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Cicero's drei Bücher von den Pflichten

Marcus Tullius Cicero: Cicero's drei Bücher von den Pflichten - Kapitel 3
Quellenangabe
typetractate
authorRaphael Kühner
firstpub1859
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleCicero's drei Bücher von den Pflichten
created20060118
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Erstes Buch.

I. 1. Es ist bereits ein Jahr, mein lieber Marcus Marcus, Cicero's Sohn, geboren 689 nach Erbauung Roms, 65 v. Chr. Geb., war damals (45 v. Chr.) zwanzig Jahre alt. In dem Bürgerkriege zwischen Cäsar und Pompejus ging er (16 Jahre alt) mit seinem Vater nach Griechenland, und Pompejus machte ihn zum Befehlshaber der einen Hälfte der Reiterei der Bundesgenossen (vgl. Cicer. Offic. II. 13, 45). In Athen suchte ihn Gorgias, ein Lehrer der Beredsamkeit, zum Trunke und zur Verschwendung zu verleiten. Sein Vater drang daher darauf, daß er den Umgang mit ihm aufgab. In der Schlacht bei Philippi (42) focht der junge Cicero auf Seiten des Brutus mit; nach der Schlacht begab er sich nach Sicilien zum Sextus Pompejus. Octavianus gab ihm die Güter seines Vaters wieder, machte ihn zum Pontifex und im J. 30 mit sich zum Consul. Später war er Proconsul in Syrien. Schon in seiner Jugend ein Freund des Weines, soll er sich in späteren Jahren der Trunksucht ergeben haben., daß du den Kratippus Kratippus, geboren zu Mitylenä auf Lesbos, ein Peripatetiker, der berühmteste Philosoph damaliger Zeit. Vgl. unten II. 2, 8. III. 2, 5. de Divin. I. 3, 31. Plutarch Cic. c. 24. und das lobende Urtheil des Sohnes Marcus über ihn in Epist. ad Famil. XVI. 21, 6. Vorher hatte er zu Mitylenä gelehrt, später aber auf Anrathen Cicero's sich in Athen niedergelassen. hörst, und dieß zu Athen. Bei dem großen Ansehen eines solchen Lehrers, welcher dich mit wissenschaftlichen Kenntnissen bereichern kann, und einer solchen Stadt, welche dir viele aufmunternde Beispiele Im Texte steht bloß exemplis; offenbar aber sind hier unter den exemplis die aufmunternden Beispiele der jungen Männer zu verstehen, welche in Athen den Wissenschaften oblagen. bietet, kann es nicht fehlen, daß du dir schon eine reichliche Fülle von Lehren und Grundsätzen der Philosophie angeeignet hast. Allein sowie ich selbst zu meinem Nutzen immer mit dem Griechischen das Lateinische verbunden und dieß nicht nur in der Philosophie, sondern auch bei den Redeübungen gethan habe; so glaube ich dir dasselbe Verfahren anrathen zu müssen, damit du in beiden Sprachen eine gleiche Gewandtheit erreichest. Hierzu habe ich, wie mich dünkt, unseren Landsleuten ein wichtiges Hülfsmittel verschafft, wodurch nicht nur die der Griechischen Litteratur Unkundigen, sondern auch die Gelehrten im Reden wie im Urtheilen nicht wenig gefördert zu sein meinen.

2. Deßhalb lerne du von dem größten Philosophen unserer Zeit, und lerne, so lange du Lust hast; so lange aber mußt du Lust haben, als du mit deinen Fortschritten nicht unzufrieden bist. Beim Lesen meiner Schriften aber, die nicht sehr von den Ansichten der Peripatetiker abweichen, weil wir ja beiderseits wir beiden, nämlich die neueren Akademiker, zu denen sich Cicero bekannte, und die Peripatetiker, zu denen Kratippus gehörte. Sokrates war die Quelle, aus der zunächst Plato, der Gründer der älteren Akademie, und dann Aristoteles, der Gründer der peripatetischen Philosophie, hervorging; aus der älteren Akademie entwickelte sich später die neuere Akademie, deren Gründer Arkesilas war. (Vgl. zu Kap. 2, §. 6, Anmerk. 69.). Sokratiker und Platoniker sein wollen, magst du dich in Betreff der Sachen selbst deines eigenen Urtheiles bedienen, – daran hindere ich dich durchaus nicht; – dem Lateinischen Ausdrucke aber wirst du durch Lesung meiner Schriften fürwahr eine größere Fülle verleihen. Nicht aber möge man diese Worte für eine anmaßende Aeußerung halten. Denn die Wissenschaft des Philosophirens räume ich gern Vielen ein; wenn ich aber das, was dem Redner eigentümlich ist, den angemessenen, deutlichen und geschmückten Ausdruck, mir zueigne, weil ich in diesem Studium meine Lebenszeit zugebracht habe; so glaube ich dieses gewissermaßen mit meinem Rechte für mich in Anspruch nehmen zu dürfen.

3. Deßhalb fordere ich dich, mein Cicero, dringend auf nicht allein meine Reden, sondern auch diese meine philosophischen Schriften, die schon jenen an Zahl fast gleichkommen Cicero hatte damals achtundsechzig Reden herausgegeben, zu denen später die Philippischen Reden hinzukamen; die philosophischen und rhetorischen Schriften Cicero's beliefen sich damals mir Einschluß der drei Bücher von den Pflichten auf einundfunfzig., fleißig zu lesen. Allerdings herrscht in jenen eine größere Kraft der Beredsamkeit; aber auch diesen gleichmäßigen und gelassenen Vortrag muß man sorgfältig ausbilden. Und, so viel ich weiß, ist es noch keinem der Griechen bis jetzt gelungen in beiden Gattungen der Rede zugleich mit Glück zu arbeiten und sowol die Sprache der gerichtlichen Beredsamkeit als die der ruhigen wissenschaftlichen Erörterung zu handhaben; es müßte denn sein, daß sich Demetrius von Phalerus Demetrius aus Phalerus, einem Flecken in Attika, lebte zur Zeit Alexanders des Großen und war ein Schüler des Theophrastus; unter Kassander war er Oberbefehlshaber von Athen (317–307); nachher aber wurde er von Antigonus und Demetrius Poliorketes vertrieben; er starb zu Alexandria (284 v. Chr.). Er war ein sehr gelehrter Mann und hatte viele Schriften über Geschichte und Philosophie, sowie viele Reden und Gedichte hinterlassen, die aber sämmtlich verloren gegangen sind. Das rhetorische Werk über den Ausdruck (περὶ ερμηνείας) wird ihm mit Unrecht beigelegt. Ueber seine Beredsamkeit spricht sich Cicero ausführlich im Brutus c. IX. §§. 37 und 38 aus. zu dieser Klasse rechnen lasse, ein scharfsinniger Denker, aber als Redner zu wenig feuerig, doch anmuthig, so daß man in ihm den Schüler des Theophrastus Theophrastus aus Eresus auf Lesbos, ein Peripatetiker, Schüler des Plato und Aristoteles, Lehrer des Demetrius, ein Mann von der umfassendsten Gelehrsamkeit, um 300 v. Chr. Cicer. Brut. 31, 121 sagt in Betreff seiner Beredsamkeit: »Wer ist lieblicher (anmuthiger, dulcior) als Theophrastus?« Vgl. Quintil. X. 1, 83. Aus der außerordentlich großen Anzahl seiner Schriften ist uns Nichts erhalten worden. wiederfinden kann. Wie viel ich in beiden Gattungen geleistet habe, mögen Andere beurtheilen; so viel ist gewiß, daß ich mich mit beiden eifrig beschäftigt habe. 4. Allerdings bin ich der Ansicht, daß einerseits Plato Plato, der Sohn des Aristo, Schüler des Sokrates, Gründer der älteren Akademie (um 400 v. Chr.), wenn er sich auf die gerichtliche Beredsamkeit hätte legen wollen, mit der größten Würde und Fülle hätte reden können, andererseits Demosthenes Demosthenes aus Athen, der berühmteste Redner Griechenlands, der die Freiheit Griechenlands durch seine Reden gegen Philippus, König von Macedonien, muthig vertheidigte und nach Unterdrückung derselben sich durch Gift tödtete., wenn er das von Plato Erlernte fortgetrieben und es vorzutragen Neigung gehabt hätte, dieß mit Schmuck und Glanz hätte thun können. Und auf ebendieselbe Weise urtheile ich über Aristoteles Aristoteles, geboren 320 v. Chr. zu Stagirä in Thrakien, Schüler Plato's, der Gründer der Peripatetischen Philosophie, gestorben 222. und Isokrates Isokrates aus Athen, ein Schüler des berühmten Sophisten Gorgias, war der berühmteste Lehrer der Beredsamkeit in Griechenland (um 400 v. Chr.). Er schrieb zwar Reden, hielt sie aber nicht., von denen jeder, von seiner Wissenschaft angezogen, sich um die des Anderen nicht bekümmerte.

