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Cicero's drei Bücher von den Pflichten

Marcus Tullius Cicero: Cicero's drei Bücher von den Pflichten - Kapitel 7
Quellenangabe
typetractate
authorRaphael Kühner
firstpub1859
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleCicero's drei Bücher von den Pflichten
created20060118
sendergerd.bouillon
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XXI. So haben also die nach Macht Strebenden und die eben Genannten, die ein ruhiges, von Staatsgeschäften freies Leben führen, ein gemeinsames Ziel; nur glauben die Ersteren dasselbe zu erreichen, wenn sie großes Vermögen besitzen; die Letzteren, wenn sie mit ihrer, wenn auch kleinen, Habe zufrieden sind. Beider Ansichten sind in dieser Beziehung nicht gänzlich zu verwerfen; indeß bequemer und sicherer, auch für Andere minder beschwerlich und lästig ist das Leben derer, die sich vom öffentlichen Leben zurückziehen; hingegen fruchtbarer für das Menschengeschlecht und geeigneter Ruhm und Ansehen zu gewinnen ist das Leben derer, die sich dem Staatsdienste und der Ausführung großer Thaten widmen.

71. Daher dürfen wol Männer, die sich bei ausgezeichnetem Geiste den Wissenschaften ergeben, Entschuldigung finden, wenn sie an Staatsgeschäften keinen Antheil nehmen, sowie auch die, welche sich wegen schwächlicher Gesundheit oder aus einem anderen wichtigen Grunde vom Staatsdienste zurückziehen, indem sie Anderen die Macht der Staatsverwaltung und den damit verbundenen Ruhm überlassen. Wer aber, ohne alle Gründe zu haben, sagt, er verachte das, was in den Augen der Menge Gegenstand der Verwunderung ist, Befehlshaberstellen und Staatsämter, der verdient nach meinem Dafürhalten nicht nur kein Lob, sondern sogar Tadel. Das Urtheil solcher Menschen dürfte man allerdings insofern schwerlich mißbilligen, als sie den Ruhm gering schätzen und für Nichts achten; allein es scheint, als ob sie Scheu hätten vor Mühen und Beschwerden, dann vor einer Art von Beschimpfung und Schande, die mit fehlschlagenden Bewerbungen und Abweisungen verbunden ist. Denn es gibt Menschen, die sich bei entgegengesetzten Umständen zu wenig gleich bleiben: sie verachten die Sinnenlust auf das Strengste, zeigen sich aber im Schmerze weichlich; sie schätzen den Ruhm gering, lassen sich aber durch Beschimpfung niederbeugen, und selbst hierin verfahren sie nicht gleichmäßig genug.

72. Indeß wer von der Natur die zum Staatsdienste erforderlichen Mittel erhalten hat, dem kommt es zu sich ohne alles Bedenken um Staatsämter zu bewerben und an der Staatsverwaltung Theil zu nehmen. Denn sonst könnte ja weder die Leitung des Staates bestehen, noch hochherzige Gesinnung sich äußern. Die Staatsmänner müssen sich aber ebenso, wie die Philosophen, ja vielleicht in noch höherem Grade, Hochherzigkeit und die schon oft erwähnte Geringschätzung irdischer Dinge, sowie auch Ruhe und Sorglosigkeit des Gemüthes aneignen, wenn anders sie frei von Aengstlichkeit sein und mit Würde und Charakterfestigkeit leben wollen. 73. Den Philosophen wird dieß leichter, weil ihr Leben weniger Seiten darbietet, die den Schlägen des Schicksals ausgesetzt sind, und weil sie weniger Bedürfnisse haben und beim eintretenden Mißgeschicke keinen so schweren Fall thun können. Darum werden natürlich bei den Staatsmännern stärkere Gemüthsbewegungen und größere Geschäftssorgen angeregt als bei den in Ruhe Lebenden. UmIn der Ausgabe von Klotz ist so interpungirt: Quocirca ... rem publ. gerentibus quam quietis, quo magis. Ich setze mit Gernhard nach quietis ein Punkt. Quo magis steht für. eo magis igitur. so mehr müssen sich daher jene Seelengröße und Freiheit von aller Aengstlichkeit aneignen.

Uebrigens wer sich dem Staatsleben widmen will, der mag nicht bloß erwägen, wie ehrenvoll dieser Beruf sei, sondern auch, ob er die Fähigkeit besitze ihn zu erfüllen, und gerade hierbei muß man sich vorsehen, daß man nicht ohne Grund aus Feigheit verzweifle oder aus Begierde ein zu großes Selbstvertrauen habe. Bei allen Geschäften aber ist es nöthig, bevor man daran geht, sorgfältige Vorbereitung anzuwenden.

