Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Marcus Tullius Cicero >

Cicero's drei Bücher von den Pflichten

Marcus Tullius Cicero: Cicero's drei Bücher von den Pflichten - Kapitel 4
Quellenangabe
typetractate
authorRaphael Kühner
firstpub1859
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleCicero's drei Bücher von den Pflichten
created20060118
sendergerd.bouillon
Schließen

Navigation:

Zweites Buch.

I. 1. Wie sich die Pflichten aus der Sittlichkeit und überhaupt aus dem Wesen der Tugend ableiten lassen, das, mein Sohn Marcus, ist, wie ich glaube, in dem vorigen Buche hinreichend entwickelt. Jetzt liegt es mir ob die Arten der Pflichten zu behandeln, welche sich auf die Einrichtung des Lebens und auf die Mittel zur Erwerbung der menschlichen Bedürfnisse, nämlich auf Macht und Vermögen, beziehen. Hierbei kommt, wie ich bemerkt habe, zur Frage, bald was nützlich, was schädlich, bald was unter mehreren nützlichen Dingen das nützlichere oder das nützlichste sei Die Stelle: » Hierbei kommt . . . das nützlichste sei« »In quo tum quaeri dixi, quid utile, quid inutile, tum ex utilibus quid utilius aut quid maxime utile« wird von den meisten Herausgebern für unächt erklärt. Da sich jedoch in den guten Handschriften die Worte: In quo tum quaeri dixi quid utile quid inutile finden, so betrachte ich die Stelle noch als ächt. Die Stelle, auf die Cicero hindeutet, ist I. 3, 9 u. 10.. Ueber diese Gegenstände gedenke ich nun zu reden; zuvor jedoch werde ich einiges Wenige über mein Unternehmen und meine Ansicht darüber vorausschicken.

2. Obwol nämlich meine Schriften bei Mehreren die Lust nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Schreiben erweckt haben, so hege ich doch zuweilen die Besorgniß, ob nicht manchen braven Männern quibusdam bonis viris ist mit einer gewissen Ironie gesagt. Männer, die es gut meinen, aber in ihren Ansichten beschränkt sind und daher die philosophische Bildung als nachtheilig für einen Römischen Staatsmann halten. der Name der Philosophie verhaßt sei, und sie sich wundern, daß ich so viel Mühe und Zeit derselben widme. So lange unser Staat durch die Männer verwaltet wurde, welchen er sich selbst anvertraut hatte; richtete ich alle meine Sorgen und Gedanken auf ihn. Als aber Alles der Gewaltherrschaft eines Einzigen Julius Cäsar. unterworfen wurde, nirgends ein Rath oder eine Vorstellung Raum fand, und ich meine Gefährten Cicero führt in der zweiten Philipp c. 5, 12 folgende Consularen an: Crassus, Lucullus, Hortensius, Cato, Pompejus. in der Erhaltung des Staates verloren hatte; so gab ich mich weder ängstlichen Sorgen hin, die mich, wenn ich ihnen nicht widerstanden hätte, aufgerieben haben würden, noch aber auch dem Genusse sinnlicher Vergnügungen, der eines wissenschaftlich gebildeten Mannes unwürdig ist.

3. Ach, hätte sich doch der Staat in der Verfassung erhalten, in welche er sich wieder zu setzen angefangen hatte Cicero hat den Zustand des Staates im Sinne, der unmittelbar nach Cäsar's Ermordung eingetreten war, als man hoffte, Antonius und seine Partei würden sich mit den Mördern Cäsar's vereinigen und die alte Freiheit wiederherstellen., und wäre er doch nicht Menschen Antonius und dessen Partei. in die Hände gefallen, die seine Lage nicht sowohl zu verändern als umzustoßen trachteten! Alsdann würde ich erstlich, wie ich beim Bestehen des Staates zu thun pflegte, mehr Mühe auf öffentliches Wirken als auf Schriftstellerei verwenden, und zweitens würde ich in meinen Schriften selbst nicht Untersuchungen, wie die gegenwärtige, sondern meine öffentlichen Reden niederlegen, wie ich oft that.

Seitdem aber der Staat, dem ich alle meine Sorgen, Gedanken und Bemühungen zu widmen pflegte, sein Dasein völlig verloren hat; da mußten natürlich jene Reden vor Gericht und im Senate verstummen. 4. Aber unthätig bleiben konnte mein Geist nicht.. So glaubte ich denn, da ich mich von meiner ersten Jugend an mit philosophischen Studien beschäftigt hatte, mich meines Unmuths am Schönsten entschlagen zu können, wenn ich mich zur Philosophie zurückzöge. Ihr hatte ich in meinem Jünglingsalter zur Ausbildung meines Geistes viel Zeit gewidmet; später aber, als ich Staatsämtern zu dienen anfing und mich ganz dem Staate weihte, blieb für die Philosophie nur so viel Zeit, als mir die für meine Freunde und den Staat übernommenen Arbeiten übrig ließen Ich lese mit Unger: tantum erat philosophiae loci, quantum superfuerat amicorum et rei publicae tempori statt temporis, das zwar die Handschriften haben, aber einen verkehrten Sinn gibt. Der Begriff temporis ist schon im vorhergehenden loci ausgedrückt. Unter tempori amicorum et rei p. ist die den Freunden und dem Staate gewidmete Zeit zu verstehen.. Diese Zeit brachte ich jedoch nur im Lesen zu; zum Schreiben hatte ich keine Muße.

II. 5. Bei dem großen Unglücke nun glauben wir doch das Gute gewonnen zu haben, daß wir die Gegenstände schriftlich aufzeichneten, welche einerseits unseren Landsleuten nicht gehörig bekannt waren, andererseits in hohem Grade verdienten bekannt zu werden. Denn, bei den Göttern, was ist wünschenswerther als die Weisheit, was vorzüglicher, was für den Menschen besser, was des Menschen würdiger? Die Männer, die nach ihr streben, werden Philosophen genannt, und die Philosophie ist, wenn man das Wort übersetzen will, nichts Anderes als das Streben nach Weisheit. Die Weisheit aber ist nach der Begriffsbestimmung der alten Philosophen die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge und der Ursachen, auf denen diese beruhen. Wer das Streben nach ihr tadelt, von dem begreife ich wahrlich nicht, was er denn für lobenswerth halten kann. 6. Denn mag man nun geistige Unterhaltung und Erholung von Sorgen suchen, was läßt sich mit der Beschäftigung derer vergleichen, die immer Gegenstände untersuchen, die auf ein tugendhaftes und glückseliges Leben hinzielen und Einfluß haben? Oder mag man auf Charakterfestigkeit und Tugend Rücksicht nehmen, so ist entweder dieß die Wissenschaft, durch die wir uns diese aneignen können, oder es gibt überhaupt keine. Wollte man behaupten, es gebe für die wichtigsten Gegenstände keine Wissenschaft, da doch keiner der unbedeutendsten der Wissenschaft entbehrt: so würde man wenig besonnen reden und einen Irrthum in den höchsten Dingen an den Tag legen. Gibt es aber irgend eine Schule der Tugend, wo könnte man sie finden, wenn man von dieser Wissenschaft absehen wollte? Doch dieser Gegenstand wird mit größerer Sorgfalt da abgehandelt, wo wir zu diesem Studium ermuntern, was wir in einem anderen Buche Im Hortensius. Vgl. Cicer. de Finib. I. 1, 2: philosophiae quidem vituperatoribus satis responsum est eo libro, quo a nobis philosophia defensa et collaudata est, quom esset accusata et vituperata ab Hortensio. Mehr über diese, leider verloren gegangene Abhandlung s. in unserer Schrift: De Ciceronis in philosophiam meritis. Hamburgi sumptibus Frid. Perthes 1825. p. 51. gethan haben. Für jetzt habe ich mich nur darüber zu erklären, warum ich, von den Staatsämtern verdrängt, mich gerade dieser Beschäftigung zugewendet habe.

7. Es wird uns aber, und zwar von gelehrten und gebildeten Männern, die Einwendung mit der Frage gemacht, ob wir gehörig folgerecht zu verfahren scheinen, wenn wir behaupten, Nichts könne mit Bestimmtheit gewußt werden Cicero bekannte sich zu dem Skepticismus der neueren Akademie, die er schon in seiner Jugend unter Philo's Anleitung kennen gelernt hatte. Diese Schule, deren Stifter Arcesilas (um 300 v. Chr.) ist, leugnete die Erkenntniß der Wahrheit, ließ aber Wahrscheinlichkeit gelten., und doch sowol andere Gegenstände erörtern, als auch eben jetzt die Vorschriften der Pflicht entwickeln. Ich wünschte, daß diesen Männern die Ansicht unserer Schule bekannt wäre. Wir haben nämlich nicht die Ansicht, daß unser Geist in Ungewißheit hin- und herschweife und in keinerlei Weise feste Grundsätze habe, denen er folgen kann. Wie könnte je alsdann ein Denken oder vielmehr ein Leben bestehen, wenn nicht nur für wissenschaftliche Untersuchungen, sondern auch für das Leben das vernunftmäßige Verfahren aufgehoben würde? Wir weichen von den anderen Philosophen nur darin ab, daß, während diese Einiges für gewiß, Anderes für ungewiß, wir Einiges für wahrscheinlich, Anderes für unwahrscheinlich erklären. 8. Was dürfte mich daher hindern das anzunehmen, was mir wahrscheinlich dünkt, das Gegentheil aber zu verwerfen und so, die Anmaßung im Behaupten vermeidend, mich von der Unbesonnenheit frei zu halten, die mit der Weisheit in völligem Widerspruche steht? Alles wird aber von unserer Schule bestritten, weil ja eben dieses Wahrscheinliche nur dann einleuchten kann, wenn von beiden Seiten die Gründe gegen einander gehalten werden Die neuere Akademie befolgte bei der Untersuchung einer Frage die Methode, daß sie alle Gründe und Momente, welche für und gegen dieselbe angeführt werden können, sorgfältigst untersuchte und gegen einander abwog und so das darin liegende Wahrscheinlichste aufzufinden suchte. S. unsere eben angeführte Schrift: De Cicer. in ph. m. p. 148 sq.. Doch diesen Gegenstand habe ich in meinen akademischen Untersuchungen In den Akademischen Untersuchungen handelt Cicero die Philosophie der neueren Akademie ab. S. die angeführte Schrift: De Cicer. in ph. m. p. 51 sq. mit hinlänglicher Sorgfalt, wie ich denke, entwickelt.

Du nun, mein Cicero, beschäftigst dich zwar gegenwärtig mit dem ältesten und berühmtesten philosophischen Lehrgebäude Nämlich der Peripatetiker. Siehe zu I. 1, 2. Anm. 58. und zu I. 2, 6. Anm. 69. Ueber Kratippus s. zu I. 1, 1. Anm. 56. unter der Leitung des Kratippus, eines Mannes, den man den Stiftern dieser herrlichen Schule an die Seite setzen kann; aber dennoch wünschte ich nicht, daß du mit unseren Grundsätzen, die den eurigen verwandt sind, unbekannt bliebest. Doch jetzt laß mich unsere Aufgabe weiter verfolgen.

III. 9. Fünf Gesichtspunkte S. I. 3, 10. habe ich also in der Erörterung der Pflicht aufgestellt. Zwei derselben beziehen sich auf den Anstand und die Sittlichkeit, zwei auf die äußeren Vortheile des Lebens, als Reichtum, Macht, Vermögen, der fünfte auf die Entscheidung der Wahl in Fällen, wo die genannten Punkte unter einander im Streite zu sein scheinen. Der Theil, der von der Sittlichkeit handelt, ist zu Ende gebracht, und ich wünsche, daß du dich mit ihm recht vertraut machest.

Der Gegenstand aber, von dem wir jetzt reden wollen, betrifft das sogenannte Nützliche. In diesem Worte hat der gewöhnliche Sprachgebrauch einen Fehler gemacht und ist vom rechten Wege abgewichen, indem derselbe allmählich dahin gekommen ist, daß er, die Sittlichkeit vom Nutzen trennend, annahm, es gebe ein Sittlichgutes, das nicht nützlich, und ein Nützliches, das nicht sittlichgut sei: ein Irrthum, der auf das Leben der Menschen den verderblichsten Einfluß äußern mußte.

10. Freilich trennen Philosophen vom höchsten Ansehen in der Begriffsscheidung die drei ihrem Wesen nach mit einander verschmolzenen Begriffe; aber sie thuen es mit sittlichem Ernste und mit Anstand Die drei Begriffe, Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Nutzen, sind zwar dem Wesen nach mit einander verschmolzen, aber sie lassen sich in der Begriffsscheidung ( cogitatione, in der Abstraktion) getrennt denken, wie dieß auch bei Philosophen von dem größten Ansehen, wie z. B. bei den Peripatetikern und alten Akademikern, geschieht. Aber aus dieser abstrakten Trennung geht kein Nachtheil für das Leben hervor. Denn sie thun dieß severe atque honeste, d. h. mit sittlichem Ernste und mit Anstande, indem sie erklären, was gerecht ist, ist auch nützlich, und was sittlichgut ist, ist auch gerecht, und was sittlichgut ist, ist auch nützlich. Allerdings ist es auffallend, daß hier das Gerechte von dem Sittlichguten getrennt wird. Deßhalb muthmaßte Beier, das Wort tria sei von einem Glossator eingeschoben, will jedoch wegen Cicer. de Finib. III. 21, 71. und Ambros. II, c. 6. keine Veränderung vornehmen. Unger aber erklärt die Worte: »Quidquid enim justum bis idem sit utile« für ein fremdes Einschiebsel und erklärt die Worte haec tria genera so: »Diese drei Arten, indem sie 1) ein honestum ohne utilitas, 2) ein utile ohne honestas, 3) ein honestum und utile zugleich aufstellen.« Er vergleicht Cicer. Offic. III. §. 22. und de Invent. II. 52.. Denn sie sind der Meinung, Alles, was gerecht sei, sei auch nützlich, und ebenso, was sittlichgut sei, das sei gleichfalls gerecht; daraus folgt, daß Alles, was sittlichgut ist, gleichfalls nützlich ist. Leute, die hierin eine weniger klare Einsicht haben, bewundern oft verschlagene und listige Menschen und sehen Arglist als Weisheit an. Ein solcher Irrthum muß beseitigt und die allgemeine Meinung zu der Ueberzeugung und Einsicht geleitet werden, daß man nur durch sittlichgute Entschließungen und gerechte Handlungen die Erfüllung seiner Wünsche erreichen kann.

11. Alles nun, was zur Erhaltung des menschlichen Lebens beiträgt, sind theils leblose Dinge, als: Gold, Silber, die Gewächse der Erde und Anderes der Art, theils lebende Wesen, welche ihre Triebe und Neigungen haben. Von den letzteren sind die Einen vernunftlos, die Anderen vernünftig. Vernunftlos sind die Pferde, das Rindvieh, die übrigen Hausthiere, die Bienen, durch deren Arbeit einiger Nutzen für die Lebensbedürfnisse der Menschen gewährt wird. Die vernünftigen Wesen theilt man in zwei Klassen, in Götter und Menschen. Das Wohlwollen der Götter verschaffen wir uns durch Frömmigkeit und unsträflichen Wandel; zunächst aber und unmittelbar nach den Göttern kann der Mensch dem Menschen am Nützlichsten sein.

12. Eine gleiche Eintheilung findet bei dem statt, was schädlich und nachtheilig ist. Aber weil man von den Göttern annimmt, daß sie nicht schaden; so nimmt man diese aus und hält dafür, daß die Menschen den Menschen den größten Nachtheil bringen.

Die Dinge Im Texte steht enim: Ea enim ipsa, quae inanima diximus etc. Dieses enim gibt den Grund von der vorher ausgesprochenen Behauptung an, daß die Menschen den Menschen am Nützlichsten sein können. Die Beziehung dieses enim ist durch das kurz vorhergehende Einschiebsel: » Eine gleiche Eintheilung bis den größten Nachtheil bringen« etwas verdunkelt.. die wir leblos genannt haben, sind größtentheils Wirkungen menschlicher Arbeit, und wir würden sie nicht besitzen, wenn sich nicht die künstliche Menschenhand daran machte, noch auch von ihnen ohne menschliche Hülfleistung Gebrauch machen. Denn weder die Heilkunde, noch die Schifffahrt, noch der Ackerbau, noch die Einsammlung und Aufbewahrung der Feld- und Gartenfrüchte wäre ohne die Bemühung der Menschen auf irgend eine Weise möglich gewesen. Ferner die Ausfuhr der bei uns in Ueberfluß vorhandenen Dinge und die Einfuhr der uns abgehenden würde sicherlich gar nicht stattfinden, wenn nicht Menschen diese Geschäfte besorgten. 13. Auf gleiche Weise würden weder Steine, die zu unserem Gebrauche nöthig sind, aus der Erde gebrochen, noch auch

Eisen, Erz und Gold und Silber, in der Erde Schoß verborgen Ein Vers eines unbekannten Dichters, auf den sich Cicer. auch N. D. II. 60, 151 bezieht: aeris, argenti, auri venas penitus abditas.,

ausgegraben werden ohne die Arbeit von Menschenhänden.

IV. Die Häuser aber, welche die Gewalt der Kälte abwehren und die Beschwerlichkeit der Hitze mildern, woher hätten sie zu Anfang dem Menschengeschlechte gegeben oder später wiederhergestellt werden können, wenn sie durch Gewalt eines Sturmes, oder durch ein Erdbeben, oder durch das Alter eingestürzt wären, wenn nicht die Erfahrung des Lebens gelernt hätte bei den Menschen Hülfsmittel gegen dergleichen Unfälle zu suchen?