II. Da ich mir nun vorgenommen hatte gegenwärtig Etwas, später Vieles für dich niederzuschreiben und dir zu widmen, so wollte ich am Liebsten mit dem Gegenstande beginnen, welcher einerseits deinem Alter, andererseits meinem väterlichen Ansehen am Angenehmsten wäre. Denn unter der großen Anzahl von wichtigen und nützlichen Gegenständen in der Philosophie, welche gründlich und ausführlich von den Philosophen abgehandelt worden sind, finden meines Erachtens die Lehren und Vorschriften, die sie über die Pflichten gegeben haben, die weiteste Anwendung. Es gibt ja kein Lebensverhältniß weder in öffentlichen noch besonderen Geschäften, weder in auswärtigen noch häuslichen Angelegenheiten, weder wenn man sich mit sich allein beschäftigt, noch wenn man mit einem Anderen verkehrt, worin man sich der Pflicht entrathen könnte, und sowie auf ihrer Beobachtung die ganze Sittlichkeit des Lebens beruht, so auf ihrer Vernachlässigung die ganze Schande. 5. Daher ist diese Untersuchung allen Philosophen gemeinsam. Denn wie dürfte Jemand es wagen sich einen Philosophen zu nennen, wenn er keine Lehren über die Pflicht vortrüge? Allein es gibt einige Schulen Wie die Schule der Cyrenaiker und der Epikureer. S. III. 33, 116., welche durch die Begriffe, die sie vom höchsten Gute und Uebel aufstellen, die ganze Pflicht umstoßen. Denn wer das höchste Gut so bestimmt, daß es keine Gemeinschaft mit der Tugend hat, und zum Maßstabe derselben nur eigenen Vortheil, nicht aber die Sittlichkeit nimmt, der dürfte, wenn er seinen Grundsätzen getreu bleibt und sich nicht bisweilen von seiner besseren Natur besiegen läßt, weder Freundschaft noch Gerechtigkeit noch Freigebigkeit üben können; tapfer vollends kann gewiß auf keine Weise derjenige sein, welcher den Schmerz für das höchste Uebel hält, und ebenso wenig mäßig derjenige, welcher das sinnliche Vergnügen als das höchste Gut aufstellt. Obwol dieses, wie ich gern zugebe, so sehr auf der Hand liegt, daß es keiner philosophischen Erörterung bedarf; so habe ich es dennoch an einer anderen Stelle Im zweiten Buche vom höchsten Gute und Uebel. erörtert. 6. Diese Schulen nun dürften, wenn sie bei ihren Grundsätzen beharren wollen, schwerlich im Stande sein über die Pflicht irgend Etwas zu sagen, und überhaupt können nur diejenigen Philosophen festbegründete, unwandelbare und der Natur entsprechende Vorschriften der Pflicht lehren, welche behaupten, die Sittlichkeit müsse entweder als das einzige oder als das vorzüglichste Gut um ihrer selbst willen erstrebt werden. Demnach gehört diese Lehre ganz eigentlich den Stoikern Die Schule der Stoiker wurde von Zeno aus Cittium auf der Insel Cypern um 300 v. Chr. gegründet. Ihr Name kommt von dem Griechischen Worte στοά her, d. i. Halle, weil Zeno in der Stoa Poikile zu Athen lehrte. Sie lehrten, die Tugend sei das einzige Gut, das Laster das einzige Uebel, alle anderen Dinge seien gleichgültig und trügen weder zum glückseligen noch zum unglücklichen Leben bei., Akademikern und Peripatetikern Die älteren Akademiker (Plato) und die Peripatetiker (Aristoteles) lehrten, die Tugend sei das höchste Gut, das Laster das höchste Uebel. Die Akademiker haben ihren Namen von der Akademie, einem Gymnasium in der Vorstadt Athens, wo Plato und sein Nachfolger lehrten; die Peripatetiker, die Schüler des Aristoteles, haben ihren Namen von dem Griechischen Worte περιπατει̃ν, d. h. auf- und abgehen, weil er in dem Lyceum, gleichfalls einem Gymnasium in der Vorstadt, auf- und abgehend (περιπατω̃ν) lehrte. an; denn die Ansichten des Aristo, Pyrrho und Herillus Aristo aus Chios und Herillus aus Karthago waren Schüler Zeno's, des Gründers der Stoischen Schule (um 300 v. Chr.); Pyrrho aus Elis (um 340 v. Chr.), erst Maler, mit Anaxarchus Begleiter Alexanders des Großen auf seinen Feldzügen, später Priester in Elis. Aristo lehrte, es sei Nichts ein Gut außer der Tugend und Nichts ein Uebel außer dem, was der Tugend entgegen sei; insoweit stimmte er mit Zeno überein. Während aber Zeno in den gleichgültigen (äußeren) Dingen (αδιαφόροις) gewisse Unterschiede des Werthes annahm, so daß eine Wahl unter ihnen stattfinden konnte; behauptete Aristo, solche Unterschiede fänden nicht statt, und es sei völlig gleichgültig, ob die gleichgültigen Dinge vorhanden oder abwesend seien. Pyrrho ging noch weiter, indem er sagte, der Weise habe gar kein Gefühl für diese gleichgültigen Dinge. S. Cicer. Academ. II. 42, 130. Legg. I. 21, 55. Herillus erklärte die Erkenntniß, das Wissen, die Wissenschaft für das höchste Gut; nichts Anderes sei an und für sich zu erstreben. S. Cicer. Finn. V. 25, 75. Garve bemerkt zu der Meinung Aristo's, mit Recht urtheile Cicero, daß durch Aristo's Grundsatz die ganze Moral gestört werde. Wenn das Leben dem Tode, die Gesundheit der Krankheit, die Wohlhabenheit der Armut gleich ist; so ist es auch einerlei, ob man Jemanden ermordet oder ihm das Leben rettet, ob man Anderen Wohlthaten erweist oder ihnen das Ihrige raubt, ob man Provinzen verwüstet oder sie weise regirt. sind ja schon lange verworfen; jedoch würden diese volles Recht haben über die Pflicht zu reden, wenn sie irgend eine Wahl unter den Dingen zurückgelassen hätten, und so noch ein Weg zur Auffindung der Pflicht übrig wäre. Ich folge daher für jetzt wenigstens und in dieser Untersuchung vorzüglich den Stoikern, nicht jedoch als Uebersetzer, sondern ich will sie, wie ich zu thun pflege, als die Quellen benutzen, aus denen ich nach meinem Urtheile und Gutdünken schöpfe, so viel und auf welche Weise ich es für gut halte.

7. Da nun diese ganze Abhandlung die Pflicht zum Gegenstande haben soll, so halte ich es für zweckmäßig zuvörderst eine Begriffsbestimmung der Pflicht zu geben, was zu meiner Verwunderung Panätius Panätius aus Rhodus (um 150 v. Chr.), ein berühmter Philosoph der Stoischen Schule, dessen Schrift über die Pflichten (περὶ καθηκόντων) Cicero in seinem Werke über denselben Gegenstand zu Grunde gelegt hat. Er war ein sehr fein gebildeter Mann und lebte während seines Aufenthaltes in Rom mit vielen berühmten Männern auf vertraulichem Fuße. Wir besitzen über diesen Philosophen eine schöne Monographie: F. G. van Lynden Disputatio historico-critica de Panaetio Rhodio. Lugdun. Batav. 1802. – Uebrigens ist es auffallend, daß Cicero die bei Panätius vermißte Begriffsbestimmung von der Pflicht nicht sofort folgen läßt, sondern erst die Eintheilung der Pflichten vorausschickt. Auch gibt Cicero nicht von der Pflicht im Allgemeinen eine Begriffsbestimmung, sondern nur von der mittleren oder gewöhnlichen Pflicht. S. Einleitung S. 6 f. unterlassen hat. Denn jede Unterweisung, die man über irgend einen Gegenstand nach den Grundsätzen der Wissenschaft unternimmt, muß von der Begriffsbestimmung desselben ausgehen, damit man einsehe, was der eigentliche Gegenstand der Untersuchung sei.

III. Die ganze Untersuchung über die Pflicht zerfällt in zwei Theile, von denen der eine sich auf das höchste Gut bezieht, der andere in Vorschriften besteht, nach welchen das auf das Handeln bezogene Leben in allen Verhältnissen eingerichtet werden kann. Zu dem ersteren Theile gehören zum Beispiel solche Fragen: Sind alle Pflichten vollkommen? Ist wol die eine Pflicht wichtiger als die andere? und dergleichen. In dem zweiten Theile werden Vorschriften über die Pflichten ertheilt; diese Pflichten beziehen sich zwar auf die Lehre von dem höchsten Gute; allein es tritt dieß weniger deutlich hervor, weil sie mehr auf die Einrichtung des gewöhnlichen Lebens Rücksicht zu nehmen scheinen, und über diese muß ich mich in diesen Büchern aussprechen.

8. Auch gibt es noch eine andere Eintheilung der Pflicht. Man spricht nämlich von einer mittleren und einer vollkommenen Pflicht. Die vollkommene Pflicht könnten wir, mein' ich, das Rechte rectum. nennen; denn die Griechen nennen sie κατόρθωμα, während sie diese gewöhnliche Pflicht καθη̃κον D. h. das Gebührende, Geziemende, Schickliche. nennen. Von beiden geben sie folgende Begriffsbestimmung: Vollkommene Pflicht, sagen sie, ist das, was recht ist; mittlere Pflicht aber das, wovon man einen vernünftigen Grund angeben kann, warum es geschehen sei.

9. Die Ueberlegung nun, die man bei Fassung eines Entschlusses anwendet, ist nach der Ansicht des Panätius eine dreifache. Entweder nämlich zweifelt man, ob der Gegenstand der Ueberlegung sittlichgut zu thun sei oder sittlichschlecht, und bei dieser Betrachtung wird unser Geist oft nach entgegengesetzten Ansichten gezogen. Oder man untersucht und geht mit sich zu Rathe, ob der Gegenstand der Ueberlegung zur Bequemlichkeit und Annehmlichkeit des Lebens, zu Hülfsmitteln und Reichthum, zu Einfluß und Macht, um sich und seine Angehörigen zu unterstützen, beitrage oder nicht. Diese Ueberlegung hält sich durchaus auf dem Standpunkte der Nützlichkeit. Die dritte Art des Zweifels findet statt, wenn mit dem Sittlichguten das Scheinbarnützliche zu streiten scheint. Wenn uns nämlich einerseits die Nützlichkeit an sich zu reißen, andererseits die Sittlichkeit zu sich zurückzurufen scheint; da tritt der Fall ein, daß der Geist bei der Ueberlegung hin- und hergezogen wird und Unentschiedenheit im Nachdenken zeigt.

