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Cicero's drei Bücher von den Pflichten

Marcus Tullius Cicero: Cicero's drei Bücher von den Pflichten - Kapitel 5
Quellenangabe
typetractate
authorRaphael Kühner
firstpub1859
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleCicero's drei Bücher von den Pflichten
created20060118
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Drittes Buch.

I. 1. Von Publius Scipio Publius Cornelius Scipio Africanus, der Aeltere. S. zu I. 33, 121. Anm. 252 [?]., mein lieber Sohn Marcus, ich meine den, der zuerst den Beinamen Africanus erhielt, erzählt Cato Marcus Porcius Cato, der Aeltere. S. zu I. 23, 79. Anm. 176., der mit ihm so ziemlich gleichen Alters war, er habe öfters geäußert, nie sei er weniger müssig, als wenn er müssig, nie weniger einsam, als wenn er einsam sei. In Wahrheit ein herrliches Wort, eines großen Mannes und eines Weisen würdig. Denn es zeigt, daß er die Gewohnheit hatte, wenn er ohne Geschäfte war, über Geschäfte Ein Wortspiel: illum et in otio de negotio cogitare. nachzudenken, und wenn er sich in der Einsamkeit befand, sich mit sich selbst zu unterreden, so daß er niemals unthätig war und zuweilen die Unterredung mit einem Anderen nicht entbehrte. So dienten zwei Dinge, Muße und Einsamkeit, die sonst bei Anderen Schlaffheit hervorrufen, ihm zur Schärfung seiner Thätigkeit.

Ich wünschte ein Gleiches auch von mir in Wahrheit rühmen zu dürfen; doch kann ich auch eine so hohe Vortrefflichkeit des Geistes durch Nachahmung nicht erreichen, so trete ich ihr doch wenigstens dem Willen nach ganz nahe. Denn von der Staatsverwaltung und den gerichtlichen Geschäften durch frevelnde Waffengewalt des Marcus Antonius. ausgeschlossen, suche ich Muße, und da ich aus diesem Grunde die Stadt verlassen habe, schweife ich auf meinen Landgütern Cicero hatte vierzehn Villen und Landgüter in Italien. umher und bin oft allein. 2. Aber weder meine Muße läßt sich mit der Muße des Africanus, noch meine Einsamkeit mit der seinigen vergleichen. Denn er, ausruhend von den schönsten Staatsdiensten, nahm sich manchmal Muße und zog sich aus der Gesellschaft und dem Gedränge der Menschen zuweilen in die Einsamkeit, wie in einen Hafen, zurück. Unsere Muße hingegen ist durch Mangel an Geschäften und nicht durch das Verlangen nach Ruhe herbeigeführt worden. Denn nach Erlöschung des Senates Es bestand zwar noch ein Senat, aber er war durch Antonius alles Ansehens und aller Freiheit der Rede beraubt worden. und Vernichtung der Gerichte Die Gerichte waren vernichtet, da die Prätoren, die den Gerichten vorstanden, Marcus Brutus und Cassius, Rom hatten verlassen müssen. was könnte ich noch mit Ehren in der Curie oder auf dem Forum treiben? 3. Während ich daher ehemals in dem größten Gewühle der Menschen und unter den Augen meiner Mitbürger lebte, fliehe ich jetzt den Anblick der Verbrecher, von denen Alles voll ist, und verberge mich, so gut es geht, und bin oft allein. Allein weil ich von gelehrten Männern gelernt habe, man müsse nicht allein unter mehreren Uebeln die kleinsten auswählen, sondern auch selbst aus diesen das Gute, das etwa darin liegen könnte, herauslesen: so suche ich deshalb meine Muße zu genießen, die freilich nicht eine Ruhe ist, wie sie der verdient hätte, der einst seinem Vaterlande Ruhe verschaffte, und lasse diese Einsamkeit, die mir die Nothwendigkeit auferlegt und nicht der freie Wille, nicht unthätig dahinschwinden.

4. Gleichwol erwarb sich Africanus nach meinem Urtheile ein größeres Lob. Denn kein schriftliches Denkmal seines Geistes, keine Frucht seiner Einsamkeit ist vorhanden: woraus man einsehen muß, daß er bei seiner geistigen Beschäftigung und bei der Erforschung der Dinge, die er zum Gegenstande seines Nachdenkens machte, niemals müssig und allein gewesen ist. Ich dagegen, der ich nicht so viel Stärke besitze, daß ich durch stilles Nachdenken das Gefühl der Einsamkeit zerstreuen kann, verwende meinen ganzen Fleiß und meine ganze Sorge auf Ausarbeitung von Schriftwerken, wie das gegenwärtige ist. Daher habe ich in der kurzen Zeit seit dem Umsturze des Staates mehr geschrieben Cicero schrieb damals in dem kurzen Zeitraume von Einem Jahre und einigen Monaten seine sämmtlichen philosophischen Schriften mit Ausnahme der Bücher über den Staat, der Bücher über die Gesetze und des Hortensius, außerdem auch mehrere rhetorische Werke. als in den vielen Jahren zur Zeit seines Bestehens.

II. 5. Die Philosophie ist nun zwar, mein Cicero, in ihrem ganzen Umfange fruchtbar und gewinnreich, und keine Stelle derselben ist unbebaut und öde; aber kein Theil ist in ihr ergiebiger und reicher als der von den Pflichten; denn hieraus In den Handschriften steht: locus ... uberior, quam de officiis, a quibus constanter honesteque vivendi praecepta ducuntur. Man erwartet: a quo in Beziehung auf locus, wie auch Unger liest. Hat Cicero wirklich a quibus geschrieben, so ist es ein offenbarer Flüchtigkeitsfehler; denn, wie Unger richtig bemerkt, sind die praecepta constanter honesteque vivendi eben die praecepta officiorum (I. §. 7.), und die officia werden vielmehr von jenen praeceptis vivendi abgeleitet, nicht die praecepta von den officiis. lassen sich die Vorschriften zu einem gleichmäßigen und sittlichguten Leben ableiten. Obwol ich nun das feste Vertrauen habe, daß du von unserem Kratippus Ueber Kratippus s. zu I. 1, 1. Anm. 56., einem der ersten Philosophen unserer Zeit, Vorträge über diesen Gegenstand fleißig hörst und in dich aufnimmst; so finde ich es doch nützlich, wenn solche Stimmen deine Ohren von allen Seiten umtönen und sie, wo möglich, nichts Anderes hören lassen. 6. Dieß müssen zwar Alle thun, die den Weg der Tugend zu betreten gedenken; doch vielleicht Niemand mehr als du gerade. Denn eine nicht geringe Erwartung ruht auf dir, du werdest meiner Thätigkeit nacheifern; eine große, du werdest, wie ich, Staatsämter bekleiden; einige vielleicht auch, du werdest meinen Namen behaupten. Außerdem hast du eine schwere Last übernommen, welche dir Athen und Kratippus auferlegen. Denn da du dich zu ihnen wie zu einem Markte der edlen Wissenschaften begeben hast, so würde es für dich sehr schimpflich sein, wenn du leer von da zurückkehrtest und dem Ansehen der Stadt und des Lehrers Schande machtest. So viel du daher durch geistige Anstrengung, so viel du durch anhaltende Arbeit – wenn Lernen Arbeit ist und nicht vielmehr Vergnügen – zu leisten vermagst, das suche auszuführen und laß es nicht dahin kommen, daß man von dir sage, dein Vater habe dich mit allen Hülfsmitteln zur Ausbildung versehen, du aber habest es an dir selbst fehlen lassen. Doch genug hiervon. Denn manches Wort der Ermahnung habe ich schon oft an dich geschrieben. Jetzt laß mich zu dem noch übrigen Theile der aufgestellten Eintheilung S. I. Kap. 3. zurückkehren.

7. Panätius S. zu I. 2, 7. Anm. 71. also, der über die Pflichten unstreitig am Sorgfältigsten gesprochen hat, und den ich mit einigen Berichtigungen hauptsächlich zum Führer gewählt habe, hat drei Fälle aufgestellt, wo die Menschen über das, was Pflicht ist, zu überlegen und mit sich zu Rathe zu gehen pflegen. Der erste ist, wenn sie in Ungewißheit sind, ob das, um was es sich handelt, sittlichgut oder unsittlich sei; der zweite, ob es nützlich oder schädlich sei; der dritte, wie man bei einem Streite des anscheinend Sittlichguten mit dem anscheinend Nützlichen zu entscheiden habe. Ueber die beiden ersten Fälle hat er sich in drei Büchern erklärt; über den dritten aber, schreibt er, wolle er demnächst reden, hat jedoch sein Versprechen nicht erfüllt. 8. Worüber ich mich um so mehr wundern muß, weil sein Schüler Posidonius Ueber Posidonius s. zu I. 45, 159. Anm. 298. schreibt, daß Panätius noch dreißig Jahre nach der Herausgabe seiner Bücher gelebt habe. Aber auch darüber muß ich mich wundern, daß Posidonius diesen Punkt nur kurz in einer Abhandlung berührt hat, zumal da er schreibt, in der ganzen Philosophie sei kein Punkt so nothwendig. 9. Keineswegs aber kann ich denen beipflichten, die behaupten, Panätius habe diesen Punkt nicht übersehen, sondern absichtlich unbeachtet gelassen, überhaupt hätte er ihn gar nicht schreiben dürfen, weil niemals das Nützliche mit dem Sittlichguten streiten könne. Ueber das Letztere läßt sich zweifeln, ob dieser Fall, der in der Eintheilung des Panätius die dritte Stelle einnimmt, habe hineingezogen oder ganz weggelassen werden müssen; aber das Andere unterliegt keinem Zweifel, daß er von Panätius aufgenommen, aber unbeachtet gelassen worden ist. Denn wer nach einer dreitheiligen Anordnung zwei Theile abgehandelt hat, der ist mit dem dritten nothwendig im Rückstande. Ueberdieß verspricht er am Ende des dritten Buches über diesen Theil demnächst reden zu wollen. 10. Hierzu tritt auch noch das gültige Zeugniß des Posidonius, der auch in einem Briefe schreibt, Publius Rutilius Rufus Ueber Publ. Rut. Ruf. s. zu II. 13, 47. Anm. 249., ein ehemaliger Zuhörer des Panätius, pflege zu sagen, sowie sich kein Maler gefunden habe, der an der Koischen Venus den Theil, den Apelles Apelles aus der Stadt Kos auf der Insel Kos, einer der Sporaden im Aegäischen Meere, ein Zeitgenosse Alexander's des Großen, war der größte Maler des Altertums. Sein berühmtestes Werk war die Aphrodite Anadyomene, d. h. die aus dem Meere hervorsteigende Aphrodite (Venus), die später Augustus für 400 Talente ankaufte. Apelles hatte dieses Werk für seine Vaterstadt Kos gemalt, und wollte für sie ein zweites noch vollendeteres Bild der Aphrodite malen; allein er starb, ehe er es zu Stande bringen konnte. Nur Kopf und Hals hatte er vollendet. Plin. 35, 36: nec qui succederet operi ad praescripta lineamenta inventus est. angefangen zurückgelassen habe, vollendete; – (die Schönheit des Gesichtes benahm Jedem die Hoffnung den übrigen Körper gleich schön zu malen;) – ebenso habe Niemand das, was Panätius übergangen und nicht vollendet habe, wegen der Vortrefflichkeit der von ihm vollendeten Theile ausgeführt.

III. 11. Aus diesem Grunde kann man über die Meinung des Panätius nicht zweifelhaft sein; ob er aber mit Recht diesen dritten Theil zu der Untersuchung über die Pflichten hinzugefügt habe oder nicht, darüber läßt sich vielleicht zweifeln Klotz liest disputari; ich habe die andere Lesart dubitari vorgezogen, da disputare nicht streiten bedeutet, sondern, wie disserere, von wissenschaftlichen Erörterungen gebraucht, hier aber ein Verb des Streites oder Zweifels erwartet wird. Nicht unwahrscheinlich ist die Ansicht Unger's, man müsse mit einer Handschrift de eo fortasse potest lesen und dubitari aus dem Vorhergehenden ergänzen.. Denn mag nun das Sittlichgute das einzige Gut sein, wie die Stoiker Nach der Ansicht der Stoiker ist die Tugend das einzige Gut, das Laster das einzige Uebel; alles Uebrige nannten sie αδιάφορα, res indifferentes, gleichgültige Dinge, die weder auf Glückseligkeit noch auf Elend Einfluß haben. Die Peripatetiker nahmen außer der Tugend auch noch Güter des Körpers und des Schicksals, und außer dem Laster auch noch Uebel des Körpers und des Schicksals an. urtheilen, oder mag das Sittlichgute nach der Ansicht euerer Peripatetiker zwar nur das höchste Gut sein, doch so, daß alle anderen Güter, auf die andere Wagschale gelegt, kaum das geringste Gewicht haben: so ist es jedenfalls unzweifelhaft, daß der Nutzen nie mit der Sittlichkeit in Streit gerathen kann. Daher pflegte, wie uns berichtet wird, Sokrates diejenigen zu verwünschen, welche zuerst die ihrem Wesen nach zusammenhängenden Begriffe in verkehrter Ansicht auseinander gerissen haben. Ihm stimmten die Stoiker insofern bei, als sie einerseits alles Sittlichgute für nützlich erklärten, andererseits Nichts für nützlich hielten, was nicht sittlichgut sei. 12. Hätte nun Panätius die Ansicht, die Tugend müsse nur deßhalb geübt werden, weil sie den Nutzen bewirke, gleich denen, welche sinnliche Lust wie Aristippus aus Cyrene in Afrika, ein Schüler des Sokrates, Gründer der Cyrenaischen Schule, die die sinnliche Lust für das höchste Gut, den Schmerz für das höchste Uebel erklärte. oder Schmerzlosigkeit wie Hieronymus aus Rhodus, ein Peripatetiker, der die Schmerzlosigkeit ( idolentia, αναλγησία) für das höchste Gut erklärte. zum Maßstabe der zu erstrebenden Dinge machen; so dürfte er behaupten, der Nutzen gerathe zuweilen mit der Sittlichkeit in Streit. Allein da er das Sittlichgute für das einzige Gut erklärt und behauptet, was diesem unter einem Scheine des Nutzens widerstreite, das könne weder durch seinen Hinzutritt das Leben verbessern noch durch seinen Abgang verschlechtern: so hätte er, wie es scheint, eine solche Berathung nicht aufstellen sollen, in welcher das anscheinend Nützliche mit dem Sittlichguten zur Vergleichung kommt. 13. Denn was von den Stoikern für das höchste Gut erklärt wird, der Natur gemäß leben ’Ισοδυναμει̃ τὸ κατὰ φύσιν ζη̃ν καὶ τὸ καλω̃ς ζη̃ν καὶ τὸ ευ̃ ζη̃ν Stobaeus Ecl. Eth. p. 138., das hat, wie ich glaube, den Sinn: mit der Tugend immer übereinstimmen, alles Uebrige aber, was der Natur gemäß ist cetrera autem, quae secundum naturam essent, alles Andere außer der Tugend, was der Natur gemäß ist, τὰ κατὰ φύσιν. Die Stoiker verstehen darunter die commoda externa und corporis, welche von anderen Philosophen, z. B. den Peripatetikern bona externa und corporis, äußere und körperliche Güter, genannt werden, wie Gesundheit, Reichtum u. dgl., nur insoweit wählen, als es mit der Tugend nicht in Widerspruch steht. Aus diesem Grunde glauben Einige, diese Vergleichung sei nicht mit Recht aufgestellt, und überhaupt hätten über diesen Punkt keine Vorschriften gegeben werden dürfen.

Allein das Sittlichgute in der eigentlichen und wahren Bedeutung des Wortes findet sich bei den Weisen allein und läßt sich nie von der Tugend trennen; bei denen hingegen, welche die vollkommene Weisheit nicht besitzen, kann sich jene vollkommene Sittlichkeit auf keine Weise finden, wohl aber Aehnlichkeiten dieser Sittlichkeit. 14. Denn alle Klotz hat das Wort omnia, das in einigen Handschriften fehlt, in Klammern eingeschlossen. diese Pflichten, von denen ich in diesen Büchern rede, nennen die Stoiker mittlere S. I. 3, 7 und 8. Pflichten; dieselben sind allgemein und haben einen weiten Umfang, und Viele erfüllen sie theils durch eine glückliche Naturanlage theils durch Fortschritte in der Erkenntniß. Jene Pflichten hingegen, welche sie die rechte nennen, ist etwas Vollkommenes und Vollendetes und, wie sie sich ausdrücken, etwas Vollzähliges et, ut iidem dicunt, omnes numeros habet, Stob. Ecl. eth. p. 184: Κατόρθωμα ( rectum officium) δ' ει̃ναι λέγουσι καθη̃κον πάντας επέχον τοὺς αριθμούς.; sie kann außer dem Weisen Niemandem zukommen. 15. Eine Handlung aber, in der die mittleren Pflichten zum Vorscheine kommen, gilt für reichlich vollkommen, deßhalb weil die große Menge nicht leicht einsieht, wie viel zur Vollkommenheit fehlt; soweit aber ihre Einsicht reicht, glaubt sie, es sei Nichts darin verabsäumt. Ebenso geht es auch bei Gedichten, bei Gemälden und mehreren anderen Dingen der Art: die Nichtkenner finden Gefallen daran und loben, was kein Lob verdient, aus dem Grunde, glaub' ich, weil Etwas darin liegt, was die Unkundigen einnimmt, da sie das Fehlerhafte in den Dingen nicht beurtheilen können. Daher geben sie auch gern ihre Ansicht auf, wenn sie von Kennern belehrt werden.

IV. Diese Pflichten nun, von denen wir in diesen Büchern reden, sind nach dem Ausdrucke der Stoiker Tugenden des zweiten Ranges; sie sind nicht nur den Weisen eigen, sondern dem ganzen Menschengeschlechte gemeinsam. 16. Daher fühlen sich durch dieselben Alle, die eine Anlage zur Tugend besitzen, angesprochen. Wenn aber die beiden Decier oder die beiden Scipionen Ueber die beiden Decier und die beiden Scipionen s. zu I. 18, 61. Anm. 147> u. 148. als tapfere Männer erwähnt, oder wenn Fabricius Gajus Fabricius Luscinus, ein höchst genügsamer und rechtschaffener Römer, sowie auch ein tapferer Heerführer. Obgleich arm, verschmähte er doch die ihm von den Samniten dargebotenen Geschenke, und in dem Kriege gegen den Epirotischen König Pyrrhus ließ er sich weder durch dessen Geld noch durch dessen Versprechungen bestechen. Er war 282 und 278 v. Chr. Consul. oder Aristides Aristides, Sohn des Lysimachus, der berühmte Athenische Feldherr, dem man den Beinamen des Gerechten gab. Uebrigens sind wahrscheinlich die Worte aut Aristides unächt. Denn höchst auffallend muß der Singular nominatur sein, da kurz vorher commemorantur steht. Streicht man nun die Worte aut Aristides, so muß man in der folgenden Zeile mit Lactrant. VI. 6, 26 ab hoc statt ab his lesen. gerecht genannt werden; so wird von ihnen nicht, wie von einem Weisen, das Musterbild der Tapferkeit oder Gerechtigkeit abgeleitet. Denn keiner von ihnen war in dem Sinne weise, den wir von dem Weisen haben; auch Marcus Cato S. zu I. 23, 79 Anm. 176. Vgl. Cicer. Divinat. in Caecil. 20, 66: Marcum Catonem illnm sapientem. und Gajus Lälius S. zu I. 26, 90. Anm. 193. Vgl. Cicer. de Amic. 2, 6., wo Fannius zu Laelius sagt: Existimare debes omnium oculos in te conjectos esso unum; te sapientem et appellant et existimant., welche für Weise gehalten und so genannt wurden, waren keine Weisen, ja nicht einmal jene Sieben Die sogenannten sieben Weisen Griechenlands (600–550 v. Chr.): Bias aus Priene in Kleinasien, Chilon aus Sparta, Kleobolus aus Knidus, einer Stadt der Insel Rhodus, Periander aus Korinth, Pittakus aus Lesbos, Solon aus Athen, Thales aus Milet., sondern nur die häufige Ausübung der mittleren Pflichten war es, wodurch sie eine Aehnlichkeit mit den Weisen und einen Anschein derselben hatten. 17. Darum darf weder das wahrhaft Sittlichgute mit dem ihm widerstreitenden Nutzen verglichen werden, noch soll man das gewöhnlich sogenannte Sittlichgute, das diejenigen üben, welche für brave Männer gelten wollen, je mit den äußeren Vortheilen vergleichen, und das Sittlichgute, das unser gewöhnlicher Verstand begreifen kann, muß ebenso sehr von uns gepflegt und bewahrt werden, wie jenes eigentlich so genannte und wahre Sittlichgute von den Weisen. Denn auf andere Weise kann der Fortschritt, den man auf der Bahn der Tugend gemacht hat, nicht behauptet werden.

Doch so viel von denen, welche wegen Beobachtung der Pflichten für rechtschaffen gelten. 18. Diejenigen hingegen, welche bei allen Dingen den Maßstab äußerer Vortheile und Bequemlichkeiten anlegen und dem Sittlichguten kein Uebergewicht über dieselben einräumen, pflegen bei ihren Berathungen das Sittlichgute mit dem, was sie für nützlich halten, zu vergleichen. Rechtschaffene Männer thun dieß nicht. Daher glaube ich, daß, wenn Panätius sagt, die Menschen pflegten bei dieser Vergleichung in Zweifel zu gerathen, er gerade so dachte, wie er sich ausdrückte, man pflege nur dieses zu thun, nicht man solle auch dieses thun. Denn es ist äußerst schimpflich, wenn man nicht nur das anscheinend Nützliche höher achtet als das Sittlichgute, sondern sie auch nur unter einander vergleicht und dabei unschlüssig ist.

