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Cicero's drei Bücher von den Pflichten

Marcus Tullius Cicero: Cicero's drei Bücher von den Pflichten - Kapitel 8
Quellenangabe
typetractate
authorRaphael Kühner
firstpub1859
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleCicero's drei Bücher von den Pflichten
created20060118
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XXXI. 110. Ganz besonders muß aber Jeder an seinem Wesen festhalten, nicht dem fehlerhaften, aber doch ihm eigentümlichen, um desto leichter das Anständige, das wir suchen, zu behaupten. Unser Streben muß nämlich sein Nichts zu thun, was gegen die allgemeine Natur des Menschen streitet, sondern diese zu beobachten, dabei jedoch auch unserer eigentümlichen Natur zu folgen, so daß wir unsere Bestrebungen, auch wenn andere erhabener und besser sind, dennoch nur nach der Richtschnur unserer eigenen Natur bemessen. Es ist ja vergeblich seiner Natur sich zu widersetzen und Etwas zu erstreben, was man nicht erreichen kann. Hieraus erhellt das Wesen des Anständigen noch deutlicher; denn Nichts steht an, was wir, wie man sagt, gegen den Willen der Minerva thun, das heißt wogegen unsere Natur streitet und sich widersetzt.

111. Ueberhaupt wenn irgend Etwas anständig ist, so ist es in der That Nichts mehr als die Gleichmäßigkeit in der ganzen LebensweiseLambin's Muthmaßung: aequabilitas quom universae vitae, tum hat Klotz aufgenommen, jedoch quom in Klammern eingeschlossen. Diese Muthmaßung ist durchaus nicht nothwendig. S. unsere Bemerk. ad Cicer. Tuscul. V. 3, 7., sowie auch in den einzelnen Handlungen, die man jedoch nicht behaupten kann, wenn man die Naturanlagen Anderer nachahmt und seine eigenen aufgibt. Denn sowie wir in unserer MutterspracheIch lese mit mehreren Ausgaben qui natus est nobis statt notus, das Klotz beibehalten hat. Curtius VI. 10, 23. (39) sagt dafür sermo nativus. reden sollen, um uns nicht durch Einmischung Griechischer Wörter, wie es manche Menschen thun, mit vollem Rechte lächerlich zu machen; so sollen wir auch in unsere Handlungen und unsere ganze Lebensweise kein Mißverhältniß hineinbringen.

112. Und dieser Unterschied der Naturen hat eine so große Bedeutung, daß zuweilen der Eine sich den Tod geben darf, während ein Anderer unter gleichen Umständen es nicht darf. Befand sich zum Beispiel Marcus CatoMarcus Porcius Cato Uticensis, Anhänger der Stoischen Philosophie, nahm sich in dem Bürgerkriege zwischen Cäsar und Pompejus zu Utika, einer Stadt Afrika's, 46 v. Chr. das Leben. Der Selbstmord war nach der Ansicht der Stoiker in gewissen Lebensverhältnissen gestattet. Cicer. Fin. III. 18, 60: In quo enim plura sunt, quae secundum naturam sunt, hujus officium est in vita manere; in quo autem sunt plura contraria aut fore videntur, hujus officium est e vita excedere. Vgl. Tuscul. I. 30, 74. in einer anderen Lage als die Anderen, die sich in Afrika dem Cäsar ergaben? Und doch würde es diesen vielleicht als ein Vergehen angerechnet worden sein, wenn sie sich entleibt hätten, deßhalb weil ihr Benehmen gelassener und ihr Charakter nachgiebiger gewesen war; Cato hingegen, der von Natur eine unglaubliche Festigkeit besaß, diese durch seine stäts gleiche Standhaftigkeit befestigt hatte und immer in seinen Vorsätzen und gefaßten Entschlüssen verblieben war, mußte eher sterben als dem Gewaltherrscher ins Antlitz schauen. 113. Wie Vieles erlitt Ulixes auf jener langwierigen Irrfahrt, da er Weibern, wenn Circe und CalypsoErdichtete Weiber, von denen die Circe des Ulixes Begleiter in Schweine verwandelte, Calypso aber den Ulixes sieben Jahre hindurch auf ihrer Insel zurückhielt. Weiber zu nennen sind, diente und sich in allen seinen Reden gegen Alle leutselig und liebenswürdig zeigen wollte. In seiner Heimat angelangt, ertrug er sogar Beschimpfungen von Sklaven und Mägden, um endlich einmal das Ziel seiner Wünsche zu erreichen. AjaxAjax, Sohn des Telamon, Königs von Salamis, nach Achilles der tapferste aller Griechen vor Troja. Nach des Achilles Tode hatte er gehofft dessen Waffen zu erhalten, aber durch die List des Ulixes wurden dieselben diesem zuertheilt. Darüber verfiel er in Raserei und tödtete sich selbst. hingegen hätte nach der Gemüthsart, die ihm beigelegt wird, den Tod lieber erleiden als solches erdulden wollen.

Solche Betrachtungen müssen uns zu der Prüfung führen, was jeder von uns Eigentümliches habe; dieses müssen wir nach dem rechten Maße berichtigen und nicht versuchen wollen, wie Fremdes uns anstehe; denn das steht Jedem am Besten an, was ihm am Meisten eigentümlich ist.