10. Bei dieser Eintheilung sind, obwol es beim Eintheilen ein Hauptfehler ist Etwas zu übergehen, zwei Punkte weggelassen. Denn nicht allein pflegt man zu überlegen, ob eine Handlung sittlichgut oder sittlichschlecht sei, sondern auch, wenn zwei sittlichgute Handlungen vorliegen, welche von beiden die bessere sei, desgleichen wenn zwei nützliche Handlungen vorliegen, welche von beiden die nützlichere sei. So findet sich, daß das Verhältniß, welches jener für ein dreifaches gehalten hat, in fünf Theile zerlegt werden muß. Zuerst muß man also von dem Sittlichguten reden, aber in doppelter Beziehung, dann auf gleiche Weise von dem Nützlichen, darauf von der Vergleichung beider.

IV. 11. Vom ersten Anfange an ist allen lebendigen Geschöpfen von der Natur Natura, Natur, oder natura ratioque, die Natur und die Vernunft, d. h. die vernünftige Natur (wie §. 14.), ist bei den Stoikern so viel als Gott, die Gottheit. der Trieb eingepflanzt sich, ihr Leben und ihren Körper zu erhalten und das zu vermeiden, was ihnen als schädlich erscheint, sowie dagegen Alles aufzusuchen und sich zu verschaffen, was zum Leben nothwendig ist, wie zum Beispiel Nahrung, Aufenthaltsorte und dergleichen. Eine gemeinsame Eigenschaft aller lebenden Geschöpfe ist ferner der Trieb nach Verbindung, um sich fortzupflanzen, und eine Sorge um die von ihnen erzeugten Wesen.

Aber zwischen dem Menschen und dem Thiere findet besonders der Unterschied statt, daß letzteres nur, soweit es durch sinnliche Eindrücke bestimmt wird, sich auf das in der Gegenwart Vorliegende richtet, von der Vergangenheit und Zukunft aber nur sehr Wenig empfindet. Der Mensch hingegen, weil er mit Vernunft begabt ist, die ihn befähigt die Folgen zu erkennen, die Ursachen der Dinge einzusehen, die Entwickelung der Sachen und ihre Veranlassungen zu durchschauen, Aehnlichkeiten zu vergleichen, an gegenwärtige Dinge zukünftige anzureihen und anzuknüpfen, begreift leicht den Lauf des ganzen Lebens und bereitet die zur Führung desselben nothwendigen Bedürfnisse vor.

12. Und ebendieselbe Natur verbindet mittelst der Vernunft den Menschen mit dem Menschen zur gegenseitigen Mittheilung der Gedanken durch die Rede und zur Geselligkeit des Lebens und pflanzt ihm hauptsächlich eine vorzügliche Liebe zu seinen Kindern ein und treibt ihn zu dem Wunsche, daß Vereine und Zusammenkünfte unter den Menschen statt finden und von ihm besucht werden mögen, und aus diesen Gründen zu dem Streben das zu einer bequemen Lebenseinrichtung Dienliche herbeizuschaffen, und zwar nicht für sich allein, sondern für Frau und Kinder und Alle, die ihm theuer sind und zu deren Erhaltung er verpflichtet ist. Diese Sorge reizt auch die Gemüther an und kräftigt sie zum Handeln.

13. Insbesondere ist dem Menschen die Erforschung und Aufspürung der Wahrheit eigentümlich. Wenn wir daher von den nothwendigen Geschäften und Sorgen frei sind, da verlangt uns Etwas zu sehen, zu hören, zu lernen, und die Erkenntniß der verborgenen oder wunderbaren Dinge halten wir für einen nothwendigen Bestandtheil des glücklichen Lebens. Hieraus sieht man ein, daß das, was wahr, einfach und lauter ist, der menschlichen Natur am Angemessensten ist.

An diesen Trieb die Wahrheit zu erkennen schließt sich ein gewisses Streben nach Herrschaft appetitio quaedam principatus, ein gewisses Streben noch Herrschaft oder der Erste ( princeps) zu sein, d. h. nach Selbständigkeit. an, so daß der von Natur wohl gebildete Geist Niemandem gehorchen mag als dem, der ihm Vorschriften oder Lehren gibt oder ihm zu seinem eigenen Besten nach Recht und Gesetz Befehle ertheilt. Hieraus entspringt Hochherzigkeit und Geringschätzung der Zufälle des menschlichen Lebens.

14. Auch darin zeigt sich eine nicht geringe Kraft der vernünftigen Natur, daß dieses einzige lebendige Geschöpf einsieht, was Ordnung, was Anstand sei, welches Maß in Handlungen und Reden beobachtet werden müsse. So zeigt schon bei den Gegenständen, welche durch den Gesichtssinn wahrgenommen werden, kein anderes Geschöpf Sinn für Schönheit, Anmuth und Ebenmaß. Die Vorstellungen dieser Dinge aber von der Sinnenwelt auf das Gebiet des Geistigen übertragend Quam similitudinem natura ratioque ab oculis ad animum transferens; d. i. quarum rerum (pulchritudinis, venustatis, convenientiae partium) similitudinem. Das Wort similitudo gebraucht Cicero öfter, wenn er von einer Sache eine Anwendung auf eine ähnliche Sache macht. Sowie der menschliche Geist in äußerlich sichtbaren Gegenständen Schönheit, Anmuth und Ebenmaß wahrnimmt, so auch, und zwar in weit höherem Grade, beobachtet er in seinem Inneren, in seinem sittlichen Leben Schönheit, Gleichmäßigkeit und Ordnung., hält die vernünftige Natur in noch weit höherem Grade die Beobachtung der Schönheit, Gleichmäßigkeit und Ordnung in den Gedanken und Handlungen für nothwendig und will, daß wir uns vor ungeziemenden und unmännlichen Handlungen, sowie in allen Meinungen und Thaten vor leidenschaftlichem Thun und Denken hüten.

Das sind die Bestandtheile, aus denen das, wonach wir suchen, das Sittlichgute, zusammengesetzt und gebildet wird. Mag es auch der äußeren Ehre entbehren Dieß ist gegen die Epikureer gesagt, denen nur das als honestum (sittlichgut) galt, was sich des Lobes der großen Menge zu erfreuen hatte. S. Cicer. de Finib. II. 15, 48 sq., so behauptet es doch seine innere Würde, und mit Recht behaupten wir, daß es, mag es auch von Niemandem gelobt werden, seinem Wesen nach lobenswerth sei.

V. Hier siehst du nun, mein lieber Sohn Marcus, die Gestalt selbst und gleichsam das Antlitz des Sittlichguten, das, wie Plato Plat. Phaedr. p. 250 E.: ’Όψις ημι̃ν ’Οξυτάτη τω̃ν διὰ του̃ σώματος έρχεται αισθήσεων, η̃ φρόνησις ουχ ορα̃ται· δεινοὺς γὰρ ὰν παρει̃χεν έρωτας, εί τι τοιου̃τον εαυτη̃ς εναργὲς ειδωλον παρείχετο εις οψιν ιόν. Eine vollständigere Uebersetzung dieser Stelle findet sich bei Cicer. de Finib, II. 16, 52: Oculorum, inquit Plato, est in nobis sensus acerrimus: quibus sapientiam non cernimus. Quam illa ardentes amores excitaret sui, si videretur! sagt, wenn es sich unserem leiblichen Auge sichtbar darstellte, eine bewunderungswürdige Liebe zur Weisheit Statt sapientiae liest Schütz gegen die Handschriften sui, weil im Vorhergehenden nicht sapientia, sondern honestum erwähnt wird. Bei Plato steht φρόνησις, und daher geht Cicero von dem Worte honestum zu dem Worte sapientia über, was er auch ganz gut thun konnte, da die Weisheit sich gerade in der Sittlichkeit zeigen soll. entzünden würde.

Alles Sittlichgute aber entspringt aus einer der vier Quellen Cicero meint die vier Kardinaltugenden: die Klugheit ( prudentia, φρόνησις), die Gerechtigkeit ( justitia, δικαιοσύνη), die Tapferkeit ( fortitudo, ανδρεία) und die Mäßigkeit ( temperantia, σωφροσύνη).. Es liegt nämlich entweder in der Erkenntniß der Wahrheit und in der geistigen Gewandtheit, oder in der Erhaltung der menschlichen Gesellschaft und in dem Streben einem Jeden das ihm Gebührende zu ertheilen, so wie in der treuen Erfüllung eingegangener Verträge, oder in der Größe und Stärke eines erhabenen und unüberwindlichen Geistes, oder in der Ordnung und dem Maße aller Handlungen und Reden, worauf die Mäßigung und Besonnenheit beruht.

15. Diese vier Tugenden sind zwar unter einander verbunden und verflochten; doch erwachsen aus jeder einzelnen bestimmte Arten von Pflichten. Zum Beispiel aus der in unserer Eintheilung zuerst erwähnten Tugend, in die wir die Weisheit und Klugheit setzen, entspringt die Erforschung und Auffindung der Wahrheit, und dieses ist die eigentümliche Aufgabe dieser Tugend. 16. Denn je besser Einer durchschaut, was in jeder Sache die meiste Wahrheit für sich hat, und je scharfsinniger und schneller er den Grund erkennen und entwickeln kann, für desto klüger und weiser pflegt er mit Recht gehalten zu werden. Demnach liegt dieser Tugend gleichsam als Stoff, den er bearbeitet und in dem er sich bewegt, die Wahrheit zu Grunde. 17. Den übrigen drei Tugenden sind als Gegenstand ihrer Thätigkeit die Bedürfnisse des Lebens aufgegeben, indem sie für Herbeischaffung und Erhaltung derjenigen Dinge sorgen, in denen die Thätigkeit des Lebens besteht, so daß die Gesellschaft und Verbindung des Menschen bewahrt wird, und die Hoheit und Größe der Seele in dem Bestreben hervorleuchtet unsere Macht zu vermehren und Vortheile uns und den Unserigen zu verschaffen, ungleich mehr aber in der Geringschätzung gerade dieser Dinge. Aber auch die Ordnung Im Texte steht: Ordo autem. Statt autem verlangt Pearce item, und diese Muthmaßung hat auch Unger in den Text aufgenommen, weil auch die beiden vorhergehenden Tugenden sich auf die actio, äußere Thätigkeit, beziehen. Allein diese Verbindung ist hier ebenso wenig nöthig als § 11.; denn autem wird oft, wie das Griechische δέ, in der Bedeutung ferner, auch, gleichfalls gebraucht. S. unsere Bemerkung in unserer Ausg. der Tuscul. I. 33, 18., das folgerechte Verhalten, die Mäßigung und andere diesen ähnliche Tugenden beschäftigen sich mit Dingen, bei denen man eine äußere Thätigkeit anwenden muß und nicht allein die Geistesthätigkeit. 18. Denn wenn wir bei den Geschäften des Lebens Maß und Ordnung anwenden, so werden wir die Sittlichkeit und den Anstand bewahren.

