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Gutenberg > Johann Wolfgang von Goethe >

Claudine von Villa Bella

Johann Wolfgang von Goethe: Claudine von Villa Bella - Kapitel 1
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authorJohann Wolfgang von Goethe
titleClaudine von Villa Bella
publisherCarl Hanser Verlag
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Johann Wolfgang von Goethe

Claudine von Villa Bella

Ein Singspiel

(Zweite Fassung)

 

Personen

Alonzo, Herr von Villa Bella.
Claudine, seine Tochter.
Lucinde, seine Nichte.
Pedro von Castellvecchio, unter dem Namen Pedro von Rovero.
Carlos von Castellvecchio, unter dem Namen Rugantino.
Basco, ein Abenteurer.
Landvolk.
Vagabunden.
Bediente Alonzos.
Bediente Pedros.
Garden des Fürsten von Rocca Bruna.

Der Schauplatz ist in Sicilien.

 

Erster Aufzug

Ein Gartensaal mit offnen Arkaden, durch welche man in einen geschmückten Garten hinaussieht. Zu beiden Seiten des Saales sind Kleider, Stoffe, Gefäße, Geschmeide, mit Geschmack aufgehängt und gestellt.

Lucinde, mit zwei Mädchen, beschäftigt sich noch hie und da etwas in Ordnung zu bringen; zu ihr Alonzo, der alles durchsieht und mit der Anordnung zufrieden scheint.

Alonzo
Das hast du wohl bereitet;
Verdienst den besten Lohn!
Bekränzet und begleitet
Naht sich Claudine schon.
Heut bin ich zu beneiden,
Wie's kaum sich denken läßt!
Ein Fest der Vaterfreuden
Ist wohl das schönste Fest.

Lucinde
Ihr habt mir wohl vertrauet,
Ich habe nicht geprahlt;
Herr Onkel, schaut nur, schauet,
Hier ist was ihr befahlt.
Ihr habt nicht mehr getrieben,
Als ich mich selber trieb;
Ihr könnt die Tochter lieben,
Mir ist die Nichte lieb.

    Zu Zwei.

Alonzo
Heut bin ich zu beneiden,
Wie's kaum sich denken läßt.

Lucinde
Heut seid ihr zu beneiden,
Wie sich's empfinden läßt.

Alonzo und Lucinde
Ein Fest der Vaterfreuden
Ist wohl das größte Fest.

Pedro kommt
Gewiß, ich will nicht fehlen,
Ich hab' es wohl bedacht!
Von Gold und von Juwelen
Habt ihr genug gebracht.
Die Blumen in dem Garten,
Sie waren mir zu stolz;
Die zartesten zu wählen
Ging ich durch Wies' und Holz.

    Zu Drei.

Alonzo
Heut bin ich zu beneiden.

Lucinde zu Pedro
Heut ist er zu beneiden.

Pedro zu Alonzo
Heut seid ihr zu beneiden.

Alonzo, Lucinde, Pedro
Wie sich's nicht sagen läßt.
Ein Fest der Vaterfreuden
Ist wohl das größte Fest.

Der herannahende Zug wird durch eine ländliche Musik angekündigt. Landleute von verschiednem Alter, die Kinder voran, treten paarweise durch den mittlern Bogen in den Saal, und stellen sich an beide Seiten hinter die Geschenke. Zuletzt kommt Claudine, begleitet von einigen Frauenzimmern, festlich, nicht reich gekleidet, herein. Kurz eh' sie eintritt, fällt der Gesang ein.

Alonzo, Lucinde, Pedro mit den Landleuten.
Fröhlicher,
Seliger,
Herrlicher Tag!
Gabst uns Claudinen,
Bist uns so glücklich,
Uns wieder erschienen,
Fröhlicher,
Seliger,
Herrlicher Tag!

Ein Kind
Sieh, es erscheinen,
Alle die Kleinen;
Mädchen und Bübchen
Kommen, o Liebchen,
Binden mit Bändern
Und Kränzen dich an.

Alle, außer Claudinen
Nimm sie, die herzlichen
Gaben, sie an.

Alonzo
Nur von dem Deinen
Bring ich die Gabe:
Denn was ich habe,
Das all ist dein.
Nimm diese Kleider,
Nimm die Gefäße,
Nimm die Juwelen,
Und bleibe mein.

Alle, außer Claudinen
Sieh, wie des Tages wir
All' uns erfreun!

Lucinde
Rosen und Nelken,
Zieren den Schleier,
Den ich zur Feier
Heute dir reiche.
Blühen erst werden sie,
Wenn er dich schmückt.
Wenn du des Tages dich
Wandelnd vergnügtest,
Wenn du in Träumen
Die Nächte dich wiegtest,
Hab' ich mit eigener
Hand ihn gestickt.

Alle, außer Claudinen
Nimm ihn, und trag' ihn,
Und bleibe beglückt.

Pedro
Blumen der Wiese,
Dürfen auch diese
Hoffen und wähnen?
Ach, es sind Tränen –
Noch sind die Tränen
Des Taues daran.

Alle, außer Claudinen
Nimm sie, die herzlichen
Gaben, sie an.

Claudine
Tränen und Schweigen
Mögen euch zeigen,
Wie ich so fröhlich
Fühle, so selig,
Alles, was alles
Ihr für mich getan.

Alle, außer Claudinen
Nimm sie, die Gaben,
Die herzlichen, an.

Claudine ihren Vater umarmend
Könnt' ich mein Leben,
Vater, dir geben!
    Zu Lucinden und den übrigen
Könnt' ich ohn' Schranken
Allen euch danken!
    Sie wendet sich schüchtern zu Pedro.
Könnt' ich –

    Sie hält an, die Musik macht eine Pause, der Gesang fällt ein.

Alle
Fröhlicher,
Seliger,
Herrlicher Tag!

    Der Zug geht unter dem Gesange ab; es bleiben Claudine, Lucinde, Alonzo, Pedro.

Claudine Vergebet meinem Schweigen: denn ich kann
Nicht reden, wie ich fühle. Diese Gaben
Erfreuen mich, wie ihr es wünscht; doch mehr
Entzückt mich eure Liebe. Laßt mir Raum,
Mich erst zu fassen; dann vielleicht vermag
Die Lippe nach und nach zu sprechen, was
Das Herz auf einmal fühlt, und kaum erträgt.

Alonzo Geliebte Tochter, ja dich kenn' ich wohl.
Verzeih' des lauten Festes Vater-Torheit!
Ich weiß, du liebst im Stillen wahr zu sein,
Und einer Liebe Zeugnis zu empfangen,
Die, weder vorbereitet noch geschmückt,
Sich desto treuer zeigt. Leb' wohl. Du sollst
Nach deiner Lust in Einsamkeit genießen,
Was eine laut gewordne Liebe dir
Mit fröhlichem Getümmel brachte. Komm,
O teurer Pedro, werter Sohn des ersten,
Des besten Freundes meiner Jugend! Wenn
Er nun auch von uns weggeschieden ist;
So ließ er mir in dir sein Ebenbild.
Doch leider, daß du mich an diesem Tage
Mit deinem Scheiden noch betrüben willst.
Ist's denn nicht möglich, daß du bleiben kannst?
Nur diese Woche noch, sie endet bald.

Pedro Vermehre nicht durch deinen Wunsch die Trauer,
Die ich in meinem Busen schon empfinde.
Mein Urlaub geht zu Ende. Fehlt' ich jetzt;
So fehlt' ich sehr, und könnte leicht des Königs
Und meiner Obern Gunst verscherzen. Ja,
Du weißt es wohl, ich habe mich verstohlen
Und unter fremden Namen hergeschlichen,
Dich zu besuchen. Denn so eben kam
Der Fürst von Rocca Bruna, der so viel
Bei Hofe gilt, auf seine Güter; nie
Würd' es der stolze Mann verzeihen können,
Daß ich ihn nicht besuchte, nicht verehrte.
So treibt mich fort die enge Zeit der Pflicht,
Und jene Sorge, hier entdeckt zu werden.

Alonzo Ich fasse mich, und danke, daß du freundlich
Uns diesen Tag noch zugegeben! Komm!
Ich habe manches Wort dir noch zu sagen,
Eh' du uns scheidend, zwar ich hoffe nur
Auf kurze Zeit, betrübst; komm mit! Lebt wohl!

    Alonzo und Pedro ab.

 

    Claudine. Lucinde.

Lucinde Er geht, Claudine, geht; du hältst ihn nicht?

Claudine Wer gäbe mir das Recht ihn aufzuhalten?

Lucinde Die Liebe, die gar viele Rechte gibt.

Claudine Verschon', o Gute, mich mit diesem Scherze!

Lucinde Du willst, o Freundin, mir es nicht gestehn.
Vielleicht hast du noch selbst dir's nicht gestanden.
Die Gegenwart des jungen Mannes bringt
Dich außer Fassung. Wie dein erster Blick
Ihn zog, und hielt, und dir vielleicht auf ewig
Ein schönes Herz erwarb: denn er ist brav!
Als er auf seine Güter ging, und hier
Nur einen Tag sich hielt, war er sogleich
Von dir erfüllt; ich konnt' es leicht bemerken.
Nun macht er einen Umweg, kommt geschwind'
Und unter fremden Namen wieder her,
Läßt seinen Urlaub fast verstreichen, geht
Mit Widerwillen fort, und kehret bald,
Geliebtes Kind, zurück, um ohne dich
Nicht wieder fort zu reisen. Komm, gesteh!
Du gingst viel lieber gleich mit ihm davon.

Claudine Wenn du mich liebst, so laß mir Raum und Zeit,
Daß mein Gemüt sich selbst erst wieder kenne.

Lucinde Um dir es zu erleichtern, was du mir
Zu sagen hast, vertrau' ich kurz und gut
Dir ein Geheimnis.

Claudine                     Wie? Lucinde, du,
Geheimnis?

Lucinde             Ja, und zwar ein eignes, neues.
Claudine, sieh mich an! Ich, liebes Kind,
Bin auch verliebt.

Claudine                   Was sagst du da? Es macht
Mich doppelt lachen, daß du endlich auch
Dich überwunden fühlst, und daß du mir
Es g'rade so gestehst, als hättest du
Ein neues Kleid dir angeschafft, und kämst
Vergnügt zu einer Freundin, sie zu fragen,
Wie dich es kleidet. Sage mir geschwind:
Wer? Wen? Wie? Wo? Gewiß es ist wohl eigen,
Ganz neu! Lucinde, du? ein frohes Mädchen,
Vom Morgen bis zur Nacht geschäftig, munter,
Das Mütterchen des Hauses, bist du auch
Wie eine Müßiggängerin gefangen?

Lucinde Und was noch schlimmer ist –

Claudine                                           Noch schlimmer? Was?

Lucinde Ja! ja! ich bin gefangen, und von wem?
Von einem Unbekannten, einem Fremden,
Und irr' ich mich nicht sehr –

Claudine                                     Du seufzest lächelnd?

Lucinde Von einem Abenteurer!

Claudine                                   Seh' ich nun,
Daß du nur spottest.

Lucinde                         Höre mich! Genug,
Es nenne niemand frei und weise sich
Vor seinem Ende! Jedem kann begegnen,
Was Erd' und Meer von ihm zu trennen scheint.
Du siehst den Fall, und du verwunderst dich?
Das klügste Mädchen macht den dümmsten Streich.

    Hin und wieder fliegen Pfeile;
    Amors leichte Pfeile fliegen
    Von dem schlanken goldnen Bogen;
    Mädchen, seid ihr nicht getroffen?
    Es ist Glück! Es ist nur Glück.

    Warum fliegt er so in Eile?
    Jene dort will er besiegen;
    Schon ist er vorbei geflogen;
    Sorglos bleibt der Busen offen;
    Gebet Acht! Er kommt zurück!

Claudine Doch ich begreife nicht, wie du so leicht
Das alles nimmst.

Lucinde                     Das überlaß nur mir!

Claudine Doch sage schnell, wie ging es immer zu?

