Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Hermann Harry Schmitz >

Circulus vitiosus

Hermann Harry Schmitz: Circulus vitiosus - Kapitel 1
Quellenangabe
typenarrative
booktitleDer Ästhet und andere Tragikomödien (Sämtliche Werke Band III)
authorHermann Harry Schmitz
year1988
publisherHaffmans Verlag
addressZürich
isbn3-251-20058-5
titleCirculus vitiosus
pages34-47
created19990518
sendergerd.bouillon@t-online.de
Schließen

Navigation:

Hermann Harry Schmitz

Circulus vitiosus

Der Fall des Kassenboten Charley P. M. Reefkoke von der Splay Mouthed Bank in New York war eine Sensation ersten Ranges. In Aufregung war zumal die wissenschaftliche Welt. Wochenlang konnte man keine Zeitung zur Hand nehmen, ohne auf konstatierende, bezweifelnde, ablehnende, zustimmende, widersprechende Auslassungen von Autoritäten aus den verschiedenen Lagern zu stoßen, die sich mit der höchst seltsamen Angelegenheit beschäftigten. Denn anfangs eine rein medizinische Frage, griff sie, wie man sehr bald merken sollte, auf okkultistische, transzendentale, metaphysische Gebiete über. Zum Schluß hatte sie einen Monsterprozeß zur Folge, dergleichen er bis dato noch bei keinem Gerichtshof Amerikas anhängig gewesen war.

Aber ich will chronologisch die Entwickelung der Dinge berichten.

Gelegentlich der großen Typhus-Epidemie im Sommer des Jahres 1908, die besonders unter der ärmeren Bevölkerung von New York verheerend wütete, tauchte im Five-Points-Stadtteil, in dem engen, verrufenen Gassengewirr des Chinesenviertels, der indische Yogi Kapoloïh Sentama Verdrûch tès Rôg Elsche auf, der durch seine außergewöhnlichen Heilungen von Typhuskranken die Aufmerksamkeit der amtlichen ärztlichen Stellen auf sich zog.

Lediglich durch Anhauchen des Kranken und Murmeln einiger unverständlicher Worte bewirkte der Inder eine sofortige vollständige Heilung.

Wenn die Ärzte den Erfolgen Kapoloïh Sentamas bei seiner Behandlung des Typhus' ausgesprochen skeptisch gegenübergestanden hatten, so mußten sie sich angesichts des verblüffenden, um nicht zu sagen: umwerfenden Falles des Kassenboten Charley P. M. Reefkoke den Tatsachen beugen.

Vor einer Versammlung der namhaftesten Gelehrten der Welt im College of Physicians and Surgeons der Columbia University, unter strengster Kontrolle der Behörden, waren dem Kassenboten Reefkoke, der bei dem gräßlichen Unglück der New Yorker Hochbahn vor einigen Jahren beide Beine verloren hatte, lediglich durch Anblasen der Stümpfe seitens des Inders binnen zehn Minuten vor aller Augen zwei neue Beine gewachsen.

Eine sofort vorgenommene, peinlich genaue funktionelle und Röntgen-Untersuchung ergab, daß man es tatsächlich mit normalen, organischen Gliedmaßen zu tun hatte.

Ein wissenschaftliches Novum: Das Nachwachsen von amputierten Gliedern, das bisher nur bei Krebsen und Fröschen beobachtet worden war, war nun auch beim Menschen als möglich erwiesen. Auffallenderweise freilich hatte der Kassenbote, der früher stark ausgeprägte X-Beine gehabt hatte, nunmehr Beine mit erheblicher O-Tendenz.

Auf alle Fragen der medizinischen Kapazitäten, die den Inder bestürmten, antwortete dieser mit den ruhigen, aber niemandem unter den Anwesenden verständlichen Worten: »Haês Dêmgè Sinne!«

Zur nämlichen Zeit, als sich solches in der Columbia University ereignete, fuhr der Postbote John Harry F. Mincerkees mit der elektrischen Untergrundbahn von seiner Wohnung in der 86th Street zum Hauptpostamt City Hall Park. In die Ecke zurückgelehnt, die Beine übereinandergeschlagen, las er seine Zeitung, als plötzlich der Schuh des übergeschlagenen Beines polternd zu Boden fiel. Zu seinem Entsetzen bemerkte er, daß seine Beine mählich und mählich verschwanden. Zehn Minuten später hingen die Hosenbeine leer und schlaff von der Bank hinab, und im Wagen vor ihm lagen zwei leere Schuhe. Von seinen Beinen waren lediglich zwei kurze Stümpfe geblieben.