VI. Von den vier Theilen aber, in die wir das Wesen und den Begriff des Sittlichguten zerlegt haben, steht jener erste, der in der Erkenntniß der Wahrheit besteht, in der nächsten Berührung mit der menschlichen Natur. Denn wir Alle werden zu der Begierde nach Erkenntniß und Wissenschaft hingezogen und hingeleitet, und hierin sich auszuzeichnen halten wir für schön, sowie wir dagegen straucheln, irren, nicht wissen, sich täuschen lassen als etwas Uebles und Schimpfliches ansehen.

Bei dieser Tugend, die sich theils auf die Natur theils auf die Sittlichkeit bezieht, müssen wir zwei Fehler vermeiden. Der eine ist, daß wir nicht Unerkanntes für Erkanntes halten und ihm ohne Grund beipflichten. Wer diesem Fehler entgehen will, und Alle müssen dieß wollen, der muß Zeit und Sorgfalt zur genauen Betrachtung der Dinge anwenden. 19. Der zweite Fehler besteht darin, daß Einige ein allzugroßes Streben und allzuviel Mühe auf dunkele und schwierige und doch nicht nothwendige Gegenstände verwenden.

Vermeidet man diesen Fehler, so wird mit Recht die Mühe und Sorgfalt gelobt, die man den sittlichguten und wissenswürdigen Gegenständen widmet. So zum Beispiel legte sich, wie wir hören, Gajus Sulpicius Gajus Sulpicius Gallus, 166 v. Chr. Consul, sagte in dem Kriege mit Perseus, dem Könige von Macedonien, eine Mondsfinsterniß vorher und munterte die Soldaten auf dieselbe nicht als ein böses Vorzeichen anzusehen, da ihre Erscheinung auf natürlichen Gründen beruhe. S. Livius XLIV. 37. auf die Sternkunde, und, wie wir aus eigener Erfahrung wissen, Sextus Pompejus Sextus Pompejus, der Oheim des Gnäus Pompejus Magnus, ein Mann von großer Begabung, war ein ausgezeichneter Rechtsgelehrter und besaß in der Geometrie und Stoischen Philosophie die gründlichsten Kenntnisse. S. Cicer. Brut. XLVII. 175. auf die Meßkunst, Viele auf die Vernunftlehre und eine noch größere Anzahl auf das bürgerliche Recht. Diese Wissenschaften beschäftigen sich alle mit der Erforschung der Wahrheit; gleichwohl ist es pflichtwidrig, wenn man sich durch das Streben danach von dem thätigen Geschäftsleben abziehen läßt. Denn das ganze Lob der Tugend besteht im Handeln. Dieses leidet jedoch oft Unterbrechungen, und viele Gelegenheiten bieten sich dar zu den wissenschaftlichen Beschäftigungen zurückzukehren; ferner kann die Geistesthätigkeit, welche niemals ruht, uns in den Beschäftigungen des Denkens auch ohne unsere besondere Bemühung sine opera nostra. Unser nie ruhender Geist gestattet uns, selbst wenn wir unsere Berufsgeschäfte treiben, dabei auch über wissenschaftliche Gegenstände nachzudenken. erhalten. Alles Denken aber und alle geistige Thätigkeit muß entweder Ueberlegung über das, was sittlichgut ist und sich auf ein tugendhaftes und glückseliges Leben bezieht, oder Beschäftigung mit der Wissenschaft und Erkenntniß zum Gegenstande haben.

So viel von der ersten Quelle der Pflichten Ueber die Klugheit hat sich Cicero hier sehr kurz und ungenügend ausgesprochen, und auch, wie Garve richtig bemerkt, darin gefehlt, daß er die Tugend der Klugheit mit Wissenschaft und Gelehrsamkeit vermischt. »Er will von der Einsicht reden, die ein Theil jedes tugendhaften Charakters sein soll, und er redet von den Kenntnissen, welche nur die Beschäftigung gewisser Menschen sein können. Er soll sagen, wie der Mensch es anstellen müsse, um klug zu handeln, und er sagt, was für Wissenschaften er treiben, wie er sie treiben, und welche Abwege er dabei vermeiden müsse.« Vgl. die Einleitung S. 9..

VII. 20. Von den übrigen Tugenden aber hat diejenige, auf welcher die gesellige Verbindung der Menschen unter einander und gleichsam die Gemeinschaft des Lebens beruht, den weitesten Umfang. Sie begreift zwei Theile, nämlich erstens die Gerechtigkeit, in welcher sich die Tugend im höchsten Glanze zeigt und durch welche man sich den Namen eines Biedermannes ex qua viri boni nominantur. Die viri boni stehen gleich den viris justis. Vgl. III. 19, 77. erwirbt, zweitens die mit dieser verwandte Wohlthätigkeit, die man auch Güte oder Freigebigkeit nennen kann.

Die Aufgabe der Gerechtigkeit besteht erstens darin, daß man Niemandem Schaden zufüge, außer wenn man durch erlittenes Unrecht gereizt worden ist; zweitens darin, daß man das Gemeingut als Gemeingut, sein Eigentum als das Seinige benutze An dem Gemeingute hat Jeder gleichen Theil; der Einzelne darf es daher nicht für sich allein in Anspruch nehmen. S. I. 16, 51 u. 52. Nur das, was der Einzelne als sein Sondereigentum besitzt, kann er als sein wahres Eigentum ansehen.. 21. Von Natur aber gibt es kein Sondereigentum, sondern durch alte Besitznahme, wie es der Fall bei denen ist, die in herrenlose Gegenden eingezogen sind, oder in Folge eines Sieges, wie bei Kriegseroberungen, oder durch gesetzliche Bestimmungen, durch Uebereinkünfte oder Verträge oder durch Verloosung. Daher kommt es, daß die Arpinatische Arpinum und Tusculum, zwei Städte Latiums; bei beiden hatte Cicero Landgüter; die Gegenden waren also dem jungen Cicero hinlänglich bekannt. Feldmark ein Eigentum der Arpinaten und die Tusculanische ein Eigentum der Tusculaner genannt wird, und ein ähnliches Verhältniß findet auch bei der Vertheilung der Sonderbesitzungen statt. Weil nun auf diese Weise Jeder ein gewisses Eigentum besitzt, so soll er sich auch mit dem begnügen, was ihm aus dem Bestande dessen, was Gemeingut war, zugefallen ist. Wer davon mehr für sich verlangt, der verletzt das Recht der menschlichen Gesellschaft.

22. Da wir aber nach Plato's Pseud. Platon. Epist. 9. p. 358, A.: Αλλὰ κακει̃νο δει̃ σε ενθυμει̃σθαι, ότι έκαστος ημω̃ν ουχ αυτω̃ μόνον γέγονεν, αλλὰ της γενέσεως ημω̃ν τὸ μέν τι η πατρὶς μερίζεται, τὸ δὲ οι γεννήσαντες, τὸ δὲ οι λοιποὶ φίλοι. vortrefflichem Ausspruche, nicht blos für uns geboren sind, sondern einen Theil unseres Daseins das Vaterland, einen anderen unsere Freunde amici, bei Plato besser οι λοιποὶ φίλοι, so daß man unter den φίλοις zugleich auch die Verwandten, überhaupt die uns nahestehenden Menschen verstehen kann. in Anspruch nehmen, und da nach der Ansicht der Stoiker Diese Ansicht wird namentlich dem Stoiker Chrysippus zugeschrieben. S. Cicer. Fin. III. 20, 67. de Nat. Deor. II. 14, 37. alle Erzeugnisse der Erde zum Gebrauche der Menschen hervorgebracht werden, die Menschen aber der Menschen wegen, um sich gegenseitig nützen zu können, erschaffen sind: so müssen wir hierin der Leitung der Natur folgen, zum gemeinsamen Besten beitragen, durch gegenseitige Dienstleistungen, durch Geben und Empfangen, bald durch unsere Geschicklichkeiten, bald durch unsere Mühwaltung, bald durch unser Vermögen das Band der menschlichen Gesellschaft befestigen.

23. Die Grundlage der Gerechtigkeit ist die Redlichkeit, das heißt die Beständigkeit und Wahrhaftigkeit in Worten und Uebereinkünften. Diesem Begriffe zufolge will ich nach dem Beispiele der Stoiker, welche die Ableitung der Worte mit großem Fleiße zu erforschen bemüht sind, gleichfalls eine Ableitung versuchen, mag sie auch Manchem hart erscheinen; ich bin nämlich geneigt anzunehmen, das Wort Redlichkeit komme daher, daß das Geredete verwirklicht wird Im Texte steht: credamusque, quia fiat, quod dictum est, appellatam fidem. Da man diese Ableitung in der Uebersetzung nicht wiedergeben kann, so habe ich mit A. W.  Zumpt das Deutsche Wort Redlichkeit mit dem Worte Geredetes zusammengestellt. Uebrigens ist die von Cicero gegebene Ableitung: fides appellata est, quia fit, quod dictum est, gewiß falsch. Offenbar stammen, wie schon Salmasius bemerkt, die Wörter fido, fides von der Griechischen Wurzel πιθ; fides = πίστις oder Aeolisch πίττις..