114. Jeder möge daher seine natürlichen Anlagen kennen lernen und sich zum strengen Richter seiner Vorzüge wie seiner Fehler machen, damit man nicht glaube, die Schauspieler hätten mehr Einsicht als wir. Denn jene wählen nicht die besten, sondern die ihnen angemessensten Stücke: die sich auf ihre Stimme verlassen können, die EpigonenDie Epigonen waren ein Trauerspiel des Accius, eines Römischen Tragikers (gebor. 172 v. Chr.). In demselben war das Schicksal der Epigonen behandelt; Epigonen hießen die Söhne der bei dem ersten Kriege gegen Theben gefallenen Helden, die zehen Jahre nachher einen Feldzug gegen Theben (Epigonenkrieg) auf Antrieb des Adrastus, Königs von Argos, unternahmen. und den MedusMedus war eine Tragödie des Pacuvius, eines Römischen Tragikers (gebor. 219 v. Chr.), in welcher das Schicksal des Medus, eines Sohnes des Aegeus und der Medea behandelt war.; die sich im Gebärdenspiele auszeichnen, die Melanippe und die KlytämnestraMelanippe und Klytämnestra sind Tragödien des Accius.; RupiliusRupilius, ein Schauspieler. Die Rollen der Weiber wurden auf den Theatern der Alten von Männern gespielt., dessen ich mich noch erinnere, spielte immer die AntiopaDie Antiopa, eine Tragödie des Pacuvius.; AesopusAesopus, berühmter Schauspieler zu Rom, Freund Cicero's. nicht oft den AjaxAjax, eine Tragödie des Ennius (s. zu I. 8, 26.) oder des Livius Andronicus aus Tarent, eines tragischen Dichters der Römer (um 230 v. Chr.), der ein Freigelassener des Marcus Livius Salinator war.. Also sollte dieses der Schauspieler auf der Bühne beurtheilen, und der weise Mann im Leben es nicht beurtheilen?

Zu welchen Verrichtungen wir nun das meiste Geschick haben, die müssen unsere Hauptbeschäftigung bilden. Sollte uns aber einmal die Noth in solche drängen, welche unserer Gemüthsart nicht entsprechen; so müssen wir alle Sorgfalt, alles Nachdenken und alle Umsicht anwenden, um dieselben, wenn auch nicht mit Anstand, doch mit möglichst geringem Uebelstande thun zu können, und unser Streben soll nicht sowol darauf gerichtet sein Vorzügen, die uns nicht gegeben sind, nachzustreben als unsere Fehler zu vermeiden.

XXXII. 115. An die beiden oben erwähnten Rollen schließt sich eine dritte an, welche ein Zufall oder ein Zeitumstand uns auferlegt, ja auch eine vierte, welche wir uns selbst nach unserem Ermessen anpassen. Königsthrone nämlich, Befehlshaberstellen, edle Geburt, Ehrenämter, Reichtum, Macht und das Gegentheil von diesen Dingen beruht auf Zufall und wird durch die Zeitumstände bestimmt. Was wir aber selbst für eine Rolle spielen wollen, das geht von unserem eigenen Willen aus. So widmen sich Einige der Philosophie, Andere dem bürgerlichen Rechte, Andere der Beredsamkeit, und selbst in Betreff der Tugenden will sich der Eine in dieser, ein Anderer in einer anderen auszeichnen.

116. Deren Väter oder Vorfahren aber sich in irgend einem Fache hervorthaten, die suchen gemeiniglich sich in der nämlichen Art des Lobes auszuzeichnen, wie Quintus MuciusQuintus Mucius Scävola, der Oberpriester, im J. 95 v. Chr. Consul mit dem großen Redner Crassus, ein berühmter Rechtskundiger; Lehrer Cicero's im Römischen Rechte. Er war der erste, der das bürgerliche Recht systematisch bearbeitete. Sein Vater, Publius Scävola, 133 Consul, zeichnete sich besonders durch die Kenntnis des jus pontificium aus., des Publius Sohn, im bürgerlichen Rechte, des Paullus Sohn, AfricanusS. zu I. 22, 76. Anm. 171. Des Afrikanus Vater, Lucius Aemilius Paullus, hatte den letzten König von Macedonien Perseus in der Schlacht bei Pydna in Macedonien (168 v. Chr.) besiegt. Daher er den Beinamen Macedonicus erhielt. Ueber die Beredsamkeit des Africanus vgl. Cicer. de Orat. III. 7, 28., im Kriegswesen. Einige aber fügen zu dem Lobe, das sie von ihren Vätern ererbten, noch ein eigenes hinzu, wie eben dieser Africanus seinen Kriegsruhm durch Beredsamkeit krönte. Ein Gleiches that TimotheusTimotheus war ein großer Feldherr und Redner der Athener (um 360 v. Chr.). Vgl. Cicer. de Orat. III. 34, 139. Sein Vater Konon war gleichfalls ein berühmter Feldherr der Athener., Konon's Sohn, der seinem Vater an Kriegsruhm nicht nachstand und diesem Lobe auch den Ruhm der Gelehrsamkeit und jenes großen Geistes hinzugesellte. Zuweilen geschieht es aber, daß man die Nachahmung der Vorfahren aufgibt und seinen eigenen Lebensplan verfolgt. Ein solches Streben zeigen gemeiniglich die, welche, von geringer Abkunft, sich ein hohes Ziel setzen.

117. Alle diese Punkte müssen wir nun bei der Frage, was anständig sei, in unserem Geiste und Nachdenken zusammenfassen. Vor Allem aber ist zu bestimmen, was und wie wir sein und welche Lebensart wir wählen wollen: eine Ueberlegung, die unter allen die schwierigste ist. Denn beim Eintritte in das Jünglingsalter, wo die Einsicht sehr schwach ist, bestimmt sich Jeder für die Lebensweise, für welche er die größte Neigung gewonnen hat. Und so läßt er sich in eine bestimmte Lebensart und Lebensbahn hineinziehen, bevor er beurtheilen konnte, was das Beste sei. 118. Vom Herkules des ProdikusDie Mythe von Herkules am Scheidewege ist von dem Sophisten Prodikus aus Chios (zur Zeit des Sokrates) gedichtet und von Xenophon, dem Schüler des Sokrates, in den Denkbüchern von Sokrates II. Buch, 1. Kap. mitgetheilt. freilich erzählt man nach Xenophon's Bericht, er sei beim Eintritte in die mannbaren Jahre, in dem Zeitpunkte also, der uns von der Natur zur Wahl unseres künftigen Lebensweges gegeben ist, in die Einsamkeit hinausgegangen, und daselbst sitzend habe er, als er zwei Wege vor sich sah, den der Wollust und den der Tugend, lange und ernstlich bei sich überlegt, welchen von den beiden Wegen einzuschlagen besser sei. Das konnte sich vielleicht bei dem Herkules ereignen, einem Sohne des Jupiter; nicht aber geschieht dieß bei uns. Denn wir richten uns nach denen, die uns gerade ansprechen, und werden zu ihren Beschäftigungen und Lebenseinrichtungen hingetrieben; gemeiniglich aber lassen wir uns, durch die Vorschriften unserer Aeltern gebildet, zu deren Gewohnheit und Sitte hinleiten. Andere lassen sich durch das Urtheil des großen Haufens bestimmen, und, was der großen Menge als das Schönste erscheint, das machen sie hauptsächlich zum Gegenstande ihres Wunsches. Einige jedoch schlagen, sei es durch glücklichen Zufall oder durch gute Naturanlagen oder durch die älterliche Erziehung, den richtigen Lebensweg ein.