John Harry F. Mincerkees war ein Mann von außergewöhnlicher Geistesgegenwart.

Welche Ursache auch diese schauerliche Erscheinung bewirkt haben mochte, auf jeden Fall war die Untergrund-Bahngesellschaft für jede Beschädigung ihrer Passagiere haftbar. Sofort ersuchte Mincerkees den Kontrolleur des Zuges, vor allem den Tatbestand und die Namen der Zeugen protokollarisch festzustellen, ihn dann an der nächsten Station abzusetzen und für Herbeischaffung eines Arztes bemüht zu sein.

Verschiedene Fälle von erfolgreichen Versuchen betrügerischer Haftbarmachung der Bahngesellschaft in letzter Zeit (die Gesellschaft bezahlte bereits pro Jahr etwa zwei Millionen Dollar Unfallrenten) hatten die Direktion veranlaßt, ihre Angestellten dahin zu instruieren, daß sie bei Unglücksfällen von Passagieren der Untergrundbahn sich absolut passiv zu verhalten und die Betroffenen an die Gerichte zu verweisen hätten. Fiel dann die gerichtliche Entscheidung zuungunsten der Gesellschaft aus, so beugte man sich dem Gerichtsbeschluß. Dieses Prinzip hatte sich mit Rücksicht auf die Eigenart der amerikanischen Rechtsverhältnisse bisher für die Bahn als äußerst vorteilhaft erwiesen.

Eingedenk dieser Vorschrift lehnte es daher der Kontrolleur strikte ab, dem Wunsch des unglücklichen Postbeamten zu entsprechen, präsentierte ihm vielmehr, da die bezahlte Strecke inzwischen abgefahren war, ein neues Billett.

Kurz und gut, die Sache wurde überaus kompliziert.

Die Bahngesellschaft stellte sich auf den Standpunkt: Uns geht die Sache nichts an. Mincerkees ist ohne unser Zutun in den Wagen gestiegen, mag er sehen, wie er ihn wieder verläßt, durch irgendeine Hilfeleistung würden wir einen Präzedenzfall schaffen, der später einmal gegen uns angewandt werden könnte.

Mincerkees machte die Gesellschaft für alles verantwortlich und tat seinerseits nichts, um aus dem Wagen hinauszukommen. So fuhr er Tag für Tag auf und ab, von der Brooklyn Bridge bis zum Bronx Park. Die Mahlzeiten ließ er sich von seiner Frau im Henkelmann (so nennt man in Amerika die Speiseträger) in den Wagen reichen; er schlief im Wagen, der nachts im Depotschuppen eingestellt wurde.

Von einer der ersten Rechtsanwaltsfirmen New Yorks, Brewster and Gangster, die sich den interessanten Fall nicht entgehen lassen wollte und sich ihm angeboten hatte, ließ er die Klage gegen die Untergrundbahn erheben. Diese wiederum verklagte ihn auf Zahlung von je 5 Cents pro abgefahrene Strecke und je 2 Dollar pro Nacht.

Eine neue Flut von aufgeregten Erörterungen ging durch die amerikanische Presse, die Tageszeitungen und wissenschaftlichen Blätter, als bekannt wurde, auf welche Art und Weise der Postbeamte Mincerkees seine Beine verloren hatte. Es lag nahe, die beiden mysteriösen Fälle, den des Postbeamten Mincerkees und den des Kassenboten Reefkoke, miteinander in Verbindung zu bringen. Tatsächlich ergab eine genaue Untersuchung der so märchenhaft gesproßten Beine auf das evidenteste, daß sie mit den abhanden gekommenen des Postbeamten identisch waren. An der ausgeprägten O-Form und einem charakteristischen Hühnerauge auf dem linken kleinen Zeh erkannten die Freunde und Familienangehörigen von Mincerkees, die Brewster and Gangster bei der Inaugenscheinnahme der strittigen Gliedmaßen zugezogen hatten, seine Beine unzweifelhaft wieder.

Brewster and Gangster hätten gegen Reefkoke auf Herausgabe der nicht ihm gehörigen Beine klagen können. Aber angenommen, sie erzielten ein obsiegendes Urteil, mit amputierten Beinen war weder Mincerkees noch ihnen, Brewster and Gangster, gedient.