14. Nimm dazu die Wasserleitungen, die Ableitungen der Flüsse, die Bewässerung der Felder, die Deiche gegen Sturmfluten, die künstlichen Häfen; woher könnten wir alles dieses ohne menschliche Arbeit haben? Aus diesen und vielen anderen Fällen ist es deutlich, daß wir den Vortheil und Nutzen, der aus den leblosen Dingen gezogen wird, auf keine Weise ohne menschliche Kunst und Bemühung hätten gewinnen können.

Welche Vortheile oder welchen Nutzen könnte man endlich von den Thieren ziehen, wenn nicht Menschen hierbei behülflich wären? Denn diejenigen, welche zuerst ausfindig gemacht haben, welchen Nutzen wir von jedem Thiere haben können, waren sicherlich Menschen, und auch jetzt würden wir ohne menschliche Bemühung die Thiere weder weiden noch zähmen noch ernähren oder zu rechter Zeit Vortheile von ihnen ziehen können, und ebenso sind es Menschen, welche die schädlichen unter ihnen tödten und die brauchbaren fangen.

15. Was soll ich die Menge der Künste auswählen, ohne die das Leben gar nicht hätte bestehen können? Denn wo gäbe es eine Hülfe für die Kranken oder ein Vergnügen für die Gesunden, wo Nahrung und Kleidung, wenn nicht so viele Künste uns dienstbar wären? Durch sie veredelt, unterscheidet sich Klotz liest nach einigen Handschriften und Ausgaben: hominum vita tantum destitit a victu. Ich ziehe die andere Lesart distat vor; denn destitit kann gar nicht in diesem Sinne gebraucht werden. Gäbe es ein Perfekt von distare distitit, so würde ich geneigt sein, diese Lesart aufzunehmen. das Leben der Menschen so sehr von der Lebensweise Im Texte steht a victu et cultu bestiarum. Unger hält die Worte: et cultu für unächt; die vorhergehenden Worte victus aut cultus konnten leicht einen Abschreiber zu einer Wiederholung veranlassen. Cultus ist ja, wie Unger bemerkt, gerade das, was die Menschen vor den Thieren voraus haben. Sind die Worte ächt, so muß man übersetzen: von der Nahrungs- und Lebensweise der Thiere. der Thiere. Die Städte vollends hätten ohne gesellschaftliche Vereine der Menschen weder erbaut noch bevölkert werden können, und die Folge davon war die Gründung von Gesetzen und Sitten, dann von der gleichmäßigen Anordnung des Rechtes und einer bestimmten Lebensordnung, und eine Folge hiervon war Milderung der Gemüther und Sittsamkeit. sowie auch daß unser Leben eine größere Sicherheit erhielt und durch gegenseitiges Geben und Empfangen und durch Entlehnen mutuandisque. Die andere Lesart ist mutandisque, wie I. 7, 22: mutatione officiorum, durch den Austausch von Diensten, d. i. wechselseitige Dienste; allein das Wort mutuandis entspricht besser dem folgenden commodandis. und Leihen der Güter unserem Mangel abgeholfen wurde.

V. 16. Ich halte mich bei diesem Gegenstande länger auf, als nöthig ist. Denn wem möchte nicht die Wahrheit von dem einleuchten, was Panätius Ueber Panätius s. zu I. 2, 7 Anm. 71. ausführlich erwähnt, daß kein Heerführer im Kriege und kein Staatsmann zu Hause ohne die eifrige Theilnahme anderer Menschen große und heilsame Unternehmungen hätte ausführen können? Er erwähnt den Themistokles Ueber Themistokles s. zu I. 22, 75 Anm. 159; über Perikles zu I. 30, 108 Anm. 221., Perikles, Cyrus Cyrus, Stifter des Persischen Reiches, um 555 v. Chr., Agesilaus Agesilaus, König von Sparta, um 400, als Mensch und als Feldherr gleich ausgezeichnet. Xenophon, der ihn auf seinen Feldzügen in Asien begleitete, und Cornelius Nepos haben sein Leben beschrieben., Alexander Sohn Philipps, Königs von Macedonien, 356–323 v. Chr. und sagt, ohne den Beistand anderer Menschen hätten sie so große Thaten nicht zu Stande bringen können. In einer unbestrittenen Sache führt er unnöthige Zeugen an.

Sowie wir nun große Vortheile durch das Zusammenwirken und die Uebereinstimmung der Menschen erreichen, so gibt es kein so verabscheuungswürdiges Verderben, das nicht dem Menschen vom Menschen erwüchse. Man hat eine Schrift des Dicäarchus Dicäarchus aus Messana in Sicilien, Philosoph, Mathematiker und Redner, Schüler des Aristoteles, hat viele Bücher geschrieben, die aber verloren gegangen sind., eines großen und kenntnißreichen Peripatetikers, über den Untergang der Menschen, worin er die Ursachen davon zusammenstellt, als: Ueberschwemmung, ansteckende Krankheiten, Mißwachs, sowie auch die plötzliche Vermehrung von Thieren, durch deren Ueberfall, wie er zeigt, ganze Völkerstämme vernichtet worden sind So wird erzählt, daß Gegenden Aethiopiens durch Scorpionen und Spinnen verödet ( Aelian. V. H. 7, 40.), die Abderiten durch Frösche ( Justin. 15, 2., Diod. 20, 129.), die Myusier und Atarniten durch Mücken ( Paus. Ach. 2, 11.), die Phaseliten durch Wespen ( Aelian. V. H. 11, 28.) vertrieben worden sind.; sodann beweist er aus einer Vergleichung, daß eine weit größere Anzahl von Menschen durch Angriffe der Menschen, das heißt durch Kriege oder Staatsumwälzungen, als durch alles übrige Unglück zusammengenommen vernichtet sei.

17. Da nun der Punkt keinem Zweifel unterliegt, daß die Menschen den Menschen sowol den größten Nutzen als den größten Schaden bereiten: so urtheile ich, die Aufgabe der Tugend sei zu bewirken, daß wir die Gemüther der Menschen gewinnen und sie uns zu unserem Nutzen verbinden. Während daher der in den leblosen Dingen und in dem Gebrauche und der Behandlung der Thiere für das Leben der Menschen liegende Nutzen den mühsamen Künsten und Gewerben zugeschrieben wird, so wird hingegen die für die Förderung unseres Wohles entschlossene und willfährige Zuneigung der Menschen durch die Weisheit und Tugend vortrefflicher Menschen erweckt.

18. Die Tugend in ihrem ganzen Umfange nämlich zeigt sich etwa in drei Stücken Klugheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit. Da hier nur drei Kardinaltugenden erwähnt, die vierte, die Tapferkeit, aber übergangen ist; so haben mehrere Kritiker den achtzehnten Paragraphen für eingeschoben erklärt, aber gewiß ohne Grund. Denn einmal hat man auf das Adverb fere ( tribus in rebus fere vertitur) nicht geachtet, wodurch deutlich angedeutet wird, daß Cicero nicht sämmtliche Kardinaltugenden anführen wollte; sodann kommt es hier auf die Tugenden an, durch die vorzüglich wir unsere Nebenmenschen für unseren Vortheil gewinnen können, also auf Klugheit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit; die Tapferkeit ist weniger dazu geeignet. Vgl. I. 15, 46.. Das erste besteht in der Einsicht, was in jeder Sache wahr und ächt, was ihr angemessen sei, was aus ihr folge, woher sie entspringe, was ihre Ursache sei. Das zweite ist die stürmischen Gemüthsbewegungen, welche die Griechen πάθη nennen, in Schranken zu halten und die Begierden, welche diese ορμαὶ nennen, der Vernunft unterwürfig zu machen. Das dritte ist die Menschen, mit denen wir zusammenleben, gemäßigt und verständig zu behandeln, um uns durch ihre Bemühungen die natürlichen Bedürfnisse in vollem Maße erfüllt zu verschaffen und mit Hülfe derselben, wenn uns ein Nachtheil treffen sollte, ihn abzuwehren und uns an denen zu rächen, die uns zu schaden versuchen, und sie mit einer Strafe zu belegen, soweit es Billigkeit und Menschlichkeit zulassen.

VI. 19. Durch welche Mittel wir uns aber die Befähigung aneignen können die Zuneigung der Menschen zu gewinnen und zu erhalten, wollen wir gleich nachher erklären; zuvor jedoch ist einiges Wenige vorauszuschicken.

Daß das Schicksal auf Beides, auf Wohl und Weh, einen großen Einfluß habe, wer sollte das nicht wissen? Denn haben wir von ihm günstigen Fahrwind, so gelangen wir zu dem erwünschten Ziele; weht aber sein Wind uns entgegen, so scheitern wir. Das Schicksal nun für sich allein verursacht uns die seltenen Unfälle, die erstens von leblosen Dingen ausgehen. als: Stürme, Ungewitter, Schiffbruch, Einsturz, Feuersbrunst, sodann von den Thieren, als: Stöße, Bisse, Angriffe. Dieß also sind, wie gesagt, die selteneren.

20.Hingegen der Untergang von Kriegsheeren, wie jüngst von dreien Bei Pharsalus in Thessalien im J. 48 v. Chr., bei Thapsus in Afrika im J. 46, bei Munda in Spanien im J. 45. und sonst oft von vielen, die Niederlage von Feldherren, wie vor Kurzem die des größten und ausgezeichnetsten Mannes Des Gnäus Pompejus, des Großen., ferner der Neid der Volksmenge und die hieraus oft hervorgehende Vertreibung, der Verlust und die Flucht wohlverdienter Bürger; sowie hingegen glückliche Umstände, Ehrenämter, Befehlshaberstellen, Siege. Alle diese Dinge hängen zwar vom Schicksale ab, jedoch können weder die ersteren noch die letzteren ohne Einfluß und Bemühungen der Menschen zu Stande gebracht werden.

Nach dieser Betrachtung nun muß ich angeben, auf welche Weise wir die Zuneigung unserer Mitmenschen für unseren Vortheil gewinnen und zur lebhaften Theilnahme anregen können. Sollte mein Vortrag hierüber zu lang werden, so möge man dagegen die Größe des Nutzens halten, und so dürfte er vielleicht sogar zu kurz erscheinen.

21. Alles nun, was die Menschen zu der Erhöhung des Glückes und Ansehens ihrer Nebenmenschen beitragen, thun sie entweder aus persönlicher Zuneigung, wenn sie Einen aus irgend einem Grunde werth halten, oder aus Ehrerbietung, wenn sie Jemandes Verdienste hochschätzen und ihn des glänzendsten Glückes würdig achten, oder weil sie ihm Vertrauen schenken und die Ueberzeugung hegen, er sorge für ihr Bestes, oder weil sie seinen Einfluß fürchten, oder im Gegentheil aus Erwartung auf Vortheil, wie zum Beispiel wenn Fürsten oder Männer, die nach Volksgunst streben, Schenkungen verheißen, oder endlich, weil sie sich durch Geld und Lohn dazu bestimmen lassen. Der letzte Beweggrund ist der schmutzigste und entehrendste sowol für die, welche sich hierdurch binden lassen, als auch für die, welche dazu ihre Zuflucht zu nehmen versuchen. Denn da muß es schlecht stehen, wo man das durch Geld zu erreichen sucht, was persönliches Verdienst erwirken soll. Aber weil nun einmal dieses Hülfsmittel zuweilen unentbehrlich ist, so werde ich auseinander setzen, auf welche Weise man davon Gebrauch machen soll; zuvor jedoch will ich über die Mittel reden, die der Tugend näher liegen.

22. Ebenso gibt es auch mehrere Ursachen, weßhalb sich die Menschen der Herrschaft und Gewalt eines Anderen unterwerfen. Sie lassen sich nämlich dazu bestimmen, entweder durch persönliche Zuneigung oder durch große Wohlthaten oder durch hervorragende Würde oder durch Hoffnung auf Vortheile oder durch Furcht mit Gewalt zum Gehorsam gezwungen zu werden, oder durch Hoffnung aus Geschenke und Versprechungen oder endlich, wie wir es oft in unserem Staate erleben Cicero deutet auf Antonius, Clodius und Andere, welche durch Geld Soldaten oder gemeines Volk zu gewinnen suchten., dadurch, daß sie sich durch Lohn dingen lassen.

VII. 23. Unter allen Mitteln aber ist keines tauglicher, um sich in seiner Macht zu behaupten und zu erhalten, als die Liebe, und keines ungeeigneter als die Furcht. Vortrefflich sagt ja Ennius:

Wen man fürchtet, haßt man, und man wünscht des Allverhaßten Tod Wahrscheinlich aus dem Thyestes des Ennius. Ueber Ennius s. zu I. 8, 26, Anm. 95..

Daß aber dem Hasse Vieler keine Macht widerstehen könne, haben wir, wäre es vorher unbekannt gewesen, unlängst erkannt Durch Cäsars Ermordung. Was übrigens hier Cicero von Cäsar sagt, verhält sich gewiß nicht ganz richtig. Denn dem Cäsar war vielleicht eine ebenso große Anzahl von Römern zugethan, als dem Pompejus und den Aristokraten.. Und wahrlich, wie verderbenbringend der Haß der Menschen ist, beweist nicht allein der Untergang dieses Gewaltherrschers, den der durch Waffengewalt unterdrückte Staat ertrug und dem er auch jetzt noch nach seinem Tode Insofern nämlich die Verfügungen ( acta) Cäsar's gewissenhaft ausgeführt wurden, und Antonius, Cäsar's Anhänger, mit großer Willkür herrschte. gehorcht, sondern auch das ähnliche Ende der übrigen Gewaltherrscher, von denen nicht leicht irgend einer einem solchen Untergange entging. Denn eine schlechte Hüterin dauernden Besitzes ist die Furcht, hingegen eine treue selbst für immer die Liebe. 24. Freilich die Gewaltherrscher, die ihre mit Gewalt unterdrückten Unterthanen durch Zwingherrschaft in Schranken halten, mögen immerhin genöthigt sein die strengsten Mittel anzuwenden, wie die Herren gegen die Sklaven, wenn diese sich auf eine andere Weise nicht in Ordnung halten lassen. Wenn man aber in einem freien Staate eine solche Stellung einnimmt, daß man gefürchtet wird; so läßt sich kein größerer Unsinn denken.. Denn mögen auch durch die Uebermacht eines Einzelnen die Gesetze noch so tief zu Boden gedrückt, mag auch der Freiheitssinn noch so sehr eingeschüchtert sein, dennoch tauchen sie zu Zeiten wieder hervor, entweder in stummen Urtheilen Wenn sich zum Beispiel hochherzige und edle Männer vom öffentlichen Leben und Staatsdienste zurückziehen. oder in geheimen Stimmen bei Besetzung von Ehrenämtern Wenn zum Beispiel freigesinnte Männer zu Ehrenämtern gewählt werden. So erzählt Sueton. Caes. 80., daß Cäsetius und Marullus, denen Cäsar, weil sie ihn beleidigt hatten, das Volkstribunat genommen hatte, in den nächsten Consularcomitien mehrere Stimmen zum Consulate erhalten hatten.. Schärfer sind aber die Bisse des freien Wortes, wenn es eine Zeit lang gehemmt, als wenn es ungestört beibehalten worden ist.

Was nun seine weiteste Anwendung findet und nicht allein auf Sicherheit, sondern auch auf Ansehen und Macht den größten Einfluß übt, das wollen wir festhalten: die Furcht nämlich möge entfernt, die Liebe aber beibehalten werden. So werden wir am Leichtesten sowol in den eigenen Angelegenheiten als in dem Staate unsere Absichten erreichen.

Und in der That diejenigen, welche gefürchtet sein wollen, müssen nothwendiger Weise auch die fürchten, von denen sie gefürchtet werden. 25. Von welch quälender Furcht mag zum Beispiel jener ältere Dionysius Dionysius, der Aeltere, Herrscher von Syrakus (368–348 v. Chr.). Cicer. Tusc. V. 20, 58 erzählt, er habe seine Töchter mit brennenden Nußschalen ihm das Haar absengen gelehrt. geängstigt worden sein, der aus Furcht vor den Scheermessern sich mit glühenden Kohlen das Haar absengte? In welcher Gemüthsstimmung mag Alexander Alexander, Selbstherrscher von Pherä in Thessalien, Nachfolger des oben I. 30, 108 erwähnten Jason, auf Veranstaltung seiner Gattin Thebe, einer Tochter dieses Jasons, durch deren Brüder 357 v. Chr. ermordet. S. Xenoph. Hellen. VI. 4, 35 ff., Diodor. XVI, 14. von Pherä gelebt haben, der, wie wir in Geschichtsbüchern lesen, so oft er nach Tische seine Gemahlin Thebe, die er zärtlich liebte, in dem Schlafgemache besuchen wollte, einen Barbaren, und zwar, wie geschrieben steht, einen mit Thracischen Zeichen gebrandmarkten compunctum notis Thraciis. Diese Worte lassen eine doppelte Uebersetzung zu: entweder gebrandmarkt (nämlich wegen Verbrechen) oder tätowirt; es wird nämlich von den Thraciern, die von den Zwingherren damaliger Zeit häufig zur Leibwache benutzt wurden (s. Herod. V. 6), sowie auch von anderen barbarischen Volksstämmen erzählt, sie hätten sich tätowirt. Ich habe die erstere Bedeutung vorgezogen, theils weil dadurch der Kontrast, daß Alexander einem verworfenen Sklaven mehr Vertrauen als seiner Gattin geschenkt habe, weit stärker hervortritt, theils wegen des folgenden Wortes stigmatias, das ganz eigentlich von gebrandmarkten Sklaven gebraucht wird., mit gezücktem Schwerte vorangehen hieß und einige von seiner Leibwache vorausschickte, welche die Schränke des Weibes durchsuchen und nachsehen sollten, ob nicht irgend eine Waffe unter den Kleidungsstücken verborgen sei. O des Unglücklichen, der einen Barbaren und Gebrandmarkten für treuer hielt als seine Gattin! Und er hatte sich nicht in ihr getäuscht, Denn sie war es, die ihn wegen Verdachtes ehelicher Untreue tödtete.