XXXIII. 119. Sehr klein ist aber die Anzahl derer, die im Besitze einer ausgezeichneten Geistesgröße oder einer vorzüglichen Ausbildung und Gelehrsamkeit oder beider Vorzüge auch Zeit zur Ueberlegung haben, welche Lebensbahn sie vorzüglich betreten wollen. Bei dieser Berathschlagung ist die ganze Ueberlegung auf die eigentümliche Naturanlage eines Jeden zu beziehen. Denn wenn wir nach unserer obigen Bemerkung bei allen Handlungen das Anständige nach den natürlichen Anlagen eines Jeden beurtheilen, so muß man bei der Bestimmung der ganzen Lebensweise eine noch weit größere Sorgfalt anwenden, damit wir uns in dem ganzen Verlaufe des Lebens fortwährend gleich bleiben und in keiner Pflicht einen Fehltritt thun können.

120. Da nun bei dieser Betrachtung die Naturanlage die größte Bedeutung hat und nächst dieser die Glücksumstände, so muß man bei der Wahl der Lebensweise allerdings auf Beides Rücksicht nehmen, aber mehr auf die Naturanlage; denn diese zeigt eine weit größere Festigkeit und Beständigkeit, so daß die Glücksgöttin im Kampfe mit der Natur wie eine Sterbliche erscheint, die Natur hingegen als eine UnsterblicheDie Glücksgöttin (Fortuna) im Kampfe mit der Natur, d. h. das Schicksal kämpft zuweilen gegen des Menschen Naturanlage an, zeigt sich aber schwächer als diese. Statt Schicksal ist hier Schicksalsgöttin (Fortuna) gesetzt; diese ist als Göttin unsterblich, aber ihrem Wesen nach veränderlich wie eine Sterbliche; des Menschen Natur hingegen ist sterblich, zeigt sich aber in dem Kampfe mit dem Schicksale zuweilen, wie eine Unsterbliche, unerschütterlich fest und beharrlich und geht siegreich daraus hervor..

Wer nun seinen ganzen Lebensplan nach seiner Naturanlage, wenn diese nicht fehlerhaft ist, bestimmt hat; der mag denselben mit Beharrlichkeit ausführen – darauf beruht ja am Meisten das Anständige –; es müßte denn sein, daß er einsehe, er habe sich in der Wahl der Lebensart geirrt. Tritt dieser Fall ein, und er kann eintreten, so muß man in seiner Lebensweise und in seinem Lebensplane eine Veränderung vornehmen. Sind dieser Veränderung die Zeitumstände günstig, so werden wir sie leichter und bequemer vornehmen; wo nicht, so muß sie allmälich und Schritt für Schritt vorgenommen werden, wie hinsichtlich der Freundschaften, die nicht gefallen und nicht beifallswerth erscheinen, weise Männer es für anständiger halten dieselben allmälich aufzulösen als plötzlich abzubrechen. 121. Ist aber ein Wechsel unserer Lebensweise eingetreten, so muß es unsere angelegentliche Sorge sein der Welt zu zeigen, daß wir es aus guten Gründen gethan haben.

Wenn ich nun kurz zuvor gesagt habe, man solle seinen Vor ältern nachahmen; so müssen doch zwei Ausnahmen gemacht werden; erstens, daß man nicht ihre Fehler nachahme, sodann, wenn es die Natur nicht zuläßt Manches an ihnen nachzuahmen, wie zum Beispiel der Sohn des älteren Africanus, der den Sohn des Paullus an Kindesstatt annahm, wegen seiner schwächlichen Gesundheit nicht so seinem Vater ähnlich sein konnte, wie dieser dem seinigen gewesen warCicer. de Senect. 11, 35: quam fuit imbecillus P. Africani filius! quam tenui aut nulla potius valetudine! Quod ni ita fuisset, alterum ille exstitisset lumen civitatis. Ad paternam enim magnitudinem animi doctrina uberior accesserat. Ueber Gnäus und Publius Scipio s. zu Kap. 18, §. 61. über den jüngeren Africanus zu Kap. 21, §. 76. und über Paullus zu Kap. 32, §. 116.: wenn es also Einem nicht möglich ist Rechtshändel zu führen oder das Volk durch Reden zu fesseln oder Krieg zu führen, so ist er doch das zu leisten verpflichtet, was in seiner Gewalt steht, nämlich Gerechtigkeit, Redlichkeit, Freigebigkeit, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung zu üben, damit man die fehlenden Vorzüge weniger vermisse. Das beste Erbtheil aber, das Aeltern ihren Kindern hinterlassen können, und das vorzüglicher ist, als alles Erbvermögen, ist der Ruhm der Verdienste und der Thaten, und diesen zu beflecken muß als Frevel und Sünde angesehen werden.

XXXIV. 122. Da nun den verschiedenen Altersstufen nicht die nämlichen Pflichten zugetheilt werden, und die jungen Leute andere haben als die alten; so muß auch über diesen Unterschied Etwas gesagt werden. Dem Jünglinge also kommt es zu vor älteren Leuten Achtung zu haben und aus ihrer Mitte die besten und bewährtesten zu erwählen, um in ihrem Rathe und ihrer Leitung einen Stützpunkt zu haben; denn die Unerfahrenheit der Jugend muß durch die Einsicht des Alters geordnet und geleitet werden. Insbesondere aber muß man dieses Alter vor Ausschweifungen bewahren und in Anstrengungen und Ausdauer der Seele und des Körpers üben, damit es im Kriege und im Staatsdienste eine rührige Thätigkeit zeige. Und auch, wenn sich die jungen Leute erholen und sich der Fröhlichkeit überlassen, mögen sie sich vor Unmäßigkeit hüten und der Sittsamkeit eingedenk sein, und dieß wird ihnen leichter werden, wenn sie bei dergleichen Gelegenheiten ältere Personen hinzuziehen wollen.

