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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 26
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Clemente, Du warst bei der de Gachet und nicht zu Hause im Stübchen, und jetzt klagst Du über Deine Einsamkeit, wo Du kaum den Fuß auf die Schwelle gesetzt hast. Und fragst ängstlich, warum ich nicht schreibe. Ei, weil Du nicht da warst. Weil bis zum 19. November keiner wußte, wo Du gewesen bist. Du schreibst mir endlich den schönen langen Brief, den ich nun schon acht Tage mit mir herumtrage, jetzt wirst Du denken, warum ich immer noch nicht antworte! was da dran schuld sein mag? – Gar nichts ist schuld, als daß Dein Brief mich ganz betäubt hat, und ich hab ihn sehr vielmal gelesen und kann ihn nicht behalten, der Inhalt ist mir immer noch fremd. Ja, Du warst bei der de Gachet, dort hast Du an der galvanischen Batterie Dich elektrisch geladen, und nun fährst Du mit feurigen Zungen auf mich los. Soll ich denn wirklich schreiben heute? – oder soll ich wieder den Posttag versäumen? Denk, es liegt meinem Geist, dem Du die Schöpfung einer neuen Welt zumutest, wie Blei in den Gliedern. Ich möchte lieber nicht schöpfen. Die ästhetischen Briefe von Schiller? – Freilich hab ich die nicht gelesen, denn ich kann nicht auf Komma und Punkt Achtung geben. Der Großmama hab ich wohl draus vorgelesen, aber in Gedanken war ich woanders, aber wo, weiß ich nicht; aber von der Lektüre hab ich nicht profitiert, denn ich weiß nichts davon. Ist es Krankheit, daß ich so zerstreut bin? Es ist wohl Schwäche in dem geistreichen Kopf, lieber Clemens, dem Du so hohe Würden und Kräfte zuschreibst in Deinem Gedicht. Du schreibst aber von mir nicht, nein gewiß nicht, ich bin kein solcher Einsamkeitskobold, kein solch Wolkengespenst noch Schattenriß der Erhabenheiten.

Jetzt wirst Du böse, ich merk's. – Macht es Dich böse Clemens, daß ich so Dir antworte auf Deinen treusten ernstesten Willen für mich? Von Spanien! – Ach, erst hat mir die de Gachet davon gesprochen, wie wir allein waren an jenem Sonntag, da hab ich ihr recht glücklich widersprochen, worüber sie sehr erstaunt war; und hab gesagt, »was denken Sie, daß ich hier sollte den Garten verlassen, der mir so lieb ist, und mein Bruder Franz, der mich so liebhat, wenn ich so weit von dem fortwollte, und mein anderer Bruder Dominicus, der mir Schmetterlinge bringt, wenn sie bald aus der Puppe sich losmachen, die fliegen dann zu Dutzenden im Garten herum auf den Blumen, und mein Bruder George, der vornehmste aller Menschen, und mein Bruder Christian, der eine mathematische Korrespondenz mit mir führt, und mein Bruder Anton, der ist ein Phantast, mit dem dichte ich Fabeln, und mein Bruder Peter liegt in der Familiengruft in der Karmeliterkirche bei Vater und Mutter und noch drei Schwestern, die gewohnt sind, daß ich sie grüße, wenn ich in Frankfurt durch die Mainzergasse gehe, wo die Karmeliterkirche steht.« – Sie war verwundert über dies große Register unzerreißbarer Vaterlandsbande, sie sprach von einem großen Weltteil, von Oliven und Orangenwäldern, von blauen Fernen, von heißem Mittag und kühlen Abendlüften und daß Du mitgehen werdest, und dann könne ich ja immer mit Dir sein, und es seien so interessante Menschen dort, viel edler von Geist und Gestalt wie hierzulande. Ich sagte: »Ich will aber nicht immer mit dem Clemens sein, sonst könnten wir einander lästig werden, und mir ist das liebste beim Willkommen, ihm an den Hals springen und beim Abschied ihn vors Tor begleiten.« »Vous êtes un enfant«, hat sie gesagt, »sentez donc combien en voyageant votre âme et votre fantaisie se developeront et puis vous serez avec moi, je vous aimerai, et vous comprendrez, la vie le monde la nature tout autrement.« Glaubst Du, das habe mir keinen Eindruck gemacht? – Gewiß hat es mich Überwindung gekostet. Ich sah ihr unter die Augen, plötzlich kam sie mir vor wie ein Seeräuber oder sonst eine edle Spitzbubengattung; sie glaubte schon, sie habe mich gefangen, da kam die Großmama, ich riß mich los – und jetzt verfolgt mich's, daß sie vielleicht nicht eine Frau, sondern ein Kriegsheld sein könnte, sie sieht so edel aus zu Pferd, so frei, sie bekümmert sich gar um nichts, sie läßt den Gaul dahinsausen, nur der Reitknecht war diesmal mit, das Pferd bäumte, als sie aufstieg, sein Übermut wiegte sie in den Lüften, und fort! – Ich sah ihr durch die alte kalte Domstraße nach. – Und also ich bleib hier, und sie reitet nach Spanien, am rauschenden Strom hin zwischen Felsen durch, der Schweiß rinnt ihr vom Gesicht. Was schadet's? – Immer hoch, immer frei! immer stolz; und ich hier in der Mansarde zähle die Dachziegel da drüben und betrachte dem Sperling sein Nest unterm Dach; die dort sieht die Adler über sich wegschweben und kämpft mit dem Lämmergeier, der die einsame Herde beraubt, und ich laufe mit der Gießkanne und begieße die Bohnen.