Aber wahrlich keine Herrschergewalt ist so mächtig, daß sie unter dem Drucke der Furcht von langer Dauer sein könnte. 26. Ein Beleg dafür ist Phalaris Phalaris, Tyrann von Agrigent in Sicilien um 560 v. Chr. Er ließ durch Perillus einen ehernen Stier machen, in dem die Verurtheilten durch unter demselben angezündetes Feuer gebraten wurden und durch ihr Geschrei den Ton eines Stieres bewirkten., der wegen seiner Grausamkeit vor allen Anderen berüchtigt ist. Er fand seinen Tod nicht durch Hinterlist, wie der eben genannte Alexander, auch nicht durch die Hand Weniger, wie der bei uns, sondern die ganze Bevölkerung Agrigents machte einen Angriff auf ihn. Wie? Verließen die Macedonier nicht den Demetrius Demetrius, mit dem Beinamen Poliorketes (Städteeroberer), König von Macedonien 294–288 v. Chr. Aber auch Pyrrhus hielt sich nur sieben Monate auf dem Macedonischen Throne. Ueber Pyrrhus s. zu I. 12, 38. Anm. 127. und begaben sich insgesammt unter die Herrschaft des Pyrrhus? Wie? Als die Lacedämonier eine ungerechte Herrschaft übten, fielen da nicht plötzlich fast alle ihre Bundesgenossen von ihnen ab und machten die müßigen Zuschauer des Unglücks bei Leuktra S. zu I. 24, 84. Anm. 180.?

VIII. An auswärtige Beispiele denke ich bei einem solchen Gegenstande lieber als an einheimische. Indeß muß ich doch Folgendes erwähnen. Solange die Herrschaft des Römischen Volkes sich auf Wohlthaten gründete und nicht auf Ungerechtigkeiten, wurden die Kriege entweder für unsere Bundesgenossen oder um unsere Herrschaft geführt; der Ausgang der Kriege war entweder milde oder doch nicht härter, als nothwendig war; Königen, Völkern und Nationen galt unser Senat als Hafen und Zufluchtsort. 27. Unsere Beamten und Feldherren suchten die größte Ehre darin, daß sie unsere Provinzen, daß sie unsere Bundesgenossen mit Billigkeit und Treue in Schutz nahmen. So konnte denn dieses Verhältniß richtiger eine Schutzherrschaft des Erdkreises als eine Oberherrschaft genannt werden.

Diese Gewohnheit und diese Grundsätze fingen wir allmählich schon vor dem Siege Sulla's Lucius Cornelius Sulla besiegte den Marius und die Partei der Demokraten 81 v. Chr. seltener zu beobachten an; nach seinem Siege aber haben wir sie gänzlich aufgegeben; man hörte nämlich auf irgend Etwas gegen die Bundesgenossen für unbillig zu halten, nachdem die Grausamkeit gegen die Bürger eine solche Höhe erreicht hatte. So zeigte es sich an ihm, wie einer edlen Sache ein nicht edler Sieg folgte Sulla war der Vertreter der aristokratischen Partei, der auch Cicero zugethan war, und kämpfte gegen Marius und die demokratische Partei, die den Senat und den ganzen Adel vernichten wollte; also war die Sache, die Sulla verfocht, eine edle; aber sein Sieg war ein unedler, da er mit den größten Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten verbunden war.. Denn als er in öffentlicher Versteigerung auf dem Markte die Güter braver und begüterter Männer, wenigstens seiner Mitbürger, verkaufte, hatte er die Frechheit zu sagen, er verkaufe seine Beute. Auf ihn folgte ein Anderer Cajus Julius Cäsar., der bei einer ruchlosen Sache nach noch schmachvollerem Siege nicht die Güter einzelner Bürger einzog, sondern ganze Provinzen und Länder nach dem nämlichen verderblichen Rechtszustande in Beschlag nahm. 28. Und so mußten wir, nachdem auswärtige Völker Helvetier, Gallier, Germanen, Britannen, Spanier, Afrikaner. mißhandelt und zu Grunde gerichtet waren, zum Beweise, daß unsere Herrschaft dahin sei, sehen, wie bei der Siegesfeier Massilia's Massilia (das heutige Marseille in Frankreich), eine wichtige Stadt in Gallia Narbonensis, blieb, obwol es manche Wohlthaten von Cäsar empfangen hatte, dem Pompejus treu und verschloß daher dem Cäsar, als er gegen die Unterfeldherren des Pompejus nach Spanien zog, die Thore. Es wurde daher belagert und nach hartnäckiger Vertheidigung eingenommen. Cäsar feierte nach seiner Rückkehr aus Afrika in dem Gallischen Triumphe die Eroberung Massilia's. Bild zur Schau einhergetragen und über die Stadt ein Siegeszug gehalten wurde, ohne deren Beistand unsere Heerführer niemals aus den Kriegen jenseit der Alpen eine Siegesfeier davongetragen haben. Viele andere Frevelthaten gegen die Bundesgenossen könnte ich außerdem erwähnen, wenn diese eine nicht das Abscheulichste wäre, das je die Sonne beschienen hat. Mit gerechter Strafe werden wir daher gezüchtigt. Denn hätten wir nicht so Vieler Frevelthaten ungeahndet ertragen, so wäre nie eine so unbegränzte Macht in die Hand eines Einzigen gekommen, dessen Vermögen sich nur auf Wenige Sueton. Caes. 83: tres instituit heredes sororum nepotes, C. Octavianum ex dodrante et L. Pinarium et Q. Pedium ex quadrante reliquo. , dessen Leidenschaften aber sich auf viele Unredliche vererbt haben.

29. Und wahrlich zu keiner Zeit wird es an Stoff und Veranlassung zu Bürgerkriegen gebrechen, so lange verdorbene Menschen jenen mit Blut befleckten Versteigerungsspieß im Andenken haben und ihn wiederzusehen hoffen werden, den Publius Sulla Publius Sulla, der Neffe des Diktators, stand der Versteigerung der von dem Diktator eingezogenen Güter vor im J. 82 v. Chr., wobei er großen Gewinn zog; daher stellte er sich auch wieder bei der Cäsarianischen Versteigerung ein, die im J. 46 gehalten wurde. unter der Dictatur seines Anverwandten geschwungen hatte, derselbe, der auch sechsunddreißig Jahre nachher vor einem noch verruchteren Versteigerungsspieße nicht zurückwich; ein Anderer Cornelius, ein Client des Sulla, erwähnt in Sallust. orat. Lepidi §. 17: Scilicet quia non aliter salvi satisquo tuti in imperiis eritis; nisi Vettius Picens, scriba Cornelius aliena bene parata prodegerint. aber, der unter jener Dictatur Schreiber gewesen war, wurde unter dieser Stadtquästor. Hieraus muß man einsehen, daß es da, wo solche Belohnungen ausgesetzt sind, nie an Bürgerkriegen gebrechen wird. So werden denn nur die Mauern Roms stehen bleiben, und selbst diese müssen schon die äußersten Frevel befürchten; des Staates aber sind wir gänzlich verlustig gegangen. Und in dieses Unglück sind wir gerathen – denn ich muß auf meinen Satz zurückkommen –, indem wir lieber gefürchtet als geliebt und geachtet sein wollten. Konnte nun dieses dem Römischen Volke wegen seiner ungerechten Herrschaft begegnen, was hat der Einzelne zu erwarten?

Da es nun einleuchtet, daß das Wohlwollen eine große, die Furcht aber nur eine schwache Kraft besitzt; so liegt mir nun ob die Mittel zu besprechen, durch die wir am Leichtesten die erstrebte Liebe zugleich mit Achtung und Vertrauen gewinnen können. 30. Doch wir entbehren derselben nicht alle in gleichem Maße. Denn nach eines Jeden Lebensplane ist zu bestimmen, ob es ihm nöthig sei von Vielen, oder ob es ihm genüge nur von Wenigen geliebt zu werden. Es muß also nothwendiger Weise vor Allem unser fester Vorsatz sein vertrauten und zuverlässigen Umgang mit Freunden zu haben, die uns lieben und unsere Vorzüge hochachten. Denn das ist gewiß der einzige Gegenstand, in dem zwischen den hohen und geringen Ständen kein großer Unterschied stattfindet, und für beide ist die Freundschaft beinahe unentbehrlich. 31. Ehre, Ruhm und Wohlwollen unserer Mitbürger entbehren vielleicht nicht Alle in gleichem Maße; indeß, wer sie besitzt, dem leisten sie einen nicht geringen Vorschub, wie zu anderen Dingen, so besonders zur Anknüpfung freundschaftlicher Verhältnisse.

IX. Doch über die Freundschaft habe ich in einer anderen Schrift gesprochen, welche die Aufschrift Lälius In der Schrift, die Cicero Lälius benannt hat, weil als Hauptperson in der Unterredung über die Freundschaft Lälius, der mit dem jüngeren Africanus in dem vertrautesten Freundschaftsverhältnisse stand, redend eingeführt wird. führt. Jetzt will ich von dem Ruhme reden. Wiewol auch über diesen Gegenstand ein Werk Cicero meint sein Werk über den Ruhm, das er kurz vor den Büchern über die Pflichten noch in demselben Jahre 44 v. Chr. herausgegeben hat, von dem aber nur ganz wenige Bruchstücke erhalten worden sind. von mir in zwei Büchern vorhanden ist; doch ich will ihn auch hier berühren, weil er bei der Verrichtung wichtiger Angelegenheiten von dem größten Nutzen ist.

Der höchste und vollendete Ruhm also besteht aus drei Stücken: die Menge muß uns lieben, sie muß uns Vertrauen schenken, sie muß aus einem Gefühle von Hochachtung uns einer geehrten Stellung würdig halten. Die Mittel aber dieß zu erreichen sind, wenn ich mich einfach und kurz ausdrücken soll, bei der Menge so ziemlich dieselben wie bei Einzelnen. Doch gibt es auch noch eine andere Art Hauff bezieht diese Worte auf die Kunst durch Beredsamkeit zu überzeugen; richtiger werden sie auf die Worte des folgenden Paragraphen: » Ganz vorzüglich aber wird die Liebe« u. s. w. bezogen. bei der Menge Zugang zu finden, wodurch wir uns der Herzen des ganzen Volkes bemeistern können.

32. Zuerst wollen wir von den erwähnten drei Stücken die Vorschriften betrachten, die sich auf das Wohlwollen beziehen. Dieses wird am Meisten durch Wohlthaten gewonnen; zweitens wird es auch durch den bloßen guten Willen hervorgerufen, auch wenn vielleicht die Kräfte nicht ausreichen. Ganz vorzüglich aber wird die Liebe der Menge durch den bloßen Ruf und die Meinung erregt, die man von unserer Freigebigkeit, Wohlthätigkeit, Gerechtigkeit, Redlichkeit und allen den Tugenden hat, auf welche sich ein sanftmüthiger und leutseliger Charakter gründet. Denn weil das, was wir das Sittlichgute und Anständige nennen, an und für sich unseren Beifall findet und die Gemüther Aller durch sein inneres Wesen und seine äußere Erscheinung anspricht und vorzüglich aus den erwähnten Tugenden hervorleuchtet: so werden wir durch die Natur selbst genöthigt die zu lieben, bei denen wir diese Tugenden vermuthen. Das sind die wichtigsten Ursachen, durch welche Liebe erweckt wird; es können aber auch noch einige andere sein von geringerer Bedeutung.

33. Daß man uns aber Vertrauen schenkt, kann durch Zweierlei bewirkt werden: durch den Ruf, daß wir uns Klugheit, die mit Gerechtigkeit gepaart ist, angeeignet haben. Erstens nämlich schenken wir denen Vertrauen, von denen wir die Ueberzeugung haben, daß sie eine höhere Einsicht besitzen als wir, und die wir für befähigt halten nicht nur einen Blick in die Zukunft zu thun, sondern auch in dem Augenblicke der Handlung und Entscheidung eine Sache glücklich zu Stande zu bringen und einen zeitgemäßen Entschluß zu fassen; das ist ja nach der Menschen Ansicht die nützliche und wahre Klugheit. Sodann schenkt man gerechten und redlichen Menschen, das heißt braven Männern, Vertrauen, weil sie von jedem Verdachte des Betruges und Unrechtes frei sind: ihnen glauben wir daher unser Wohl, ihnen unsere Glücksgüter, ihnen unsere Kinder mit dem vollsten Rechte anvertrauen zu können.

34. Von den beiden Mitteln nun Zutrauen zu gewinnen, ist die Gerechtigkeit das wirksamere. Natürlich; denn diese besitzt auch ohne Klugheit hinreichendes Ansehen, während die Klugheit ohne Gerechtigkeit keine Geltung hat, um Vertrauen zu gewinnen. Denn je gewandter und schlauer ein Mensch ist, um so verhaßter und verdächtiger ist er, wenn der Glaube an seine Rechtschaffenheit fehlt. Deßhalb wird die mit Einsicht verbundene Gerechtigkeit eine unermeßlich große Kraft haben, um Zutrauen zu gewinnen; Gerechtigkeit ohne Klugheit wird viel vermögen, ohne Gerechtigkeit aber wird die Klugheit nichts vermögen.

X. 35. Indeß mag man sich nicht darüber wundern, daß, obgleich der Satz, wer Eine Tugend besitze, besitze alle Das ist die confusio virtutum (d. h. die innige Verbindung der Tugenden), wie sich Cicer. de Finib. V. 23, 67. ausdrückt., unter allen Philosophen feststeht und von mir oft erörtert worden ist, ich jetzt eine Trennung der Tugenden vornehme, als ob Einer gerecht sein könne, ohne zugleich auch klug zu sein. Denn etwas Anderes ist es, wenn die Wahrheit an und für sich in einer philosophischen Betrachtung mit Gründlichkeit untersucht wird, etwas Anderes, wenn der ganze Vortrag der gewöhnlichen Ansicht der Menschen anbequemt wird. Deßhalb rede ich hier nach Art der großen Menge und nenne Einige tapfer, Andere gerecht, Andere klug. Ich muß mich nämlich geläufiger Volksausdrücke bedienen, da ich von Volksvorstellungen rede, und auf die nämliche Weise ist auch Panätius S. zu I. 2, 7. Anm. 71. verfahren. Doch kehren wir zu unserem Gegenstande zurück.

36. Von den drei Stücken also, die sich auf den Ruhm beziehen, war das dritte, daß die Menschen aus einem Gefühle von Hochachtung uns einer geehrten Stellung würdig halten. Im Allgemeinen nun bewundert man Alles, was man an Anderen als etwas Großes und Außerordentliches bemerkt, insbesondere aber an Einzelnen gewisse Vorzüge, die man gegen seine Erwartung an ihnen entdeckt. So achtet man die Männer hoch und preist sie mit den größten Lobeserhebungen, an denen man gewisse ausgezeichnete und seltene Eigenschaften zu entdecken meint; hingegen verachtet man die Männer und schätzt sie gering, bei denen wir keine Tugend, keinen Muth, keine Kraft vermuthen. Denn man verachtet nicht alle diejenigen, von welchen man eine schlechte Meinung hat. Denn diejenigen, welche man für unredlich, schmähsüchtig, betrügerisch, gerüstet zur Ausübung von Unrecht hält, verachtet man allerdings nicht, aber man hat von ihnen eine schlechte Meinung. Darum werden, wie gesagt, diejenigen verachtet, welche, wie man sich auszudrücken pflegt, weder für sich noch für Andere etwas taugen, welche keiner Anstrengung, keiner Thätigkeit, keiner Sorgfalt fähig sind.

37. Bewundert hingegen werden diejenigen, von welchen man glaubt, daß sie die Anderen an Tugend überragen und sowie von jedem entehrenden Fehler, so insbesondere von solchen Lastern, welchen Andere nicht leicht widerstehen können, frei sind. Denn theils drängen die sinnlichen Lüste, die einschmeichelndsten Herrinnen, die Gemüther der Mehrzahl vom Pfade der Tugend hinweg, theils gerathen sehr Viele, wenn der Schmerz mit seinen brennenden Fackeln naht, in übermäßige Bangigkeit. Leben und Tod, Reichtum und Armut machen auf alle Menschen einen gewaltigen Eindruck. Wer daher auf diese beiderlei Dinge mit großem und erhabenem Geiste herabblickt und, sobald sich ihm ein herrlicher und edler Gegenstand darbietet, sich ganz von demselben erfassen und hinreißen läßt: wie sollte man da nicht an ihm die Schönheit und den Glanz der Tugend bewundern?

38. Diese Verachtung äußerer Dinge also ruft eine große Bewunderung hervor, aber ganz besonders erscheint die Gerechtigkeit, die Tugend, die schon allein den Namen eines Biedermannes viri boni. S. zu I. 7, 20. Anm. 86. gibt, der Menge als etwas Bewunderungswürdiges, und nicht mit Unrecht. Denn es kann Niemand gerecht sein, der den Tod, den Schmerz, die Verbannung, die Dürftigkeit fürchtet, oder der das Gegentheil hiervon der Billigkeit vorzieht. In hohem Grade bewundert man auch den, auf welchen das Geld keinen Eindruck macht, und von dem Manne, an dem man diese Eigenschaft entdeckt, glaubt man, er habe die Feuerprobe bestanden.

So gibt also die Gerechtigkeit allen jenen drei Stücken, die ich als Mittel zum Ruhme aufgestellt habe, ihre letzte Vollendung: dem Wohlwollen, weil sie sehr Vielen nützen will; dem Zutrauen aus dem nämlichen Grunde; der Bewunderung, weil sie die Dinge verschmäht und geringschätzt, die so Viele mit brennender Begierde erfüllen und mit sich fortreißen.