Nein, der Weg war nicht gangbar. In Frage kam allein die geldliche Entschädigung, und mit diesseitigen, das heißt: menschlichen und juristischen Mitteln beweisbar war ausschließlich das eine: Daß Mr. Mincerkees, als er an jenem Tage die elektrische Untergrundbahn bestieg, noch im Besitze seiner Beine sich befand und daß er sie während der Fahrt auf der elektrischen Untergrundbahn verlor. Brewster and Gangster beließen es also bei dem von der Untergrundbahn geforderten Schadensersatz und trugen der neuerlichen Sachlage nur insofern Rechnung, als sie die ursprüngliche Schadensersatzsumme von 300 000 Dollar auf 500 000 Dollar erhöhten.

Gegen den Yogi Kapoloïh Sentama als den eigentlichen Urheber dieser verwickelten Geschichte gerichtlich vorzugehen, wäre übrigens, selbst wenn man eine konkrete Handhabe gehabt hätte, gegenstandslos geworden. Denn seit dem Tage in der Columbia University hatte ihn niemand mehr gesehen. Er war und blieb spurlos verschwunden.

Daß die Untergrundbahn nicht kampflos eine halbe Million Dollar herausrückte, war natürlich. Dutzendweise ließ sie die Sachverständigen aufmarschieren. Immer wieder wußte sie die Vertagung der Sache durchzusetzen. Termin folgte auf Termin. Fieberhaft suchten unterdessen ihre Agenten nach dem Yogi Kapoloïh Sentama. Sie sagte sich, wie er dem Kassenboten Reefkoke zwei Beine besorgte, würde er auch dem Postbeamten Mincerkees diesen Liebesdienst erweisen können. Mochte es wieder einen anderen die Beine kosten. Der Präsident der Underground war ein smarter Geschäftsmann.

Aber, wie bemerkt, es war, als habe den Yogi die Erde verschluckt.

Da, am 8. April 1909, lief im Zentralbureau der New Yorker Untergrundbahn ein Schreiben ein, das man zunächst einmal als einen Ulk aufzufassen geneigt war.

Er habe gehört, ließ sich der Briefschreiber vernehmen, daß der Vorgang auf der Untergrundbahn, dessen Opfer der Postbeamte Mincerkees wurde, durch einen glücklichen Zufall gefilmt worden sei. Wenn man ihm diesen Film zur Verfügung stelle, wolle er mittelst eines neuartigen Verfahrens versuchen, Mr. Mincerkees seine Beine wiederzubeschaffen. Unterzeichnet war der Brief von einem gewissen Thomas Alva Edison. –

Wirklich, die Untergrundbahn hatte einen Reklamefilm auf ihren Hauptstrecken drehen lassen, und dabei war, merkwürdig genug, das leidige Malheur, das Mincerkees traf, mitaufgenommen worden. Deutlich war auf dem Film zu sehen, wie der Schuh des übergeschlagenen Beines niederfiel, wie, klar erkennbar, die Strümpfe und die Hosen inhaltlos wurden und im Gesicht des Mannes sich das Entsetzen malte. Von einem glücklichen Zufall sprach dieser Erfinder Edison, aber wer weiß, vielleicht war es auch ein bißchen mehr.

Aus einer Art Galgenhumor heraus sandte man ihm den Film.

Und das nie und nimmer für möglich Gehaltene, das Umstürzende wurde Ereignis.

In Edisons Laboratorium geschah es, wo der Präsident der New Yorker Untergrundbahn und seine Direktoren ihren Film laufen sahen, rückwärts und in Zeitlupe. Völlig zerschmettert von dem Ungeheuerlichen, das über ihn gekommen war, sahen sie den Postbeamten Mincerkees in dem Untergrundbahnwagen sitzen, langsam füllten sich die Strümpfe. Der eine Schuh, der auf dem Boden lag, schwebte empor. Mr. Mincerkees zeigte das Gesicht eines Mannes, der nach einem guten Frühstück wohlgemut zur Arbeit fährt – –

»Und?« fragte Präsident Cuddle, von dem Gefühl beherrscht, gefoppt zu werden.