123. Alte Leute hingegen dürfen, wie ich glaube, die körperlichen Anstrengungen vermindern, die Uebungen des Geistes aber müssen sie sogar noch vermehren. Ihr Bestreben muß vorzüglich darauf gerichtet sein, daß sie ihre Freunde, die Jugend und besonders den Staat durch ihren Rath und ihre Klugheit so viel als möglich unterstützen. Vor Nichts aber hat sich das Greisenalter mehr in Acht zu nehmen, als daß es sich nicht der Schlaffheit und Trägheit hingibt. Schwelgerei vollends ist, wie für jedes Alter schimpflich, so für das Greisenalter durchaus häßlich. Kommt nun aber auch noch Unmäßigkeit in sinnlichen Vergnügungen hinzu, so ist das Uebel doppelt, weil das Alter einerseits sich selbst Schande zuzieht, andererseits die Unmäßigkeit der Jugend schamloser macht.

124. Auch ist es nicht unstatthaft über die Pflichten der Obrigkeiten und der Privatpersonen, der BürgerDie Lesart, die Klotz ausgenommen hat: de privatorum civium ist offenbar falsch. Ich lese daher mit Beier, Orelli u. A. de privatorum, de civium. Offenbar sind den Obrigkeiten die Privatpersonen und den Bürgern die Fremden entgegengestellt. und der Fremden zu reden. Die besondere Aufgabe der obrigkeitlichen Personen also beruht darauf, daß sie einsehen, sie seien die Vertreter des Staates und verpflichtet dessen Würde und Ehre aufrecht zu erhalten, die Gesetze zu wahren, das Recht zu bestimmen und eingedenk zu sein, daß alles dieses ihrer Rechtlichkeit anvertraut ist. Der Privatmann aber soll mit seinen Mitbürgern als ihnen gleich berechtigt leben und weder sich erniedrigen und wegwerfen noch sich überheben, und dann dem Staate gegenüber friedliche und edle Gesinnungen hegen; denn als einen solchen pflegen wir uns einen guten Bürger zu denken und ihn so zu benennen. 125. Die Pflicht des Fremden und Insassenincolae. Incola ist der Insaß im Gegensatz zu civis, Bürger; er hat zwar das Recht in der Stadt zu wohnen, besitzt aber das Bürgerrecht nicht. aber ist Nichts außer seinem eigenen Geschäfte zu treiben, um Anderer Sachen sich nicht zu bekümmern und am Wenigsten in einem fremden Staate sich vorwitzig in dessen Angelegenheiten einzumischen.

So lassen sich etwa die Pflichten finden, wenn gefragt wird, was in Beziehung auf die verschiedenen Stände, Verhältnisse und Lebensstufen der Anstand und die Schicklichkeit erfordern. Nichts aber ist in dem Grade anständig, als in allen Handlungen und Entschlüssen Uebereinstimmung zu bewahren.

XXXV. 126. Dieser Anstand zeigt sich nun in allen Handlungen und Reden, ja in der Bewegung und Stellung des Körpers, und seine drei Bestandtheile sind Schönheit, Ordnung und ein zur Handlung passender Schmuckformositate, ordine, ornatu ad actionem apto. Die Uebersetzung schließt sich genau an das Lateinische an, ist aber, wie die Lateinischen Ausdrücke, undeutlich und erhält erst aus dem Folgenden Licht. Richtig bemerkt Garve: Cicero übersetzt hier ohne Zweifel drei Griechische philosophische Kunstwörter, und da er vollkommene Synonymen derselben in seiner Sprache nicht fand, da er keine Erklärungen derselben hinzufügte, so ließ er unvermeidlicher Weise die Unterschiede, welche bei dieser Eintheilung des Originalschriftstellers zum Grunde lagen, zweifelhaft und dunkel.: Begriffe, die schwierig mit Worten auszudrücken sind, die jedoch mit dem Verstande zu begreifen genügt. In diesen drei Stücken ist aber auch die Bemühung enthalten den Beifall derer zu gewinnen, mit denen und unter denenmit denen, darunter sind die Hausgenossen, Verwandten, Freunde zu verstehen; unter denen, darunter sind die Bürger zu verstehen. wir leben. Es mag daher auch hierüber einiges Wenige gesagt werden.

Zuvörderst scheint die Natur selbst auf unseren Körper große Rücksicht genommen zu haben. Denn sie hat unser Gesicht und die übrige Bildung unseres Körpers, welche ein wohlgefälliges Aeußere darbietet, dem Auge offen hingestellt; die Theile des Körpers aber, die uns für die natürlichen Bedürfnisse gegeben sind, einen häßlichen und widrigen Anblick aber gewähren würden, hat sie verdeckt und verborgen. 127. Nach dieser so sorgsamen Einrichtung der Natur hat sich das Anstandsgefühl des Menschen gerichtet. Denn was die Natur verborgen hat, dasselbe entziehen alle Menschen von gesundem Verstande dem Auge, und gewisse natürliche Bedürfnisse bemühen sie sich möglichst geheim zu befriedigen, und die Theile des Körpers, die zur Verrichtung solcher Bedürfnisse dienen, sowie ihre Verrichtungen nennen sie nicht bei ihrem eigentlichen Namen, und was zu thun nicht schimpflich ist, sobald es nur im Verborgenen geschieht, das auszusprechen gilt für unanständig. Daher ist sowol die öffentliche Verrichtung solcher Dinge als auch die unanständige Rede darüber ein Zeichen von Frechheit.