Was ist es nun, was bisweilen Ungewißheit hervorruft und Gegenstand der Ueberlegung werden zu müssen scheint? Ich glaube, es ist der Fall, wenn Ungewißheit über die Beschaffenheit dessen eintritt, was in Ueberlegung gezogen wird. 19. Oft bringen es nämlich die Zeitumstände mit sich, daß eine Handlung, die man gemeiniglich für unsittlich hält, als nicht unsittlich befunden wird. Als Beispiel möge ein Fall gesetzt werden, der dann Anwendung auf viele andere zuläßt. Kann es eine größere Frevelthat geben als die Ermordung eines Menschen oder wol gar eines befreundeten Menschen? Hat sich nun wol der einer Frevelthat schuldig gemacht, der einen auch noch so befreundeten Gewaltherrscher ermordete? Cicero deutet auf Marcus Brutus, einen der Mörder Cäsars, den dieser wie einen Sohn liebte. – Das Römische Volk meint es nicht; denn unter allen herrlichen Thaten hält es diese für die schönste. – So siegte also der Nutzen über die Sittlichkeit? – Nein, im Gegentheil, die Sittlichkeit siegte über den Nutzen, und der Nutzen war Folge der Sittlichkeit Klotz liest: Immo vero honestas utilitatem [ et utilitas honestatem] secuta est. In den meisten Handschriften steht: Immo vero honestas utilitatem secuta est. Ich lese mit Unger: Immo vero honestas uitilitatem (scil. vicit), et utilitas honestatem secuta est, wie höchst wahrscheinlich Ambrosius de offic. cler. III. 9, 60. gelesen hat: Itaque et honestas utilitati praelata est (= utilitatem vicit) et utilitas secuta honestatem est..

Um daher in Fällen, wo das sogenannte Nützliche mit dem, was wir als sittlichgut erkennen, in Streit zu kommen scheint, ohne allen Fehlgriff zu entscheiden, muß man eine Vorschrift aufstellen, deren Befolgung uns bei der Vergleichung der Dinge vor jeder Abweichung von der Pflicht bewahrt. 20. Diese Vorschrift soll vorzüglich den Grundsätzen und dem Lehrgebäude der Stoiker entsprechen, denen ich in diesen Büchern folge. Denn obwol die alten Akademiker und euere Peripatetiker, die ehemals mit den Akademikern gänzlich übereinstimmten Cicer. Legg. I. 13, 38: Aristotelem et Theophrastum cum Speusippo, Xenocrate, Polemone (die alte Akademiker waren) congruentes re, genere docendi paulum differentes., das Sittlichgute dem anscheinend Nützlichen vorziehen; so tritt doch die sittliche Würde in den Vorträgen der Philosophen, die alles Sittlichgute auch für nützlich und Nichts für nützlich halten, was nicht sittlichgut ist, in einem glänzenderen Lichte hervor als in den Vorträgen der Philosophen, die der Ansicht sind, etwas Sittlichgutes könne nicht nützlich oder etwas Nützliches könne nicht sittlichgut sein. Mir aber gestattet unsere Akademie Die neuere Akademie, deren Gründer Arcesilas war. Sie behauptete, weder durch die Sinne noch durch die Vernunft könne die Wahrheit der Dinge erkannt werden; man müsse daher Alles bezweifeln und könne bei der Untersuchung eines Gegenstandes durch Prüfung aller einzelnen Momente für und gegen denselben nur der Wahrheit nahekommen. Vgl. zu II. 2, 8. eine große Freiheit, indem sie mir die Befugniß ertheilt Alles, was mir als das Wahrscheinlichste entgegentritt, zu vertheidigen. Doch ich kehre zu unserer Vorschrift zurück.

V. 21.  Einem Anderen also Etwas entziehen und mit dem Nachtheile des Anderen seinen eigenen Vortheil fördern ist mehr gegen die Natur als Tod, Armut, Schmerz und alle sonstigen Uebel, die unseren Körper oder unsere äußeren Verhältnisse treffen können.

Zuerst Dem zuerst entspricht » zweitens« im §. 26. nämlich wird hierdurch das Zusammenleben und die Gesellschaft der Menschen aufgehoben. Denn wenn wir die Gesinnung hegen, Jeder dürfe um seines Vortheiles willen den Anderen berauben oder mißhandeln; so muß sich nothwendiger Weise die Gesellschaft des Menschengeschlechtes, die so ganz naturgemäß ist, auflösen. 22. Sowie wenn ein jedes Glied unseres Körpers dächte, es könne sich wohl befinden, wenn es das Wohlbefinden des nächsten Gliedes an sich ziehe, der ganze Körper nothwendig geschwächt werden und untergehen müßte; ebenso würde, wenn jeder Einzelne von uns die Vortheile Anderer an sich raffte und Jedem um seines Vortheiles willen so viel als möglich entzöge, die Vernichtung der menschlichen Gesellschaft und Gemeinschaft unvermeidlich sein. Daß Jeder für sich selbst lieber als für Andere die Lebensbedürfnisse erwerbe, ist allerdings gestattet, und die Natur streitet nicht dagegen; das aber läßt die Natur nicht zu, daß wir durch die Beraubung Anderer unser Vermögen, unseren Wohlstand und Einfluß vergrößern.

23. Und nicht allein in der Natur, das heißt in dem Naturrechte jus gentium, das Naturrecht, das dem Menschengeschlechte angeborene Gefühl für das, was recht und gut ist. Vgl. Kap. 17, §. 69., sondern auch in den Gesetzen der Völker, auf denen in den einzelnen Staaten die Verfassung beruht, ist es auf gleiche Weise begründet, daß man um des eigenen Vortheiles willen dem Anderen nicht schaden darf. Denn die Erhaltung der bürgerlichen Verbindung ist der Zweck der Gesetze, ist ihre Absicht. Wer dieselbe zu trennen sucht, den bestrafen sie mit Tod, Verbannung, Gefängniß, Geldbußen. Noch deutlicher beweist dieß die Vernunft der Natur ipsa naturae ratio. Die Uebersetzer drücken diese Worte aus durch: die Einrichtung der Natur selbst; aber gewiß nicht richtig. Unter der ratio naturae, der Vernunft der Natur, ist nach der Meinung der Stoiker die Gottheit selbst zu verstehen, die göttliche Vernunft, die in der Natur liegt; daher gleich darauf die Worte: die das göttliche und menschliche Gesetz ist., die das göttliche und menschliche Gesetz ist. Wer ihr gehorchen will, – und alle werden ihr gehorchen, die der Natur gemäß leben wollen – wird sich niemals erlauben fremdes Gut zu begehren und sich das anzueignen, was er einem Anderen entzogen hat. 24. Denn ungleich naturgemäßer sind Erhabenheit und Größe der Seele, desgleichen Menschenfreundlichkeit, Gerechtigkeit, Freigebigkeit, als sinnliche Vergnügen, Leben, Reichtum. Diese Dingen verschmähen und für Nichts achten im Vergleiche mit dem allgemeinen Nutzen zeugt von einem großen und erhabenen Geiste. Einem Anderen hingegen um seines Vortheiles willen Etwas entziehen ist mehr gegen die Natur als Tod, als Schmerz, als alle anderen Uebel der Art.

25. Ferner ist es naturgemäßer für die Erhaltung und Unterstützung, wo möglich, aller Völker sich den größten Anstrengungen und Beschwerden zu unterziehen nach dem Beispiele jenes Herkules, den die Sage der Menschen im Andenken an seine Wohlthaten in die Versammlung der Himmelsbewohner versetzt hat, als wenn man in der Einsamkeit lebt nicht nur ohne alle Beschwerden, sondern auch im Genusse der größten Vergnügungen und im Ueberflusse aller Dinge, ja auch ausgerüstet mit den Vorzügen der Schönheit und Körperkraft. Darum geben die mit dem edelsten und glänzendsten Geiste begabten Menschen jenem Leben bei Weitem den Vorzug vor diesem letzteren. Hieraus ergibt sich, daß ein Mensch, der auf die Stimme der Natur hört, seinem Nebenmenschen nicht schaden kann.

26. Zweitens wer einen Anderen mißhandelt, um selbst einigen Vortheil zu gewinnen, der glaubt entweder hiermit nicht gegen die Natur zu handeln, oder er meint, der Tod, die Armut, der Schmerz, auch der Verlust seiner Kinder, seiner Anverwandten, seiner Freunde sei mehr zu meiden als das Begehen eines Unrechtes gegen Andere. Glaubt er durch Mißhandlung Anderer nicht gegen die Natur zu handeln, was soll man da mit Vernunftgründen gegen ihn auftreten, da er ganz und gar den Menschen im Menschen aufhebt? qui omnino hominem ex homine tollat. Wer durch Mißhandlung der Menschen nicht gegen die Natur zu handeln glaubt, hört auf ein Mensch zu sein. da er den dem Menschengeschlechte angeborenen Trieb der Geselligkeit verleugnet. Meint er aber, dieß sei zwar zu meiden, aber ungleich größere Uebel seien Tod, Armut, Schmerz; so irrt er darin, daß er einen Schaden seines Körpers oder seiner äußeren Verhältnisse für ein schwereres Uebel hält als Schäden seiner Seele.

VI. 27. Also muß das Eine als allgemein gültiger Grundsatz gelten, daß der Nutzen jedes Einzelnen und der ganzen Menschheit ein und dasselbe ist; denn wenn der Einzelne den allgemeinen Nutzen an sich reißt, so muß eine Auflösung der ganzen menschlichen Gemeinschaft folgen. Schreibt uns ferner die Natur vor, daß ein Mensch für den anderen, wer er auch sein mag, bloß aus dem Grunde, weil er Mensch ist, sorgen soll: so liegt gleichfalls nothwendig in der Natur, daß der Nutzen Aller etwas Allen Gemeinsames ist. Verhält sich dieß nun so, so werden wir alle durch ein und dasselbe Naturgesetz zusammengehalten, und ist dieses so, so verbietet uns das Naturgesetz gewiß unsere Nebenmenschen zu mißhandeln. Wahr ist der Vordersatz, wahr ist also auch der Folgesatz. 28. Denn ungereimt ist es, wenn Einige sagen, ihrem Vater oder Bruder würden sie Nichts um des eigenen Vortheiles willen entziehen; ein anderes Verhältniß finde aber in Beziehung auf die übrigen Mitbürger statt. Solche Leute urtheilen, sie hätten zu ihren Mitbürgern für den allgemeinen Nutzen keine Verpflichtung, keine Gemeinschaft: ein Grundsatz, der alle bürgerliche Gesellschaft zerreißen muß. Wer ferner sagt, auf seine Mitbürger müsse man Rücksicht nehmen, auf die Auswärtigen aber nicht; der trennt die gemeinsame Gesellschaft des Menschengeschlechtes. Ist aber diese aufgehoben, so werden auch die Wohlthätigkeit, die Freigebigkeit, die Güte, die Gerechtigkeit von Grund aus aufgehoben. Und wer diese Tugenden aufhebt, den muß man auch für einen Frevler gegen die unsterblichen Götter erklären. Denn er vernichtet die von diesen unter den Menschen eingerichtete Gesellschaft, und das festeste Band dieser Gesellschaft ist die Ueberzeugung, es streite mehr gegen die Natur, wenn ein Mensch dem anderen Etwas um des eigenen Vortheiles willen entzieht, als wenn er alle Nachtheile in seinen äußeren Verhältnissen oder an seinem Körper oder selbst an seiner Seele erleidet, falls die Gerechtigkeit nicht bei Seite gesetzt wird Ich habe nach der Lesart einer Handschrift: vel etiam ipsius animi, quae non vacent justitia übersetzt. Die übrigen Handschriften haben fast alle: vel etiam ipsius animi, quae vacent justitia, was auch Klotz, jedoch mit einem Zeichen der Verderbniß aufgenommen hat. Allein diese Lesart ist sinnlos. Ubaldinus liest nach Muthmaßung: quae vacent injustitia, so auch Zumpt; aber justitia ist die richtige Lesart, da gleich darauf folgt: Haec enim una virtus. Andere Versuche die offenbar verderbte Stelle wieder herzustellen anzuführen ist hier nicht der Ort.. Denn diese Tugend ist die Gebieterin und Königin aller Tugenden.

29. Vielleicht könnte man einwenden: Soll also der Weise, wenn er selbst von Hunger gequält wird, nicht einem Anderen die Speise entziehen, der ein durchaus unnützer Mensch ist? – Keineswegs Unger hält die Worte: »Minime vero. Non enim mihi est vita mea utilior quam animi talis affectio, neminem ut violem commodi mei gratia« für unächt.; denn mir ist mein Leben nicht nützlicher als die Gesinnung, nach der ich Niemanden um des eigenen Vortheiles willen mißhandeln darf. – Wie? Wenn einen Phalaris S. zu II. 7, 25. Anm. 338., einen grausamen und unmenschlichen Gewaltherrscher ein rechtschaffener Mann, um nicht selbst zu erfrieren, der Kleidung berauben könnte, sollte er es nicht thun? 30. Die Beurtheilung dieser Fälle ist sehr leicht. Entziehst du nämlich einem durchaus unnützen Menschen Etwas um des eigenen Vortheiles willen, so handelst du unmenschlich und gegen das Naturgesetz. Bist du hingegen ein Mann, der durch die Erhaltung seines Lebens dem Staate und der menschlichen Gesellschaft einen wesentlichen Nutzen verschaffen kann; so würde es keinen Tadel verdienen, wenn du aus diesem Grunde deinem Nebenmenschen Etwas entzögest. Verhält sich aber die Sache nicht so, so muß Jeder seinen Nachtheil lieber ertragen als dem Anderen Etwas von seinen Vortheilen entziehen. Nicht sind also Krankheit oder Dürftigkeit oder sonst ein Uebel der Art mehr gegen die Natur als die Entziehung fremden Eigentums und die Begierde danach, sondern wenn man den allgemeinen Nutzen aufgibt, das ist gegen die Natur; denn es ist ungerecht. 31. Daher wird in der That das Naturgesetz selbst, das den Nutzen der Menschen bewahrt und erhält, so entscheiden, daß von einem trägen und unnützen Menschen die unentbehrlichen Lebensbedürfnisse auf einen weisen, rechtschaffenen und tapferen Mann übergehen sollen, wenn durch seinen Tod dem allgemeinen Nutzen Viel entzogen wird; nur muß er sich hüten aus Ueberschätzung seiner Person und aus Eigenliebe dieß für eine Berechtigung zur Ungerechtigkeit zu halten. So wird er immer die Pflicht erfüllen, wenn er für den Nutzen der Menschen und für diese, von mir erwähnte, menschliche Gesellschaft sorgt.

32. Was nun aber den Fall mit Phalaris anlangt, so ist die Beurtheilung sehr leicht. Denn wir leben mit den Zwingherren in keiner Gesellschaft, sondern vielmehr in dem höchsten Zerwürfniß, und nicht streitet es gegen die Natur den zu berauben, wenn man kann, welchen zu tödten rühmlich ist. Ueberhaupt müßte diese ganze unheilbringende und verbrecherische Rotte aus der menschlichen Gesellschaft fortgejagt werden. Denn sowie man Glieder abschneidet, wenn ihnen das Blut und gewissermaßen das Leben zu fehlen anfängt, und sie den übrigen Theilen des Körpers schaden; ebenso sind diese in Menschengestalt gekleideten wilden und grausamen Ungeheuer von der menschlichen Gesellschaft Die Handschriften lesen: humanitate corporis. Klotz und Andere halten mit Recht das Wort corporis für unächt; es ist gewiß aus einer Verirrung des Abschreibers in die vorangehende Zeile entstanden. Muret muthmaßt humanitatis corpore; aber dieser Sinn liegt auch in den Worten: communi tanquam humanitate. auszuscheiden.

Die Fragen dieser Art sind lauter solche, bei welchen die Pflicht nach den Umständen bestimmt wird.

VII. 33. Solche Untersuchungen würde nun, wie ich glaube, Panätius abgehandelt haben, wenn nicht irgend ein Zufall oder eine andere Beschäftigung sein Vorhaben vereitelt hätte. Für diese Berathungen selbst können aus den vorhergehenden Büchern ziemlich viele Vorschriften genommen werden, aus denen sich deutlich erkennen läßt, welche Handlungen ihrer Unsittlichkeit wegen zu vermeiden, und welche darum, weil sie durchaus nicht unsittlich sind, nicht zu vermeiden seien. Doch weil ich jetzt dem von mir angelegten und doch beinahe aufgeführten Wie Cicero kurz vorher bemerkte, enthalten die vorhergehenden Bücher Lehren, die uns zeigen, wie wir uns in dem Falle, wo ein scheinbarer Streit zwischen dem Sittlichguten und dem Nützlichen eintritt, zu benehmen haben; dann hatte er im fünften Kapitel eine allgemeine Regel für diesen Streit angeführt. Also konnte Cicero diese Untersuchung zwar als erst in diesem Buche begonnen und doch beinahe zu Ende geführt bezeichnen. Lehrgebäude, um mich so auszudrücken, den Giebel aufzusetzen gedenke; so will ich mich des Verfahrens der Mathematiker bedienen. Sowie diese nicht alle Sätze zu beweisen pflegen, sondern fordern, daß man ihnen einige als erwiesen einräume, um auf diese Weise leichter die Sätze, die sie beweisen wollen, zu entwickeln; so verlange ich von dir, mein Cicero, daß du mir, wo möglich, den Satz einräumest, daß außer dem Sittlichguten Nichts um seiner selbst willen wünschenswerth sei. Ist dir dieß aber wegen des Kratippus nicht erlaubt, so wirst du wenigstens das einräumen, daß das Sittlichgute am Meisten um seiner selbst willen wünschenswerth sei. Mir genügen beide Sätze D. h. sowol die Ansicht der Stoiker, die nur das Sittlichgute (die Tugend) als ein Gut annehmen, als auch die Ansicht der Peripatetiker, die drei Güter annehmen, die der Seele, des Körpers und der äußeren Verhältnisse., und bald erscheint mir der eine bald der andere beifallswerther, aber außer ihnen keiner beifallswerth.

34.Und zuvörderst muß ich hier insofern den Panätius in Schutz nehmen, als er nicht behauptet hat, das Nützliche könne bisweilen mit dem Sittlichguten in Streit gerathen, – denn dieß war ihm nicht erlaubt als einem Stoiker, dem das Sittlichgute das einzige Gut war. – sondern nur das anscheinend Nützliche. Daß aber Nichts nützlich sei, was nicht zugleich sittlichgut sei, und daß Nichts sittlichgut sei, was nicht zugleich nützlich sei, versichert er oft, und er sagt, kein schlimmeres Verderben sei in das menschliche Leben eingedrungen als die Meinung derer, welche diese Begriffe von einander gerissen hätten. Nicht also, als ob wir zuweilen das Nützliche dem Sittlichguten vorziehen sollten, sondern damit wir in dem Falle, daß ein Widerstreit des Einen gegen das Andere vorkommen sollte, ohne Fehlgriff entscheiden könnten, nahm er den scheinbaren, aber nicht wirklichen Widerstreit an. Diesen Theil nun, den er schuldig geblieben ist, wollen wir ergänzen, und zwar ohne fremde Beihülfe auf eigene Faust, wie man sagt. Denn in den Schriften, die mir in die Hände gekommen sind, findet sich seit Panätius keine Erörterung dieses Gegenstandes, der ich meinen Beifall schenken könnte.

VIII. 35. Wenn uns Etwas mit dem Scheine des Nutzens entgegentritt, so ist es ganz natürlich, daß wir uns davon ergreifen lassen. Finden wir aber bei näherer Betrachtung, daß mit der Sache, die den Schein des Nutzens darbietet, Unsittlichkeit verbunden ist; so ist es nicht die Aufopferung des Nutzens, welche gefordert wird, sondern die Einsicht, daß da, wo Unsittlichkeit sich findet, kein Nutzen sein könne. Streitet aber Nichts so sehr gegen die Natur als Unsittlichkeit, – denn die Natur will nur Geradheit, Uebereinstimmung und Folgerichtigkeit und verschmäht das Gegentheil davon – und ist Nichts der Natur so sehr angemessen als der Nutzen; so kann sicherlich in eben derselben Sache nicht Nutzen und Unsittlichkeit vereint sein. Ferner wenn Sittlichkeit unsere Bestimmung ist und diese entweder allein wünschenswerth ist, wie Zeno Ueber Zeno's Lehre s. zu I. 2, 6. Anm. 68. meint, oder wenigstens alles Uebrige unverhältnißmäßig überwiegt, wie Aristoteles Ueber Aristoteles, den Gründer der Peripatetischen Schule, welche außer der Tugend auch noch Güter des Körpers und der äußeren Verhältnisse annahm, s. zu I. 1, 3. Anm. 64. urtheilt: so muß nothwendiger Weise das Sittlichgute entweder das einzige oder das höchste Gut sein; was aber gut ist, das ist gewiß nützlich; also ist Alles, was sittlichgut ist, nützlich.

