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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 24
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Es ist aus mit den Blumen, die letzten Asternsträuße waren die, womit wir in voriger Woche die Blumenurnen schmückten und die wegen der Batterie vor die Tür gesetzt wurden. Gestern haben wir den letzten Herbst gemacht, nur noch die Winterbirnen hängen, von denen meint die Großmama, wir wollten sie hängen lassen, bis erst Reif kommt, der war heut nacht, und nun frag ich: »Wollen wir heut die Birnen abmachen, es war heut nacht Reif.« Großer Schrecken der Großmama, sie hatte so in den Tag hineingelebt und gemeint, es sei noch lang nicht Winter. Und wie sehen die Blumen aus? Wir müssen heute noch Kränze haben, es ist eine Hochzeit hier im Haus, um drei Uhr wird der Pfarrer hier sein und ein edles Paar zusammengeben.

Lieber Clemente, was doch alles hier im närrischen einsamen Haus passiert! Aber wir drei Geschwister ahneten gleich die Geschichte, ich sprang mit Flügeln die Treppe hinauf, wir kriegten uns alle drei um den Hals und tanzten eine Ronde, daß die Wände zitterten. Auf einmal erscheint die Tante im Negligé, halb frisiert, was das für ein unanständiger Spektakel sei? – Und was die Hofdame denken solle, die seit acht Tagen im Saal unter uns wohnt, daß wir so ihr auf dem Kopf herumtanzen. Und der Tanzmeister wartet schon eine Viertelstunde. Wir lernen nämlich schon seit vierzehn Tagen bei einem französischen Ballettmeister einen figurierten Tanz, an dem sollen wir fortexerzieren bis zum Neujahrstag, da sollen alle Nationen kommen, dem Fürst Ysenburg gratulieren, die Franzosen haben dazu Madrigale gemacht avec la Pointe cachée, sagt Chateaubour, der Hauptdichter. Ich stelle eine Spanierin vor, blau und silbern, und ebenso mein Tänzer, der Prinz Neunzehner, der gar nicht vom Platz zu bringen ist, allemal rechts umdreht, es sei links oder rechts; so hat der Tanzmeister deswegen die Figur umgeändert, damit er nun rechts auch auf den rechten Platz komme, und nun läuft er wieder allemal links, wir lachten so toll in der Probe, wir waren so ausgelassen, wir wußten, daß die Tante nicht kommen konnte, weil sie Toilette machte, wir sprangen auf Tisch und Stühle, Herr Baleri mit seiner Pochette in einer Staubwolke, die alte Cousine, die hereinkam mit einem Befehl der Großmutter, setzten wir auf ihren ledernen Sessel und trugen sie auf den Köpfen, sie schrie, die andern sangen, und Baleri spielte einen Marsch. – Die Großmama ließ uns in den Garten beordern. Alle Blumen vom Reif verdorben! – Wir mußten uns an die Hambutten und die herbstlich rote Jungfrauenrebe halten, dazu Tannen und Efeu. Wir waren sehr lustig bei diesem Dekorationsfest, wir machten's wie die Braut und gaben den halb verblühten Astern mit farbigem Papier ein Ansehen. Diese Heirat ist ein Werk der Großmama; vor kurzer Zeit lernte diese Hofdame von Meiningen bei ihr den Herrn von Drais kennen, wie er grade vor unserm Hause eine Draisine probierte, eine Bank mit Rädern, die Herr von Drais, drauf sitzend, mit Händen und Füßen fortbewegt. Die Hofdame sah ihn dahergerollt kommen, hinter ihm drein alles, was Beine hatte. – Nachdem sie getraut waren, hielt die Großmama eine bewegliche Rede. Wir spielten abends ein Sprüchwort, worin die Draisine eine Hauptrolle hatte. – Heute werden nun die Birnen abgemacht. Da freu ich mich drauf. Das Hochzeitspaar ist nämlich gestern spät noch fortgereist und alles wieder im stillen Geleise. Morgen wird Kartoffelernte gehalten von einem kleinen Feld, worauf die Großmama Musterkartoffeln ziehen läßt, die ihr von allen Enden der Welt, ich glaub sogar von Amerika her, geschickt werden. Da müssen wir ein Register machen, wieviel jede Staude getragen hat, der Großmama ihre höchste Wonne, diese Register zu vergleichen. Nun weiß ich nichts mehr, als daß Du meinen letzten Brief nicht beantwortet hast. Buch sagte der Großmama, Du seist nicht in Marburg und würdest erst am 19. wieder da sein. Das ist mein Namenstag, der nie mit andern Blumen kann gefeiert werden als die im Eiskristall am Fenster anschießen. Heut ist der 4. Also 14 Tage soll ich nicht wissen, wo Du bist, da kann der Brief ein Weilchen frieren in Deinem unbewohnten Zimmer.

Bettine.

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