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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 15
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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An Bettine. Am Rhein, Rüdesheim.

Dein Gespräch mit der Linde und der herrliche Abendschein über dem Rhein, und das schöne Mädchen Walpurgis hier im Wirtshause, haben vor wenig Minuten rings um mein Herz gebuhlt. Ich bin in das Mädchen verliebt wie ein guter Junge, und wenn sie das Papier geschrieben hätte oder den Abendschein und die Linde verstände wie Du, so wäre kein Treiben und kein Sehnen mehr auf Erden für mich. Aber so ist's nicht, ich werde nicht von ihr verstanden, denn ich verstehe den Abendschein; und sie, die sich und ihn nicht versteht, ist wunderschön, und der liebe Gott hat Schätze in ihre Augen gelegt und einen Liebreiz in ihren Mund, daß man einen Tempel mit diesen Schätzen könnte errichten und Gebet von diesen Lippen wie Honig von süßen Blumen sammeln könnte, aber sie ist in einer sehr unschönen Umgebung von Eltern und Geschwistern, und Gott segne Dich, daß Du so bist, wie Du bist. Es ist ein alt Sprüchwort, wo Schätze liegen, stellt der Regenbogen seinen Fuß auf, aber es ist böse, es ist ein Aberglaube. Und wenn ich dies Mädchen ansehe, bin ich so abergläubisch, der alte Bettler, der hier in der alten Ruine vom Schloß der Gisela Brömserin wohnt, das dicht am Rhein steht, hat seinen Herd auf dem Altar der Kapelle und schläft in steinernen Gewölben, durch die das Himmelsgewölk herabsieht, und seine Begeisterung, die er trefflich auf seiner Pfeife auszudrücken versteht, wenn er viele Heller beisammen hat, hallt zwischen den vielen Pfeilern durch recht lustig, ich gehe da abends in dem lauen Wind auf und ab und höre, wie er aus einem raschen Walzer in den andern sich hineinpfeift, und dabei schlägt er so munter den Takt, als ob er im Tanze mit einer schönen Walpurgis sich drehe. Ich rede oft mit ihm, und er hat mir's gar nicht geleugnet, daß er auch noch oft sich verliebt. Am End kam's heraus, daß wir Nebenbuhler sind und daß die Walpurgis der eigentliche Reiz seiner musikalischen Belustigungen ist, denn sie hat nicht weit davon einen Weingarten, wo sie den Gästen abends ihren Weinschoppen reicht, in Krügen mit Deckeln von blankem Zinn, und da tun ihr die Gäste schön mit Reden und verlangen auch wohl einen Kuß, sie läßt sich's gefallen, das ärgert mich. Ich hab den Bettler damit eifersüchtig machen wollen, und der hat mich ausgelacht, wir hörten das Gelächter aus der Weinlaube herüberschallen, er trällerte auf seiner Pfeife dazu, und darauf ging er eine Wette mit mir ein, daß wenn ich ihm eine Kanne Wein dort bezahle, so wolle er von der Walpurgis einen Kuß erwischen in Gegenwart aller Gäste. Anstatt drüber zu lachen, machte mich's verdrießlich, er zog aber ungeheuer fix die herunterhängenden Strümpfe und Beinkleider auf, die Jacke hing er an den Pfeiler und klopfte eine Staubwolke heraus, dazu bellte der Hund, den er im Zwinger eingesperrt hat, der merkte, es solle auf Abenteuer ausgehen, und wollte mit. – Wie er sich aber seinen staubigen Bart wusch und dann mit der Schuhbürste wichste und dann vor die Haustüre trat und bemerkte, wie der Mond sich drin spiegle? Ich dachte, der böse Feind lache mich aus. Der Mann sah seltsam heimlich anziehend und stolz auf mich herab, und was tat der Mann, er legte seine Hand auf meine Schulter und ging mit einem Schritt, als ob er ein spanischer Grande sei, in die offne Weinlaube. Ich forderte Wein für uns; vom Besten, sagte er; im Vorübergehen gab ihm das Mädchen einen Handschlag. – Und denk Dir, er hat die Wette gewonnen! – Und mir hat sie nie einen Kuß gegeben, sosehr ich auch drum bat; ich vergesse diesen Mann nie, wie er, beide Ellenbogen aufgestützt, die Hände über die offne Weinkanne gefaltet hielt, dann und wann einen Zug draus schlürfte, ohne sich aus der Position zu rücken, mit seltsamen Trinksprüchen jeden Trunk würzte; das gefiel ihr, er sah ihr tief unter die Augen, goß die Kanne in einem Glucks hinunter, und das gefiel ihr auch. Und kurz, sie gab ihm unaufgefordert den Kuß. In ihren Zügen spiegelte sich eine wunderbare Schönheit, ihre Lippen zuckten und ihre Augen glänzten ihn so freundlich an, als fließe ihre Seele über in Großmut, einen unschätzbaren Schatz geben zu können. Der Mann, der nicht einmal aufgestanden war, sondern sitzend den hinabgereichten Kuß von der schlanken Walpurgis ihren Lippen nahm, hielt sie noch eine Weile so im Arm. Kein Fürst konnte freudig kühner sein Antlitz über die Menge erheben.

