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Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede

Jean Paul Richter: Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede - Kapitel 1
Quellenangabe
typetractate
booktitleSmtliche Werke Abteilung I Band 3
authorJean Paul
year1996
publisherZweitausendeins
addressFrankfurt am Main
isbn3-86150-152-X
titleClavis Fichtiana seu Leibgeberiana, Vorrede
pages1011-1018
sendergerd.bouillon@t-online.de
firstpub1800
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Jean Paul

Clavis Fichtiana seu Leibgeberiana

(Anhang zum I. komischen Anhang des Titans)


Vorrede

Der Clavis ist ursprünglich das letzte Glied im komischen Anhang zum Titan; er löset aber von der alten Naide ab, um sich freier und durch Gesperre zu bewegen, wodurch ihm der korpulente Titan nie nachkann. Wenn es schicklich wäre, dem eignen Kinde Lorbeerkränze aufzusetzen: so könnt' ich deren fünf für dasselbe binden; indes namhaft kann ich die Kränze machen.

Der erste und größte ist der, daß das Kind meines Dafürhaltens überall recht hat; besonders darin, daß es den fichtischen Idealismus mit dem apodiktischen Dasein fremder Mit-Ichs, das ihn gerade stützen soll, umzubrechen sucht. Indes kann sogar der Idealismus, der sich zum Egoismus hinaufdestillieren müssen, sich noch immer so mit der moralischen Welt abfinden wie mit der sinnlichen; – gegen Philosophie und die Nymphe Echo behält niemand das letzte Wort. – Allein das Kind, von dessen Lorbeern ich so viel rede, hätte auf Fichtens Elementargeist, auf das absolute Handeln oder Actuosum Albini, mehr mit theoretischer, nicht bloß mit praktischer Vernunft eindringen sollen; und ich würde mich wundern, daß dieses wie alles, was mein unmündiger Infant gesagt, nicht schon von mehreren erwachsenen gekrönten Köpfen als Jacobis seinem vorgetragen worden, wäre nicht bisher diese Philosophie selber mehr in den Ohren als in den Köpfen gewesen. Im Reiche des Wissens kommt – anders als im physischen – der Schall immer früher an als das Licht. Man lasse die fichtische Philosophie einmal heller und entwölkt dastehenSchad will dazu das Seinige beitragen; er ist deutlich genug und jedem fichtischen Novizen anzupreisen; nur wiederholet er die erlaubten philosophischen Wiederholungen zu oft und als Beweise und zu sehr ohne Ordnung; – Ordnung, sagen schon die Ökonomen, ist das halbe Futter; für uns Philosophen aber ist sie immer das – ganze.: so wird das nackte Eis dieses Montblancs allmählich unter wärmern Strahlen, als seine sind, weich und niedrig werden und den Himmel nicht mehr tragen.

Das, worauf, wie ich sagte, das Kind mehr hätte bestehen können, ist dieses: der sozusagen idealische Idealismus Fichtes lebt und webt dergestalt im Absoluten, daß – da sich im Zentrum seines existierenden Universums die Existenz, wie im Schwerpunkt einer Welt die Schwere, durch die Bestimmungslosigkeit aufhebt – daß nun gar kein Weg mehr herein in die Endlichkeit und Existenz geht (so wenig als rückwärts aus dieser ins Absolute) ohne die unermeßlichen dogmatischen Sprünge, Flüge und Unbegreiflichkeiten, die eben zu erklären waren, aber hier erklären wollen. – Nur von der Seite der Individuation, sagt Jacobi, ist in den Spinozismus einzubrechen; das gilt auch von der Wissenschaftslehre und von jeder Philosophie, insofern sie rein oder absolut wäre; – was aber außer der des unendlichen Genius keine ist, weil unsere hellesten Laternen immer mit realistischen Eckhölzern Schatten werfen, oder in einer dem absoluten, empirischen und Nicht-Ich gemäßern Metapher, weil jeder der drei Töne, die den Akkord erklären helfen, schon einen in sich trägt. – Allein eben der Fehler, daß entweder der Schlußstein oder der Boden eines Lehr- und Luftgebäudes realistisch ist, macht es unserem Sinne wahr. Durch SteftenstückeSo heißet der Taschenspieler die Stücke, wozu er einen zweiten Mann braucht. täuscht uns die Philosophie am besten.