39. Nach meiner Ansicht bedarf jede Lebensweise und Lebenseinrichtung des Beistandes Anderer, und insbesondere ist es nöthig Freunde zu haben, mit denen man vertrauliche Unterhaltungen führen kann. Doch hält dieß schwer, wenn man nicht auf Andere den Eindruck eines braven Mannes machen kann. Darum ist auch für einen alleinstehenden und auf dem Lande lebenden Menschen der Ruf der Gerechtigkeit unentbehrlich, und zwar um so mehr noch, weil man, wenn man ihn nicht hat, leicht für ungerecht gehalten und, aller Mittel zu seinem Schutze entbehrend, vielfachen Unbilden ausgesetzt wird.

40. Auch für die Leute, die kaufen und verkaufen, pachten und verpachten und sich mit sonstigen Geschäften des Verkehres befassen, ist die Gerechtigkeit zur Führung ihrer Angelegenheiten unentbehrlich. Ja ihr Einfluß ist so groß, daß selbst Menschen, die sich von Uebelthaten und Verbrechen nähren, ohne ein Theilchen der Gerechtigkeit nicht leben können. Denn ein Räuber, der einem Genossen seines Handwerkes Etwas stiehlt oder raubt, kann nicht einmal in einer Räuberbande seinen Platz behaupten, und der sogenannte Räuberhauptmann würde, wenn er den Raub nicht gleichmäßig vertheilen wollte, von seinen Genossen umgebracht oder verlassen werden. Sogar Gesetze sollen die Räuber haben, denen sie gehorchen und die sie beobachten. So besaß der Illyrische Räuber Bardylis Bardylis wird bei Diodor (XVI. Anf.) ο τω̃ν ’Ιλλυρίων βασιλεύς genannt. Helladius b. Photius 279. sagt von ihm ’Ιλλυρίων εστρατήγεσεν ανθρακεὺς γενόμενος d. h. B. war Heerführer der Illyrier, nachdem er Kohlenbrenner gewesen war. Im J. 358 v. Chr. soll er von Philippus, König von Macedonien, besiegt worden sein., von dem Theopompus Theopompus aus Chios, geb. um 378 v. Chr., schrieb eine Griechische Geschichte in zwölf Büchern, von der Zeit an, wo Thukydides' Werk aufhört, bis zur Seeschlacht bei Knidos (394 v. Chr.), und eine Geschichte des Philippus in 48 Büchern. erzählt, wegen der gleichmäßigen Vertheilung des Raubes eine große Macht, und eine ungleich größere der Lusitanier Viriathus Viriathus, ursprünglich ein Hirte, aber wegen seiner großen Einsicht und Tapferkeit von den Lusitaniern (den Bewohnern des heutigen Portugal) zu ihrem Feldherrn und König erwählt, führte von 148–140 v. Chr. einen blutigen Krieg gegen die Römer, vernichtete mehrere Heere derselben. Zuletzt wurde er durch Verrath von seinen eigenen Leuten, die von den Römern bestochen waren, getödtet. Uebrigens werden hier Bardylis und Viriathus Räuber genannt, nicht im eigentlichen Sinne, sondern mit Verachtung als Anführer barbarischer Horden., dem sogar Heere und Feldherren von uns weichen mußten. Erst Lälius Ueber Lälius s. zu I. 26, 90. Anm. 193., mit dem Beinamen der Weise, demüthigte und schwächte als Prätor ihn und setzte seinem Uebermuthe solche Schranken, daß er seinen Nachfolgern einen leichten Krieg überlieferte. Da nun der Einfluß der Gerechtigkeit so groß ist, daß sie auch die Macht von Räubern befestigt und erhöht; wie groß muß nicht erst ihr Einfluß unter Gesetzen und Gerichten und in einem wohleingerichteten Staate sein?

XII. 41. Nach meiner Ansicht hat man nicht allein bei den Mediern Die Medier wählten nach Herodot I. 96., als ihre Staatsverfassung sich in großer Verwirrung befand, den Dejoces, einen ihrer Landsleute, der sich schon früher bei der Entscheidung von Streitigkeiten durch seine große Einsicht und Gerechtigkeit ausgezeichnet hatte, zu ihrem Könige (um 700 v. Chr.)., wie Herodot Herodotus aus Halikarnassus in Karien, Vater der Griechischen Geschichte genannt, um 444 v. Chr. erzählt, sondern auch bei unseren Vorfahren Die Römischen Könige waren, wie Dejoces, sämmtlich Wahlkönige. einst Männer von gutem Charakter als Könige eingesetzt, um die Früchte der Gerechtigkeit genießen zu können. Als nämlich das Volk von den Mächtigeren gedrückt wurde, nahm man zu Einem Manne, der durch Vorzüge hervorragte, seine Zuflucht. Dieser schützte die Geringeren vor Unbilden, und durch Festsetzung von Gleichheit des Rechtes beherrschte er die Höchsten wie die Niedrigsten nach gleichen Grundsätzen.

Und der Beweggrund zur Einsetzung von Königen führte auch zur Aufstellung von Gesetzen. 42. Denn die Gleichheit des Rechtes ist zu jeder Zeit gesucht worden; sonst gäbe es ja kein Recht. Erreichte man dieß durch einen gerechten und braven Mann, so begnügte man sich damit; glückte dieß aber nicht, so erfand man Gesetze, die mit Allen stäts eine und dieselbe Sprache reden sollten.

Demnach leuchtet ein, daß man Männer zum Herrschen zu wählen pflegte, von deren Gerechtigkeitsliebe das Volk eine hohe Meinung hatte. Kam nun auch noch hinzu, daß sie zugleich für einsichtsvoll galten, da glaubte man, unter ihrer Leitung sei Alles erreichbar. Auf jede Weise muß man daher die Gerechtigkeit üben und an ihr festhalten, einmal um ihrer selbst willen, – sonst gäbe es ja keine Gerechtigkeit – und dann weil sie zur Erhöhung der Ehre und des Ruhmes dient.

Aber sowie man bei dem Gelde nicht allein über den Erwerb desselben, sondern auch über seine Anlegung mit sich zu Rathe gehen muß, damit es nicht bloß zu den fortlaufenden Bedürfnissen, sondern auch zu den Ausgaben der Ehre und des Anstandes ausreiche; so muß man auch den Ruhm auf verständige Weise suchen und benutzen D. h. man muß den Ruhm sowol zu seinem eigenen als auch zu des Staates und anderer Menschen Besten anwenden..

43. Uebrigens Im Originale steht: Quanquam praeclare Socrates. Dieses quanquam, wiewol, bezieht sich auf die vorhergehenden Worte: »so muß man auch den Ruhm auf eine verständige Weise suchen«. Doch dazu gehört keine große Klugheit; denn herrlich sagt Sokrates u. s. w. sagte Sokrates Xenoph. Commentar. II. 6, 39: αλλὰ συντομωτάτη τε καὶ ασφαλεστάτη καὶ καλλίστη οδός, ω̃ Κριτόβουλε, ό τι ὰν βούλη δοκει̃ν αγαθὸς ει̃ναι, του̃το καὶ γενέσθαι αγαθὸν πειρα̃σθαι. vortrefflich, der Weg zum Ruhme sei der nächste und sicherste, wenn man sich bemühe, das zu sein, wofür man zu gelten wünsche. Denn wer durch Verstellung und leeres Gepränge und durch künstliche Reden und Mienen einen bleibenden Ruhm zu erreichen meint, irrt sich gewaltig. Der wahre Ruhm schlägt Wurzeln und breitet auch seine Arme aus; alles Erkünstelte aber fällt ab wie die Blüten, und kein Blendwerk kann von langer Dauer sein. Der Beweise gibt es sehr viele für das Eine wie für das Andere; doch der Kürze wegen wollen wir uns auf Eine Familie beschränken. Tiberius Gracchus Tiberius Sempronius Gracchus, besiegte als Proprätor 177 v. Chr. die Celtiberier in Spanien, als Consul 176 die Sardinier; besonders zeichnete er sich in der Verwaltung des Censoramtes aus 167, das er mit Gajus Claudius Pulcher führte. Seine Gemahlin war Cornelia, die Tochter des älteren Africanus, eine hochgebildete und in jeder Hinsicht ausgezeichnete Frau; seine Söhne hießen Tiberius und Gajus Sempronius Gracchus, von denen Tiberius, als er im J. 133 als Volkstribun durch die Ackergesetze einen Aufruhr erregt hatte, von Scipio Nasica getödtet wurde, und Gajus, 123 und 122 Volkstribun, bei einem gleichfalls wegen Ackergesetze erregten Aufstande aus der Stadt Rom fliehen mußte und sich in dem Haine der Furina von einem Sklaven tödten ließ (121). Das Urtheil Cicero's über diese beiden Gracchen ist offenbar ungerecht und nur einseitig von dem Standpunkte der Aristokratie aus gefällt., des Publius Sohn, wird so lange gepriesen werden, als es eine Geschichte des Römischen Volkes gibt; aber seine Söhne fanden während ihres Lebens keine Billigung bei den Gutgesinnten, und nach ihrem Tode nehmen sie eine Stelle unter denen ein, die mit Recht getödtet sind.

XIII. Wer daher wahren Ruhm erreichen will, der erfülle die Pflichten der Gerechtigkeit. Worin diese bestehen, ist in dem vorigen Buche erörtert worden.

44. Obwol nun das wirksamste Mittel, wodurch wir am Leichtesten für das angesehen werden können, was wir wirklich sind, gerade darin besteht, daß wir das sind, wofür wir gelten wollen; so ist es doch zweckmäßig, einige Vorschriften zu ertheilen.

Hat nämlich Jemand von früher Jugend an Veranlassung sich einen berühmten Namen zu machen, entweder von seinem Vater her, – und dieses ist dir, mein Cicero, wie ich glaube, zu Theil geworden, – oder durch einen glücklichen Zufall: so sind auf ihn Aller Augen gerichtet, und man forscht nach, was er treibe, wie er lebe, und, als ob er im hellsten Lichte wandle, kann keine seiner Reden und Handlungen im Verborgenen bleiben.

45. Deren erste Jahre aber wegen einer niedrigen und dunkelen Herkunft von den Menschen nicht beachtet werden, die müssen, sobald sie ins jugendliche Alter eintreten, sich ein hohes Ziel stecken und auf dasselbe unverrückt mit allem Eifer hinarbeiten, und dieß können sie mit um so größerer Zuversicht thun, weil dieses Alter nicht beneidet, sondern vielmehr begünstigt wird.

Die erste Empfehlung zum Ruhme nun ist für einen jungen Mann die, welche er sich, wenn sich Gelegenheit dazu zeigt, durch Kriegsthaten verschaffen kann. Dadurch haben sich Viele bei unseren Vorfahren hervorgethan; denn es wurde ja fast immer Krieg geführt. Deine Jugend aber ist in einen Krieg gefallen, in dem die eine Partei zu viel Frevel ausgeübt hat, die andere zu wenig vom Glücke begünstigt worden ist. Indeß erwarbst du dir doch in diesem Kriege, in dem dich Pompejus zum Befehlshaber Befehlshaber des einen Flügels der Reiterei ( praefectus alae). Es waren zwei Flügel der Reiterei, von denen der eine den rechten, der andere den linken Flügel des Fußvolkes der Legion deckte. des einen Flügels der Reiterei gemacht hatte, durch deine Geschicklichkeit im Reiten und Schießen und durch deine Ausdauer in allen Kriegsbeschwerden großes Lob sowol bei dem ausgezeichneten Manne als bei dem Heere. Leider ist dieses dein Lob zugleich mit dem Staate dahingesunken. Doch mein Vortrag hat es nicht mit deiner Person, sondern mit der Jugend überhaupt zu thun; darum laß mich zu der weiteren Erörterung des Gegenstandes fortschreiten.

46. Sowie sonst in allen Dingen die Werke des Geistes ungleich wichtiger sind als die des Körpers; so sind auch die Geschäfte, welche wir mit dem Geiste und der Vernunft vollbringen, dankenswerther als die, welche wir mit den Körperkräften verrichten. Die Empfehlung für einen jungen Mann geht nun zuerst von der Bescheidenheit aus, sodann von der Liebe zu seinen Aeltern und von dem Wohlwollen gegen seine Anverwandten. Am Leichtesten aber und von der vortheilhaftesten Seite machen sich junge Männer bekannt, wenn sie sich an angesehene und weise Männer, die den Staat wohl berathen, anschließen. Denn erscheinen sie häufig in ihrer Gesellschaft, so flößen sie dem Volke das günstige Vorurtheil ein, sie würden dereinst den Männern ähnlich werden, die sie sich zu Vorbildern gewählt haben. 47. Dem jungen Rutilius Publius Rutilius Rufus, ein Schüler des Stoikers Panätius (s. unten III. 2, 10.) und selbst dem Stoicismus ganz ergeben, war zugleich auch Redner und Rechtsgelehrter; im J. 104 v. Chr. war er Consul. diente das Haus des Publius Mucius Publius Mucius Scävola, ein großer Rechtsgelehrter und vortrefflicher Mensch, 133 v. Chr. Consul. S. I. 32, 116. Anm. 248. zur Empfehlung, indem er sich dadurch den Ruf der Unbescholtenheit und Rechtsgelehrsamkeit verschaffte. Lucius Crassus Ueber Lucius Crassus s. zu I. 30, 108. Anm. 213. Als einundzwanzigjähriger Jüngling klagte er im J. 117 v. Chr. Gajus Papirius Carbo, einen ausgezeichneten Redner, der 119 Consul gewesen war, der Theilnahme an den von Gajus Gracchus erregten Unruhen an; dieser aber entzog sich der gefürchteten Strafe durch freiwilligen Tod. freilich hatte selbst in seiner frühen Jugend nicht nöthig von Anderen zu borgen, sondern er erwarb sich selbst durch jene bekannte und ruhmwürdige Anklage den größten Ruhm. In einem Alter, wo die bloßen Vorübungen zur Ehre angerechnet werden, wie wir dieß von Demosthenes Demosthenes (s. zu I. 1, 3. Anmerk. 63) war zwar auch schon in sehr früher Jugend als Redner aufgetreten, indem er achtzehn Jahre alt seine Vormünder wegen schlechter Verwaltung seines Vermögens anklagte; allein er erntete nur wenig Beifall; erst später nach vielen Vorübungen erregte er durch seine Beredsamkeit allgemeine Bewunderung. wissen, zeigte Lucius Crassus, er sei bereits auf dem Forum ein Meister in dem, worauf er sich damals noch zu Hause mit allen Ehren hätte vorbereiten können.

XIV. 48. Aber von den beiden Arten der Rede: der gesteigerten, mit Anstrengung gesprochenen Rede und der ruhigen Umgangssprache S. I. 37, 132., hat ohne Zweifel die erstere einen größeren Einfluß auf den Ruhm – aus ihr besteht ja das, was wir Beredsamkeit nennen –; indeß ist es doch ganz wunderbar, wie sehr auch eine freundliche und leutselige Umgangssprache die Gemüther der Menschen zu gewinnen weiß. Es sind Briefe vorhanden von Philippus an Alexander Ueber Philippus s. zu I. 26, 90. Anm. 194 und über Alexander zu II. 5, 16. Anm. 323., von Antipater an Kassander Antipater und Kassander, zwei Heerführer Alexander's des Großen. Nach dessen Tode stand Antipater dem Macedonischen Reiche als Vormund des Königs Philippus Arrhidäus, eines Sohnes des Königs Philippus und der Tänzerin Philine, vor; er starb 320 v. Chr.; Kassander, welcher König von Macedonien wurde, starb 298., von Antigonus an seinen Sohn Philippus Antigonus, ein Feldherr Alexanders des Großen, der in der Schlacht bei Ipsus 301 v. Chr. fiel. Er hatte zwei Söhne, Demetrius Poliorketes (s. zu II. 7, 25. Anm. 339) und Philippus, der vor seinem Vater starb ( Plutarch. Apophthegm. 182, 6)., also von drei sehr verständigen Männern nach dem Zeugnisse der Geschichte. In diesen geben sie ihnen die Vorschrift durch gütige Reden die Gemüther des Volkes zum Wohlwollen zu stimmen und die Krieger durch freundliche Anreden für sich zu gewinnen. Die Rede aber, die vor dem Volke mit Anstrengung gehalten wird, setzt oft ganze Versammlungen in Bewegung und verschafft dadurch dem Redner Ruhm. Denn groß ist die Bewunderung, die man einem Manne zollt, der mit Fülle und Weisheit redet, und seine Zuhörer sind der Ansicht, er besitze mehr Einsicht und Weisheit als alle Anderen. Ist nun vollends in seiner Rede Würde mit Bescheidenheit gepaart, so erreicht die Bewunderung den höchsten Grad, und zwar um so mehr, wenn sich diese Vorzüge bei einem jungen Manne finden.