Ach was kann ich Großes tun? auf die Pappel klettern beim Gewitter, daß es auf mich losdonnert und blitzt? – oder im Winter auf den Schneeflächen mich tummeln; dem Treibeis nachhelfen im Main? –

Clemente, schreib mir solche Briefe nicht von unmöglichen Anlagen in meinem Geist. Ich mein dann, ob ein Kobold Dich neckt, der Dir das alles weismacht. – O schreib keine Gedichte, worin Du meinen Namen nennst, es ist, als ob Du in die einsame Wüste hineinrufst, ich lausche selber, ob aus der Tiefe meiner Sinne Dir etwas antworte. – Nein – die Sinne werden müde davon, du rufst sie an zum Arbeiten, das wollen sie nicht; sie sind eigensinnig. Du willst meine Trägheit überwinden, mich aufreizen, und vor ungeduldigem Eifer spring ich von einem Buch zum andern. Ich will nicht mit den Katzen spielen, nein, heute nicht, ich will gewiß schreiben – lernen – nein, es will nicht in mir, es lacht mich inwendig aus und sagt, du lernst ja doch nichts. Ach, wenn Du wüßtest, wie ich mich oft bezwingen möchte, Du würdest sehen, es ist nicht Mangel an Treue. – Ich kann mich keiner Beschäftigung hingeben. Inwendig ruft es: dorthin, und dort ruft's wieder hierher, und hier lockt's, da flüstert's und hinter mir und vor mir und in den Lüften gehen Stimmen durcheinander, die mich reizen.

Heut hab ich mir vorgenommen, meine Lebensgeschichte zu schreiben. Gleich hier auf dem Blatt will ich anfangen.

Es war einmal ein Kind, das hatte viele Geschwister. – Eine Lulu und eine Meline, die waren jünger, die andern waren alle viel älter. Das Kind hat alle Geschwister zusammengezählt, da waren's dreizehn, und der Peter vierzehn und die Therese und die Marie funfzehn, sechzehn, und dann noch mehr, die hat es aber nicht gekannt, denn sie waren schon tot; es waren gewiß zwanzig Geschwister, vielleicht waren es gar noch mehr. Der Bruder Peter ist gestorben, wie das Kind drei Jahre alt war, von dem weiß es aber noch sehr viel. Er hatte schwarze Augen, die ein blendend Feuer von sich strahlten, in die hat das Kind oft sich ganz verloren vor tiefem Hineinschauen.