XXII. 74. Uebrigens da man gemeiniglich die Ansicht hat, die Thaten des Krieges hätten einen höheren Werth als die der inneren Staatsverwaltung; so muß ich dieses Vorurtheil entkräften. Viele nämlich haben bloß aus Ruhmbegierde Kriege gesucht, und das ist gemeiniglich bei großen Geistern und ausgezeichneten Köpfen der Fall, und zwar um so mehr, wenn sie Geschicklichkeit zum Kriege haben und ein heftiges Verlangen nach Kriegführung in sich fühlen. Wollen wir indeß hierin ein richtiges Urtheil fällen, so werden wir sehen, daß die Werke der inneren Staatsverwaltung an Wichtigkeit und Ruhm die Thaten des Krieges überragen. 75. Mag man zum Beispiel den ThemistoklesThemistokles, Heerführer der Athener in dem Kriege gegen Xerxes, erfocht 480 v. Chr. einen glänzenden Sieg über die Persische Flotte bei Salamis, einer Insel bei Attika, und rettete dadurch Griechenland. Ueber seine Schlauheit vgl. I. 30, 108. noch so sehr preisen, und zwar mit Recht, mag sein Name den Solon'sSolon, Gesetzgeber der Athener (um 570 v. Chr.), gab dem Areopag, dem ältesten Gerichtshofe zu Athen, der von Cecrops gegründet sein soll, eine bessere Einrichtung, so daß er nicht bloß ein Gerichtshof, sondern auch eine Rathsversammlung war. überstrahlen, mag Salamis als Zeugin des herrlichsten Sieges angeführt und der Einrichtung des Areopags, welche Athen der Weisheit Solon's zu verdanken hat, vorgezogen werden: dennoch muß man dieses Werk nicht als minder vortrefflich ansehen als jenes. Denn jenes hat dem Staate nur Einmal genutzt, dieses wird ihm immerAuch noch zu Cicero's Zeiten bestand der Areopag. nützen. Diese Rathsversammlung ist es ja, die die Gesetze der Athener und die Einrichtungen der Vorfahren erhält. Und Themistokles dürfte keine Handlung anführen können, durch die er den Areopag unterstützt hätte; wohl aber weiß dieser, daß er in Wahrheit den Themistokles unterstützt hat. Denn der Krieg wurde nach dem Rathe des Senates geführtWie der Areopag auf die Führung des Krieges eingewirkt habe, läßt sich nicht bestimmen; doch erwähnt Plutarchus aus dem Aristoteles in der Lebensbeschreibung des Themistokles, Kap. 10, Folgendes: Ουκ όντων δημοσίων χρημάτων τοι̃ς ’Αθηναίοις..., τὴν εξ ’Αρείου πάγου βουλὴν πορίσασαν εκάστω τω̃ν στρατευομένων οκτὼ δραχμὰς αιτιωτάτην γενέσθαι του̃ πληρωθη̃ναι τὰς τριήρεις., den Solon eingesetzt hatte. 76. Dasselbe ließe sich auch von PausaniasPausanias, Feldherr der Spartaner, besiegte die Persier unter Mardonius in der Schlacht bei Platää in Böotien 479 v. Chr. und LysanderLysander, Feldherr der Spartaner, besiegte die Athener in der Schlacht bei Aegospotamos im Hellesponte 450 v. Chr., machte durch Eroberung Athens dem Peloponnesischen Kriege ein Ende (404) und brachte die oberste Gewalt Griechenlands in die Hände der Spartaner. behaupten. Obgleich man ihren Thaten die VergrößerungIn den Handschriften ist hier ein Wort ausgefallen; es steht nämlich in denselben: quorum rebus gestis quanquam imperium Lacedaemonis putatur. Diese Lücke wird in einigen geringeren Handschriften durch den Zusatz dilatatum oder auctum oder amplificatum ausgefüllt. der Herrschaft von Lacedämon zuschreibt, so lassen sie sich doch nicht im Entferntesten mit den Gesetzen und der Staatsverfassung des LykurgusLykurgus, Gesetzgeber der Lacedämonier (888 v. Chr.), hatte in seiner Gesetzgebung durch eine strenge Zucht und Abhärtung für die Tüchtigkeit der Bürger im Kriege gesorgt. vergleichen. Ja gerade diese waren die Ursache, daß in ihren Heeren größere Folgsamkeit und Tapferkeit herrschte. Mir wenigstens schien weder in meiner Jugend Marcus ScaurusMarcus Aemilius Scaurus, 115 v. Chr. Consul, ein großer Staatsmann und Rechtsgelehrter. dem Gajus MariusGajus Marius, der den Jugurtha, König von Numidien, dann die Cimbern und Teutonen (101 v. Chr.) besiegte und 88–86 den Bürgerkrieg gegen Sulla führte., noch zu der Zeit, als ich an der Verwaltung des Staates Theil nahm, Quintus CatulusQuintus Lutatius Catulus leistete als Consul (77 v. Chr.) auf das Nachdrücklichste seinem Amtsgenossen Lepidus Widerstand, der nach dem Tode des Sulla durch seine verderblichen Anordnungen einen neuen Bürgerkrieg hervorzurufen schien. Cicer. in Pison. 3, 6: M. Q. Catulus, princeps hujus ordinis (senatorii) et auctor publici consilii frequentissimo senatu parentem patriae nominavit. dem Gnäus PompejusGnäus Pompejus, mit dem Beinamen der Große, berühmt als Feldherr durch die Kriege in Spanien, gegen die Gladiatoren, gegen die Seeräuber, gegen Mithridates und Tigranes; bei Pharsalus wurde er von Cäsar besiegt und in Aegypten durch die Treulosigkeit des Aegyptischen Königs getödtet (49 v. Chr.). nachzustehen. Denn wenig wollen draußen die Waffen bedeuten, wenn daheim die Einsicht fehlt. Auch AfricanusPublius Cornelius Scipio Africanus, der Jüngere, Sohn des Lucius Aemilius Paullus, daher Aemilianus genannt, adoptirt von dem Sohne des älteren Scipio Africanus, berühmt als Zerstörer Karthago's 146 v. Chr. und Numantia's 133., ausgezeichnet als Mensch und Heerführer, nützte dem Staate nicht mehr durch die Zerstörung Numantia's, als zu gleicher Zeit Publius NasicaPublius Cornelius Scipio Nasica, mit dem Beinamen Serapion, 139 v. Chr. Consul, tödtete als Privatmann 133 den Tiberius Sempronius Gracchus, älteren Sohn des Tiberius Sempronius Gracchus und der Cornelia, als er als Volkstribun durch die Ackergesetze einen Aufruhr erregte., da er als Privatmann den Tiberius Gracchus aus der Welt schaffte. Wiewol diese That nicht allein dem Bereiche der friedlichen Staatsverwaltung angehört; sie berührt auch die kriegerische Thätigkeit; denn sie wurde mit Gewalt und bewaffneter Hand vollbracht; gleichwol selbst dieses wurde durch Staatsklugheit ohne Mitwirkung eines Kriegsheeres ausgeführt.

77. Ganz recht verhält sich aber der Ausspruch, den, wie ich höre, übelgesinnte und neidische Menschen anzugreifen pflegen:

Weicht, o Waffen, der Toga, du, Lorbeer, dem Ruhme des BürgersIm Jahre 63 v. Chr. stattete der Senat dem Cicero in den ehrenvollsten Ausdrücken den öffentlichen Dank ab für die Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung. In Beziehung auf diesen Akt machte Cicero den angeführten Vers, der natürlich von seinen Gegnern vielfach angegriffen wurde.!

Denn, um andere Beispiele zu übergehen, mußten nicht damals, als ich am Ruder des Staates saß, die Waffen der Toga weichen? Nie war ja der Staat einer schwereren Gefahr ausgesetzt, und nie genoß er größerer Ruhe. So entglitten durch meine Maßregeln und meine Sorgsamkeit schnell wie von selbst den Händen der verwegensten Bürger die Waffen und fielen zu Boden. Wo ist nun jemals im Kriege eine solche That ausgeführt worden? Wo findet sich ein Triumph, der sich damit vergleichen ließe? Ich darf mich wol gegen dich, mein lieber Sohn Marcus, dessen rühmen; du sollst ja der Erbe meines Ruhmes und der Nachahmer meiner Thaten sein. 78. Wenigstens Gnäus Pompejus, ein durch Kriegsthaten höchst ausgezeichneter Mann, ertheilte mir in Vieler Gegenwart das Lob, daß er erklärte, vergebens würde er seinen dritten TriumphIm Jahre 61 v. Chr. über Mithridates, König von Pontus, und Tigranes, König von Armenien. davon getragen haben, wenn ihm nicht durch mein Verdienst um den Staat die StätteCatilina hatte nämlich die Absicht gehabt die Stadt Rom einzuäschern; Pompejus würde also bei seiner Rückkehr aus Asien (60 v. Chr.) für seinen Triumph keine Stätte mehr gefunden haben, wenn Cicero Catilina's Plan nicht vereitelt hätte. erhalten worden wäre, wo er triumphiren konnte.

Also stehen Thaten der Tapferkeit in der inneren Verwaltung des Staates denen im Kriege nicht nach; ja auf jene ist noch mehr Mühe und Eifer zu verwenden als auf diese.

XXIII. 79. Ueberhaupt ist jene sittliche Würde, die wir durch Erhabenheit des Geistes und durch Hochherzigkeit zu gewinnen suchen, die Wirkung der geistigen und nicht der körperlichen Kräfte. Jedoch muß man den Körper üben und so gewöhnen, daß er bei Ausführung von Geschäften und bei Ertragung von Beschwerden den Entschlüssen der Vernunft Folge leisten kann. Aber das Sittlichgute, das der Gegenstand unserer Untersuchung ist, beruht ganz auf sorgsamer Bemühung des Geistes und auf Anwendung der Denkkraft, und in dieser Beziehung gewähren Männer, welche im Frieden der Leitung des Staates vorstehen, demselben ebenso großen Nutzen, wie die, welche seine Kriege führen. So sind schon oft auf den Rath der Ersteren Kriege entweder vermieden oder beendigt, zuweilen auch unternommen worden, wie zum Beispiel der dritte Punische Krieg auf den Rath des Marcus CatoMarcus Porcius Cato, der Aeltere, mit dem Beinamen Censorius oder der Weise, war 196 v. Chr. Consul und 186 Censor, und als solcher übte er eine große Strenge aus. Auch als Feldherr, Staatsmann, Redner und Schriftsteller zeichnete er sich aus. Unter anderen Werken gab er ein Geschichtswerk heraus unter dem Namen Origines (Urgeschichte), worin er in sieben Büchern die Abstammung und Geschichte der Italischen Völker behandelte. Auch sein Werk de agricultura oder de rebus rusticis ist berühmt. I. 29, 104. wird von Cato eine Sammlung von αποφθέγματα (Kernsprüchen) und III. 29, 104. eine Rede erwähnt. Als Mitglied eines Untersuchungsausschusses nach Afrika geschickt, hatte er gesehen, wie sich Karthago von dem zweiten Punischen Kriege wieder erholt hatte und herrlich aufblühte. Von der Zeit an waren seine Gedanken auf die Zerstörung Karthago's gerichtet, und er pflegte seine Reden im Senate mit den Worten zu schließen: Ceterum censeo Karthaginem esse delendam (übrigens stimme ich für die Zerstörung Karthago's). Er starb 149 v. Chr., also drei Jahre vor der Zerstörung Karthago's 146., dessen Einfluß auf denselben auch noch nach seinem Tode wirksam war.