Lucinde Was weißt du dran! Genug, es ist geschehn.
Wenn ich auch sagte, daß an einem Abend
Ich durch das Wäldchen ging, nichts weiter denkend,
Daß sich ein Mann mir in den Weg gestellt,
Und mich gegrüßt und angesehen, wie
Ich ihn, und daß er bald mich angeredet,
Und mir gesagt: er folge hier und da
Auf meinen Schritten mir schon lange nach,
Und liebe mich, und wünsche, daß ich ihn
Auch lieben möge. Nicht? das klingt denn doch
Sehr wunderbar?

Claudine                   Gewiß!

Lucinde                               Und doch so ist's.
Er stand vor mir; ich sah ihn an, wie ich
Die Männer anzusehn gewohnt bin, dachte
Denn doch, es sei das klügste, nach dem Schlosse
Zurückzugehn, und unterm Überlegen
Sah ich ihn an, und es gefiel mir so
Ihn anzusehn. Ich fragt' ihn, wer er sei?
Er schwieg ein Weilchen; dann versetzt' er lächelnd:
»Nichts bin ich, wenn du mich verachtest; viel,
Wenn du mich lieben könntest. Mache nun
Aus deinem Knechte was du willst!« Ich sah'
Ihn wieder an, und weiß doch nicht, was ich
An ihm zu sehen hatte. G'nug, ich sah'
Hinweg, und wieder hin, als wenn ich mehr
An ihm zu sehen fände.

Claudine                             Nun, was ward
Aus Sehn und Wiedersehn?

Lucinde                                     Ja, daß ich nun
Ihn stets vor Augen habe, wo ich gehe.

Claudine Erzähle mir zuerst, wie kamst du los?

Lucinde Er faßte meine Hände, die ich schnell
Zurückzog. Ernst und trocken sagt' ich ihm:
»Ein Mädchen hat dem Fremden nichts zu sagen,
Verlaßt mich! Wagt es nicht mir nachzufolgen!«
Ich ging, er stand. Ich seh' ihn immer stehen,
Und blicke da und dorthin, ob er nicht
Mir irgendwo begegnen will.

Claudine                                   Wie sah
Er aus?

Lucinde       Genug, genug! und laß, Geliebte,
Mich meine Schuldigkeit nicht heut versäumen.
Dein Vater will, daß alle seine Leute
Mit einem Tanz und Mahl sich heute freun.
Er hat mir aufgetragen, wohl zu sorgen,
Daß alles werde wie er gerne mag.
Es wäre schlimm, wenn ich an deinem Feste
Zuerst die Pflicht versäumte, die ich lang'
Mit froher Treue leisten konnte. Nun,
Leb' wohl. Ein andermal! – Nun sieh dich um!
Wie bist du denn? Du hast die schönen Sachen
Kaum eines Blicks gewürdigt. Hier ist Stoff,
Ein Dutzend Mädchen lang' zu unterhalten.

    ab.

Claudine allein.
Sie besieht unter dem Ritornell die Geschenke, und tritt zuletzt mit Pedros Strauß, den sie die ganze Zeit in der Hand gehalten, hervor.

    Alle Freuden, alle Gaben,
    Die mir heut gehuldigt haben,
    Sind nicht diese Blumen wert.
    Ehr' und Lieb' von allen Seiten,
    Kleider, Schmuck, und Kostbarkeiten,
    Alles was mein Herz begehrt;
    Aber alle diese Gaben
    Sind nicht diese Blumen wert.

Und darfst du diesen Undank dir verzeihen?
Was ein geliebter Vater heut gereicht,
Was Freunde geben, was ein kleines Volk
Unschuldig bringt, das alles ist wie nichts,
Verschwindet vor der Gabe dieses neuen
Noch unbekannten Fremden. Ja es ist,
Es ist geschehn! Es ruht mein ganzes Herz
Nun auf dem Bilde dieses Jünglings; nun
Bewegt sich's nur in Hoffnung oder Furcht,
Ihn zu besitzen oder zu verlieren.

Pedro Verzeih', daß ich dich suche: denn es ist
Nicht Schuld, noch Wille. Jene strenge Macht,
Die alle Welt beherrscht, und die ich nur
Von Dichtern mir beschreiben ließ, ergreift
Mich nun, und führt mich, wie der Sturm
Die Wolken, ohne Rast zu deinen Füßen.

Claudine Ihr kommt nicht ungelegen; mit Entzücken
Betracht' ich hier die Gaben, die mir heut
So schöne Zeugen sind der reinsten Liebe.

Pedro Glücksel'ge Blumen, welcher schöne Platz
Ist euch gegönnt! Ihr bleibt, und ich muß gehn.

Claudine Sie welken, da ihr geht.

Pedro                                         Was sagst du mir!

Claudine Ich wollte, daß ich viel zu sagen hätte,
Allein es ist umsonst. Mein Vater hält
Euch länger nicht; er glaubt vielleicht, ihr solltet
Recht eilen. Nun er ist ein Mann; er hat
Gelernt, sich eine Freude zu versagen,
Doch wir, wir andre Mädchen, möchten gern
Uns eurer Gegenwart noch lange freuen.
Es ist ein ander, froher Leben, seit
Ihr zu uns kamt. Ist's denn gewiß,
Gewiß so nötig, daß ihr geht?

Pedro                                         Es ist.
Und würd' ich eilen, wenn ich bleiben könnte?
Mein Vater starb; ich habe seine Güter
Auf dieser schönen Insel nun bereis't.
Er sah sie lang' nicht mehr, seitdem der König
Ihn mit besondrer Gnade festgehalten.
Ich darf nicht meinen Urlaub überschreiten:
Schon kenn' ich alles was das Haus besitzt;
Ich wäre reich, wenn nach des Vaters Willen
Ich alles für das Meine halten könnte.
Allein ich bin der ältste nicht, und nicht
Der einzige des Hauses. Denn es schwärmt
Ein ältrer Bruder, den ich kaum gesehen,
Im Reich' herum, und führt, so viel man weiß,
Ein töricht Leben.

Claudine                   Gleicht er euch so wenig?

Pedro Mein Vater war ein strenger rauher Mann.
Ich habe niemals recht erfahren können,
Warum er ihn verstieß; auch scheint mein Bruder
Ein harter Kopf zu sein. Er hat sich nie
In diesen Jahren wieder blicken lassen.
Genug, mein Vater starb, und hinterließ
Mir alles, was er jenem nur entziehn
Nach den Gesetzen konnte; und der Hof
Bestätigte den Willen. Doch ich mag
Das nicht besitzen, was ein fremder Mann
Aus Unvorsichtigkeit, aus Leichtsinn einst
Verlor; geschweige denn mein eigner Bruder.
Ich sucht' ihn auf. Denn hie und da erscholl
Der Ruf, er habe sich mit frechen Menschen
In einen Bund gegeben, schwärme nun
Mit losgebundnem Mute, seiner Neigung
Mit unverwandtem Auge folgend, froh-
Und leicht-gesinnt am Rande des Verderbens.

Claudine So habt ihr nichts von ihm erfahren?

Pedro                                                           Nichts.
Ich folgte jeder Spur, die sich mir zeigte;
Allein umsonst. Und nun verzweifl' ich fast
Ihn je zu finden, glaube ganz gewiß,
Er ist schon lang' mit einem fremden Schiffe
In alle Welt, und lebt vielleicht nicht mehr.

Claudine So wird denn auch ein Meer uns trennen; bald
Wird euch der Glanz des Hofes diese stille
Verlaßne Wohnung aus den Augen blenden.
Ich möchte gern nichts sagen, möchte nicht
An euch zu zweifeln scheinen.

Pedro                                           Nein, o nein!
Mein Herz bleibt hier; und wenn ich eilen muß,
So eil' ich gern, um schnell zurück zu kehren.
Ich sage dir kein Lebewohl; kein Ach
Sollst du vernehmen: denn du siehst mich bald,
Und würdiger vor dir. Und was ich bin,
Was ich erlange, das ist dein. Geliebte,
Ich dränge mich zur Gnade nicht für mich!
Nimm deinem Freunde nicht den sichern Mut,
Sich deiner wert zu machen. Der verdient
Die Liebe nur, der um der Ehre willen
Im süßen Augenblicke von der Liebe
Entschlossen-hoffend sich entfernen kann.

    Es erhebt sich eine Stimme;
    Hoch und höher schallen Chöre;
    Ja es ist der Ruf der Ehre,
    Und die Ehre rufet laut:

    »Säume nicht, du frische Jugend!
    Auf die Höhe, wo die Tugend
    Mit der Ehre
    Sich den Tempel aufgebaut.«

    Aber aus dem stillen Walde,
    Aus den Büschen
    Mit den Düften,
    Mit den frischen
    Kühlen Lüften,
    Führet Amor,
    Bringet Hymen
    Mir die Liebste, mir die Braut.

    Jenes Rufen! Dieses Lispeln! –
    Soll ich folgen? Soll ich's hören?
    Soll ich bleiben? Soll ich gehn?
    Ach, wenn Götter uns betören,
    Können Menschen widerstehn?

        ab.

Claudine Er flieht! Doch es ist nicht das letzte Wort;
Ich weiß, er wird vor Abends nicht verreisen.
O werter Mann! Es bleiben mir die Freunde,
Das teure Paar, zu meinem Trost zurück,
Die holde Liebe mit der seltnen Treue.
Sie sollen mich erhalten wenn du gehst,
Und mich von dir beständig unterhalten.

    Liebe schwärmt auf allen Wegen;
    Treue wohnt für sich allein.
    Liebe kommt euch rasch entgegen;
    Aufgesucht will Treue sein.

        Sie geht singend ab.

 

Einsame Wohnung im Gebirge.

Rugantino mit einer Zither, auf und ab gehend, den Degen an der Seite, den Hut auf dem Kopfe. Vagabunden am Tische, mit Würfeln spielend.

Rugantino
    Mit Mädeln sich vertragen,
    Mit Männern 'rumgeschlagen,
    Und mehr Credit als Geld;
    So kommt man durch die Welt.

Vagabunden
    Mit vielem läßt sich schmausen;
    Mit wenig läßt sich hausen;
    Daß wenig vieles sei,
    Schafft nur die Lust herbei.

Rugantino
    Will sie sich nicht bequemen,
    So müßt ihr's eben nehmen.
    Will einer nicht vom Ort,
    So jagt ihn g'rade fort.

Vagabunden
    Laßt alle nur mißgönnen,
    Was sie nicht nehmen können,
    Und seid von Herzen froh;
    Das ist das A und O.

Rugantino erst allein, dann mit den übrigen.
    So fahret fort zu dichten,
    Euch nach der Welt zu richten.
    Bedenkt in Wohl und Weh
    Dies goldne A B C.

Rugantino Laßt nun, ihr lieben Freunde, den Gesang
Auf einen Augenblick verklingen. Leid
Ist mir's, daß Basco sich nicht sehen läßt;
Er darf nicht fehlen: denn die Tat ist kühn.
Ihr wißt, daß in dem Schloß von Villa Bella
Ein Mädchen wohnt, Verwandte des Alonzo.
Ich liebe sie; der Anblick dieser Schöne
Hat mich, wie keiner je, gefesselt. Streng'
Beherrscht mich Amor, und ich muß sie bald
An meinen Busen drücken; sonst zerstört
Ein innres Feuer meine Brust. Ihr habt
Mir alles ausgespürt; ich kenne nun
Das ganze Schloß durch eure Hülfe gut.
Ich dank' euch das, und werde tätig danken.
Zerstreuet euch nicht weit, und auf den Abend
Seid hier beisammen; wir besprechen dann
Die Sache weiter. Bis dahin lebt wohl.

    Die Vagabunden ab. Basco tritt auf.

Rugantino Willkommen, Basco; dich erwart' ich lang'.

Basco Sei mir gegrüßt; dich such' ich eben auf.

Rugantino So treffen wir ja recht erwünscht zusammen.
Heut fühl' ich erst, wie sehr ich dein bedarf.

Basco Und deine Hülfe wird mir doppelt nötig.
Sag' an, was willst du? Sprich, was hast du vor?

Rugantino Ich will heut Nacht zum Schloß von Villa Bella
Mich heimlich schleichen, will versuchen, ob
Lucinde mich am Fenster hören wird.
Und hört sie mich; erhört sie mich wohl auch,
Und läßt mich ein. Unmöglich ist's ihr nicht;
Ich weiß, sie kann die eine Seitentüre
Des Schlosses öffnen.