Der Bruder Peter trug das Kind oft auf einen kleinen Turm auf dem Haus, da fütterte der Peter allerlei Gefieder, Tauben und eine Glucke mit jungen Hühnern, da saß das Kind mit ihm, da dichtete er ihm Märchen vor. Das waren Stunden, die glitzern wunderschön aus der frühsten Kindheit herüber. Was fing dann der Peter noch für närrische Dinge mit dem Kind an? – Er war mißwachsen und daher sehr klein, er nahm es am Weihnachttag mit in die Kirche, das sollte keiner sehen, er nahm einen großen Bärenmuff und hielt ihn vor sich und das Kind, daß man nicht Kopf, nicht Hand sah, nur die vier Beine trappelten immer vorwärts, die Leute wunderten sich über das kuriose Rauchwerk, das allein über die Straße lief.

Einmal hatte der liebe Bruder heimlich im Garten etwas gebaut, dann führt er das Kind hinein. Da ist ein kleiner Hügel aufgeworfen, da hebt er einen Stein auf, da springt auf einmal ein Wasserstrahl empor, ein kleines Weilchen, dann hört's wieder auf, Das hast du alles deinem Schwesterchen zu Gefallen getan, o Bruder Peter! Es liebte dich aber auch sehr. Morgens, wenn es aufwachte, standest du vor seinem Bettchen, und es lachte mit dir, noch ehe es die Augen öffnete. Es lernte an deiner Hand die Stiegen erklettern, immer führte es sich an dir. – Da war's einmal schon spät, eben wollte die Sonne untergehen, er stand an der Wendeltreppe mit dem Kind; die letzten Sonnenstrahlen leuchteten ihm ins Gesicht, er ward so totenblaß, das Kind klammerte sich fest ihm an, »laß los«, sagte er kaum hörbar und fiel die Treppe hinunter, das Kind hatte aber sein Kleid festgehalten und war mit heruntergefallen. Da trug man den Peter ins Bett, das Kind sah den liebenden Bruder nicht wieder. Auf seine Fragen war die Antwort, der Peter sei begraben; es verstand nicht, was das sei. Noch manchmal sehnte es sich nach dem Bruder, und noch manchmal in einem Eckchen saß, des Abends, wo das Licht nicht bis hin leuchtete, da sah es in der Dämmerung seine dunkeln Augen es anleuchten, oder war das Einbildung? –

Der Vater hatte das Kind sehr lieb, vielleicht lieber als die andern Geschwister, seinem Schmeicheln konnte er nicht widerstehen. Wollte die Mutter etwas vom Vater verlangen, da schickte sie das Kind, und es solle bitten, daß der Vater Ja sage, dann hat er nie es abgeschlagen. Nachmittags, wenn der Vater schlief, wo keiner Lärm wagte oder Störung zu machen, das Kind aber lief ins Zimmer, warf sich auf den schlummernden Vater und wälzte sich übermütig hin und her, wickelte sich zu ihm in den weiten Schlafrock und schlief ermüdet auf seiner Brust ein. Er lehnte es sanft beiseite und überließ ihm den Platz; er ward nicht müde der Geduld. Viel Lieblichkeiten erwies er ihm, beim Spazierenfahren ließ er halten auf der Blumenwiese, bis der Strauß groß genug war, das Kind wollte gern alle Blumen brechen, das nahm kein Ende, die Nacht brach ein, und den Strauß, viel zu groß für seine Händchen, bewahrte ihm der Vater.