Edison hatte Erklärungen gegeben, einer chemischen Lösung Erwähnung getan, mit der Filmstreifen und weiße Wand bestrichen waren und die sich mit der Projektion verflüchtigen mußte, sich über Strahlungsgesetze, biologische Grundstoffe und Einmaligkeit eines jeden Menschen verbreitet. Von alldem hatten die Herren von der Untergrundbahn jedoch wenig begriffen, und so schauten sie sich einigermaßen komisch berührt an, als der Film zu Ende, Mr. Mincerkees, im Film, wieder komplett war.

»Also, was soll nun der verdammte Unsinn?« knurrte, deutlicher werdend, Präsident Cuddle.

»Die Gentlemen haben sich die Zeit gemerkt«, sagte Edison lakonisch. »Von elf Uhr dreißig bis elf Uhr vierzig. innerhalb dieser zehn Minuten dürfte Mr. Mincerkees seine Beine zurückerhalten haben. Good bye, gentlemen!«

Noch lachend über den Scherz, auf den sie offenbar hereingefallen waren, stiegen die Herren von der Untergrundbahn in ihre Autos.

Aber Thomas Alva Edison sollte nicht zuviel gesagt haben. Brewster and Gangster mußten einräumen, daß ihrem Mandanten Mincerkees in rätselhafter Schnelle die Beine nachgewachsen waren. O-Beine mit einem blühenden Hühnerauge auf dem linken kleinen Zeh, und daß er sogar schon wieder Dienst tat. Was sie verschwiegen, war, daß sie vergebens versucht hatten, Mr. Mincerkees zum Verzicht auf seine neuen Beine zu bewegen, mit anderen Worten, die sicher zu erwartende stattliche Entschädigung vorzuziehen. Wohl oder übel sahen sie sich genötigt, den eingeklagten Schadensersatz auf hunderttausend Dollar zu ermäßigen. Es kam zu einem Vergleich, dem zufolge die Untergrundbahn sechzigtausend Dollar zahlte, und davon empfing Mr. Mincerkees seinen Anteil: zwanzigtausend.

Am 12. Mai hatte die Filmvorführung im Laboratorium Edisons stattgefunden und war Mr. Mincerkees in den Besitz seiner Beine zurückgelangt. Am 14. Mai waren von der Underground die sechzigtausend Dollar an Brewster and Gangster überwiesen worden. Einen Tag später, am 15. Mai, wurde das Gesicht des Präsidenten Cuddle bei der Lektüre eines soeben eingegangenen Schriftstückes beträchtlich lang. Schrieb da doch James J. H. van Proometaat, ein New Yorker Anwalt holländischer Abstammung, daß er von dem Kassenboten Charley P. M. Reefkoke mit der Vertretung seiner Interessen beauftragt worden sei. Und zwar handle es sich um folgendes: Am 12. Mai, vormittags zwischen elf und zwölf Uhr, sei besagter Charley P. M. Reefkoke, gerade als er im Begriffe war, auf dem Broadway einen Wechsel zu kassieren, binnen weniger Minuten der ihm dank den Bemühungen des Yogis Kapoloïh Sentama zugewachsenen Beine wieder verlustig gegangen. Die Beule, die er zu Boden schlagend sich zugezogen habe, wolle nicht allzuviel besagen, für den Verlust der Beine aber sei die Untergrundbahn haftbar zu machen. Denn seine Ursache könne er nur in dem Experiment haben, das Thomas Alva Edison im Auftrage der Untergrundbahn um jene Stunde vorgenommen habe und über das von den Zeitungen detailliert berichtet worden sei. Er, James J. H. van Proometaat, bezifferte Mr. Reefkokes Anspruch auf achthunderttausend Dollar.

Edison, den Präsident Cuddle sofort anrief, bedauerte – der Verlust dieser Beine war nicht verfilmt, und ohne Film war nichts zu machen.

Wo war Kapoloïh Sentama?

Damals, Mai 1909, begannen die ersten amerikanischen Millionäre sich von einem Filmoperateur begleiten zu lassen, sobald sie sich der Eisenbahn oder dem Auto anvertrauten. Ende des Jahres kamen bereits Autos mit eingebauten, automatisch arbeitenden Kameras auf den Markt und hatte Edison schon eine Aktiengesellschaft gegründet, deren Spezialität es war, mit der Eisenbahn oder dem Auto Verunglückte auf Grund vorhandener Filme wieder zusammenzuflicken. Freilich, gänzlich Toten gegenüber war auch mit ihrem Patent nichts anzufangen. »Aber was nicht ist, kann ja noch werden«, äußerte Edison, von einem Reporter interviewt.

