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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 25
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Liebe Bettine.

Deine Briefe erquicken meine Seele und nähren sie, der Winter ist hier so traurig, und Savigny, tief in den Studien, überwintert die Saat seiner großen Zukunft unter einer Schneedecke von Verschlossenheit, die mich verzweiflen macht. Was ich mir auch die liebende Mühe gebe, ihm mitzuteilen, er ist stumm dazu, oft denk ich mit Behutsamkeit etwas aus ihm herauszulocken, allein die Erfahrung ist nun in sich vollendet, daß ich nie den geringsten Beweis von ihm erhalten werde, daß, was ich ihm sage, ihn interessiert. Oft in meiner kalten Stube (was mir nun auch noch den Winter unerträglich macht, daß der Ofen nicht heizt, sondern raucht) komme ich darüber in Schweiß, ins klare zu kommen über seine Klarheit, mit der bald die Tonie, bald die Gundel oder Du mich plagen. Bin ich denn ganz auf den Kopf gefallen, daß mir diese gepriesne Klarheit und Ruhe den peinlichsten Eindruck macht? – Also quäl Du mich nicht mit Deinen erhabenen Ansichten, da ich ihn in der Nähe habe und er vielleicht besonders gut fernt.

Ich hab dem Buchhändler Guilhomman den Auftrag gegeben, Dir den Homer zu schicken. Hast Du ihn bekommen? Weiter sollst Du nächstens die Reise des jungen Anarcharsis lesen und recht aufmerksam, das wird Dich unterrichten und ergötzen. Doch mußt Du Dir keinen Zwang bei solcher Lektüre antun, Du mußt sie würdigen, indem Du sie liebst. – Die ästhetischen Briefe von Schiller – hast Du sie gelesen? – so bedaure ich Dich für die Pein; sie sind für eine kindliche Seele etwas hölzern. Hiervon schweige gegen die Großmutter, sie tut Wunder der Güte in ihrer Art – und Du sollst sie ehren. Schreibe, wenn es möglich ist, Deine Empfindungen während oder nach der Lektüre nieder und schicke mir so etwas, überhaupt sprich in Deinen Briefen oft mehr über den ganzen Kreis Deiner Empfindungen, wie sie nämlich in die Welt hinausstrahlen, als über ihre Konzentration.

Was Du tust, erhalte Deine Seele in reiner jugendlicher Liebe zum Großen und Schönen. Auch die Sinne wollen die Befriedigung in der Schönheit, sie suchen es in sich und in dem, was Einfluß auf sie übt. Du fühlst Dein Ohr beleidigt durch eine klanglose, rauhe Stimme, die keinen Geist widerhallt, so Dein Auge lenkt ab von dem, was seinem Schönheitsreiz widerspricht. Oder es forscht nach der tieferen Schönheit des Geistesadel und der Güte, wenn es mit häßlichen Zügen sich bekannt macht. So ist das unschuldige Auge der strengste, aber auch der edelste Richter, ja der König unter den Sinnen, denn es begnadigt den, der unverschuldet gegen die Schönheit sündigt, es erhebt und rächt ihn an den stumpfen Sinnen, die das Tiefe nicht von der Oberfläche unterscheiden. Seelenreinheit im Verkehr mit andern, ohne Vorbedacht, ohne Berechnung, die allein ist der helle Kristall, durch den das Leben in seiner Ursprünglichkeit begriffen wird und die aus sich selbst die ewigen Motive immer wieder erzeugt, welche eine verwirrte Welt umwälzen und ihre primitive Kraft ihr wiederverleihen. Verstehst Du mich? – Nur solchen Naturen schließen sich alle Lebenstiefen auf, nur sie werden gesund zwischen Lastern, ansteckenden Krankheiten der verwirrten Zeit hindurchgehen, nur sie werden Heilung ausströmen, nur sie werden taube Ohren hörend und blinde Augen sehend machen. Sei unbekümmert um die Zukunft, es gibt keine; wenn Du in jeder Minute rein und voll und ohne Langeweile lebst, so gibt es nur eine gegenwärtige Ewigkeit.