49. Uebrigens gibt es zwar mehrere Arten von Verhandlungen, welche Beredsamkeit erheischen, und viele junge Männer haben in unserem Staate theils vor Gericht, theils vor dem Volke, theils im Senate durch Reden Lob geerntet; aber die größte Bewunderung erwirbt man sich durch die gerichtliche Rede. Diese ist doppelter Art; sie besteht nämlich aus Anklage und Vertheidigung. Der Vertheidigungsrede wird größeres Lob ertheilt; doch auch den Anklagereden ist sehr oft Beifall zu Theil geworden. Von Crassus habe ich kurz zuvor geredet S. zu II. 13, 46. Anm. 315.; ein Gleiches that Marcus Antonius Marcus Antonius, Sohn des Gajus Antonius, 143 v. Chr. geb., von Cicero zum Unterschiede von Anderen gewöhnlich der Redner genannt, Großvater des Triumvir Antonius, 113 Quästor, 104 Prätor, 99 Consul, 97 Censor, in dem zwischen Sulla und Marius ausgebrochenen Bürgerkriege auf Befehl des Cinna getödtet 87. Er und Crassus waren die berühmtesten Redner in der vorciceronischen Periode. Im zweiunddreißigsten Jahre (111) klagte er den Gnäus Papirius Carbo, der 113 bei Noreja von den Cimbern besiegt worden war, an; doch ohne Erfolg. Ueber M. Antonius s. unsere Einleitung zu der Uebers. der Bücher v. Redn. S. 15–17. in seiner Jugend. Auch des Publius Sulpicius Publius Sulpicius Rufus, 93 v. Chr. Quästor, 90 und 89 Legat im Bundesgenossenkriege, 88 Volkstribun. Bis zum Volkstribunate war sein Benehmen ohne allen Tadel. Bald aber, durch Ehrgeiz verleitet, ging er von der Partei der Aristokraten zu der Volkspartei über und zeigte sich durch aufrührerische Gesetzvorschläge dem Staate verderblich. Sulla ließ ihn tödten (88), weil er als Volkstribun den Vorschlag gethan hatte den Oberbefehl im Mithridatischen Kriege, den Sulla vom Senate erhalten sollte, dem Marius zu übertragen. Im Jahre 94, neunundzwanzig Jahre alt, klagte er den Gajus Norbanus wegen der Aufstände an, die derselbe als Volkstribun im Jahre vorher erregt hatte; jedoch vergeblich, da ihn Antonius vertheidigte. Mehr über ihn in d. eben erwähnten Einl. zu d. Ue. d. B. v. R. S. 23 f. Beredsamkeit wurde durch eine Anklagerede berühmt, als er den aufrührerischen und gefährlichen Bürger Gajus Norbanus gerichtlich belangte.

50. Doch dieß darf man nicht oft thun und nie anders, als entweder zum Besten des Staates, wie die eben Genannten thaten, oder um erlittenes Unrecht zu bestrafen, wie die beiden Luculler Lucius Lucullus, der berühmte Heerführer der Römer gegen Mithridates, König von Pontus, und sein Bruder Marcus klagten den Augur Servilius des Unterschleifes an, weil dieser im J. 102 v. Chr. ihren Vater Lucius wegen Erpressungen angeklagt und seine Verurtheilung bewirkt hatte., oder zur Vertheidigung unserer Schutzbefohlenen, wie ich für die Siculer gegen den berüchtigten Gajus Verres, der als Proprätor die Provinz Sicilien auf das Schändlichste mißhandelt und ausgeplündert hatte. Auf Ersuchen der Siculer übernahm Cicero als Aedil (70 J. v. Chr.) die Anklage gegen Verres. und Julius Gajus Julius Cäsar Strabo (s. zu I. 30, 108. Anmerk. 215) klagte auf Bitten der Sardinier den Proprätor Titus Albucius wegen Erpressungen an. für die Sardinier gegen Albucius. Auch des Lucius Fufius Lucius Fufius Calenus klagte den Manius Aquillius (101 vor Chr. Consul) nach dessen Proconsulate in Sicilien 98 v. Chr. wegen Erpressungen an; Antonius vertheidigte und rettete ihn. Thätigkeit machte sich durch die Anklage des Manius Aquillius bekannt. Einmal also oder wenigstens nicht oft. Sieht sich aber Jemand in die Nothwendigkeit versetzt es öfter zu thun, so betrachte er es als einen Dienst, den er dem Staate erweist, dessen Feinde wiederholt zur Strafe zu ziehen keinen Tadel verdient; doch beobachte man hierin ein Maß. Denn ein hartes, ja ein kaum menschliches Herz scheint es zu verrathen, wenn man Viele in die Gefahr bringt ihre bürgerliche Ehre oder ihr Leben zu verlieren, und nicht allein gefährlich ist es für die eigene Person, sondern befleckt auch den Ruf, wenn man es dahin bringt, daß man Ankläger genannt wird, was dem Marcus Brutus Marcus Brutus, aus dem berühmten Geschlechte der Junier stammend, Sohn des Marcus Brutus, eines berühmten Rechtsgelehrten, verwaltete kein öffentliches Amt und machte aus den Anklagen seiner Mitbürger ein Gewerbe. Cicere. Brut. 34, 130. nennt ihn einen Schandfleck der gens Julia; und de Orat. II. 55, 226. sagt Cicero von ihm: Was du noch durch Stimme und Zunge vermagst, hast du zu dem niederträchtigsten Gewerbe der Verleumdung verwendet. widerfuhr, einem Manne von hoher Abkunft, dem Sohne jenes bekannten Rechtsgelehrten Auch hatte er Schriften über das bürgerliche Recht herausgegeben..

51. Auch die Vorschrift der Pflicht muß man sorgfältig beobachten, daß man nie einen Unschuldigen auf Leben und Tod anklagt, was auf keine Weise ohne Frevel möglich ist. Denn was ist so unmenschlich als die Beredsamkeit, die uns die Natur zur Rettung und Erhaltung der Menschen verliehen hat, zum Verderben und Untergang der Guten anzuwenden? Indeß sowie dieses zu meiden ist, so darf man umgekehrt sich kein Gewissen daraus machen zuweilen einen Schuldigen zu vertheidigen; nur darf es kein Bösewicht und gottloser Mensch sein. Das will das Volk, gestattet die Gewohnheit und bringt sogar die Menschlichkeit mit sich. Diese Ansicht würde ich nicht wagen niederzuschreiben, zumal in einer philosophischen Schrift, wenn nicht auch der gediegenste Stoiker Panätius S. zu I. 2, 7. Anm. 71. ebenso urtheilte.

Vorzüglich aber sind es die Vertheidigungsreden, durch die Ruhm und Gunst erworben wird, und zwar um so mehr, wenn es sich trifft, daß man dem Beistand leistet, der durch das Ansehen eines Mächtigen gefährdet und bedrängt zu werden scheint. Dieses habe ich oft gethan und auch in meiner Jugend gegen die Macht des allgewaltigen Lucius Sulla für den Sextus Roscius aus Ameria Sextus Roscius, aus Ameria in Umbrien, wurde auf Anstiften des Chrysogonus, eines Freigelassenen und Lieblings des Dictators Lucius Sulla, des Vatermordes angeklagt, damit nach seiner Verurtheilung seine Güter von Chrysogonus eingenommen würden; Cicero, 26 Jahre alt, vertheidigte ihn in einer ausgezeichneten Rede, die auch uns erhalten worden ist. in der Rede, die, wie du weißt, der Oeffentlichkeit übergeben ist.

XV. 52. Nachdem ich nun die Pflichten auseinandergesetzt habe, deren Beobachtung für junge Männer von Wichtigkeit ist zur Erreichung des Ruhmes; so muß ich jetzt von der Wohlthätigkeit und Freigebigkeit reden S. I. Buch, 6. und 7. Kapitel.. Sie ist doppelter Art; denn entweder durch persönliche Dienstleistung oder durch Geldaufwand thut man Hülfsbedürftigen Gutes. Leichter ist die letztere Art, zumal für einen Wohlhabenden; aber jene ist anständiger, großartiger und eines wackeren und angesehenen Mannes würdiger. Zwar liegt beiden die edle Absicht der Willfährigkeit zu Grunde; aber die eine nimmt ihre Mittel aus dem Geldkasten, die andere aus geistiger Tüchtigkeit und Thätigkeit. Auch erschöpfen Schenkungen, die man aus seinem Vermögen macht, die Quelle der Wohlthätigkeit selbst. So wird Wohlthätigkeit durch Wohlthätigkeit aufgehoben, und je größer die Anzahl derer ist, gegen welche man sie ausgeübt hat, um so weniger kann man sie ferner gegen Viele ausüben. 53. Diejenigen hingegen, welche sich durch persönliche Dienstleistung, das heißt durch geistige Tüchtigkeit und Thätigkeit, wohlthätig und freigebig erweisen, haben erstens um so mehr Gehülfen für ihre Wohlthätigkeit, je größer die Anzahl derer ist, denen sie genützt haben; sodann sind sie durch die Gewohnheit der Wohlthätigkeit fertiger und, so zu sagen, geübter sich um Viele wohl verdient zu machen. Vortrefflich macht in einem Briefe Philippus seinem Sohne Alexander Vorwürfe, daß er durch Schenkungen die Zuneigung der Macedonier zu gewinnen suche. »Welch unglückseliger Gedanke,« sagt er, »hat dich zu dem Wahne verleitet, du werdest an solchen getreue Unterthanen haben, die du durch Geld bestochen habest? Beabsichtigst du etwa den Macedoniern die Hoffnung einzuflößen, du werdest nicht ihr König, sondern ihr Diener und Zahlmeister sein?« Gut sagt er »Diener und Zahlmeister«; denn was kann für einen König beschimpfender sein? Besser noch, daß er Schenkung Bestechung nennt. Denn schlechter wird der Empfänger und geneigter immer ein Gleiches zu erwarten. 54. Dieß schreibt jener seinem Sohne; doch wir mögen die Warnung als eine allgemein gültige ansehen.

Demnach unterliegt es keinem Zweifel, daß jene Wohlthätigkeit, welche in persönlicher Dienstleistung und Thätigkeit besteht, ehrenwerther ist, einen weiteren Wirkungskreis hat und einer größeren Anzahl von Menschen nützen kann; gleichwol muß man zuweilen auch Schenkungen anwenden, und diese Art der Wohlthätigkeit ist keineswegs verwerflich, im Gegentheil muß man oft würdigen Menschen, die in Dürftigkeit leben, von seinem Vermögen mittheilen, doch sparsam und mäßig. Denn Viele verschleudern durch unbesonnenes Schenken ihr Vermögen. Läßt sich aber wol eine größere Thorheit denken, als dafür Sorge zu tragen, daß man das nicht auf längere Zeit thun kann, was man gerne thut? Auch haben oft die Schenkungen Räuberei zur Folge. Denn wenn die Leute sich durch Schenken arm gemacht haben, so sehen sie sich genöthigt die Hand nach fremdem Gute auszustrecken. So geschieht es, daß, während sie wohlthätig sein wollen, um die Zuneigung Anderer zu gewinnen, sie sich nicht in dem Grade die Liebe derer, denen sie geben, als den Haß derer, denen sie nehmen, erwerben.

55. Darum darf man sein Vermögen weder so verschließen, daß es keine Wohlthätigkeit öffnen kann, noch auch so unverschlossen lassen, daß alle Welt Zutritt dazu hat. Man beobachte Maß, und dieses bestimme man nach den Vermögensumständen. Ueberhaupt müssen wir den bei uns so oft gebrauchten und ganz zum Sprüchwort gewordenen Ausspruch: »Schenken hat keinen Boden« im Gedächtnisse bewahren. Denn wie kann ein Maß da stattfinden, wo sowol die, welche gewohnt sind zu empfangen, als auch Andere gleiche Ansprüche an uns machen?

XVI. Ueberhaupt gibt es zwei Arten von Leuten, die gern schenken. Die einen sind die Verschwender, die anderen die Freigebigen. Verschwender sind diejenigen, welche in Schmausereien, Fleischvertheilungen, Fechterspielen, Zurüstungen von Schauspielen und Thierhetzen ihr Geld für Dinge verschwenden, die ein kurzes oder gar kein Andenken zurücklassen. 56. Freigebige aber, welche mit ihren Mitteln Gefangene von Räubern loskaufen oder Schulden von ihren Freunden übernehmen oder sie bei der Ausstattung ihrer Töchter unterstützen oder ihnen bei der Erwerbung oder Vermehrung ihres Vermögens behülflich sind.

Daher wundere ich mich, wie dem Theophrastus S. zu I. 1, 3. Anm. 61. Die Schrift des Theophrastus περὶ πλούτου wird von Diogen. Laert. V. 47. erwähnt. in seiner Schrift über den Reichtum, die sonst viele vortreffliche Gedanken enthält, die Ungereimtheit in den Sinn kommen konnte sich weitläuftig in dem Lobe der Kostbarkeit und Pracht von Volksbelustigungen zu ergehen und das Vermögen zu solchem Aufwande als den Genuß des Reichtumes anzusehen. Ich hingegen halte den Genuß der Freigebigkeit, von der ich einige wenige Beispiele angeführt habe, für ungleich größer und zuverlässiger. Wie viel würdiger und richtiger tadelt uns Aristo von Cea Klotz liest mit den Handschriften: Aristoteles, aber diese Lesart ist offenbar falsch; denn in den Schriften des Aristoteles findet sich eine solche Aeußerung nicht. Ja in der Ethic. Nicomach. 4. 1, 2. wird eine ganz verschiedene Ansicht ausgesprochen. Man muß daher statt Aristoteles nach der Vermuthung Muret's und Beier's lesen: Aristo Ceus, d. i. Aristo von Cea (einer Cykladischen Insel), ein Peripatetiker (um 220 v. Chr.). Diog. Laert. 7, 163. erwähnt von ihm υπομνήματα υπὲρ κενοδοξίας. Vgl. Plutarch. Cat. Maj. c. 18: ὸ καὶ μάλιστὰ φασι τὸν φιλόσοφον ’Αρίστωνα θαυμάζειν, ότι τοὺς τὰ περιττὰ κεκτημένους μα̃λλον ηγου̃νται μακαρίους ὰη τοὺς τω̃ν αναγκαίων καὶ χρησίμων απορου̃ντας. Uebrigens spricht Aristo nicht von den Geldverschwendungen der Römer, von denen er Nichts wissen konnte, sondern der Griechen, wie man deutlich aus den Worten des folgenden Paragraphen: » Freilich in unserem Staate« u. s. w. ersieht., daß wir uns über diese Geldverschwendungen, die den Zweck haben das Volk zu belustigen, nicht verwundern. »Sehen sich Leute,« sagt er, »in einer belagerten Stadt genöthigt ein Nösel Wasser für eine Mine Eine silberne Mine ist etwa so viel als 20 Thaler Gold (4 Louisd'or). zu kaufen, so erscheine uns dieß als etwas Unglaubliches, und Jedermann staune darüber, bei näherem Nachdenken jedoch entschuldige man es mit der Nothwendigkeit; hingegen an diesem ungeheueren Aufwande und diesen gränzenlosen Kosten fänden wir nichts besonders Auffallendes, und das sei um so tadelnswerther, da weder einer Noth abgeholfen, noch unsere Würde erhöht werde, und selbst jenes Vergnügen der Menge, das auch noch von den gehaltlosesten Dieser Ausdruck paßt nur auf die Griechen, nicht aber auf die Römer, wie aus dem folgenden Paragraphen erhellt. Leuten bereitet werde, nur ganz kurze Zeit dauere, und hierbei zugleich mit der Sättigung auch das Andenken an das Vergnügen erlösche.« 57. Gut ist auch der Schluß: solche Vergnügungen seien Kindern, Weibern, Sklaven und Freien mit einer Sklavenseele angenehm, einem gesetzten und die Handlungen nach festen Grundsätzen abwägenden Manne könnten sie auf keine Weise gefallen.

Freilich in unserem Staate, sehe ich, ist schon in den guten Zeiten die Gewohnheit eingewurzelt von den Aedilen, auch wenn sie die wackersten Männer sind, Prachtaufwand zu fordern. So veranstaltete Publius Crassus Publius Crassus, der Vater des Triumvirs, 106 v. Chr. Aedil, 97 Consul; im J. 88 nahm er sich das Leben., der Reiche, nicht bloß dem Beinamen, sondern auch dem Vermögen nach, in seiner Aedilität kostbare Festlichkeiten; bald darauf entfaltete Lucius Crassus Ueber Marcus Licinius Crassus s. zu I. 8, 25. Anm. 94. Er und der Oberpriester Scävola (s. zu I. 32, 116. Anm. 248) waren im J. 103 v. Chr. Aedilen. Von Scävola erzählt Plin. H. N. 8, 16: er habe zuerst Löwenkämpfe im Circus veranstaltet. mit Quintus Mucius, dem mäßigsten Manne von der Welt, während der Aedilität eine außerordentliche Pracht, dann Gajus Claudius Gajus Claudius Pulcher veranstaltete als Aedil im J. 99 vor Chr. nach Plin. H. N. 8, 7. das erste Elephantengefecht., des Appius Sohn, und viele Andere nachher, die beiden Luculler Die beiden Luculler (s. zu II. 14, 50. Anm. 324) veranstalteten als Aedilen im J. 79 v. Chr. nach Plin. H. N. 8, 7. einen Kampf zwischen Elephanten und Stieren., Hortensius Quintus Hortensius, einer der größten Redner unter den Römern, geb. 114 v. Chr., gest. 50. Er war im J. 69 Consul., Silanus Decimus Junius Silanus, 62 v. Chr. Consul.. Alle früheren aber übertraf Publius Lentulus Publius Cornelius Lentulus Spinther, 63 v. Chr. Aedil, 57 Consul. Valer. Max. 4,  6. sagt von ihm: scenam – argentatis choragiis adornavit, d. h. er schmückte die Scene mit versilbertem Geräthe aus. unter meinem Consulate. In seine Fußstapfen trat Scaurus Marcus Aemilius Scaurus (s. zu I. 39, 138. Anm. 273). Er war im J. 58 v. Chr. Aedil. Für seine Spiele erbaute er nach Plin. H. N. 36, 24. ein ungemein prachtvolles Theater; sein Aufwand überstieg aber seine Kräfte; er erschöpfte nicht nur sein Vermögen, sondern machte auch große Schulden. S. Ascon. Argum. or. p. Scauro.. Das Prachtvollste aber waren die Festlichkeiten, die unser Pompejus Pompejus (s. zu I. 22, 76. Anm. 170.) erbaute in seinem zweiten Consulate 55 v. Chr. ein herrliches Theater. Seine Spiele übertrafen an Pracht Alles, was man bisher gesehen hatte. Für den Thierkampf waren 500 Löwen, 410 Panther und 20 Elephanten bestimmt. Eine Beschreibung dieser Spiele gibt Cicer. ad Famil. 7. 1. in seinem zweiten Consulate veranstaltete. Was ich nun über diese Dinge urtheile D. h. daß ich eine solche Verschwendung mißbillige, geht aus dem hervor, was ich oben (zu Anfang des 16. Kap.) gesagt habe. Daher folgt gleich darauf: »Jedoch muß man den Verdacht des Geizes meiden.«, siehst du.

