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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 23
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Jetzt schreib ich gleich weiter von allem, was ich über Deine Warnungssorgen vergessen hatte. Diese Frau hat mich in einem fortwährenden Schauerriesel erhalten, und denke Dir, während ich, in die Türe gelehnt, sie ansah, verstummte sie oft mitten in ihrer Rede und sah sich nach mir um, keine Goldfrucht winkt lockender aus dem dunklen Grün als ihr lächelnder Blick nach mir, ich fühlte mich beschämt. Bei der Heimfahrt nahm der eine ihrer Begleiter den Platz im Whisky ein, sie schwang sich mit selbstgefälliger Anmut aufs Pferd, sie grüßte mich, als wolle sie mir sagen: schwing dich auch aufs Roß, aus allem heraus, was dich beengt, komm, vertrau mir, ich will dir die Hand reichen. – Und fort war sie; und ich lief in den Garten und stieg auf die Pappel, wo hätt ich hingesollt, so sehnsüchtig in die Weite? – Auf dem Gaul die Abendlüfte durchsausen im Galopp! – und hätt ich das gekonnt, mein ganz Glück würd ich darin finden und muß Dir alles sagen, was ich hierbei denke.

Man muß doch wohl wissen, was das Gegenteil ist von aller Verkehrtheit, denn nur in dieses hinüber kann man sich vor ihr flüchten, und doch, wenn sie mich wie Lüge und Gespensterwesen anschauderte und ich glaubte ihr Gegenteil, die Wahrheit, zu empfinden, so war keine Gewalt in mir dazu. Die erste Melancholie, die erste Träne, die wie eine Frage mir ins Gewissen fiel, war der Art. Ich ging einmal in so unklarer Stimmung über den Hühnermarkt in Frankfurt, auf einmal befand ich mich wie im Traum, aus einem Weltenraum in den andern hineingerissen, aus der kalten, mit spazierengehenden Philistern besetzten Straße unter die befiederten, also zur Freiheit geschaffnen Tiere. Die Tauben, die man im Abendschein in Herden die sonnevergoldeten Wetterfahnen der Kirchtürme umschwingen sieht, waren hier in schmutzige Körbe eingesperrt, wo sie ihr reines Gefieder besudelten bei kargem Futter. Und morgen sollten sie von der Hand und für den Magen eben dieser Philister geschlachtet werden, in denen nie ein Naturgefühl den Lebensreiz erhöht hatte. – Es machte mich traurig, ich fühlte mich hier besser und weniger beschämt als unter den Menschen. Diese Tiere sind ein Liebreiz der Natur, sie haben Mut, sie schwingen den wolkenbringenden Winden sich nach in die Lüfte, und alle Lebensgeister in ihnen sind angefacht. So wie ich mich sehnte damals, mit den Tauben unter Gewittern die Türme zu umkreisen, so hätte ich gestern auf dem Gaul im Galopp dem gewohnten Schlendrian mich entreißen mögen. Ich hab es sehr deutlich gefühlt, was diese Frau voraushat, dadurch daß sie so einem Reiz kann genügen. Freiheit fühlt sie in allen Gliedern auf dem Pferd, das sie zu lenken versteht, und wenn es sich bäumt und steigt, und sie läßt so ruhig es gewähren, denn sie weiß, es wird sich gleich fügen, und jetzt ist sie aufgeregt durch einen Gedanken, so setzt sie dem Gaul die Sporen in die Seite, und er fliegt wie ihr Geist mit ihr zugleich dem entgegen, was sie erringen möchte. Ach, wie muß das die Kraft fördern Leibes und der Seele, wie muß das den Gedanken treiben, daß er gepanzert hervorspringt gleich und dreinschlägt in den Begriff, und wie muß es das Herz heben, das Reiten? – Nur edlen Naturen gehört das Pferd, kein Vorsatz konnte mich bewegen, auch keine Vorstellung, keine Belehrung, keine christliche Moral irgend mich selber im Zaum zu halten, das Gute zu tun, das Böse zu lassen. Aber auf einem Pferd, da würde ich zu jeder kühnen Tat, auch noch im letzten Augenblick, herangesprengt kommen, denn das würde genievolle Begeisterung in mir anregen. Was ist der Unterschied zwischen Gott und Menschen? – Daß in ihm alle Lebensreize wach sind, und aber im Menschen schlafen sie. – Er hebt das Haupt, der Mensch, weil ihm irgend etwas deucht – er sucht seine Meinung, er glaubt sie gefunden zu haben; er paßt sie den unbegriffnen Dingen an, die müssen sich danach zurechtsetzen lassen, und den nennt man einen Weisen, der das Ursprüngliche so lange verkehrt und das Göttliche durch Schein und Trug ersetzt, damit er sagen könne, von mir geht der Begriff aus. Und seinen verrückten Plänen fügt man sich, denn er sitzt tief im Philisterstuhl, aber von dem Feuer eines kühnen Pferdes träumt ihm nichts. Ebensowenig von der Wahrheit, die ein so lustiger und rascher Gaul ist, der über Stock und Stein hinaussetzt und ums Ziel siegend herum sich tummelt. Und da schreien die Leute über den Tollkühnen, der wie wahnsinnig über die Barriere sprengt, verbotne Wege reitet durch die gefahrvollen brausenden Wellen hinauf zum steilsten Ufer, gleich wird er verunglücken! Die Feigen wissen nicht, daß diese tollkühnen Sätze abgemessen sind nach ewigen Gesetzen der Begeisterung, sie sind gewagt, aber in ihrem Wagen liegt ihr Gelingen. Wär ich König, ich würde die Welt untertauchen und sie gereinigt aus den Zeitenwogen hervorgehen lassen. – Was ich sage, sei es Frevel, o so ist mir dieser Frevel lieb. Wo war je ein Gebet stolz genug, daß ich gern es nachgesprochen hätte? –