80. Darum soll uns bei Streitigkeiten die Entscheidung durch Vernunftgründe erwünschter sein als die Entscheidung durch WaffengewaltIm Lateinischen ist ein hübsches Wortspiel: decernendi ratio quam decertandi fortitudo.; nur müssen wir uns hüten dieß mehr aus Scheu vor Kriegführung als aus Rücksicht auf den allgemeinen Nutzen zu thun. Unternimmt man aber einen Krieg, so soll es sichtbar sein, daß man dabei keine andere Absicht habe als den Frieden zu suchen.

Das Wesen der Tapferkeit und Standhaftigkeit aber besteht darin, daß man bei mißlichen Umständen nicht in Verwirrung gerathe und in der Bestürzung sich nicht, wie man zu sagen pflegt, aus seiner Stellung verdrängen lassede gradu deici, ut dicitur. Diese sprüchwörtliche Redensart wurde eigentlich von den Kämpfern gebraucht, die von dem Gegner aus der eingenommenen Stellung verdrängt wurden., sondern Geistesgegenwart und Ueberlegung zeige und den freien Gebrauch der Vernunft nicht aufgebe. 81. Dieß sind die Eigenschaften des Muthes; zu einem großen Geiste gehört aber auch, daß man sich von der Zukunft im Voraus eine Vorstellung mache, geraume Zeit vorher die möglichen guten oder schlimmen Erfolge bestimme und wisse, welche Maßregeln man beim Eintreten eines Ereignisses zu ergreifen habe, und daher es nicht dahin kommen lasse, daß man einmal sagen müsse: »Das hätte ich nicht gedacht.« Das sind die Leistungen eines großen und erhabenen Geistes, der seiner Klugheit und Ueberlegung vertraut. Ohne Ueberlegung aber sich in der Schlacht herumtummeln und mit dem Feinde handgemein werden hat etwas Rohes und Thierisches; aber wenn die Zeit und Noth es fordert, muß man auch seinen Arm und sein Schwert brauchen und den Tod der Knechtschaft und Schande vorziehen.

XXIV. 82. In Betreff der Zerstörung und Plünderung der Städte muß man darauf sehen, daß man nicht ohne Ueberlegung, nicht mit Grausamkeit verfahre, und es ist die Pflicht eines großen Mannes nach vorangegangener Erwägung der Umstände die Schuldigen zu bestrafen, die Volksmenge zu erhalten und in jeder Lage des Lebens am Rechte und an der Tugend festzuhalten. Denn sowie es nach meiner obigen Bemerkung Leute gibt, welche die Thaten des Krieges den Geschäften der inneren Staatsverwaltung vorziehen; so findet man auch Viele, denen gefährliche und leidenschaftliche Entschlüsse glänzender und höher erscheinen als ruhige und überlegte. 83. Allerdings dürfen wir es niemals aus Scheu vor Gefahren dahin kommen lassen, daß man uns für feige und furchtsam hält; aber auch davor müssen wir uns in Acht nehmen, daß wir uns nicht ohne Grund Gefahren aussetzen, was die größte Thorheit wäre. Darum müssen wir bei gefährlichen Unternehmungen das Verfahren der Aerzte befolgen, welche leichte Kranke mit gelinden Mitteln behandeln, bei schweren Krankheiten hingegen sich genöthigt sehen gefährliche und bedenkliche Heilungsarten anzuwenden. Sowie es daher ein Unsinn wäre sich bei ruhigem Meere einen Sturm zu wünschen, so zeugt es von Weisheit dem Sturme auf jede Weise zu begegnen, und dieß alsdann um so mehr, wenn der Vortheil, der aus der glücklichen Ausführung der Sache hervorgeht, größer ist als der Nachtheil, der in dem Zustande der Unentschiedenheit liegt.

Gefährlich sind übrigens die Unternehmungen theils für die Unternehmer, theils für den Staat, und so kommt bei Einigen ihr Leben, bei Anderen ihr Ruhm und das Wohlwollen ihrer Mitbürger in Gefahr. Wir müssen daher bei solchen Gefahren entschlossener sein, welche unsere Person, als bei solchen, welche den ganzen Staat betreffen, und bereitwilliger Ehre und Ruhm auf's Spiel setzen als die übrigen Güter. 84. Es gibt aber Viele, die nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihr Leben für ihr Vaterland aufzuopfern entschlossen sind, an ihrem Ruhme hingegen nicht die geringste Einbuße leiden wollen, selbst nicht, wenn das Vaterland es fordert. So zum Beispiel KallikratidasKallikratidas, Befehlshaber der Lacedämonischen Flotte, wurde von den Athenern unter Konon bei den Arginusen, drei Inseln im Aegäischen Meere bei dem Vorgebirge Malea, Lesbos gegenüber, mit 120 Schiffen besiegt und verlor dabei sein Leben (406 v. Chr., im 26sten Jahre des Peloponnesischen Krieges). Uebrigens lautet bei Xenophon, Griech. Gesch. I. 6, 25, die Antwort des Kallikratidas minder tadelnswerth: Καλλικρατίδας δὲ ει̃πεν, ότι η Σπάρτη ουδὲν μὲν κάκιον οικει̃ται αυτου̃ αποθανόντος· φεύγειν δὲ αιρχρὸν ει̃ναι έφη. Zuvor hatte Kallikratidas Methymnä erobert, den Athenischen Feldherrn Konon bei Mitylene besiegt und die Stadt belagert., der, als Heerführer der Lacedämonier im Peloponnesischen Kriege, viele herrliche Thaten ausgeführt hatte, zuletzt aber Alles dadurch verdarb, daß er dem Rathe seine Flotte von den Arginusischen Inseln zurückzuziehen und sich in kein Treffen mit den Athenern einzulassen nicht Folge leistete. Die Lacedämonier, entgegnete er, könnten sich nach Verlust dieser Flotte eine andere anschaffen, er hingegen könne ohne persönliche Schande nicht fliehen. Doch dieser Schlag war für die Lacedämonier noch erträglich, verderblich aber der, als KleombrotusKleombrotus, König von Sparta mit Agesilaus, wurde von Epaminondas, dem Heerführer der Thebaner, bei Leuktra in Böotien besiegt (371 v. Chr.) und verlor sein Leben. Er hatte sich in das Treffen eingelassen, um sich von dem Verdachte, als halte er es mit den Thebanern, zu befreien. aus Furcht vor übler Nachrede unbesonnen dem Epaminondas ein Treffen lieferte, in Folge dessen die Macht der Lacedämonier zusammenstürzte. Wie viel edler handelte Quintus MaximusQuintus Fabius Maximus, im zweiten Punischen Kriege im J. 217 v. Chr. Dictator, rettete nach den unglücklichen Schlachten der Römer am Ticinus, an der Trebia und am Trasimenischen See den Römischen Staat dadurch, daß er einer Schlacht mit Hannibal auswich. Daher erhielt er den Beinamen Cunctator (d. i. Zauderer). Vgl. unten I. 30, 108.! von dem Enniusim zwölften Buche seiner Annalen, s. Macrob. Saturn. VI, 1. Ueber Ennius s. zu I. 8, 26. sagt:

Ein Mann hat uns wieder den Staat durch Zaudern gerettet;
Denn er setzte der Menschen Geschwätz nicht über das Staatswohl.
Darum strahlet je länger je heller der Name des Helden.

Vor diesem Fehler muß man sich auch in Sachen der inneren Staatsverwaltung in Acht nehmen. Denn es gibt Menschen, die ihre Ansichten, wenn sie auch die besten wären, aus Furcht sich verhaßt zu machen nicht auszusprechen wagen.