XVII. 58. Jedoch muß man den Verdacht des Geizes meiden. Mamercus Mamercus war ein Vorname des Aemilischen Geschlechts. Der hier erwähnte ist nicht weiter bekannt., ein sehr reicher Mann, zog sich dadurch, daß er es unterließ sich um die Aedilität zu bewerben, eine Abweisung vom Consulate zu. Also wenn das Volk solchen Aufwand verlangt und die Verständigen denselben, wenn auch nicht begehren, doch gutheißen; so muß man ihn machen, doch nur nach dem Maße seines Vermögens, wie ich es selbst that Cicero war im J. 69 v. Chr. mit Marcus Cäsonius Aedil und gab drei Spiele., sowie auch, wenn sich durch Volkesspenden ein wichtiger und heilsamer Zweck erreichen läßt, wie zum Beispiel unlängst dem Orestes Gnäus Aufidius Orestes Aurelianus, Consul 71 v. Chr. der Schmaus, den er unter dem Namen des Zehnten Es war bei den Römern Sitte entweder für eine glücklich vollendete Unternehmung oder wegen einer beabsichtigten Unternehmung einem Gotte, gewöhnlich dem Herkules, den Zehnten der Einkünfte oder der Beute zu weihen; bei dieser Gelegenheit wurde das Volk eingeladen, um an der großen Opfermahlzeit Theil zu nehmen. gab, zu großer Ehre gereichte. Auch dem Marcus Sejus Marcus Sejus war 74 v. Chr. Aedil. Der Grund des Hasses, den er sich zugezogen hatte, ist nicht weiter bekannt. Die Worte Cicero's pr. Planc. 5.: quod ne equestrem quidem spendorem incolumem a calamitate judicii retinere potuisset, scheinen gleichfalls darauf hinzudeuten. rechnete man es nicht zum Fehler an, daß er bei einer Theuerung das Maß Ein Maß ( modus) ist etwa zwei Drittel eines Braunschweiger Himptens ; ein As ist etwa 4 Pfennige. In dem getreidereichen Sicilien war der billigste Preis eines Maßes zwei bis drei Asse. Getreide dem Volke um einen As überließ. Denn er befreite sich durch einen Aufwand, der weder schimpflich für ihn war, weil er das Amt eines Aedilen bekleidete, noch auch sehr groß war, von einem großen und tief eingewurzelten Hasse. Aber zur höchsten Ehre gereichte es unlängst unserem Milo Titus Annius Milo, ein Freund Cicero's (daher hier: unserem Milo), war als Volkstribun im J. 57 v. Chr. für die Zurückberufung Cicero's aus der Verbannung sehr thätig gewesen. Sowie Clodius, welcher der ärgste Feind Cicero's war und vorzüglich dessen Vertreibung durchgesetzt hatte, durch gedungene Gladiatoren Cicero's Rückkehr hindern wollte; so bediente sich Milo gegen ihn der nämlichen Mittel, indem er gleichfalls Gladiatoren gegen ihn gebrauchte., daß er eine Anzahl von Klopffechtern zum Besten des Staates erkaufte, das mit meiner Erhaltung innigst verknüpft war, und so alle Anschläge und Tollheiten des Publius Clodius erdrückte.

Der Grund zu Schenkungen ist also entweder ihre Nothwendigkeit oder ihr Nutzen. 59. Und auch hierin ist die Mittelstraße die beste Vorschrift. Lucius Philippus Ueber Philippus s. zu I. 30, 108. Anm. 214., des Quintus Sohn, ein hochbegabter und sehr angesehener Mann, pflegte freilich sich zu rühmen ohne alle Spenden zu allen Ehrenstellen, die für die glänzendsten gehalten wurden, gelangt zu sein. Ein Gleiches sagten auch Cotta Gajus Aurelius Cotta, Consul 75 v. Chr. und Curio Gajus Scribonius Curio, Consul 76 v. Chr.. Auch ich darf mich in dieser Hinsicht gewissermaßen rühmen. Denn im Verhältnisse zu den glänzendsten Ehrenstellen, die ich durch einstimmige Wahl, und zwar immer in dem durch das Gesetz bestimmten Lebensjahre der Wahlfähigkeit, erlangt habe Cicero erhielt die Quästur im 31sten, die Aedilität im 38sten, die Prätur im 41sten, das Consulat im 44sten Lebensjahre. Das Gesetz, welches das Lebensjahr der Wahlfähigkeit bestimmte, hieß lex Villia annalis. – ein Glück, das keinem der eben Genannten zu Theil wurde – war der Aufwand meiner Aedilität recht gering.

60. Besser ist auch der Aufwand, den man für Stadtmauern, Schiffswerfte, Häfen, Wasserleitungen und alle dergleichen Werke macht, die zu allgemeinem Nutzen beitragen. Freilich sind Geschenke, die baar gleichsam in die Hand gedrückt werden, angenehmer; aber jene werden in der Zukunft dankbarer anerkannt. Was die Schauspielhäuser, Säulenhallen, neue Tempel betrifft, so möchte ich um des Pompejus S. zu II. 16, 57. Anm. 399. willen meinen Tadel mit einer Zurückhaltung aussprechen; aber die gelehrtesten Männer billigen solche Ausgaben nicht, wie zum Beispiel eben Panätius S. zu I. 2, 7. Anm. 71., den ich in diesen Büchern vielfach zum Führer gewählt habe, ohne ihn zu übersetzen, und Demetrius aus Phalerus S. zu I. 1, 3. Anm. 60., der den Perikles S. zu I. 30, 108. Anm. 221., einen der ersten Männer Griechenlands, tadelt, daß er so große Summen Geldes auf jene herrlichen Propyläen Die Propyläen bildeten den Vorhof des Athenetempels auf der Burg von Athen. Perikles hatte auf den Bau 2012 Talente (= 2,766,500 Thaler) verwendet. verschwendet habe. Doch über diesen ganzen Gegenstand habe ich in meinen Büchern über den Staat sorgfältig gesprochen.

Im Allgemeinen aber sind solche Schenkungen ihrem Wesen nach fehlerhaft, unter gewissen Umständen jedoch unvermeidlich; aber auch alsdann müssen sie sich nach dem Vermögen richten und sich auf die Mittelstraße beschränken.

XVIII. 61. Hinsichtlich jener anderen Art des Gebens, deren Quelle die Freigebigkeit ist, dürfen wir nicht bei ungleichen Fällen auf eine und dieselbe Weise gestimmt sein. Denn in einem anderen Falle befindet sich derjenige, welcher im Unglücke schmachtet, in einem anderen derjenige, welcher einen besseren Zustand begehrt, obwol seine Lage keineswegs ungünstig ist. 62. Geneigter wird sich die Wohlthätigkeit gegen Unglückliche zeigen; es müßte denn sein, daß sie das Unglück verdienten. Doch auch gegen diejenigen, welche unsre Unterstützung in Anspruch nehmen, nicht um nicht ganz zu Boden geworfen zu werden, sondern um eine höhere Stufe zu besteigen, dürfen wir durchaus nicht karg sein; aber, um die rechten Personen auszuwählen, müssen wir Ueberlegung und Sorgfalt anwenden. Denn vortrefflich sagt Ennius Ueber Ennius s. z. I. 8, 26. Anm. 95.:

Schlecht angelegte Wohlthat dünkt mir Uebelthat.

63. Was man aber einem braven und dankbaren Menschen erweist, das bringt uns nicht allein von dem Empfänger selbst, sondern auch von Anderen Früchte. Denn die Freigebigkeit, die sich frei von Unbesonnenheit hält, wird mit dem innigsten Danke aufgenommen, und sie findet gewöhnlich um so eifrige Lobredner, weil die Güte der Großen der allgemeine Zufluchtsort für Jedermann ist. Man muß sich also bemühen möglichst vielen Menschen solche Wohlthaten zu erweisen, deren Andenken sich auf die Kinder und Nachkommen forterbt und sie nicht undankbar sein läßt. Denn alle Menschen hassen einen Undankbaren; sie meinen, daß dieses Unrecht, wodurch Andere von der Freigebigkeit abgeschreckt werden, auch ihrer Person geschehe, und sehen in dem, der sich dieß zu Schulden kommen läßt, einen gemeinschaftlichen Feind der Hülfsbedürftigen.

Eine Wohlthätigkeit, die auch dem Staate Vortheil bringt, ist es, wenn man Gefangene aus der Sklaverei loskauft, Unbemittelten zu einer besseren Lage behülflich ist. Dieß pflegte von Männern unseres Standes Des Senatorenstandes, überhaupt der hochgestellten Beamten. allgemein zu geschehen, wie wir in der Rede des Crassus Ueber Crassus s. zu I. 30, 108. Anm. 213. ausführlich erörtert sehen. Die Gewohnheit nun auf diese Weise Wohlthätigkeit zu üben ziehe ich bei Weitem jenen Volksspenden vor. Sie geziemt sich für würdige und große Männer, während jene andere sich für Volksschmeichler schickt, welche die Sinnlichkeit der gehaltlosen Menge gleichsam zu kitzeln suchen.

64. Sowie man aber beim Geben freigebig sein soll, so soll man auch beim Fordern keine Härte üben und bei jedem Verkehre, beim Kaufen und Verkaufen, beim Pachten und Verpachten, bei Gränzbestimmungen von Häusern und Ländereien sich billig und verträglich zeigen, Manchem Manches von seinem Rechte nachlassen, besonders aber sich der Rechtshändel, soweit es angeht und vielleicht noch etwas weiter, enthalten. Denn es ist nicht nur edel bisweilen ein Wenig von seinem Rechte aufzugeben, sondern manchmal auch vortheilhaft.

Dabei muß man aber auch auf sein Vermögen Rücksicht nehmen; denn dieses in Verfall kommen lassen ist schmählich; nur muß man sich von dem Verdachte der Kargheit und des Geizes fern halten. Denn Freigebigkeit üben zu können, ohne sich seines Erbgutes zu berauben, das ist sicherlich der größte Genuß, den man von seinem Vermögen hat.

Mit Recht wird auch die Gastfreiheit von Theophrastus Ueber Theophrastus s. zu I. 1, 3. Anm. 61. gelobt. Denn nach meiner Ansicht ist es sehr schön, wenn die Häuser angesehener Männer angesehenen Gastfreunden offen stehen; auch gereicht es dem Staate zur Zierde, wenn Ausländer diese Art von Freigebigkeit in unserer Stadt nicht vermissen. Es ist aber auch für die Personen, die auf rechtliche Weise eine große Geltung haben wollen, höchst vortheilhaft, wenn sie vermittelst der Gastfreunde bei den auswärtigen Völkern großen Einfluß und großes Ansehen haben. So schreibt Theophrastus, Cimon Cimon, Heerführer der Athener, berühmt durch seine Siege über die Persier und durch seine außerordentlich große Freigebigkeit, gestorb. 449 v. Chr. in Athen habe sich, wenn er in Athen verweilte D. h. nicht nur, wenn er auf dem Lande lebte, sondern auch, wenn er in der Stadt verweilte, zeigte sich Cimon gastfrei, und zwar nicht blos gegen Fremde, sondern auch gegen seine Gemeindegenossen ( curiales δημόται), die Einwohner von Lacia, einem Attischen Flecken oder Demos., gegen seine Gemeindegenossen, die Einwohner von Lacia, gastfrei bewiesen; er habe nämlich die Einrichtung getroffen und seinem Gutsverwalter den Befehl ertheilt, so oft ein Einwohner von Lacia auf seinem Landgute einkehre, es ihm an Nichts fehlen zu lassen.

XIX. 65. Die Wohlthaten aber, die sich durch persönliche Dienstleistung und nicht durch Schenkung kund thun, werden theils dem ganzen Staate theils einzelnen Bürgern erwiesen. Denn in Rechtssachen Beistand leisten, durch Rath unterstützen und durch diese Art des Wissens möglichst Vielen nützen trägt außerordentlich viel zur Vermehrung des Einflusses und der Gunst bei. Daher hatten unsere Vorfahren neben vielen anderen herrlichen Gewohnheiten auch die, daß sie die Kenntniß und Auslegung unseres vortrefflich eingerichteten bürgerlichen Rechtes immer in hohen Ehren hielten, und noch vor der Verwirrung der letzten Zeiten war dieselbe im Besitze der Ersten des Staates; jetzt aber ist mit den Ehrenstellen, mit allen Stufen der Würde auch der Glanz dieser Wissenschaft vernichtet, und dieß ist um so empörender, als sich dieß gerade in unserer Zeit ereignet hat, wo ein Mann Cicero meint ohne Zweifel den Servius Sulpicius Rufus, welcher der größte Rechtsgelehrte damaliger Zeit war; er war Consul im J. 51 v. Chr. und starb sechs Monate nach Herausgabe dieser Bücher im J. 43 auf einer Gesandtschaftsreise, die er im Auftrage des Senates an Marcus Antonius, der Mutina belagerte, machte. Er war ein vertrauter Freund Cicero's, wie wir aus dessen Briefen deutlich ersehen. Mit großem Lobe spricht sich Cicero über ihn in seiner neunten Philippischen Rede (Kap. 7) aus. lebt, der alle seine Vorgänger, denen er an Rang gleich steht, an Wissen unstreitig übertroffen haben würde. Diese Dienstleistung also erwirbt die Gunst Vieler und ist geeignet die Menschen uns durch Wohlthaten zu verpflichten.

66. Mit dieser Wissenschaft ist die Rednergabe verwandt, die jedoch noch gewichtiger, einflußreicher und glänzender ist. Denn was ist vorzüglicher als die Beredsamkeit, mag man nun auf die Bewunderung der Zuhörer oder auf die Hoffnung der Hülfsbedürftigen oder auf die Dankbarkeit der in Schutz Genommenen Rücksicht nehmen? Ihr wurde daher auch von unseren Vorfahren unter den Künsten des Friedens der erste Rang angewiesen. Einem Manne also, der beredt ist, gern arbeitet und nach der Weise unserer Väter für Viele gern und unentgeltlich Doch mußte schon im J. 104 die lex Cincia gegeben werden, wodurch bestimmt wurde, ne quis ob causam orandam pecuniam donumve acciperet; vgl. Cicer. de Senect. 4, 2. Erst später wurde es allgemeine Sitte ein Honorar für die Führung einer Rechtssache zu nehmen. die Vertheidigung ihrer Rechtssachen übernimmt, ist ein weites Feld eröffnet, um Anderen Wohlthaten und Schutz zu erweisen. 67. Der Gegenstand könnte mich veranlassen auch hier den Stillstand der Beredsamkeit, um nicht zu sagen, ihren Untergang zu beweinen, wenn ich nicht besorgen müßte, man möchte glauben, die Quelle meiner Klagen seien persönliche Rücksichten. Indeß sehen wir, was für Männer dahingegangen sind, wie wenige uns zu Hoffnungen berechtigen, wie weit wenigere Redefähigkeit, wie viele dagegen nur Dreistigkeit besitzen.

Indeß nicht Alle, ja nicht einmal Viele können rechtskundig oder beredt sein; aber gleichwol kann man Vielen dadurch nützen, daß man für sie von Anderen Wohlthaten erbittet, sie den Richtern und Obrigkeiten empfiehlt, für ihren Vortheil wacht, die Rechtsgelehrten oder Sachwalter selbst für sie um Rath fragt. Wer dieß thut, erwirbt sich sehr großen Dank, und seine Thätigkeit hat einen sehr ausgebreiteten Wirkungskreis.

68. Ueberflüssig ist die Erinnerung, da sie sich von selbst darbietet, daß man darauf achte, nicht die Einen zu beleidigen, während man Andere unterstützen will. Denn oft verletzt man die, welche zu verletzen gegen unsere Pflicht und gegen unsern Vortheil ist. Geschieht dieß unvorsätzlich, so verräth es Nachlässigkeit; geschieht es aber wissentlich, so zeugt es von Unbesonnenheit. Man muß sich auch so gut als möglich gegen die entschuldigen, welche man wider Willen beleidigt, indem man Gründe angibt, weshalb man so und nicht anders habe handeln können; auch verlangt es die Pflicht die Beleidigung durch sonstige Dienste und Gefälligkeiten wieder gut zu machen.

XX. 69. Bei der Unterstützung der Menschen pflegt man nun entweder ihren Charakter oder ihre Glücksumstände zu berücksichtigen. Allerdings ist es leicht zu sagen, und das ist ja auch die gewöhnliche Rede, man lasse sich bei Anwendung von Wohlthaten durch den Charakter der Menschen und nicht durch ihre Glücksumstände bestimmen, und das klingt vortrefflich. Allein wo finden sich denn die Leute, welche, wenn es auf Dienstleistungen ankommt, nicht die Gunst eines Begüterten und Mächtigen der Sache eines unvermögenden noch so braven Mannes vorziehen? Denn von wem man die sicherste und schnellste Wiedervergeltung erwartet, dem neigt sich gemeiniglich auch unser Wille zu.