Basco                               Gut, was brauchst du da
Für Hülfe? Wer sich was erschleichen will,
Erschleiche sich's auf seinen eignen Zeh'n.

Rugantino Nicht so, mein Freund! Läßt sie mich in das Haus,
Beglückt sie meine Liebe, –

Basco                                       Nun, so schleicht
Der Fuchs vom Taubenschlage wie es tagt,
Und hat den Weg gelernt und geht ihn wieder.

Rugantino Du rätst es nicht: denn du begreifst es nicht –

Basco Wenn es vernünftig ist, begreif ich's wohl.

Rugantino So laß mich reden! Du begreifst es nicht,
Wie sehr mich dieses Mädchen angezogen.
Ich will nicht ihre Gunst allein genießen;
Ich will sie ganz und gar besitzen.

Basco                                               Wie?

Rugantino Entführen will ich sie.

Basco                                       Ha! Bist du toll?

Rugantino Toll, aber klug! Läßt sie mich einmal ein,
Dann droh' ich ihr mit Lärm und mit Verrat,
Mit allem was ein Mädchen fürchten muß,
Und geb' ihr gleich die allerbesten Worte,
Wie mich mein Herz es heißt. Sie fühlt gewiß,
Wie ich sie liebe; kann aus meinen Armen
Sich selbst nicht reißen. Nein, sie widersteht
Der Macht der Liebe nicht, wenn ich ihr zeige,
Wie ich sie liebe, wie ich mehr und mehr
Sie ewig schätzen werde. Ja, sie folgt
Aus dem Palast mir in die Hütte, läßt
Ein töricht Leben, das ich selbst verlassen;
Genießt mit mir in diesen schönen Bergen,
Im Aufenthalt der Freiheit, erst ihr Leben.
Dazu bedarf ich euer, wenn sie sich
Entschließen sollte, wie ich ganz und gar
Es hoffen muß, daß ihr am Fuß des Berges
Euch finden lasset; daß ihr eine Trage
Bereitet, sie den Pfad herauf zu bringen;
Daß ihr bewaffnet mir den Rücken sichert,
Wenn ja ein Unglück uns verfolgen sollte.

Basco Versteinert bleib' ich stehn, und sehe kaum,
Und glaube nicht zu hören. Rugantino!
Du bist besessen. Farfarellen sind
Dir in den Leib gefahren! Was? du willst
Ein Mädchen rauben? Statt die Last dem andern
Zu überlassen, klüglich zu genießen,
Zu gehen und zu kommen, willst du dir
Und deinen Freunden diesen schweren Bündel
Auf Hals und Schultern laden? Nein, es ist
Kein Mensch so klug, daß er nicht eben toll
Bei der gemeinsten Sache werden könnte.
Sieh doch die Schafe nur; sie weiden dir
Den Klee ab, wo er steht, und sammeln nicht
In Scheunen auf. An jedem Berge stehn
Der Blumen viel für unsre Herden; viel
Sind Mädchen übers ganze Land gesät,
Von einem Ufer bis zum andern. Nein,
Es ist nicht möglich. Schleiche dich zu ihr,
Und schleiche wieder weg, und danke Gott,
Daß sie dich lassen kann und lassen muß.

Rugantino Nicht weiter, Basco, denn es ist beschlossen.

Basco Ich seh' es, teurer Freund, noch nicht getan.

Rugantino Du sollst ein Zeuge sein, wie es gerät.

Basco Nur heute wird's unmöglich dein zu sein.

Rugantino Was kann euch hindern, wenn ich euch gebiete?

Basco Bedenke, Freund, wir sind einander gleich.

Rugantino Verwegner! Rede schnell, was hast du vor?

Basco Es ist gewiß, der Fürst von Rocca Bruna,
Der uns bisher geduldet, hat zuletzt
Von seinen Nachbarn sich bereden lassen.
Er fürchtet, daß es laut bei Hofe werde;
Er ist vor wenig Tagen selbst gekommen,
Und seine Gegenwart treibt uns gewiß
Aus dieser Gegend weg, ich weiß es schon.
Es kommt gewiß uns morgen der Befehl,
Sogleich aus diesen Bergen abzuscheiden.
Wenn er sich nur nicht gar gelüsten läßt,
Sich unsrer werten Häupter zu versichern.

Rugantino Nun gut, so führen wir noch heute Nacht
Den Anschlag aus, der mir das Mädchen eignet.

Basco O nein! Ich muß noch Geld zur Reise schaffen.

Rugantino Was soll das geben? Sage, was es gibt?

Basco Gehst du nicht mit; so brauchst du's nicht zu wissen.

Rugantino Dir ziemt es gegen mich geheim zu sein?

Basco Uns ziemt der Raub noch besser als die Liebe.
Du hast mit keinem Knaben hier zu tun.

Rugantino So lang' ich euch ernährte, ließet ihr
Nur gar zu gern euch meine Kinder nennen.

Basco Wie glücklich, daß wir nun erwachsen sind,
Da deine Renten sehr ins Stocken kommen!

Rugantino Was unser Fleiß und unsre List und Klugheit
Den Männern und den Weibern abgelockt,
Das konnten wir mit frohem Mut verzehren.
Es soll auch künftig keinem fehlen; zwar
Ist's diese Tage schmal geworden –

Basco                                                 Ja!
Warum denn diese Tage? Weil du dich
Mit einem Abenteur beschäftigst, das
Nichts fruchtet und die schöne Zeit verzehrt.

Rugantino So willst du denn zum Abschied noch den Fürsten,
Die ganze Nachbarschaft verletzen?

Basco                                                   Du
Hast nichts besonders vor! Ein edles Mädchen
Aus einem großen Hause rauben, ist
Wohl eine Kleinigkeit, die niemand rügt.
Wer ist der Tor?

Rugantino               Wer glaubst denn du zu sein,
Daß du mich schelten willst, du Kürbis?

Basco                                                       Ha!
Du Kerze! Wetterfahne du! Es sollen
Die Männer nicht zu deinen Possen dienen.
Ich gehe mit den Meinen, heut zu tun
Was allen nützt, und willst du deine Schöne
Zu holen gehn; so wird es uns erfreuen,
In unsrer Küche sie zu finden. Laß
Von ihrer zarten Hand ein feines Mahl,
Ich bitte dich, bereiten, wenn ihr früher
Zu Hause seid als wir; und sei gewiß,
Wir wollen ihr aufs beste dankbar sein,
Wenn sie nur nicht die guten Freunde trennt.

Rugantino Was hält mich ab, daß ich mit dieser Faust,
Mit diesem Degen, Frecher, dich nicht strafe.

Basco Die andre Faust von gleicher Stärke hier,
Ein andrer Degen hier von gleicher Länge.

Vagabunden treten auf
    Horchet doch, was soll das geben,
    Daß man hier so heftig spricht?

Rugantino
    Deinem Willen nachzugeben!
    Frecher, mir vom Angesicht!

Basco
    Nur als Knecht bei dir zu leben!
    Junger Mann, du kennst mich nicht.

Vagabunden
    Was soll das geben?
    Was soll das sein?
    Zwei solche Männer
    Die sich entzwein!

Rugantino
    Es ist gesprochen!
    Es ist getan!

Basco
    So sei's gebrochen!
    So sei's getan!

Vagabunden
    Aber was soll aus uns werden?
    Den zerstreuten, irren Herden
    Im Gebirge gleichen wir.

Rugantino und Basco
    Kommt mit mir! Kommt mit mir!
    Euer Führer stehet hier.

Vagabunden
    Euer Zwist, er soll nicht währen;
    Keinen wollen wir entbehren.

Rugantino und Basco
    Euer Führer stehet hier.

Vagabunden
    Wer gibt Rat? Wer hilft uns hier?

Rugantino
    Die Ehre, das Vergnügen,
    Sie sind auf meiner Seite;
    Ihr Freunde, folget mir.

Basco
    Der Vorteil nach den Siegen,
    Die Lust bei guter Beute,
    Sie finden sich bei mir.

Rugantino
    Wem hab' ich schlimm geraten?
    Wen hab' ich schlecht geführt?

Basco
    Bedenket meine Taten,
    Und was ich ausgeführt.

Beide
    Tretet her auf diese Seite.

Rugantino Ehr' und Lust!

Basco                             Lust und Beute!

Beide     Kommt herüber! folget mir.

Die Vagabunden teilen sich. Ein Dritteil stellt sich auf Rugantinos, zwei Dritteile auf Bascos Seite.

Vagabunden
    Ich begebe mich zu dir.

Vagabunden auf Bascos Seite.
    Kommt herüber!

Vagabunden auf Rugantinos Seite
                            Nein, wir bleiben;
    Kommt herüber!

Vagabunden auf Bascos Seite
                            Nein, wir bleiben.

Vagabunden
    Kommt herüber; wir sind hier.

Rugantino
    Du hast, du hast gewonnen,
    Wenn du die Stimmen zählest;
    Allein, mein Freund, du fehlest,
    Die Besten sind bei mir.

Basco
    Du hast, du hast gewonnen,
    Wenn du die Mäuler zählest;
    Allein, mein Freund, du fehlest,
    Die Arme sind bei mir.

Alle
    Laßt uns sehen, laßt uns warten,
    Was wir schaffen, was wir tun.

Basco und die Seinen
    Geht nur, gehet in den Garten,
    Sehet, wo die Nymphen ruhn.

Rugantino und die Seinen
    Geht und mischet eure Karten;
    Wer gewinnt, der hat zu tun.

Alle
    Laßt uns sehen, laßt uns warten,
    Was wir schaffen, was wir tun.

 

Zweiter Aufzug

Nacht und Mondschein.

Terrasse des Gartens von Villa Bella, im Mittelgrunde des Theaters. Eine doppelte Treppe führt zu einem eisernen Gitter, das die Gartentür schließt. An der Seite Bäume und Gebüsch.

Rugantino mit seinem Teil Vagabunden.

Rugantino
Hier, meine Freunde, dieses ist der Platz!
Hier bleibet, und ich suche durch den Garten
Gelegenheit, dem Fenster mich zu nahn,
Wo meine Schöne ruht. Sie schläft allein,
In einem Seitenflügel dieses Schlosses.
So viel ist mir bekannt. Ich locke sie
Mit meiner Saiten Ton ans Fenster. Dann
Geb' Amor Glück und Heil, der stets geschäftig
Und wirksam ist, wo sich ein Paar begegnet.
Nur bleibet still und wartet, bis ich euch
Hier wieder suche. Eilet mir nicht nach,
Wenn ihr auch Lärm und Händel hören solltet;
Es wäre denn, ich schösse; dann geschwind'!
Und sehet, wie ihr durch Gewalt und List
Mir helfen könnt. Lebt wohl. – Allein wer kommt?
Wer kommt so spät mit Leuten? – Still – es ist –
Ja es ist Don Rovero, der ein Gast
Des Hauses war. Er geht mir recht gelegen
Schon diese Nacht hinweg. Wenn er nur nicht
Den andern in die Hände fällt, die sich
Am Wege lagern, wildes Abenteuer
Unedel zu begehn. – Versteckt euch nur.

Pedro zu seinen Leuten
Ihr geht voran; in einem Augenblick
Folg' ich euch nach. Ihr wartet an der Eiche,
Da wo die Pferde stehn; ich komme gleich.

    Lebet wohl, geliebte Bäume,
    Wachset in der Himmels-Luft:
    Tausend liebevolle Träume
    Schlingen sich durch euren Duft.
    Doch was steh' ich und verweile?
    Wie so schwer, so bang' ist's mir?
    Ja, ich gehe! Ja, ich eile!
    Aber ach mein Herz bleibt hier.

        ab.

Rugantino hervortretend
Er ist hinweg! ich gehe! – Still doch! Still!
Im Garten seh' ich Frauen auf und nieder
Im Mondschein wandern. Still! Verbergt euch nur.
Wir müssen sehen, was das geben kann.
Vielleicht ist mir das Liebchen nah', und näher,
Als ich es hoffen darf. Nur fort! Bei Seite!