128. Auch verdienen die CynikerDie Cyniker sind die Anhänger des Philosophen Antisthenes, eines Schülers von Sokrates. Er lehrte zu Athen in dem Gymnasium Cynosarges; daher der Name Cyniker. und einige der StoikerZeno, der Gründer der Stoa (s. zu I. 2, 6. Anm. 68) war ein Schüler des Cynikers Krates; daher wurden manche Ansichten der Cyniker von den Stoikern gebilligt. Ueber den hier angeführten Punkt vgl. Cicer. ad Famil. IX. 22., die fast Cyniker sind, kein Gehör, wenn sie es tadelnswerth und lächerlich finden, daß wir Dinge, die an sich nicht schimpflich sind, mit ihrem Namen zu bezeichnen, als etwas uns Beschimpfendes ansehen, während wir Dinge, die wirklich schimpflich sind, bei ihrem Namen benennen. Straßenraub, Betrug, Ehebruch sind an sich schimpflich, aber die Namen nicht anstößig. Kinder zeugen ist an sich ehrbar, die Benennung aber anstößig. In diesem Sinne ist noch mehr von diesen Philosophen in Beziehung auf das Anstandsgefühl gesprochen.

Wir hingegen wollen der Natur folgen und Alles meiden, was der Billigung unserer Augen und Ohren zuwiderläuft. 129. Die Stellung, der Gang, der Sitz, das Liegen bei Tische, die Mienen, die Augen, die Bewegungen der Hände, – Alles beobachte den Anstand. Hierbei muß man sich vor zwei Fehlern besonders in Acht nehmen, einmal vor einem weibischen oder weichlichen, und dann vor einem rohen oder bäuerischen Wesen. Auch darf man wahrlich nicht den Schauspielern und Rednern den Vorzug einräumen, daß sich bei ihnen dieß wohlgeordnet finde, während es bei uns vernachlässigt werde. Wenigstens beobachtet die Sitte der Schauspieler nach alter Zucht einen so großen Anstand, daß Niemand ohne einen Schurz auf die Bühne tritt; denn sie besorgen, daß, wenn durch irgend einen Zufall gewisse Theile des Körpers entblößt würden, ein nicht anständiger Anblick bewirkt werde. Nach unserer Sitte baden sich erwachsene Söhne nicht mit ihren Vätern, Schwiegersöhne nicht mit ihren Schwiegervätern. An einer solchen Sittsamkeit muß man also festhalten, zumal da die Natur selbst hierbei Lehrmeisterin und Führerin ist.

XXXVI. 130. Die Schönheit aber zerfällt in zwei Arten, von denen die eine die Anmuth, die andere die Würde umfaßt. Die Anmuth müssen wir als Eigenschaft des Weibes, die Würde als Eigenschaft des Mannes ansehen. Demnach möge von dem Antlitze des Mannes jeder seiner unwürdige Putz ferngehalten, und ein ähnlicher Fehler in den Gebärden und Bewegungen vermieden werden. Denn die in der Ringschule erlernten Bewegungenpalaestrici motus. Die Ringschule (palaestra) der Alten lehrte nicht bloß das Ringen und dergleichen Leibesübungen, sondern diente auch dazu jungen Leuten Anstand in Bewegung, Stellung, Haltung des Körpers beizubringen; die Ringschule hatte also in dieser Beziehung die Aufgabe unserer modernen Tanzschule. Quintil. I. 11, 16 (a palaestricis) gestus motusque formantur, ut recta sint brachia, ne indoctae rusticaeque manus, ne status indecorus, ne qua in proferendis pedibus inscitia, ne caput oculique ab alia corporis inclinatione dissideant. haben oft etwas recht Widriges, und einige Schauspielergebärden sind nicht frei von abgeschmackter Ziererei. In beiden Hinsichten verdient das Schlichte und Einfache Lob. Der Ausdruck der Würde aber ist dem Antlitze durch eine gute Farbe zu erhalten und die Farbe durch körperliche Uebungen.

Außerdem muß man sich auch der Reinlichkeit befleißigen, die jedoch nicht auf widrige Weise auffallen noch allzu gesucht sein darf, sondern nur eine bäuerische und rohe Nachlässigkeit meiden soll. Eine gleiche Rücksicht muß man auf die Kleidung nehmen, wobei, wie in den meisten Dingen, die Mittelstraße das Beste ist. 131. Auch soll man sich ferner in Acht nehmen eine zu weichliche Langsamkeit im Gange zu zeigen, um nicht eine Aehnlichkeit mit den TraggerüstenDie Traggerüste (fercula) waren Bahren, auf denen bei feierlichen Aufzügen die Bildnisse der Götter oder bei einem Triumphe die dem Feinde abgenommene Beute langsam in der Stadt herumgetragen wurden. bei festlichen Aufzügen hervorzurufen, oder wenn es auf Eile ankommt, eine übertriebene Schnelligkeit anzunehmen, wodurch kurzes Athemholen bewirkt, die Miene verändert, das Gesicht verdreht wird: Alles deutliche Zeichen, daß es uns an gesetzter Haltung gebricht.

Jedoch noch weit mehr müssen wir dahin arbeiten, daß die Bewegungen der Seele sich nicht von den Gesetzen der Natur entfernen, und wir werden dieß erreichen, wenn wir uns in Acht nehmen in Leidenschaften und besinnungslose Zustände zu verfallen und wenn wir die Aufmerksamkeit unserer Gemüther auf die Beobachtung des Anstandes richten. 132. Die Bewegungen der Seele sind übrigens von doppelter Art; die einen gehören dem Denkvermögen, die anderen dem Begehrungsvermögen an. Das Denkvermögen beschäftigt sich vorzüglich mit der Erforschung der Wahrheit, das Begehrungsvermögen treibt zu Handlungen an. Wir müssen also dafür sorgen, daß wir unser Denkvermögen auf die möglichst besten Gegenstände richten und das Begehrungsvermögen der Vernunft unterthänig machen.

XXXVII. Von großer Wichtigkeit ist auch die Rede. Sie ist doppelter Art. Die eine ist die gesteigerte, mit Anstrengung gesprocheneIm Lateinischen kürzer: contentionis. Contentio eigentlich die Anstrengung, die angestrengte Rede, d. h. die öffentliche Rede, wobei mit Anstrengung und Nachdruck gesprochen wird., die andere die ruhige Umgangssprache. Die gesteigerte Rede werde bei Verhandlungen vor Gericht, bei Volksversammlungen, im Senate angewandt; die Umgangssprache finde ihre Stelle in gesellschaftlichen Vereinen, in gelehrten Unterhaltungen, in freundschaftlichen Zusammenkünften; auch stelle sie sich bei Tischgesellschaften ein. Für die gesteigerte Rede werden von den Redekünstlern Vorschriften ertheilt, für die Umgangssprache aber keine, obwol es vielleicht auch dafür welche geben könnte. Doch wo sich Lernlust zeigt, da finden sich auch Lehrer; auf dieseNämlich die Umgangssprache. aber will Niemand Fleiß verwenden, von der Menge der Redekünstler ist Alles überfüllt. Indeß lassen sich die Vorschriften für den Ausdruck und die Gedanken gleichfalls auf die Umgangssprache anwenden.