Indeß ist sorgfältig zu erwägen, was die wahre Beschaffenheit der Sache sei. Offenbar nämlich kann der Unvermögende, wenn er ein braver Mann ist, wenn er seinen Dank auch nicht bethätigen kann, doch wenigstens eine dankbare Gesinnung haben. Treffend ist der Ausspruch, von wem er auch herrühren mag: »Wer geborgtes Geld hat, der hat es nicht zurückgezahlt; wer es aber zurückgezahlt hat, der hat es nicht mehr. Dankgefühl hingegen hat der, welcher den Dank abgetragen hat, und wer Dankgefühl hat, hat auch den Dank schon abgetragen.« Diejenigen aber, welche sich für reich, geehrt und beglückt halten, wollen sich nicht einmal durch eine Wohlthat verpflichten lassen; ja sie meinen Anderen einen Gefallen zu thun, wenn sie eine auch noch so große Wohlthat annehmen, und hegen sogar Verdacht, man fordere oder erwarte von ihnen einen Gegendienst; daß man nun gar von ihnen glaube, sie hätten Schutz gesucht oder sie würden Schutzbefohlene genannt, das dünkt ihnen so schrecklich wie der Tod. 70. Der Arme hingegen meint, bei Allem, was ihm erwiesen werde, sei seine Person berücksichtigt und nicht seine Glücksumstände, und ist bemüht nicht nur dem, der sich um ihn wohl verdient gemacht hat, sondern auch Anderen, von denen er Hülfe erwartet, – er bedarf ja Vieler – dankbar zu erscheinen, und wenn er etwa einen Gegendienst erweist, so vergrößert er ihn nicht mit Worten, sondern verkleinert ihn sogar.

Auch muß man den Punkt erwägen, daß, wenn man für einen Reichen und Beglückten eine gerichtliche Vertheidigung übernimmt, der Dank sich auf diesen allein oder etwa auch auf seine Kinder beschränkt; wenn man dieß aber für einen unvermögenden, jedoch rechtlichen und bescheidenen Menschen thut, alle nicht unrechtlichen Leute des niedrigen Standes – und ihre Anzahl ist groß im Volke – auch ihrer Person Schutz bereitet sehen. 71. Deßhalb wird meines Erachtens eine Wohlthat besser bei guten als bei begüterten Menschen angelegt.

Allerdings muß man sich bemühen jeder Art von Menschen Genüge zu leisten; aber wenn ein Pflichtenstreit eintritt, so muß man den Rath des Themistokles Ueber Themistokles s. zu I. 22, 75, Anm. 159. Vgl. Plutarch. Them. c. 18. befolgen, der auf die Frage, ob er an einen braven, aber armen Mann oder an einen minder achtungswerthen, aber reichen seine Tochter verheirathen solle, erwiderte: »Ich meinerseits will lieber einen Mann, dem das Geld fehlt, als Geld, dem der Mann fehlt.« Aber unsere Sitten sind durch die Verehrung des Reichtums verderbt und verschlechtert, und doch was geht der große Reichtum Anderer einen jeden von uns an? Seinem Besitzer bringt er vielleicht Vortheil, und das auch nicht immer. Doch gesetzt, er bringe ihm Vortheil; so mag er sich immerhin behaglicher fühlen; wie ist er aber darum auch sittlich besser? Ist er aber auch ein braver Mann, so darf uns sein Reichtum nicht hindern ihm Dienste zu erweisen; aber er soll uns nicht ein Beweggrund dazu sein, sondern unsere ganze Entscheidung hänge davon ab, nicht wie wohlhabend, sondern was für ein Mensch er sei.

Die letzte Vorschrift für Wohlthaten und Dienstleistungen ist die, daß man für einen Anderen Nichts gegen die Billigkeit, Nichts für eine ungerechte Sache durchzusetzen suche. Denn die Grundlage einer dauernden Empfehlung und eines dauernden Rufes ist die Gerechtigkeit, ohne welche es nichts Lobenswürdiges geben kann.

72. Nachdem ich nun über die Wohlthaten gesprochen habe, welche sich auf einzelne Personen beziehen; muß ich demnächst über diejenigen reden, welche die Gesammtheit der Bürger und den Staat betreffen Die Staatsdienste. Die öffentlichen Aemter wurden bei den Alten als Wohlthaten angesehen, da die Staatsbeamten keine Besoldung erhielten.. Diese sind theils von der Art, daß sie allen Bürgern nützen Zum Beispiel Vergrößerung und Befestigung des Reiches, gemeinnützige Anstalten u. dgl., theils daß sie die Einzelnen zugleich mit berühren Zum Beispiel die vom Staate ausgehende Unterstützung des Volkes durch Getreideschenkungen oder billigere Preise des Getreides bei großer Theuerung.; die letzteren erzeugen größeren Dank. Wir müssen uns im Allgemeinen bemühen, wo möglich, Beides zu verbinden und ebenso wie für den Staat, so auch für die Einzelnen Sorge zu tragen, jedoch mit der Rücksicht, daß dieses dem Staate entweder vortheilhaft oder wenigstens nicht nachtheilig sei. Des Gajus Gracchus Gajus Gracchus (s. zu II. 12, 43. Anm. 365) gab im J. 123 vor Chr. ein Getreidegesetz, nach dem aus dem Staatsschatze Getreide angekauft und den Bürgern um einen höchst billigen Preis wieder verkauft wurde. Getreidespende war groß, und somit erschöpfte sie den Staatsschatz; die des Marcus Octavius Marcus Octavius bewirkte im J. 120 v. Chr. durch sein Ansehen und seine Beredsamkeit, daß das Getreidegesetz des Gajus Gracchus abgeschafft wurde ( Cicer. Brut. 62, 22); jedoch muß er, wie wir aus unserer Stelle sehen, einen anderen Gesetzvorschlag gemacht haben, daß das Getreide vom Staate um einen mäßigeren Preis, als es auf dem Markte verkauft wurde, dem Volke überlassen würde. war mäßig und wie für den Staat erträglich, so für das Volk nothwendig, also den Bürgern wie dem Staate heilsam.

73. Insbesondere müssen die Staatsbeamten dafür sorgen, daß ein Jeder sein Eigentum behält, und daß der Besitz der Privatpersonen von Seiten des Staates keine Schmälerung erfahre. Verderblich war zum Beispiel das Verfahren des Philippus Ueber Philippus s. zu I. 30, 108. Anm. 214. in seinem Tribunate, als er seinen Gesetzvorschlag wegen Vertheilung von Staatsländereien machte. Die Verwerfung dieses Vorschlages ließ er zwar ohne Widerrede geschehen und benahm sich hierbei mit außerordentlich großer Mäßigung; aber neben vielen anderen Aeußerungen, durch die er die Gunst des Volkes erstrebte, machte er auch jene schlimme Bemerkung, es lebten in unserem Staate keine zweitausend Menschen, die Besitz hätten: eine höchst gefährliche Rede, die auf Ausgleichung des Güterbesitzes hinzielte. Und läßt sich wol eine verderblichere Maßregel denken? Gerade zu dem Zwecke sind ja die Staaten und Städte gegründet worden, daß Jedem sein Eigentum gesichert sei. Denn wenn sich auch die Menschen, von einem Naturtriebe geleitet, zu einem geselligen Leben vereinigten S. oben I. 4, 12., so suchten sie doch den Schutz der Städte, in der Hoffnung dadurch ihren Besitz gesichert zu sehen.

74. Auch dafür muß man sorgen, daß die Bürger nicht, was bei unseren Vorfahren oft wegen Armut des Staatsschatzes und während der immerwährenden Kriege geschah, eine persönliche Steuer zu geben haben Da die öffentlichen Einkünfte des Römischen Staates gering waren, so sah sich der Staat bei dringenden Fällen oft genöthigt den Bürgern persönliche Steuern aufzulegen., und damit dieses nicht geschehe, müssen schon lange vorher Maßregeln ergriffen werden. Tritt aber die Nothwendigkeit einer solchen Abgabe in irgend einem Staate ein – ich will mich lieber so ausdrücken, um nicht für unseren Staat eine schlimme Vorbedeutung Seit der Besiegung des Macedonischen Königs durch Lucius Aemilius Paullus im J. 104 v. Chr. waren keine persönlichen Steuern mehr bezahlt worden (s. Kap. 22, §. 76.), da der Staatsschatz aus den Provinzen genug Einkünfte hatte, um alle Bedürfnisse des Staates zu bestreiten; selbst alle sonstigen Abgaben in Italien wurden seit der Besiegung des Mithridates durch Pompejus im J. 60 aufgehoben. Dies dauerte bis zu dem Jahre 43 v. Chr., wo die Triumvirn, da der Staatsschatz durch Cäsar und Antonius verschleudert worden war, und die Unterhaltung großer Heere gewaltige Summen Geldes erforderte, sich genöthigt sahen persönliche Steuern von den Römischen Bürgern zu erheben. So ist also die schlimme Vorahnung Cicero's ein Jahr später, als er diese Stelle niederschrieb, in Erfüllung gegangen. Was die Lesart der Stelle betrifft, so ist gewiß die Lesart: malo enim quam nostrae ominari der von Klotz gewählten: malo enim alii quam n. o. vorzuziehen. Unger vergleicht sehr passend: Cicer. Finn. II. 19, 61: propter suas voluptates; malo enim dicere quam voluptates; und ad Fam. III. 10. pro tua dignitate; malo enim dicere quam pro salute. auszusprechen; auch rede ich hier nicht von unserem, sondern nur im Allgemeinen vom Staate, – alsdann muß man Alle zu überzeugen suchen, daß sie sich ihrer eigenen Erhaltung wegen in die Nothwendigkeit fügen müssen.

Ferner haben alle Staatsbeamten auch die Verpflichtung dafür Sorge zu tragen, daß ein reichlicher Vorrath von den nothwendigen Lebensbedürfnissen vorhanden sei. Wie die Herbeischaffung derselben gewöhnlich bewerkstelligt werde und werden solle, braucht nicht erörtert zu werden, da ja die Sache auf der Hand liegt; der Punkt mußte nur berührt werden.

75. Die Hauptsache aber bei jeder Besorgung eines öffentlichen Geschäftes und Amtes ist auch den leisesten Verdacht von Eigennutz von sich fern zu halten. »Hätte mich doch,« sagte der Samnite Gajus Pontius Gajus Pontius, der Sohn des Herennius, ein tapferer Heerführer der Samniten, schloß im J. 321 v. Chr. die Römer bei Caudium, einer Stadt Samnium's, in den Caudinischen Pässen ein und ließ sie durch's Joch gehen. Im J. 292 wurde er gefangen genommen und enthauptet., »das Schicksal für die Zeiten aufbewahrt, und wäre ich doch erst dann geboren worden, wenn die Römer einmal anfangen Geschenke anzunehmen! Ich hätte sie nicht länger herrschen lassen.« Fürwahr er hätte noch manche Menschenalter warten müssen. Denn erst vor Kurzem ist dieses Uebel in unsern Staat eingedrungen. Daher bin ich wohl zufrieden, daß Pontius damals lebte Der Sinn: Wären die Römer damals schon so bestechlich gewesen, wie es später der Fall war, so namentlich in dem Jugurthinischen Kriege; so würden die Samniten, zumal unter der Führung des tapferen Pontius, ohne Zweifel den Römischen Staat vernichtet haben., wenn er wirklich so viel Kraft besaß. Es sind noch keine hundert und zehn Jahre Lucius Calpurnius Piso gab im J. 140 v. Chr. als Volkstribun das erwähnte Gesetz; Cicero schrieb dieß im J. 44; es waren also genau genommen nur 105 Jahre; Cicero wählte aber eine runde Zahl., daß Lucius Piso den Gesetzvorschlag wegen Zurückforderung erpreßter Gelder machte, da vorher kein solcher Vorschlag gemacht war. Aber in der Folge hatten wir so viele Gesetze der Art, eines immer strenger als das andere, so viele Angeklagte, so viele Verurtheilte, den so gefährlichen Italischen Krieg Seit Gajus Gracchus waren nach Verdrängung des Senates die Römischen Ritter im Besitze der Gerichte. Diese, die zugleich Pächter der Römischen Staatseinkünfte in den Provinzen waren, übten viele Ungerechtigkeiten aus. Suchten nun die Statthalter der Provinzen diesem Unwesen zu steuern, so geschah es ganz gewöhnlich, daß dieselben wegen Erpressungen angeklagt und von den Rittern, welche die Rechtspflege hatten, verurtheilt wurden. Marcus Drusus der Jüngere (s. zu I. 30, 108. Anm. 217) gab nun das Gesetz, daß Untersuchungen gegen die stattfinden sollten, die sich bei den Gerichten hätten bestechen lassen. Die Folge davon war, daß der Ritterstand aus Furcht vor diesen Untersuchungen den Drusus stürzte und mit ihm zugleich sein Gesetz wegen Ertheilung des Bürgerrechtes an die Italischen Bundesgenossen. Dadurch wurde der Italische Krieg, der auch der Marsische oder Bundesgenossenkrieg heißt und von 91 bis 89 v. Chr. dauerte, erregt., den die Furcht vor gerichtlichen Untersuchungen erregt hatte, und nach Aufhebung der Gesetze und Gerichte Zuerst durch Sulla, dann durch Cäsar. die so abscheuliche Ausplünderung und Beraubung unserer Bundesgenossen, daß wir nur durch die Ohnmacht Anderer, nicht aber durch unsere eigene Kraft bestehen.

XXII. 76. Panätius S. zu I. 2, 7. Anm. 71. lobt den Africanus Es ist Africanus der Jüngere. S. zu I. 22, 76. Anm. 171., daß er uneigennützig gewesen sei. Warum sollte er ihn nicht loben? Doch besaß er andere größere Eigenschaften. Das Lob der Uneigennützigkeit gehört nicht allein dem Manne an, sondern jenen Zeiten. Des ganzen Macedonischen Schatzes, der sehr bedeutend Nach Vellej. P. I. 9, 6. 210 Millionen Sesterzen; der sestertius galt zu Cicero's Zeiten etwa 15 Pfennige; also etwa 10,937,500 Thaler. Doch weichen die Angaben anderer Schriftsteller davon ab. S. Beier zu dieser Stelle. Uebrigens war nicht sowol dieser erbeutete Schatz die Ursache davon, daß die Römischen Bürger von jetzt an keine direkten Abgaben zu zahlen hatten, als vielmehr der Umstand, daß Macedonien, Illyrien und andere eroberte Länder große Abgaben an den Römischen Staat bezahlen mußten. war, bemächtigte sich Paullus Ueber Lucius Aemilius Paullus (s. zu I. 32, 116. Anm. 249). und brachte eine so große Geldsumme in den Staatsschatz, daß die Beute dieses einzigen Heerführers den persönlichen Abgaben ein Ende machte; aber in sein eigenes Haus brachte er Nichts außer dem ewigen Gedächtnisse seines Namens. Africanus Africanus der Jüngere zerstörte Karthago 146 v. Chr. S. zu I. 22, 76. Anm. 171., dem Beispiele seines Vaters folgend, war nach der Zerstörung Karthago's um Nichts reicher. Wie? Lucius Mummius Lucius Mummius zerstörte Korinth gleichfalls im J. 146 v. Chr. Mit den erbeuteten Kunstwerken schmückte er besonders die Stadt Rom aus; einige aber schenkte er auch anderen Städten Italiens. Vgl. Strabo VIII. v. 6. Nach Plin. 34, 7. starb er so arm, daß er seiner Tochter keine Mitgift hinterließ., der sein Amtsgenosse in der Censur gewesen war, war er reicher, als er die reichste Stadt von Grund aus vernichtet hatte? Italien wollte er lieber schmücken als sein Haus, wiewol mir durch den Schmuck Italiens auch sein Haus selbst geschmückter erscheint.

77. Kein Fehler also, um auf den Punkt wieder zurückzukommen, von dem ich ausging, ist häßlicher als der Geiz, zumal bei den Großen, denen die Leitung des Staates anvertraut ist. Denn mit dem Staate Wucher treiben ist nicht nur schimpflich, sondern auch frevelhaft und verrucht. Den Ausspruch des Pythischen Apollo Plutarch. Agis c. 9. und Instit. Laced. p. 239 F.: ’Αλκαμένει καὶ Θεοπόμπω τοι̃ς βασιλευ̃σι χρησμός εδόθη· ’Α φιλοχρηματία Σπάρταν ολει̃., Sparta werde durch nichts Anderes als durch Habsucht zu Grunde gehen, halte ich daher für eine Weissagung, die er nicht allein den Lacedämoniern, sondern auch allen mächtigen Völkern gethan hat. Durch Nichts aber können die Staatsmänner leichter das Wohlwollen der Volksmenge gewinnen als durch Uneigennützigkeit und Genügsamkeit.

78. Wer aber ein Volksfreund sein will und aus diesem Grunde die gleiche Vertheilung der Grundstücke versucht, so daß die Besitzer aus ihrem Besitze vertrieben werden, oder wer der Ansicht ist, dargeliehenes Geld müsse den Schuldnern erlassen werden; der erschüttert die Grundfesten des Staates: zuerst die Eintracht, die nicht da bestehen kann, wo dem Einen sein Vermögen genommen und einem Anderen geschenkt wird, sodann die Billigkeit, die gänzlich aufgehoben wird, wenn nicht Jedem das Seinige zu behalten gestattet ist. Darauf beruht ja, wie ich oben bemerkte, das Wesen des Staates und der Stadt, daß Jedem der Besitz seines Vermögens frei und unverkümmert bewahrt wird.

79. Ueberdieß erreicht man bei dem Verderben, das hierdurch dem Staate bereitet wird, nicht einmal die Gunst, die man sich verspricht. Denn wem sein Eigentum genommen wird, der ist sein Feind; wem es aber gegeben wird, der läßt es sich nicht merken, daß er es zu bekommen gewünscht hat, und besonders bei Erlassung geliehenen Geldes verbirgt er seine Freude, um den Schein zu vermeiden, als ob er zahlungsunfähig gewesen sei. Derjenige hingegen, der das Unrecht erlitten hat, behält es im Andenken und äußert seinen Schmerz ganz unverhohlen. Selbst wenn die Anzahl der mit Unrecht Beschenkten größer ist als die der widerrechtlich Beraubten, so sind darum jene doch noch nicht die Stärkeren. Denn dergleichen Fälle werden nicht nach der Zahl, sondern nach dem Gewichte beurtheilt. Kann man darin aber wol eine Billigkeit finden, wenn der, welcher kein Grundstück hatte, der Besitzer eines Grundstückes wird, das seit vielen Jahren oder auch Menschenaltern der Besitz eines Anderen war, der dagegen, welcher ein Grundstück hatte, es verliert?