Claudine auf der Terrasse.
    In dem stillen Mondenscheine,
    Wandl' ich schmachtend und alleine.
    Dieses Herz ist liebevoll,
    Wie es gern gestehen soll.

Rugantino unten und vorne für sich
    In dem stillen Mondenscheine,
    Singt ein Liebchen! Wohl das meine?
    Ach so süß, so liebevoll,
    Wie die Zither locken soll.
        Mit der Zither sich begleitend, und sich nähernd
Cupido, loser, eigensinniger Knabe;
Du batst mich um Quartier auf einige Stunden!
Wie viele Tag' und Nächte bist du geblieben,
Und bist nun herrisch und Meister im Hause geworden.

Claudine hat eine Zeit lang auf die Zither gehört, und ist vorübergegangen. Es tritt Lucinde von der andern Seite auf die Terrasse.

Lucinde
    Hier im stillen Mondenscheine,
    Ging ich freudig sonst alleine;
    Doch halb traurig und halb wild
    Folgt mir jetzt ein liebes Bild.

Rugantino unten und vorne, für sich
    In dem stillen Mondenscheine
    Geht das Liebchen nicht alleine,
    Und ich bin so unruhvoll,
    Was ich tun und lassen soll.
        Sich mit der Zither begleitend und sich nähernd
Von meinem breiten Lager bin ich vertrieben;
Nun sitz' ich an der Erde, Nächte gequälet;
Dein Mutwill' schüret Flamm' auf Flamme des Herdes,
Verbrennet den Vorrat des Winters und senget mich Armen.

Indes ist Claudine auch wieder herbeigekommen, und hat mit Lucinden dem Gesänge Rugantinos zugehört.

Claudine und Lucinde
    Das Klimpern hör' ich
    Doch gar zu gerne.
    Käm' sie nur näher,
    Sie steht so ferne;
    Nun kommt sie näher,
    Nun ist sie da.

Rugantino zugleich mit ihnen
    Es scheint, sie hören
    Das Klimpern gerne.
    Ich trete näher,
    Ich stand zu ferne;
    Nun bin ich näher,
    Nun bin ich da.

Rugantino sich begleitend
Du hast mir mein Gerät verstellt und verschoben.
Ich such', und bin wie blind und irre geworden;
Du lärmst so ungeschickt; ich fürchte, das Seelchen
Entflieht, um dir zu entfliehn, und räumet die Hütte.

Rugantino ist unter der letzten Strophe immer näher getreten und nach und nach die Treppe hinaufgestiegen. Die Frauenzimmer haben sich von innen an die Gittertür gestellt; Rugantino steigt die Treppen immer sachte hinauf, daß er endlich ganz nah bei ihnen an der Seite der Tür steht.

Pedro mit gezognem Degen
    Sie sind entflohn!
    Entflohen, die Verwegnen!
    Mich dünkt, mich dünkt,
    Sie sind hieher entflohn.

Rugantino indem er Pedro hört, und die Frauenzimmer zugleich zurücktreten, eilig die Treppe herunter
    O doch verflucht!
    Verflucht! was muß begegnen?
    Pedro! Er ist's!
    Den glaubt' ich ferne schon.

Claudine und Lucinde, die sich wieder auf der Terrasse sehen lassen
    Trete zurück!
    Zurück! Was muß begegnen!
    Männer und Lärm!
    Mich dünkt, sie streiten schon.

Die Vagabunden sind indes zu Rugantino getreten, er steht mit ihnen an der einen Seite.

Rugantino
    Hinter der Eiche,
    Kommt, laßt uns lauschen!

Pedro
    Hier im Gesträuche
    Hör' ich ein Rauschen! –
    Wer da! Wer ist's?
    Seid ihr nicht Memmen,
    Tretet hervor.

Rugantino zu den Seinigen
    Bleibet zurück!
    Der soll bei Seite,
    Droht er, der Tor!

Alle Horch! Horch! Still! Still!

Zugleich:

Claud. u. Lucinde
Sie sind auf einmal stille!

Pedro
Es wird auf einmal stille!

Rugant. u. Vagab.
Er ist auf einmal stille!

Alle Was das nur werden will?

Pedro Wer da?

Rugantino Eine Degenspitze!

Pedro Sie sucht ihres Gleichen!
Hier!

    Sie fechten.

Claudine und Lucinde
    Ich höre Degen
    Und Waffen klingen;
    O eil', o eile!

Pedro
    Es soll dein Degen
    Mich nicht zum Weichen,
    Zum Wanken bringen.

Rugantino
    Dich soll mein Degen,
    Willst du nicht weichen,
    Zur Ruhe bringen.

Vagabunden
    Ich höre Degen
    Und Waffen klingen,
    Ganz in der Nähe.

Claudine und Lucinde
    O ruf den Vater,
    Und hol' die Leute;
    Es gibt ein Unglück;
    Was kann geschehn!

Vagabunden
    Hier sind die Deinen,
    Bewährte Leute,
    In jedem Falle
    Dir beizustehn.

Pedro
    Ich steh' alleine;
    Doch steh' ich feste.
    Ihr wißt zu rauben,
    Und nicht zu stehn.

Rugantino
    Laßt mich alleine,
    Ich steh' ihm feste;
    Du sollst nicht Räuber,
    Sollst Männer sehn.

Während dieses Gesangs fechten Rugantino und Pedro, mit wiederholten Absätzen. Zuletzt entfernen sich die Frauenzimmer; die Vagabunden stehen an der Seite. Pedro, der in den rechten Arm verwundet wird, nimmt den Degen in die Linke, und stellt sich gegen Rugantino.

Rugantino Laßt ab, ihr seid verwundet!

Pedro                                                 Noch genug
Ist Stärk' in diesem Arm, dir zu begegnen.

Rugantino Laßt ab und fürchtet nicht!

Pedro                                                 Du redest menschlich.
Wer bist du? Willst du meinen Beutel? Hier!
Du kannst ihn nehmen; dieses Leben sollst
Du teuer zahlen.

Rugantino                 Nimm bereite Hülfe,
Du Fremdling, an, und wenn du mir nicht traust,
So laß die Not dir raten, die dich zwingt.

Pedro Weh mir! ich schwanke! Blut auf Blut entströmt
Zu heftig meiner Wunde. Haltet mich,
Wer ihr auch seid! Ich fühle mich gezwungen,
Von meinen Feinden Hülfe zu begehren.

Rugantino Hier! unterstützt ihn, und verbindet ihn,
Bringt ihn zu unsrer Wohnung schnell hinauf.

Pedro Bringt mich hinein nach Villa Bella.
    Er wird ohnmächtig.

Rugantino                                             Nicht!
Er soll nicht hier herein. Tragt ihn hinauf,
Und sorgt für ihn aufs beste. Diese Nacht
Ist nun verdorben durch die Schuld und Torheit
Der zu verwegnen Raubgesellen. Geht,
Ich folge bald.
    Vagabunden mit Pedro ab.
                      Ich muß mich um das Schloß
Noch einmal leise schleichen: denn ich kann
Der Hoffnung nicht entsagen, noch vor Morgen
Mein Abenteuer, wenn nicht zu vollführen,
Doch anzuknüpfen. Warte, Basco, wart'!
Ich denk' es dir, du ungezähmter Tor!

Alonzo und Bediente inwendig an der Gartentür.

Alonzo Schließt auf! und macht mir schnell die ganze Runde
Des Schlosses; wen ihr findet, nehmt gefangen.

Rugantino Ein schöner Fall! Nun gilt es mutig sein.

Alonzo Die Frauen haben ein Geräusch der Waffen,
Ein Ächzen tönen hören. Sehet nach;
Ich bleibe hier, bis ihr zurücke kehrt.

    Bediente ab, ohne Rugantino zu bemerken.

Rugantino Am besten ist's, der drohenden Gefahr
Ins Angesicht zu sehen. Laßt mich erst
Durch meine Zither mich verkünd'gen. Still,
So sieht es dann recht unverdächtig aus.
Cupido, kleiner loser, schelmischer Knabe.

Alonzo Was hör' ich! Eine Zither! Laßt uns sehen.
    herabtretend.
Wer seid ihr, daß ihr noch so spät zu Nacht
In dieser Gegend schleicht, wo alles ruht.

Rugantino Ich schleiche nicht, ich wandle nur für mich,
Wie's mir gefällt, auf breiter freier Straße.

Alonzo Um unsre Mauern lieben wir nicht sehr
Das Nachtgeschwärm'; es ist uns zu verdächtig.

Rugantino Mir wär' es lieber, eure Mauern ständen
Wo anders, die mir hier im Wege stehen.

Alonzo für sich
Es ist ein grober Gast, doch spricht er gut.

Rugantino
Er möchte gern an mich, und traut sich nicht.

Alonzo Habt ihr nicht ein Geschrei vernommen? Nicht
Hier Streitende gefunden?

Rugantino                             Nichts dergleichen.

Alonzo für sich
Der kommt von ungefähr, so scheint es mir.

Rugantino für sich
Ich will doch höflich sein, vielleicht gerät's.

Alonzo Ihr tut nicht wohl, daß ihr um diese Stunde
Allein auf freien Straßen wandelt; sie
Sind jetzt nicht sicher.

Rugantino                       O sie sind's für mich.
Gesang und Saitenspiel, die größten Freunde
Des Menschenlebens, schützen meinen Weg
Durch die Gefilde, die der Mond beleuchtet.
Es wagt kein Tier, es wagt kein wilder Mensch
Den Sänger zu beleid'gen, der sich ganz
Den Göttern, der Begeist'rung übergab.
Nur aus Gewohnheit trag' ich diesen Degen;
Denn selbst im Frieden ziert er seinen Mann.

Alonzo Ihr haltet euch in dieser Gegend auf?

Rugantino Ich bin ein Gast des Prinzen Rocca Bruna.

Alonzo Wie? meines guten Freundes? Seid willkommen.
Ich frage nicht, ob ihr ein Fremder seid;
Mir scheint es so.

Rugantino                 Ein Fremder hier im Lande.
Doch hab' ich auch das Glück, daß mich der König
Zu seinen letzten Dienern zählen will.

Alonzo bei Seite
Ein Herr vom Hof! So kam es gleich mir vor.

Rugantino Ich darf euch wohl um eine Güte bitten?
Ich bin so durstig; denn schon lange treibt
Die Lust zu wandeln mich durch diese Felder.
Ich bitt' euch, mir durch einen eurer Diener
Nur ein Glas Wasser freundlich zu gewähren.

Alonzo Mit nichten so. Was? glaubt ihr, daß ich euch
Vor meiner Türe lasse? Kommt herein.
Nur einen Augenblick Geduld. Hier kommen
Die Leute, die ich ausgeschickt. Man hatte
Nah' an dem Garten Lärm gehört, das Klirren
Der Waffen, ein Geschrei von Fechtenden.

Die Bedienten kommen
Was gibt's? Ihr hörtet niemand? fandet keinen?
    Die Bedienten machen verneinende Zeichen.
Es ist doch sonderbar, was meine Frauen
Für Geister sah'n? Wer weiß es, was die Furcht
Den guten Kindern vorgebildet. Kommt!
Ihr sollt euch laben, sollet anders nicht
Als wohl begleitet, mir von hinnen scheiden.
Und wenn ihr bleiben wollt; so findet ihr
Ein gutes Bett und einen guten Willen,

Rugantino
Ihr macht mich ganz beschämt, und zeiget mir
Mit wenig Worten euern edeln Sinn.
    Für sich.
Welch Glück der Welt vermag so viel zu tun,
Als dieses Unglück mir verschafft!
    Laut.                                         Ich komme.

        Beide durch die Gartentür ab.

 

Wohl erleuchtetes Zimmer in dem Schlosse von Villa Bella.

Claudine. Lucinde.

Claudine Wo bleibt mein Vater? Kam' er doch zurück!
Ich bin voll Sorge. Freundin, wie so still?

Lucinde Ich denke nach, und weiß nicht wie mir ist;
Ich weiß nicht ob mir träumte. Ganz genau
Glaubt' ich zuletzt die Stimme des Geliebten
Im Lärm und Streit zu hören.