36. Daher ist es der Irrwahn nicht redlicher Menschen, der, sobald er Etwas ergreift, was nützlich erscheint, dieses sofort von dem Sittlichguten trennt. Hieraus geht Meuchelmord hervor, hieraus Giftmischerei, hieraus Fälschung der Vermächtnisse, hieraus Diebstahl, Veruntreuung öffentlicher Gelder, Ausplünderungen und Beraubungen der Bundesgenossen und Mitbürger; hieraus die Begierde nach allzu großem Einflusse, nach unerträglicher Uebermacht, ja zuletzt – und das ist das Abscheulichste und Schmählichste, was sich nur denken läßt – selbst in Freistaaten das Gelüste nach königlicher Herrschaft. Denn nur die Vortheile der Dinge sehen sie in ihren trügerischen Vorstellungen; die Strafe, ich will nicht sagen, der Gesetze, die sie oft zunichte machen, sondern die der Unsittlichkeit selbst, welche die empfindlichste ist, sehen sie nicht. 37. Hinweg also mit dieser ganzen frevelhaften und ruchlosen Brut von Menschen, welche überlegen, ob sie dem, was sie als sittlichgut erkennen, folgen oder sich wissentlich mit Frevel beflecken sollen. Denn schon in dem Zweifel liegt eine Schandthat, wenn es auch nicht wirklich dazu kommt. Also sind überhaupt solche Dinge gar nicht in Berathung zu ziehen, bei welchen schon die Berathung unsittlich ist.

Auch muß man von jeder Berathung die Hoffnung und Einbildung verborgen und unentdeckt zu bleiben entfernen. Denn wenn wir nur einige Fortschritte in der Philosophie gemacht haben, so müssen wir zur Genüge die Ueberzeugung gewonnen haben, daß, wenn wir es auch allen Göttern und Menschen verbergen könnten, mir doch keine Handlung der Habsucht, der Ungerechtigkeit, der Willkür, der Unenthaltsamkeit uns erlauben dürfen.

IX. 38. Um dieß zu veranschaulichen, führt Plato Plat. de Republ. II. p. 359. jenen berühmten Gyges Gyges wurde nach Ermordung des Königs Kandaules, des letzten Herakliden, König von Lydien (720 v. Chr.) und Stammvater eines neuen Hauses, der Meremnaden, deren letzter Krösus ist. Die eigentliche Geschichte des Gyges findet sich bei Herodot I, 8–12. an. Als einst die Erde sich durch große Regengüsse aufgethan hatte, stieg er in diese Kluft hinab und bemerkte, wie die Sage erzählt, ein ehernes Roß, an dessen Seiten sich Thüren befanden. Er öffnete dieselben und sah einen menschlichen Leichnam von ungewöhnlicher Größe, der am Finger einen goldenen Ring hatte. Diesen zog er ab und steckte sich ihn an. Darauf begab er sich – er war nämlich ein Hirt des Königs – wieder in die Versammlung der Hirten. Als er daselbst den Ringkasten gegen die flache Hand drehte, wurde er von Niemandem gesehen, er selbst aber sah Alles; hingegen wurde er wieder sichtbar, wenn er ihn wieder an seine gewöhnliche Stelle drehte. Diese Wunderkraft des Ringes benutzte er nun, um die Königin zu verführen, unter ihrem Beistande seinen Herrn, den König, zu ermorden und die Personen, von denen er glaubte, daß sie ihm feindlich entgegenständen, aus dem Wege zu räumen, und bei allen diesen Verbrechen konnte ihn Niemand sehen. So gelang es ihm mittelst des Ringes sich in ganz kurzer Zeit zum König von Lydien emporzuschwingen.

Gesetzt nun, ein Weiser besäße diesen Ring; so würde er sich ebenso wenig zu einer Sünde berechtigt halten, als wenn er ihn nicht besäße. Denn um Sittlichkeit ist es rechtschaffenen Männern zu thun und nicht um Verborgenheit.

39. Hier machen nun gewisse Philosophen Die Epikureer. Clemens Alexandr. Strom. IV, 629: καὶ ό γε ’Επίκουρος αδικει̃ν επὶ κέρδει τινὶ ου βούλεσθαι φησι τὸν κατ' αυτὸν σοφόν· πίστιν γὰρ λαβει̃ν περὶ του̃ λαθει̃ν ου δύνασθαι. ‘Ώστε (d. h. hieraus folgt also, daß) ει επιστήσεται λήσειν, αδικήσει κατ' αυτόν., keineswegs bösartige, aber nicht eben sehr scharfsinnige Menschen, die Bemerkung, diese Erzählung sei von Plato erdichtet und ersonnen, gleichsam als ob er behauptete, die Sache sei wirklich geschehen oder habe geschehen können. Die Bedeutung dieses Ringes und dieses Beispieles ist die: wenn es Niemand erführe, Niemand auch nur einen Argwohn schöpfen könnte, daß du zur Befriedigung deiner Begierde nach Reichtum, Macht, Alleinherrschaft und Willkür eine schlechte Handlung begingest, wenn es Göttern und Menschen in Ewigkeit unbekannt bliebe; würdest du sie begehen? – Sie sagen, der Fall sei nicht möglich. – Allerdings ist er nicht Ich habe nach der Muthmaßung Muret's: nequaquam potest id quidem übersetzt. Die Lesart der Handschriften, die auch Klotz beibehalten hat, ist: quanquam potest id quidem. Aber da vorher auch die Götter erwähnt werden, so kann diese Lesart auf keinen Fall richtig sein. möglich; aber ich frage, was sie denn thun würden, wenn das möglich wäre, was sie für unmöglich erklären. Auf gut bäuerisch beharren sie bei ihrer Behauptung, der Fall sei nicht möglich. Sie verstehen den Sinn meiner Worte nicht. Denn wenn ich frage, was sie thun würden, wenn sie es verheimlichen könnten; so frage ich nicht, ob sie es verheimlichen können, sondern es ist eine Art peinliche Frage, die ich an sie richte. Denn antworten sie, im Falle der Straflosigkeit würden sie das thun, was ihnen vortheilhaft sei; so bekennen sie sich für Verbrecher. Sagen sie aber das Gegentheil, so räumen sie ein, daß alle unsittlichen Handlungen um ihrer selbst willen zu vermeiden seien. Doch kehren wir jetzt wieder zu unserem Gegenstande zurück.

X. 40. Es treten oft Fälle ein, in denen ein scheinbarer Nutzen unser Gemüth in Verlegenheit setzt, zwar nicht durch die Ueberlegung, ob die Sittlichkeit wegen der Größe des Nutzens aufgeopfert werden müsse, – dieß wäre ja eine Schlechtigkeit – wohl aber, ob eine anscheinend nützliche Handlung ohne Verletzung der Sittlichkeit geschehen könne.

Brutus entsetzte seinen Amtsgenossen Collatinus Lucius Junius Brutus, der die königliche Herrschaft in Rom abschaffte, und Lucius Tarquinius Collatinus, ein Anverwandter der vertriebenen Tarquinier, Gemahl der Lucretia, waren die ersten Consuln nach der Abschaffung des Königtums (509 v. Chr.). Vgl. Livius II. 2. des Consulates, und es konnte scheinen, als ob er hierin eine Ungerechtigkeit begehe. Da aber die Häupter des Staates den Beschluß gefaßt hatten, die ganze Verwandtschaft des Superbus und der Name der Tarquinier und jede Erinnerung an die königliche Herrschaft müsse hinweggeschafft werden; so stimmte dieses für das Vaterland nützliche Verfahren so mit der Sittlichkeit überein, daß sogar Collatinus selbst dasselbe billigen mußte. So erhielt der Nutzen durch die Sittlichkeit Geltung, ohne welche gar kein Nutzen möglich gewesen wäre.

Hingegen bei dem Könige, der unsere Stadt erbaut hat, ist der Fall nicht so. 41. Denn der Scheinvortheil hatte sein Gemüth eingenommen. Es dünkte ihm vortheilhafter allein als mit einem Anderen König zu sein, und deßhalb erschlug er seinen Bruder. Er setzte sowol die brüderliche Liebe als auch die Menschlichkeit bei Seite, um einen scheinbaren, nicht wirklichen Vortheil zu erreichen, und doch stellte er den Vorfall mit der Mauer Romulus und Remus, Zwillingssöhne der Vestalin Rhea Sylvia, hatten gemeinsam die Stadt Rom erbaut (754 v. Chr.); allein Romulus erschlug den Remus, weil dieser in jugendlichem Leichtsinne die eben erbauten Stadtmauern verletzt hatte. Vgl. Livius I. 7. als Entschuldigungsgrund auf, einen bloßen Schein der Sittlichkeit, der weder zu billigen noch wahrlich zureichend war. Er beging also eine Sünde – Quirinus Romulus wurde nach seinem Tode von den Römern göttlich verehrt und erhielt den Namen Quirinus. oder Romulus mag mir dieses Wort verzeihen. –

Chrysippus aus Soli in Cilicien, geb. 280 v. Chr., gestorb. 206, Schüler des Zeno und Kleanthes, ein sehr scharfsinniger und gelehrter Stoiker.: »Wer auf der Rennbahn läuft, soll mit aller Kraftanstrengung nach dem Siege streben; keineswegs aber darf er seinem Mitkämpfer ein Bein unterstellen oder ihn mit der Hand auf die Seite stoßen. Ebenso ist es im Leben nicht unbillig, wenn Jeder nach dem trachtet, was sein Bedarf nöthig hat; aber es einem Anderen entreißen ist nicht Recht.«

43. Eine Verwirrung der Pflichten kommt besonders in der Freundschaft vor. Denn sowol dem Freunde nicht gewähren, was man rechtlich kann, als auch ihm gewähren, was die Billigkeit nicht zuläßt, ist pflichtwidrig. Doch für alle Fälle dieser Art gibt es eine kurze und nicht schwierige Vorschrift. Die anscheinend nützlichen Dinge nämlich, wie Ehrenstellen, Reichtum, sinnliche Genüsse und Anderes dergleichen, dürfen nie der Freundschaft vorgezogen werden. Hingegen gegen den Staat, gegen Eid und gegebenes Wort wird ein rechtschaffener Mann dem Freunde zu Liebe nie handeln, selbst auch dann nicht, wenn er als Richter über seinen Freund auftreten soll. Denn er legt den Charakter des Freundes ab, wenn er den des Richters annimmt. Nur so viel wird er der Freundschaft einräumen, daß er wünscht, die Sache des Freundes möge Recht haben, daß er die Zeit Nach der lex Pompeia vom J. 55 mußte in einem und demselben Tage sowol die Anklage als auch die Vertheidigung zu Ende geführt werden; dem Ankläger waren zwei, dem Angeklagten drei Stunden eingeräumt. zur Führung seiner Rechtsverhandlung, soweit es die Gesetze gestatten, bequem legt. 44. Da er aber nach abgelegtem Eide Die Richter mußten schwören, daß sie nur nach Recht und Gerechtigkeit ihr Urtheil fällen wollten. sein Urtheil fällen soll, so muß er sich erinnern, daß er die Gottheit zum Zeugen genommen habe, das heißt nach meinem Dafürhalten seinen Geist Die Stoiker und andere Philosophen sahen die menschliche Seele als etwas Göttliches an. Plat. Legg. X. p. 897, B.: πα̃σιν, οι̃ς ψυχὴ χρωμένη νου̃ν μὲν προσλαμβάνουσα αεὶ θεόν, θεὸς ου̃σα, όρθὰ καὶ ευδαίμονα παιδαγωγει̃ πάντα., das Göttlichste, das die Gottheit selbst dem Menschen geschenkt hat. Es ist daher eine vortreffliche Sitte, die wir von unseren Vorfahren erhalten haben, – nur müßten wir sie auch beobachten – daß man den Richter bittet zu thun, was er ohne Verletzung seiner Pflicht thun kann. Diese Sitte bezieht sich auf die Bewilligungen, welche, wie ich kurz zuvor bemerkte, die Sittlichkeit einem Richter gegen seinen Freund erlaubt. Denn wenn man Alles thun müßte, was die Freunde verlangen; so wäre dieß nicht für Freundschaft zu halten, sondern für eine Verschwörung. 45. Ich rede aber hier von den gewöhnlichen Freundschaften; denn unter weisen und vollkommenen Männern kann Etwas der Art nicht vorkommen.

Damon und Phintias Damon und Phintias werden auch von Diodorus ( Exc. p. 554 Wessel.) und Plutarchus (περὶ πολυφιλίας 2, 4) genannt. Erst Hyginus Fab. 257. nennt die Freunde Mörus und Selinuntius, und ihm ist Schiller in seiner bekannten Ballade »die Bürgschaft« gefolgt. Der hier erwähnte Dionysius ist nach Cicer. Tuscul. V. 22, 76. der ältere; aber nach Arisioxenus, einem Zeitgenossen, war es der jüngere., so erzählt man, hegten eine so zärtliche Liebe zu einander, daß, als dem Einen von ihnen der Gewaltherrscher Dionysius den Tag seiner Hinrichtung bestimmt, und der dem Tode Geweihte sich die Frist weniger Tage erbeten hatte, um die Seinigen der Fürsorge treuer Freunde zu empfehlen, der Andere sich für seine Rückkehr unter der Bedingung verbürgte, daß, wenn jener sich nicht stellte, er selbst sterben müsse. Allein er kam auf den Tag zurück, und der Herrscher, verstummt über ihre Treue, bat sie ihn als den Dritten in ihre Freundschaft aufzunehmen.

46.Wird also in der Freundschaft das anscheinend Nützliche mit dem Sittlichguten verglichen, so muß der Scheinnutzen unterliegen und die Sittlichkeit obsiegen. Streiten hingegen die Forderungen, die man in der Freundschaft macht, gegen die Sittlichkeit; so muß man Gewissenhaftigkeit und Rechtschaffenheit der Freundschaft vorziehen. Auf diese Weise werden wir, was der Gegenstand unserer Untersuchung ist, die Wahl der Pflicht zu treffen haben.

S. zu I. 11, 35. Anm. 110. von uns Römern; härter noch verfuhren die Athener Dieß geschah im J. 456 v. Chr., und zwar nach Aelian. Var. Hist. II, 9., damit die Aegineten weder einen Speer noch ein Ruder führen könnten. Die Insel Aegina liegt im Saronischen Meerbusen zwischen Attika und Argolis. Piräus war der berühmte Hafen von Athen., die den Beschluß faßten, daß den Aegineten, die eine große Seemacht hatten, die Daumen abgeschnitten werden sollten. Dieß schien nützlich; denn Aegina war wegen seiner Nähe dem Piräus allzu gefährlich. Aber Nichts, was grausam ist, ist nützlich; denn der Menschennatur, der wir folgen müssen, widerstrebt ganz besonders die Grausamkeit.

47. Unrecht handeln auch die, welche den Fremden den Aufenthalt in ihren Städten wehren und sie daraus verjagen, was Pennus Marcus Junius Pennus war im J. 126 v. Chr. Volkstribun. Seine lex de peregrinis wird von Festus p. 445 erwähnt. bei unseren Vätern und Papius Gajus Papius erneuerte als Volkstribun im J. 65 v. Chr. das Gesetz wegen Beschränkung der Fremden in Rom. unlängst gethan haben. Daß der nicht als ein Bürger angesehen werden darf, der kein Bürger ist, verhält sich allerdings ganz recht, und hierüber haben auch die so weisen Consuln Crassus Ueber Crassus s. zu I. 8, 25. Anm. 94. und Scävola Ueber Scävola s. zu I. 32, 116. Anm. 248. ein Gesetz gegeben; aber Fremden den Aufenthalt in der Stadt wehren ist wahrlich unmenschlich.

Vortrefflich hingegen sind jene Fälle, wo der scheinbare Nutzen des Staates der Sittlichkeit gegenüber verschmäht wird. Voll von solchen Beispielen ist die Geschichte unseres Staates zu verschiedenen Zeiten und ganz besonders zur Zeit des zweiten Punischen Krieges. Nach der Niederlage bei Cannä Die Schlacht bei Cannä in Apulien wurde im Sommer des J. 216 v. Chr. geliefert; in derselben wurden die Römer von Hannibal gänzlich geschlagen und erlitten eine furchtbare Niederlage. bewies er einen höheren Muth als zu irgend einer Zeit des Glückes. Keine Spur von Furcht, keine Erwähnung des Friedens. So groß ist die Kraft der Sittlichkeit, daß sie den Schein des Nutzens verdunkelt.

48. Als die Athener Dies geschah im J. 480 v. Chr. dem Angriffe der Persier auf keinen Fall Stand halten konnten, beschlossen sie die Stadt zu verlassen, Weib und Kind nach Trözen Trözen, eine Seestadt von Argolis am Saronischen Meerbusen. in Sicherheit zu bringen und die Schiffe zu besteigen, um die Freiheit Griechenlands zur See zu vertheidigen. Ein gewisser Cyrsilus gab den Rath, man möchte in der Stadt bleiben und dem Xerxes die Thore öffnen; aber man steinigte ihn. Und doch schien er den Nutzen ins Auge gefaßt zu haben; allein es war kein Nutzen, da die Sittlichkeit dagegen stritt.

49. Themistokles Ueber Themistokles s. zu I. 22, 75. A. 159; über Aristides s. zu III. 4, 16. Anm. 495. erklärte nach dem Siege in dem Kriege gegen die Persier in einer Volksversammlung, er habe einen für den Staat heilsamen Plan, aber er dürfe nicht allgemein bekannt werden; er verlangte daher, das Volk möchte einen Mann bestimmen, dem er denselben mittheilen könnte. Man bestimmte den Aristides dazu. Themistokles eröffnete ihm nun, die Flotte der Lacedämonier, welche bei Gytheum Gythēum (Γύθειον), Stadt und Hafen am Lakonischen Meerbusen, in der Nähe der Stadt Sparta. ans Land gezogen war, könne heimlich verbrannt werden, und dadurch müsse nothwendiger Weise die Macht der Lacedämonier gebrochen werden. Als Aristides dieses gehört hatte, kehrte er unter großer Erwartung in die Volksversammlung zurück und erklärte, nützlich sei der Plan, den Themistokles gebe, aber er streite durchaus gegen die Sittlichkeit. Da urtheilten die Athener, was nicht sittlichgut sei, könne auch nicht nützlich sein, und verwarfen auf Aristides' Rath die ganze Sache, ohne sie auch nur gehört zu haben. Edler handelten sie als wir, die wir Seeräuber Dem Seeräuberwesen hatte Pompejus zwar ein Ende gemacht; allein durch die Bürgerkriege, wo andere Interessen von den Häuptern des Staates verfolgt wurden, war es wieder sehr mächtig geworden. abgabenfrei lassen, während wir steuerpflichtige Bundesgenossen Cicero meint die Bundesgenossen, welche auf Seiten des Pompejus gestanden hatten, wie die Massilier und Dejotarus, König von Galatien, welche, obwol sie stäts die größte Treue den Römern bewiesen hatten, von Cäsar aus freien Bundesgenossen zu zinspflichtigen Unterthanen gemacht wurden. haben.

XII. Also bleibe es dabei: was unsittlich ist, das kann nie nützlich sein, auch dann nicht, wenn man zum Besitze des anscheinend Nützlichen gelangt. Denn schon der Gedanke, das Unsittliche könne nützlich sein, ist verderblich.

50. Allein es treten oft, wie ich oben bemerkte, Fälle ein, in denen der Nutzen gegen die Sittlichkeit zu streiten scheint, und alsdann muß man darauf achten, ob er durchaus widerstreite oder sich mit der Sittlichkeit vereinigen lasse. Fragen der Art sind folgende: Zum Beispiel, ein rechtschaffener Mann bringt von Alexandria Alexandria war der Hauptmarkt für das Getreide, das in dem fruchtbaren Aegypten gewonnen wurde. eine große Schiffsladung Getreide nach Rhodus zu einer Zeit, wo daselbst Mangel und Hungersnoth herrscht und das Getreide einen ungemein hohen Preis hat. Zugleich weiß er, daß mehrere Kaufleute von Alexandria abgefahren sind, und auf seiner Fahrt hat er die mit Getreide beladenen Schiffe Rhodus zusteuern sehen. Soll er nun dieß den Rhodiern sagen oder schweigen und seine Waare möglichst theuer verkaufen? Wir denken uns hier einen weisen und rechtschaffenen Mann und fragen nach seiner Berathung und Ueberlegung. Er wird es den Rhodiern nicht verhehlen, wenn er es für unsittlich hält. Aber er kann zweifeln, ob es unsittlich sei.