Alle Gäste waren still geworden, denn alle sind in das Mädchen verliebt; er genoß noch einen Augenblick seinen Triumph, dann stand er auf und bot gute Nacht. Die Walpurgis stand an der Gartenhecke und grüßte, indem wir vorübergingen; und das ist's, was mir am meisten ins Herz schnitt. Ach es ist wahrlich all eins, ob man bettelt oder gut lebt; wem das Herz freundlich ist, zu geben und seine Liebe wieder willig zu empfangen, der allein ist reich. Wo ist Reichtum? – Auf Erden nicht! Gold ist Sonnenschein, und Rubin ist Abendrot, aber Liebe ist alles. Aber die Erde ist nicht alles, denn es ist wenig Liebe in ihr; sie ist in der Liebe! – Es tut mir leid, daß Du das alles nicht auch sahst, Du würdest schöner davon sprechen, und schön sprechen soll man, damit das Schöne immer lebendiger wird und mehr. Denn die Liebe hat nimmer des Schönen genug. Savigny hat alles auch mit mir gesehen, ich dachte, hier, wo seine Studiermaschine nicht fortwährend im Gange ist, werde endlich einmal sein Inneres zu Wort kommen; doch stumm wie immer marschiert er neben mir die Natur auf und ab, und das verdirbt mir alles Genießen. Morgens kommt der Barbier aus dem Dorf, der sein Antlitz ziemlich barsch behandelt, um ihm den Bart abzunehmen, er läßt's geschehen; wenn Walpurgis zufällig hereinkommt, stelle ich mich vor ihn, weil ich mich schäme, daß dies schöne Mädchen sieht, wie er den Barbier damit umgehen läßt, und dann! – Wie geht er mit mir um? – viel ärger wie der Barbier. Er belächelt meine Reden, er belächelt meine Gedichte, er belächelt auch meine Verliebtheiten, und kurz, sein Wesen wird mir eben nicht klar, und wenn ich darüber klage, so meint er, alles sei ja unendlich klar. Etwas ist's, was mir ihn unverdaulich macht; vielleicht ist die Schuld mein, trotz meinem besten Willen.

Walpurgis hat einige Züge von Dir, und die ziehen mich vielleicht am meisten an, die übrigen, die Du nicht hast, hast Du in der Seele und sie im Gesicht. Ich denke immer an Deine Seele bei diesen Zügen und sage dem Mädchen schöne Sachen, wenn ich an Dich schreibe, und rede Dich an, wenn ich ihr Schönes vorsage.

Werde nicht bös, ich will ein bißchen hinuntergehen, vielleicht sehe ich sie, aber sie weicht mir aus, sie weiß nicht mit mir zu sprechen, so Du nicht.