Von der Ungerechtigkeit gibt es zwei Arten. Die eine bezieht sich auf die, welche Unrecht zufügen, die andere auf die, welche das Unrecht, das Anderen zugefügt wird, nicht abwehren, wenn sie es können. Wer ungerechter Weise irgend Einen angreift, sei es aus Zorn oder sonst einer Leidenschaft, der ist so zu betrachten, als ob er Hand an seinen Genossen Cicero wählt den Ausdruck socius, weil nach dem Begriff der Stoiker »inter nos natura ad civilem communitatem conjuncti et consociati sumus,« Cicer. de Fin. II. 20, 66. lege; wer aber den Anderen nicht vertheidigt und sich dem Unrechte, wenn er kann, nicht widersetzt, ist ebenso sehr in Schuld, als wenn er seine Aeltern oder Freunde oder sein Vaterland im Stiche ließe.

24. Was nun jenes Unrecht anlangt, das man geflissentlich, um Anderen zu schaden, zufügt; so hat es seine Quelle oft in einer Besorgniß, indem der, welcher dem Anderen zu schaden gedenkt, fürchtet, es möchte, wenn er das nicht thue, ihm selbst ein Nachtheil zugefügt werden. Meistentheils aber schreitet man zum Unrechten, um das zu erlangen, wonach man getrachtet hat, und bei diesem Fehler ist die Habsucht von dem ausgebreitetsten Einflusse.

VIII. 25. Man trachtet nach Reichtum, theils um sich die nothwendigen Lebensbedürfnisse zu verschaffen, theils um Vergnügungen zu genießen. Männer aber, die von einem höheren Streben beseelt sind, haben bei der Begierde nach Geld die Absicht dadurch persönlichen Einfluß zu gewinnen und die Mittel zu besitzen Andere sich verbindlich zu machen. So z. B. äußerte unlängst Marcus Crassus Marcus Licinius Crassus, 60 v. Chr. mit Cäsar und Pompejus Triumvir, unermeßlich reich und höchst habsüchtig, kam 54 v. Chr. in dem Parthischen Kriege um. Ueber den erwähnten Ausspruch des Crassus vergl. Plutarch. Cicer. 25. Crass. 2. Plin. H. N. 33. 10, 47., es habe Niemand Vermögen genug, der in dem Staate eine große Rolle spielen wolle, wenn er nicht von seinen Einkünften ein Heer zu unterhalten im Stande sei. Auch prachtvoller Prunk des Hausgeräthes und eine mit Zierlichkeit und Wohlhäbigkeit eingerichtete Lebensweise machen Freude. Das sind die Gründe, welche eine unbegränzte Begierde nach Reichtum hervorrufen. Indeß verdient die Vergrößerung des Vermögens, wenn sie Niemandem schadet, durchaus keinen Tadel; nur muß man hierbei stäts Unrecht meiden.

26. Insbesondere aber lassen sich sehr Viele verleiten die Gerechtigkeit zu vergessen, wenn die Begierde nach hohen Kriegs- oder Staatsämtern oder nach Ruhm sich ihrer Gemüther bemeistert. Denn der Ausspruch bei Ennius Ennius aus Rudiä in Kalabrien, geboren 239 v. Chr., gestorben 169, Vater der Römischen Dichtkunst genannt; hat viele Griechische Tragödien ins Lateinische übersetzt, sowie auch ein historisches Gedicht, Annalen genannt, geschrieben. Die angeführte Stelle scheint aus den Phönissen genommen zu sein. Die Söhne des Oedipus, Eteokles und Polynikes, hatten festgesetzt, daß sie abwechselnd immer ein Jahr lang auf dem Throne von Theben sitzen sollten. Nach Verlauf des ersten Jahres aber wollte Eteokles, der Aeltere, seinem jüngeren Bruder die Herrschaft nicht überlassen und brach so sein Wort.:

              »Keine Treue, kein heil'ger Bund besteht,
Handelt es sich um ein Königreich«

läßt eine weitere Anwendung zu. Denn überall, wo Mehrere nicht dieselbe Auszeichnung theilen können, zeigt sich gemeiniglich ein so großer Wetteifer, daß es sehr schwer hält jenen »heiligen Bund« zu bewahren. Einen Beweis dafür hat jüngst das unbesonnene Gebaren des Gajus Cäsar Gajus Julius Cäsar, der berühmte Dictator, wurde wegen seines Strebens nach Alleinherrschaft am 15. März des Jahres 44 vor Chr. G., in dem Cicero die drei Bücher von den Pflichten schrieb, ermordet. geliefert, der um der Alleinherrschaft willen, die er sich in seinem verkehrten Wahne ausgedacht hatte, alle göttlichen und menschlichen Rechte umstieß. Es ist aber hierbei eine betrübende Erscheinung, daß in den größten Geistern und glänzendsten Köpfen gemeiniglich Begierde nach Ehre, Herrschaft, Macht und Ruhm entsteht. Um so mehr muß man sich hüten in dieser Beziehung zu fehlen.

27. Indeß macht es bei jeder Ungerechtigkeit einen sehr großen Unterschied, ob man ein Unrecht in einer Leidenschaft, die gemeiniglich kurz und vorübergehend ist, oder geflissentlich und mit Bedacht begeht. Denn was in einer plötzlichen Gemüthsbewegung geschieht, ist von geringerer Bedeutung als das überlegte und vorbereitete Unrecht.

So viel genüge von dem thätlichen Unrechte.

IX. 28. Die zweite Art des Unrechtes, die darin besteht, daß man die Vertheidigung Anderer unterläßt und dadurch seine Pflicht versäumt, hat gewöhnlich mehrere Ursachen. Entweder nämlich will man sich nicht Feindschaften, Mühen und Kosten unterziehen, oder man läßt sich auch durch Nachlässigkeit, Trägheit und Schlaffheit oder durch gewisse eigene Lieblingsbeschäftigungen so abhalten, daß man diejenigen, welche man schützen sollte, im Stiche läßt. Es dürfte daher für die Gerechtigkeit schwerlich hinreichend sein, was bei Plato Welche Stelle bei Plato Cicero im Sinne gehabt habe, läßt sich nicht genau bestimmen. in Beziehung auf die Philosophen gesagt wird, nämlich, weil sie sich mit der Ergründung der Wahrheit beschäftigen und weil sie das, wonach die Meisten leidenschaftlich streben und worüber sie unter einander auf Leben und Tod zu kämpfen pflegen, verachteten und geringschätzten, darum seien sie gerecht. Freilich kommen sie der einen Art der Gerechtigkeit nach, insofern sie Niemandem durch Unrechtthun In den Handschriften und Ausgaben wird gelesen: in inferenda ne cui noceant injuria; allein offenbar ist das in vor inferenda aus einer verkehrten Wiederholung der ersten Silbe von inferenda entstanden; denn in inferenda injuria heißt bei dem Unrechtthun, was hier ganz unpassend ist. Auch Unger hat mit Recht Anstoß an diesem in genommen und dasselbe in Klammern eingeschlossen. Schaden zufügen; aber sie verfallen auf der anderen Seite in einen Fehler. Denn indem sie sich durch ihre Lernbegierde abhalten lassen, versäumen sie denen Hülfe zu leisten, die sie schützen sollten. Er glaubt Plat. de Rep. I. 347, C.: δει̃ δὴ αυτοι̃ς ανάγκην προσει̃ναι καὶ ζημίαν, ει μέλλουσιν εθέλειν άρχειν. Vgl. VI. 499. B. daher auch, sie würden nur gezwungen Staatsämter übernehmen. Billigerweise aber sollte dieß vielmehr aus freiem Willen geschehen. Denn auch eine gute Handlung ist nur insofern gerecht, als sie freiwillig geschieht.

29. Auch gibt es Menschen, die entweder aus dem Streben ihr Hauswesen in gutem Stande zu erhalten oder aus einer Art von Menschenscheu erklären, sie bekümmerten sich deßhalb nur um ihre eigenen Angelegenheiten, um den Verdacht irgend einer Ungerechtigkeit gegen Andere zu vermeiden. Diese halten sich zwar von der einen Art der Ungerechtigkeit frei, verfallen aber in die andere. Denn sie werden Abtrünnige der menschlichen Gesellschaft, weil sie dem Besten derselben Nichts von ihrem Fleiße, von ihrer Arbeit, von ihrem Vermögen widmen.

Nachdem wir nun die beiden Arten der Ungerechtigkeit aufgestellt und ihre Ursachen hinzugefügt, sowie auch vorher die Bestandtheile der Gerechtigkeit festgestellt haben; so werden wir leicht, was unter den jedesmaligen Umständen Pflicht ist, beurtheilen können, wenn wir nicht zu eigenliebig sein wollen. 30. Allerdings ist die Sorge für die Angelegenheiten Anderer schwierig, wiewol jener Chremes beim Terentius Terent. Heautontim. I. 1, 24. meint, Nichts, was einen Menschen angehe, sei ihm fremd; aber dennoch haben wir mehr Sinn und Gefühl für das Gute und Schlimme, das uns selbst, als für dasjenige, welches Anderen begegnet, da wir letzteres gleichsam aus weiter Entfernung sehen; daher kommt es, daß wir über Andere anders als über uns urtheilen. Darum geben diejenigen eine gute Vorschrift, welche uns verbieten Etwas zu thun, über dessen Billigkeit oder Unbilligkeit wir im Zweifel sind. Denn die Billigkeit leuchtet von selbst ein, der Zweifel aber deutet auf einen stillen Gedanken an Unrecht hin.

