt historisch, so darfst Du sie ebensowenig verachten, um nicht in lächerliche Sentimentalität zu fallen, als der ins Lächerliche hineinfallen wird, der einen Acker verachtet, auf dem die Mäuse ihre Kornspeicher haben. Nur auf einem Punkte ihrer Erscheinung können sie mehr lächerlich als verächtlich – doch, wenn es etwas lange dauert, etwas fatal werden. Es ist dies der Fall, wenn sie sich auf Augenblicke emporheben, wenn sie von Bildung reden und Geschmack haben wollen, besonders erscheint dies in den Menschengattungen, in denen das praktische Leben am kondensiertesten ist, die nur eine Berührung mit dem Äußern kennen, die nichts wollen als brauchen, die den Geschmack, um ihn zu brauchen, zur Mode herabschänden und sogar auch manchmal jenes zweite Leben, das sie nicht haben, brauchen und es zur lächerlichsten Grimasse herabwürdigen, bis ein solcher das schimpft, was er nicht kennt, und verliebter, dürstender zu seinem praktischen Leben zurückkehrt. Auffallend ist es zu bemerken, wie er immer zu triumphieren scheint und wie dieser scheinbare Sieg manchen an dem Kampf nach dem Vortrefflichen erlahmen macht, der sich dann in den Sold begibt, der für kein Vaterland und keinen Himmel streitet, der nur kümmerlich das Leben erwirbt und keinen Himmel. Doch scheint er dies nur, und sosehr uns oft der unwillige Ausruf gerecht scheint, die Kunst gehe betteln und die Dummheit grase, so halte ich ihn doch für die Erfindung einer sehr gemeinen Ansicht, und er hat sich auch schon als solche charakterisiert, da er nun schon ein Gemeinplatz geworden ist. Die Kunst geht nie betteln, wohl aber der Künstler, würde Kotzebue sagen, um aus seinem Reichtum zu beweisen, daß er kein Künstler ist. Wenn die Kunst betteln geht, ist es meistens nur ein Beweis, daß sie arm ist, denn die wahre Kunst beherrscht alles und öffnet alle Schätze, der selbstische Künstler aber, der aus Kaprice oder Unkenntnis nur für sich selbst dichtet, er mag darben, und muß gern darben, um nicht erbärmlich zu sein.

Nun aber haben wir jetzt keine allgemeine Kunst, und ist bloß eine Zeit des Krieges in der Bildung, drum gehn viele Künstler arm herum mit ihrem Reichtum, und mit Recht mögen jene keine Leute machen, die nur aus Bosheit, Unsitte und für kein Vaterland mitstreiten. Es ist eine wahre und sehr würdige Reflexion, daß die Welt keine moralische Anstalt ist, wo ein Geschöpf das andre aufmuntern soll, so daß gleichsam der Elefant dem Esel nichts als ein gut Beispiel sei, ein Elefant zu werden, und so fort; denn die Progression geht nicht auf Erden, im Leibe – sie geht im Geiste vor. Auch geht die Bildung nicht feldeinwärts oder der Quere, sie geht in die Höhe anbetend und in die Tiefe forschend. Jedes Geschöpf ist als Kompositum beschränkt und als vollkommen mehr oder weniger frei; in es selbst aber ist sein Geist gesetzt, der insofern er nur empfindet, als er nur in sich selbst ist, sich selbst als den Mittelpunkt des Ganzen betrachtet. So ist der Dünkel jedes Standes zu entschuldigen; aber dem ganz freien, gebildeten Menschen ist die stille Betrachtung erlaubt, den bloß praktischen Menschen zu verachten; wenn er spricht, ich triumphiere – denn triumphiert ein geboren Tauber, der geigen will, aus Mode, und die Geige in den Ofen steckt mit den Worten: »Ist es nicht viel edler, Tabak zu spinnen und zu rappieren, da habe ich doch was für meine Nase, ich weiß nicht, was die Leute an dem Kolophonium riechen.«