Hier liegen wir im Staube vor Dir Gott Zebaoth.

So mußten wir im Kloster singen, und nachdem ich's jedesmal mitgesungen hatte, besann ich mich eines Tags, was es denn wohl heißen möge, es schwante mir, als ob dem Gott der Menschheit ein Götze gegenüberstehe, der Zebaoth heiße, denn Gott und Mensch konnte ich nicht trennen und kann es noch nicht, und Staub lecken vor dem Zebaoth, das heißt mich eine innere Stimme bleibenlassen, wenn ich Frieden haben wolle mit dem rechten Gott, der in den mondverklärten Wolken abends sich ins Gespräch mit mir einließ über allerlei und mir recht gab, wo aberwitzige Menschen es besser wissen wollten. Und wie wunderliche Reden führte mit mir oft dies oder jenes auch in der Natur.

Was hab ich alles erfahren in jenen Kinderjahren; – Wurzeln und Kräuter, eine Blumendolde, aus der bei leisem Druck der Same aufsprang – die waren mir Unterpfand und Beteurung vom Gegenteil alles Aberglaubens, sie sagen mir immer dasselbe: Frei sein, und jeder Glaubensbefehl leugnet mir das, und endlich, da die Überschwemmung der ganzen Erdenkultur auf mich losgeschwemmt kommt, da strecke ich die Hand allem Unschuldigen entgegen, um es zu retten in meinen Busen. Und jeder Begriff des Großen, Kühnen, der Lüge zum Trotz Reinen – das ist mir ein Lebendiges, das mich anwirbt mit schmeichelnder Verheißung. Und was war dagegen, was man mich lehrte? – ach so unfaßlich, daß man eine Maschine sein mußte, um es nachzusprechen.

Du hast mir oft gesagt, ich solle meine Erinnerungen aufschreiben aus der Klosterzeit, über die ich nun schon mehr als drei Jahre hinaus bin. Es ist alles noch lebendig in mir, ich kann aber nicht die Blütenäste vom Baum abbrechen, der ich selbst bin. Dies Klosterleben hat Knospen in mir angesetzt, Ahnungen, die zur Wahrheit müssen reifen. Denn der Baum kann nicht selber sich berauben seiner Düfte, die noch verschlossen sind. – Denn alles ist mir ja nicht ein Gegenstand, ich bin es selber. Weil es aber heute in so nächtlichen Zeit ganz toll in mir hergeht, daß ich nicht schlafen kann vor dem Gaul, der Schimmel, der mir im Kopf herumtrabt – so weckt er mir ja ganz leidige Erinnerungen, über die ich gleich damals als junges Kind schon den Bann ausgesprochen habe. Ach, ich bin doppelt froh des Lichtes, das ich in Dir sehe, denn alles, was ich Dir schreibe und sage, kommt mir vor, als gehe es von Dir aus, und ich bin so stolz in Dir, weil Du oft mich anredest, als ob es die Stimme der Weisheit sei, auf die ich lange gehorcht habe in die Ferne, und jetzt ist sie mir so nah in Dir, daß ich sie von mir selber nicht unterscheide. Aber ach! hege keine zu großen Erwartungen von mir, bedenk, daß ja Deine Liebe mir keinen Wert mehr läßt, ich hab ihn alle für sie hingegeben. Und heut schreib ich nun nichts mehr, aber morgen.