X. 31. Aber oft treten Umstände ein, wo Handlungen, die dem Charakter eines gerechten Mannes, oder wie wir zu sagen pflegen, eines Biedermannes ganz vorzüglich zukommen, eine andere Gestalt annehmen und sich ins Gegentheil wenden. So zum Beispiel verlangt bisweilen die Gerechtigkeit, daß man die Pflichten ein anvertrautes Gut zurückzugeben, ein gegebenes Versprechen zu erfüllen und sonstige Pflichten der Wahrhaftigkeit und Rechtlichkeit übertrete und nicht beobachte. Hierbei muß man nämlich auf die Grundsätze der Gerechtigkeit, die ich zu Anfang Kap. 7, §. 20. aufgestellt habe, zurückgehen, erstens, daß man Niemandem Schaden zufüge, zweitens, daß man dem gemeinsamen Nutzen diene. Tritt bei diesen Dingen durch Zeitumstände eine Veränderung ein, so ändert sich auch die Pflicht und bleibt nicht stäts dieselbe.

32. Es kann nämlich bei einem Versprechen oder einer Uebereinkunft der Fall eintreten, daß die Erfüllung derselben entweder dem nachtheilig ist, dem man Etwas versprochen, oder dem, der es versprochen hat. Hätte zum Beispiel, wie es in den Schauspielen heißt, Neptunus dem Theseus sein Versprechen nicht erfüllt, so würde Theseus seines Sohnes Hippolytus nicht beraubt worden sein Vgl. unten III. 25, 94. Neptunus, der Vater des Theseus in Athen, gestattete seinem Sohne drei Wünsche, erstens aus dem Hades wieder zurückzukehren, in den er sich begeben hatte, um die Proserpina für seinen Freund Pirithous zu rauben, zweitens aus dem Labyrinthe auf der Insel Kreta nach Ermordung des Minotaurus zurückzukehren, drittens seinen Sohn Hippolytus zu tödten, den er, jedoch mit Unrecht, im Verdachte eines strafbaren Umganges mit seiner Stiefmutter Phädra hatte. Vgl. III. 25, 94.. Unter seinen drei Wünschen nämlich war, wie erzählt wird, der dritte der, daß er in seinem Zorne den Untergang des Hippolytus wünschte, und durch die Gewährung desselben verfiel er in die tiefste Trauer.

Man darf also weder diejenigen Versprechen halten, welche für die verderblich sind, denen man sie gethan hat, noch ist es, falls sie dir mehr schaden als dem Anderen, dem du sie gethan hast, nützen, pflichtwidrig das Größere dem Kleineren vorzuziehen. Zum Beispiel, du sagst Einem zu, du wollest als sein Anwalt in einem Rechtsstreite vor Gericht erscheinen; unterdessen wird dein Sohn gefährlich krank; alsdann ist es nicht pflichtwidrig deine Zusage nicht zu halten, und der Andere, dem du das Versprechen gegeben hast, würde mehr gegen die Pflicht handeln, wenn er sich beschwerte, daß du ihn im Stiche gelassen habest.

Daß man nun vollends die Versprechen nicht zu erfüllen braucht, die man durch Furcht gezwungen oder durch List getäuscht gethan hat, wer möchte das nicht einsehen? Von solchen Versprechen wird man daher auch größtentheils durch das prätorische Recht Das prätorische Recht beruhte auf den rechtsgültigen Entscheidungen ( edictis) der Prätoren in Sachen, die nicht durch die Gesetze bestimmt waren. Es war ein Herkommensrecht. entbunden, von einigen auch durch Gesetze Durch das Plätorische und Aquillische Gesetz. S. unten III, 14, 60, 61, 65..

33. Oft entsteht auch Unrecht durch Rechtsverdrehung, d. h. durch eine allzu schlaue und boshafte Auslegung des Rechtes. Daher jenes schon in aller Munde befindliche Sprüchwort: Höchstes Recht höchstes Unrecht Vgl. Terent. Heautont. IV. 5. 48.. In dieser Beziehung wird auch in Angelegenheiten des Staates viel Unrecht begangen. Ein Beispiel hiervon ist jener Feldherr Kleomenes, Feldherr der Lakedämonier, in einem Kriege mit den Argivern. S. Plutarch. Apophthegm. Laconic. p. 223. Polyaen. VII. 43., der einen Waffenstillstand auf dreißig Tage mit dem Feinde geschlossen hatte und nun des Nachts dessen Ländereien verheerte, weil der Waffenstillstand auf Tage und nicht auf Nächte abgeschlossen worden sei. Auch einer unserer Landsleute verdient Mißbilligung, wenn das wahr ist, was man von Quintus Fabius Labeo Quintus Fabius Labeo war 183 v. Chr. Consul. erzählt, oder wer es sonst war; denn ich weiß die Sache bloß vom Hörensagen. Dieser wurde, so sagt man, den Nolanern und Neapolitanern vom Senate zum Schiedsrichter wegen Gränzstreitigkeiten gegeben; an Ort und Stelle angelangt, besprach er sich mit beiden Parteien besonders und ermahnte sie sich nicht leidenschaftlich, nicht habsüchtig zu benehmen und lieber mit der Gränze etwas zurück als vorwärts zu rücken. Beide Theile thaten dieß, und so blieb ein beträchtliches Stück Land in der Mitte übrig. Darauf bestimmte er nach ihrer eigenen Angabe ihre Gränzen, und das in der Mitte übrig gebliebene Stück sprach er dem Römischen Volke zu. Das heißt hintergehen und nicht Recht sprechen. Demnach muß man eine solche Schlauheit in jedem Falle vermeiden.

XI. Aber auch gegen die, von denen man Unrecht erlitten hat, muß man gewisse Pflichten beobachten. Denn es findet bei der Wiedervergeltung und Bestrafung des Unrechtes ein Maß statt, und es dürfte vielleicht genügen, wenn der Beleidiger über sein Unrecht Reue empfindet. So wird er selbst für die Zukunft Aehnliches sich nicht erlauben, und Andere werden weniger Lust zu Unrecht verspüren.

34. Fremden Staaten gegenüber müssen insbesondere die Rechte des Krieges beobachtet werden. Es gibt nämlich zwei Wege einen Streit zu entscheiden, den einen durch Rechtserörterung, den anderen durch Anwendung von Gewalt; jener ist dem Menschen, dieser den Thieren eigen. Zu dem letzteren dürfen wir daher nur dann unsere Zuflucht nehmen, wenn es uns nicht erlaubt ist den ersteren anzuwenden. 35. Deßhalb müssen zwar Kriege unternommen werden in der Absicht, daß man gesichert vor Unrecht im Frieden leben könne; sobald man aber den Sieg errungen hat, muß man für die Erhaltung derer sorgen, welche im Kriege keine Grausamkeit, keine Rohheit ausgeübt haben. So ertheilten unsere Vorfahren den Tusculanern, Aequern, Volscern, Sabinern, Hernikern Die Tusc., Aeq., V., Sab. und Hern. waren Völkerschaften in oder bei Latium. Die Tusculaner erhielten 380 v. Chr., die Volscer 303, die Sabiner 290, die Hernicer 306 das Bürgerrecht. Vgl. Cicer. pro Balbo cap. 13. Liv. VI. 25, 33. VIII. 14. Ueber die Aequer berichtet Livius IX. 43: nomen Aequorum prope ad internecionem deletum. sogar das Bürgerrecht; Karthago hingegen und Numantia Karthago wurde von Scipio Africanus, dem Jüngeren, 146 v. Chr. und Numantia, Hauptstadt der Celtiberier in Spanien, von demselben 133 erobert und zerstört. zerstörten sie von Grund aus. Ich wünschte, sie hätten Korinth Korinth wurde 146 v. Chr. von Mummius erobert und zerstört. verschont; allein ich glaube, sie hatten wol einen guten Grund dazu, besonders die günstige Lage der Stadt, da sie fürchteten, schon die örtliche Beschaffenheit derselben möchte einmal wieder zum Kriege auffordern. Nach meiner Ansicht sollte man stäts auf Frieden bedacht sein, wenn man dabei keine Hinterlist zu befürchten hat. Hätte man in dieser Beziehung auf meinen Rath gehört Cicero bemühte sich beim Ausbruche des zweiten Bürgerkrieges in Rom auf das Angelegentlichste zwischen Cäsar und Pompejus eine Aussöhnung zu bewirken. Vgl. Cicer. pro Dejotaro 10, 29: Quom ... exercitu amisso ego, qui pacis auctor semper fui, post Pharsalicum proelium suasor essem armorum non deponendorum, sed abiciendorum, und so viele Stellen in seinen Briefen, in denen er auch die Pompejaner wegen ihrer Hartnäckigkeit und Abneigung gegen den Frieden tadelt., so würden wir, wenn auch nicht die beste, doch irgend eine Staatsverfassung haben, während jetzt gar keine mehr vorhanden ist.

Wenn man nun für diejenigen Sorge tragen soll, welche man durch die Gewalt der Waffen besiegt hat; so ist es noch weit mehr Pflicht diejenigen in Schutz zu nehmen, welche nach Niederlegung der Waffen zur Gnade des Feldherrn ihre Zuflucht nehmen, mag auch schon der Sturmbock ihre Mauern erschüttert haben Z. B. die Marceller waren Schirmherren der Siculer, die Fabier der Allobrogen, Aemilius Paullus der Macedonier, Marcus Cato der Cyprier, Fabricius der Samniten, Scipio der Africaner.. In diesem Punkte wurde bei unseren Landsleuten die Gerechtigkeit so streng geübt, daß diejenigen, welche besiegte Städte oder Völker in ihren Schutz aufgenommen hatten, nach der Sitte unserer Vorfahren ihre Schirmherrn wurden Die Fetialen waren ein Kollegium von zwanzig Priestern, von Numa Pompilius gestiftet, deren Amt war unter gewissen Ceremonien den Feinden den Krieg anzukündigen, den Frieden zu schließen u. dgl. Die Sammlung der hierbei beobachteten Grundsätze und Ceremonien hieß das Fetialrecht..