Was ging denn noch Schönes vor und webte allerlei Lustiges ihm in den Lebensteppich. Das belebte Leben auf der Straße! Gegenüber im Haus die offne Halle, in der vom Mai bis in den Herbst die Nachbarn kampierten den ganzen Tag, da spielten die Kinder mit dem Mops, und der Papagei auf der Stange plauderte »Spitzbub«, das wollten wir gern den ganzen Tag hören. Wie glücklich war das Kind mit dem Schlüsselblumenstrauß, den die Milchfrau mitbrachte morgens früh. Ach das Land! – Die Wege hinaus ins Freie! – Die Kinder schiebelten sich lustig den Wall hinunter ins tiefe Gras. Und das Klapperfeld, wo das Gespenst rumorte im bösen Haus, und der Herr Bürgermeister hatte Wache hinpostiert, zehn Mann von innen, und von außen auch zehn an die Türe gelehnt, hat das Gespenst in der Nacht umgeworfen, in der Nacht mit dem Glockenschlag zwölf. Der Doktor Faust habe da gewohnt ganz im Verborgnen und sei erst jetzt gestorben, seitdem rumort es. Da erzählten sich die Leute abends spät noch Wunder vom Doktor Faust, wie er die Bäume konnte blühen machen mitten im Winter und so schnell, daß man zusehen konnte, wie die Blüte herauskam. Das Kind schlief nicht, es erlauschte alles in seinem Bettchen und freute sich der Unmöglichkeiten.

Einmal starb eine vornehme fremde Frau, die in der Stadt krank gelegen hatte an unheilbarem Übel. Sie hatte das Kind oft kommen lassen an ihr Bett und ihm viele Spielsachen gegeben. Ein langgedehnter Grabgesang hallte durch die Straßen, schwarze Männer trugen den Sarg. Da wird die vornehme Frau begraben, hieß es, und man erzählte viel von ihrem schmerzlichen Tod! – Was ist das, Tod? Begraben! Nicht mehr da! – Das Kind kann's nicht begreifen, daß man nicht mehr da sein könne. Und heute noch kann es nicht glauben ans Nicht-mehr-Sein. – Nein! Nur wie der Schmetterling aus seinem Sarg hervorbricht ins Blumenelement und nicht sich besinnt, nur taumelt lichttrunken, nur freudig schwärmt, so lösen die Kranken, die Müden sich ab vom Leib, so steigen sie auf ins reinere Freiheitsleben, das ist alles, was den Sinnen nicht sichtbar war. Wie die Raupe sich veredelnd umwandelt, so kann's der Mensch auch. – Hätte es doch wieder vergessen können, was das heißt, von der Erde scheiden! Der nächste Frühling, vom Tod an der Hand geführt, kommt und geleitet ihm die schönste Mutter ins Grab. Da ist Zerstörung im Haus, die Freunde! – Und viele dankbare Tränen fließen. Der Vater kann's nicht ertragen, wohin er sich wendet, muß er die Hände ringen, alles scheuet seinen Schmerz. – Die Geschwister fliehen vor ihm, wo er eintritt, das Kind bleibt, es hält ihn bei der Hand fest, und er läßt sich von ihm führen. Im dunklen Zimmer von den Straßenlaternen ein wenig erhellt, wo er laut jammert vor dem Bilde der Mutter, da hängt es sich an seinen Hals und hält ihm die Hände vor den Mund, er soll nicht so laut, so jammervoll klagen! – Gesegnetes Haupt, das an seiner seufzenden Brust lag und, von seinen Tränen überströmt, ihm Linderung gab. – Werde doch auch so gut wie Deine Mutter, sagte in gebrochenem Deutsch der italienische Vater. –

Ach lieber Clemens, heute kann ich nicht mehr von der Kindheitsgeschichte schreiben. Und es ist ja auch gar nichts, was ich da aufgeschrieben hab, und doch bin ich erschüttert und muß um die Toten weinen. Mein Licht geht gleich aus, es ist so kalt im Zimmer, jetzt spür ich erst, daß ich mit bloßen Füßen die ganze Zeit am Schreibtisch sitze. Wenn ich wieder schreibe, will ich fortfahren, vom Kloster zu erzählen, wo wir bald nach dem Tod der Mutter hingebracht wurden. Adieu Clemens, wenn wir nach Frankfurt kommen, geh ich gleich in die Karmeliterkirche und sehe, wie es da ist, ich hab Eltern und Geschwister so lange nicht besucht, wenn sie's fühlten, wenn sie sich wunderten, daß ihr Kind sie versäumt.

Deine Bettine.

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