Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 22
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
Schließen

Navigation:

Liebe Bettine.

Ich danke von ganzer Seele für den beruhigenden Klang Deines Briefes, in dem sich Selbstgefühl und Liebe so schön durchdringen. Ich weiß nun mehr über die de Gachet, Du kannst mit ihr sein und kannst sie auch vermeiden, wenn sie Dir nicht zusagt, denn ein Herz, was so herrlich grünt und blüht wie Deines, bedarf keiner Seele als nur der Liebe; die hast Du von mir. Bleibe über alles Zufällige erhaben, folge Deinem inneren Ruf, er ist zu stark in Dir, wer wollte Dich ihm entziehen? – Es wäre Frevel, es zu wollen, da wir alle noch nicht da sind, wo wir mit uns selbst rechten können, ob wir irgend etwas wollen, sollen oder nicht; so würde der rein als Natur hervortretende Instinkt ja nur in sich selbst erkranken, sollte er bezwungen werden durch Reflexion, und sein Genie, die Rettungskraft aus dem Irrtum heraus, wär ihm dadurch gebrochen.

Daß die Welt den großen Kreislauf macht durch Irrtum und leidenschaftliche Verkehrtheit, hat Dir selbst ja bei Deinem ersten Blick in die Welt eingeleuchtet; daß sie aber zu ihrer Ursprünglichkeit zurückkehren solle in vollem Bewußtsein und mit aller Gewalt, das dieses Bewußtsein gibt, das soll in jedem einzelnen wahr werden, oder er wär dieser Welt verloren. Und außer ihr sein wollen ist Vernichtung. Nein! Jede individuelle Kraft kann nur durch und in der Allgemeinheit Wurzel fassen, kann nur in ihr sich selbst verstehen lernen; und kann nur an ihr sich erproben. Drum ist die Geschichte der Dinge das wahre Element der Geister, und darum hat diese de Gachet eine elektrische Wirkung auf die Menschen, weil ihre Eigentümlichkeit sogleich an der Geschichte sich entzündet und drin aufleuchtet, ja wenn der Mensch erst dasteht (das heißt obenan steht), dann ist sein Leben ein fortwährendes Weltwirken. Alle kühne Taten großer Menschen sind ein unwillkürliches, aber ganz naturgemäßes Mitwirken der Gesamtheit oder der Geschichte der Dinge, deren Erzeugnis ja auch der Geist ist; und Mirabeau würde nicht so Schlag auf Schlag getan haben mit jedem Worte, wäre seine Eigentümlichkeit nicht fortwährend elektrisch eben von dieser Geschichte seiner Zeit entzündet worden. Man beurteilt zwar oft die Menschen nach einem sittlichen Wert oder Unwert, dieser ist aber im allgemeinen Weltgeschick nicht mehr zu rechnen. Wer wird dem Mirabeau seine moralische Vergehen anrechnen? – Sie sind geschleuderte Blitze seiner Sinne und seines Geistes, je nachdem sie in fortwährender elektrischer Reibung mit der Geschichte der Dinge sich entladen. Die Revolution hat unendliche derartige Charaktere hervorgebracht, sie haben alle geleuchtet, sind scheinbar wieder verschwunden, ob sie noch wirken? – Daß sie noch wirken, das weißt Du wohl am besten, da Du oft Deine höchste Begeisterung für sie ausgesprochen hast und hierdurch die erste und tiefste Grundlage Deines Begriffes in Dir geworden ist. Ganze Generationen sind vorübergegangen, wo gar kein Weltbegriff in den Nationen hervorgetreten war und das ganze Menschengeschlecht im Willen und im Geist am Boden verkeimte, darum war aber auch keine Geschichte; erst indem sie sich zum wirklichen Leben entzündete, regte sich diese Saat selbstwirkender Eigentümlichkeiten; und diese Gachet – was auch von der Philisterzunft ihr Nachteiliges möchte nachgesagt werden, war doch von ihrem Zeitalter tief bewegt; sie zählte mit, sie hatte ein Geschick, und dies webte sie kühn und lebenskräftig in die grausamen überwältigenden Weltgeschicke mit ein. – So manches Wagnis führte sie oft nur aus um eines einzigen armen Bauern