133. Da wir nun zum Ausdrucke der Rede die Stimme haben, bei der Stimme aber Zweierlei beachten, Deutlichkeit und Lieblichkeit; so müssen wir beide Eigenschaften bei der Natur suchen; jedoch werden wir die eine durch Uebung, die andere durch Nachahmung der mit wohlgerundetem Mundepresse. So Cicer. de Orat. III. 12, 45: non vaste, non rustice, non hiulce, sed presse et aequabiliter et leniter (locutus). und sanft Redenden erhöhen. Die beiden CatulerUeber die Catuler s. zu Kap. 30, §. 109, Anm. 232. und zu Kap. 22, §. 76. Anm. 169. Vgl. Cicer. Brut. 35, 133, wo dem älteren Catulus sonus vocis et suavitas appellandarum litterarum (Lieblichkeit in der Aussprache der Laute) ertheilt wird. besaßen Nichts, was zu der Annahme hätte berechtigen können, daß sie eine besonders feine wissenschaftliche Bildung gehabt hätten; wiewol sie wissenschaftlich gebildet waren, aber das sind auch Andere; aber sie standen in dem Rufe, daß sie die Lateinische Sprache am Besten sprächen. Ihr Ton war lieblich, die Laute weder zu stark ausgedrückt noch verschluckt, so daß ihre Sprache weder dumpf noch geziert war; ihre Stimme ohne Anstrengung war weder matt noch singend. Der Vortrag des Lucius CrassusUeber Lucius Crassus s. zu Kap. 30, §. 108. Anm. 213. war reichhaltiger und nicht minder geistreich; aber darum war der Ruhm der Catuler wegen ihrer schönen Sprache nicht geringer. An Witz und heiterer Laune aber übertraf CäsarUeber Cäsar s. zu Kap. 30, §. 108. Anm. 215. Dieser Cäsar und der ältere Catulus hatten die Popilia zur Mutter, ihre Väter aber waren verschieden, da Popilia sich zum zweiten Male mit Lucius Cäsar verheirathet hatte. Cicer. de Orat. II. 21. 89. Vgl. III. 12, 47., der Bruder des älteren Catulus, Alle dergestalt, daß er selbst in der gerichtlichen Rede die mit Anstrengung und Nachdruck gehaltenen Vorträge Anderer durch den Gesprächston übertraf. Bei allen Dingen nun muß man Fleiß anwenden, wenn wir überall das Schickliche berücksichtigen wollen.

134. Die Umgangssprache also, in der sich besonders die SokratikerNamentlich Plato und Xenophon. auszeichnen, sei gelassen und frei von Rechthaberei; heitere Laune belebe sie. Nicht jedoch schließe sie, als ob sie im Besitze des Eigentumsrechtes wäre, andere AusdrucksweisenNec vero (hic sermo) ... excludat alios, scil. alios sermones, d. h. andere Arten des Ausdruckes, wie man deutlich aus dem ganzen Zusammenhange sieht. aus, sondern sowie in den übrigen Dingen, so halte sie auch in der geselligen Unterhaltung Abwechslung für nicht unbillig. Insbesondere mag man darauf sehen, über welche Gegenstände man redet; sind sie ernst, so mag man sich eines ernsten Tones, sind sie scherzhaft, einer heiteren Laune bedienen. Und vorzüglich sehe man sich vor, daß das Gespräch nicht einen Fehler im Charakter verrathe: was am Meisten dann zu geschehen pflegt, wenn man geflissentlich von nicht anwesenden Personen aus Verkleinerungssucht entweder im Scherze oder im Ernste auf verleumderische und ehrenrührige Weise redet.

135. Die Gespräche werden übrigens gemeiniglich über häusliche Angelegenheiten oder über den Staat oder über wissenschaftliche Bestrebungen und gelehrte Gegenstände gehalten. Man muß sich nun hierbei bemühen die Rede, wenn sie auf andere Gegenstände abschweift, auf die eigentlichen zurückzuführen, doch mit Rücksicht auf die jedesmalige Gesellschaft; denn wir finden nicht an denselben Gegenständen und nicht zu jeder Zeit und in gleichem Grade Geschmack. Auch ist zu beachten, inwieweit das Gespräch Unterhaltung gewährt, und sowie zum Anfange eine Veranlassung gewesen ist, so sei auch für das Ende ein richtiges Maß.

XXXVIII. 136. Aber sowie es für das Leben überhaupt eine sehr richtige Vorschrift ist, daß wir die Leidenschaften meiden, d. h. die allzu heftigen Gemüthsbewegungen, die sich der Herrschaft der Vernunft nicht fügen wollen; ebenso muß sich auch das Gespräch von dergleichen Bewegungen frei halten. Es soll also in ihm weder Zorn hervortreten, noch irgend eine leidenschaftliche Begierde oder Verdrossenheit oder Lässigkeit oder sonst Etwas von der Art sich zeigen.

Besonders ist auch dafür zu sorgen, daß wir den Personen, mit denen wir uns unterhalten, Verehrung und Hochachtung an den Tag legen.