Es würde mich freuen, wenn Du wolltest Dich mit dem Englischen beschäftigen. Sprachen sind ein großer Gewinn, sie enthalten, außer der Verschiedenheit des Ausdrucks, auch noch ein melodisches Genie, und dies erzeugt wieder auch ein tanzendes Genie im Geist. Und willst Du hinter alle Geheimnisse des Geistes kommen, so nehme nur Rücksicht auf das Leben, was die Sinne führen, es spricht Dir Befähigung und Kraft und Neigung aus. In unserer äußern Welt konstruieren sie eine erhabne Geisteswelt, die reifen muß in ihr und endlich sich selbständig zur Welt gebären muß. Das ist unsre Erlösung aus dem Irdischen ins Himmlische. – So wie der Tanz Dich lebendiger und rascher macht. – Als ob, von frischem Frühlingswind angehaucht, die Lebensglut aufflackert und spielend ihre Flamme hier- und dorthin wirft; so ist's mit dem Geist. Sprachen lernen ist, mit dem Geist der aufregendsten Tanzmusik folgend, sich behagen in harmonischen Beugungen und zierlichen kecken labyrinthischen Tänzen, und dies elektrisiert den Geist, wie die Tanzmusik Deine Sinne elektrisiert. In der Sprache aber vermählen sich die Sinne wirklich mit dem Geist, und aus dieser Verbindung erzeugt sich denn, was die Völker mit Erstaunen als ihr höchstes Kleinod lieben und erheben, und wodurch sie sich erhaben fühlen über andre Völker, was den Charakter ausspricht ihrer Nationalität, nämlich der Dichter. Drum, liebes Kind, ist's nicht so gemeint, wie die andern es meinen, wenn sie Dich zum Fleiß anmahnen – wenn ich Dich drum bitte; es ist wahrhaftig aus einem tieferen Grund; aus dem heiligen Grund der Vernunft. Diese Vernunft, die immer über uns schwebt, selten den Fuß auf die Erde setzt, nach der schaue ich beständig und flehe sie an, daß sie Deine Muse soll sein. Dir kömmt vielleicht das trocken vor. Ich hab schon oft Dich zürnen hören über Vernunft und vernünftig, Du hast dies Wort bei mir verklagt, daß es so wenig Klang als innerlichen Nachklang habe, und wenn ich Dir auch nachgebe, daß der Klang dieses Wortes nichts Anziehendes habe, was daher rühren mag, weil die Vernunftphilister es in falschem Gold nachmachen, so erinnere Dich nur, was Du mir noch vor einem halben Jahr geschrieben, die Pockengruben, die Lavater dem Mirabeau so bös auslegt, können Dich nicht hindern, in die Gruben seines Geistes und Herzens Dich einzubetten? – Nun so glaube mir, daß, wer im Begriff der Vernunft ein edles Lager findet, das mit Rosen und Lorbeeren und auch mit Myrten Dir bestreut ist.

Das Mißverständnis der Welt ist der wahre Verleumder, sein Lügennetz verwickelt alle Hin- und Widerreden, alle sich aus gegenseitiger Opposition bildenden Meinungen, und wer sich oder seinen Grundsätzen unrecht getan fühlt, tut wieder dem unrecht, den er selbst durch Irritation so weit gebracht hat, daß ihm die Ahnung in der Seele gelöscht ist vom Großen und Schönen, und betäubt nicht mehr das Rechte erkennt. –

Aus Empörung gegen diese Mißverständnisse gegenseitiger Opposition ist die Revolution entsprungen, und aus Eigensucht derer, die für die höchste Liberalität zu streiten behaupten, wird sie mit ihren schrecklichen Nachwehen, eine schauerliche Ruine für die Nachwelt, dastehen. Aber gebessert kann nur das ganze Weltverhältnis werden durch die heilige Vernunft, laß sie Dein Mirabeau sein, wenn dieser Name Dir besser klingt. Widme ihm Deine Begeisterungen, da er Dir doch nur aus den Wolken herabpredigen kann, so wird dies leicht mit der Vernunft übereinstimmen, die auch immer über allen Projekten der Menschheit schwebt.