51. Ueber dergleichen Fälle hat eine andere Ansicht Diogenes Diogenes aus Babylon, Schüler des Chrysippus, Stoischer Philosoph, Lehrer des Neuakademikers Karneades in der Dialektik. Er, Karneades und Kritolaus wurden im J. 156 v. Chr. von den Athenern als Gesandte nach Rom geschickt, wo sie gelehrte Vorträge über philosophische Gegenstände hielten. Cato aber, der besorgt war, die Römische Jugend möchte durch diese Vorträge dem thätigen Leben für den Staat entzogen werden, bewirkte, daß sie bald Rom wieder verlassen mußten. aus Babylon, ein großer und gewichtiger Stoiker, eine andere sein Schüler Antipater Antipater von Tarsus, Lehrer des Panätius., ein höchst scharfsinniger Mann. Nach Antipater muß man Alles offenbaren, und dem Käufer darf durchaus Nichts, was der Verkäufer weiß, verborgen bleiben. Nach Diogenes ist der Verkäufer verpflichtet die Fehler seiner Waare nur insoweit anzugeben, als es im bürgerlichen Rechte festgesetzt ist; im Uebrigen handele er ohne Hinterlist, und weil er nun einmal verkaufe, so dürfe er den Wunsch hegen möglichst theuer zu verkaufen. »Ich habe meine Waare hierher gebracht, sie ausgestellt und verkaufe sie nicht höher als die Anderen, vielleicht noch wohlfeiler, indem ich einen größeren Vorrath habe. Wem geschieht Unrecht?«

52. Dagegen erhebt sich Antipater mit seiner Ansicht. »Was sagst du? du bist verpflichtet für das Wohl deiner Nebenmenschen zu sorgen und der menschlichen Gesellschaft zu dienen; deine Lebensbestimmung und die Grundtriebe der Natur, denen du gehorchen und folgen mußt, sind die: dein Nutzen soll der allgemeine Nutzen sein und hinwiederum der allgemeine Nutzen der deinige: und du willst deinen Nebenmenschen verhehlen, welche Vortheile und Vorräthe von Lebensmitteln sich in ihrer Nähe befinden?« – Die Erwiderung des Diogenes dürfte vielleicht also lauten: »Etwas Anderes ist verhehlen, etwas Anderes verschweigen, und nicht verhehle ich dir jetzt Etwas, wenn ich dir nicht sage, was das Wesen der Gottheit sei, was das höchste Gut sei, wiewol die Kenntniß dieser Dinge dir mehr nützen würde als der wohlfeile Preis des Weizens. Aber ich brauche dir nicht Alles zu sagen, was dir zu hören nützlich ist.« – 53. »Allerdings, wird jener erwidern, mußt du es, wenn anders du daran denkst, es bestehe unter den Menschen die von der Natur geschlossene Gesellschaft.« – »Daran denke ich, dürfte der Andere entgegnen; aber ist denn diese Gesellschaft von der Art, daß Niemand ein Eigentum haben soll? In diesem Falle dürfte man Nichts verkaufen, sondern müßte Alles verschenken.«

XIII. Du siehst, bei diesem ganzen Streite wird nicht gesagt: So unsittlich auch dieses sein mag, so werde ich es dennoch thun, weil es mir vortheilhaft ist; sondern der Eine sagt: Es ist vortheilhaft, ohne unsittlich zu sein; der Andere hingegen: Man darf es deßhalb nicht thun, weil es unsittlich ist.

54.Gesetzt, es will ein braver Mann ein Haus wegen einiger Fehler, die er selbst kennt, Andere aber nicht kennen, verkaufen. Es ist ungesund, gilt aber für gesund.. Man weiß nicht, daß sich in allen Gemächern Schlangen zeigen. Es ist aus schlechtem Holze aufgebaut, es ist baufällig; aber dieß weiß Niemand außer dem Hausbesitzer. Ich frage nun, wenn der Verkäufer diese Fehler den Käufern nicht angibt und das Haus theuerer verkauft, als er glaubte es zu verkaufen, würde er in diesem Falle ungerecht oder schlecht handeln? – Ganz offenbar, erwidert Antipater. 55. Denn was sonst heißt einem Irrenden den Weg nicht zeigen, worauf zu Athen der öffentliche Fluch liegt Das Gesetz der Athener lautete: υποφαίνειν οδὸν πλανωμένοις καὶ κοινωνει̃ν κατὰ τὸν βίον ύδατος ὴ πυρός. Der Fluch wird erwähnt von Diphilus bei Atheneaus 6, 238: ’Αγνοει̃ς, εν ται̃ς αραι̃ς ‘Ότ' έστιν, εί τις μὴ φράσει ορθω̃ς οδόν ’Ὴ πυ̃ρ εναύσει ὴ διαφθερει̃ ύδωρ., wenn es dieses nicht ist, einen Käufer zu Falle kommen und durch Irrtum in den größten Schaden hineinrennen lassen? Es ist noch mehr als den Weg nicht zeigen; denn es heißt seinen Nebenmenschen auf einen Irrweg führen.

Diogenes hingegen erwidert: Hat er dich zu kaufen genöthigt, er, der dich nicht einmal dazu aufgefordert hat? Er hat feil geboten, was ihm nicht gefiel; du hast gekauft, was dir gefiel. Wenn Leute ein Landhaus als gut und wohl gebaut zum Kaufe feil bieten, so hält man sie nicht für Betrüger, wenn es auch weder gut ist noch zweckmäßig gebaut, weit weniger aber diejenigen, welche ihr Haus nicht angepriesen haben. Denn wo der Käufer urtheilen kann, wie kann da ein Betrug des Verkäufers stattfinden? Braucht man aber nicht für Alles, was man gesagt hat, zu stehen, meinst du, man müsse für das stehen, was man nicht gesagt hat? Gäbe es wol eine größere Thorheit, als wenn der Verkäufer die Fehler des Gegenstandes, den er verkaufen will, herzählte? Kann man sich etwas Verkehrteres denken, als wenn der Ausrufer auf Geheiß des Hausbesitzers so ausriefe: »Ein ungesundes Haus ist zu verkaufen?«

56. So wird also in gewissen zweifelhaften Fällen auf der einen Seite die Sittlichkeit in Schutz genommen, auf der anderen von dem Nutzen so gesprochen, daß es nicht nur pflichtmäßig sei das anscheinend Nützliche zu thun, sondern sogar Pflichtwidrig es nicht zu thun. Das ist jener Widerstreit, der oft zwischen dem Nützlichen und dem Sittlichguten einzutreten scheint. Solche Fälle müssen von mir entschieden werden; denn ich habe sie nicht erzählt, um Fragen aufzuwerfen, sondern um sie zu entwickeln. 57. Nicht also durfte nach meiner Meinung jener Fruchthändler den Rhodiern oder dieser Hausverkäufer den Käufern Etwas verhehlen. Allerdings ist nicht jedes Verschweigen ein Verhehlen; aber es ist es, wenn man Etwas, was man weiß, um seines eigenen Vortheiles willen Andere nicht wissen lassen will, denen daran liegt es zu wissen. Wer sieht nicht, was dieses für eine Art des Verhehlens ist, und was für einen Menschen es verräth? Gewiß einen nicht offenen, nicht geraden, nicht aufrichtigen, nicht gerechten, nicht braven Menschen, im Gegentheil einen verschlagenen, versteckten, listigen, betrügerischen, boshaften, schlauen, abgefeimten, verschmitzten. Diese so vielen und noch mehr andere Schandnamen auf sich zu laden, widerstreitet das nicht dem Nutzen?

XIV. 58.Wenn nun diejenigen Tadel verdienen, welche Etwas verschweigen; was muß man über die urtheilen, welche lügnerische Worte zu Hülfe nehmen?

Gajus Canius Gajus Canius ist Zeitgenosse des Marcus Aemilius Scaurus, der, wie wir oben zu I. 22, 76. Anm. 167 gesehen haben, 115 v. Chr. Consul war. Von seinem Witze gibt Cicer. de Orat. II. 69, 280. folgendes Beispiel an: Scaurus klagte den Rutilius, obwol er selbst das Consulat erlangt hatte, dieser hingegen zurückgesetzt worden war, wegen unrechtmäßiger Amtsbewerbung an und zeigte in dessen Rechnungsbüchern die Buchstaben A. F. P. R. vor, die er so deutete: Actum Fide Publii Rutilii, d. h. »aufgewandt auf Kredit des Publius Rutilius«, Rutilius hingegen so: Ante Factum, Post Relatum, d. h. »erst ausgegeben, dann eingetragen«. Da rief Gajus Canius, ein Römischer Ritter, der den Rutilius vertheidigte, mit lauter Stimme aus, weder das Eine noch das Andere werde durch jene Buchstaben bezeichnet. »Was also?« fragte Scaurus. – Aemilius Fecit, Plectitur Rutilius, d. h. »Aemilius ist der Schuldige, Rutilius der Büßende«., ein Römischer Ritter, ein Mann nicht ohne Witz und ziemlich wissenschaftlich gebildet, hatte sich nach Syrakus begeben, um der Geschäfte zu vergessen, wie er selbst zu sagen pflegte, und nicht um Geschäfte zu machen Im Texte: otiandi, ut ipse dicere solebat, non negotiandi causa, ein Wortspiel. Die Römischen Ritter waren, da sie die Einkünfte des Staates pachteten, große Geschäftsleute; auch trieben sie Geldgeschäfte.. Er äußerte hier öfters, er wünsche einen Lustgarten zu kaufen, wo er seine Freunde bei sich sehen und ungestört dem Vergnügen leben könne. Dieß wird bekannt, und ein gewisser Pythius, der in Syrakus ein Wechselgeschäft trieb, läßt ihm sagen, verkäuflich sei ihm zwar sein Garten nicht, doch stehe es dem Canius frei, wenn er wolle, sich desselben ganz wie seines eigenen zu bedienen, und zugleich lud er ihn auf den folgenden Tag zu Tische ein. Dieser sagt zu. Darauf berief Pythius, der als Geldwechsler unter allen Ständen Freunde hatte, Fischer zu sich, ersuchte sie Tags darauf vor seinem Garten zu fischen und sagte ihnen, was sie sonst noch thun möchten. Canius stellt sich zur bestimmten Zeit zum Essen ein; ein kostbares Mahl ist von Pythius bereitet; vor seinen Augen befindet sich eine Menge von Nachen; jeder bringt seinen Fang herbei; vor den Füßen des Pythius werden die Fische hingeschüttet. 59. Da ruft Canius aus: »Ums Himmels willen, was ist das, Pythius? so viel Fische, so viel Nachen!« – »Was Wunder? erwiderte jener; von hier bekommt Syrakus seine Fische, von hier sein Wasser – dieses Landgut ist der Stadt unentbehrlich.« – Canius wird hitzig und dringt in den Pythius es ihm zu verkaufen. Anfangs macht dieser Schwierigkeiten; doch kurz! Canius erhält es. Der reiche Mann kauft es in seinem Eifer so theuer, als Pythius wollte, und er kauft es mit allem Zubehör. Er trägt die Kaufsumme in sein Ausgabebuch und bringt den Handel in Richtigkeit. [60.] Tags darauf ladet Canius seine Freunde ein; er selbst kommt frühzeitig; kein Ruder läßt sich sehen. Er fragt den nächsten Nachbar, ob die Fischer vielleicht Feiertage hätten, weil er gar keine sähe. – »Nein, so viel ich weiß, erwiderte dieser; aber hier pflegen sie auch gar nicht zu fischen. Ich war daher gestern über das, was hier vorging, verwundert.« – Canius war ungehalten; doch was sollte er thun? Denn noch nicht hatte mein Amtsgenosse und Freund Aquilius Gajus Aquilius Gallus, Cicero's Amtsgenosse in der Prätur im J. 66 v. Chr., ein berühmter Rechtsgelehrter, gab Rechtsbestimmungen ( formulae) heraus, die bei Abschließung von Verträgen zu beobachten seien. die Rechtsbestimmungen über die Arglist bekannt gemacht. In diesen gab er auf die Frage, was Arglist sei, den Bescheid, wenn man etwas Anderes vorgibt, als man vorhat. Dieses ist sehr deutlich ausgedrückt, wie man von einem Manne erwarten kann, der in der Bestimmung der Begriffe erfahren ist. Demnach sind Pythius und Alle, welche etwas Anderes vorhaben, als sie vorgeben, treulos, unredlich, hinterlistig. Keine ihrer Handlungen kann daher nützlich sein, da sie mit so vielen Fehlern befleckt ist.

XV. 61. Ist nun die Begriffsbestimmung des Aquilius richtig, so muß fälschliches Vorgeben und Verstellung aus dem ganzen Leben entfernt werden. So wird also ein rechtschaffener Mann, um besser entweder zu kaufen oder zu verkaufen, Nichts fälschlich vorgeben oder verheimlichen. Dieser Arglist war auch schon früher Ehe Aquilius seine Rechtsbestimmungen herausgab. theils durch Gesetze gesteuert worden, wie dem Betruge bei Vormundschaften durch die zwölf Tafeln Ueber die zwölf Tafelgesetze s. zu I. 12, 37. Anm. 118., der Uebervortheilung junger noch minderjähriger Leute durch das Plätorische Gesetz Das Plätorische Gesetz war von dem Tribun Plätorius um 200 v. Chr. gegeben; dasselbe verbot jungen Leuten bis zum fünfundzwanzigsten Jahre Verträge abzuschließen, setzte ihnen Curatoren und belegte diejenigen, welche junge Leute zu Abschließung von Verträgen verleitet hatten, mit Ehrlosigkeit., theils ohne Gesetz durch die Gerichte, bei denen der Zusatz: » Nach Treu' und Glauben« Diese Formel, sowie auch die folgenden sind nicht auf den Richter zu beziehen; denn der ist schon durch sein Amt verpflichtet, nach Treu' und Glauben, d. h. nach bestem Wissen und Gewissen, zu entscheiden; sondern auf die streitenden Parteien. Der Richter hatte zu entscheiden, ob nach Treu' und Glauben von den streitenden Parteien gehandelt worden sei. gemacht wird. Von den übrigen Gerichten sind folgende Formeln besonders bemerkenswerth, nämlich bei dem Schiedsgerichte über das Vermögen der Frau Nämlich in Processen über das Vermögen einer geschiedenen Frau wurde durch ein Schiedsgericht entschieden, wie viel davon herauszugeben sei.: » Auf das Beste und Billigste,« und bei einem Gerichte über anvertrautes Gut bei einem Vertrage über das Eigentum, das an einen Anderen auf Treu' und Glauben überlassen ist. Die Formel steht vollständiger Kap. 17, §. 70.: » Wie es zwischen ehrlichen Leuten ehrlich hergehen muß.« Wie nun? Kann da, wo es heißt: » Nach dem Besten und Billigsten« irgend ein Betrug stattfinden? oder kann da, wo es heißt: » Wie es zwischen ehrlichen Leuten ehrlich hergehen muß« eine arglistige oder böswillige Handlung vorkommen?

Die Arglist besteht aber, wie Aquilius sich ausdrückt, in fälschlichem Vorgeben. Man muß also aus der Abschließung von Verträgen alle Unwahrheit entfernen. Nicht darf der Verkäufer einen Scheinkäufer, der den Preis in die Höhe treibt, nicht der Käufer einen Menschen, der durch ein geringes Gebot den Preis herabdrückt, anstellen. Beide müssen, wenn es zur Aussage des Gebotes kommt, ein für allemal aussagen Die einmal geschehene Aussage muß feststehen, darf nicht verändert werden..

62. Quintus Scävola Ueber Scävola, den Oberpriester, s. zu I. 32, 116. Anm. 248., des Publius Sohn, verlangte, daß ihm der Preis des Grundstückes, das er kaufen wollte, ein für allemal angegeben würde. Der Verkäufer that dieß. Scävola erklärte, er habe es höher geschätzt, und fügte noch hunderttausend Sestertien = 5000 Thaler. hinzu. Niemand wird verkennen, daß er wie ein rechtschaffener Mann handelte; aber klug will man ihn nicht nennen, ebenso wenig, wie Einen, der wohlfeiler verkauft, als er kann. Das ist das Unglück, daß man für etwas Anderes rechtschaffene, für etwas Anderes kluge Männer hält. Daher sagt Ennius Ennius (s. zu I. 8, 26. Anm. 95) in der Medea. Der vollständige Vers ist bei Cicer. ad Famil. VII, 6. aufbewahrt:

Qui ipse sibi sapiens prodesse non quit, nequidquam sapit.

(d. i. Klugheit hilft dem Klugen nichts, wenn er nicht selbst sich nützen kann).

, vergebens sei der Weise weise, der sich selbst nicht zu nützen verstehe. Richtig, wenn ich mit Ennius über den Begriff des Nutzens einverstanden wäre.

63. Hekaton Auch Kap. 23 §. 89. wird Hekaton's Werk über die Pflichten erwähnt, und zwar daselbst das sechste Buch, woraus man schließen darf, daß das Werk sehr umfangreich gewesen sein muß. aus Rhodus, ein Schüler des Panätius, sagt, wie ich sehe, in seinen Büchern über die Pflichten, die er dem Quintus Tubero Quintus Aelius Tubero, Schwestersohn des jüngeren Africanus, ein Anhänger der Stoischen Philosophie. gewidmet hat, es sei die Pflicht des Weisen, soweit es ohne Verletzung der Sitten, der Gesetze und bürgerlichen Einrichtungen geschähe, auf sein Vermögen Bedacht zu nehmen. Denn wir wollen nicht allein für unsere Person reich sein, sondern für unsere Kinder, Anverwandten, Freunde und ganz besonders für den Staat. Das Vermögen und der Wohlstand der Einzelnen ist ja der Reichtum des Staates.

Ihm kann die kurz zuvor erwähnte Handlung des Scävola keineswegs gefallen. Denn er erklärt schlechtweg, er werde um seines Vortheiles willen nur so viel nicht thun, als er nicht thun dürfe. Einem Solchen ist weder großes Lob noch großer Dank zu ertheilen. 64. Leider gibt es, wenn Arglist in fälschlichem Vorgeben und in Verstellung besteht, nur sehr wenige Handlungen, bei denen sich nicht Arglist fände, sowie wir auch gewiß einen rechtschaffenen Mann nur selten finden, wenn man unter ihm einen Mann versteht, der so Vielen, als möglich, nützt und Keinem schadet. Also noch einmal: niemals bringt Unrecht thun Vortheil, weil es zu jeder Zeit schimpflich ist, und immer bringt es Nutzen ein rechtschaffener Mann zu sein, weil es zu jeder Zeit sittlichgut ist.

XVI. 65. Was das Recht in Betreff der Grundstücke anlangt, so ist bei uns durch das bürgerliche Recht bestimmt, daß bei dem Verkaufe die Fehler angezeigt werden sollen, welche dem Verkäufer bekannt sind. Nach den zwölf Tafelgesetzen Die Worte des Gesetzes lauten nach Festus unter dem Worte Nuncupate also: Quom nexum faciet manicipiumque, utei lingua nuncupasit, ita jus esto. genügt es, wenn man für das haftet, was namentlich angeführt ist; die falschen Angaben aber sollen um den doppelten Werth bestraft werden. Aber von den Rechtsgelehrten ist auch auf das Verschweigen eine Strafe gesetzt. Sie sind nämlich der Ansicht, der Verkäufer sei verpflichtet für alle Fehler des Grundstückes, die er weiß, aber nicht namentlich anführt, zu haften.

66. Zum Beispiel, als die Auguren Die Auguren ( augures von avis, Vogel) bildeten einen Verein Römischer Priester, deren Amt darin bestand, daß sie den Flug, das Fressen und das Geschrei der Vögel und andere Erscheinungen beobachteten, um daraus den Willen der Götter zu erforschen. auf der Burg Auf der Burg des Kapitols, welche nach Festus auguraculum genannt wurde, weil daselbst die Auguren den Vogelflug beobachteten, und zwar nach Osten gewendet (Liv. I, 18), so daß sie also auf den Cälischen Hügel, der südöstlich vom Kapitol lag, hinsahen.den Vogelflug beobachten wollten, hießen sie den Tiberius Claudius Centumalus Dieser Claudius, sowie der darauf erwähnte Calpurnius sind nicht weiter bekannt., der ein Haus auf dem Cälischen Hügel hatte, so viel davon abbrechen, daß seine Höhe beim Beobachten nicht mehr hinderlich sei. Claudius bot sein Gebäude Im Texte steht insulam, d. h. ein Haus ohne Vorhof und Nebengebäude, meist hoch aufgebaut, um viele Miethleute ( inquilini) zu fassen. feil und verkaufte es; Publius Calpurnius Lanarius war der Käufer. Auch diesem wurde das Nämliche von den Auguren angekündigt, und Calpurnius ließ den befohlenen Theil des Hauses abbrechen. Als er aber erfuhr, daß Claudius das Haus später feil geboten hätte, als er von den Auguren den Befehl zum Abbruche erhalten hätte; so brachte er die Sache vor den Schiedsrichter, damit sie nach der Formel: »Jener solle ihm Alles geben und leisten, was er zu geben und zu leisten verpflichtet sei nach Treu' und Glauben,« entschieden würde. Marcus Cato Marcus Porcius Cato, der Vater des berühmten Cato von Utica. sprach das Urtheil, der Vater dieses unseres Cato. (Sowie sonst die Söhne nach den Vätern, so muß hier der Vater eines so berühmten Mannes nach dem Sohne benannt werden.). Dieser sprach nun als Richter sein Urtheil so aus: »Da er beim Verkaufe die Sache gewußt, aber nicht angezeigt habe; so sei er verpflichtet dem Käufer für den Schaden zu haften.« 67. Also nahm er an, es gehöre zu Treu' und Glauben, daß dem Käufer der Fehler bekannt gemacht sein müsse, den der Verkäufer kenne.

Hat er nun richtig geurtheilt, so war das Schweigen jenes Getreidehändlers und jenes Verkäufers des ungesunden Hauses unrecht. Doch alle Arten des Verschweigens kann das bürgerliche Recht nicht umfassen; so weit es aber möglich ist, werden sie sorgfältig genommen. Marcus Marius Gratidianus Marcus Marius Gratidianus, der Sohn oder der Enkel des Marcus Gratidius, dessen Schwester die Großmutter Cicero's war, und Adoptivsohn des Marcus Marius, dessen Bruder der berühmte Marius war. Kap. 20, §. 80. wird seine Prätur erwähnt., ein Verwandter von uns, hatte an Gajus Sergius Orata Gajus Sergius Orata, im J. 97 v. Chr. Prätor. Ueber die hier erwähnte Sache vgl. Cicer. de Orat. I. 39, 178. ein Haus verkauft, das er selbst von dem nämlichen Manne wenige Jahre vorher gekauft hatte. Es haftete auf demselben eine Zwangspflicht; aber Marius hatte dieß in dem Kaufbriefe nicht angegeben. Die Sache kam vor Gericht. Den Orata vertheidigte Crassus Ueber Crassus s. zu I. 30, 108. Anm. 213., den Gratidianus Antonius Ueber Antonius s. zu II. 14, 49. Anm. 376.. Crassus drang auf das Recht: »der Verkäufer sei verpflichtet für jeden Fehler zu haften, den er gewußt, aber nicht angezeigt habe«; Antonius berief sich auf die Billigkeit, »weil dem Sergius dieser Fehler nicht unbekannt gewesen sei, da er selbst jenes Haus früher verkauft habe; so sei es nun nicht nothwendig gewesen denselben anzuzeigen, und nicht sei der hintergangen worden, der die Rechtsverhältnisse des gekauften Gegenstandes gekannt habe.«

Wozu aber diese Worte? Auf daß man einsehe, daß unsere Vorfahren kein Wohlgefallen an hinterlistigen Menschen hatten.