Am 1. Juni desselben Jahres 1909 ritt zur Propagierung seines Auftretens im Apollo-Theater auf einem fürstlich aufgezäumten Elefanten der indische Gaukler Ba Sélémanes' dol Achsdéd échka putt durch die belebtesten Straßen der Stadt Düsseldorf. Der Elefant trug auf der Stirn einen faustgroßen, wundervoll geschliffenen Smaragd, und auch der Turban des Gauklers war grün. Radié-schèn hieß der mächtige Dickhäuter, was auf deutsch soviel wie »Würzelchen« bedeutet. Auf offener Bühne pflegte ihn sein Herr verschwinden zu lassen.

Als Jupp Kirschkamp, Generalvertreter der Zahnbürstenfabrik Kalscheuren, dem phantastischen Aufzug auf der Königsallee begegnete, stutzte er. Das Gesicht des Gauklers kam ihm bekannt vor, trotz heftigen Kopfzerbrechens wußte er jedoch nicht, wohin mit ihm. Wäre er jetzt nicht vom Frühschoppen gekommen und hätte er damals in New York, gelegentlich seines der Organisation des Zahnbürstenabsatzes in den Vereinigten Staaten gewidmeten Aufenthalts, nicht so viel drinks genossen, würde er unschwer den Yogi Kapoloïh Sentama wiedererkannt haben, dessen Bild ihn aus Dutzenden von Zeitungsnummern angestarrt hatte.

Der Umzug des Gauklers mußte um so mehr Aufsehen erregen, als am Morgen in den Düsseldorfer Blättern eine Großanzeige erschienen war, laut welcher er gegen eine Entschädigung von hunderttausend Mark ein Medium suchte, das sich ihm für das Experiment einer hypnotischen Einschläferung auf die Dauer eines Jahres zur Verfügung stellte.

»Hat gut hunderttausend Mark bieten!« meinten die Leute. »Wer wird sich schon ein Jahr lang einschläfern lassen!«

Indes, es fand sich jemand: Gabriel Mesopotam Stockhieb, ein junger Mann, der gerade eine herbe Enttäuschung in der Liebe erfahren hatte und nicht mehr leben, aber auch nicht gleich sterben wollte und so eine einjährige Einschläferung als goldenen Mittelweg ansah. Die hunderttausend Mark spielten dabei natürlich ebenfalls eine Rolle, allerdings insofern nur, als Betty Pachulke, die Ungetreue, nicht einen Pfennig davon mitbekommen und daher vor Ärger die Gelbsucht kriegen würde.

Am 16. Juni, einen Tag nach dem letzten Auftreten Ba Sélémanes' im Apollo-Theater, ging der Akt in dem geräumigen Atelier eines Schlachtenmalers vor sich, Vertreter der Wissenschaften, der Presse und der Behörden waren geladen und zur Stelle. Ein Dolmetscher übersetzte Ba Sélémanes' indische Ansprache ins Deutsche, desgleichen die Versicherung, die Ba Sélémanes dem nun doch etwas ängstlich gewordenen Stockhieb gab: Daß ihn zwar ein dringendes Telegramm nach New York rufe, er aber am 16. Juni 1910 pünktlich eintreffen und ihn erlösen werde. Nebenbei bemerkt, sei er, Gabriel Mesopotam Stockhieb, während des Schlafes gegen jegliche Krankheit gefeit. Nachmittags gegen fünf Uhr wurde Stockhieb in todähnlichem Zustand aus dem Atelier des Schlachtenmalers unter Begleitung Ba Sélémanes' in seine Wohnung gebracht und dort angekleidet, wie er war, in sein Bett gelegt. Zimmertür und Fenster wurden in Gegenwart eines Notars versiegelt.

Noch am Abend fuhr Ba Sélémanes nach Hamburg.

Man schrieb den 16. Juni 1910 – kein Ba Sélémanes ließ sich sehen.

Man schrieb den 16. Juni 1911 – kein Ba Sélémanes ließ sich blicken.