In eben diesen Fehler verfallen alle Menschen, die sich krankhaft oder aus Trägheit zum Bessern zu erheben ausgeben und eben so nur die Empfindung, Bildung oder Kunst brauchen, ihre Lumpen mit zu flicken; sie geben die schändlichsten Blößen und werden meistens sehr verächtlich; dies ist sehr häufig bei den Weibern der Fall, die nach der bürgerlichen Ordnung, die jetzt sehr in Verfall ist, nichts als die Repräsentanten der erbärmlichen Bildung, die eigentlich das künstlerische Personale des praktischen Standes geworden sind. Ich wollte, hätte ich Zeit, leicht beweisen, daß alles Übel, häusliches und körperliches und geistiges, bloß durch das dumme Bestreben nach Geschmack, der Tochter der Verachtung der Künste, entstanden ist. Ich verstehe hier bloß das Verderben der Töchter, worüber von Familienvätern und ältern Brüdern, ja oft von den Verderbern selbst geklagt wird, und ich will gerne als Märtyrer für die Aussage sterben: Kein treuer und unschuldiger Greis und Vater kann würdigere Tränen weinen als um den Untergang der Religion; – so ganz, was der kräftige unschuldige gemeine Mann Religion nennt, nicht das neue Wort. Die Weiber oder Mädchen, sagte ich, sind die kränksten an dieser Afterbildung, ihre krankhafte unbefriedigte Laune ist Empfindung, ihr Fieber Begeisterung, ihre Sittenlosigkeit wird Philosophie. Ich sagte, sie bedeckten ihre Lumpen mit Bildung, und setze hinzu, daß sie dadurch meist sehr lächerlich werden, indem sie nur entblößen, was sie bedecken wollen. Die Bildung ist nichts als der höhere Glanz der Nacktheit, die die freie Keuschheit der Schönheit ist. Nun aber heißt sich mit Bildung ausflicken nichts, als die Löcher im Gewand mit einer Laterne beleuchten, denn die Bildung ist durchsichtig, und um so mehr erscheinen daher heutzutag die meisten gebildeten Mädchen äußerst miserabel, als sie grad darin die Ausbesserung nötig haben, was das Heiligste des Menschen ist, im Verstande, der Liebe, im Herzen und der Zucht; und ich möchte sie die Laterne nennen, die die schlechten Straßen unsrer Städte nicht so erleuchten, daß man sie sicher durchwandle, um nicht den Hals zu brechen, nein, sie leuchten nur, damit man diesen Dreck bewundere, denn dies ist die Prätension dieser kleinstädtischen Dummheit (ich sage kleinstädtisch auch von Paris in Hinsicht des Universums). Laß uns ihnen zum Trotz, meine liebe gesunde Bettine, ihre unsaubere Illumination nicht betrachten, und kommen wir darauf zurück, daß alle die Abscheulichkeiten, die ich Dir hier zeigte, nur Folgen der Lüge sind, von der ich zu sprechen ausging, und daß wir deswegen Freunde sind, weil wir das bessere Leben unsrer Sitten, unsrer Gefühle, unsres Fleißes in Geselligkeit hinbringen und mit zu dem großen geheimen Staat der vortrefflichen Menschen gehören wollen; willst Du aber hier in diesem Lande mein Nachbar sein, so darfst Du mir nicht eine einzelne Art von Reflexion bloß hinstellen, darfst nicht allein mir danken, wenn ich Dich grüße, Du mußt ordentlich hübsch mit mir schwätzen, denn was so mit Deiner Person vorgeht, ist mir meist unbekannter und oft wissensnötiger, als was mit Deinem Gemüte vorgeht, drum schreibe mir jeden Schritt und Tritt von den Menschen, die mit Dir sprechen, was Du über diesen und jenen empfindest, was Du plauderst; denn ich habe mich nicht wenig geärgert, daß Du mir nicht erzähltest, daß Du bei Leonhardi getanzt und wie Du dort warst, daß die vortreffliche Duchaget mit Dir sprach, die mir sagt, es sei Deine Pflicht, mir darüber zu schreiben, daß Du lange in Frankfurt warst, von allem dem nichts? In Deinen Briefen ist oft ein Ausbruch von Rührung über meine, aber ich will nicht Dich rühren, ich will durchaus, daß Du Dich selber rührst, das heißt, daß Du vor meinen Augen herumspringst wie ein junges lustiges Mädchen; Deine allzugroße Ernsthaftigkeit gegen mich mußt Du Dir nicht so Ernst werden lassen, sonst kömmst Du in Gefahr, mich hochzuschätzen, und dann bist Du auf dem graden Weg des Kindes, das aus besonderer Achtung gegen den beinernen Löffel nie Selbstessen lernt, und am Ende kannst Du doch nicht immer Brei essen, der Mensch ist ein fleischfressendes Tier, und da hilft kein Löffel, und das Vorkauen wird ekelhaft. Lebe wohl, schreibe, sonst schreibe ich nicht mehr, oder bist Du krank, hast Du alle meine Briefe nicht erhalten, ich verstehe es nicht. Noch eins, hüte Dich sehr, aufzufallen, sei oder scheine stets in der Gesellschaft lieber dumm als vorlaut und mit dem Händeklatschen der Toren belohnt, es verführt zu einer miserablen Selbstgefälligkeit, die alle Fortschritte auch bei dem besten Willen tötet, und kannst Du es nicht in Dir dahin bringen, so vermeide lieber die Menschen, denn es ist entsetzlicher, von gemeinen Menschen für genialisch als für einen Narren gehalten zu werden, am besten aber für einen guten ruhigen Menschen.

Dein Clemens.

Soeben schreibt mir die Toni, wie sie Dich besucht habe, sie habe Dich munter und fleißig beschäftigt gefunden, aber Du sehest übel aus; wie ist Dir, liebes Kind, hast Du Kummer, quält Dich etwas, Du weißt nicht, wie mir der Gedanke meine Ruhe nimmt, Du seist bang und ängstlich im Innern; ich bitte Dich um alle Liebe, um alles, alles, gieße mir Dein Herz aus.

Dein Clemens.

Drei Briefe hast Du, diesen lasse der Toni lesen, wir müssen Freunde haben, sie liebt uns.

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