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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 21
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Clemens.

Geliebter Clemens. Was ist doch alles widerfahren in diesen wenigen Tagen der, die Du Bettine nennst! – Ein Südwind auf brennenden Sohlen, in einer Wirbelwolke von Staub, wehte mir ins Gesicht. Von einem Tag zum andern hat die Welt hier in Offenbach einen Purzelbaum geschlagen. Denn erstens las ich im grünen Zimmer auf der Fensterbank, vor dem Herzog von Aremberg, über die Volksmajestät ein französisches Aktenstück, worüber ich Unendliches hätte den Herzog zu fragen gehabt, der schlief aber, ich wollte nur allmählich aufhören zu lesen, damit er nicht wach werde, ich fing schon an ganz stille zu werden, ich hatte ausprobiert, daß er fest schlief. Siehe, da kam im Sturm dahergebraust ein Kabriolett wie ein abgeschoßner Pfeil vor die Haustür, herab springt der Wagenlenker, ein jugendlich voller schöner Mannjüngling mit klirrenden Sporen, zwei Reiter, die ihn begleiten, treten mit ihm ein, ich war, ich weiß nicht wie, nicht warum, von Schrecken durchgriffen, daß ich vergaß zu reden, und besann mich nicht, die Großmama zu rufen, die im Garten war. Der Herzog fragte, wer dasei, ich deutete den Fremden an, er sei blind, und sagte: »C'est un jeune Cavalier Monseigneur avec deux Messieurs.« »Au contraire, c'est une femme«, sagte der Jüngling und näherte sich. Der Herzog wußte gleich, wer sie war, denn er ergriff ihre Hand und äußerte ein sehr warmes Interesse. Ich lief in den Garten, die Großmama zu holen. Die sagte gleich von Madame de Gachet, einer Prinzeß aus der Vendée, und bis wir ins Haus eintraten, schwindelte ihr der Kopf vor Begeistrung. Ich besann mich unterdessen und wollte gern unbefangner Zuschauer sein. Hinter der Tür vor der Großmama ihrem Schreibzimmer blieb ich stehen, wo ich einstens schon Herder, Boonstedten, Friederike Brunn, die Krüdner und andre närrische Erscheinungen berühmter Leute angestaunt hatte. Es war ein Verbeugen und Neigen der beiden Frauen und ein Beteuern, und ich hätte gern alles behalten, um Dir's zu erzählen, es war ein zu groß Geschwirr von lauten Stimmen; ich konnte nur den Herzog verstehen, der zu ihr sagte: »Vous êtes la plus respectable des ennemies de la France«, sie nannte die »Assemblée nationale le dépôt de la confience de tout un peuple«, und redete, als ob sie die Welt erneuere. »Le peuple n'est plus livre aux intrigues de cour ni aux incertitudes ministerielles«, und meinte, damit sei ihr ganzes tragisches Schicksal ausgewetzt, und dann sprachen sie über Krieg zu Wasser und zu Land, von Vaisseaux de guerre und Kavallerie und Infanterie, und sie redete davon, als wär sie bei allen Schlachten mitgewesen.

Liebster Clemens, wenn Du mir freundlich bist, dann bin ich, wo nicht ruhig, doch zufrieden. Ruhig sein heißt bei mir, die Händ in den Schoß legen und sich auf den Kindchesbrei freuen, den wir heut abend essen. Ruhig sein kann ich nicht, ich freu mich auf alles, was grade das Ruhigsein ausschließt, ich muß jauchzen vor Vergnügen über ein unbestimmtes Etwas. Was mag es sein? Das macht mich auch wieder unruhig, ich nehme drei Treppen unter die Füße bis zum Dachgiebel hinauf, ich guck zum Gaubloch hinaus, was doch herkommen mag, worauf ich so sehr mich freue, und weiß doch nicht was, und ich sah doch auch gar nichts, soweit der Blick trägt; aber nichts! – Aber meine Seele ist eine leidenschaftliche Tänzerin, sie springt herum nach einer innern Tanzmusik, die nur ich höre und die andern nicht. Alle schreien, ich soll ruhig werden, und Du auch, aber vor Tanzlust hört meine Seele nicht auf euch, und wenn der Tanz aus wär, dann wär's aus mit mir. Und was hab ich denn von allen, die sich witzig genug meinen, mich zu lenken und zu züglen? Sie reden von Dingen, die meine Seele nicht achtet, sie reden in den Wind. Das gelob ich vor Dir, daß ich nicht mich will züglen lassen, ich will auf das Etwas vertrauen, was so jubelt in mir, denn am End ist's nichts anders als das Gefühl der Eigenmacht, man nennt das eine schlechte Seite, die Eigenmacht. Es ist ja aber auch Eigenmacht, daß man lebt! – Wir haben in dem Kloster ein Gebet gehabt, daß uns Gott hat das Leben neu geschenkt jeden Morgen. Ich hab's nicht geachtet, jetzt mache ich eine andre Betrachtung darüber, daß wir für unser täglich erneutes Leben dem Gott danken, das macht uns feige, dem Leben zu entsagen! – Aber auch noch Schlimmeres entsteht daraus, wir schließen die Grenze des Lebens so sehr eng ab. Wir steigen so allmählich den Berg hinab und sagen: mein Leben geht schon abwärts, wir setzen die Nachtmütze auf, wir räumen auf und halten an eine kleinliche Ordnung, kurz, wir haben in einem fort mit der Kreide zu tun, mit der wir alle zufällige Flecke unserer Seelenmontur zudecken, weil wir uns auf die himmlische Parade vorbereiten. Wenn alles so ziemlich instand ist, setzen wir uns hin und seufzen und schwitzen als noch die paar Lebenstägelchen fort, die uns der Herrgott zugemessen hat, in lauter Angst, daß die Kreide auch hafte auf den Flecken und daß kein neuer Schmutz dazukomme, und da wird denn das Leben so ledern, daß man dem Gott den ärgsten Schimpf antun würde, es als Geschenk von ihm zu achten. Es ist aber noch mehr und ein viel größerer Irrtum dabei. – Nämlich die närrische Idee daß Leben enden könne, Leben kann wohl verlassen, was nicht vermag Leben zu fassen, aber es kann nie enden. – Und kurz, ich finde diese Anstalten fürs ewige Leben so, daß es Reißaus nehmen muß vor dem Tod in uns. Aber nicht, wie ihr fälschlich meint, daß der Tod über einen komme wie der Dieb in der Nacht. Und wenn er käme, wer wird denn Anstalten machen für diesen Esel, der so schlecht das Lautenspiel versteht, daß er damit schon einer schwachen Seele den Garaus macht. Nein! Wie ich Dir hier noch einmal sage, das Leben flieht die Wüste des Todes, aber dem Tod eine Macht zuschreiben über das Leben, das ist Unsinn. Es ist aber noch ebenso dumm, irgendeine Macht anzuerkennen über uns als nur das Leben selbst, und leg Dir's zurecht, wie Du willst, ich kann's nicht weiter ausdrücken, ich kann nur sagen, was auch in der Welt für Polizei der Seele herrscht, ich folg ihr nicht, ich stürze mich als brausender Lebensstrom in die Tiefe, wohin mich's lockt. – Ich! Ich! Ich! – Ich greife um mich mit meinen Fluten, ich eile in stolzen Wogen durch die Triften. Ich durchziehe euch, ihr Heiden – dort kommen die Berge, die Welt ist rund, mir ist jedes Tal die Höhe, die mir zu durchbrausen beliebt, denn eben, weil die Welt rund ist. –