XXV. 85. Ueberhaupt mögen diejenigen, welche sich dem Staate widmen wollen, zwei Vorschriften Plato's beachten: die einePlato. de Rep. I. p. 343, A.: Ουδεὶς εν ουδεμια̃ αρχη̃, καθ' όσον άρχων εστί, τὸ αυτω̃ ξυμφέρον· σκοπει̃ ουδ' επιτάττει, αλλὰ τὸ τω̃ αρχομένω καὶ ω̃ ὰν αυτὸς δημιουργη̃, καὶ πρὸς εκει̃νω βλέπων καὶ τὸ εκεινω ξυμφέρον καὶ πρέπον καὶ λέγει ὰ λέγει καὶ ποιει̃ ὰ ποιει̃ άπαντα., sie sollen den Nutzen der Bürger so in's Auge fassen, daß sie alle ihre Handlungen auf denselben beziehen, ohne an die eigenen Vortheile zu denken; die anderede Rep. IV. p. 420, B: Ου μὴν πρὸς του̃το βλέποντες τὴν πόλιν οικίζομεν, όπως έν τι ημι̃ν έθνος έσται διαφερόντως έτοιμον, άλλ' όπως μάλιστια όλη η πόλις., sie sollen für den ganzen Staatskörper Sorge tragen und nicht, während sie nur irgend einen Theil in's Auge fassen, die übrigen verabsäumen. Denn sowie eine Vormundschaft, so ist auch die Verwaltung des Staates zum Nutzen derer, die Einem anvertraut sind, nicht aber derer, denen sie anvertraut ist, zu führen. Wer aber für einen Theil der Bürger sorgt, einen anderen vernachlässigt, der bringt das größte Verderben über den Staat, Empörung und Zwietracht, und so kommt es, daß Einige für Volksfreunde, Andere für Anhänger der Vornehmen gelten, nur Wenige aber für Freunde der gesammten Bürgergemeinde. 86. Daher bei den Athenern so viele Beispiele großer Zwietracht und in unserem Staate nicht allein Empörungen, sondern auch verderbliche Bürgerkriege.

Solche Fehler wird der gesetzte und wackere Bürger, der an der Spitze des Staates zu stehen verdient, meiden und verabscheuen, sich mit ganzer Seele dem Staate widmen und nicht nach Einfluß und Macht streben, sondern das Ganze so in's Auge fassen, daß er für Alle sorgt. Noch weniger wird er durch falsche Beschuldigungen irgend einem Menschen Haß oder üble Nachrede zuziehen, sondern durchweg der Gerechtigkeit und Tugend so anhangen, daß er sich, wenn er nur diese bewahren kann, selbst den größten Widerwärtigkeiten aussetzt, ja selbst eher den Tod erleidet als die erwähnten Grundsätze aufgibt.

87. Höchst kläglich ist überhaupt die Ehrsucht und das wetteifernde Streben nach Ehrenämtern, worüber gleichfalls bei PlatoPlat. de Rep. VI. p. 488, B: Ναύτας στασιάζοντας πρὸς αλλήλους περὶ τη̃ς κυβερνήσεως, έκαστον οιόμενον δει̃ν κυβερνα̃ν. und p. 489, C.: τοὺς νυ̃ν πολιτικοὺς άρχοντας απεικάζων οι̃ς άρτι ελέγομεν ναύταις ουχ αμαρτήση. vortrefflich geschrieben steht: »Zwei Männer, die sich streiten, wer von ihnen vielmehr den Staat verwalten solle, verfahren ähnlich, wie wenn Seefahrer sich zanken, wer von ihnen vornehmlich das Steuerruder führen solle.« Auch gibtVgl. Plat. Legg. IX. p. 856, B. de Rep. VIII. p. 567, C. er die Vorschrift, daß wir diejenigen für unsere Gegner erachten sollen, welche die Waffen gegen uns führen, nicht aber diejenigen, welche nach ihrer Einsicht das Beste des Staates wahrnehmen wollen. Eine solche Meinungsverschiedenheit herrschte ohne Bitterkeit zwischen Publius AfricanusPublius Cornelius Scipio Africanus, der Jüngere. S. zu Kap. 22, § 76, Anm. 171. und Quintus MetellusQuintus Cäcilius Metellus, mit dem Beinamen Macedonicus, weil er nach Besiegung des Andriskus Macedonien zu einer Römischen Provinz machte (148 v. Chr.); im J. 143 war er Consul. Er hatte vier Söhne, die alle Consuln waren. Worauf sich übrigens die hier angedeutete Meinungsverschiedenheit des Metellus und des Scipio beziehe, läßt sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln. S. Beier zu dieser Stelle..

88.Auch darf man gar nicht auf die hören, welche meinen, man müsse den FeindenEs sind hier politische Feinde zu verstehen. heftig zürnen, und darin das Wesen einer muthigen und kraftvollen Seele erblicken. Denn es ist Nichts lobenswerther, Nichts eines großen und vorzüglichen Mannes würdiger als Versöhnlichkeit und Milde. Bei freien Völkern vollends, wo Gleichheit des Rechtes herrscht, muß man sich auch Leutseligkeit und eine gewisse Kaltblütigkeitaltitudo animi, quae dicitur, Kaltblütigkeit, da diese die Gefühle in der Tiefe der Seele verschließt und sich die innere Bewegung nicht anmerken läßt, wie sich Unger richtig ausdrückt. Die Herausgeber vergleichen Cicer. Part. orat. 22, 77. Sall. Jug. 95, 3. Tac. Annal. III, 44 und das Griechische βαθύζης (Cicer. ad Attic. V, 10). aneignen, um nicht, wenn wir uns über unzeitigen Besuch oder unverschämte Bitten erzürnen, in ein grämliches Wesen zu verfallen, das zu Nichts nützt und sehr anstößig ist. Indeß darf man die Sanftmuth und Milde nur mit der Einschränkung billigen, daß zum Besten des Staates auch Strenge dazu genommen werde, ohne welche ein Staat nicht verwaltet werden kann. Jede Ahndung und Zurechtweisung muß aber von Beschimpfung frei sein und sich nicht auf den Nutzen des Strafenden oder mit Worten Zurechtweisenden, sondern auf das Beste des Staates beziehen. 89. Auch muß man sich davor hüten, daß die Strafe nicht größer sei als das Vergehen, und daß nicht bei gleichen Fällen die Einen Strafe erleiden, die Anderen dagegen nicht einmal zur Rede gesetzt werden.

Ganz besonders aber muß man den Zorn beim Strafen fernhalten. Denn wer im Zorne zum Strafen schreitet, wird nie jene Mittelstraße halten, die zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig liegt, und die von den PeripatetikernUeber die Peripatetiker s. zu Kap. II. §. 6, Anm. 69. Sie billigten die mittleren Zustände der Leidenschaften und sagten zum Beispiel, der Zorn sei ein Wetzstein der Tugend. S. Cicer. Tusc. IV, Kap. 18 u ff., und zwar mit Recht, gebilligt wird, nur sollten sie nicht den Zorn loben und sagen, er sei uns zum Nutzen von der Natur gegeben. Im Gegentheil ist dieser in allen Handlungen verwerflich, und es wäre zu wünschen, daß die Lenker der Staaten den Gesetzen ähnlich wären, welche nicht aus Zorn, sondern nach Billigkeit die Strafe zuerkennen.