XVII. [68.] Allein anders steuern die Gesetze, anders die Philosophen den hinterlistigen Kunstgriffen: die Gesetze, soweit sie handgreiflich sind, die Philosophen, soweit sie mit der Vernunft und Einsicht gefaßt werden können. Die Vernunft also fordert, daß man Nichts mit Hinterlist, Nichts mit Heuchelei, Nichts mit Betrug thue. Findet nun nicht Hinterlist statt, wenn man dem Wilde Schlingen legt, selbst wenn man dasselbe nicht aufjagt noch aufscheucht? Denn das Wild geräth oft von selbst ohne Verfolgung hinein. Wolltest du nun auf diese Weise ein Haus feil bieten, das Anschlagbrett wie Schlingen aufstellen, das Haus wegen seiner Fehler verkaufen, und soll dann ein Unvorsichtiger in die Schlinge hineinlaufen?

69. Ein solches Verfahren, sehe ich, wird nun zwar in Folge unserer verderbten Denkweise weder nach dem Herkommen für schimpflich gehalten, noch auch durch die Gesetze oder das bürgerliche Recht verboten; aber dennoch ist es durch das Naturgesetz verboten. Es besteht ja, wie ich schon oft bemerkte, aber es kann nicht oft genug gesagt werden, eine Gesellschaft von der weitesten Ausdehnung, welche die Verbindung aller Menschen unter einander umfaßt, dann eine engere von Menschen, die dem nämlichen Volksstamme, und eine noch nähere von solchen, welche dem nämlichen Staate angehören. Daher haben auch unsere Vorfahren einen Unterschied zwischen dem Völkerrechte und zwischen dem bürgerlichen Rechte festgesetzt. Was bürgerrechtlich ist, ist darum nicht sofort auch völkerrechtlich; was hingegen völkerrechtlich ist, das muß zugleich auch bürgerrechtlich sein. Aber von dem wahren Rechte und der ächten Gerechtigkeit haben wir kein gediegenes und deutlich ausgedrücktes Abbild; nur Schattenbilder besitzen wir davon, und möchten wir uns doch nur an diese halten. Denn sie leiten sich von Mustern ab, welche in der Natur und Wahrheit bestehen.

70. Zum Beispiel, wie gehaltvoll sind jene Worte: » Daß ich nicht durch dich und das Vertrauen auf dich berückt und gefährdet sei. Eine bei Abschließung von Verträgen u. dgl. vorkommende Formel, wie auch die folgende, die wir schon Kap. 15, §. 62. gesehen haben.« Wie golden jene: » Wie es zwischen ehrlichen Leuten ehrlich hergehen muß und ohne Gefährde!« Allein was unter ehrlichen zu verstehen sei und was es heiße »ehrlich hergehen«, das ist die große Frage.

Der Oberpriester Quintus Scävola Ueber Scävola s. zu I. 32, 116. Anm. 248. wenigstens erklärte, alle schiedsrichterlichen Fälle, bei denen der Zusatz gemacht werde: »nach Treu' und Glauben S. oben Kap. 15, §. 61.«, seien von der höchsten Bedeutung, und er war der Ansicht, der Ausdruck: Treu' und Glauben habe die weiteste Ausdehnung und finde seine Anwendung bei Vormundschaften, Handelsverbindungen, anvertrauten Gütern, Aufträgen, bei Kauf und Verkauf, bei Pachtungen und Verpachtungen: worauf der gesellige Verkehr im Leben beruht. In diesen Fällen erfordere es einen tüchtigen Richter, um zu bestimmen, was Einer dem Anderen zu leisten verpflichtet sei, zumal da in den meisten derselben Gegengerichte judicia contraria, d. h. solche, bei welchen die Klage sich gegen den Kläger, wenn dieser seinen Rechtsstreit verlor, kehrte, indem derselbe die vor dem Beginne des Rechtsstreites deponirte Cautionssumme ( sponsio) verlor. stattfinden.

71. Darum muß Hinterlist und jene Arglist, die für Klugheit gelten will, aber von ihr unendlich weit entfernt und verschieden ist, verbannt werden. Denn die Klugheit beruht auf der Wahl zwischen Gutem und Bösem; die Arglist zieht, wenn alles Unsittliche böse ist, das Böse dem Guten vor.

Nicht aber bei den Grundstücken allein bestraft das von der Natur abgeleitete bürgerliche Recht die Arglist und den Betrug, sondern es wird auch bei dem Verkaufe der Sklaven jeder Betrug des Verkäufers ausgeschlossen. Denn wer um den Gesundheitszustand eines Sklaven und sein Entlaufen, seine Diebstähle wissen mußte, der haftet nach der Verordnung der Aedilen »Titulus servorum singulorum uti scriptus sit, curato, ita uti intellegi recte possit, quid morbi vitiive cuique sit, quis fugitivus errove sit, noxave solutus non sit,« nach Gellius IV, 2. dafür. Anders verhält sich die Sache bei den Erben Wenn die Sklaven ererbt waren, so konnte eine so genaue Kenntniß nicht vorausgesetzt werden..

72. Man erkennt hieraus, daß, weil die Quelle des Rechtes die Natur ist, es nicht naturgemäß ist, wenn man darauf ausgeht aus der Unwissenheit eines Anderen Gewinn zu ziehen, und man kann kein größeres Verderben für das Leben finden, als wenn bei der Arglist ein Vorgeben von Einsicht stattfindet. Hieraus entstehen jene unzähligen Fälle, in denen das Nützliche mit dem Sittlichguten zu streiten scheint. Denn wie Wenige finden sich, die bei Gewißheit aller Straflosigkeit und Verborgenheit sich des Unrechtes enthalten können?

XVIII. 73.Wir wollen einen Versuch machen, wenn es dir recht ist, und zwar an solchen Beispielen, in welchen die große Menge vielleicht kein Unrecht finden mag. Denn hier braucht nicht von Meuchelmördern, Giftmischern, Vermächtnißfälschern, Dieben, untreuen Verwaltern öffentlicher Gelder die Rede zu sein; diese sind ja nicht durch Worte und philosophische Erörterungen, sondern durch Ketten und Kerker im Zaume zu halten; nein, wir wollen Handlungen von Menschen betrachten, die für rechtschaffen gelten.

Gewisse Leute kamen mit dem verfälschten Vermächtnisse des Lucius Minucius Basilus Dieser Basilus ist sonst nicht weiter bekannt. Auch Valerius Maximus IX. 4, 1. erzählt dieselbe Geschichte., eines reichen Mannes, aus Griechenland wo Basilus gestorben war. nach Rom. Um dasselbe desto leichter geltend zu machen, hatten sie zu Miterben zwei sehr mächtige Männer ihrer Zeit, den Marcus Crassus Ueber Crassus s. zu I. 8, 25. Anm. 94. und Quintus Hortensius Ueber Hortensius s. zu II. 16, 57. Anm. 395., eingesetzt. Diese vermutheten allerdings, daß das Vermächtniß verfälscht sei; aber da sie sich keiner Schuld bewußt waren, wiesen sie die kleine Gabe fremden Betruges nicht zurück. Wie nun? Ist dieß hinreichend, um von dem Verbrechen frei gesprochen zu werden? Ich glaube, nein; wiewol ich den Einen Obgleich Hortensius ein Nebenbuhler Cicero's in der Beredsamkeit war, so spricht sich doch dieser stäts mit großer Hochachtung über die großen Rednergaben jenes aus. bei seinen Lebzeiten lieb gehabt habe und den Anderen Den Crassus haßte Cicero, so lange jener lebte. Cicer. Famil. I, 9: exarsi non solum praesenti credo iracundia, sed quom inclusum illud odiura multarum ejus (Crassi) in me injuriarum, quod ego effudisse me omne arbitrabar, residuum tamen insciente me fuisset omne, repente apparuit. nach seinem Tode nicht hasse. 74. Aber Basilus hatte seinen Schwestersohn Marcus Satrius Dieser Marcus Satrius, welcher nach der hier erwähnten Adoption den Namen seines Oheims führte, nämlich Lucius Minucius Basilus, war Cäsar's Legat im Gallischen Kriege ( Caes. B. G. 6, 29). zum Erben seines Namens und seines Vermögens eingesetzt; ich meine den Satrius, welcher Schutzherr des Picenischen und Sabinischen Gebietes war In den unruhigen Zeiten der Bürgerkriege sahen sich Italische Völker genöthigt in Rom mächtige Bürger von der herrschenden Partei zu ihren Beschützern zu wählen.. – Ach! ihr Name ist ein schimpfliches Zeichen der Zeit. Cicero spielt auf den Namen der beiden Basilus, des Oheims und des Neffen an. Basilus, βασιλεύς (König), erinnert an die Zeit, wo Cäsar nach dem Königtume strebte. Vgl. Kap. 21, §. 83. Die meisten Herausgeber haben das Wort nomen, das die meisten und besten Handschriften haben, mit Unrecht weggelassen. – War es da wol billig, daß vornehme Bürger das Vermögen erhielten, während auf Satrius weiter Nichts als der Name kam? – Wenn nun derjenige, welcher dem Unrechte nicht steuert und es nicht abwehrt, wenn er kann, unrecht handelt, wie ich in dem ersten Buche Buch I. Kap. 7, §. 23. erörtert habe; was soll man von dem halten, der das Unrecht nicht nur nicht zurückweist, sondern ihm sogar Vorschub leistet? Nach meiner Ansicht wenigstens sind selbst wahre Vermächtnisse nicht ehrenvoll, wenn sie durch arglistige Schmeicheleien, durch nicht wahre, sondern geheuchelte Dienstleistungen erschlichen werden.

In solchen Fällen scheint freilich bisweilen etwas Anderes nützlich und etwas Anderes sittlichgut zu sein. 75. Aber man irrt sich; denn für den Nutzen wie für die Sittlichkeit gibt es nur Eine Richtschnur. Wer dieß nicht einsieht, dem wird kein Betrug, keine Schandthat fremd bleiben. Denn wenn er so denkt: »Jenes ist allerdings sittlichgut, aber dieses ist vortheilhaft,« so wagt er in seinem Wahne zwei von Natur eng verknüpfte Dinge auseinanderzureißen, und das ist die Quelle von allen Betrügereien, Schlechtigkeiten und Frevelthaten.

XIX. Gesetzt also, der rechtschaffene Mann besäße eine solche Zauberkraft, daß, wenn er mit den Fingern ein Schnippchen schlüge, sein Name sich in die Vermächtnisse wohlhabender Menschen einschleichen könnte: so würde er von dieser Kraft keinen Gebrauch machen, selbst wenn er die volle Gewißheit hätte, daß durchaus nie irgend Jemand eine Ahnung davon haben werde. Aber hätte man dem Marcus Crassus Ueber Marcus Crassus s. zu I. 8, 25. Anm. 94. die Kraft verliehen durch einen Fingerschlag als Erbe eingesetzt zu werden, ohne in Wirklichkeit Erbe zu sein; er würde, glaube mir, auf dem Forum getanzt haben D. h. er würde vor Freude die unschicklichste Handlung vor Aller Augen begangen haben. Vgl. Cicer. p. Mur. 6, 13: Nemo ferer saltat sobrius, nisi forte insanit, neque in solitudine neque in convivio moderato atque honesto. Vgl. unten Kap. 24, §. 93 zu Anfang..

Der gerechte Mann hingegen, der, den wir unter einem Biedermanne verstehen, wird keinem Menschen Etwas entziehen, um es sich zuzuwenden. Wer sich darüber verwundert, der mag bekennen, daß er nicht weiß, was ein rechtschaffener Mann ist. 76. Und doch kann Jeder, der den Begriff, welcher davon unentwickelt in der Seele schlummert, entwickeln will, sofort sich selbst belehren, daß ein rechtschaffener Mann derjenige ist, welcher nützt, so Vielen er kann, und Niemandem schadet, außer wenn er durch ihm zugefügtes Unrecht gereizt wird. Wie nun? Der sollte nicht schaden, der durch ein Zaubermittel es möglich machen könnte rechtmäßige Erben zu verdrängen und in ihre Stelle einzurücken?

Sollte er also, dürfte Jemand einwenden, nicht thun, was vortheilhaft ist? – O ja, nur mag er einsehen, daß Nichts weder vortheilhaft noch nützlich sei, was ungerecht ist. Wer diese Einsicht nicht gewonnen hat, kann kein rechtschaffener Mann sein.

77. Der Consular Fimbria Gajus Flavius Fimbria, Amtsgenosse des Marcus in dessen zweitem Consulate 104 v. Chr. – so hörte ich als Kind von meinem Vater – war Richter über Marcus Lutatius Pinthias Dieser Lutatius Pinthias ist sonst unbekannt., einen ganz ehrenwerthen Römischen Ritter, nachdem dieser eine bestimmte Summe Geldes niedergelegt hatte Bei Streitigkeiten über Mein und Dein mußten die Parteien im Voraus eine bestimmte Summe Geldes niederlegen; dieß hieß sponsionem facere. Diese Summe ging für den verloren, der den Prozeß verlor. für den Fall, daß man ihn nicht für einen Biedermann erkennen würde. Fimbria erklärte nun, er werde in dieser Sache nie sein Urtheil fällen, um nicht entweder einen geachteten Mann um seinen guten Ruf zu bringen, wenn er gegen ihn entschiede, oder den Schein zu geben, als ob er Jemanden für einen Biedermann erklärt habe, da das Wesen eines Solchen in unzähligen Dienstleistungen und lobenswerthen Eigenschaften bestehe.

Ein solcher Biedermann also, wie ihn auch Fimbria, nicht nur Sokrates S. oben III. 3, 11. sich vorstellte, kann unmöglich irgend Etwas für nützlich halten, was nicht sittlichgut ist. Daher wird ein solcher Mann Nichts thun, ja nicht einmal zu denken wagen, was er nicht öffentlich auszusprechen wagen dürfte. Ist es nicht eine Schande, daß Philosophen solche Dinge in Zweifel ziehen, welche nicht einmal Bauern bezweifeln? Denn von diesen stammt das alte bekannte Sprüchwort, das sie gebrauchen, wenn sie Jemandes Rechtlichkeit und Güte loben wollen: »Er ist ein Mann, mit dem man im Dunkeln das Fingerspiel spielen kann Dieses Fingerspiel ( micare) ist noch jetzt in Italien unter dem Namen la mora bei den Landleuten üblich. Zwei Menschen stehen mit geballter Faust einander gegenüber. Indem jeder einen oder mehrere Finger in die Höhe hält, ruft er zugleich eine Zahl aus. Wessen Zahl mit der Summe der von Beiden in die Höhe gerichteten Finger zusammentrifft, der hat gewonnen..« Was hat dieß für eine andere Bedeutung als die: Nichts ist vortheilhaft, was nicht anständig ist, wenn man es auch erlangen kann, ohne von Jemandem zurückgewiesen zu werden.

78. Siehst du nicht, daß nach diesem Sprüchworte weder jener Gyges S. oben III. 9, 38. eine Entschuldigung finden kann, noch der, von dem ich kurz zuvor annahm, daß er durch einen Fingerschlag alle Erbschaften zusammenscharren könne? Denn sowie das Unsittliche, mag es auch noch so sehr verborgen werden, unmöglich sittlichgut werden kann, ebenso ist es unmöglich, daß das, was nicht sittlichgut ist, nützlich wird, da die Natur sich widersetzt und dagegen streitet.

XX. 79. Aber, könnte Jemand entgegnen, wenn der Preis sehr groß ist, alsdann läßt sich doch das Unrecht entschuldigen.

Als Gajus Marius Ueber Gajus Marius s. zu I. 22, 76. Anm. 168. Sein erstes hier erwähntes Consulat fällt in das Jahr 107 v. Chr.; nach dieser Zeit war er noch sechsmal Consul. wenig Hoffnung hatte Consul zu werden, da er schon ins siebente Jahr seit seiner Prätur hintangesetzt worden war und man glaubte, er werde sich nie mehr um das Consulat bewerben: da verleumdete er den Quintus Metellus Quintus Cäcilius Metellus, mit dem Beinamen Numidicus, den er wegen seiner Siege über den Numidischen König Jugurtha erhielt; er war 109 v. Chr. Consul., dessen Unterfeldherr er war, einen als Mensch und Bürger ausgezeichneten Mann, als er von diesem, seinem Oberfeldherrn, nach Rom geschickt war, bei dem Volke, indem er sagte, er ziehe den Krieg in die Länge Siehe Sallust. Jug. 64, wo Marius sagt: ab imperatore (bellum) consulto trahi, quod homo inanis et regiae superbiae imperio nimis gauderet.; wenn man ihn zum Consul mache, so werde er in Kurzem den Jugurtha entweder lebendig oder todt dem Römischen Volke in die Hände liefern. So wurde er zwar zum Consul gewählt; aber er verleugnete Redlichkeit und Gerechtigkeit, da er dem besten und würdigsten Bürger, dessen Unterfeldherr und Abgeordneter er war, durch eine falsche Beschuldigung den Haß des Volkes zuzog.

80. Auch unser Anverwandter Gratidianus Ueber Marius Gratidianus s. zu Kap. 16, §. 67. Anm. 566. Er war im J. 86 v. Chr. (im siebenten Consulate des Marius) zum ersten Male Prätor, dann im J. 82. erfüllte zu der Zeit, als er Prätor war und die Volkstribunen die Genossenschaft der Prätoren zu Rathe zogen, um das Münzwesen nach gemeinsamem Beschlusse anzuordnen, die Pflicht eines Biedermannes nicht. Zu jener Zeit nämlich schwankte der Werth des Geldes dergestalt, daß Niemand wissen konnte, was er hatte Dieses Schwanken des Geldwerthes war durch Verfälschung der Silberdenare bewirkt worden. Um daher den Geldwerth festzustellen, mußte der Silbergehalt geprüft werden.. Sie verfaßten daher gemeinschaftlich eine Verordnung zugleich mit Bestimmung der Strafe und gerichtlichen Untersuchung gegen die Uebertreter, und sie trafen die Verabredung, daß sie alle zugleich Nachmittags die Rednerbühne besteigen wollten um in Gemeinschaft die Verordnung dem Volke bekannt zu machen.. Die Anderen gingen weg, der Eine dahin, der Andere dorthin; aber Marius Marius Gratidianus. begab sich von dem Versammlungsorte gerades Weges auf die Rednerbühne und verkündete daselbst allein die gemeinschaftlich abgefaßte Verordnung. Hierdurch erntete er in der That große Ehre ein: in allen Straßen Bildsäulen Seneca de Ira III. 18. pr. M. Mario, cui vicatim populus statuas posuerat, cui ture et vino Romanus populus supplicabat, Lucius Sulla perfringi crura, erui oculos, amputari manus jussit. Vgl. Plin. 33, c. 9, §. 46 a. E., vor denselben Weihrauch und Wachskerzen. Kurz, es stand noch nie Jemand bei dem Volke in größerer Gunst.

81. Solche Fälle sind es, welche uns zuweilen bei der Berathung irre machen, wenn die Verletzung der Billigkeit nicht eben bedeutend erscheint. So hielt es Marius nicht eben für schimpflich seine Amtsgenossen und den Volkstribunen die Volksgunst für sich vorwegzunehmen, aber für sehr vortheilhaft dadurch Consul zu werden, was er sich damals zum Ziele gesetzt hatte.

Doch für alle Fälle besteht nur Eine Vorschrift, und ich wünsche, daß du dich mit ihr recht vertraut machst, nämlich: entweder darf das, was man für nützlich hält, nicht unsittlich sein, oder wenn es unsittlich ist, so darf man es nicht für nützlich halten. Wie nun? Können wir entweder den ersteren oder den letzteren Marius für einen Biedermann halten? Durchforsche und untersuche deinen Verstand, um einzusehen, welches Bild, welche Vorstellung und welchen Begriff quae sit in ea species, forma et notio. Mit Unrecht hat Klotz das Wort species als unächt in Klammern eingeschlossen. Daß et bei dem dritten Worte steht, kann hier nicht auffallen, da species und forma gewissermaßen nur einen Begriff ausdrücken. du in demselben von einem Biedermanne hast. Verträgt es sich also mit einem Biedermanne, daß er um seines Vortheiles willen lügt, verleumdet, übervortheilt, täuscht? Fürwahr, Nichts weniger. Ist also irgend eine Sache von so großem Werthe oder irgend ein Vortheil so wünschenswerth, daß man deßhalb den Glanz und den Namen eines Biedermannes verloren geben sollte? Kann jener sogenannte Nutzen uns Etwas geben, was so bedeutend wäre als das, was er uns nimmt, wenn er uns den Namen eines Biedermannes raubt, Redlichkeit und Gerechtigkeit entzieht? Denn was ist es für ein Unterschied, ob sich Jemand aus einem Menschen in ein Thier verwandelt, oder ob er in Menschengestalt die Rohheit eines Thieres in sich trägt.