Nun ist's Morgen Clemente, aber welch ein Morgen? – Die Gachet hat sich ansagen lassen mit noch merkwürdigen Begleitern, ein Chemiker Buch, ein Gottesgelahrter Maijer, ein Pferdemaler Dalton. Dies Pferdegenie soll sehr interessant sein, der blinde Dux wird auch da sein. Ich freu mich schon auf alles, und mir klopft das Herz, aber ich werde mich doch auch selbst fühlen gegenüber der Frau, die ein Pferd regiert wie ein Mann! – – Denn kann ich nicht vielleicht auch etwas regieren, was dem Gaul gleich ist, oder mehr noch? –

Eben ruft die Großmama, wir sollen ihr Blumen holen im Garten und die Urnen frisch mit Sträußern versehen. Ich werde alle Blumenbeete rasieren, ich muß fort.

Clemente, sie ist dagewesen, wie ist doch alles durcheinandergegangen. – Nach dem ganzen Abenteuer haben die Franzosen im Garten einen fürchterlichen Apfelkrieg geführt, ich kann Dir's heute nicht mehr schreiben, ich muß erst noch eine Nacht drauf schlafen. Aber morgen kommt sie wieder, sie hat mir's im Vorübergehen ins Ohr geflüstert, sie ist des Teufels, aber ich bin auch des Teufels, ich will keine Freundschaft mit ihr, ich bin zu jung. Wär ich schon so, wie es in mir werden will, dann ritt' ich stehend auf zwei Gäulen und spränge dazu durch den Reif. Mit Kunststreichen und Übermut wollt ich ihren kühnen Ritt ausparieren.

Lieber Clemens, heut am Montag erzähl ich fort vom Samstag und Sonntag, diesmal gingen hexenmäßige, die Großmama in höchster Spannung haltende Dinge vor, eine galvanische Batterie! – Der kleine rotwangige Apotheker Buch trug Blumenkörbe und Urnen hinaus auf den Hausflur.

