Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 27
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
Schließen

Navigation:

Liebe Bettine.

Ich habe Deinen Brief mit vieler Rührung gelesen, sei versichert, daß ich bald umständlich schreibe, heute ist keine Zeit, ich füge Dir einen Brief bei, den ich von Franz erhielt. Glaube, daß ich mich in gewisser Hinsicht unendlich über seine Treue gefreut habe. Was er von Dir schreibt, ist ganz meine Meinung, nur daß alles, was wir beide allein unter uns und von einander wissen, dadurch so überwiegend bleibe, als es wahr ist. Was Franz schreibt, ist so ehrlich gemeint und so wahr, als Du wohl weißt, daß es sich von selbst versteht; den Brief erhältst Du als Beweis meines unbegrenzten Zutrauens, und daß ich Dir nichts verhehle; die hintere Seite des Briefs schneide ab für die Meline nebst den Abbildungen der Zirkassierinnen aus Oberhessen. –

Was Franz von unbekannten Ländern schreibt, heißt nichts, als daß er selbst keine Lust zu reisen hat; fühlte er sich in Dich hinein, seine Güte und Liebe, die immer nur für andre sorgt, würde gewiß sich selber Aufopferungen zumuten, um Dich zu befriedigen, und fühl ich Dich recht heraus, so glühst Du eigentlich vor Sehnsucht, mit der de Gachet in das fremde Land zu ziehen, und das verdient dies göttliche Weib. – Ja ich war bei ihr, wenig Tage war ich mit ihr zusammen bei meinem Freund Ritter, der doch gar zu gut ist, mir himmlische Briefe schreibt über Dich, die er liebt durch mich. Ich kann Dir nicht aussprechen, wie notwendig mir es ist, manchmal über Dich zu sprechen, ich tu es aber mit solchen Menschen nur, die viel größer sind und besser als ich. Und Ritter, der liebenswürdigste, der wie Moses mit seinem Stab an den harten Fels der Wissenschaft schlägt, aus dem die reine, kristallhelle Quelle der Weisheit hervorsprudelt, und wer es wagt, seinen Becher dran zu füllen, der wird von der Größe dieses unsterblichen Menschen durchdrungen. Mit Schlegel war ich auch, aber mit ihm hab ich nie von Dir gesprochen; er ist groß und sehr bedeutend in der Literatur, und Du mußt ihn auch einmal sehen, aber ihm kann man nicht sagen, was das Innere beschäftigt, mit ihm kann man nur Witz und Übermut treiben, und doch kommt man dabei meist zu kurz, weil er Scharfsinn der Kritik und Satire nie versteht, sobald es auf ihn geht. –

Ach, was brauchst Du zu lernen, wenn Du so lieb bist beim Nichtlernen. Mag es gehen, wie es will, das Beßre und Höhere wird doch Dich all durchströmen und wird sich läutern in Deinem unberührten Wahrheitssinn. So bin ich auch unendlich erquickt von der Beschreibung Deiner Kinderjahre, liebes Kind, wollt ich auch Dir beteuern, sie seien unendlich schön und der tiefste Dichtersinn blicke da heraus, Du würdest es nicht glauben. Du glaubst in solchen Dingen mir nie. Aber wenn Du nur Dir die einzige Frage tun wolltest, warum Du grade so schreibst und nicht mit anderen Wendungen und Reflexionen, so wirst Du Dir antworten müssen, daß es so in Deiner Seele geschrieben steht, und weil Du dem nicht untreu sein magst, nicht ihm untreu sein kannst, so sprichst und denkst Du so, wie Du denkst. – Also leugnest Du schon nicht, daß Dein Denken und Sprechen der reinste Abdruck Deiner Seele ist, wenn aber ein Maler ein Bild machte, in dem er den reinsten Abdruck der Natur wiedergäbe, würde das nicht ein unvergleichliches Bild sein? – Eine Mutter, verloren im Anschauen des Kindes, und die von allem, was sonst noch um sie her vorgeht, nichts weiß, würde das nicht ein ewiges Bild sein? – Ein Mädchen, wie Du so alt, in der Dämmerung sitzend unter einem Blütenbaum, und ein Knabe wie ich, so wie wir beide beieinandersaßen am Weg, das grüne Feld hinter uns und der ferne Fluß, und die Schafherde, die an uns vorüberzog, die eine Staubwolke machte, was die Abendröte ein wenig verdeckte, weißt Du's noch? Du sagtest, es sei malerisch, warum denn aber? – Es waren ja doch nur lauter einfache Gegenstände, keiner würde darauf gemerkt haben, der vorüberging, noch weniger würden Leute expreß hingegangen sein, um sich dran zu erbauen; aber doch ist viel Lärm um nichts in der Welt, aber deswegen wird dies Nichts doch nicht etwas. Deine Erzählung aber ist etwas und doch nicht mehr als jene Abendszene, die Du malerisch fandst. Drum schreibe ruhig fort und mit Pietät, das heißt, verwirf nicht, was Du schreibst, beglücke mich damit. Wenn es das ewige Leben und Weben der Natur ist, so einfache Szenen zu bilden, so wolle es nicht besser machen können. Die Natur ist die größere, die edlere Bildnerin, und weil Du ihr nachgesprochen hast, so hat Deine Erzählung Stil, sie deckt nämlich den Ausdruck des Begriffs und der Empfindung vollkommen. Leb wohl und schreib weiter, ich warte mit Sehnsucht darauf. –

Dein Clemens.

 << Kapitel 26  Kapitel 28 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.