Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Bettina von Arnim >

Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 12
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
Schließen

Navigation:

An Clemens.

Clemente! Die Sonne hat Kräuter und Sträucher in sich verliebt gemacht, sie schwellen vor Verlangen und werden ehestens in Blüte ausbrechen, eine Knospe strebt der andern vor, doch sind sie nicht eifersüchtig, so viel ihrer sind. Clemens, wenn's die Blumen tun, so will ich auch meine Liebeserklärung machen, aber wem? – Ich lege sie in Dein Herz nieder, bewahre mir sie, und wenn Du einmal auf einen hohen Berg kommst, wo man eine weite Aussicht hat, geliebter Clemens, so kannst Du sie als Denkmal unserer Eintracht stiften, aber eine weite Aussicht muß meine Liebe haben, dann übersehen wir beide alles zugleich und fühlen Übereinstimmung in allem, wenn wir auch in manchem verschieden denken, und Deine griechischen Götter und meine französischen Helden bilden eine Welt.

Du frägst mich so viel in Deinem Abschiedsschreiben, Du belehrst mich, Du zankst mich verborgen unter heimlicher Decke, und noch so viel Fragen weckst Du mir im Gewissen; – und voll ist die Brust von der Fülle, die Du mir all in Deinem Brief spendest, daß ich auch wie die Rosenknospen angeschwellt bin und möchte aufbrechen dem Licht und gar keine andre Rechenschaft mehr geben als den Duft, den gleich der Rose meine Seele aushaucht, weil Du sie wie die Sonne wärmst und reizest. – Aber doch wend ich zur einfachsten Frage mich, »was ich mit meinem Geld anfange« und gebe Dir die dummste Antwort, wo Du gleich meinen wirst, ich wär närrisch. Ich habe das Geld verschatzgräbert! – Ja Clemente, ich hab's in ein klein leinenes Beutelchen gesteckt, worauf ich mit Goldfaden und roter Seide meinen Namen gestickt hab und noch allerlei kabbalistische Zeichen; ich hab's zugesiegelt mit einem schwarzen Siegel, einem grünen und einem roten, dann hab ich ein Loch gegraben zwischen den zwei starken Wurzeln der Pappel an der Rosenwand, da hab ich's in einem ledernen Schuh hineingeschoben und einen Topf mit einem Basilikumstrauch draufgestellt, und allemal, wenn ich Geld kriegte, wechselte ich davon in Gold um, und allemal, wenn der Mond schien, ging ich mit dem Spitz hin und legte es dazu, und dabei hab ich das Gelübde getan, ich wolle es verschweigen, und weil Du mir das Schweigen so sehr anempfiehlst, so erzähle ich Dir das einzige Geheimnis, was ich hätte verschweigen können, und nun ist alles leer an Geheimnis, und ich kann also nichts mehr verschweigen! – Denn sonst – mit dem Mund bloß nicht reden, das ist's doch nicht, was Du meinst, da die Tante sich alle Mühe gibt, mir abzugewöhnen, daß ich nicht wie ein stummer Ölgötze den Leuten in den Mund gucke, die mich etwas fragen. – Ja mit meiner Schatzvergrabung, davon will ich Dir noch forterzählen, weil ich's nun doch schon gesagt hab. Ich habe dies Geld der Selene gewidmet, der Himmelsschwester des Hesperus, diese beiden sind unsre Schutzpatrone, der Stern ist der meinige als Bruder, der mich abends immer besuchte, der Mond ist der Deine, der Dein Andenken oft mit seinem Schein in mir erhellt. Nun hab ich aber dieses Opfer doch der Selene wieder geraubt, mit Zagen zwar – ich habe das Geld eilig am Abend ausgegraben und hab's über die Gartenmauer geworfen in den Garten vom Magnetiseur nebenan, ich hörte es klingeln, wie's hinabfiel, und ich rief dazu so laut, als ich konnte, ohne daß man's im Haus hätte hören können: »Da ist Reisegeld!« und dann war mir auch, als hörte ich das Geld rappeln beim Aufheben, aber ich lief fort. – Denn die Tante hatte am Tag vorher bei Tisch erzählt, der Magnetiseur möchte gern abreisen, aber es fehle ihm am Reisegeld. Aber er ist doch noch da, denn ich seh ihn alle Abend noch im Garten gehen und beobacht ihn vom Hoffenster, ich schäme mich so sehr und traue mich gar nicht mehr in den Garten, wo wir sonst als über die Wand allerlei Merkwürdiges verhandeln. Aber nun kommt was Schreckliches, was da passiert ist, mir ist's passiert. – Denk Dir, der alte Schuh, in den ich mein Geld hineingesteckt hatte, um den schönen Beutel zu schützen, war eigentlich ein neuer Schuh, sein Kompagnon stand ganz vergnügt in dem kleinen Kasten bei den andern Schuhen; ich soll abgeholt werden nach Frankfurt morgen früh, die Tante frägt, »wo ist denn der andre neue Schuh? das ist große Schlamperei von Dir, einen Schuh zu verlieren, ich muß Dich sehr bitten, strenge Dich an ihn zu finden«; ich lief in den Garten, ich holte meinen Schuh unter der Pappel hervor, ich wollte ihn ein bißchen reinigen an der Pumpe und versuchte ihm ein Ansehen zu geben, da fällt was Heraus, das glänzt in der Dämmerung, ein Ring, ich laß den Schuh stehen, ein dunkler Stein, der funkelt so nächtlich schwarz wie der Blitz des Räubers, oder wie Mirabeaus Auge vielleicht, und inwendig im Schild steht ein schwarzes M.

Wir gehen morgen auf die grüne Burg zu den Geschwistern, acht Tage bleiben wir dort, die »Götterlehre« nehm ich mit und den Ring, wo soll ich ihn lassen, ich glaub, er ist ein Talisman, ich hab schon allerlei Fragen und Befehle um Mitternacht an ihn ergehen lassen, aber der Geist ist nicht erschienen, der mir vielleicht beistehen wollte, dumme Streiche zu machen. Adieu Clemens, ich hab Melodie gemacht auf ein Lied aus dem »Sänger«.

Deine Bettine.

 << Kapitel 11  Kapitel 13 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.