Auch tritt zuweilen der Fall ein, daß Verweise nothwendig sind. Alsdann müssen wir vielleicht mit größerer Anstrengung der Stimme und in nachdrücklicheren und schärferen Ausdrücken reden; ja man muß den Schein annehmen, als ob man dieß im Zorne thue. Aber sowie zum Brennen und Schneiden, so schreiten wir auch zu dieser Art der Zurechtweisung nur selten und ungern und niemals, als nur im Nothfalle, wenn sich kein anderes Heilmittel auffinden läßt; jedoch der Zorn selbst muß fern bleiben; denn mit ihm kann Nichts verständig und mit Ueberlegung gethan werden. 137. Großentheils aber genügt es eine sanfte Zurechtweisung anzuwenden, jedoch in Verbindung mit würdevollem Ernste, so daß man zwar Strenge zeigt, aber persönliche Beschimpfung fern hält; auch muß man zu erkennen geben, daß man sich zu der Bitterkeit, die in dem Verweise liegt, nur zum Besten dessen, dem der Vorwurf gemacht wird, entschlossen habe.

Aber auch bei jenen Streitigkeiten, die wir mit unseren erbittertsten Feinden haben, geziemt es, selbst wenn wir von ihnen Dinge hören müssen, die unser unwürdig sind, dennoch ein gesetztes Wesen beizubehalten und den Jähzorn fernzuhalten. Denn was in leidenschaftlicher Aufregung geschieht, das kann weder mit gesetzter Haltung geschehen, noch die Billigung der Anwesenden finden.

Häßlich ist es auch mit sich selbst groß zu thun und von sich selbst zumal Unwahres rühmend anzuführen und unter dem Spotte der Zuhörer den großprahlerischen SoldatenDer prahlerische Soldat (Miles gloriosus) war eine bei den alten Komikern der Griechen und Römer häufig vorkommende Rolle. Von Plautus besitzen wir noch ein ganzes Lustspiel, das diesen Namen führt. Bei Terentius findet sich im Eunuch II, 1. dieselbe Rolle in der Person des Thraso. zu spielen.

XXXIX. 138. Da wir nun alle Verhältnisse behandeln – wenigstens ist es unsere Absicht –, so müssen wir uns auch darüber aussprechen, wie das Haus eines Mannes von Stand und Ansehen beschaffen sein soll. Der Hauptzweck desselben ist Befriedigung des Bedürfnisses, und nach diesem muß sich der Bauplan richten, jedoch so, daß zugleich auch auf Bequemlichkeit und Schönheit Rücksicht genommen werde. Dem Gnäus OctaviusGnäus Octavius, der 168 v. Chr. als Prätor die Flotte des Perseus im letzten Macedonischen Kriege besiegte, im Jahre 165 Consul, Bruder vom Urgroßvater des Augustus., dem ersten in seiner Familie, der zum Consulate gelangte, gereichte es, wie wir wissen, zur Ehre, daß er einen herrlichen Palast im edelsten Stile auf dem PalatiumUnter Palatium ist der Palatinische Berg zu verstehen. gebaut hatte. Denn da derselbe von allen Menschen in Augenschein genommen wurde, so glaubte man, er habe seinem Besitzer, einem Emporkömmling, die Stimme zum Consulate verschafft. Dieses Haus ließ ScaurusMarcus Aemilius Scaurus, Sohn des oben Kap. 21, §. 76 (s. daselbst die Anmerk. 167) erwähnten Scaurus, bewarb sich im J. 54 v. Chr. um das Consulat, wurde aber abgewiesen und mußte, im J. 52, wegen Amtserschleichung (ambitus) verurtheilt, in die Verbannung gehen. Seine Aedilität im J. 58 zeichnete sich durch prachtvolle Spiele aus (s. II. 16, 57). Sein herrlicher Palast wird von Plinius 36, 15. beschrieben. niederreißen und machte daraus einen Anbau zu seinem Hause. Aber sowie jener das erste Consulat in sein Haus eingeführt hatte, so brachte dieser, der Sohn eines höchst ausgezeichneten und berühmten Mannes, in das vielfach vergrößerte Haus nicht allein eine Abweisung vom Consulate, sondern auch Schimpf und UnglückDas Wort Schimpf bezieht sich auf des Scaurus vergebliche Bewerbung um das Consulat, und das Wort Unglück auf seine Verurtheilung wegen Amtserschleichung.. 139. Denn die Würde des Mannes soll zwar durch das Haus gehoben, aber nicht ganz und gar im Hause gesucht, und der Herr nicht durch das Haus, sondern das Haus durch den Herrn geehrt werden.

Und sowie wir in den übrigen Dingen nicht auf uns allein, sondern auch auf Andere Rücksicht nehmen sollen; so muß auch in dem Hause eines angesehenen Mannes, das vielen Fremden Aufnahme und einer Menge von Menschen jeglicher Art Zutritt gestatten soll, für Geräumigkeit gesorgt werden. Sonst gereicht ja ein geräumiges Haus, wenn in ihm Einöde herrscht, seinem Besitzer zur Schande, und besonders, wenn es ehedem unter einem anderen Besitzer häufig besucht zu werden pflegte. Denn es ist verdrießlich, wenn die Vorübergehenden sagen:

O du altes Haus, wie wenig gleicht dein neuer Herr
Dem altenDiese Verse werden den Ennius zugeschrieben.!

Worte, die man in unseren Tagen von so vielen HäusernNach dem Siege Cäsar's über Pompejus waren viele prachtvolle Häuser der besiegten Pompejaner (Aristokraten) in den Besitz der Cäsarianer gekommen, und das Haus des Pompejus selbst hatte Marcus Antonius, der spätere Triumvir, in Beschlag genommen. Vgl. Cicer. Philipp II. 41. sagen könnte.

140. Auch muß man sich, zumal wenn man selbst baut, in Acht nehmen in Aufwand und Pracht das Maß zu überschreiten; in dieser Hinsicht liegt auch in dem Beispiele viel Verderbliches. Denn gar zu Viele streben eifrig, zumal in diesem Stücke, dem Thun und Treiben der Vornehmen nach, wie wir dieß zum Beispiel bei Lucius LucullusLucius Lucullus besaß ausgezeichnete Tugenden (s. Cicer. Academic. II. im Anf. und Manil. 8, 20 f.), war aber wegen seiner Prachtliebe und seines ungeheuren Aufwandes berüchtigt. sehen. Wer hat diesem ausgezeichneten Manne in seinen Verdiensten, wie Viele aber in der Pracht seiner Landhäuser nachgeeifert! Und gerade in Betreff dieser letzteren geziemt es sicherlich Maß zu halten und sich auf die Mittelstraße zu beschränken. Und eben diese Mittelstraße ist es, die man auf Alles anwenden soll, was zu den Bedürfnissen und zu der Verschönerung des Lebens gehört. So viel hiervon.