Claudine                                     Wie? des deinen?
Ich hörte Pedros Stimme ganz genau.
Ich kann für Angst nicht bleiben; laß uns hin,
Laß uns zum Garten.

Lucinde                           Still! Es kommt dein Vater.

Alonzo. Rugantino. Bediente.

Alonzo Hier bring' ich einen späten Gast, ihr Kinder,
Empfangt ihn wohl, er scheint ein edler Mann.

Rugantino zu Alonzo
Ich bin beschämt von eurer Güte;
    Zu den Damen.                         bin
Betäubt von eurer Gegenwart. Mich faßt
Das Glück ganz unerwartet an, und hebt
Mich heftig in die Höhe, daß mir schwindelt.

Claudine Seid uns willkommen. War't ihr bei dem Streite?

Alonzo Er weiß von keinem Streit. Ich fand ihn singend,
Als ich zur Türe kam, und alles still.

Lucinde für sich
Er ist's! O Gott! Er ist's! Verberge dich,
Gerührtes Herz. Mir zittern alle Glieder.

    Claudine spricht mit Alonzo, im Hintergrunde auf und ab gehend.

Rugantino heimlich zu Lucinden
So find' ich mich an deiner Seite wieder;
Beschließe mir nun Leben oder Tod.

Lucinde Ich bitt' euch, still! Verschonet meine Ruhe,
Verschonet meinen Namen, still! nur still!

Alonzo zu den Bedienten
Ein Glas gekühltes Wasser bringt herauf,
Bringt eine Flasche Wein von Syracus.
    Zu Rugantino.
Auf alle Fälle, wackrer Fremdling, nehmt
Euch künftig mehr in Acht, und naht so spät
Nicht mehr allein. Wir sind in dieser Gegend
Sehr übel dran; es ist uns ganz nicht möglich,
Das Raubgesind, das liederliche Volk
Von unsern Straßen zu vertreiben. Denken
Auch zwei, drei Nachbarn überein, und halten
In ihren Grenzen Ordnung; ja so schützt
Gleich im Gebirg' ein andrer Herr die Schelmen;
Und diese schweifen, wenn sie auch des Tags
Nicht sicher sind, bei Nacht herum und treiben
Solch einen Unfug, daß ein Ehrenmann
In doppelter Gefahr sich findet.

Rugantino Gewiß gehorch' ich euerm guten Rat.

Alonzo Ich hoff, es soll mit nächstem besser werden.
Der Prinz von Rocca Bruna hat beschlossen,
Was nur verdächtiges Gesindel sich
In seinen Bergen lagert, zu vertreiben.
Ihr werdet es von ihm erfahren haben;
Denn er ist selbst gekommen, den Befehl
Des Königs und der Nachbarn alte Wünsche
Mit strenger Eil' und Vorsicht zu vollbringen.

Rugantino Ich weiß, er denkt mit Ernst an diese Sache,
    Für sich.
Das hatte Basco richtig ausgespürt.

Claudine
So habt ihr keinen Streit und nichts vernommen?

Rugantino Nicht einen Laut, als jenen Silberton
Der zarten Grillen, die das Feld beleben,
Und einem Dichter lieb wie Brüder sind.

Lucinde Ihr dichtet auch ein Lied?

Rugantino                                   Wer dichtet nicht?
Dem diese schöne reine Sonne scheint,
Der diesen Hauch des Lebens in sich zieht?
    Leise zu Lucinden.
Dem es beschert war, nur ein einzigmal
In dieses Aug' zu sehen. Draußen stand ich,
Vor deiner Türe, draußen vor der Mauer,
Und weinte jammernd in mein Saitenspiel.
Der Tau der Nacht benetzte meine Kleider,
Der hohe Mond schien tröstend zu verweilen;
Da sah' mich Amor und erbarmte sich.
Hier bin ich nun, und wenn du dich nicht mein
In dieser Nacht erbarmen willst –

Lucinde                                           Ihr seid
Verwegen-dringend. Ihr verkennt mich sehr;
Nun schweigt!

Rugantino             Ich soll verzweifeln. Mir ist's ein's,
Zu leben oder gleich zu sterben, wenn
Du mir ein Zeichen deiner Gunst versagst.

Claudine die indessen mit ihrem Vater gesprochen, und wieder herbeitritt
So gebt uns doch ein Lied, ich bitte sehr,
Ein stilles Lied zur guten Nacht.

Rugantino                                     Wie gern!
Das rauschende Vergnügen lieb' ich nicht,
Die rauschende Musik ist mir zuwider.
    Bald gegen Claudinen bald gegen Lucinden gekehrt, und sich mit der Zither begleitend.
    Liebliches Kind!
    Kannst du mir sagen,
    Sagen, warum
    Zärtliche Seelen
    Einsam und stumm
    Immer sich quälen,
    Selbst sich betrügen,
    Und ihr Vergnügen
    Immer nur ahnden
    Da wo sie nicht sind?
    Kannst du mir's sagen,
    Liebliches Kind?

Alonzo hat während der Arie mit einigen Bedienten im Hintergrunde ernstlich gesprochen. Man konnte aus ihren Gebärden sehen, daß von Rugantino die Rede war, indem sie auf ihn deuteten, und ihrem Herrn etwas zu beteuern schienen. Gegen das Ende der Arie tritt Alonzo hervor und hört zu; da sie geendigt ist, spricht er:
Die Frage scheint verfänglich; doch es möchte
Sich ein und andres drauf erwiedern lassen.

Er geht wieder zu den Bedienten, und spricht mit ihnen an der einen Seite des Theaters; indes Rugantino und die beiden Frauenzimmer sich an der andern Seite unterhalten.

Alonzo zu den Bedienten
So seid ihr ganz gewiß, daß er es sei,
Der Rädelsführer jener Vagabunden?
Ja, ja, er kam mir gleich verdächtig vor.
Du kennst ihn ganz genau? Gestehst mir nun,
Selbst unter ihm gedient zu haben? Gut!
Dir soll's nicht schaden, daß du es gestehst.
Seht ihn noch einmal an, daß ihr mich nicht
Zu einem falschen Tritt verleitet. Still!
Ich will die Kinder singen machen, daß
Wir schicklich noch zusammen bleiben können.
    Er tritt zu den andern.
Wie geht es? Habt ihr's ausgemacht? Ich dächte,
Ihr gäbt ihm das zurück als kluge Mädchen!

Die Bedienten beobachten den Rugantino heimlich und genau, und versichern von Zeit zu Zeit ihrem Herren, daß sie der Sache gewiß sind; indes singen

Claudine und Lucinde
    Ein zärtlich Herz hat viel,
    Nur allzu viel zu sagen.
    Allein auf deine Fragen
    Läßt sich ein Wörtchen sagen:
    Es fehlt, es fehlt der Mann,
    Dem man vertrauen kann.

Rugantino
Um einen Mann zu schätzen, muß man ihn
Zu prüfen wissen.

Lucinde                     Ein Versuch geht eher
Für einen Mann, als für ein Mädchen an.

Alonzo zu den Bedienten
Ihr bleibt dabei? Nun gut, ich will es wagen:
Denn hab' ich ihn; so sind die andern bald
Von selbst zerstreut. Du feiner Vogel, kommst
Du mir zuletzt ins Haus? Ich halt' ihn hier,
Geb' ihm ein Zimmer ein, das schon so gut
Als ein Gefängnis ist und doch nicht scheint.
    Laut.
Mein Herr, ihr bleibt heut Nacht bei uns. Ich lasse
Euch nicht hinweg, ihr sollt mir sicher ruhen,
Und morgen gibt der Tag euch das Geleite.

Rugantino Ich danke tausendmal. Schlaft, werte Freunde,
Aufs ruhigste nach einem frohen Tag.
    Zu Lucinden.
Entschließe dich! Mir brennt das Herz im Busen:
Und sagst du mir nicht eine Hoffnung zu;
So bin ich meiner selbst nicht mächtig, bin
Im Falle, toll und wild das äußerste zu wagen.

Lucinde für sich
Er macht mir bang'! Ich fühle mich verlegen,
Ich will ihm leider nur schon allzu wohl.

Rugantino für sich
Ich muß noch suchen, alle sie zusammen
Im Saal zu halten; meine Schöne gibt
Zuletzt wohl nach. O Glück! O süße Freude!
    Laut.
Ich denke nach, ihr Schönen, was ihr sangt.
Ihr habt gewiß die Männer sehr beleidigt;
Ihr glaubt, es gebe keinen treuen Mann;
Allein wie viel Geschichten könnt' ich euch
Von ewig-unbegrenzter Liebe sagen!
Die Erde freut sich einer treuen Seele,
Der Himmel gibt ihr Segen und Gedeihn;
Indes die schwarzen Geister in der Gruft
Der falschen Brust, der lügenhaften Lippe,
Wohl-ausgedachte Qualen zubereiten.
Vernehmt mein Lied. Es schwebt die tiefe Nacht
Mit allen ihren Schauern um uns her.
Ich lösche diese Lichter aus; und eines
Ganz ferne hin, daß in der Dunkelheit
Sich mein Gemüt mit allen Schrecken fülle,
Daß mein Gesang den Abscheu meiner Seele
Zugleich mit jenen schwarzen Taten melde.

Das Theater ist verfinstert bis auf Ein Licht im Hintergrunde. Die Damen setzen sich, Claudine zunächst an die Szene, Lucinde nach der Mitte des Theaters. Alonzo geht auf und ab, und steht meist an der andern Seite des Theaters. Rugantino steht bald zwischen den Frauenzimmern, bald an Lucindens Seite. Er flüstert ihr zwischen den Strophen geschickt einige Worte zu; sie scheint verlegen. Claudine, wie durch die ganze Szene, nachdenklich und abwesend. Alonzo nachdenklich und aufmerksam. Kein Bedienter ist auf dem Theater.

Rugantino
    Es war ein Buhle frech genung,
    War erst aus Frankreich kommen,
    Der hatt' ein armes Mädel jung
    Gar oft in Arm genommen,
    Und liebgekos't und liebgeherzt,
    Als Bräutigam herumgescherzt,
    Und endlich sie verlassen.

    Das braune Mädel das erfuhr,
    ergingen ihr die Sinnen.
    Sie lacht' und weint' und bet' und schwur;
    So fuhr die Seel' von hinnen.
    Die Stund' als sie verschieden war,
    Wird bang' dem Buben graus't sein Haar,
    Es treibt ihn fort zu Pferde.

    Er gab die Sporen kreuz und quer,
    Und ritt auf alle Seiten.
    Hinüber, herüber, hin und her;
    Kann keine Ruh' erreiten;
    Reit sieben Tag' und sieben Nacht,
    Es blitzt und donnert, stürmt und kracht,
    Die Fluten reißen über.

    Und reit im Blitz und Wetterschein
    Gemäuerwerk' entgegen,
    Bindt's Pferd Haus-an und kriecht hinein,
    Und duckt sich vor dem Regen.
    Und wie er tappt, und wie er fühlt,
    Sich unter ihm die Erd' erwühlt;
    Er stürzt wohl hundert Klafter.

    Und als er sich ermannt vom Schlag',
    Sieht er drei Lichtlein schleichen:
    Er rafft sich auf, und krapelt nach;
    Die Lichtlein ferne weichen,
    Irrführen ihn die Quer und Läng',
    Trepp-auf Trepp-ab, durch enge Gäng',
    Verfallne wüste Keller.

    Auf einmal steht er hoch im Saal,
    Sieht sitzen hundert Gäste,
    Hohläugig grinsen allzumal,
    Und winken ihm zum Feste.
    Er sieht sein Schätzel unten an,
    Mit weißen Tüchern angetan;
    Die wend't sich –

Der Gesang wird durch die Ankunft von Alonzos Bedienten unterbrochen.

Zwei Bediente Alonzos
Herr, o Herr, es sind zwei Männer
Von Don Pedros braven Leuten,
Vor der Türe sind sie hier,
Und verlangen sehr nach dir.

Alonzo
Himmel, was soll das bedeuten!
Führet sie geschwind zu mir.

Zwei Bediente Alonzos Die Lichte werden wieder angezündet und der Saal erhellt.
Ganz verwirrt und ganz verlegen,
Voller Angst und voller Sorgen,
Kommen wir durch Nacht und Nebel,
Hülf' und Rettung rufen wir.