Ach weißt Du, was sie eben mir sagte, als ich fragte, warum sie den Bettelmann geküßt habe? – er gefalle ihr – und ob ich ihr denn gar nicht gefalle? – sie sagte nichts darauf. – Aber wenn sie mir auch einen Kuß gäbe, so würde ich auf alle andre eifersüchtig werden, und dann würde das ein groß Gezänk geben im Wirtshaus, und das wolle sie aber nicht haben. Mit wem sollte ich in Zank geraten, es ist ja niemand im Wirtshaus wie Savigny und ich, und der ist ja gar kein Kenner von deiner Schönheit; ich plaudre dir auf der Gitarre so schöne Abendlieder vor, ich erzähle dir so hübsche Geschichten, ich bin früher auf als du und guck dir zu, wenn du in den Hof herunterkommst, das rührt dich nicht? – sie sagt selbst: Gar nicht! Du bist nicht so, mein einzig Kind, mein Schutzengel, was ich Dir zulieb tue, das tust Du gern und verdient Dir einen Dank ab, wenn es auch noch so gering ist. Wenn ich nun auch herumschweife und mich in Liebeshändel einlasse, wenn ich's tue, so ist's doch immer, weil ich weiß, daß ich meine Heimat habe in Dir.

Ich hab dem Savigny gesagt, er soll ein bißchen hier dran schreiben, aber der arme Mensch ist froh, daß er lesen kann.

Es ist wieder Abend, er hüllt die Welt in wild zerstreute Farben, der Umriß meiner Tage spricht mich dagegen so farbenlos an, wie wenn ein Geist mich anredete. Die Natur kommt uns armen unnatürlichen Menschen so oft übernatürlich vor. Walpurgis hing heut an meinem Arme, ihr Anblick, die ganze Reihe von Bergen umher, deren Häupter unsre Nachbarn waren, erfüllte mich wie ein Traum. Die Täler waren versunken im Nebel, und ein so lebhafter Spiegel aller Dinge in meiner Brust, für die ich keine Stelle mehr sah, um sie mir zu bewahren. Alles dies, was ich Dir hier deutlich hinschreibe, war Verwirrung in mir, und ich sah träumend in den Wald hinein, während ich mit vollem Bewußtsein eine der reinsten und entsprechendsten Umgebungen meines Lebens hätte genießen sollen, hätte sie Herz oder Sinn für mich gehabt. Dort sah ich ein Licht, was im Grunde des Holzes wankte, und erinnerte mich der behaglichen Gefühle, die uns beiden so oft die erleuchteten Hütten gaben, wenn Du mit mir am Abend durch die Dörfer gingst. Die Ruhe nach der Ermüdung; und wir sahen da die Kinder rund um den Ofen, die Spinnräder und die Lampe nach der Reihe einschlafen.

Ach es ist sehr traurig, wie ungeschickt einen das macht, was man im Leben die Konvenienz nennt, vielleicht hätte sie meine Empfindungen ganz auf die verkehrte Seite verstanden. Eine auswendig gelernte Mannigfaltigkeit und geschraubte Konsequenz, die, sobald wir in die Natur treten, zu höchst verderblicher Ungeschmeidigkeit und Einseitigkeit führen. Mit meiner Rückkehr zu mir selber versammelten sich nach und nach allerlei heterogene Empfindungen, und ich fand mich endlich in einer so wunderlichen Gemütslage, wie wenn ein Weltmann einen französischen Pas und einen munteren natürlichen Sprung in der Mitte vereinigen müßte.

Die Wolken drängten sich wie wilde Heere,
Gestalt und Stellung wechselnd in dem Streite,
Der Sonne Strahlen schienen blutge Speere,
Es rollet leiser Donner in der Weite,
Noch unentschieden schwankt des Kampfes Ehre;
Von Tag zur Nacht neigt sich's zu jeder Seite.
Bald sinkt die Glut, es brechen sich die Glieder,
Es drückt die Nacht den schwarzen Schild hernieder,

Doch, teilst Du froh mit mir, was Du gegeben,
Durch die allein von Schmerzen ich genaß,
Dann wirst Du auch mich über alles heben,
Was ich in Deine Seele blickend gern vergaß;
Und kannst Du mir auf diesen Höhen trauen,
So werd ich bald das Höchste überschauen.

Bald werd ich die Gärten der Armide fliehen, bald bin ich bei Dir.

Clemens.

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