36. Was die Billigkeit im Kriege anlangt, so finden sich über dieselbe in dem Fetialrecht Nach dem Römischen Kriegsrechte konnten die Belagerten, sobald die Kriegsmaschinen gegen die Mauern der Stadt angewendet waren, keine Ansprüche mehr auf Schutz machen, sondern mußten sich dem Feldherrn auf Gnade und Ungnade ergeben. Caesar. B. G. II. 32: se magis consuetudine sua quam merito eorum (Aduatucorum) civitatem conservaturum, si prius, quam murum aries attigisset, se dedidissent. des Römischen Volkes die gewissenhaftesten Verordnungen niedergeschrieben. Man kann hieraus ersehen, daß kein Krieg gerecht ist, wenn er nicht nach vorher geforderter Genugthuung geführt wird oder vorher angekündigt und angesagt worden ist. Popilius Popilius Länas, 173 v. Chr. Consul, führte in Ligurien Krieg. Der hier erwähnte junge Cato ist der Sohn des berühmten Cato Censorius (s. zu I. 23, 79). Unger hält die ganze Stelle: Popilius imperator teneb. bis jure cum hostibus pugnare non poterat für unächt, theils wegen falscher historischer Angabe, wie daß Cato unter einem Popilius gedient habe, daß im Ligurischen oder Macedonischen Kriege von Popilius eine Legion entlassen sei, theils wegen Dürftigkeit des Ausdrucks und Fehler gegen die Grammatik patitur und obligat statt pateretur und obligaret). Nach Weglassung der angegebenen Stelle schließen sich die Worte: Adeo – movendo passend an das Vorhergehende an: Ex quo – indictum. Andere Herausgeber, z. B. Beier, halten den folgenden Brief des Cato für unächt. S. Beier's XII Exkurs. hatte den Oberbefehl in einer Provinz, und in seinem Heere that der junge Cato seine ersten Kriegsdienste. Da es nun Popilius für gut hielt Eine Legion zu entlassen, entließ er auch den jungen Cato, der gerade in dieser Legion diente. Aus Vorliebe für den Krieg aber blieb dieser bei dem Heere zurück, und sein Vater schrieb daher an den Popilius, er möchte, wenn er seinem Sohne beim Heere zu bleiben gestatten wollte, ihn durch einen zweiten Fahneneid in Pflicht nehmen; denn nach Verlust des vorigen Rechtes Kriegsdienste zu thun durfte er nicht mit dem Feinde kämpfen.

37. Bis zu diesem Grade wurde bei kriegerischen Unternehmungen die größte Gewissenhaftigkeit beobachtet. Der Brief des älteren Cato an seinen Sohn, als dieser in Macedonien in dem Kriege gegen Perses diente, ist noch vorhanden Plutarch Quaest. Rom. 39: Διὰ τί τοι̃ς μὴ στρατευομένος μέν, εν στρατοπέδω δὲ άλλως αναστρεφομένοις ουκ εξη̃ν άνδρα βαλει̃ν πολέμον ουδὲ τρω̃σαι, καὶ του̃το Κάτων ο πρεσβύτης εν επιστολη̃ τινι δεδήλωκε, γράφων πρὸς τὸν υιὸν καὶ κελεύων, ει παρεθείη τη̃ς στρατείας, αποπληρώσας τὸν χρόνον, υποστρέφειν ὴ προσμένοντα λαβει̃ν παρὰ του̃ στρατηγου̃ τὸ εξει̃ναι τρω̃σαι καὶ ανελει̃ν πολέμιον· ότι τὴν ανάγκην μόνην εξουσίαν ει̃ναι δει̃ του̃ ανελει̃ν άνθρωπον. ‘Ο δὲ άνευ νόμου καὶ προστάγματος του̃το ποιω̃ν ανδροφόνος εστίν. Ueber Cato den Aelteren (s. zu I. 23, 79. Anmerk. 176)., worin er schreibt, er habe gehört, daß er vom Consul verabschiedet worden sei. Er ermahnt ihn sich in Acht zu nehmen und sich in kein Gefecht mit dem Feinde einzulassen; denn wer nicht Soldat sei, der habe, behauptet er, kein Recht mit dem Feinde zu kämpfen.

XII. Ich bemerke hierbei noch Folgendes. Dadurch, daß man einen Feind des Vaterlandes, der eigentlich perduellis heißen müßte, hostis nannte, hat man das Gehässige des Begriffes durch einen gelinden Ausdruck zu mildern gesucht. Hostis nämlich hieß bei unseren Vorfahren der, den wir jetzt einen Fremden peregrinum. Uebrigens ist es offenbar richtiger gerade das Gegentheil von Cicero's und Varro's ( de L. L. IV. princ.) Ansicht in Betreff des Wortes hostis anzunehmen. Der Fremde nämlich wurde in den alten und rohen Zeiten als ein Feind angesehen, wie bei Homer αλλότριος φω̃ς in der Bedeutung von πολέμος gebraucht wurde. Erst später, als die Römer mit fremden Völkern in Berührung kamen und Bündnisse mit ihnen abschlossen, nahm man das Wort peregrini für Fremde auf. Vgl. Beier's XIII Exkurs. nennen. Das zeigen die zwölf Tafelgesetze Die ältesten geschriebenen Gesetze der Römer, in zwölf eherne Tafeln eingegraben, von den Decemvirn festgestellt (450 und 449 v. Chr.). an, zum Beispiel in der Stelle: »Der mit einem hostis festgesetzte Gerichtstag« Status dies cum hoste. Festus p. 194: Status dies vocatur qui judicii causa est constitutus cum hoste, also der bestimmte Tag, wo man in einer Rechtssache mit einem Fremden vor Gericht erscheinen mußte., desgleichen in der Stelle: »Einem hostis gegenüber hat das Eigentumsrecht ewige Geltung« Adversus hostem aeterna auctoritas. Auctoritas heißt hier Eigentumsrecht. Ein Römischer Bürger behält einem Fremden gegenüber für immer das Recht an seinem Besitzthume, so daß dieses nie durch Verjährung Eigentum eines Fremden werden kann.. Läßt sich wol eine größere Milde denken, als daß man den, gegen welchen man Krieg führt, mit einem so gelinden Namen benennt? Doch hat die Länge der Zeit diesem Worte schon eine härtere Bedeutung verliehen. Denn die Bedeutung des Fremden ist in den Hintergrund getreten, und das Wort ist für den verblieben, der die Waffen gegen uns trägt.

38. Was nun die Kriege anlangt, in denen man um die Oberherrschaft streitet und nach Ruhm strebt; so müssen doch im Allgemeinen ebendieselben Beweggründe vorhanden sein, welche ich kurz zuvor als die rechtmäßigen Beweggründe für einen Krieg anführte. Doch muß man diese Kriege, welche den Ruhm der Oberherrschaft zum Zwecke haben, mit weniger Erbitterung führen. Sowie wir bei bürgerlichen Streitigkeiten anders verfahren, wenn der Gegner unser persönlicher Feind, anders, wenn er unser Mitbewerber ist, indem wir mit dem letzteren um Ehre und Würde, mit dem ersteren um Leben und guten Ruf kämpfen: so wurde mit den Celtiberen Die Celtiberen waren ein Volksstamm in Spanien, mit dem die Römer von 200–133 Krieg führten. Namentlich sind die Numantiner gemeint. und mit den Cimbern Die Cimbern, eine Germanische Völkerschaft aus Jütland, Schleswig, Holstein, wurden 101 v. Chr. von Marius und Catulus geschlagen. wie mit unseren persönlichen Feinden um das Bestehen einer der beiden Parteien und nicht um die Oberherrschaft Krieg geführt, mit den Latinern hingegen, den Sabinern, Samniten, Puniern und dem Pyrrhus Pyrrhus, König von Epirus, führte von 282–276 v. Chr. mit den Römern Krieg. um die Oberherrschaft gekämpft. Die Punier waren bundbrüchig, Hannibal grausam Die Worte: »Die Punier w. b., Hannibal gr.« geben den Grund an, warum die Kriege gegen die Punier von den Römern mit so großer Härte geführt seien, obwol sie Kriege um die Oberherrschaft waren, die mit geringerer Bitterkeit geführt werden sollen., die Uebrigen gerechter. Von Pyrrhus wenigstens sind die vortrefflichen Worte über die Auslieferung der Gefangenen bekannt Die folgenden Verse sind aus Ennius' fünftem Buche der Annalen (s. oben zu Kap. 8, §. 26). Pyrrhus sagt diese Worte dem Gajus Fabricius, der von den Römern abgeschickt war, um die Römischen Gefangenen für Geld loszukaufen.:

Weder verlang' ich Gold, noch Lösgeld sollt ihr mir geben.
Fern sei Wucher von uns Nec cauponantes bellum, d. h. nicht Wucher treibend mit dem Kriege, wie bei Aeschyl. Sept. 545 sq.: ελθὼν δ' έοικεν ου καπηλεύσειν μάχην., wir streiten in offener Feldschlacht,
Nicht Gold, sondern das Schwert entscheide den Kampf um das Leben.
Wen von uns beiden zum Herrscher bestimme das waltende Schicksal,
Laßt uns versuchen durch Tapferkeit. Auch vernehmet das Wort noch:
Traun, fest hab' ich beschlossen zu schonen der Tapferen Freiheit,
Deren Leben das Schicksal im Kriege zu schonen gewillt ist.
Und so geb' ich sie euch zum Geschenke. Den Göttern gefall' es.

Ein königliches Wort fürwahr und würdig des Aeakiden Aeakus, Jupiter's Sohn, König von Aegina, einer Insel im Saronischen Meerbusen zwischen Attika und Argolis, war Vater des Peleus, Großvater des Achilles, also Urgroßvater des Pyrrhus (Neoptolemos), der ein Sohn des Achilles und Stifter des Epirotischen Königreiches war. Geschlechtes.