XXVI. 90. Auch im Glücke und wenn uns Alles nach unserem Wunsche geht, mögen wir recht angelegentlich Stolz, Hochmuth und Anmaßung meiden. Denn Unglück wie Glück ohne Mäßigung ertragen können verräth Charakterlosigkeit, und etwas Vortreffliches ist der Gleichmuth im ganzen Leben und die stets unveränderte Miene und Stirn, wie wir von SokratesCicer. Tusc. III. 15, 31: »Das ist jene immer gleichbleibende Miene, welche, wie man erzählt, Xanthippe an ihrem Manne Sokrates zu rühmen pflegte, indem sie sagte, sie habe ihn immer mit derselben Miene ausgehen und wieder heimkehren sehen.« und gleichfalls von Gajus LäliusGajus Lälius, mit dem Beinamen der Weise, 140 v. Chr. Consul, ein Freund des jüngeren Scipio Africanus. Cicero's Schrift über die Freundschaft ist nach ihm Laelius benannt. Sein heiterer Sinn wird auch weiter unten Kap. 30, §. 108, erwähnt. Vergl. p. Mur. 31, 66: Quis vero C. Laelio comior, quis jucundior? Ueber seine Thätigkeit als Feldherr s. zu vernommen haben. PhilippusPhilippus, Sohn des Amyntas, König von Macedonien 360–336 v. Chr. Gellius N. A. IX. 3.: (Philippum) a liberali Musa et a studiis humanitatis nunquam afuisse, quin lepide comiterque pleraque et faceret et diceret. Vgl. unten II. 14. 48. 15. 53. Justin. IX, 4. und c. 8: (Alexander fuit) et virtute et vitiis patre major. – Iram pater dissimulare, plerumque etiam vincere; hic ubi exarsisset, nec dilatio ultionis nec modus erat etc., König von Macedonien, wurde, wie ich sehe, an Großthaten und Ruhm von seinem Sohne übertroffen, an Leutseligkeit und Menschenfreundlichkeit aber stand er höher. Daher zeigte sich der Erstere immer groß, der Letztere hingegen oft sehr schimpflich. Richtig erscheint daher die Vorschrift, daß, je höher wir stehen, desto herablassender wir uns benehmen sollen.

Panätius Ueber Panätius (s. zu I. 2, 7, Anm. 71). erzählt von seinem Schüler und Freunde AfricanusAfricanus, der Jüngere. (S. zu I. 22, 76. Anm. 171.), er habe öfters geäußert, sowie man Rosse, die wegen häufigen Schlachtengetümmels wild und unbändig geworden sind, den Bereitern zu übergeben pflege, um sie leichter behandeln zu können, so solle man Menschen, die durch ihr Glück zügellos und vermessen geworden sind, so zu sagen, in den Kreisritt der Vernunft und Wissenschaft bringen, damit sie die Hinfälligkeit alles Irdischen und den Wechsel des Glückes einsähen.

91. Und gerade im größten Glücke muß man am Meisten auf den Rath der Freunde hören und ihnen noch mehr Einfluß auf uns einräumen als zuvor. Auch müssen wir uns unter solchen Umständen hüten Schmeichlern unser Ohr zu öffnen und uns schmeicheln zu lassen; denn hierbei ist Selbsttäuschung so leicht. Wir dünken uns nämlich so vortrefflich zu sein, daß wir das Lob verdienen, und hieraus entspringen unzählige Fehltritte, indem Menschen, die durch eine hohe Meinung von sich aufgeblasen sind, Gegenstand schimpflichen Gespöttes werden und sich dabei in der größten Täuschung befinden. Doch genug hiervon.

92. Um nun aber den besprochenen Gegenstand zusammenzufassen, so läßt sich darüber folgendes Urtheil aussprechen: Allerdings werden die wichtigsten und hochherzigsten Thaten von den Männern ausgeführt, welchen die Leitung der Staatsangelegenheiten obliegt, weil die Verwaltung des Staates die umfassendste Ausdehnung hat und auf die größte Anzahl von Menschen Einfluß übt; aber auch in dem von Staatsgeschäften freien Leben gibt und gab es Viele, welche wichtige Forschungen und Versuche machten und sich doch nur auf den Bereich ihrer eigenen Angelegenheiten beschränkten, oder welche, zwischen den Philosophen und Staatsmännern in der Mitte stehend, an der Verwaltung ihres Vermögens Vergnügen fanden, jedoch so, daß sie dasselbe nicht auf jede mögliche Weise vergrößerten und von dessen Genusse ihre Angehörigen ausschlossen, sondern vielmehr den Freunden und dem Staate im Falle der Noth davon mittheilten.

Das Vermögen muß aber erstlich rechtmäßig erworben sein durch keinen schimpflichen und gehässigen Gewinn, zweitens möglichst vielen Menschen, doch nur solchen, welche es verdienen, sich nützlich erweisen; endlich durch kluge Berechnung, Fleiß und Sparsamkeit vermehrt werden, und nicht darf es der Ausschweifung und der Ueppigkeit vielmehr als der Freigebigkeit und Wohlthätigkeit dienen. Wer diese Vorschriften beobachtet, dem ist es gestattet auf eine edle, würdige und männliche Weise zu leben und damit zugleich Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Menschenfreundlichkeit zu verbinden.

XXVII. 93. Wir haben nun von dem Einen noch übrigen Theile des Sittlichguten zu reden, in dem Sittsamkeit und die Tugenden liegen, die dem Leben eine gewisse Zierde verleihen, nämlich Selbstbeherrschung und Mäßigung, sowie jede Beruhigung der Leidenschaften und das rechte Maß in Allem. Hierher gehört das, was in unserer Sprache das Anständigedecorum. genannt werden kann; denn Griechisch heißt es πρέπον. Sein Wesen ist von der Art, daß es sich vom Sittlichguten nicht absondern läßt. 94.Denn was wohl ansteht, ist sittlichgut, und was sittlichgut ist, steht wohl an. Worin aber der Unterschied zwischen dem Sittlichguten und dem Anständigen bestehe, kann leichter gedacht als dargelegt werden. Denn was nun immerhin das Anständige sein mag, es äußert sich stäts nur dann, wenn das Sittlichgute vorangegangen ist. Daher äußert sich das Anständige nicht nur in diesem TheileNämlich der Mäßigung. des Sittlichguten, von dem wir hier reden müssen, sondern auch in den drei vorhergehendenKlugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit.. Denn seine Vernunft und seine Rede mit Einsicht gebrauchen und mit Ueberlegung thun, was man thut, und in Allem das Wahre sehen und behaupten ist anständig, dagegen sich täuschen, irren, straucheln, sich berücken lassen ist ebenso unanständig als wahnsinnig und verrückt sein. Ferner alle gerechten Handlungen sind anständig, die ungerechten hingegen wie unsittlich so unanständig. Ein gleiches Verhältniß zeigt sich bei der Tapferkeit. Denn was auf männliche Weise und mit Hochherzigkeit geschieht, das erscheint als würdig des Mannes und anständig, das Gegentheil wie unsittlich so unanständig.

95. Daher steht das, was ich das Anständige nenne, mit der sittlichen Güte überhaupt in Verbindung, und zwar in so naher Verbindung, daß es nicht erst durch tiefsinniges Nachdenken erkannt wird, sondern in die Augen springt. Denn es ist ein bestimmtes Etwas und wird in jeder Tugend bemerkt; es läßt sich aber mehr in Gedanken als in Wirklichkeit von der Tugend absondern. Sowie sich die körperliche Anmuth und Schönheit von der Gesundheit nicht trennen läßt, so ist das Anständige, von dem wir reden, ganz und gar mit der Tugend verschmolzen und läßt sich nur im Verstande und in der Vorstellung unterscheiden.

96.Die Begriffsbestimmung desselben ist doppelt. Entweder verstehen wir nämlich darunter das allgemeine Anständige, das sich in der Sittlichkeit überhaupt befindet, oder ein anderes diesem Untergeordnetes, das sich auf die einzelnen Theile der Sittlichkeit bezieht. Das erstere pflegt man so zu bestimmen: Das Anständige ist das, was der Erhabenheit des Menschen angemessen ist, inwiefern sein Wesen sich von den übrigen lebenden Geschöpfen unterscheidet. Die dieser Gattung untergeordnete Art bestimmt man so: Das Anständige ist das, was unserer Natur insofern angemessen ist, als sich darin Mäßigung und Selbstbeherrschung mit einer gewissen edlen äußeren Haltung zeigt.