Seltsam, aber echt deutsch war, daß niemand sonst zu dem Schläfer einzudringen, das heilige Siegel zu verletzen wagte. Überdies schaute man, im Geiste wenigstens, zu gebannt, um noch an etwas anderes denken zu können, über den Atlantik, nach New York, wo der Circulus vitiosus raste. Kaum hatte Edison dem Postbeamten John Harry F. Mincerkees zu neuen Beinen verholfen, als sie ihm auch schon wieder zu Gunsten des Kassenboten Charley P. M. Reefkoke geraubt wurden. Und so ging das hin und her, hin und her, ein Schauspiel, schauderhaft und unheimlich, wie die Welt noch keines erlebt hatte.

Und die jungen Leute alterten, und die überständigen Alten sanken ins Grab. Nicht starben aber John Harry F. Mincerkees und Charley P. M. Reefkoke sowie ihre Hintermänner und Anwälte.

Der Circulus vitiosus raste.

Im Jahre 1947 erklärte die New Yorker Untergrundbahn ihren Bankrott, nachdem sie sich durch eine Fahrpreiserhöhung vergeblich zu sanieren versucht hatte. Präsident Cuddle, achtundachtzigjährig, mußte noch einmal mit Zeitungverkaufen von vorn beginnen.

Man schrieb den 16. Juni 1959.

Endlich, nach fünfzigjährigem Schlaf, erwachte Gabriel Mesopotam Stockhieb von selbst. Er konnte sich auf nichts besinnen, auf absolut nichts. Wo befand er sich? Er lag in einer Laube, die mit einer braunen, moosartigen Pflanze dicht bewachsen war. Der Boden des Raumes schien etwa anderthalb Meter hoch mit Luftschlangen bedeckt. Bewegte er die Hände, so raschelte es im Zimmer. Versuchte er sich zu bewegen, so zupfte es ihn am Kinn und auf dem Kopf.

Die Luftschlangen endeten an seinen Fingerspitzen. Das waren ja seine Nägel, die diese riesige Länge angenommen hatten. Und das seltsame braune Gewächs? Jetzt bemerkte er es. Das war sein Bart und sein Haupthaar, das wie Efeu an den Wänden hinaufgeklettert war und die Zimmerdecke üppig überwucherte.

Etwas von hunderttausend Mark fiel ihm ein. Er sann und sann, ohne recht zum Verständnis seiner Lage zu kommen, und stierte auf einen Abreißkalender, der den 16. Juni 1909 und als Gericht des Tages »dicke Bohnen mit Speck« anzeigte, als sich plötzlich die Tür öffnete und ein uralter Mann mit einem weißen Bart, der ihm bis auf den Gürtel reichte, eintrat. Ihm auf dem Fuße folgten zwei kleine gelbe Chinesen, die sich auf des uralten Mannes Geheiß sogleich daran machten, mit Schere, Kamm und Bürste Gabriel Mesopotam Stockhieb ein menschenwürdiges Aussehen zu geben. Die flinken Hände streiften seine ziemlich derangierte Gewandung ab, und binnen kurzem trug er schwarze enganliegende Shorts und dazu eine lose, mit Lapislazuli-Knöpfchen besetzte karierte Jacke mit offenem Kragen – es war die Mode von 1959.

Unterdessen sagte der Greis einiges auf indisch, er habe sich leider ein bißchen verspätet, und er, Gabriel Mesopotam Stockhieb, möge gütigst entschuldigen – der größere der beiden Chinesen verdeutschte es.

Kein Zweifel, Stockhieb hatte Ba Sélémanes vor sich.

Kichernd, wie es so uralter Männer Gewohnheit ist, erzählte der, wie es ihm nach unendlichen Versuchen gelungen sei, die Beine, die ewig von Mr. Mincerkees zu Mr. Reefkoke und von Mr. Reefkoke zu Mr. Mincerkees wanderten, so zu dressieren, daß sie den Weg ganz selbständig zurücklegten. Sie brauchten nur von Mr. Mincerkees zu Mr. Reefkoke zu gelangen, und nach drei Tagen lösten sie sich wieder von selbst von diesem. Nur so habe er ja New York verlassen können.

Interessierte Gabriel Mesopotam Stockhieb nicht im geringsten, obschon es ihm gleichfalls verdolmetscht wurde. Wie es mit den hunderttausend Mark sei, fragte er. »Verjährt, lieber Freund! Verjährt!« erwiderte Ba Sélémanes milde.

Es waren die einzigen deutschen Wörter, die er kannte, und ich habe ihnen eigentlich nichts weiter hinzuzufügen.








TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.