Die zur Erklärung des Bewußtseins ertrotzte Ob-Subjektivität des Ichs wird durch ein tertium comparationis, durch eine absolute Frei- oder Ichheit begründet und gesetzt, der man als dem Grund des Denkens die Denkbarkeit, als dem Grund der Akzidenzen, Substanzen und Kräfte alles dieses, als dem Grund der Existenz die Existenz (die sich zum absoluten Handeln verhält wie die Zeit zur Ewigkeit, Dasein zur Allgegenwart) allgemein abspricht. Ja ich würde dieser absoluten Ichheit – da es hier gar nicht mehr auf das Denkbare ankommt, weil wir schon die Kategorie der Kategorien, die höchste Gattung, das Sein, verlassen haben – dieser Ichheit würd' ich, insofern sie der Grund ihres Grundes ist, auch diesen ableugnen; so daß zuletzt nicht sowohl nichts übrig bliebe – das wäre zu viel und schon bestimmt, weil nichts schon das Alles ausschließet – als unendlich weniger als nichts und unendlich mehr als alles, kurz die Grundlosigkeit der Grundlosigkeit. (Man könnte allerdings von hier aus noch weiter und tiefer gehen; denn das Reich des Undenkbaren ist undenkbar größer als das des Denkbaren.) Mithin ist das absolute Ich (dieses unbestimmt Unbestimmende, diese logische Nachgeburt und absolute Mutter der Ob-Subjektivität), ich sage dieses Ich, diese vollendete Antwort auf die heißeste ewige Frage des Menschengeistes, ist ganz die kühn-fixierte Frage selber, oder das von allen Skeptikern gefoderte, also vorausgesetzte anonyme X, die letzte, aber transzendente qualitas occulta jeder qualitas occulta. Mit dieser Foderung des Grundes wird nun der Rest oder die Endlichkeit leicht erklärt und begründet und sozusagen aus dem Durst so viel Trank bereitet, als man vonnöten hat.

Wird der fichtische Gott – das absolute, sich wie Erisichthon selber verzehrende und wie Christus selber auferweckende Ich, dieses zwar uns, aber nicht seiner bewußte Bewußtsein des Bewußtseins – praktisch oder moralisch betrachtet: so ist es – damit die der Philosophie unerläßliche Einheit der Handlung bleibe – die Freiheit, nicht unsere, sondern der Grund der unsrigen. Diese Freiheit der Freiheit setzte oder schuf das Notwendige (das Nicht-Ich), bloß um den Widerstand zu haben, ohne welchen ihr ein zweites Setzen unmöglich wäre. Unglaublich schwer zu fassen ist dieser Kampf des Absoluten ohne Existenz gegen die Existenz, da zwischen beiden gar kein Verhältnis denkbar ist. Noch dunkler wird es um uns her, wenn wir die Absicht und Natur des Kämpfens oder Handelns angeben, welche nichts ist als ein freies Handeln, bloß um frei zu handeln; nicht nur bei dem Heiligen, sondern auch bei dem Bösewicht, nur daß letzterer nicht auf die rechte Art (hier fehlt etwas Unentbehrliches, und doch können wir nichts Fremdes hereinnehmen) frei handelt der Freiheit wegen. Der allerdunkelste Satz ist der Zweckbegriff, daß mit diesem absoluten Handeln die Freiheit – sie, die nie freier sein kann, daher nach dieser Lehre auf einen tausendjährigen Heiligen nicht fester zu bauen ist als auf einen Neubekehrten – sich im Notwendigen oder Wirklichen realisieren will durch Besiegung desselben, die aber in alle Ewigkeit noch etwas Unbesiegtes nachlassen muß, weil mit dem völligen Aufhören des Widerstandes der jüngste Tag des Seins, des Bewußtseins und aller Tugend und Laster anbräche und das Universum auseinanderführe. Dann wäre nichts mehr da; die nicht-seiende Absolutheit ausgenommen.

Leibgeber, der Fichtianer, eben der Verfasser des folgenden Clavis, schreibt mir darüber: »Die Wissenschaftslehre ist die philosophische Rechnung des Unendlichen. Ist man nur einmal aus der Region der endlichen und erklärlichen Größen in die der unendlichen und unerklärlichen hinausgestiegen: so versiert man in einer ganz neuen weiten Welt, in der man sich vermittelst der bloßen Sprache – denn weder Begriffe noch Anschauungen langen herauf oder halten in diesem Äther aus – wie auf einem Fausts-Mantel leicht hin- und herbewegt; so daß das Unerklärliche sozusagen ein Besen ist, über welchen die Hexe, nach dem Volksglauben, nicht wegschreiten kann, auf dem sie aber hoch über der Erde durch die Lüfte reitet.«

Der zweite Lorbeerkranz, den ich meinem Kinde zurechtflocht, ohne ihm solchen aufsetzen zu dürfen, ist, daß es von mir gelernt, höflich und hochachtend den Hut abzuziehen vor dem neuesten philosophischen Ordensstifter, der den Geisterglobus, wie es Maupertuis für den Erdglobus vorschlug, bis aufs Zentrum durchgrub. Andere Polemiker hingegen als ich und mein Kind schonen lieber das System als den Mann und entlehnen nicht ohne Verstand die Kriegslist von den Römern, statt des Elefanten lieber den Führer droben anzufallen. –