Alonzo und Claudine
Redet, redet!

Rugantino und Lucinde
                    Saget, saget.
    Zu vier.
Saget an, was soll das hier?

Pedros Bediente
Von verwegnem Raubgesindel
Diesen Abend überfallen,
Haben wir uns wohl verteidigt;
Doch vergebens widerstanden
Wir der überlegnen Macht.
Wir vermissen unsern Herren;
Er verlor sich in die Nacht.

Claudine
Welch ein Unheil! Welche Schmerzen!
Ach, ich kann mich nicht verbergen.
Eilet, Vater, eilet, Leute,
Unserm Freunde beizustehn.

Alonzo
Wo ergriffen euch die Räuber?

Bediente
Noch im Wald' von Villa Bella.

Claudine
Wo verlor't ihr euern Herren?

Bediente
Er verfolgte die Verwegnen.

Lucinde
Habt ihr ihm denn nicht gerufen?

Bediente
O gewiß, und laut und öfter.

Rugantino
Habt ihr das Gepäck gerettet?

Bediente
Alles wird verloren sein.

Alonzo für sich
So sehr mich das bestürzt,
So sehr es mich verdrießt,
So nutz' ich doch,
Gebrauch' ich die Gelegenheit.
Es ist die schönste, höchste Zeit,
Daß ich erst diesen Vogel fange!

Claudine
O bedenkt euch nicht so lange!

Alonzo
Liebes Kind, ich geh', ich gehe!

Lucinde
Eilt! Er ist wohl in der Nähe.

Rugantino
Laßt mich euern Zweiten sein.

Alonzo zu den Bedienten
Alle zusammen! Sattelt die Pferde!
Holet Pistolen! Holet Gewehre!
Eilig versammelt euch hier in dem Saal!

    Die Bedienten gehen meistens ab.

Rugantino
Ich bin bewaffnet, hier ist mein Degen!
Hier sind Pistolen, hier wohnt die Ehre!
Meine Geschäftigkeit zeig' ich einmal.

Alonzo indem er die Terzerolen dem Rugantino abnimmt
Ach wozu nützen diese Pistölchen!
Nur euch zu hindern schlaudert der Degen.
Zu den Bedienten.
Bringt ein Paar andre, bringet ein Schwert.

Rugantino
Dankbar und freudig, daß ihr mich waffnet.
Jegliche Wehre, die ihr getragen,
Doppelt und dreifach ist sie mir wert.

Alonzo Lucinden die Terzerolen gebend
Hebt die Pistolen auf bis an den Morgen.
Nehmet den Degen, gehet, verwahrt ihn.

Rugantino indem er Lucinden den Degen gibt
Liebliche Schönen, wenn ihr entwaffnet,
Laß' ich's geschehen; aber erbarmt euch
Euers entwaffneten zärtlichen Knechts.

Lucinde geht mit den Waffen ab, Alonzo und Rugantino treten zurück und sprechen leise mit einander, wie auch mit den Bedienten die sich nach und nach im Grunde versammeln.

Claudine für sich
Voller Angst und auf und nieder
Steigt der Busen; kaum noch halten
Mich die Glieder. Ach ich sinke!
Meine kranke Seele flieht.

Lucinde, die wieder hereinkommt und zu Claudinen tritt.
Nein gewiß, du siehst ihn wieder:
Ach ich teile deine Schmerzen.
    Bei Seite, heimlich nach Rugantino sich umsehend.
Ach daß ich ihn gleich verliere!
Wenn ihm nur kein Leid's geschieht!

Rugantino zwischen beide hineintretend
Trauet nur! Er kommt euch wieder.
Ja, wir schaffen den Geliebten.
    Heimlich zu Lucinden.
Ach, ich bin im Paradiese,
Wenn dein Auge freundlich sieht.

    Zu drei, jedes für sich.

Claudine
Ach schon decken mich die Wogen!
Nein! Wer hilft – wer tröstet mich?

Rugantino
Nein, ich hab' mich nicht betrogen;
Ja, sie liebt – sie lebt für mich.

Lucinde
Ach! wie bin ich ihm gewogen;
Ach wie schön – Wie liebt er mich!

Indessen haben sich alle Bedienten bewaffnet im Hintergrunde versammelt.

Alonzo zu den Bedienten
Seid ihr zusammen? Seid ihr bereit?

Bediente
Alle zusammen, alle bereit.

Alonzo
Horcht den Befehlen, folget sogleich! –
    Auf Rugantino deutend.
Diesen, hier diesen nehmet gefangen.

Claudine und Lucinde
Himmel, was hör' ich?

Alonzo
                                Nehmt ihn gefangen.

Rugantino
Ha, welche Schändlichkeit wird hier begangen!
Haltet!

Alonzo zum Chor
          Gehorchet mir.

Rugantino                       Haltet!

Bediente zu Alonzo                   Gehorchen dir.
    Zu Rugantino.
Gib dich!

Rugantino zu Alonzo
              Verräter, nahmst mir die Waffen!
Sage, was hab' ich mit dir zu schaffen?
Sage, was soll das?

Alonzo zu den Bedienten   Greifet ihn an!

Rugantino
Haltet!
    Nach einer Pause.
          Ich gebe mich! Es ist getan.
    Für sich, indes die andern alle suspendiert stehn.
Noch ist ein Mittel, ich will es fassen!
Sie sollen beben und mich entlassen.
Gefangen? – Nimmer! Ich duld' es nie!
    Pause. Rugantino zieht einen Dolch hervor, faßt Claudinen bei der Hand, und setzt ihr den Dolch auf die Brust. (zu Alonzo.)
Entlaß mich! oder ich töte sie!

Alle außer Rugantino
Götter!

Rugantino zu Alonzo
Du siehst dein Blut
Aus diesem Busen rinnen.

    Zu drei.

Alonzo und Lucinde
Schreckliche Wut!
Fürchterliches Beginnen!

Claudine
Schone mein Blut!
Wirst du, was wirst du gewinnen?

Rugantino
Zurück! Zurück!

Alle außer Rugantino
Götter!

Alonzo. Claudine. Lucinde
Ach wer rettet, wer erbarmet
Sich der Not? Wer steht uns bei?

Rugantino
Du siehst dein Blut
Aus diesem Busen rinnen!

    Zu drei.

Alonzo und Lucinde
Schreckliche Wut!
Fürchterliches Beginnen!

Claudine
Schone mein Blut!
Wirst du, was wirst du gewinnen?

Rugantino
Zurück! Zurück!

Alle außer Rugantino
Götter!
Ach wer rettet, wer erbarmet
Sich der Not? wer steht uns bei?

Claudine
Laß ihn, Vater, laß ihn fliehen,
Wär' er auch schuldig; und mache mich frei.

Rugantino
Sprich ein Wort! Mir ist's gelungen!
Laß mich los, und sie ist frei.

Lucinde
Du so grausam? Du nicht edel?
Sei ein Mensch, und gib sie frei.

Alonzo
Ach, wozu bin ich gezwungen!
Nein! – Doch ja, ich laß' ihn frei.

Alle außer Rugantino
Ach wer rettet? Wer erbarmet
Sich der Not? Wer steht uns bei?

Rugantino zu Alonzo
Ja du rettest, du erbarmest
Dich dein selbst, und machst sie frei.

Alonzo
Verwegner!
Ja, gehe!
Entferne dich eilend,
Ja, fliehe nur fort.
Du hast mich gebunden,
Du hast überwunden,
Da hast du mein Wort!

Rugantino noch Claudinen haltend
Ja, ich traue deinem Worte,
Das du mir gewiß erfüllst;
Und versprich, daß zu der Pforte
Du mich selbst begleiten willst.

Alonzo
Traue, traue meinem Worte,
Wenn du auch dein Wort erfüllst;
Und ich führe dich zur Pforte,
Wenn du mir sie lassen willst.

Rugantino
Dies Versprechen, diese Worte
Sind ihr Leben, sind dein Glück.
    Zu Lucinden.
Bring' sogleich mir meine Waffen,
Bring', o Schöne, sie zurück.

Lucinde
Ach, ich weiß mich kaum zu finden,
Welch ein Unheil! Welches Glück!

Claudine zu Alonzo
Ach, ich kehr' zu deinen Armen
Aus der Hand des Tod's zurück.

Alonzo
Meine Liebe, deine Kühnheit
Ist dein Vorteil, ist dein Glück.

Alle
Diese Liebe, diese Kühnheit
Ist sein Vorteil, ist sein Glück.

Rugantino
Diese Liebe, diese Kühnheit
Ist mein Vorteil, ist mein Glück!

Alle
Ein grausames Wetter
Hat all' uns umzogen;
Es rollen die Donner,
Es brausen die Wogen;
Wir schweben in Sorge,
In Not und Gefahr.
Es treiben die Stürme
Bald hin uns, bald wieder;
Es schwanken die Füße,
Es beben die Glieder;
Es pochen die Herzen,
Es sträubt sich das Haar.

Indessen hat Lucinde die Waffen dem Rugantino zurückgegeben, Alonzo begleitet ihn hinaus, die Bedienten folgen und die Frauenzimmer gehen durch eine Seitentür ab.

 

Dritter Aufzug

Wohnung der Vagabunden im Gebirge.

Pedro allein
    Langsam weichen mir die Sterne,
    Langsam naht die Morgenstunde:
    Blicke mit dem Rosenmunde
    Mich, Aurora, freundlich an.
Wie sehnlich harr' ich auf das Licht des Tages!
Wie sehnlich auf den Boten, der mir Nachricht
Von Villa Bella schleunig bringen soll.
Ich bin bewacht von sonderbaren Leuten;
Sie scheinen wild und roh und guten Mut's.
Den einen hab' ich leicht bestechen können,
Daß er ein Briefchen der Geliebten bringe.
Nach seiner Rechnung könnt' er wieder hier
Schon eine Viertelstunde sein. Er kommt.

Vagabund tritt herein und gibt Pedro ein Billet.

Pedro
Du hast den Auftrag redlich ausgerichtet:
Ich seh's an diesem Blatt. O liebe Hand,
Die zitternd diesen Namen schrieb! Ich küsse
Dich tausendmal. Was wird sie sagen? Was?
    Er liest.
»Mit Angst und Zittern schreib' ich dir, Geliebter.
Wie sehr erschreckt mich deine Wunde! Niemand
Ist in dem Hause: denn mein Vater folgt
Mit allen Leuten deinen Feinden nach.
Wir Mädchen sind allein. Ach, alles wagt
Die Liebe! Gern möcht' ich mich zu dir wagen,
Um dich zu pflegen, zu befrein, Geliebter.
Zerrissen ist mein Herz; es heilet nur
In deiner Gegenwart. Was soll ich tun?
Es eilt der Bote; keinen Augenblick
Will er verweilen. Lebe wohl! Ich kann
Von diesem Blatt, ich kann von dir nicht scheiden.«
O süßes Herz! Wie dringt ein Morgenstrahl
In diesen öden Winkel der Gebirge!
Sie weiß nun wo ich bin; ihr Vater kommt
Nun bald zurück; man sendet Leute her,
Ich bleibe ruhig hier und wart' es ab.
    Zum Vagabund.
Du stehst, mein Freund, du wartest, ach verzeih!
Nimm deinen Lohn! Für Freude hab' ich dich
Und deinen Dienst vergessen. Hier! Entdecke
Mir, wer ihr seid, und wer der junge Mann
Am Wege war, der mich verwundete.
Ich lohne gut, und kann noch besser lohnen.
Ich höre Leute kommen. Laß uns gehen
Und insgeheim ein Wort zusammen sprechen.

Beide ab.

Basco mit seinen Vagabunden, welche Mantelsäcke und allerlei Gepäcke tragen.