[82] Wie? Wer alles Rechte und Sittlichgute geringschätzt, wenn er nur in den Besitz von Macht kommen kann; handelt der nicht gerade so, wie der Mann Pompejus, welcher sich im J. 60 v. Chr. mit Cäsar's Tochter Julia vermählte, als er sich mit Cäsar und Crassus verband., der sich sogar einen Schwiegervater wählte, durch dessen Verwegenheit er selbst mächtig werden könnte? Es dünkte ihm vortheilhaft zu hoher Macht zu gelangen durch die Gehässigkeit eines Anderen. Wie ungerecht dieß gegen das Vaterland sei, wie schimpflich, wie verderblich, sah er nicht. Der Schwiegervater selbst aber führte immer die Griechischen Verse aus den Phönizierinnen Die Phönizierinnen, ein Trauerspiel des Euripides, das die Sage des Eteokles und Polynikes, der Söhne des Oedipus, Königs von Theben, und der Iokaste, behandelte. Die Griechischen Verse (534 f.) lauten:

Είπερ γὰρ αδικει̃ν χρή, τυραννίδος πέρι
Κάλλιστον αδικει̃ν· τ'αλλα ευσεβει̃ν χρεών.

im Munde, die ich, so gut ich kann, vielleicht kunstlos, doch dem Sinne nach verständlich, ausdrücken will:

Wenn je das Recht verletzt soll werden, nun so sei's
Des Thrones wegen; sonst bleib' stets der Pflicht getreu!

Ein Todesverbrechen hat Eteokles oder vielmehr Euripides In den Handschriften steht: Capitalis Eteocles vel potius Euripides. Nach Porson's Meinung halten mehrere Herausgeber die Worte vel potius Euripides für unächt. Weit wahrscheinlicher liest Unger: vel potius ipse (statt Euripides) und versteht darunter den Cäsar, der diese Verse immer im Munde führte. Höchst auffallend ist es, daß Cicero den Dichter Euripides als des Todes würdig nennt, der nur aus der Seele des Eteokles die Worte anführt. auf sich geladen, daß er das eine Verbrechen, das das allerfrevelhafteste ist, ausgenommen hat. 83. Was suchen wir solche Kleinigkeiten zusammen, wie Erbschaftserschleichungen, Betrügereien beim Kaufe und Verkaufe? Siehe da Einen Cäsar., der König des Römischen Volkes und Alleinherrscher aller Völker zu werden begehrte und es auch durchsetzte. Wer ein solches Begehren für sittlichgut erklärt, ist wahnwitzig. Denn er billigt den Untergang der Gesetze und der Freiheit und hält die schmähliche und verabscheuungswürdige Unterdrückung derselben für ruhmvoll. Gesteht aber Jemand, es vertrage sich mit der Sittlichkeit nicht in dem Staate, welcher die Freiheit genossen hat und zu genießen verdient, sich zum Gewaltherrscher aufzuwerfen, und behauptet doch, dieß sei für den, der es thun könne, vortheilhaft: wo wäre da ein Tadel oder ein Scheltwort stark genug, um ihn von einem so gewaltigen Irrtume abzubringen? Ist es denn möglich, unsterbliche Götter, daß irgend einem Menschen der schmählichste Mord, der an dem Vaterlande begangene, vortheilhaft sein kann, mag auch der damit Behaftete von den unterdrückten Bürgern Vater Cäsar erhielt den Titel pater patriae, Vater des Vaterlandes, im J. 45 v. Chr. Nach seinem Tode errichtete ihm das Volk eine Bildsäule mit der Inschrift: Parenti Patriae. Dieß mußte für Cicero um so empfindlicher sein, da er der Erste war, dem dieser Ehrentitel in Folge der Entdeckung der Catilinarischen Verschwörung zu Theil geworden war. genannt werden?

Die Sittlichkeit also muß die Richtschnur sein, nach der wir den Nutzen bestimmen, und zwar so, daß wir diese beiden Begriffe als dem Worte nach unter sich verschieden, der Sache nach aber als gleichbedeutend betrachten. 84. Nach der Meinung des Volkes zwar weiß ich Nichts, was vortheilhafter ist als Gewaltherrschaft; sobald ich aber die Sache auf die Wahrheit zurückführe, finde ich Nichts, was für den, der dazu auf ungerechte Weise gelangte, nachtheiliger sein könnte. Können denn Angst und Besorgniß, Furcht bei Tag und Nacht, ein Leben voller Nachstellungen und Gefahren für irgend einen Menschen vortheilhaft sein?

Viele sind dem Throne feind und untreu, Wenige nur ihm hold pauci sunt boni. Diese Worte hält Unger für ein Einschiebsel fremder Hand. In den Handschriften wird nämlich gegen das Metrum gelesen: pauci boni sunt. Uebrigens ist der Vers wahrscheinlich aus dem Atreus des Accius. Ueber Accius s. zu I. 31, 113. Anm. 241.,

sagt Accius. Und von welchem Throne redet er? Von dem, der, von Tantalus und Pelops Tantalus, Sohn des Jupiter, König in Phrygien, wurde, zu der Tafel der Götter geladen, übermüthig und mißbrauchte diese Auszeichnung. weßhalb er in der Unterwelt von ewigem Hunger und Durst gequält wurde. – Pelops, Sohn des Tantalus, König von Mykenä, Vater des Atreus, Thyestes und Chrysippus. ererbt, in rechtmäßigen Händen sich befand. [85.] Glaubst du nicht, daß der Gewaltherrscher ungleich mehr Feinde hatte, der mit einem Heere des Römischen Volkes das Römische Volk selbst unterdrückt und den nicht nur freien, sondern auch über andere Völker herrschenden Staat seiner Person zu dienen gezwungen hatte? Welche Flecken des Gewissens, meinst du, welche Wunden muß er in seinem Inneren gehabt haben? Kann aber wol einem Menschen ein Leben vortheilhaft sein, wenn es so um ihn steht, daß der, welcher es ihm raubt, den höchsten Dank und Ruhm erntet?

Ist nun aber das, was dem Anscheine nach den größten Nutzen gewährt, nicht nützlich, weil es voller Schmach und Schande ist; so muß man zur Genüge überzeugt sein, daß Nichts nützlich ist, was nicht sittlichgut ist.

XXII. 86. Indeß ist diese Ansicht sowol bei vielen anderen Gelegenheiten ausgesprochen worden, als auch in dem Kriege mit Pyrrhus Ueber Pyrrhus s. zu I. 12, 38. Anm. 123. von Gajus Fabricius Ueber Fabricius s. zu III. 4, 16. Anm. 494. Vgl. Valer. Max. VI. 5, 1: Timochares Ambraciensis Fabricio consuli pollicitus est se Pyrrhum veneno per filium suum, qui potionibus ejus praeerat, necaturum., als er zum zweiten Male Consul war, und von unserem Senate. Als nämlich der König Pyrrhus das Römische Volk von freien Stücken mit Krieg überzogen hatte und ein Streit um die Oberherrschaft mit dem hochherzigen und mächtigen Könige geführt wurde; so kam ein Ueberläufer von ihm in das Lager des Fabricius und versprach, wenn man ihm eine Belohnung zusichere, heimlich, wie er gekommen sei, in des Pyrrhus Lager zurückzugehen und ihn durch Gift umzubringen. Fabricius ließ diesen zum Pyrrhus zurückbringen, und der Senat lobte ihn wegen dieser Handlung. Sehen wir nun aber auf den scheinbaren und vermeintlichen Nutzen, so hätte dieser eine Ueberläufer uns von diesem bedeutenden Kriege und dem so gefährlichen Feinde unserer Herrschaft befreien können; aber eine große Schmach und Schande wäre es gewesen, wenn der Feind, mit dem man einen Kampf um Ruhm führte, nicht durch Tapferkeit, sondern durch eine Frevelthat überwunden worden wäre. 87. War es nun für Fabricius, der in unserer Stadt das war, was Aristides Ueber Aristides s. zu III. 4, 16. Anm. 495. in Athen, oder für unseren Senat, der niemals Nutzen und Ehre trennte, vortheilhafter mit Waffen gegen den Feind zu kämpfen oder mit Gift? Ist Ruhm der Zweck, weßhalb man nach Herrschaft strebt, so bleibe der Frevel fern, mit dem die Ehre unverträglich ist; ist aber unser Streben auf die Macht selbst gerichtet und suchen wir dieselbe auf jede nur mögliche Weise zu erreichen, so kann sie in Verbindung mit Unehre nicht vortheilhaft sein.

Nicht vortheilhaft war also jener Vorschlag des Lucius Philippus Ueber Philippus s. zu I. 30, 108. Anm. 214., des Sohnes des Lucius, daß die Städte, welche Lucius Sulla nach Empfang einer Geldsumme kraft eines Senatsbeschlusses für abgabenfrei erklärt hatte, wiederum steuerpflichtig sein sollten, ohne daß wir ihnen das Geld, das sie für die Freiheit gegeben hatten, zurückerstatteten. Ihm stimmte der Senat bei. Eine Schmach für unsere Herrschaft. Denn das Wort von Seeräubern ist besser, als damals das des Senates war. – »Aber die Staatseinkünfte wurden vermehrt; also war es nützlich.« – Wie lange wird man die Unverschämtheit haben irgend Etwas für nützlich zu erklären, was nicht sittlichgut ist? 88. Kann aber für irgend eine Herrschaft, die auf Ehre und auf die wohlwollende Gesinnung der Bundesgenossen gestützt sein soll, Haß und Schande nützlich sein? Ich war in dieser Hinsicht auch mit meinem Cato Ueber Cato Uticensis s. zu I. 31, 112. Anm. 238. oft verschiedener Meinung. Allzu rücksichtslos schien er mir sich des Staatsschatzes und der öffentlichen Einkünfte anzunehmen Im Jahre 61 v. Chr. ersuchten die Staatspächter, die dem Ritterstande angehörten, den Senat um einen Nachlaß der Pachtsumme, weil sie sehr schlechte Jahre gehabt hätten. Cicero unterstützte ihr Gesuch, weil er befürchtete, daß, wenn man es ihnen nicht gewährte, die Ritter dem Senate ganz entfremdet werden möchten. Allein Cato widersetzte sich und drang mit seiner Ansicht durch. Die Folge davon war, daß die Ritter sich der Partei Cäsar's zuwandten, der im J. 59 als Consul für dieselben einen Nachlaß des dritten Theiles der Pachtsumme erwirkte. Vgl. Cicer. ad Attic. II. 1, 6. p. Plauc. c. 14., den Staatspächtern nie, den Bundesgenossen selten Etwas zu erlassen, da wir doch gegen die Letzteren uns wohlthätig erweisen und mit den Ersteren auf die Weise, wie wir es mit unseren Pächtern zu machen pflegen, verfahren sollten, und zwar um so mehr, als jene Verbindung der Stände des Senates und der Ritter. zur Wohlfahrt des Staates gehört. Unrecht handelte auch Curio Ueber Curio s. zu II. 17, 59. Anm. 410. Die Städte jenseit des Po verlangten das Bürgerrecht, worauf sie um so mehr Anspruch machen durften, da die Städte diesseit des Po schon lange dasselbe erhalten hatten. Der Senat verweigerte es ihnen, damit die Einkünfte des Staates nicht vermindert würden; Cäsar aber verlieh es ihnen in seiner Dictatur., als er die Forderung der Städte jenseit des Po für billig erklärte und doch immer den Zusatz machte: »Der Vortheil muß überwiegen.« Eher hätte er sagen sollen, sie sei nicht billig, weil sie für den Staat nicht vortheilhaft sei, als daß er gestand, sie sei billig, und doch behauptete, sie sei nicht nützlich.

XXIII. 89. Das sechste Buch von Hekaton's Ueber Hekaton s. zu III. 15, 63. Anm. 558. Werke über die Pflichten ist voll von Fragen, wie folgende: »Geziemt es sich für einen rechtschaffenen Mann zur Zeit sehr großer Theuerung seinen Sklaven keinen Unterhalt zu geben?« Er spricht dafür und dawider; aber am Ende bestimmt er doch die Pflicht mehr nach dem Nutzen, wie er ihn nämlich auffaßt utilitate, ut putat, officium dirigit. Mit Unrecht lassen viele Herausgeber die Worte ut putat weg. Nur nach Hekaton's Ansicht ist es ein Nutzen; allein nach Cicero's und anderer Philosophen Ansicht kann von einem Nutzen, welcher der Sittlichkeit widerstreitet, gar nicht die Rede sein., als nach der Menschlichkeit.

Er fragt: »Wenn auf dem Meere Etwas über Bord geworfen werden muß, soll er lieber ein kostbares Pferd oder einen wohlfeilen Sklaven aufopfern?« Hier leitet uns die Rücksicht auf das Vermögen nach einer anderen Seite hin und nach einer anderen das Gefühl der Menschlichkeit.

»Wenn bei einer Schiffahrt ein Narr sich eines Brettes bemächtigt hat; soll ihm der Weise, wenn er es kann, dasselbe entwinden? Er sagt nein, weil es eine Ungerechtigkeit wäre. –»Wie? Soll der Eigentümer des Schiffes nicht sein Eigentum nehmen?« – Keineswegs, ebenso wenig als er einen Reisenden auf hoher See über Bord werfen möchte, weil das Schiff sein Eigentum ist. Denn bis zu der Zeit, wo man da angelangt ist, wohin das Schiff gemiethet ist, gehört das Schiff nicht dem Herrn des Schiffes, sondern den Reisenden. – 90. »Wie? wenn nur Ein Brett, aber zwei Schiffbrüchige, und zwar weise Männer, da wären; soll es Keiner an sich reißen, oder soll es der Eine dem Anderen abtreten?« Er soll es abtreten, und zwar soll es der erhalten, dem entweder um persönlicher Rücksichten oder um des Staates willen am Meisten daran liegt am Leben zu bleiben. – »Wie? Wenn die Verhältnisse bei Beiden gleich sind?« Dann soll kein Streit sein, sondern der Eine dem Anderen weichen, wie wenn er beim Loosen oder im Fingerspiele micando. S. zu Kap. 19, §. 77. Anm. 592. verloren hätte. – »Wie? Wenn Jemand ein Tempelräuber wäre und einen unterirdischen Gang zum Staatsschatze grübe, soll es sein Sohn der Obrigkeit anzeigen?« Das wäre ein Frevel. Ja er soll seinen Vater gegen die Anklage vertheidigen. – »Geht also nicht das Vaterland allen Pflichten vor?« Allerdings, allein für das Vaterland selbst ist es vortheilhaft Bürger zu haben, denen ihre kindlichen Pflichten heilig sind. – »Wie? Wenn ein Vater sich zum Gewaltherrscher aufzuwerfen, wenn er das Vaterland zu verrathen suchen sollte; soll der Sohn dazu schweigen?« Keinesweges; er wird vielmehr seinen Vater beschwören von seinem Vorhaben abzustehen. Richtet er hiermit Nichts aus, so soll er ihm heftige Vorwürfe machen, ja auch Drohungen anwenden; am Ende, wenn die Sache sich zum Verderben des Vaterlandes anläßt, soll er die Rettung des Vaterlandes der Rettung seines Vaters vorziehen.

91. Eine andere Frage: »Wenn der Weise falsches Geld für gutes erhält, ohne es zu merken, später aber es bemerkt; darf er mit diesem, wie mit gutem, eine Schuld bezahlen?« Diogenes sagt ja, Antipater Ueber Diogenes und Antipater s. zu III. 12, 51. Anmerk. 542 und 543. nein; und diesem stimme ich mehr bei. – »Wenn Jemand Wein verkauft, von dem er weiß, daß er abständig ist; soll er es sagen?« Diogenes hält es nicht für nothwendig, Antipater meint, es sei die Pflicht des rechtschaffenen Mannes. Das sind, so zu sagen, die streitigen Rechtsfälle Haec sunt quasi controversa jura Stoicorum. Der Ausdruck ist von den Rechtsgelehrten entlehnt, bei denen die jura controversa diejenigen Rechtsfälle genannt werden, über welche die Rechtsgelehrten verschiedener Ansicht sind. Der Gegensatz ist das jus certum. der Stoiker. »Soll man bei dem Verkaufe eines Sklaven seine Fehler angeben, nicht die, durch deren Verschweigung nach dem bürgerlichen Rechte der Kauf rückgängig gemacht wird, sondern solche, wie: »daß er ein Lügner, ein Spieler, ein Dieb Im Kap. 17, §. 71. heißt es: »Wer um den Gesundheitszustand eines Sklaven, um sein Entlaufen, seine Diebstähle wissen mußte, der haftet nach der Verordnung der Aedilen dafür.« Allein hier ist die Rede von Diebstählen, die der Sklave an seinem Herrn ausgeübt hat; dieß anzuzeigen ist man nach dem Gesetze nicht verpflichtet. An jener Stelle hingegen sind Diebstähle zu verstehen, welche ein Sklave an dem Eigentume einer fremden Person ausgeübt hat., ein Trunkenbold sei.« Der Eine ist der Ansicht, man müsse sie angeben, der Andere nicht. – 92. »Verkauft Jemand Gold in der Meinung, er verkaufe Messing; soll ihm der rechtschaffene Mann anzeigen, es sei Gold, oder soll er für einen Denar Ein Denar galt nach unserem Gelde 5 gute Groschen 4 Pfennige, also so viel wie ein Kopfstück (3 Kopfstücke = 1 Gulden oder 20 Sgl.). kaufen, was tausend Denare werth ist?« Es ist jetzt deutlich, sowol was ich über solche Fälle für eine Ansicht habe, als auch was für ein Streit zwischen den genannten Philosophen stattfindet Indem der Eine den Nutzen, der Andere die Sittlichkeit überwiegen läßt..

XXIV. Muß man Verträge und Versprechungen, welche nach der Bestimmung der Prätoren Die Bestimmung der Prätoren lautete: Pacta, conventa, quae neque dolo malo neque adversus leges, plebiscita, senatusconsulta, edicta principum neque quo fraus cui coram fiat, facta sint, servabo. weder mit Gewalt noch mit Arglist zu Stande gekommen sind, immer halten? Gesetzt, es hätte Jemand Einem ein Arzeneimittel gegen die Wassersucht gegeben und mit ihm ausgemacht, daß, wenn er durch dieses Mittel wieder gesund geworden sei, er sich später nie dieses Mittels bedienen dürfe; er wird nun durch dieses Mittel gesund, aber nach Verlauf einiger Jahre verfällt er in dieselbe Krankheit und kann von dem, der ihm die Bedingung gestellt hatte, die Einwilligung zu einem nochmaligen Gebrauche des Arzeneimittels nicht erhalten: was soll er thun? Da derjenige, welcher die Erlaubniß verweigert, alle Menschlichkeit verleugnet, und ihm auch gar kein Unrecht geschieht; so muß der Kranke auf sein Leben und seine Rettung Bedacht nehmen.

93. Wie? Es will Jemand einen Weisen zum Erben einsetzen und ihm ein Vermögen von hundert Millionen Sestertien = 3,333,333 Thaler; der Sestertius galt zu Cicero's Zeiten 15 Pfennige. hinterlassen, verlangt aber von ihm, daß er vor dem Antritte der Erbschaft am hellen Tage öffentlich auf dem Forum tanzen Siehe zu III. 19, 75. soll; der Weise verspricht es, weil jener ihn sonst nicht zum Erben eingesetzt haben würde: soll er nun sein Versprechen halten oder nicht? Ich wünschte, er hätte das Versprechen nicht gegeben, und das, glaub' ich, hätte die sittliche Würde verlangt. Weil er es nun einmal gegeben hat, so wird er, wenn er das Tanzen auf dem Forum für schimpflich hält, besser thun sein Versprechen zu brechen, wenn er von der Erbschaft Nichts annimmt, als wenn er sie annimmt; es müßte denn sein, daß er mit dem Gelde dem Staate in großer Bedrängniß einen Dienst leistete, in welchem Falle selbst das Tanzen nicht schimpflich wäre, da er für das Wohl des Staates sorgen würde.

XXV. 94. Auch solche Versprechen braucht man nicht zu halten, welche gerade denjenigen, welchen sie gemacht werden, nicht nützlich sind. Der Sonnengott Im Griechischen Helios, im Lateinischen Sol; sein Sohn war Phaëthon, d. h. der Leuchtende. Der hier erwähnte Mythus wird sehr ausführlich von Ovid. Metamorph. II. 1–366 erzählt. versprach seinem Sohne Phaëthon, um auf die Mythen zurückzukommen, alle seine Wünsche zu erfüllen. Er wünschte nun den Wagen seines Vaters zu besteigen. Der Wunsch wurde erfüllt, aber bevor er noch feststand, wurde er vom Blitze getroffen und verbrannte. Wie viel besser wäre es gewesen, wenn der Vater hierin sein Versprechen nicht gehalten hätte!

Was sagen wir von dem Versprechen, dessen Gewährung Theseus Siehe zu I. 10, 32. Anm. 102. von Neptunus verlangte? Neptunus hatte ihm drei Wünsche gestattet, und er wünschte den Tod seines Sohnes Hippolytus, da er argwöhnte, derselbe habe einen sträflichen Umgang mit seiner Stiefmutter. Der Wunsch wurde dem Theseus erfüllt, und er gerieth in die tiefste Trauer.