Sollt' ich daher dem idealistischen Orden zu viel zumuten, wenn ich ihn bitte, auch mich und das Kind höflich zu traktieren und – selber wenn er Vater und Sohn zerhackt, kauterisiert, verschlackt, verglaset und verflüchtigt – es stets mit jener Politesse zu tun, die den Orden bezeichnet? – Himmel! Seit den Xenien sind wir ja fast alle unter der Hand, wir wissen kaum wie – denn nichts stecket schneller an –, um grob zu reden, ganz grob geworden; und selber diese Bemerkung ist keine Widerlegung von derselben. Würde nicht diese belgische Unart ohne Nachteil der Bitterkeit vermieden, wenn die Gegner mich bloß mit Lob belegten, aber mit ironischem? Und sollt' ichs nicht verlangen dürfen, da ich sie so oft mit ähnlichem überhäuft, es sei nun, daß ich den Asteismus dazu nahm oder den Charientismus oder die Mimesis oder gar den Diasyrmus? –

Aus dem dritten väterlichen Lorbeerkranz kann dem armen Küchlein gerade ein Strohkranz erwachsen; nämlich aus dem für Leibgebers Zusammenschütten des Spaßes und Ernstes. Inzwischen besteh' ich darauf, daß jeder Rezensent sein Laab mitbringe, womit er die Mixtur wieder in beide Bestandteile rein auseinanderlaufen lässet, und daß er Spaß verstehe und dadurch den Ernst.

Einen vierten Kranz hatt' ich für die Offenheit zusammengelegt, womit das Kind vieles beim Namen nennt; z. B. den Idealismus heißet es häufig Idealismus. Die besten Köpfe des obigen Ordens nehmen sich gegen das große Publikum statt der dürftigen Freiheit ihrer Vorfahren, alte Ideen für neue auszugeben, die reichere heraus, neue für alte anzukündigen und andere alte in der idealistischen Sprache vorzutragen. Ich wünschte einmal nur eine Stunde lang das mit den neuern Systemen unbekannte große Publikum zu sein, um nur zu wissen, wie mir das idealistische Zuckerwerk, das in den Formen und Farben aller derben Viktualien des realistischen Menschenverstandes herumgegeben wird, schmeckte und bekäme. Halb würd' ich dann, glaub' ich, bei dieser neuplatonischen, erstchristlichen, japanisch-jesuitischen Akkommodation die Sachen ganz falsch und in meinem realistischen Sinn und mithin anders, als der Autor begehrte, verstehen, und halb würd' ich unbeschreiblich konfus dasitzen, im Finstern lesend, und mich doch weiter fort martern, weil der Autor – halb verfinsternd, halb auffliegend, gleich dem Dintenfisch, der durch beides den Feinden ausbeugt – durch sein moralisches Feuer das meinige in Anspruch nähme – – Nein, nicht eine halbe Stunde lang wollt' ich das Publikum sein, das dasitzt und verdrüßlich flammt, noch aufpassend wofür.Vieles davon gilt gegen Fichtes »Bestimmung des Menschen«, die mit mir vorgestern von J. zurückgefahren. Ohne Kenntnis der Wissenschaftslehre bleiben die ersten Abschnitte unverstanden; und der dritte, der am meisten populär sein soll, gar mißverstanden. Der populäre Leser findet S. 208 etc. 330 etc. Realismus und 296 etc. Idealismus und doch wieder im nächsten Perioden das Gegenteil; und nun gar S. 292 etc. die Darstellung des absoluten Ichs und der moralischen Weltordnung! – Ja diese Popularität, diese dunkle Verkörperung des Entkörperten, wird selber dem philosophischen Leser lästig, der mit der einen Hand immer an- und mit der andern auskleiden und aus dem Neuen immer etwas Altes machen muß.

Aber den fünften Lorbeerkranz, den ich für meinen guten Nestling und Dauphin gepflückt und gewunden – die fünfte und schönste Krone, so wie sonst der König von Polen fünf Kronen hatte, wovon die fünfte die der Königin war –, diesen will ich ihm hier vor der Welt wirklich auf den Scheitel legen und über die Schläfe hereinziehen; ich will den Neugekrönten dir widmen und dedizieren,

geliebter Friedrich Heinrich Jacobi!

Er sei dir zugeeignet, wie mein Inneres schon so lange dem deinigen. Unsere geschriebenen Briefe, weißt du, sind nur die Nachfahrer unserer gedruckten; ja ich habe dich früher oder länger geliebt, Heinrich, und weit gründlicher. Denn aus deiner Hand empfing ich die von der Schönheit damaszierte Waffe, an der die gegen das Leben gezuckten Zergliederungsmesser der Zeit zerspringen. Wenn der Dichter ein Auge, wie Polyphem, mitten auf der Brust, und der Philosoph eines, wie die Seligen in Muhammeds Paradiese, oben auf dem Wirbel hat und ins Blaue sieht wie jener ins Tiefe: so hat der rechte Mensch zwei Augen zwischen der Stirn und der Brust und sieht überall hin. – – Und darum lieb' ich dich immer so fort; aber warum hab' ich dich denn noch nicht gesehen, mein Heinrich?

Weimar, den 7. März 1800.

Jean Paul F. Richter.

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