Basco
    Herein mit den Sachen,
    Herein, nur herein!
    Das alles ist euer,
    Das alles ist mein.
    So haben die andern
    Gar treulich gesorgt;
    Wir haben es wieder
    Von ihnen geborgt.
    Wie sorglich gefaltet!
    Wie zierlich gesackt!
    Auf unsere Reise
    Zusammengepackt.
        Die Vagabunden wollen die Bündel eröffnen, Basco hält sie ab.
Nein, Freunde, lassen wir es noch zusammen,
Und geben uns nicht ab, hier auszukramen.
Wir machen sichrer gleich uns auf den Weg.
Ich kenne zwei, drei Orte, wo wir gut
Und sicher wohnen; dort verteilen wir
Die Beute, wie es Los und Glück bestimmt.
Laßt uns noch wenig Augenblicke warten,
Ob Rugantino sich nicht zeigen will.
Und kommt er nicht, so könnt ihr immer gehen;
Ich warte hier auf ihn, er komme nun
Mit einem Weibchen oder nur allein.
Wir müssen ihn nicht lassen; sind wir schon
Nicht immer gleicher Meinung, ist er doch
Ein braver Mann, den wir nicht missen können.

Pedro, der hereintritt
Was seh' ich! Meine Sachen! Welch Geschick!

Basco für sich
Was will uns Der? Beim Himmel! Don Rovero.
Wie kommt er hier herauf? Das gibt ein' Handel:
Nur gut, daß wir die Herrn zu Hause sind.

Pedro Wer ihr auch seid, so muß ich leider schließen,
Daß ihr die Männer seid, die mich beraubt.
Ich sehe dies Gepäck; es ist das meine,
Hier diese Bündel, diese Decken hier.

Basco Es kann wohl sein, daß es das eure war;
Doch jetzt, vergönnt es nur, gehört es uns.

Pedro Ich will mit euch nicht rechten, kann mit euch
Verwundet und allein nicht streiten. Besser
Für mich und euch, wir finden uns in Güte.

Basco Sagt eure Meinung an, ob sie gefällt.

Pedro Hier sind viel Sachen, die euch wenig nutzen,
Und die ich auf der Reise nötig brauche.
Laßt uns das Ganze schätzen, und ich zahle
Euch, wie und wo ihr wollt, die Summe. – Hier
Reich' ich die Hand, ich gebe Treu' und Wort:
Daß ich, was ich verspreche, pünktlich halte.

Basco Das läßt sich hören; nur ist hier der Platz
Zu der Verhandlung nicht; ihr müßt mit uns
Noch eine Meile gehn.

Pedro                               Warum denn das?

Basco Es ist nicht anders, und bequemt euch nur.

Pedro Zuvörderst sagt mir an: Es hing am Pferde
Von Leder eine Tasche, die allein
Mir etwas wert ist. Briefe, Dokumente
Führt' ich in ihr, die ihr nur gradezu
Ins Feuer werfen müßtet. Schafft mir sie;
Ich gebe dreißig Unzen, sie zu haben.

Basco zu den Seinen
Wo ist die Tasche? Gab ich sie nicht dir
Noch auf dem Wege zu den andern Sachen?
Wo ist sie?

Pedro               Daß sie nicht verloren wäre!

Basco Geht, eilt und sucht, sie nutzt dem jungen Mann,
Und bringt uns dreißig Unzen in den Beutel.

Rugantino mit der Brieftasche, welche er eröffnet hat, und die Papiere ansieht
Kaum trau' ich meinen Augen. Diese Briefe,
An meinen Bruder les' ich sie gerichtet.
Es kann nicht fehlen: denn wer nennt sich Pedro
Von Castellvecchio noch als er? Wie kann
Er in der Nähe sein? Ich bin bestürzt.

Pedro zu Basco
Da kommt er eben recht mit meiner Tasche.
Ist dieser von den Euern?

Basco                                   Ja, der beste,
Möcht' ich wohl sagen, wenn ich selbst nicht wäre.
    Laut.
Du fandest glücklich diese Tasche wieder;
Hier, diesem jungen Mann gehört sie zu.

Rugantino zu Pedro
Gehört sie dir?

Pedro                     Du hast in deinem Blick,
In deinem Wesen, was mein Herz zu dir
Eröffnen muß; ja ich gesteh' es dir:
Ich bin vom Hause Castellvecchio.

Rugantino                                         Du?

Pedro Der zweite Sohn. Doch still, ich sage dir,
Warum ich mich mit einem fremden Namen
Auf dieser Reise nennen lasse, gern.

Rugantino Ich will es gern vernehmen. Nimm die Tasche,
Und laß mich hier allein.

Pedro                                 O sage mir,
Wie komm' ich aus den Händen dieser Männer?

Rugantino Du sollst es bald erfahren. Laß mich nur.

    Pedro ab.

Rugantino zu Basco
Das sind die Sachen dieses Fremden?

Basco                                                       Ja.
Sie waren unser, und sie sind nun wieder
Auf leidliche Bedingung sein geworden.

Rugantino Schon gut, laß mich allein; ich rufe dir.

Basco Hier ist nicht lang' zu zaudern; fort! nur fort!
Ich fürchte sehr, der Fürst von Rocca Bruna
Schickt seine Garden aus, noch eh' es tagt.

Rugantino Noch eh' es tagt, sind wir gewiß davon.
    Allein.
Mein Bruder! Welch Geschick führt ihn hierher?
In diesen Augenblicken, da die Liebe
Mich jede Torheit, die ich je beging,
Bereuen läßt. Er scheint ein edler Mann;
Er wird mich gern erkennen, wird es leicht.
    Nach einigem Schweigen.
Ihr Zweifel! Weg! Laßt meiner Freude Raum,
Daß ich sie ganz, daß ich sie recht genieße.
    Gegen die Szene gekehrt.
Ich rufe dich, o Fremder, auf ein Wort.

Pedro, der auftritt
Sag' an, was du verlangst; ich höre gern.

Rugantino Mir war vor wenig Zeit ein junger Mann
Gar wohl bekannt, er lebte hier mit uns.
Gewöhnlich nannten wir ihn Rugantino,
Und zwar mit Recht; er war ein wilder Mensch;
Allein gewiß aus einem edeln Hause.
Und mir vertraut' er, denn wir lebten sehr
In Einigkeit, er sei von Castellvecchio,
Er sei der Älteste des Hauses, Carlos
Mit Namen! Solltest du sein Bruder sein?

Pedro O Himmel! welche Nachricht gibst du mir!
O schaff ihn her, und schaffe die Versichrung,
Daß er es sei; du sollst den schönsten Lohn
Von seinem Bruder haben: denn ich bin's.
Wie lange such' ich ihn! Der Vater starb,
Und ich besitze nun die Güter, die
Ich gern und willig mit ihm teile, wenn
Ich ihn an diesen Busen drücken, dann
Zurück zu unsern Freunden bringen mag.
Du stehst in dich gekehrt? O welch ein Licht
Scheint mir durch diese Nacht! O sieh mich an.
Wo ist er? Sage mir, wo ist er?

Carlos                                           Hier!
Ich bin's!

Pedro             Ist's möglich!

Carlos                                 Die Beweise geb'
Ich dir und die Gewißheit leicht genug.
Hier ist der Ring, den meine Mutter trug,
Die nur zu früh für ihren Carlos starb;
Hier ist ihr Bild.

Pedro                     Ihr Götter, ist's gewiß?

Carlos Ja, zweifle nur so lang', bis ich den letzten
Von deinen Zweifeln glücklich heben kann.
Ich habe dir Geschichten zu erzählen,
Die niemand weiß als du und ich; mir bleibt
Noch manches Zeugnis.

Pedro                                 Laß mich hören.

Carlos                                                         Komm!

    Sie gehen nach dem Grunde, und sprechen leise unter lebhaften Gebärden.

Basco Was haben die zusammen? Wie vertraut!
Ich fürchte fast, das nimmt ein böses Ende.
Die Leidenschaft des Toren zu Lucinden
War schon der lieben Freiheit sehr gefährlich.
Und wie man sonst ein theatralisch Werk
Mit Trauung oder Tod zu enden pflegt;
So, fürcht' ich, unser schwärmend lustig Leben
Wird sich mit einer schalen Ordnung schließen.
Ihr Herrn, was gibt's? Vergeßt ihr, daß der Tag
Zu grauen schon beginnt, und daß der Fürst
Die Räuber, den Beraubten mit einander,
Die Schwärmer, die Verliebten holen wird?

Carlos O teile meine Freude, fürchte nichts!
Dies ist mein Bruder.

Basco                             Hättest ihn schon lang',
Wenn du ihn suchen wollen, finden können.
Das ist ein rechtes Glück!

Carlos                                   Du sollst es teilen.

Basco Und wie?

Carlos               Ich werfe mich, von ihm geleitet,
Zu meines Königs Füßen; die Vergebung
Versagt er nicht, wenn sie mein Bruder bittet.
Lucinde wird die Meine. Du, mein Freund,
Sollst dann mit mir, wenn es der König fordert,
In seinem Dienste zeigen, was wir sind.

Basco Das Zeigen kenn' ich schon und auch den Dienst.
Nein, nein, lebt wohl! Ich scheide nun von euch.
Sagt an, wie ihr die Sachen lösen wollt?
Nur kurz; denn hier ist jedes Wort zu viel.

Pedro Eröffne diesen Mantelsack; du wirst
Hier an der Seite fünfzig Unzen finden.
Scheint dieses dir genug, daß du den Rest
Uns frei und ungepfändet lassen magst?

Basco, der indes den Mantelsack eröffnet und das Geld herausgenommen hat
Ich dächte, Herr, ihr legtet etwas zu.

Carlos Ich dächte, Herr, und ihr begnügtet euch.

Basco Gedenkt an euer Schätzchen! Dieser Mann
Hat es mit mir zu tun.

Pedro einen Beutel aus der Tasche ziehend
                                In diesem Beutel
Sind ferner zwanzig Unzen. Ist's genug?

Carlos Es muß und soll! Es ist, bei Gott, zu viel.

Basco
Nun, nun, es sei! Lebt wohl, ihr Herrn! Lebt wohl!
Leb' wohl, Freund Rugantino! Dich zu lassen,
Verdroß' mich sehr; du bist ein wackrer Mann,
Wenn dich die Liebe nicht zu ihrem Sklaven
Schnell umgemeistert hätte. Fahre wohl.
Ich geh', mit freien Leuten Freiheit finden.

Carlos Leb' wohl, du alter Trotzkopf! Denke mein.

    Basco gebt mit seinen Vagabunden ab, zu den übrigen, die bleiben, spricht

Carlos Ihr folgt uns beiden; wir versprechen euch
Vergebung, Sicherheit; an Unterhalt
Soll's auch nicht fehlen. Traget diese Sachen,
Und eilet nur auf Villa Bella zu.

Pedro Ihr Freunde, laßt uns eilen: denn mir selbst
Ist viel daran gelegen, daß uns nicht
Der Fürst von Rocca Bruna fangen lasse.
Geschwind nach Villa Bella! Kommt nur, kommt.

 

Wald und Dämmerung.

Claudine
    Ich habe Lucinden,
    Die Freundin, verloren.
    Ach, hat es mir Armen
    Das Schicksal geschworen?
    Lucinde, wo bist du?
    Lucinde! Lucinde!
    Wie still sind die Gründe,
    Wie öde, wie bang'!

    Ach, hat es mir Armen
    Das Schicksal geschworen?
    Ich ruf um Erbarmen,
    Ihr Götter, um Gnade!
    Wer zeigt mir die Pfade?
    Wer zeigt mir den Gang?

        Sie geht nach dem Grunde.

Basco mit den Seinigen
Ihr kennt das Schloß, wo wir in Sicherheit
Auf eine Weile bleiben können; so
Versprach's der Pachter, und er hält's gewiß.
Tragt diese Sachen hin; ich gehe nur
Nach einer guten Freundin, die vom Wege
Nicht ferne wohnt, zu sehn. Am frischen Morgen
Hat Amor mir die Leber angezündet,
Als er mit seiner Mutter aus dem Meere,
Die über jenen Bergen leuchtet, stieg.
Ich folge bald; es wird ein froher Tag.
    Die Vagabunden gehen; er erblickt Claudinen.
Was seh' ich dort? Wird mir ein Morgentraum
Vors Aug' geführt? Ein Mädchen ist's gewiß:
Ein schönes zartes Bildchen. Laßt uns sehen,
Ob es wohl greifbar und genießbar ist?
Mein Kind!