Mit Salzwasser in einer großen erdnen Schüssel wurde ein groß Geplätscher gemacht, runde Filzlappen und Taler und Kupferplatten aufeinandergelegt, viele Stimmen und Hände gingen durcheinander bei dem Aufbau der Säule. Der Herzog im Hintergrund hielt mich bei der Hand, ich mußte ihm erzählen, was vorgehe. Nachdem die Säule unter den Händen der Gelehrten mehr wie einmal umgestürzt war, baute die Vendéerin sie selbst auf, und sie blieb stehen; es wurden negative und positive Versuche gemacht, davon kann ich nichts sagen, als daß es nicht ganz so ausfiel, wie man wollte. Die de Gachet verlangte feingesponnene Glasfäden, die Frau Wrede uns gegenüber hat eine Sultansfeder von gesponnen Glas, sie sagte mir, daß sie den Sultan dem Magnetiseur geschenkt habe, der ihn auch zu seinen Versuchen braucht, ich klingelte an seiner Haustür, wie ich den Schall der Glocke hörte, mußte ich mich fürchten, aber ich war schon im Haus der Treppe hinauf und stand schon vor ihm und wußte nicht, wie ich's ihm sagen solle; er kam mir aber zuvor, wie ich von gesponnen Glas anfing, und gab mir den Sultan in die Hand; da sah er an meinem Finger den Ring aus dem ledernen Schuh, den Stein nach inwendig mit roter Seide umwickelt und mit Harz verklebt, ich schämte mich, ich wickelte den Faden los und reichte ihm den Ring, er besah ihn und sagte: Ein Talisman! – und steckt ihn mir wieder an den Finger. Das war alles, was er mit mir sprach, mit dem ich doch manches schon gesprochen hatte über die Gartenwand; ich nahm mir auch vor, gleich den Abend noch auf die Gartenbank zu steigen und mit ihm zu sprechen, ich werde Dir gleich erzählen, wie das aber nicht gegangen ist. Erst wurden mit den Glasfäden Schmelzversuche gemacht, die nicht gelungen sind, drum sollte die Säule ein paar Tage unberührt stehen und sich verstärken; die Großmama war in großer Angst, es könne daran gestoßen werden, und ließ, nachdem die de Gachet fort war, niemand ins Zimmer; die französischen Herren hatten sich im Garten versammelt, es war schon dämmerig, ich kam dazu, sie sprangen wie toll herum, machten große Sätze über die Blumenbeete, rissen die Stäbe von den Pflanzen los und schlugen aufeinander und rissen vom Spalier die gezählten noch unreifen Äpfel zum Bombardieren. – Ich war ja wie versteinert. Denk, sie hatten ihre Röcke ausgezogen und auf die Sträucher gehängt, die waren krumm gebogen von der Last, der ganze Garten war verwandelt, ich konnte keinen erwischen, so war er gleich hinter einem andern drein, und wollt ich den wieder um Gottes willen bitten, so hatte er eins, zwei, drei Äpfel abgerissen und setzte über die Rabatten hinaus, um einen zu treffen; sie waren wie toll gewordne Geister, sie flüsterten und kicherten und gaben keinen Laut von sich, in der Verzweiflung rief ich: Grand-Mama vient, da warfen sie ihre Munition auf gut Glück dem nächsten an den Kopf, und mit ihren Röcken wie der Wind zur Gartentür hinaus. Verwundert, daß diese alten Herren mit ihrem Podagra und Asthma so ungeheure Bocksprünge machen konnten, nahm ich den Rechen und harkte die Wege, ich steckte die weggeworfenen Blumenstäbe wieder in die Sträucher, es war schon dunkel, da suchte ich noch die abgerissenen Äpfel zusammen und legte sie an die Erde, als wären sie von selbst abgefallen, vielleicht vom Wind. Im Hof des Magnetiseurs sah ich die Leute bei einem Packwagen beschäftigt, und denk Dir, er ist fort, heute morgen, noch ehe die Sonne aufging. Das ganze Haus öde! – es sieht so traurig aus, der Wind spielt mit den Dachluken. – Ich hab ihn also zum letztenmal gesehen, wie er mir die Glasfäden gab. – Wie leid tut mir das! –

Die de Gachet war auch noch am Sonntag Nachmittag hier, kein Mensch hatte sie erwartet und ich auch nicht, obschon sie mir es zugeflüstert hatte; so war ich ein Weilchen allein mit ihr. Wie ängstlich war mir das! – Ach Clemens, laß uns lieber allein alles vertrauen, alles miteinander erleben und nicht mit andern. Dieser große Planet, die Gachet, erschüttert mich zu sehr, wenn er mir so nah rückt. – Sie redete von den Himmelskörpern, ihrem subtilen Ausströmen und von wechselseitiger Anziehung der Planeten in ihre Kreise und vom innerlichen Sinn im Ozean der Gefühle, und ich war ganz betäubt. Wie komme ich ihr vor, daß sie mir so was sagt! – Sie hielt mich fest in ihren Armen, ich hätte des Teufels werden mögen; ich schämte mich, daß ich ihr zuhören mußte, gefangen in ihren Armen, und nichts verstand; sie ließ mich los, wie die Großmama hereinkam; ich, wie ein entwischter Vogel, sprang in den Garten auf die Bank und sah recht sehnsüchtig in den verlassenen Garten vom Magnetiseur. Da war er aber doch nicht fort, er wandelte noch ganz allein und kam gleich an die Gartenwand; er sagte mir, seine Leute seien schon seit gestern fort, er reise in der Nacht ihnen nach. Ich habe ihm rechte Vorwürfe gemacht, daß er so fortgehe, ohne mir davon zu sagen; da fing er an zu lachen und sagte, ich hätte ihm ja Reisegeld geschickt, ich lachte auch, weil ich mich schämte zu weinen. Ach dieser Mann war mein bester Freund. Er hat mir nie gute Lehren gegeben, aber er hat mich belehrt. Ach Clemens, leb wohl, jetzt ist's aus mit der Gachet, denn sie sagte der Großmama, daß sie an den Rhein wieder geht.

Bettine.

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