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Clemens Brentanos Frühlingskranz

Bettina von Arnim: Clemens Brentanos Frühlingskranz - Kapitel 10
Quellenangabe
typefiction
booktitleClemens Brentanos Frühlingskranz
authorBettina von Arnim
year1985
publisherInsel Verlag
addressFrankfurt am Main
isbn3-458-14247-9
titleClemens Brentanos Frühlingskranz
pages3-7
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1844
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Lieber Clemens.

Wenn man aber auf den Barbara-Tag Reiser von den Obstbäumen abschneidet und die ins Wasser stellt, dann blühen sie im März, und das hab ich getan, und sie blühen auch alleweil. Apfelblüten sind zu schön! – Wär ich als Mädchen, was die Apfelblüte ist, ich wär doch wohl alles Liebe und herzlich Schöne. Was Du von mir denkst, dann könnt ich Dir verzeihen, was Du mir und Dir weismachen willst. Ja es ist recht schön, denn ich hab das Pläsier davon, und Dir schadet's nichts. Aber sei nur nicht ängstlich, daß ich keine Apfelblüte bin, weiß und rot und goldner Same darin, sondern daß ich vielleicht gar so eine Nessel bin oder Distel oder Dorn, wie Du meinst, vor denen ich mich soll hüten.

Ich hab am Feiertag nicht können schreiben, die drei kleine Katzen auf dem Schoß so kommod aneinandergelegt, alle drei eingeschlafen unter der großmächtigen Pappel im Eckelchen auf der Bank. Soviel Blüten tanzten herunter, soviel braune klebrigte Schalen platzten los von den Knospen, ich dachte, was knistert doch im Baum; und später, wie die Katzen so sanft schliefen, da hatte ich auch ein bißchen geschlafen. – Ach Clemens, wir wollen recht vertrauend einander schreiben und nichts weismachen einander! – Und wenn Du aber frägst, ob das Einbildung sei oder Eitelkeit mit dem Mirabeau, so kann das ja möglich sein und doch auch wahr, ich wehr mich dagegen nicht! Aber der Mirabeau! Ich wollt, ich stünd vor ihm; weißt Du? Denk ich an ihn, ich fühl mein Gesicht brennen. Liebster Clemens, mit aller Sehnsucht meiner Arme, meiner Augen, ja mit allem, was umfassend ist in mir, möchte ich seine Knie umschlingen! Des großen Helden, der auf seine Lippe nimmt das Geschick des Volkes und entzündet es, mit seines Mundes Hauch facht er es an.

Auf meiner Seele klarem Grund die Fischchen herumspielen sehen, das freut Dich? – Nun so guck! Wie sie da fahren wie der Blitz hin und her, sie prallen ans Ufer der allbekannten todbringenden Langenweile, sie stoßen sich den Kopf ein; und soll ich keine Leuchte anzünden, zwischen diesen klippigten Grund einen Ausweg zu finden aus der Pfütze – ins Weltenmeer? – Wohin sonst? – Glaub nicht, daß ich im angenehmen häuslichen Kreis mich gefangen gebe und auch nicht der Bildungsanstalt schöner edler Ideen. Auch nicht Latein kann ich ein Jahr oder ein halb Jahr der Großmama zu Gefallen lernen, denn mir kann ich's nicht zuleid tun. Ich habe ja nicht eine Vernunft, der ich folge, ich bin ja ein elektrischer Funke, und ins Latein kann ich nicht hineinfahren, es stößt ab, sagst Du selbst.