Verzeih mir, wenn ich Dinge Dir mitzuteilen versuche, die viel reiner in Deiner Seele wohnen, die ich eigentlich in Dir selber wahrnehme, um sie Dir auszusprechen. Die Hoffnung auf eine köstliche Ernte macht mich so ungeduldig, ich sehe alles hervorsprießen und zur Blüte sich drängen in Dir und kann es kaum erwarten, daß es der Wahrheit und Schönheit zugunsten reife.

Noch einmal führ ich Dich auf Deine Studien zurück. Ach wenn Du erst den Shakespeare englisch lesen kannst, das ist ein halbes Leben wert. Auch zeichne fort, recht fleißig und mit der Begierde, es zum Selbsterfinden zu bringen. Die Zeit, die Du nicht arbeitest, liebe Bettine, mußt Du ja doch verlieren. Keine Minute lohnt Dir in Deiner Umgebung. Ja, wohntest Du in der freien Natur und könntest in Feld und Tal und Wald und Berg herumlaufen, oder könntest Du mit Menschen sein wie mit Sternen, die ihren Einfluß auf große Charaktere ausübten und sie zu erhabnen Handlungen reizten. Aber leider haben die Sterne ihren Einfluß verloren, ich würde Dir dann nicht sagen, arbeite, denn dann würde die Ursprünglichkeit aller höheren Anlagen in Dir, wie das Wort im Geist, Fleisch geworden sein. Aber so kann es nicht sein noch werden, weil der Genius nicht mehr als erste Kraft in uns wirkt und wir uns an die Spekulation verkaufen. Du mußt daher in Deinem Innern Dir einen Schatz sammeln, worin Du Deiner Welt reines Sonnengold einschmelzest, auf daß die lebendige Sonne in Dir selber aufgehe.

Ich wollte, mir wäre so in meiner Jugend geworden! – Doch keine Klagen! – Nein, so ist mir's nicht geworden! – Gott hat mich vieles nur im Bedürfnis kennen gelehrt, damit ich es von Dir fordern könne; und gern vertrauend, daß Du mir sicher folgst und unbefangen trauest, will ich Dir folgende Zeilen aus einem größeren Gedicht nicht vorenthalten, die ich in einer Stunde geschrieben habe, wo ich recht fest an Dich glaubte und das Leben um Deinetwillen liebte.