95. Ferner. Agamemnon Mit dem hier erwähnten Mythus des Agamemnon und der Iphigenia stimmt Horatius in den Sermon. II. 3, 199 überein. Nach dem gewöhnlichen Mythus sollte Agamemnon, der in Aulis, einer Seestadt in Böotien, wo sich die Griechische Flotte, die gegen Troja segeln wollte, versammelt hatte, eine Hindin der Diana erlegt und dadurch den Zorn der Göttin erregt hatte, seine bereits erwachsene Tochter Iphigenia auf des Kalchas Ausspruch der Diana, welche die Flotte der Griechen durch Sturm zurückhielt, opfern, um ihren Zorn zu besänftigen. Uebrigens wurde die Iphigenia nicht geopfert, sondern von der Göttin nach Tauris entführt, wo sie in dem Tempel der Göttin das Amt einer Priesterin übernahm, und an ihre Stelle eine Hindin gesetzt. Ueber die Verschiedenheit der Mythen s. Klopfer Mythol. Wörterb. II. B. S. 44 und Ed. Jacobi Handwörterb. d. Gr. u. R. Mythol. II. B. S. 681. hatte der Diana als Opfer das Schönste gelobt, was in seinem Reiche in diesem Jahre geboren würde, und er opferte die Iphigenia, das schönste Erzeugniß dieses Jahres. Lieber hätte er sein Gelübde nicht halten, als eine so gräßliche That begehen sollen.

Also braucht man zuweilen Versprechungen nicht zu halten, sowie man auch nicht immer Anvertrautes zurückzugeben braucht. Gesetzt, Einer hätte bei gesundem Verstande dir ein Schwert zur Verwahrung gegeben und verlangte es im Zustande der Verrücktheit wieder zurück: so würde es Unrecht sein es zurückzugeben, Pflicht hingegen es nicht zurückzugeben.

Wie? Wollte Einer, der bei dir Geld niedergelegt hat, das Vaterland mit Krieg überziehen; sollst du ihm das Anvertraute zurückgeben? Ich denke, nein; denn du würdest gegen den Staat handeln, der dir das Theuerste sein muß.

So gibt es viele Handlungen, welche ihrem Wesen nach sittlichgut zu sein scheinen, durch die Umstände aber unsittlich werden. Sein Versprechen halten, Verträgen treu bleiben, Anvertrautes zurückgeben, dieß Alles hört auf sittlichgut zu sein, wenn der Vortheil sich ändert D. h. wenn der Nutzen nicht mehr vortheilhaft, sondern sogar schädlich ist..

Und so glaube ich über das, was man nach falscher Klugheit im Widerspruche mit der Gerechtigkeit für nützlich hält, genug gesagt zu haben.

96. Indeß weil ich in dem ersten Buche die Pflichten aus vier Quellen den sogenannten vier Kardinaltugenden. hergeleitet habe, so will ich auch jetzt, wo ich lehre, wie wenig sich das bloß scheinbar und nicht wirklich Nützliche mit der Tugend vertrage, dieselbe Eintheilung befolgen. [Von Die Stelle: » Von der Klugheit – Mäßigung besteht« wird von Unger mit sehr wichtigen Gründen für unächt erklärt. Nach dieser Stelle, sagt er, mußte Cicero bisher in einem Theile die prudentia im Streite mit der (scheinbaren) utilitas, in einem zweiten die justitia im Streite mit der (scheinbaren) utilitas behandelt haben, was nicht der Fall ist, auch nicht möglich ist; denn die prudentia ist eben die ars, quae in utilitatibus comparandis versatur; sie kann also mit dem utile, ihrem Objekte und Ziele, gar nicht in Streit kommen; wohl aber kommt die Scheinweisheit, welche einen Scheinnutzen erzielt, mit den drei übrigen Tugenden in Konflikt; zuerst also spricht Cicero Kap. 8 bis 25 de iis, quae videntur esse utilitates contra justitiam simulatione prudantiae; dann zeigt er Kap. 26–32 ea, quae videantur esse utilia neque sint, quam sint virtutis inimica, und geht endlich Kap. 33 zum Streite der Afterklugheit und des Afternutzens mit der vierten Tugend über. – Dazu kommen als Zeichen der Unächtheit noch in formeller Hinsicht die Tautologien animi excellentis magnitudo und moderatio temperantiae. der Klugheit, deren Schein die Arglist annehmen will, desgleichen von der Gerechtigkeit, die zu jeder Zeit nützlich ist, habe ich gesprochen. Es bleiben also noch zwei Arten der Sittlichkeit übrig, von denen die eine in Größe und Erhabenheit des Geistes, die andere in Enthaltsamkeit und Mäßigung Im Texte steht: altera in conformatione et moderatione continentiae et temperantiae; diese sinnlosen Worte können wörtlich nicht übersetzt werden. S. d. vorherg. Bemerk. besteht.]

XXVI. 97. Dem Ulixes schien es nützlich, wenigstens nach der Erzählung der Griechischen Trauerspieldichter Es wird z. B. von Sophokles ein Οδυσσεὺς μαινόμενος (rasender Ulixes) erwähnt. Auch in des Pacuvius (s. zu I. 31, 113. Anmerk. 242) Trauerspiele, das die Aufschrift: Armorum judicium (Waffengericht) hatte, aus dem wahrscheinlich die folgenden Verse entlehnt sind, wird dieselbe Erzählung erwähnt.; – denn bei Homer, dem glaubwürdigsten Gewährsmanne, findet sich keine Spur eines solchen Verdachtes gegen den Ulixes – also die Trauerspiele beschuldigen ihn, er habe unter dem Scheine des Wahnsinnes sich dem Kriegsdienste entziehen wollen. Nicht edel war dieser Vorsatz; aber vortheilhaft, könnte vielleicht Jemand entgegnen, war es doch auf dem Throne zu sitzen, in Ithaka ruhig mit den Aeltern, mit der Gattin, mit dem Sohne zu leben. Meinst du, irgend ein Ruhm bei täglichen Mühseligkeiten und Gefahren halte den Vergleich aus mit einer solchen Ruhe? – Ich hingegen erkläre eine solche Ruhe für verächtlich und verwerflich; denn sie entspricht nicht der Sittlichkeit, und deßhalb halte ich sie auch nicht für nützlich. 98. Denn welche Urtheile, meinst du, würde Ulixes über sich haben ergehen lassen müssen, wenn er bei dieser Verstellung beharrt hätte? er, der trotz seiner glänzenden Kriegsthaten doch folgende Vorwürfe von Ajax Ueber Ajax s. zu I. 31, 113. Anm. 240. anhören mußte:

Den Eid, des Stifter Niemand war als er, ihn brach,
Ihr alle wißt es ja, nur er o große Schmach!
Er stellte sich verrückt, um nicht mit uns zu zieh'n.
Und hätte nicht des Palamedes Palamedes, Sohn des Nauplius und der Klymene, ein Griechischer Held. Homer kennt ihn nicht, aber schon in den Kyprischen Gedichten wird er erwähnt. S. Klopfer Mythol. Wörterb. Th.II. S.393.scharfer Blick
Des schlauen Mannes böse Arglist ausgespäht,
Auf ewig wär' von ihm des Eides Recht verletzt.

99. Wahrlich es war besser für ihn nicht nur mit den Feinden, sondern auch, wie er es auch nachher wirklich that, mit den Wogen zu kämpfen, als Griechenland im Stiche zu lassen, das sich zur Bekriegung der Barbaren vereinigt hatte.

Doch lassen wir die Sagen und die ausländischen Beispiele und kommen zu einer Thatsache, und zwar aus unserer Geschichte.

Marcus Atilius Regulus M. Atilius Regulus war 256 v. Chr. zum zweiten Male Consul; im folgenden Jahre wird er als Proconsul geschlagen und gefangen genommen. war in seinem zweiten Consulate in Africa durch Hinterhalt in die Gefangenschaft des Lacedämoniers Xanthippus Xanthippus war der Führer des Krieges ( dux belli), stand aber unter Hamilkar, der den Oberbefehl hatte und daher imperator genannt wird., der unter dem Oberbefehle Hamilkar's, des Vaters von Hannibal Cicero irrt sich. Der hier erwähnte Hamilkar kann nicht der Vater Hannibal's sein. Die Schlacht, die hier gemeint ist, ist die bei Tunes im J. 255 v. Chr. gelieferte; Hamilkar Barkas aber erhielt erst im J. 247 den Oberbefehl., die Karthager anführte, gerathen und wurde darauf an unseren Senat abgeschickt, um die Auslieferung gewisser vornehmer Punier zu erwirken. Zuvor aber hatte er das eidliche Versprechen gegeben, wenn er die Auslieferung nicht zu Stande brächte, freiwillig wieder nach Karthago zurückzukehren. Er kam nun nach Rom und der in die Augen fallende Vortheil konnte ihm nicht entgehen; aber er erklärte ihn, wie seine That beweist, für falsch. Dieser Vortheil war: er konnte in seinem Vaterlande bleiben, daheim mit seiner Gattin und seinen Kindern leben, die im Kriege erlittene Niederlage als ein gewöhnliches Kriegsunglück ansehen, seinen Rang als Consular behaupten. Wer kann leugnen, daß dieses vortheilhaft ist? Niemand, meinst du? Ja, die Hochherzigkeit und die Tapferkeit leugnen es.

XXVII. 100. Verlangst du gültigere Gewährsmänner? Denn diesen Tugenden ist es eigentümlich vor Nichts in Furcht zu gerathen, alle menschlichen Unfälle gering zu achten, Nichts, was dem Menschen begegnen kann, für unerträglich zu halten. Was that er nun? Er kam in den Senat, setzte seinen Auftrag auseinander, weigerte sich aber seine Meinung auszusprechen; denn so lange ihn der den Feinden geleistete Eid binde, sei er kein Senator. Ja er erklärte sogar – »o des Thoren, der gegen seinen eigenen Vortheil kämpft!«, dürfte wol Einer ausrufen –, die Zurückgabe der Gefangenen sei nicht vortheilhaft; denn diese seien junge Männer und gute Heerführer, er hingegen bereits ein schwacher Greis. Sein Rath drang durch, die Gefangenen wurden zurückbehalten, er selbst kehrte nach Karthago zurück und ließ sich nicht durch die Liebe zu seinem Vaterlande und seinen Angehörigen zurückhalten, und doch wußte er wohl, daß sein Weg ihn zu einem höchst grausamen Feinde und zu ausgesuchten Martern führe; aber er glaubte seinen Eid halten zu müssen, und somit war seine Lage damals, als er durch Schlaflosigkeit ums Leben gebracht wurde Die Schriftsteller erzählen den Tod des Regulus verschieden; der für diese Zeit wichtigste Historiker, Polybius, erwähnt Nichts. Daher ist in neueren Zeiten die Wahrheit der Erzählung von dem grausamen Tode des Regulus vielfach bezweifelt worden. Das steht aber historisch fest, daß Regulus in der Gefangenschaft der Karthager starb., besser, als wenn er, ein Greis, der kriegsgefangen, und ein Consular, der meineidig gewesen war, daheim zurückgeblieben wäre. 101. – »Aber thöricht handelte er doch, daß er für die Zurücksendung der Gefangenen nicht stimmte, ja sie sogar widerrieth.« – Wie thöricht? Auch wenn es dem Staate zuträglich war? Kann aber, was dem Staate nachtheilig ist, irgend einem Bürger vortheilhaft sein?

XXVIII. Die Menschen stoßen die Grundgesetze der Natur um, wenn sie den Nutzen von der Sittlichkeit trennen. Denn wir alle streben nach dem Nutzen, fühlen uns zu ihm hingerissen, und es ist uns ganz unmöglich anders zu handeln. Wo ist der Mensch, der das Nützliche fliehen, oder vielmehr wo ist der, der es nicht auf das Eifrigste verfolgen sollte? Aber weil wir das Nützliche nirgends als in dem Lobenswerthen, Anständigen, Sittlichguten finden können, deßhalb halten wir dieses für das Erste und Höchste, während wir unter dem Worte »Nutzen« nicht sowol das Erhabene, als das zu einem Zwecke Erforderliche begreifen Cicero drückt sich sehr kurz und deßhalb auch dunkel aus: utilitatis nomen non tam splendidum quam necessarium ducimus. Der Sinn der Stelle ist: die Sittlichkeit und der Nutzen sind sich gleich und haben dieselbe Würde; aber in dem gewöhnlichen Sprachgebrauche beziehen wir das Wort Nutzen nur auf das zu einem Zwecke Erforderliche, auf die nothwendigen Bedürfnisse..

102. Was liegt nun für eine Bedeutung in dem Eide? könnte Jemand sagen. Fürchten wir etwa den Zorn Jupiters? Aber daß die Gottheit niemals zürne noch schade, daß ist die gemeinsame Ansicht aller Philosophen, nicht nur derer Der Epikureer Diogen. Laert. X, 139: Τὸ μακάριον καὶ άφθαρτον ούτε αυτὸ πράγματα έχει ούτε άλλω παρέχει, ώστε ούτε οργαι̃ς ούτε χάρισι συνέχεται., welche behaupten, Gott selbst habe keine Sorge noch verursache er Anderen Sorge, sondern auch derer Der Akademiker, Peripatetiker, Stoiker., welche annehmen, Gott sei immer thätig und schaffe immer Etwas. Was hätte aber der Zorn Jupiter's mehr schaden können, als Regulus sich selbst geschadet hat? Die Scheu vor den Göttern hatte also nicht die Macht, daß sie einen so offenbaren Vortheil hätte umstoßen sollen.

Oder war es die Furcht unsittlich zu handeln? – Zuerst von zwei Uebeln das kleinste. War nun wol jene Unsittlichkeit mit einem so großen Uebel verbunden als jene Martern? Zweitens heißt es bei Accius Ueber Accius s. zu I. 31, 113. Anm. 241. Die Verse sind aus des Accius Atreus entlehnt. Ueber Atreus und Thyestes s. zu I. 28, 97. Anm. 203.:

( Thyestes.) Du brachst dein Wort.
( Atreus.) Einem Frevler gab ich's nie, noch werd' ich's geben.

Freilich sagt diese Worte ein verruchter König, aber sie sind treffend gesagt.

103. Auch fügen sie hinzu, wie wir behaupteten, Manches scheine nützlich, ohne es in Wirklichkeit zu sein, so behaupteten sie, Manches scheine sittlichgut, ohne es in Wirklichkeit zu sein. Zum Beispiel der eben erwähnte Fall, daß er, um seinen Eid zu halten, zu Martern zurückkehrte, habe den Schein der Sittlichkeit, werde aber unsittlich, weil man nicht verpflichtet sei ein von Feinden erzwungenes Versprechen zu halten Nach diesen Worten, bemerkt Unger, ist ein Satz ausgefallen, der den vorletzten oder sechsten Einwurf enthielt und §. 110 so lautet: Cur igitur ad senatum proficiscebatur (wenn er nicht in Rom bleiben wollte), quom praesertim de captivis dissuasurus esset. Doch ist es auch möglich, daß Cicero diesen Einwurf hier zu erwähnen vergessen und erst später erwähnt hat, da überhaupt diese, wie auch die meisten anderen philosophischen Schriften in großer Eile geschrieben sind.. Ferner fügen sie hinzu, was in hohem Grade vortheilhaft sei, das werde sittlichgut, auch wenn es vorher nicht so geschienen habe.

Diese Einwürfe etwa macht man gegen Regulus. Betrachten wir nun den ersten.

XXIX. 104. » Die Furcht vor Jupiter, er möchte im Zorne schaden, war grundlos; denn er pflegt weder zu zürnen noch zu schaden.« Dieser Grund hat ebenso gegen jeden Schwur wie gegen Regulus Geltung. Aber beim Schwure soll man nicht darauf achten, was zu fürchten sei, sondern, was er für eine Bedeutung habe. Der Schwur nämlich ist eine durch die Religion geheiligte Betheuerung. Was man aber heilig und theuer, indem man Gott gleichsam zum Zeugen nimmt, verspricht, das muß man halten. So hat denn der Schwur mit dem Zorne der Götter Nichts zu thun, sondern bezieht sich auf die Gerechtigkeit und Treue. Vortrefflich sagt Ennius Ueber Ennius s. zu I. 8, 26. Anm. 95.:

Holde Treue, hochbeschwingte Die Göttin der Treue ( Fides,, Πίστις) wird beschwingt genannt, was man darauf bezieht, daß sie überall gegenwärtig sei., und du, Eidschwur Jupiters Jupiter ist der Beschützer des Eides; Griechisch: Ζεὺς όρκιος.!

Wer also den Schwur verletzt, der verletzt auch die Göttin der Treue, deren Tempel unsere Altvordern Numa, vgl. Liv. I. 21, Plutarch. Num. 16, und später Atilius Calatinus, 249 v. Chr. Dictator, und nachher Marcus Aemilius Scaurus, 109 Censor, vgl. Cicer. N. D. II. 28, 61., wie in einer Rede Cato's Ueber Cato Censorius s. zu I. 23, 79. Anm. 176. steht, auf dem Capitole einen Platz neben dem des allgütigen und allmächtigen Jupiter angewiesen haben.

105. » Aber auch der Zorn Jupiter's hätte dem Regulus nicht mehr geschadet, als Regulus sich selbst schadete.« Gewiß, wenn es kein Uebel gäbe als den Schmerz. Daß dieser aber nicht das größte, ja gar kein Uebel sei, behaupten die Philosophen Die Stoiker, welche nur das Laster für ein Uebel hielten. von dem entschiedensten Ansehen. Tadelt mir daher ja nicht den Regulus, der als ein nicht gewöhnlicher, sondern vielleicht als der gewichtigste Gewährsmann für die Behauptung dieser Philosophen dasteht. Denn kann man wol einen vollgültigeren finden als einen der Ersten des Römischen Volkes, der sich freiwillig Martern unterzog, um seiner Pflicht getreu zu bleiben?

Wenn sie ferner sagen: » Von zwei Uebeln das kleinste«, so heißt dieß: du sollst lieber unsittlich handeln als dich dem Unglücke aussetzen. Ist aber wol irgend ein Uebel größer als Unsittlichkeit. Wenn schon Häßlichkeit und Mißgestalt des Körpers Anstoß erregt, wie widrig muß erst jene Verderbtheit und Entstellung eines entsittlichten Gemüthes erscheinen. 106. Daher stehen die Philosophen, die sich hierüber nachdrücklicher aussprechen, nicht an die Unsittlichkeit für das einzige Uebel zu erklären; andere aber, die sich minder stark ausdrücken, tragen dennoch kein Bedenken dieselbe für das höchste Uebel zu erklären Die Ersteren sind die Stoiker, die Letzteren die Peripatetiker, Akademiker und andere Philosophen. Vgl. III. 8, 35..

Was jene Worte S. Kap. 28, §. 102. anlangt:

Einem Frevler gab ich's nie, noch werd' ich's geben,

so werden sie insofern von dem Dichter recht gesagt, als er bei der Bearbeitung seines Atreus auf dessen Charakter Rücksicht nehmen mußte. Allein wenn sie sich herausnehmen zu behaupten, das Wort, das man einem treulosen Menschen gebe, habe keine Gültigkeit; so mögen sie zusehen, ob nicht hierdurch für den Meineid ein Versteck gesucht werde.

107. Es gibt auch ein Recht des Krieges, und ein eidlich geheiligtes Versprechen muß auch oft dem Feinde gehalten werden. Denn ein Eid, den man mit der Ueberzeugung, daß man zu seiner Erfüllung verpflichtet sei, leistet, muß gehalten werden; im entgegengesetzten Falle ist die Unterlassung des Beschworenen kein Meineid. Zum Beispiel wenn man Räubern das für sein Leben ausbedungene Lösegeld nicht zustellt, so ist es kein Betrug, selbst dann nicht, wenn man nach geleistetem Eide sein Versprechen nicht hält. Denn ein Seeräuber ist nicht unter der Zahl der rechtmäßigen Feinde ex perduellium numero. Perduellis von duellum, altertümlich für bellum. begriffen, sondern er ist der gemeinsame Feind Aller. Mit ihm soll weder durch ein gegebenes Wort noch durch einen geleisteten Eid eine Gemeinschaft stattfinden. 108. Denn nicht jeder falsche Eid ist Meineid, sondern nur dann ist es Meineid, wenn man das nicht leistet, was man, wie es in der bei uns üblichen Eidesformel heißt, nach seines Herzens Meinung beschworen hat Cicer. Academ. II, 47, 146: majores primum jurare ex sui animi sententia quomque voluerunt; deinde ita teneri (sc. perjurii), si sciens falleret. . Denn treffend sagt Euripides Eurip. Hippol. 611: η γλω̃σσ' ομώμοχ', η δὲ φρὴν ανώμοτος.:

Die Zunge schwur; mein Herz hat keinen Theil am Schwur.

Regulus hingegen durfte die im Kriege und mit dem Feinde eingegangenen Bedingungen und Verträge durch einen Meineid nicht in Verwirrung bringen. Denn man führte mit einem rechtmäßigen und gesetzlichen Feinde Krieg, dem gegenüber das gesammte Fetialrecht Ueber das Fetialrecht s. zu I. 11, 36. Anm. 113. und viele andere Rechte eine gegenseitige Verpflichtung gebieten. Wäre dieß nicht der Fall, so würde unser Senat niemals angesehene Männer in Fesseln an die Feinde ausgeliefert haben.