Es ist nichts, du Welt, wonach ich die Hand strecke. Wär's etwas! – Auf dem Dach vom Taubenschlag die Sonne sinken sehen, das ist meines ganzen Lebens Aussicht. Sie geht dort unter so blutrot, und mein Blut – wallt mit im roten Meer der Sonne, und dort wird's röter, und mein Gesicht wird blässer. Ja ich glaub, daß der Geist des Blutes mit fortgezogen wird, wenn dort die Sonne ihre letzte Strahlen hineintaucht. Dann denk ich feurig, daß mir's Herz klopft, dann werd ich blaß, lange war's nicht so schön hier in Offenbach als heute abend, und lange hat mich ein schöner Abend nicht so froh gemacht und so traurig zugleich. Es war da gar niemand, der auch nur den geringsten Anspruch hätte gemacht an meine Seligkeit. Ich wundre mich, daß andre nicht sind wie ich! Und Du? – Vielleicht in demselben Augenblick dachtest Du ganz was anders, das geht mir zu Herzen. Die Sonne sank eben in den Main. Ist es Dir nicht auch so, wenn die Sonne sich im Wasser spiegelt, man möchte sich gar zu gerne hineinstürzen und so in dem Glanz untergehen. Aber es wiegte sich noch eine schöne Harmonie von blasenden Instrumenten auf den Wellen; ein leichtes Schiffchen trug alle die Seligkeit auf seinem Verdeck, still bedachtsam zog's den Strom hinauf.

Das Abendrot am Strand hinzieht,
Ergibt den Wellen sich mit Lust,
Da schwellet die beklemmte Brust
Der unbewußten Sehnsucht Lied,
So kühn gewaltig zwingt das Lied
Die Trauer der beklemmten Brust.
In Lebensmut erstrebt sie Lust,
In Liebesflut sie Wolken zieht
Und weckt in der beklemmten Brust
Der hohen Freiheit kühnes Lied.
Sein voller Klang
Das Herz durchdrang,
Das Lied sich schwang
In Liebesdrang.
Zu ihm, zu dem ich hin verlang,
Dort über die Berge mit der Lerche,
Ihm nach der Hymne zu singen dem Volk,
Dem von seinen Lippen sie sollte erklingen.

O Clemens, was ist mir doch heute geschehen Sonderbares, da bringt die Großmama heute einen alten Brief vor vom Lavater, der schon drei Jahre alt ist, kurz vor seinem Tod geschrieben, der malt den Mirabeau und recht unglimpflich, und die Großmama holt die Silhouette aus dem Brief hervor, die er mitgeschickt hatte. »Beschatten Sie die Nase«, schreibt er, »diese Nase ist eine Bauernnase, die bezeichnet nicht den Helden, der die kühnsten Entwürfe beharrlich ausführt. Seine Freunde glauben, daß er die Tugend liebte, dies kann aber unmöglich mit so schwülstigen Lippen, deren Winkel so matt herabhängen, übereinstimmen, sein Auge ist zwar feurig, aber von finsterer Vermessenheit und hat einen verachtenden Blick, eine schamvergeßne Gewaltsamkeit thront auf seiner Stirne, aber keinen Heldenmut, ein Zug geht durch die ganze Physiognomie, der zwar die Karikatur des Genies markant ausspricht, nämlich Exaltation, die an Narrheit grenzt.« Und siehst Du, so hat mich die Großmama gequält, ich soll's herausfinden, worin es liege, vergeblich wollt ich sie erinnern, daß sie ja so verleumderische Ansichten über den erhabnen Charakter nicht könne gelten lassen, aber sie wollte ihres Lavaters Schwanengesang (so nannte sie diesen letzten Brief Lavaters an sie) nicht als verleumderisch gelten lassen. – Und Du predigst mir immer Pietät gegen die Großmutter! – Wo und wie soll sich das alles zusammenfinden, ohne daß heuchlerische und kleinliche Furcht sich dreinmische! Ach Clemens! vertrauend – und das heißt ganz wahr und offen sein, das verlangt, daß ich stets auch aus der Tiefe meines Herzens mich an den Tag gebe, nicht umsonst will ich alles verstanden haben, nicht umsonst hab ich meine französische Aufsätze für Herrn Lendroit als geheime Antworten, Fragen und Begeisterungen für diesen Mirabeau geschrieben, habe er meintwegen Pockengruben, die ihn bis zur Häßlichkeit entstellen, mich geht's nichts an; nicht tief genug kann ich mich in die Gruben seines tiefen Denkens alles Reinen und Hohen hineinbetten, ja in diesen Gruben möcht ich begraben sein. Du wirst antworten, daß ich ihn ja nicht verstehe – ich versteh ihn freilich nicht, wie könnt ich all die großen Beziehungen auffassen, die er durch diese grausame Revolution hindurch mit der größeren Zukunft des Volkes anknüpfte. – Aller Jammer, der seitdem hereingebrochen ist, den würde er mit starker Faust zurückgewiesen haben, soviel versteh ich doch, daß er liebte nämlich: und daher keine gehässige Gewaltsamkeit geduldet hätte. Und ich will lieber schweigen, ich bin noch so jung – und mit jedem Schritt meines Daseins stoß ich auf lauter widerwärtige Ungereimtheiten, ganz in der Stille schlag ich die Hände zusammen über alle Narrheit – ganz in der Stille bete ich zu dem, der in seinem schmerzvollen Tod noch mit allen Kräften seiner Sinne sich dem Volk zuwendete, für es zu sorgen, ja ich bete zu ihm, daß er bei mir, mit mir sein möge und mich lehren sprechen zu seiner Zeit. Denn ich auch möchte die Welt umfassen. O ich weiß, was Du sagst, Du tadelst mich. – Du sagst, ich sei überspannt, ich wolle affektieren. – Ich beweise schon darin meinen Heldenmut, auf einmal so aufrichtig meine Seele vor Dir auszusprechen? – Ja, wenn Du von offnem Vertrauen sprichst – damals auf der Hoftreppe war ich ja gar nicht aufrichtig! – ich schwieg mit meiner tieferen Seele. – Denn Du hättest sie getadelt. – Aber doppelt kann ich nicht die Wahrheit verleugnen. Wenn Du sagst, ich soll recht vertrauend gegen Dich sein, da muß der tiefste Quell meines Herzens hervorsprudeln.  –