XXVIII. 97. Daß man dieß darunter verstehe, können wir aus dem Anständigen abnehmen, nach dem die Dichter streben, worüber an einer anderen StelleDieser Gegenstand gehört den Lehrbüchern über Dichtkunst oder auch der Redekunst an, wie auch Cicero denselben im Orator. cap. XXII, §. 74 berührte. weitläufiger gesprochen zu werden pflegt. Aber von den Dichtern sagen wir, daß sie dann das Anständige beobachten, wenn sie die Personen ihrem Charakter gemäß handeln und reden lassen. Zum Beispiel, wenn AeakusAeakus, des Jupiter und der Aegina Sohn, König von Aegina, wurde wegen der großen Gerechtigkeit, mit der er geherrscht hatte, nach seinem Tode von Pluto mit Minos und Rhadamanthus als dritter Richter der Unterwelt eingesetzt. oder MinosMinos, König von Kreta, wurde gleichfalls wegen seiner Gerechtigkeit nach seinem Tode zum Richter in der Unterwelt eingesetzt. sagte:

Hassen mag man mich, wenn man nur auch mich fürchtet,

oder:

Der Vater selbst wird seiner Kinder Grab,

so würde dieß als unverständig erscheinen, weil wir vernommen haben, daß sie gerecht gewesen sind. Wenn hingegen AtreusAtreus, Sohn des Pelops und der Hippodamia, Enkel des Tantalus, Gemahl der Aërope, der Tochter des Eurystheus, nach des Eurystheus Tode König von Mycenä, lebte mit seinem Bruder Thyestes in der größten Feindschaft. Aus Rache schlachtete er des Thyestes Söhne und setzte sie ihm zum Essen vor. Die angeführten Verse sind wahrscheinlich aus dem Atreus, Tragödie des Accius, eines tragischen Dichters der Römer (geb. 172 v. Chr.), entlehnt. diese Worte sagt, so erhebt sich Beifallklatschen; denn die Rede ist dem Charakter angemessen.

Doch die Dichter mögen bei Jedem nach seiner Rolle das Anständige beurtheilen; uns aber hat die Natur selbst eine Rolle angewiesen, die aus unserer Vorzüglichkeit und Erhebung über die übrigen Geschöpfe beruht. 98. Deßhalb mögen die Dichter bei der großen Mannigfaltigkeit der Charaktere auch auf die fehlerhaften Rücksicht nehmen und beurtheilen, was sich für diese eigne und gezieme; uns aber hat die Natur die Rolle der Standhaftigkeit, der Mäßigung, der Selbstbeherrschung und des Zartgefühls gegeben und lehrt uns zugleich in dem Benehmen gegen Andere nicht unachtsam sein. Dadurch wird uns der weite Umfang des Anständigen anschaulich gemacht, sowol dessen, das sich auf die Sittlichkeit überhaupt bezieht, als auch dessen, das sich in jeder einzelnen Art der Tugend zeigt. Denn sowie die körperliche Schönheit durch die passende Zusammenfügung der Glieder unser Auge anspricht und gerade dadurch auf dasselbe angenehm einwirkt, daß alle Theile untereinander zu einer gewissen Anmuth übereinstimmen; so erregt auch das Anständige, das im Leben hervorleuchtet, den Beifall derer, mit denen man lebt, durch Ordnung, Beständigkeit und Mäßigung in allen Reden und Handlungen.

99. Man muß daher auch im Benehmen gegen die Menschen sowol den besten als auch den übrigen eine gewisse Achtung beweisen. Denn Gleichgültigkeit gegen das Urtheil Anderer über uns zeugt nicht allein von Anmaßung, sondern auch von der äußersten Leichtfertigkeit. Uebrigens findet bei der Rücksicht auf die Menschen zwischen Gerechtigkeit und Zartgefühl ein Unterschied statt. Die Aufgabe der Gerechtigkeit ist die Menschen nicht zu verletzen, die des Zartgefühls ihnen keinen Anstoß zu geben, und gerade hierin zeigt sich das Wesen des Anstandes. Nach der gegebenen Erörterung wird, wie ich glaube, die Beschaffenheit dessen, was wir das Anständige nennen, deutlich sein.

100. Der Pflicht aber, die davon abgeleitet wird, liegt zuerst der Weg vor, der zur Uebereinstimmung mit der Natur und deren Bewahrung führt. Denn wenn wir dieser als Führerin folgen, so werden wir uns nie verirren, sondern vielmehr zu naturgemäßer Einsicht und Scharfsichtigkeit, zu der der menschlichen Natur angemessenen Geselligkeit und zu einem kräftigen und festen Wesen gelangen.

Aber am Wirksamsten zeigt sich das Wesen des Anstandes in dem Theile der Sittlichkeit, von dem wir jetzt reden. Denn nicht allein die Bewegungen des Körpers erhalten unseren Beifall, wenn sie der Natur entsprechen, sondern in noch weit höherem Grade die Aeußerungen der Seele, wenn sie gleichfalls der Natur angemessen sind.

101. Das Wesen der SeeleKlotz und Andere lesen mit dem cod. Groning.: Duplex est enim vis animorum atque natura. Ich habe die Lesart der übrigen Handschriften: D. e. e. vis animorum atque naturae beibehalten, die sich auch schon bei dem Kirchenvater Ambrosius De Offic. Clericor. I. 47, 228. findet: Non mediocris in his vis quaedam animi atque naturae est. I. d. 229: etsi vis quaedam naturae in omni appetitu sit, tamen idem appetitus rationi subjectus est lege naturae ipsius et obedit ei. Richtig erklärt G. Fr. Unger Cicero's Worte durch ein ὲν διὰ δυοι̃ν für: Duplex est enim vis naturae animorum. nämlich besteht in zwei Kräften: die eine ist das Begehrungsvermögen, das Griechisch ορμὴ heißt, das den Menschen hierhin und dorthin reißt; die andere ist die Vernunft, welche lehrt und erklärt, was zu thun oder zu lassen sei. Die Vernunft hat daher die Bestimmung zu herrschen, das Begehrungsvermögen hingegen zu gehorchen.

XXIX. Jede Handlung aber soll von Unbesonnenheit und Unachtsamkeit frei sein, und man darf Nichts thun, wovon man nicht einen vernünftigen Grund angeben kann. Das ist ja etwa die Begriffsbestimmung von PflichtS. oben I. 3, 7 und 8.. 102. Man muß es nämlich dahin zu bringen suchen, daß die Begierden der Vernunft gehorchen und ihr weder voraneilen noch aus Trägheit oder Feigheit hinter ihr zurückbleiben, und da sie ruhig und von aller Leidenschaft frei sind, und hieraus geht als sichtbare Folge Charakterfestigkeit und Mäßigung in ihrem ganzen Umfange hervor. Die Begierden nämlich, die zu weit ausschweifen und ungestüm, sei es im Begehren, sei es im Verabscheuen, sich durch die Vernunft nicht gehörig zurückhalten lassen, überschreiten ohne Zweifel Ziel und Maß. Denn sie sträuben sich heftig gegen den Gehorsam und fügen sich nicht der Vernunft, der sie durch das Naturgesetz unterworfen sind. Durch sie gerathen nicht nur die Seelen, sondern auch die Körper in Zerrüttung. Man mag nur die Gesichter der Erzürnten oder solcher sehen, welche durch Ausgelassenheit oder Furcht aufgeregt sind oder sich vor übertriebener Sinnenlust gewaltig gebärden; Miene, Stimme. Bewegung und Stellung sind an ihnen allen verändert.

103.Man sieht hieraus, um auf die besondere Art der Pflichtut ad officii formam revertamur. Die besondere Art der Pflicht, von der er eben gesprochen hat, ist die Mäßigung und das Anständige. zurückzukehren, daß man alle Begierden beschränken und beruhigen, sowie auch Aufmerksamkeit und Sorgfalt aufbieten muß, um Nichts unbesonnen, auf's Gerathewohl, unüberlegt und unachtsam zu thun. Die Natur hat uns ja nicht so geschaffen, daß man meinen dürfte, wir seien zu Spiel und Scherz bestimmt; nein, zum Ernste vielmehr und zu richtigeren und höheren Beschäftigungen sind wir bestimmt. Spiel und Scherz sind uns allerdings gestattet, jedoch, wie Schlaf und die anderen Erholungen, nur dann, wenn wir den wichtigen und ernsten Geschäften genügt haben. Und die Art des Scherzes selbst darf nicht ausgelassen und unmäßig sein; sie soll edel und anmuthig sein. Denn sowie wir den Kindern beim Spielen nicht unbeschränkte Freiheit lassen, sondern nur soweit sie sich nicht von den Handlungen der Sittlichkeit entfernt; so mag auch im Scherze selbst ein Schimmer eines rechtschaffenen Charakters durchleuchten.