willen, dem sie nachts vielleicht ein Brot brachte in seinen Versteck oder dessen Kinder und Weib sie nährte, während der Mann nicht für sie sorgen konnte. Authentische Papiere, meinem Freund Ritter von ihr mitgeteilt, legen es dar. In einer wilden, nicht geheuren Zeit – was wir unendlich menschliches Elend nennen würden, das wurde dort nicht geachtet, nicht empfunden, es war angemeßnes Tagwerk, diesem Elend der Lebensbedürfnisse zu steuern; – waren sie in etwas befriedigt, so sprühte auch gleich wieder jener elektrische Funke, der die Weltgeschicke durch große Charaktere herausbildet und aufbaut oder sie reinigt oder erzeugt. – Wem hat diese Frau gedient in jedem Bauern, dem sie Hülfe leistete? – einem vertriebenen König, sie konnte das nicht anders wollen, obschon auch ihr die Not und die Berechtigung und die Würde der Nation heilig waren. Und nachdem nun dies schauerhafte Gewitter, was den ganzen Erdenhimmel entzündete, wo kein Blitz aus den Wolken fuhr, der nicht traf, allmählich ausgerollt und sich entladen hat – da sind alle die Ihren vom Blitz getroffen, sie bleibt allein stehen und ergreift die Wissenschaft zu ihrem Freundesstab und sucht die edelsten Geister auf in Deutschland, weil ihr der Vaterlandsboden durch unendlich schwere Jammerszenen unerträglich und auch verpönt ist. Dies alles ist schön und edel, und es ist beglückend, mit solchen Menschen sich berühren dürfen! Das mußte ich Dir sagen, auf Deine Verteidigung Deiner Lebenseigenmacht; sie sei Dir ganz individuell, unverletzt, so kann sie doch nur als gesamtmitwirkend Dir selber wieder zugute kommen. Das ganze Du der Menschheit muß ein Ich werden, große Menschen denken und fühlen nicht anders. Und so sollst Du auch sein mit ihr, die ein Du für Dich ist, in der schönen und edlen Seite aber dein eignes Ich sein muß. Es wird Dir vielleicht seltsam deuchten, als ob ich Dich von der einen Seite warne, auf der andern aber sie Dir im verklärten Lichte zeige, und so ist es auch. Ich will nämlich nicht, daß Dein eigner Charakter, der so fest und so entschieden sich schon ausspricht, sich allenfalls einen andern, der so mächtig einzuwirken vermag, sich unterwerfe, ich will aber auch nicht, daß den Handlungen, die nur der wirklich große Mensch begehen kann, ein schlechtes Urteil gesprochen werde. Was ich Dir übrigens über die de Gachet hier schrieb, ist teilweise aus dem Brief meines Freundes Ritter an mich; dieser große Mensch, der in seinem innern Wissen und Wirken die Zeiten überragt, hat eigentlich hierin den Begriff von sich selber niedergelegt. Ihn mußt Du auch noch kennenlernen, es kann sich Dir nichts Schöneres enthüllen von Menschensinn als dies kindliche, bis ins Antike hinaufragende Gemüt.

Wenn ich von der gewohnten Weise, mich mit Dir zu verständigen, hier abgewichen bin, so ist's, weil ich die reine Menschlichkeit in Ritters Begriff in keine andre Sprache übertragen konnte. Ich möchte Dir alles zuwenden, was mich je gerührt und bewegt hat. Lerne, wenn Du auch nur dabei begreifst, wie man Dich nicht lehren sollte. Dein Bestreben sei, Dich so mit Deiner Vorzüglichkeit zu durchdringen, daß kein Mensch merke, wo Du es bist. Antworte mir und bleibe bei dem, was Deine Seele nähren kann. Ich werde Dir bald allerlei Bücher schicken. Vor allem bewaffne Dich gegen jeden Mißbrauch, den man von Deiner Zukunft machen könnte, gebe niemand auch nur das Geringste davon in die Hände. Lasse nur Dir selber die Herrschaft in Deinem Gemüt, und lasse mich einen geringen Anteil dran haben, wir sind ja keine zwei! –

Adieu Du edles geliebtes Kind.

Dein Clemens.

 << Kapitel 21  Kapitel 23 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.