141. Bei jeder Handlung aber, die wir übernehmen, haben wir drei Dinge zu beobachten: zuerst, daß das Begehrungsvermögen der Vernunft Gehorsam leiste, was für die Erfüllung der Pflichten das Förderlichste ist; sodann, daß man erwäge, von welcher Wichtigkeit der Gegenstand sei, den man ausführen will, um nicht mehr und nicht weniger Sorgfalt und Mühe darauf zu verwenden, als die Sache erfordert; der dritte Punkt ist dafür Sorge zu tragen, daß in dem, was zu einem anständigen Aeußeren und zu einer edlen Würde gehört, das richtige Maß beobachtet werde. Das beste Maß aber liegt gerade darin, daß wir uns an den Anstand halten, von dem wir zuvor gesprochen haben, und nicht darüber hinaus gehen. Das wichtigste unter diesen drei Stücken jedoch ist die Unterwerfung des Begehrungsvermögens unter die Herrschaft der Vernunft.

XL. 142. ZunächstS. oben Kap. 35, §. 124. zu Anfang. ist von der Ordnung in den Handlungen und von der Berücksichtigung des schicklichen Zeitpunktes zu reden. Dieß ist in der Wissenschaft enthalten, welche die Griechen ευταξία nennen, aber nicht in der Bedeutung des Wortes, nach der wir es »Maßhaltung«modestiam; Maßhaltung entspricht hier am Besten dem Lateinischen Worte. übersetzen; denn in diesem Worte liegt der Begriff des Maßesquo in verbo modus inest.; sondern es ist jene ευταξία, unter der man die Beobachtung der Ordnung versteht. Wir könnten sie jedoch auch »Maßhaltung« nennen; denn der Begriff dieser wird von den Stoikern so aufgestellt: »Maßhaltung ist die Wissenschaft unsere Handlungen und Reden an ihren rechten Ort zu stellen.« So scheinen die Worte Ordnung und Stellung dieselbe Bedeutung zu haben. Denn auch die Ordnung erklären sie durch Zusammenstellung der Dinge an den passenden und geeigneten Orten; der Ort der Handlung ist aber nach ihrer Erklärung die für dieselbe gelegene Zeit. Die für die Handlung gelegene Zeit heißt Griechisch ευκαιρία, bei uns Gelegenheitoccasio.. Auf diese Weise bedeutet, wie gesagt, das Wort »Maßhaltung«, mit dem wir das Griechische übersetzen, die Wissenschaft der für die Handlungen passenden Zeiten. 143. Aber dieselbe Begriffsbestimmung kann von der Klugheit gelten, von der ich zu Anfang gesprochen habeS. oben Kap. 6.; hier aber haben wir es nur mit der Mäßigung, Selbstbeherrschung und ähnlichen Tugenden zu thun. Die Eigenschaften der Klugheit sind daher an ihrem Orte angeführt; jetzt aber müssen die Eigenschaften der Tugenden angeführt werden, von denen ich schon lange rede, die sich auf die Sittsamkeit und den Beifall derer beziehen, mit denen wir leben.

144.Man muß also bei unseren Handlungen eine solche Ordnung anwenden, daß, wie bei einer gleichmäßig ausgearbeiteten Rede, so auch im Leben Alles unter einander passe und übereinstimme. So ist es zum Beispiel unanständig und sehr fehlerhaft bei einer ernsten Angelegenheit Dinge anzubringen, wie sie bei Gastgelagen vorkommenKlotz und die meisten Herausgeber lesen: in re secera convivii dicta, d. h. Witze, wie sie bei Gastmählern gemacht werden. Ich lese mit Unger nach den besten Handschriften: convivio digna. Vgl. Cicer. de Orat. II. 6, 252: obscoenitas non solum non foro digna, sed ne convivio quidem liberorum., oder schlüpfrige Reden einzumischen. Ganz Recht hatte PeriklesUeber Perikles s. oben zu Kap. 30, §. 108. Anm. 221., daß er dem SophoklesSophokles, der berühmte Tragiker der Athener, wurde im J. 440 v. Chr. im Kriege gegen Samos mit Perikles zum Feldherrn erwählt., seinem Amtsgenossen in der Feldherrenwürde, der bei einer Zusammenkunft wegen eines gemeinsamen Geschäftes, als zufällig ein schöner Knabe vorüberging, ausrief: »Siehe da den schönen Knaben, Perikles!« entgegnete: »Wie, Sophokles? Für einen Feldherrn ziemt es nicht allein die Hände, sondern auch die Augen enthaltsam zu haben.« Hätte Sophokles die nämliche Aeußerung bei einer Prüfung von Kämpfern gethan, so wäre er von jedem gerechten Tadel frei gewesen. Eine solche Bedeutung haben Ort und Zeit. Wenn zum Beispiel Jemand, der einen Rechtshandel zu führen hat, auf der Reise oder auf einem Spaziergange bei sich darüber nachsänne oder sonst Etwas mit großer Aufmerksamkeit überdächte; so würde er keinen Tadel verdienen; thäte er hingegen das Nämliche bei einem Gastmahle, so würde er wegen seiner Unkunde die Zeit zu unterscheiden für einen ungebildeten Menschen gelten.

145.Aber die groben Verstöße gegen ein feines Benehmen, wie zum Beispiel, wenn Jemand auf dem Forum sänge oder irgend etwas sehr Verkehrtes thäte, fallen leicht ins Auge und bedürfen keiner ausdrücklichen Erinnerung und besonderer Vorschriften; hingegen von den anscheinend unbedeutenden Verstößen, die von Vielen gar nicht bemerkt werden, muß man sich sorgfältig fern halten. Sowie beim Saitenspiele oder bei Blasinstrumenten auch der geringste Mißton von dem Kenner bemerkt zu werden pflegt, so muß man auch leben und keinen Mißton in seinem Leben zeigen, ja in noch weit höherem Grade, je wichtiger und schöner der Einklang in den Handlungen als in den Tönen ist.

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