Gestern hab ich bei Arenswald eine ganze Stunde Lektion gehabt über Elektrizität, mir flimmert's vor den Augen wie tausend elektrische Funken. Wenn Du ein Stück Papier verbrennst, dann laufen diese Funken alle durcheinander wie bei einer Revolution, als wenn sie allesamt die wichtigsten Geschäfte hätten, so geht's in meinem Kopf; wenn's nur nicht so traurig ausging, zuletzt bleibt einer nur übrig, oder zwei, das ist noch melancholischer – der läuft ganz allein durch die schwarzen verlaßnen Finsternissen; – flipps ist er weg! – Der andre dort, weg ist er. Gestern abend hab ich immer wieder ein Papier angezündet, um diesen beiden Fünkchen auf ihrem Aschenweg nachzusehen. Die alte Cordel war auf ihrem ledernen Sessel eingeschlafen, sie mußte husten vom Qualm und erwachte mit sehr schlimmem Humor, sie sperrte Laden und Fenster auf, da schien der Mond herein, mir was ganz Neues, ich hatte nicht gedacht, daß der scheinen sollte; ich lief in den Garten, der Spitz, der ist mein Geisterbanner, oder vielmehr bewacht er meine Zusammenkünfte mit den Geistern, denn weil ich die Geister nicht fürchte, wenn er bei mir ist, so ruf ich mir sie herbei und rede mit ihnen, ich würde das allein nicht wagen ohne den Spitz.

Lieber Clemens, ich hab Dir alles geschrieben, ich weiß, Du würdest zanken, wenn Du schriebst – aber Du schreibst ja nicht, du kommst ja selbst, da kannst Du nicht, mit meinem Mund geh ich Dir einen Kuß auf Deinen, in welcher Sprache kann ich gebieterischer ausrufen, halt's Maul, geliebter Bruder! O mein lieber Clemens, wie freu ich mich darauf. – Die Sonne scheint mir eben ins Bett und läßt mich nicht länger träumen von Dir. Ich kann mich mit dem Kritzlen nicht aufhalten, sieh wie das schöne Wetter mich schnöde macht.

Lieber Clemens, die Sonne ist eben wieder weg, da wollt ich gern weiterschreiben. Aber adieu Clemens, sie ist schon wieder da, es geht gleich in den Wald, da wollen wir frühstücken, ich will sehen, ob ich ein Veilchen für Dich finde, komm bald, daß es noch blüht, ich bewahr Dir's am Herzen, und wenn ich dann so redselig mit Dir bin, dann duftet Dir's aus meiner Brust.

Deine Bettine.

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