104. Es gibt aber überhaupt zwei Arten des Scherzes; die eine ist unedel, ausgelassen, schandvoll, schmutzig, die andere geschmackvoll, fein, geistreich, anmuthig. Scherze dieser Art finden sich nicht nur bei unserem PlautusPlautus aus Sarsina in Umbrien, der geistreichste unter den Römischen Komikern, lebte zu Rom, geb. 227 v. Chr., gest. 184. Uebrigens will Cicero den Plautus und die Attischen Komiker nicht als Muster des feinen Scherzes bezeichnen; denn bekanntlich waren die Genannten auch nicht arm an unanständigen Scherzen; sondern er sagt nur, ihre Komödien sind reich an Beispielen des feinen Scherzes. und in der alten Attischen KomödieNamentlich Kratinus, Eupolis und Aristophanes, alle drei aus Athen, um 444 v. Chr., sondern auch in den Schriften der Sokratischen Philosophen, sowie auch viele witzige Einfälle von vielen Männern uns aufbewahrt sind, wie zum Beispiel die von dem alten CatoUeber Cato s. zu I. 23, 79. Anm. 176. veranstaltete Sammlung der sogenannten αποφθέγματααποφθέγματα, Lat. dicta, Franz. bonmots, Deutsch Sinnsprüche, Denkspüche, Kernsprüche.. Die edlen und die gemeinen Scherze lassen sich daher leicht unterscheiden. Die ersteren, wenn sie zu rechter Zeit gemacht werden, so daß dem Gemüthe eine Erholung bereitet wirdKlotz liest: si tempore fit, si remisso animo, [ ingenuo] homine dignus. Ich lese mit Unger nach zwei Handschriften: si tempore fit, ut sit (Guelph. 1 u. 2) remissio (Guelph. 1 u. Erlang.) animo, homine dignus. Die übrigen Handschriften haben: si tempore fit ut si remisso animo homine dignus. Beier und Andere: si tempore fit, remisso homine dignus; Zumpt nach dem si t. fit, remisso homine libero dignus (offenbar interpolirt)., ziemen sich für einen Mann; die letzteren aber stehen uns auch dann nicht an, wenn wir frei von Geschäften sind, sobald für unsittliche Gedanken schmutzige Worte gebraucht werden.

Auch beim Spiele müssen wir ein gewisses Maß halten, um nicht Alles in übertriebener Weise auszuschütten und im Taumel der Lust zu Unanständigkeiten herabzusinken. Uebrigens bieten unser MarsfeldAuf dem Marsfelde stellte die Römische Jugend allerlei gymnastische Uebungen, wie Reiten, Diskuswerfen, Ballspiel, Fechten, an. und die Uebungen der Jagd Gelegenheit zu anständigem Zeitvertreibe.

XXX. 105. Aber es ist für jede Untersuchung von dem, was Pflicht ist, wichtig, stäts vor Augen zu haben, welch einen großen Vorzug die menschliche Natur vor der der Thiere, der zahmen wie wilden, habe. Diese haben nur für sinnliche Lust Gefühl und streben danach mit allem Ungestüm; der menschliche Geist hingegen findet seine Nahrung im Lernen und Denken, immer erforscht oder thut er Etwas und wird durch das Vergnügen des Sehens und Hörens angezogen. Ja selbst, wenn Einer einen etwas großen Hang zu sinnlichen Vergnügungen hat, wenn er nur nicht zu den ganz viehischen Wollüstlingen gehört – es gibt ja Manche, die nicht in der That, sondern nur dem Namen nach Menschen sind –, wenn er, sag' ich, einiger Erhebung fähig ist, so sucht er aus Scham, wenn er sich auch noch so sehr von der Sinnenlust einnehmen läßt, das Streben nach sinnlichem Vergnügen zu verbergen und zu verleugnen.

106. Hieraus sieht man, daß das sinnliche Vergnügen der Vorzüglichkeit der menschlichen Natur nicht recht angemessen ist, daß es sich geziemt dasselbe zu verachten und zu verwerfen, und daß, wenn Einer einigen Werth auf das Vergnügen legt, er im Genusse desselben sorgfältig Maß halten muß. Daher mag man Kleidung und Pflege des Körpers auf Erhaltung der Gesundheit und der Kräfte beziehen, nicht aber auf das Vergnügen. Ja wahrlich, wenn wir erwägen wollen, was für eine Auszeichnung und Würde in der menschlichen Natur liege; so werden wir einsehen, wie schimpflich es ist in Ueppigkeit zu zerfließen und auf verzärtelte und weichliche Weise zu leben, wie ehrenwerth dagegen eine sparsame, enthaltsame, strenge und nüchterne Lebensart zu führen.