XXX. 109. Dieß geschah aber wirklich mit Titus Veturius und Spurius Postumius Titus Veturius Calviuns und P. Spurius Postumius waren im J. 321 v. Chr. zum zweiten Male Consuln, als sie bei Caudium in Samnium (s. zu II. 21, 75. Anm. 435) die schmähliche Niederlage erlitten. Uebrigens drückt sich Cicero hier nicht richtig aus, wenn er sagt, nach der unglücklichen Schlacht bei Caudium ( quom male pugnatum apud Caudium esset); denn es war keine Schlacht vorangegangen, sondern die Römer, von Pontius eingeschlossen, ergaben sich.. Diese hatten in ihrem zweiten Consulate nach der unglücklichen Schlacht bei Caudium, wo unsere Legionen unter dem Joche Das Joch war ein auf zwei Pfählen ruhender Balken, unter dem die Besiegten gebückt und halb entkleidet vor den Augen des Feindes durchgehen mußten. durchgehen mußten, mit den Samniten einen Frieden geschlossen, und wurden an diese ausgeliefert, weil sie den Frieden ohne Genehmigung des Volkes und Senates geschlossen hatten. Zu gleicher Zeit wurden Tiberius Numicius und Quintus Mälius Tiberius Numicius und Quintus Mälius waren erst zur Zeit der Auslieferung Volkstribunen; zur Zeit des Caudinischen Unglücks aber, als sie noch im Heere dienten, können sie nur designirte Volkstribunen gewesen sein; denn den Volkstribunen war es nicht gestattet auch nur Einen Tag von Rom entfernt zu sein. S. Weißenborn zu Liv. 9, 8. Uebrigens nennt dieser statt des Numicius den Lucius Livius., die damaligen Volkstribunen, ausgeliefert, weil auf ihren Rath der Friede geschlossen worden war, um den Frieden mit den Samniten verwerfen zu können. Und Postumius selbst, der ausgeliefert werden sollte, war es, der diese Auslieferung in Vorschlag brachte und dazu rieth.

Ein Gleiches that viele Jahre später Gajus Mancinus Gajus Hostilius Mancinus hatte als Consul im J. 137 v. Chr. unglücklich gegen die Numantiner gekämpft und einen schimpflichen Frieden mit ihnen geschlossen., der mit den Numantinern ohne Vollmacht von Seiten des Senates Frieden geschlossen hatte. Lucius Furius und Sextus Atilius Publius Furius Philus und Sextus Atilius Serranus waren die Nachfolger des Mancinus im Consulate und beantragten die Auslieferung des Pompejus und Mancinus. brachten deßhalb den Gesetzesvorschlag vor das Volk, daß er den Numantinern ausgeliefert würde, und er selbst unterstützte diesen Vorschlag. Man nahm ihn an, und Mancinus wurde ausgeliefert. Er handelte edler als Quintus Pompejus Quintus Pompejus Nepos oder Rufus hatte im J. 141 v. Chr. mit den Numantinern einen schimpflichen Frieden geschlossen., der sich in gleicher Lage befand und durch Bitten bewirkte, daß der Gesetzesvorschlag nicht angenommen wurde. Bei diesem galt der Scheinnutzen mehr als die Sittlichkeit; bei den Ersteren hingegen trug das Gewicht der Sittlichkeit über den Scheinnutzen den Sieg davon.

110. » Aber was mit Gewalt erzwungen war, durfte nicht als gültig angesehen werden.« Als ob ein tapferer Mann mit Gewalt zu Etwas gezwungen werden könnte!

» Warum reiste er nun zum Senate, zumal da er die Auslieferung der Gefangenen zu widerrathen beabsichtigte?« Das tadelt ihr, was das Vorzüglichste in seiner Handlung ist. Denn er ließ es nicht bei seinem Urtheile bewenden, sondern er übernahm auch die Vertheidigung der Sache, damit auch der Senat über dieselbe ein richtiges Urtheil hätte. Denn wenn er dem Senate nicht seinen Rath mitgetheilt hätte, so würden in der That die Gefangenen an die Punier ausgeliefert worden sein. Alsdann hätte allerdings Regulus unversehrt in seinem Vaterlande zurückbleiben können; aber weil er dieses als für sein Vaterland nicht vortheilhaft ansah, deßhalb glaubte er, die Sittlichkeit fordere von ihm so zu urtheilen und zu leiden.

Endlich führen sie an, was in hohem Grade vortheilhaft sei, das werde sittlichgut. Aber sie hätten vielmehr sagen sollen, es sei schon sittlichgut, nicht es werde. Denn Nichts ist nützlich, was nicht zugleich sittlichgut ist, und nicht ist Etwas sittlichgut, weil es nützlich ist, sondern weil es sittlichgut ist, ist es nützlich.

Dennoch dürfte man unter so vielen bewunderungswürdigen Beispielen nicht leicht eines anführen können, das rühmlicher und vorzüglicher wäre, als das des Regulus.

111. Uebrigens verdient an dieser ganzen lobenswürdigen That des Regulus nur das Eine Vewunderung, daß er zur Zurückbehaltung der Gefangenen rieth. Denn seine Rückkehr erscheint uns jetzt bewunderungswürdig, in damaliger Zeit konnte er nicht anders handeln. So gebührt dieser Ruhm nicht dem Manne, sondern dem Zeitalter. Denn unsere Altvordern hielten dafür, daß es kein festeres Band gebe, wodurch die Menschen zur Erfüllung einer Zusage verpflichtet würden, als den Eid. Das zeigen die Gesetze der zwölf Tafeln an, das die geheiligten Gesetze Leges sacratae werden die Gesetze genannt, durch welche derjenige, der sie übertrat, für sacer einer Gottheit geweiht, d.h. zum Tode verurtheilt wurde., das die Bündnisse, in denen auch das dem Feinde gemachte Versprechen bindende Kraft hat, das die Untersuchungen und Ahndungen der Censoren, die über keinen Gegenstand strenger richten als über die Verletzung des Eides.

112. Den Lucius Manlius Lucius Manlius Imperiosus war im J. 363 v. Chr. Dictator; die hier erwähnte Anklage fällt in das folgende Jahr. Ueber die hier kurz erwähnte Sache spricht sich ausführlich Livius VII. 3 ff. aus., des Aulus Sohn, versetzte nach dessen Dictatur der Volkstribun Pomponius in Anklagestand, weil er um einige Tage seine Dictatur verlängert habe. Auch schuldigte er ihn an, daß er seinen Sohn Titus, der später den Beinamen Torquatus erhielt, aus der menschlichen Gesellschaft verwiesen und auf dem Lande habe wohnen lassen. Als sein Sohn, ein junger Mann, hörte, daß sein Vater in diesen verdrießlichen Handel verwickelt sei, eilte er nach Rom, sagt man, und kam mit Tagesanbruch in das Haus des Pomponius. Diesem wurde es gemeldet, und in der Meinung, der Sohn sei über den Vater aufgebracht und wolle ihm nachtheilige Mittheilungen über seinen Vater machen, erhob er sich aus seinem Bette und nach Entfernung seiner Leute läßt er ihn vor sich kommen. Allein kaum war dieser eingetreten, als er unverzüglich sein Schwert zog und schwur, er werde ihn auf der Stelle tödten, wenn er ihm nicht die eidliche Versicherung gäbe, daß er die Anklage seines Vaters aufgeben werde. Vom Schrecken übermannt, leistete Pomponius den Eid, trug darauf die Sache dem Volke vor, zeigte, warum er von der Anklage abstehen müsse, und ließ den Manlius frei. So viel galt in den damaligen Zeiten der Eid.

Dieser Manlius ist derselbe Ueber den Zweikampf des Manlius mit dem Gallier am Anio, einem Nebenflusse der Tiber, im J. 361 v. Chr. s. Liv. VII. 9, 10., der am Anio einen Gallier, der ihn zum Zweikampfe herausgefordert hatte, tödtete, ihm sein Halsband abzog und daher seinen Beinamen erhielt; derselbe, der in seinem dritten Consulate die Latiner am Veseris Der Veseris ist ein Fluß in Campanien in der Nähe des Vesuvs. Die hier erwähnte Schlacht fällt in das J. 340 v. Chr. Unmittelbar vor dieser Schlacht ließ er seinen Sohn hinrichten, weil er gegen sein Verbot sich in einen Zweikampf, den er glücklich bestand, eingelassen hatte. S. Livius VIII. 7 ff. völlig schlug: ein vorzüglich großer Mann, der sich ebenso unerbittlich streng gegen seinen Sohn bewies, als er nachsichtsvoll gegen seinen Vater gewesen war.

XXXII. 113. Allein sowie Regulus wegen Erfüllung seines Eidschwures Lob verdient, so sind hingegen jene Zehen tadelnswerth, welche Hannibal nach der Schlacht bei Cannä S. I. 13, 40, wo dieselbe Geschichte erzählt wird. an unseren Senat schickte, nachdem sie ihm die eidliche Versicherung gegeben hatten, wenn sie die Auslösung der Gefangenen nicht erwirkten, in das von den Puniern eroberte Lager zurückzukehren – tadelnswerth, sag' ich, wenn sie nicht zurückkehrten. Doch hierüber berichten nicht alle Geschichtschreiber das Nämliche. Polybius Polybius, aus Megalopolis in Arkadien (geb. 204 v. Chr., gest. 122), wurde 166 mit anderen Häuptern des Achäischen Bundes zur Verantwortung nach Rom gefordert, wo er ein Freund des jüngeren Africanus wurde. Er schrieb ein großes Geschichtswerk, von dem aber nur die fünf ersten Bücher vollständig erhalten sind. Die hier genannte Stelle findet sich VI. 56. nämlich, ein vorzüglich guter Gewährsmann, erzählt, von den zehen Abgesandten, welche den vornehmsten Familien angehörten, seien neun zurückgekehrt, da der Senat ihr Gesuch nicht bewilligt hatte; Einer aber von den Zehen, der bald nach seiner Abreise vom Lager zurückgekehrt sei, als ob er Etwas vergessen habe, sei in Rom zurückgeblieben. Er legte nämlich die Sache so aus, als ob er durch seine Rückkehr in das Lager seines Eides entbunden sei. Aber nicht richtig; denn ein Betrug zerreißt die Verpflichtung des Eides Im Texte steht: fraus enim distringit, non dissolvit perjurium. Schon Ernesti hielt das Wort perjurium für unächt; Andere wollen mit Gellius 7, 18 für perjurium dejurium lesen, was soviel als jus jurandum ist., nicht aber löst er sie. Also war es eine thörichte Schlauheit, welche sich das Ansehen von Klugheit gab. Daher beschloß der Senat, daß dieser abgefeimte und listige Betrüger gebunden zum Hannibal zurückgebracht würde.

114. Doch das Wichtigste hierbei war Folgendes. Achttausend Mann hatte Hannibal in seiner Gewalt, welche nicht in der Schlacht gefangen genommen worden oder aus Furcht vor dem Tode auseinander gelaufen, sondern welche von den Consuln Paullus und Varro Lucius Aemilius Paullus und Gajus Terentius Varro lieferten im J. 216 v. Chr. bei Cannä in Apulien die Schlacht gegen Hannibal, in der die Römer trotz ihrer Uebermacht eine schmähliche Niederlage erlitten. Mehr als 40,000 Römer, unter ihnen auch der Consul Aemilius Paullus, 21 Consularen, 80 Senatoren, wurden getödtet, 10,000 gefangen genommen. im Lager zurückgelassen worden waren. Der Senat beschloß diese nicht loszukaufen, obwol es mit einer kleinen Geldsumme Nach Polyb. 6,56, drei Minen für den Kopf, d. i. etwa 66 Thaler. hätte geschehen können, um unseren Kriegern einzuprägen, daß sie entweder siegen oder sterben müßten. Durch die Nachricht hiervon wurde, wie derselbe Geschichtschreiber erzählt, der Muth Hannibal's gebrochen, weil der Senat und das Römische Volk in einer so bedrängten Lage eine so große Erhabenheit des Geistes an den Tag gelegt hatte. Hieraus sieht man, wie das anscheinend Nützliche im Vergleiche mit der Sittlichkeit dieser nachstehen muß.

115. Acilius Gajus Acilius, Römischer Senator, Zeitgenosse des Cato Censorius (um 150 v. Chr.), schrieb eine Römische Geschichte in Griechischer Sprache, welche Claudius Quadrigarius nach Livius 25, 39. 35, 14. ins Lateinische übersetzte. Vergl. Beier zu dieser Stelle. Beide Werke sind verloren gegangen. hingegen, der unsere Geschichte in Griechischer Sprache geschrieben hat, berichtet, es seien Mehrere in derselben betrügerischen Absicht in das Lager zurückgekehrt, um sich ihres Eides zu entbinden; sie seien aber von den Censoren mit jeder Art von Schimpf gebrandmarkt worden.

Doch ich will jetzt diese Untersuchung schließen. Denn es ist einleuchtend, daß Handlungen der Furchtsamkeit, der Verzagtheit, des Kleinmuthes und der Muthlosigkeit, wie auch die des Regulus gewesen wäre, wenn er entweder hinsichtlich der Gefangenen das, was ihm für seine Person, nicht aber für den Staat, vortheilhaft geschienen hätte, gerathen oder zu Hause hätte bleiben wollen, nicht nützlich sind, weil sie schändlich, häßlich und unsittlich sind.

XXXIII. 116. Es ist nun noch der vierte Theil des Sittlichguten übrig, der den Anstand, die Mäßigung, die Maßhaltung Das Wort modestia ist hier in dem Sinne genommen wie I. 40, 142. , die Enthaltsamkeit und die Selbstbeherrschung umfaßt.

Kann nun wol irgend Etwas nützlich sein, was diesem Chore so herrlicher Tugenden entgegen ist? Und doch haben die Anhänger des Aristippus Ueber Aristippus s. zu I. 41, 148. Anm. 286., die Cyrenaiker, und die Annicerier Anniceris war ein Schüler des Hegesias, und Hegesias ein Schüler des Aristippus. Anniceris erklärte das sinnliche Vergnügen zwar auch für das höchste Gut, verschmähte aber nicht die sittliche Würde., die nur dem Namen nach Philosophen sind, die ganze Glückseligkeit in das sinnliche Vergnügen gesetzt und die Tugend nur insofern für lobenswürdig erklärt, als sie ein Hülfsmittel zu diesem Vergnügen sei. Nachdem diese veraltert sind, da steht Epikurus Epikurus aus Gargettus, einem Attischen Demos, geb. 337 v. Chr. und gest. 270, war der Gründer der Epikureischen Schule, welche das Vergnügen für das höchste Gut und den Schmerz für das höchste Uebel erklärte. in vollem Ansehen, der Vertheidiger und Lehrer fast derselben Grundsätze. Gegen diese Leute muß man mit Roß und Mann kämpfen, wie man zu sagen pflegt, wenn man entschlossen ist die Sittlichkeit zu wahren und zu behaupten. 117. Wenn nämlich, wie wir bei Metrodorus Metrodorus aus Athen war der berühmteste Schüler des Epikurus. lesen, nicht nur der äußere Nutzen, sondern die ganze Glückseligkeit des Lebens in einer kräftigen Verfassung unseres Körpers und in der gegründeten Hoffnung auf deren Fortdauer besteht; so muß sicherlich dieser Nutzen, und zwar der höchste, wie sie meinen, gegen die Sittlichkeit streiten.

Denn wo sollte da erstlich der Klugheit eine Stelle eingeräumt werden? Etwa die, daß sie überall die Sinnengenüsse zusammensucht? Welch eine elende Knechtschaft der Tugend, welche der Sinnlichkeit dient. Und welches Geschäft soll die Klugheit haben? Etwa das die sinnlichen Vergnügen mit Einsicht auszuwählen? Gesetzt, es gäbe nichts Angenehmeres als dieses Geschäft; kann man sich wol etwas Unsittlicheres denken?

Ferner wer den Schmerz für das höchste Uebel erklären kann, welche Stelle nimmt bei ihm die Tapferkeit ein, welche in der Verachtung der Schmerzen und Mühseligkeiten besteht? Denn mag auch Epikurus an noch so vielen Stellen recht männlich über den Schmerz reden, wie er es auch wirklich thut; so muß man hierbei jedoch nicht daraus sehen, was er sagt, sondern was er folgerichtig sagen müßte, er, der die Güter nach dem sinnlichen Vergnügen, die Uebel nach dem Schmerze bestimmt. Zum Beispiel wenn ich ihn über die Enthaltsamkeit und Selbstbeherrschung reden höre, so sagt er darüber allerdings Mancherlei an manchen Stellen; allein das Wasser stockt sed aqua haeret, ut ajunt. , wie man sagt. Denn wie kann der die Selbstbeherrschung loben, der das höchste Gut in das sinnliche Vergnügen setzt? Die Selbstbeherrschung ist ja die Feindin der Lüste, die Lüste aber die eifrigsten Freundinnen der Sinnenlust.

118. Indeß wissen sie sich doch in diesen drei Tugenden, so gut sie es vermögen, nicht ungeschickt zu drehen und zu wenden. Die Klugheit führen sie ein als die Wissenschaft, welche die Sinnengenüsse verschafft und die Schmerzen entfernt. Auch mit der Tapferkeit werden sie einigermaßen fertig, indem sie lehren, sie sei ein Mittel den Tod zu verachten und den Schmerz zu ertragen. Selbst die Selbstbeherrschung führen sie ein, freilich nicht auf die leichteste Weise, doch so gut es nun auch gehen mag. Sie behaupten nämlich, die Größe des Vergnügens werde durch die Entfernung des Schmerzes bestimmt Diog. Laert. 10, 139: ‘Όρος του̃ μεγέθους τω̃ν ηδονω̃ν η παντὸς του̃ αλγου̃ντος υπεξαίρεσις. Cicer. Fin. II.3,10: quom omnis dolor detractus esset, variari, non augeri voluptatem. Mit der Entfernung des Schmerzes hat das Vergnügen seine Gränze (όρος) erreicht; alsdann kann es zwar sich auf mannigfaltige Weise zeigen ( variari), aber nicht zunehmen.. Die Gerechtigkeit aber steht bei ihnen auf schwachen Füßen, oder vielmehr sie liegt schon zu Boden, sowie alle diejenigen Tugenden, welche in der Gemeinschaft und Gesellschaft des Menschengeschlechtes hervortreten. Denn die Güte, die Freigebigkeit, die Freundlichkeit können nicht bestehen, ebenso wenig wie die Freundschaft, wenn dieselben nicht an und für sich Gegenstand unseres Strebens sind, sondern auf das sinnliche Vergnügen und den äußeren Vortheil bezogen werden.

Ich will nun die Sache kurz zusammenfassen. 119. Sowie ich nämlich gelehrt habe, daß es keinen Nutzen gebe, welcher der Sittlichkeit entgegen sei; so behaupte ich, daß alles sinnliche Vergnügen der Sittlichkeit entgegen sei. Um so nachdrücklicheren Tadel verdienen meines Erachtens Kalliphon und Dinomachus Ueber diese beiden Philosophen ist außer dem erwähnten Satze wenig bekannt. Vgl. Cicer. Tusc. V.30,85., welche meinten den Streit zu schlichten, wenn sie mit der Sittlichkeit das sinnliche Vergnügen, gleichsam mit dem Menschen das Vieh, verbänden. Die Sittlichkeit läßt diese Verbindung nicht zu, sie verschmäht sie, sie weist sie zurück. Das höchste Gut und das höchste Uebel müssen etwas Einfaches sein und lassen sich daher nicht aus ungleichartigen Dingen mischen und zusammensetzen. Doch hiervon – denn der Gegenstand ist wichtig – habe ich an einer anderen Stelle ausführlicher gesprochen. Jetzt wieder zur Sache.

120. Wie nun in den Fällen, wo der Scheinnutzen gegen die Sittlichkeit streitet, die Sache zu entscheiden sei, ist oben zur Genüge erörtert worden. Will man aber auch sagen, das sinnliche Vergnügen enthalte einen Scheinnutzen; so kann es doch unmöglich mit der Sittlichkeit in irgend einer Verbindung stehen. Denn wenn wir auch dem sinnlichen Vergnügen einigen Werth einräumen wollen, so mag es vielleicht einige Würze für das Leben haben; wahren Nutzen hat es sicherlich nicht.

121. Du empfängst hier, mein lieber Sohn Marcus, aus der Hand deines Vaters ein Geschenk, das meines Erachtens groß ist; doch sein Werth hängt davon ab, wie du es aufnimmst. Freilich können diese drei Bücher keine anderen Ansprüche machen, als daß sie von dir als fremde Gäste unter die Kratipp'schen Hefte aufgenommen werden; indeß sowie du zuweilen auch mir ein aufmerksames Ohr leihen würdest, wenn ich persönlich nach Athen käme; – und es wäre geschehen, wenn mich das Vaterland nicht mitten auf dem Wege mit klarer Stimme zurückgerufen hätte Cicero hatte aus Besorgniß von seinen Feinden ermordet zu werden die Reise zu seinem Sohne angetreten, wurde aber durch widrige Winde von Sicilien nach Rhegium zurückgeschlagen. Hier erhielt er günstige Nachrichten über die politischen Zustände in Rom und beschloß daher seine Reise aufzugeben und nach Rom zurückzukehren. – ebenso wirst du auch diesen Büchern, in denen meine Worte zu dir gelangen, so viel Zeit, als du kannst, widmen; und du kannst es, so viel du willst. Sehe ich aber, daß du an diesem Zweige der Wissenschaft Geschmack findest, so werde ich mich mit dir nächstens, wie ich hoffe Diese Hoffnung wurde nicht erfüllt; er wurde am 7. December des Jahres 43 v. Chr. in seinem vierundsechzigsten Lebensjahre von den Trabanten des Antonius ermordet., mündlich und in deiner Abwesenheit schriftlich unterhalten.

Lebe denn wohl, mein Cicero, und sei überzeugt, daß du mir sehr theuer bist und ungleich theuerer sein wirst, wenn du an solchen Schriften und Lehren Freude findest.

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