Kehret, Gedanken, doch heimwärts, eilet, den Tempel zu ordnen,
Schafft mir im Herzen Gebet, eh es in Sehnsucht mir bricht.
Drei sind ihrer, der Teuern, die weit in der Fremde mir weilen;
Zwei, dem Tode geweiht, grüßt noch einmal mein Blick,
Daß ich friedlich entsage, dem, was die Fremde begehrt.
Dann umfasse mich Leben – denn eine noch weilet – ich fühle,
Daß sie das Einzige ist: Leben und Liebe und Zukunft. –
Wie mir's im Herzen das hat ihr der Gott in den Busen geschrieben,
Wie in der Seele es mir, schrieb ihr der Gott in das Aug. –
Schweigend spricht sie das Wort, was meine Lippe nicht redet;
Flieh ich, so ist sie die Flucht; ruh ich, so ruht sie in mir.
Suchst Du sie? – dort in den Schatten des Waldes, wo sich das Dunkel
Tiefer Begeisterung löst, stiller der Himmel sich senkt,
Wo an der liebenden Brust, dem Gestade des brausenden Lebens,
Des unendlichen Meeres Woge melodisch sich bricht.
Dort weilt sie, dichtet fromm, was ihr Geister sie lehret,
Begierig, Geheimes zu fassen,
Und euch, ihr Götter in mir, schuf nur des Kindes Gebet.
Trösterin! – Freundliche! – Dein Seherauge entsiegelt dem Tode,
Der Dich als Leben umgibt, selbst den geschlossenen Blick. –
Alles, Bettine! dem liebend Dein schaffender Geist sich genährt,
Was Deine segnende Hand, was Dein Gedanke berührt,
Blühet schöner, ein Freiheit verklärendes Leben.
Bilde in mir Deine Welt, Du, die den Zweifel nicht kennt,
Die aus dem Busen mir zog den vergifteten Pfeil.
Alles, was der Genius zu bilden mich drängt,
Bilde ich Schwacher es nicht, weilt schon gestaltet in Dir.
Schützend will ich Dir folgen, Du Leben, das, wo ich zage, mich schützt,
Das, wo ich welke, erblüht, gern mir die Jugend ersetzt.
Verwechselt im Herzen, schreitest Du kühn auf tobender Woge,
Die aufbraust in mir, und sänftigst sie, daß sie heller, melodischer klingt.
In Dir weile ich flammend, Du gibst die lindernden Öle,
Und so sühnt sich in Dir, opfernd den Göttern, der Sturm.

Ach liebes Kind, wie einzig möcht ich Deine Begriffe und Ahnungen so stark machen, daß sie wirklich endlich zum Kern würden, zum reinen Gesetz, an dem alle Verkehrtheit zu scheitern komme. Ach, lerne, arbeite, Dich zu bereichern, was es auch sei, nichts ist unbedeutend, alles nährt und weckt und erleuchtet. Aus allem kannst Du weben und flechten einen schattigen Hut, wo die Sonne im Zenit steht, eine Freiheitsmütze, die Deine höheren Anlagen schützt. Ach, die Welt ist groß. Es gibt mildere Sonnenhimmel! – Spanien, wo die Orangen Dir in den Schoß rollen, ich muß Dich hinführen, wo die ganze Natur Dir bestätigt, was Du ahnest, was Du suchst und glaubst, drum lasse Deinen Geist kühn jede Stufe erklimmen, fürchte nicht, daß er ermüde, nein, er kann durch sich selbst nur erstarken; wer von den Banden der Sklaverei sich will befreien, der muß den Geist im Innern befreien. Verberge, was ich Dir hier sage. Es gibt Gedanken, die dem Gott im Menschen allein geweiht sind, und der Geist wird nicht Schöpfer werden, der nicht diese als Geheimnis bewahren kann. Der Geist ist Zauberer, dies ist die Schöpfung, die in sich selbst geheim und heilig ist, eine ewige Tiefe der Freude und des unergründlichen Glückes, fern und unantastbar für die lärmende, vernichtende Oberfläche des Lebens.

Wieder ein Posttag und nichts von Dir! – Wie ist das? – Hindert man Dich? – Der Buchhändler schreibt mir, er habe Dir den Homer geschickt, hast Du ihn? – Schreibe und liebe Deinen Clemens.

Ach, manchmal möcht ich verzweiflen, manchmal ist mir's, als müsse dennoch alles im Rauch aufgehen, was mir so gut und schön in Dir deucht, als könnest Du nicht zu Dir selber kommen, um was hab ich Dich alles gebeten? – Du hast mir versprochen, was mich so glücklich machen könnte. Versprochen hast Du's, aber wirst Du's auch halten, wo eine lederne Zeit sich Deiner anmaßet? – Du könntest – und doch kannst Du nicht. – Warum nicht? – Frag Dich das! – Warum hast Du nicht von Deinen Kinderjahren die Erinnerungen aufgeschrieben? Du hattest mir's versprochen, Du hattest mir's gelobt. Werd ich nicht auf Dich zählen dürfen?

Clemens.

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