107. Auch muß man wissen, daß uns die Natur gleichsam zwei Rollen ertheilt hat. Die eine ist Allen gemeinsam, insofern wir alle an der Vernunft und dem Vorzuge Theil nehmen, durch den wir vor den Thieren hervorragen. Hieraus wird alle Sittlichkeit und aller Anstand abgeleitet, und hierin wird die Grundlage zur Auffindung der Pflicht gesucht. Die andere ist jedem Einzelnen eigentümlich zuertheilt. Sowie sich nämlich in dem Körper große Verschiedenheiten finden: wir sehen ja, wie die Einen sich durch Schnelligkeit im Laufe, Andere durch Stärke im Ringen auszeichnen, wie ferner in der Gestalt sich bei Einigen Würde, bei Anderen Anmuth zeigt: ebenso tritt auch im Geiste eine große, ja eine noch größere Mannigfaltigkeit hervor. 108. Lucius CrassusLucius Licinius Crassus, Sohn des Publius Licinius Crassus, geb. 140 v. Chr., gest. 91, Consul 95, der größte Redner in der vorciceronischen Periode; besonders wird auch an ihm der feine Witz von Cicero (de Orat. II. 54, 220) gerühmt, indem er sagt: Nicht leicht wird man außer dem Crassus Jemanden finden, der in beiden Arten des Witzes ausgezeichnet ist, sowol in der, welche sich durch die ganze Rede hindurchzieht, als auch in der, welche sich in schnellen scharftreffenden Einfällen äußert. Genaueres über Crassus s. in unserer Einleitung zu der Uebersetzung der drei Bücher Cicero's vom Redner S. 18–21. und Lucius PhilippusLucius Marcus Philippus, Volkstribun 104 v. Chr., Consul im Jahre 91, Censor 86, gleichfalls ein großer Redner. Als Volkstribun stand er ganz auf Seiten der Volkspartei, später aber als Consul ergriff er die Partei der Aristokraten. Ueber seinen Witz s. Cicer. Brut. 47, 173. besaßen viel heitere Laune, in noch höherem Grade und mehr mit Vorsatz Gajus CäsarGajus Julius Cäsar Strabo, 95 v. Chr. Quästor und 90 curulischer Aedil, 87 von Marius ermordet; als Redner übertraf er alle früheren und gleichzeitigen Redner an seinem Witze und Scherze und heiterer Laune. Daher läßt ihn Cicero in dem zweiten Buche vom Redner einen ausführlichen Vortrag über den Witz halten. S. unsere eben angeführte Einleitung zu Cicero vom Redner S. 25., des Lucius Sohn; hingegen zu derselben Zeit lebten Marcus ScaurusUeber Scaurus s. oben zu I. 22, 76. Anm. 167. Ueber seinen Ernst vgl. Cicer. Brut. 29, 111: In Scauri oratione, sapientis hominis et recti, gravitas summa et naturalis quaedam auctoritas inerat, non ut causam, sed ut testimonium dicere putares, quom pro reo diceret. und der junge Marcus DrususMarcus Livius Drusus, der Jüngere, wurde im J. 91 v. Chr. als Volkstribun in einem Streite, den die Ritter gegen den Senat führten, wobei sich Drusus der Sache des Senates annahm, meuchlings ermordet. S. unsere Einl. zu Cic. von d. Redner I. 7, 24. Als Redner bezeichnet ihn Cicero im Brutus 62, 222 als einen gravem oratorem, ita duntaxat, quom de re publica diceret. Er war der Sohn des Marcus Drusus, der ein Gegner seines Amtsgenossen, des Gajus Gracchus, im Tribunate war (122 v. Chr.) und 112 als Consul in Macedonien gegen die Völker an der Donau Krieg führte. Von ihm sagt Cicer. or. 28, 109: vir et oratione gravis et auctoritate., die sich beide durch außerordentlich großen Ernst auszeichneten; ferner Gajus LäliusUeber Lälius s. zu Kap. 26, §. 90. Anm. 193 und über Scipio Africanus s. zu Kap. 22, § 171. Anm. 14., der viel Heiterkeit besaß, und dessen Freund Scipio, der ein so großes Bestreben heiter zu scheinen zeigte, aber in seinem Leben finster war. Unter den Griechen war, wie wir wissen, Sokrates einnehmend, witzig und von heiterer Laune in der Unterhaltung, und in allen seinen Vorträgen übte er eine schalkhafte Verstellung, weßhalb ihn auch die Griechen είρωνDas Griechische Wort είρων erklärt Quintil. IX. 2, 46: agens imperitum et admiratorem aliorum tanquam sapientum. nannten; hingegen PythagorasUeber Pythagoras s. zu Kap. 17, §. 56. Ueber seinen Ernst sagt Diog. Laert. VIII. § 20. in.: απείχετο καταγέλωτος καὶ πάσης αρεσκείας, οι̃ον σκωμμάτων. und PeriklesPerikles, der berühmte Feldherr, Staatsmann und Redner der Athener. Von seinem Ernste sagt Plutarch. Pericl. cap. 5.: πρωσώπου σύστασις άθρυκτος εις γέλωτα, und cap. 7. erwähnt er des Perikles σεμνότης. gewannen das höchste Ansehen, ohne Etwas von einem aufgeräumten Wesen zu haben. Unter den Puniern war HannibalVgl. Liv. XXI, 4. listig, und unter unseren Landsleuten besaß Quintus MaximusUeber Quintus Maximus s. zu Kap. 24, §. 84. Anm. 181. die Fähigkeit seine Pläne zu verhehlen, Schweigen zu beobachten, Verstellung anzunehmen, Nachstellungen zu bereiten, den Absichten der Feinde zuvorzukommen. In dieser Hinsicht geben die Griechen dem ThemistoklesUeber Themistokles s. zu Kap. 22, §. 75. Anm. 159. und dem JasonJason, König von Pherä in Thessalien, 370 v. Chr. ermordet, wird von Xenophon in den Hellen. VI, 1 geschildert und zu den bedeutenderen Männern seiner Zeit gezählt. Von seiner Schlauheit s. Xenoph. a. a. O. VI. 4. aus Pherä vor Allen den Vorzug, und ganz besonders rühmen sie die Schlauheit und List Solon'sDie Athener hatten die Insel Salamis, die für sie sowol wegen des Handels, als auch wegen der Sicherheit des Landes von großer Bedeutung war, im Kriege mit den Megareern verloren und zu wiederholten Malen vergeblich versucht dieselbe wieder zu erobern. Sie verboten daher bei Todesstrafe einen Antrag auf Fortsetzung des Krieges mit Megara wegen der Insel zu machen. Solon aber, in der Meinung, der rechte Zeitpunkt sei gekommen die Insel den Megareern wieder zu entreißen, stellte sich, um der Strafe des Verbotes zu entgehen, wahnsinnig und entflammte durch einen Gesang den Muth der Athener dergestalt, daß sie das Verbot aufhoben und unter seiner Anführung die Insel wieder eroberten. Darauf wurde Solon im J. 594 v. Chr. zum Archon gewählt und mit dem Geschäfte einer neuen Gesetzgebung betraut. S. Plutarch. Sol. 2. Justin. II, 7., der, um sein Leben zu sichern und um ein Bedeutendes mehr dem Staate zu nützen, sich wahnsinnig stellte.

109. Diesen sind Andere sehr unähnlich, Männer von schlichtem und offenem Charakter, die keine im Verborgenen, keine mit Hinterlist ausgeführte Handlung zulassen, Freunde der Wahrheit, Feinde des Truges; ingleichen gibt es Andere, die sich Alles gefallen lassen, Jedermann unterthänig sind, wenn sie nur ihren Zweck erreichen, wie wir an SullaUeber Sulla s. zu Kap. 14, §. 48. Anm. 133. Vgl. Sallust Jug. 95, 96. Plutarch Sull. c. 5. 6. (c. 28 wird er αλώπηξ genannt). und Marcus CrassusUeber Crassus s. zu Kap. 8, §. 25. Anm. 94. Vgl. unten III.  19, 75. Plutarch. Crass. c. 3.: Ουδενὶ γὰρ ούτως απήντησε Ρωμαίων αδόξω καὶ ταπεινω̃ Κράσσος, ὸν ασπασάμενος ουκ αντιπροσηγόρευσεν εξ ονόματος. sahen. Hierher ist auch, wie wir aus der Geschichte wissen, der so geschmeidige und schmiegsame Lacedämonier LysanderUeber Lysander s. zu Kap. 22, §. 76. Anm. 164. Vgl. Plutarch. Lys. c. 6 u. 7. zu rechnen; das Gegentheil von ihm war KallikratidasUeber Kallikratidas s. zu Kap. 24, §. 84. Anm. 179. Vgl. Xenoph. Hellen. I. 6, 7. Plutarch. Lysand. c. 7. extr., wo Kallikratidas mit Lysander verglichen wird., der unmittelbar nach Lysander Anführer der Flotte war; ferner wissen sich AndereKlotz liest: itemque in sermonibus alium [ quemque]. Die Lesart ist in den Handschriften verschieden interpolirt. Nicht unwahrscheinlich ist die Muthmaßung von Pearcius: aliquem. bei allem Ansehen, das sie im Staate besitzen, in ihren Unterredungen so zu benehmen, daß man sie für ganz gewöhnliche Leute hält, wie wir dieß an den beiden CatulusQuintus Lutatius Catulus, der Vater, im J. 102 v. Chr. Consul, besiegte mit Gajus Marius die Cimbern, der ihn aber im J. 87 tödten ließ. Ueber Catulus, den Sohn, s. zu Kap. 22, §. 76. Anm. 169., Vater und Sohn, sowie auch an Quintus Mucius ManciaWer dieser Mancia gewesen sei, ist unbekannt. gesehen haben. Von älteren Personen habe ich gehört, dieselbe Eigenschaft habe Publius Scipio NasicaPublius Cornelius Scipio Nasica, der Sohn, der 114 v. Chr. als Consul starb, war der Sohn des oben Kap. 22, §. 76 (s. daselbst die Anm. 172) erwähnten Scipio Nasica. besessen, sein Vater hingegen, der, welcher des Tiberius Gracchus verderbliche Unternehmungen bestrafte, habe im Umgange gar keine Freundlichkeit gehabt. Ein Gleiches wissen wir von XenokratesXenokrates aus Chalcedon in Bithynien, Schüler Plato's, Vorsteher der Akademie von 339 v. Chr. 25 Jahre hindurch. Seine gegen alle Bestechung feste Sittenstrenge wird von den alten Schriftstellern gerühmt. – Die handschriftliche Lesart, die Klotz beibehalten hat: ne Xenocratem quidem ist höchst wahrscheinlich verderbt. Beier hat ne gestrichen; Unger erklärt die Worte ne Xenocr. quidem sever. philosophorum für eingeschoben, indem er sagt: Hier, wo von dem Benehmen des Vornehmen gegen den gemeinen Mann die Rede ist, ist für den Griechischen Philosophen keine Stelle, und ist die Unächtheit dieser Worte schon aus dem Mangel an Verbindung mit dem Uebrigen ersichtlich., der der ernsteste aller Philosophen gewesen und gerade dadurch groß und berühmt geworden sein soll. So gibt es unzählige andere Verschiedenheiten in den Naturanlagen und im Charakter, die jedoch keineswegs Tadel verdienen.

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