Claudine         Mein Herr! Seid ihr ein edler Mann,
So zeiget mir den Weg nach einer Wohnung;
Sie kann nicht weit hier im Gebirge liegen.
Es ward ein junger Mann verwundet; er
Ward hier herauf gebracht. Wißt ihr davon?

Basco Ich hab' an eignen Sachen g'nug zu tun,
Und kümmre mich um nichts, was andre treiben.

Claudine Dort seh' ich eine Wohnung; ist's die eure?

Basco Die meine nicht; sie steht nicht weit von hier
Um diese Felsen. Kommt! Noch schläft mein Weib;
Sie wird euch gut empfangen, und ich frage
Bald den Verwund'ten aus, nach dem ihr bangt.

    Da er im Begriff ist sie wegzuführen, kommen Carlos, Pedro.

Carlos Nur diesen Pfad! Er geht ganz grad' hinab.

Pedro Was sieht mein Auge! Götter, ist's Claudine!

Claudine Ich bin es, teurer Freund.

Pedro                                           Wie kommst du her?
O Himmel! Du, hierher!

Claudine                             Die Sorge trieb
Mich aus dem Schlosse, dich zu suchen. Niemand
War in dem Hause mehr! Der alte Pförtner
Allein verwahrt' es; alle folgten schnell
Dem Vater, der nach deinen Räubern jagt.

Pedro Ich fasse mich und meine Freude nicht.

Carlos Mein wertes Fräulein!

Claudine                             Muß ich euch erblicken!

Pedro Daß ich dich habe!

Claudine                         Daß ich zeigen kann,
Wie ich dich liebe.

Pedro                         Himmel, welch ein Glück!

Claudine O geht und sucht! Lucinde kam mit mir;
Ich habe sie verloren.

Carlos                             Wie, Lucinde?

Claudine Sie irrt in Männertracht, nicht weit von hier,
Auf diesen Pfaden. Mutig legte sie
Ein Wämschen an; es ziert ein Federhut,
Es schützt ein Degen sie. O geht und sucht.

Carlos Ich fliege fort! Ihr Götter, welch ein Glück!

Pedro Wir warten hier, daß wir euch nicht verfehlen.

    Carlos ab.

Basco für sich
Ich gehe nach, und fällt sie mir zuerst
In meine starke Hände; soll sie nicht
So leicht entschlüpfen. Eine muß ich haben;
Es gehe wie es wolle. Nur geschwind! ab.

Claudine Ich fürchte für Lucinden! Jener Mann,
Der nach ihr ging, hat unser Haus mit Schrecken
Und Sorgen diese Nacht gefüllt. Wer ist's?

Pedro Was dir unglaublich scheinen wird; mich ließ
In ihm das Glück den Bruder Carlos finden.

Claudine Es drängt ein Abenteuer sich aufs andre.

Pedro Der wilden Nacht folgt ein erwünschter Tag.

Claudine Und deine Wunde? Götter! Freud' und Dank!
Ist nicht gefährlich?

Pedro                           Nein, Geliebte! Nein!
Und deine Gegenwart nimmt alle Schmerzen
Mir aus den Gliedern; jede Sorge flieht.
Du bist auf ewig mein.

Claudine                           Es kommt der Tag!

Pedro An diesem Baum erkenn' ich's; ja wir sind
Auf deines Vaters Grund und Boden; hier
Ist von den Garden nichts zu fürchten, die
Der Fürst von Rocca Bruna streifen läßt.

Claudine O Himmel, welch Gefühl ergreift mich nun,
Da sich die Nacht von Berg' und Tälern hebt!
Bin ich es selbst? Bin ich hierher gekommen?
Es weicht die Finsternis; die Binde fällt,
Die mir ums Haupt der kleine Gott geschlungen;
Ich sehe mich, und ich erschrecke nun
Mich hier zu sehn. Was hab' ich unternommen?

    Mich umfängt ein banger Schauer,
    Mich umgeben Qual und Trauer;
    Welchen Schritt hab' ich getan!

Pedro
    Laß, Geliebte, laß die Trauer!
    Dieses Bangen, diese Schauer
    Deuten Lieb' und Glück dir an.

Claudine
    Kann ich vor dem Vater stehen?

Pedro
    Laß uns nur zusammen gehen.

Beide
    Ja, es bricht der Tag heran.

Claudine
    Ach, wo verberg' ich mich
    Tief in den Bergen?

Pedro
    Hier in dem Busen dich
    Magst du verbergen.

Claudine
    Ja dir, o Grausamer,
    Dank' ich die Qual.

Pedro
    Ich bin ein Glücklicher
    Endlich einmal.
    Fasse fasse dich, Geliebte,
    Ja bedenke, daß die Liebe
    Alle deine Qualen heilt.

Claudine
    Es ermannt sich die Betrübte,
    Höret auf das Wort der Liebe;
    Ja schon fühl' ich mich geheilt.

Beide
    Nun geschwind, in diesen Gründen
    Unsre Freundin aufzufinden,
    Die uns nur zu lang' verweilt.
    Sei gegrüßet, neue Sonne,
    Sei ein Zeuge dieser Wonne!
    Sei ein Zeuge, wie die Liebe
    Alle bange Qualen heilt.

        ab.

 

Felsen und Gebüsch.

Lucinde in Mannskleidern. Voraus Basco, beide mit bloßen Degen.

Lucinde
Lege, Verräter, nieder die Waffen!
Hier zu den Füßen lege sie mir.

Basco weichend
Junker, wo anders mach' dir zu schaffen.
    Für sich.
Liebliches Vögelchen, hab' ich dich hier?

Lucinde
Wandrern zu drohen wagst du verwegen;
Doch wie ein Bübchen
Fliehst du den Streit.

Basco der sich stellt
Zwischen den Fingern brennt mich der Degen;
Wir sind, o Liebchen,
Noch nicht so weit.

    Sie fechten. Lucinde wird entwaffnet und steht in sich gekehrt und bestürzt da.

Basco
Sieh, wir wissen Rat zu schaffen,
Haben Mut und haben Glück.

Lucinde
Ohne Freund und ohne Waffen,
Armes Mädchen, welch Geschick!

Basco
    Sieh, wir wissen
    Rat zu schaffen.
    Laß dich küssen.
    Seht den Affen! –
    Welch Entsetzen,
    Welch ein Blick!

Lucinde
    Möcht' ich wissen
    Rat zu schaffen.
    Ach, zu missen
    Meine Waffen,
    Welch Entsetzen,
    Welch Geschick!

Carlos tritt eilig auf
Hab' ich, o Engel, dich wieder gefunden!
Ich bin ein glücklicher Sterblicher heut.

Lucinde
Seltenes Schicksal! Gefährliche Stunden!
Hat mich vom Wilden der Wilde befreit?

 

    Pedro und Claudine.

Claudine Hast du sie glücklich hier wieder gefunden?
Alles gelinget den Glücklichen heut.

Pedro Kaum ist der Bruder mir wieder gefunden,
Ist ihm auch eine Geliebte nicht weit.

    Pantomime, wodurch sie sich unter einander erklären; indessen singt

Basco Hat sich das Völkchen zusammen gefunden?
Friede mißlingt, es mißlingt mir der Streit.

Claudine. Pedro. Lucinde. Carlos
Weilet, o weilet, ihr selige Stunden!
Eilet, o eilet, verbindet uns heut.

Basco mit ihnen bei Seite
Weilet nicht länger, verdrießliche Stunden!
Eil' ich und eil' ich und trage mich weit.

 

Die Garden des Fürsten Rocca Bruna.

Der Anführer
Eilet euch umher zu stellen!
Hier, hier find' ich die Gesellen;
Haben wir die Schelmen nun!

Die Garden indem sie anschlagen
Wage keiner der Gesellen
Hier zur Wehre sich zu stellen;
Schon gefangen seid ihr nun.

Die übrigen Personen
Hier auf fremdem Grund und Boden
Habt ihr Herren nichts zu tun.

Der Anführer
Denkt ihr wieder nur zu flüchten?
Nein, ihr Frevler, nein mit nichten!
Denn der Fürst von Rocca Bruna,
Und der Herr von Villa Bella,
Beide sind nun einig worden,
Beide Herren wollen so.
Die übrigen Personen
Weh o Weh! Was ist geworden!
Weh o Weh! Wer hilft uns flüchten!
Nimmer werd' ich wieder froh.

Da sie den Alonzo kommen sehen, treten sie mit bestürzter Gebärde nach dem Grunde des Theaters. Die Garden stellen sich an die Seiten, der Anführer tritt hervor.

Alonzo mit Gefolge, alle bewaffnet
Habt ihr, Freunde, sie gefangen?
Brav, das war ein gutes Stück!

Der Anführer
Sie zusammen hier gefangen;
Wohl, es war ein gutes Glück!

Carlos, Lucinde, die den Hut in die Augen drückt, und Basco treten vor Alonzo.
Werter Herr, laßt euch erweichen!
Lasset, lasset uns davon.

Alonzo
O von allen euern Streichen
Kennen wir die Pröbchen schon.

    Jene drei Personen treten zurück, Pedro kommt hervor.

Pedro
Lieber Vater, darf sich zeigen
Euer Freund und euer Sohn?

Alonzo nach einer Pause
Ach, die Freude macht mich schweigen.
    Ihn umarmend.
Lieber Freund und lieber Sohn.

Carlos. Lucinde. Basco Die eilig nach einander hervorkommen, indes Claudine auf einem Felsen im Grunde in Ohnmacht liegt.
Ach Hülf' und Hülfe!
Sie liegt in Ohnmacht;
Was ist geschehn!

    Sie kehren eilig wieder um.

Pedro
Ach helfet, helfet!
Sie liegt in Ohnmacht;
Was ist geschehn!
    Er eilt nach dem Grunde.

Alonzo
Wem ist zu helfen?
Wer liegt in Ohnmacht? –
Was muß ich sehn?

    Indessen hat sich Claudine erholt; sie wird langsam hervorgeführt.

Claudine Ja du siehst, du siehst Claudinen:
Willst du noch dein Kind erkennen,
Das sich hier verloren gibt?

Alonzo
Kind erheitre deine Mienen!
Laß dich meine Liebe nennen!
Sage, saget, was es gibt.

Lucinde die sich entdeckt
Ja, ich muß mich schuldig nennen;
Ich bestärkte selbst Claudinen,
Den zu suchen den sie liebt.

Pedro
Ja, ich darf mich glücklich nennen!
Kann ich, kann ich es verdienen?
Du verzeihst uns, wie sie liebt.

Carlos
Laß, o Herr, mich auch erkühnen
Carlos mich vor dir zu nennen,
Der Lucinden heftig liebt.

Basco für sich
Könnt' ich irgend mir verdienen,
Von dem Volke mich zu trennen,
Das mir lange Weile gibt.

Diese ganze Entwicklung, welche die Poesie nur kurz andeuten darf und die Musik weiter ausführt, wird durch das Spiel der Akteurs erst lebendig. Alonzos Erstaunen, und wie er nach und nach, von den Umständen unterrichtet, sich faßt, erst von Verwundrung zu Verwundrung, endlich zur Ruhe übergeht, die Zärtlichkeit Pedros und Claudinens, die lebhaftere Leidenschaft Carlos und Lucindens, welche sich nicht mehr zurückhält, die Gebärden Pedros, der seinen Bruder dem Alonzo vorstellt, der Verdruß Bascos nicht von der Stelle zu dürfen: alles werden die Schauspieler lebhaft, angemessen und übereinstimmend ausdrücken und durch eine studierte Pantomime den musikalischen Vortrag beleben.

Alonzo zu den Garden
    Diese Gefangenen
    Geben sich willig.
    Es ist ein Irrtum
    Heute geschehen.
    Dies ist mein Boden:
    Alle sie führ' ich
    Eilig nach Hause.
    Grüßet den Fürsten,
    Ich wart' ihm auf.

        Die Garden entfernen sich.

Alle
Welch ein Glück und welche Wonne!
Nach den Stürmen bringt die Sonne
Uns den schönsten Tag heran.
Und es tragen Freud' und Wonne
Unsre Seelen himmelan.

 


 








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