XXIII. 80. Wegen dieser Art von Ungerechtigkeit vertrieben die Lacedämonier ihren Ephorus Lysander Lysander, einer der fünf Ephoren in Sparta, welche die höchsten obrigkeitlichen Personen in diesem Staate waren, und der König Agis III., ein edler Mann, überzeugt, daß der Staat der Spartaner nur durch Wiederherstellung der einfachen und strengen Verfassung Lykurgs vom Untergange gerettet werden könne, faßten um 244 v. Chr. den Plan, durch Schuldentilgung und eine neue Vertheilung des Grundeigentums dem zerrütteten Staate wieder aufzuhelfen. Agis' edler Sinn ist hierbei um so bewunderungswürdiger, als er selbst den größten Güterbesitz hatte. Die Ausführung des Planes scheiterte aber an dem anderen Könige Leonidas und an den reichen Vornehmen. Ein Aufruhr wurde von ihnen gegen Agis erregt und Agis 241 ermordet; Lysander mußte in die Verbannung gehen. Wenn aber Cicero den Verfall des Spartanischen Staates und das Verderben des übrigen Griechenlands von dem Plane des Agis und Lysander ableitet, so ist er in einem großen Irrtume begriffen. und richteten, was nie zuvor bei ihnen geschehen war, ihren König Agis hin, und seit dieser Zeit folgen so verderbliche Zwistigkeiten, daß theils Gewaltherrscher Nach dem Tode Kleomenes des Dritten, der den Plan des Agis wieder aufgenommen hatte, gerieth Sparta in die Hände mehrerer Gewaltherrscher, unter denen sich besonders Nabis durch Schlechtigkeit auszeichnete. sich erhoben, theils die Vornehmen verjagt wurden, und auf diese Weise der so herrlich eingerichtete Staat in Verfall gerieth. Nicht genug aber, daß er allein fiel, zog er auch das übrige Griechenland in sein Verderben, indem die Uebel, die von Lacedämon ausgingen, wie eine ansteckende Seuche, immer weiter um sich griffen. Wie? Unsere Gracchen Ueber die Gracchen s. zu II. 12, 43. Anm. 365., die Söhne des großen Tiberius Gracchus und die Enkel des Africanus, wurden sie nicht durch die Streitigkeiten wegen Ländereienvertheilung zu Grunde gerichtet?

81. Aratus Aratus flüchtete als siebenjähriger Knabe aus seiner Vaterstadt Sicyon nach Argos, weil sein Vater Klinias, Führer der Volkspartei in Sicyon, von dem Gewaltherrscher dieses Staates ermordet war. Zum Jüngling herangewachsen, faßte er den Plan seine Vaterstadt von der drückenden Gewaltherrschaft zu befreien, was ihm auch gelang (250 v. Chr.). Später trat er als Führer des Achäischen Bundes auf. Im J. 213 ließ ihn Philippus II., König von Macedonien, vergiften. aus Sicyon hingegen wird mit Recht gepriesen. Fünfzig Jahre war seine Vaterstadt in den Händen von Gewaltherrschern gewesen, als er von Argos gegen Sicyon aufbrach, heimlich in die Stadt eindrang und sich derselben bemächtigte. Nachdem er den Herrscher Nikokles unvermuthet überwältigt hatte, rief er sechshundert Verbannte, die zu den Wohlhabendsten der Stadt gehört hatten, zurück und gab so durch sein Erscheinen dem Staate seine Freiheit wieder zurück. Doch jetzt bemerkte er eine große Schwierigkeit hinsichtlich der Güter und Besitzungen. Einerseits nämlich hielt er es für höchst unbillig, wenn die Zurückgerufenen, deren Güter Andere in Besitz genommen hatten, darben sollten; andererseits fand er es nicht eben sehr billig, wenn ein Besitzstand von fünfzig Jahren gestört würde, weil in dem so langen Zeitraume Vieles durch Erbschaften, Vieles durch Kauf, Vieles durch Heirat rechtmäßiges Besitztum geworden war. Er urtheilte daher, den Letzteren dürfe, was sie hätten, nicht genommen, und die Ersteren, die es früher besessen hatten, müßten entschädigt werden. 82. Er sah nun ein, daß er zur Anordnung dieser Angelegenheit Geld nöthig habe, und sagte daher, er wolle deßhalb nach Alexandrien reisen, und bestimmte, daß man Alles bis zu seiner Rückkehr im bisherigen Stande belassen solle. Sofort eilte er zu seinem Gastfreunde Ptolemäus Ptolemäus Philadelphus (284–246 v. Chr.)., dem zweiten Könige seit der Erbauung Alexandriens, setzte ihm seine Absicht seiner Vaterstadt die Freiheit zu sichern auseinander und belehrte ihn über die Lage der Dinge. Der große Mann beredete leicht den reichen König ihm mit einer großen Geldsumme 150 Talente. Nach Plutarch hatte ihm Aratus vorher zu wiederholten Malen kostbare Gemälde geschenkt. auszuhelfen.

83. Mit dieser kam er nach Sicyon zurück, zog fünfzig der vornehmsten Männer zur Berathung und untersuchte mit ihnen die Rechte sowol derer, die fremdes Eigentum besaßen, als auch derer, die das Ihrige verloren hatten; und durch Abschätzung der Besitzungen brachte er es dahin, daß er die Einen beredete lieber Geld zu nehmen und ihre Besitzungen abzutreten, die Anderen es für vortheilhafter zu halten, daß ihnen der Werth ihrer Grundstücke in Geld ausgezahlt werde, als daß sie wieder in den vorigen Besitz derselben einträten. Das Ergebniß dieses Verfahrens war, daß die Eintracht wiederhergestellt wurde und Alle ohne Klagen auseinander gingen. O welch ein großer Mann! Er hätte es verdient in unserem Staate geboren zu werden. So geziemt es sich mit seinen Mitbürgern umzugehen, nicht aber, wie wir es schon zweimal S. oben II. 8, 29. erlebt haben, den Speer der Versteigerung auf dem Markte aufzustecken und die Güter seiner Mitbürger durch die Stimme des Ausrufers feil zu bieten. Jener Grieche hingegen war der Ansicht, – und darin that sich die Weisheit und Vortrefflichkeit des Mannes kund – für das Wohl Aller müsse Sorge getragen werden, und darin besteht die höchste Vernunft und Weisheit eines braven Bürgers, die Vortheile der Mitbürger nicht zu trennen, sondern sie mit gleicher Billigkeit zu umfassen. – Sie sollen umsonst in einem fremden Hause wohnen Den Sinn der Worte erklärt Madvig im Philologus 1848. S. 143 so: Die Worte: »Sie sollen umsonst in einem fremden Hause wohnen« werden gleichsam wie aus dem Munde eines Gewaltherrschers ausgesprochen. Darauf sagt Cicero sich verwundernd: »Wie so?« Die zum Nachtheil der Hausbesitzer ausgeübte Erlassung der Miethe für Wohnungen auf eine bestimmte Zeit wird hier gemeint. Dieselbe hatte schon im J. 48 Marcus Cälius Rufus ( Case. B. C. III, 21. Dio C. XLII, 22.) versucht, aber vergeblich; im J. 47 aber soll sie nach Dio C. XLII, 32. Cäsar selbst durchgesetzt haben.. – Wie so? Ich habe es gekauft, gebaut, ich erhalte es, ich verwende Geld darauf, und du sollst gegen meinen Willen den Genuß von meinem Eigentume haben? Was heißt das Anderes als dem Einen das Seinige rauben und dem Anderen fremdes Gut geben? 84. Neue Schuldbücher aber, was bedeuten sie Anderes, als daß du mit meinem Gelde Grundstücke kaufest und diese dann besitzest, während ich kein Geld haben soll?

XXIV. Man muß daher Vorsichtsmaßregeln treffen, daß keine Schuldenlast entstehe, die dem Staate nachtheilig sein kann, und dieses Uebel läßt sich durch manche Mittel verhüten. Sind aber einmal die Schulden gemacht, so darf man sich nicht eines Mittels bedienen, wodurch die Wohlhabenden das Ihrige verlieren, die Schuldner dagegen fremdes Gut gewinnen.. Denn es gibt kein Band, das den Staat kräftiger zusammenhalten kann als Treue und Glauben, die jedoch gar nicht bestehen können, wenn nicht die Bezahlung des geliehenen Geldes nothwendig ist. Zu keiner Zeit wurde mit größerer Leidenschaft auf Tilgung der Schulden hingearbeitet als unter meinem Consulate Cicero meint die Verschwörung des Catilina; die große Schuldenlast der Verschworenen war eine der wichtigsten Ursachen dieser Verschwörung.. Mit Waffen und Feldlager wurde die Sache von Leuten jeder Gattung und jedes Standes versucht; aber ich leistete ihnen einen so kräftigen Widerstand, daß dieses ganze Uebel aus unserem Staate entfernt wurde. Nie war die Schuldenlast größer und nie wurde sie genauer und leichter bezahlt; denn sobald die Hoffnung auf Betrug vernichtet war Cicero erklärte in der zweiten Rede gegen Catilina (9, 18), er werde die Güter der Schuldner versteigern lassen: Meo beneficio tabulae novae proferentur, verum auctionariae., erfolgte die Nothwendigkeit der Bezahlung. Aber ein Mann Cäsar wird hier gemeint, der zur Zeit der Catilinarischen Verschwörung im höchsten Grade verschuldet war und im Verdachte stand Theilnehmer an dieser Verschwörung zu sein. Durch die acht Jahre dauernden Gallischen Kriege befreite er sich von seinen Schulden und verschaffte sich große Schätze. Trotzdem wurde während seiner Dictatur durch ihn das Gesetz gegeben, daß die Güter nach dem Werthe, den sie vor dem Bürgerkriege gehabt hatten, abgeschätzt werden sollten, weil der Werth der Güter durch den Krieg so sehr gesunken war, daß viele Schuldner nicht im Stande waren ihre Schulden abzutragen. Cäsar ergriff daher diese Maßregel nicht seinetwegen, sondern um den Schuldnern aufzuhelfen. S. Caesar. Bell. Civ. III, 1. Das Urtheil Cicero's über das Verfahren Cäsar's ist offenbar ungerecht., der jüngst obsiegte, damals aber besiegt wurde, setzte das, was er früher beabsichtigt hatte, zu einer Zeit durch, als ihm nichts mehr daran liegen konnte. So stark war seine Sucht zu sündigen, daß er an dem Sündigen selbst Vergnügen fand, auch wenn kein Grund mehr dazu dawar.

85. Von dieser Art der Schenkungen nun, wobei dem Einen gegeben und dem Anderen genommen wird, werden sich die fern halten, die für die Wohlfahrt des Staates Sorge tragen, und ihr Hauptbestreben wird darauf gerichtet sein, daß durch Gleichheit vor dem Gesetze und den Gerichten ein Jeder im Besitze des Seinigen bleibe, daß weder die Geringeren wegen ihrer Niedrigkeit übervortheilt werden, noch den Wohlhabenden die Mißgunst ein Hinderniß werde das Ihrige zu behaupten oder wiederzuerlangen, daß sie endlich durch alle möglichen Mittel im Kriege wie im Frieden den Staat an Herrschaft, Land und Einkünften vergrößern. Das sind Grundsätze großer Männer, das war die Handlungsweise unserer Vorfahren; wer diesen Pflichten nachkommt, der wird neben dem höchsten Vortheile des Staates auch für seine Person große Gunst und Ehre erlangen.

86. Bei diesen Vorschriften für das Nützliche sind nach der Ansicht des Stoikers Antipater Antipater war ein Freund und Lehrer des jüngeren Cato. aus Tyrus, der unlängst zu Athen gestorben ist, zwei Punkte von Panätius übergangen, nämlich die Sorge für die Gesundheit und die für das Vermögen. Ich glaube, der große Philosoph überging sie, weil sie sich von selbst verstehen; denn das läßt sich nicht leugnen, sie gehören in das Gebiet des Nützlichen.

Was also die Gesundheit anlangt, so erhält man sie durch die Kenntniß seines Körpers, durch die Beobachtung dessen, was ihm zu nützen oder zu schaden pflegt, durch die Enthaltsamkeit in der ganzen Nahrungs- und Lebensweise, die zur Erhaltung des Körpers dient, durch Vermeidung der Wollust, endlich durch die Kunst derjenigen, zu deren Wissenschaft dieß gehört.

87. Das Vermögen aber soll durch Mittel erworben werden, die von Unsittlichkeit frei sind; erhalten aber soll man es durch Genauigkeit und Sparsamkeit; durch dieselben Mittel soll es auch vermehrt werden. Diesen Gegenstand hat der Sokratiker Xenophon vortrefflich in seinem Buche mit der Aufschrift »Oekonomicus« Xenophon's, des Sokratikers, d. h. des Schülers von Sokrates, Schrift Oekonomikus ist vollständig erhalten. abgehandelt; ich habe es etwa in deinem jetzigen Alter im einundzwanzigsten Lebensjahre. aus dem Griechischen ins Lateinische übersetzt.

XXV. 88. Aber auch eine Vergleichung ist oft nothwendig – das war der vierte Punkt, den Panätius übergangen hatte S. I. 3, 10.. Denn man vergleicht häufig körperliche Vorzüge mit Glücksgütern und die Glücksgüter mit körperlichen Vorzügen Unger hält die Worte: et externa cum corporis, sowie auch die folgenden: cum corporis externa hoc modo: dives esse potius quam maximis corporis viribus für unächt, da sie eine Tautologie und die letzteren auch einen Gedanken enthalten, dessen Wahrheit Cicero schwerlich behauptet haben würde. Allein da Cicero hier nicht erklärt, daß dieß seine Ansicht sei, sondern daß nur bei der Vergleichung eine solche Frage aufgeworfen werden könne, und da ferner der als Subjekt ausgedrückte Gegenstand corporis commoda und externa als der bevorzugte bezeichnet wird; so möchte ich Unger's Ansicht nicht beistimmen. Derselbe Gelehrte hat auch die Stelle: Sed toto – disputatum est, welche in allen Handschriften am Ende des Buches zwischen den Worten: officiorum genus und Reliqua stehen, in den §. 87. nach den Worten: e Graeco in Latinum convertimus versetzt. Allerdings würde die Stelle hier einen passenderen Platz einnehmen. Allein da kurz vorher von Reichtum, Einkünften, Wirtschaft, Verleihung des Geldes auf Zinsen die Rede ist, so konnte C. in Beziehung auf die Worte (§. 90.): »Doch dieser ganze Gegenstand – handelt« anknüpfen., sowie auch körperliche Vorzüge untereinander und Glücksgüter mit Glücksgütern. Mit Glücksgütern werden körperliche Vorzüge zum Beispiel so verglichen, daß man Gesundheit dem Reichtume vorzieht; mit den körperlichen Vorzügen Glücksgüter so, daß man lieber reich sein will als die größte Leibeskraft besitzen; körperliche Vorzüge unter einander so, daß Gesundheit höher als sinnliches Vergnügen geschätzt wird, Stärke höher als Schnelligkeit; Glücksgüter unter einander so, daß Ruhm vor Reichtum, städtische Einkünfte vor ländlichen Städtische Einkünfte, z. B. aus Fabriken, welche vornehme Römische Bürger durch Sklaven betreiben ließen, wie Plutarch, von Crassus in dessen Lebensbeschreibung Kap. 2. erwähnt; Corn. Nep. erzählt von Atticus in dessen Lebensbeschreibung Kap. 14, §. 3., alle seine Einkünfte hätten in Epiroticis und urbanis possessionibus bestanden. Vorzug haben. 89. Zu dieser Art der Vergleichungen gehört eine Aeußerung des alten Cato Ueber Cato den Aelteren s. zu I. 23, 79. Anm. 176.. Auf die Frage, was in der Wirtschaft das Zuträglichste sei, erwiderte er: »Gute Viehzucht,« Was zweitens? »Ziemlich gute Viehzucht.« Was drittens? »Schlechte Viehzucht.« Was viertens? »Feldbau.« Und da der Andere weiter fragte: »Was hältst du von dem Ausleihen des Geldes auf Zinsen?« so machte Cato die Gegenfrage: »Was hältst du vom Menschenmorde?« Cato meint den Geldwucher und sagt, dieser dürfe bei der Vergleichung vom Nützlichen gar nicht genannt werden, ebenso wenig wie Menschenmord. Hieraus und aus manchem Anderen muß man einsehen, daß Vergleichungen des Nützlichen oft eintreten und daß ich diesen Punkt mit Recht als den vierten bei der Untersuchung der Pflichten hinzugefügt habe.

Klotz hat das Wort vellem als verdächtig in Klammern eingeschlossen, doch mit Unrecht. S. die folgende Anmerkung. auch die Benutzung desselben – wird besser von gewissen Ehrenmännern Cicero nennt so mit Ironie die Geldwechsler oder Wucherer. Diese verstehen zwar die Kunst Geld zu erwerben und vortheilhaft anzulegen recht gut, aber nicht so die Kunst das Geld gut und edel zu benutzen. Das zu lehren gehört in die Pflichtenlehre., die bei dem mittleren Janus Es gab drei bedeckte Durchgänge mit dem Namen Janus auf dem Forum: Janus summus, imus und medois. Bei dem medius hatten die Geldwechsler ihre Buden. ihren Sitz haben, als von irgend einem Philosophen irgend einer Schule erörtert. Indeß muß man sich doch damit bekannt machen; denn es gehört in das Gebiet des Nützlichen, worüber dieses Buch handelt. Das Uebrige werde ich demnächst abhandeln.

 << Kapitel 3  Kapitel 5 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.