Clemens! Ich weiß, daß Du diese Wellen des Vertrauens gerne aufnimmst, und ich weiß, daß bei Dir gut weilen ist, drum wird der Lebensstrom auch nur ganz langsam fließen, solang er durch Deine Lebensgegenden zieht, aber über meine Neigungen kannst Du nicht disponieren. Weiß ich doch nicht, was mich Dich lieben heißt, ich gehe Dir nach, ohne zu wissen, warum, wenn's nicht der Lebensstrom wäre, der eigenmächtig durch Deine Fluren wallet und sich wohl befindet so, ja, es ist sein selbstherrschender Wille, der sich durch Deine Lebensgebiete drängt, ach und er strömt so voll, so selbstgefühlig in diesem reinen, edlen Bett, über Perlen und Goldsand, und die Ufer, so blütenreich, gratulieren meinem stolzen Wogengang. – Heut bin ich närrisch Clemente! – Der Frau Gachet kann ich auch nur im Vorüberströmen günstig sein, aber sie lieben wie Dich selber, liebes Flußbett, was fällt Dir ein. – Der Fluß strömt nur Dir freundlich und gutwillig, gegen andre ist er rebellisch und rauh, ich will wohl mit der Gachet umgehen und ein bißchen an ihr nagen mit meinen Wellen, aber mich ihr hingeben, von ihr mich leiten lassen, was fällt Dir ein? – Ich brause vor Zorn, daß einer etwas über mich vermögen soll, was nicht ich selber bin? – Nein Clemens! Welches Menschenschicksal auch über mich komme, das ist mir so jetzt ganz nicht von Gewicht, aber mich durchreißen, Ich selber zu bleiben, das sei meines Lebens Gewinn, und sonst gar nichts will ich von allen irdischen Glücksgütern. Gute Nacht für heute.

Eben jetzt bekomme ich Deinen letzten Brief und bin froh, daß Du selbst bekennst, ein wenig übereilt geschrieben zu haben. – Sie hat gar nichts mit mir gesprochen und Deinen Brief mir sehr freundlich in die Hand gedrückt, sie sah mich oft ganz starr an, als wolle sie mir etwas sagen, Du kannst überzeugt sein, daß ich mich ihr nicht zu Füßen und auch nicht um den Hals werfen werde, ich werde alles, was ich von ihrem Geist begreife und erlerne, Deinem Urteil unterwerfen, mein Leben und mein Glaube und die Lust zu bekennen, was ich will und suche, sind ja Dein, und was meine Sprache nicht auszudrücken vermag, Du mußt's finden in mir, die Dir nicht fremd ist. – Unter allen frohen Stunden bleibt die mir am lebendigsten, wo Du mich zur Lust am Leben angemahnt. Ich begreif doppelt rasch, ich weiß, wo mir's herkommt, daß ich in den nächsten Lebensmoment schaue als in einen reichen Schatz, der mir wie ein Demant entgegenblitzt und mich begierig macht auf ihn. Der ungehemmte Lebensatem, von dem das volle Herz getragen wird.

Vernähme der Mensch besser, was ihm die Sterne zuwinken, so würde er sich im Flug entfalten, und könnt ich's besser sagen, so sähest Du deutlich und klar, der Sinn kann sich nicht ändern, er dient Dir so willig, um treu bleiben zu dürfen, so kann er keinem andren sich zuwenden wollen. um's besser zu haben.

Adieu lieber Clemens, Du bist mir den Abschiedskuß noch schuldig.

Deine Bettine.

Wo bleibt denn nun jetzt die Walpurgis und die schönen Lieder der Liebe? – Nicht wahr, jetzt bist Du nicht mehr eifersüchtig auf den Bettelmann!

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