XIII. 39. Auch selbst in dem Falle, wenn Einzelne, durch Zeitumstände genöthigt, dem Feinde ein Versprechen gegeben haben, müssen sie ihr Wort halten. Zum Beispiel im ersten Punischen Kriege wurde Regulus Ausführlicher wird dasselbe Beispiel III. 26 und 27 erwähnt. von den Puniern, in deren Gefangenschaft er gerathen war, wegen Auswechselung der Gefangenen nach Rom geschickt; zuvor aber hatte er einen Eid geleistet, daß er wieder zurückkehren wolle. Nach seiner Ankunft sprach er sich erstens im Senate gegen die Zurückgabe der Gefangenen aus; sodann, als Verwandte und Freunde ihn zurückhalten wollten, zog er es vor zurückzukehren und sich dem Tode zu überliefern als dem Feinde sein gegebenes Wort zu brechen. 40 Den ganzen vierzigsten Paragraphen halten die meisten Herausgeber für eingeschoben. Ein Hauptgrund für die Unächtheit der Stelle liegt darin, daß dieselbe in den meisten, und zwar in allen guten Handschriften weggelassen ist. Daß III. 32. die Sache nach Polybios anders erzählt wird, ist ganz unerheblich. Auch was man in sprachlicher Hinsicht als Cicero's unwürdig angeführt hat, hat wenig Bedeutung. Mit großer Ausführlichkeit hat sich Beier in dem XIV. Exkurs über diese Stelle ausgesprochen.. Im zweiten Punischen Kriege nach der Schlacht bei Cannä schickte Hannibal zehn Gefangene nach Rom, die sich eidlich zur Rückkehr verpflichtet hatten, wenn sie nicht die Auswechselung der Gefangenen zu Stande brächten. Diese versetzten die Censoren sämmtlich, da sie ihren Eid gebrochen hatten, auf Lebenszeit in die Klasse der Aerarier Aerarier hießen die Bürger der untersten Klasse in Rom., und ebenso den, der sich durch betrügerische Umgehung seines Eides strafwürdig gemacht hatte. Dieser nämlich ging mit Erlaubniß Hannibal's aus dem Lager, kehrte aber bald darauf wieder um, indem er erklärte, er habe Etwas vergessen. Darauf ging er wieder aus dem Lager heraus und glaubte so seines Eides entbunden zu sein; und den Worten nach war er es, nicht aber der Sache nach. Zu jeder Zeit aber muß man, wenn es sich um ein Versprechen handelt, bedenken, was der Sinn der Worte sein soll, nicht was die Worte bedeuten können. Das größte Beispiel von Gerechtigkeit gegen einen Feind haben unsere Vorfahren aufgestellt, als ein Ueberläufer Vgl. III. 22. von Pyrrhus dem Senate versprach, er wolle dem Könige Gift geben und ihn tödten. Der Senat und Gajus Fabricius lieferten den Ueberläufer dem Pyrrhus aus. So verwarfen sie es selbst einen mächtigen und sie von freien Stücken bekriegenden Feind auf frevelhafte Weise umzubringen.

41. So viel genüge von den Pflichten im Kriege.

Wir müssen uns aber auch daran erinnern, daß man auch gegen die niedrigsten Menschen Gerechtigkeit beobachten muß. Der niedrigste Stand und das niedrigste Loos ist das der Sklaven. In Betreff dieser geben diejenigen keine üble Vorschrift, welche sagen, man müsse sie wie Tagelöhner behandeln: Dienstleistungen solle man von ihnen fordern, dagegen ihnen das gewähren, was Recht und Billigkeit verlangt.

Man kann übrigens auf zweierlei Weise Unrecht thun, nämlich durch Gewalt oder durch List. Die List scheint das Wesen eines Fuchses zu sein, die Gewalt das eines Löwen; beides ist des Menschen ganz unwürdig; die List jedoch verdient noch mehr Abscheu. Im ganzen Bereiche der Ungerechtigkeit aber gibt es nichts Abscheulicheres, als wenn man gerade dann den Schein eines ehrlichen Mannes anzulegen sucht, wenn man einen Betrug ausübt.

So viel genüge von der Gerechtigkeit.

XIV. 42. Demnächst soll nach der von uns gemachten Eintheilung S. Kap. 7, §. 20. von der Wohlthätigkeit und von der Freigebigkeit gesprochen werden, die zwar unter allen Tugenden der menschlichen Natur am Angemessensten sind, aber gar manche Vorsichtsmaßregeln erheischen. Man muß nämlich hierbei erstens darauf sehen, daß die Güte nicht schade weder denen, welchen dem Anscheine nach etwas Gutes erwiesen werden soll, noch auch den Anderen; zweitens, daß die Güte nicht unsere Mittel übersteige; drittens, daß Jedem nach Verdienst Gutes erwiesen werde. Denn das ist der Grundbegriff der Gerechtigkeit, auf den die genannten Rücksichten bezogen werden müssen. Denn wer einem Anderen eine Gefälligkeit erweist, welche dem schadet, dem er anscheinend nützen will, der ist nicht für wohlthätig, auch nicht für freigebig, sondern für einen verderblichen Schmeichler zu halten, und wer dem Einen schadet, um gegen einen Anderen freigebig zu sein, ist ebenso ungerecht, als wenn er fremdes Eigentum zu seinem Vortheile verwendete. 43. Es gibt aber viele, namentlich nach Glanz und Ruhm gierige Menschen, die dem Einen das Seinige entreißen, um es an einen Anderen zu verschenken, und diese wähnen, sie würden für Wohlthäter ihrer Freunde gelten, wenn sie dieselben auf jede mögliche Weise bereicherten. Ein solches Benehmen entfernt sich so weit von der Pflicht, daß Nichts mehr der Pflicht entgegengesetzt werden kann. Wir müssen daher dafür sorgen, daß wir eine Freigebigkeit üben, welche unseren Freunden nützt und Niemandem schadet. Aus diesem Grunde darf bei Lucius Sulla und Gajus Cäsar Sulla und Cäsar suchten ihre Anhänger durch große Schenkungen zu bereichern. Man denke nur an die abscheulichen Proscriptionen des Sulla, die zu diesem Zwecke zum Theil vorgenommen wurden. Vgl. B. II. Kap. 8. Beier führt passend Cato's Worte bei Sallust. Catil. c. 52. an: Jam pridem equidem nos vera rerum vocabula amisimus, quia bona aliena largiri liberalitas vocatur. von keiner Freigebigkeit die Rede sein, wenn sie von rechtmäßigen Besitzern ihr Vermögen auf Fremde übertrugen. Denn keine Handlung verdient den Namen der Freigebigkeit, wenn sie nicht zugleich gerecht ist.

44. Die zweite Vorsichtsmaßregel war die, daß die Güte nicht unsere Mittel übersteige. Denn wer freigebiger sein will, als seine Umstände erlauben, begeht erstens darin einen Fehler, daß er gegen seine nächsten Angehörigen widerrechtlich handelt. Das Vermögen, das billigerweise diesen vielmehr hätte gegeben und hinterlassen werden sollen, überträgt er auf Fremde. Auch liegt gemeiniglich in einer solchen Freigebigkeit die Begierde Anderen das Ihrige zu rauben und auf unrechtmäßige Weise zu entwenden, um Hülfsquellen zu Schenkungen zu gewinnen. Auch kann man die Bemerkung machen, daß gar Viele, welche nicht von Natur freigebig sind, sondern aus einem gewissen Ehrgeize, um den Ruf der Wohlthätigkeit zu erhalten, Vieles thun, was offenbar mehr in Prahlsucht als in einer wohlwollenden Gesinnung seinen Grund hat. Eine solche Verstellung aber ist der Eitelkeit näher verwandt als der Freigebigkeit und sittlichen Güte.

45. Als dritte Vorsichtsmaßregel stellten wir auf, daß man bei der Wohlthätigkeit eine Auswahl nach dem Verdienste treffe. Hierbei muß man den Charakter dessen berücksichtigen, dem man eine Wohlthat erweisen will, seine Gesinnung gegen uns, die Gemeinschaft und gesellige Verbindung, in der wir zu ihm stehen, und die nützlichen Dienste, die er uns früher geleistet hat. Daß diese Rücksichten sämmtlich zusammenträfen, wäre wünschenswerth; wenn dieß aber nicht der Fall ist, so muß die Mehrzahl und die größere Wichtigkeit der Rücksichten den Ausschlag geben.

XV. 46. Weil man nun aber nicht unter vollkommenen und durchaus weisen Menschen lebt, sondern unter solchen, bei welchen man zufrieden sein kann, wenn sie nur ein der Tugend ähnliches Bild in sich tragen: so muß man, meines Erachtens, die Einsicht haben, daß man überhaupt Niemanden vernachlässigen darf, in dem eine Spur der Tugend ersichtlich ist, daß man aber einen mit um so größerer Achtung behandeln muß, je mehr ihn die sanfteren Tugenden schmücken, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung und ebendiese Gerechtigkeit, von der ich schon so viel gesprochen habe. Denn ein tapferer und hochstrebender Geist zeigt sich bei einem nicht vollkommenen und nicht weisen Manne gemeiniglich allzu aufbrausend, während jene Tugenden mit einem guten Manne vielmehr in Berührung zu stehen scheinen. Dieses ist in Betreff des Charakters zu beachten.

47. Was nun aber das Wohlwollen anlangt, das man uns schenken soll; so ist es die erste Vorschrift der Pflicht, daß man dem die größte Aufmerksamkeit erweise, der uns mit der größten Achtung behandelt. Jedoch dürfen wir das Wohlwollen nicht, wie junge Leute thun, nach einer leidenschaftlichen Liebe, sondern nach ihrer Festigkeit und Beständigkeit beurtheilen. Sind aber schon Verdienste um uns vorhanden, so daß wir uns nicht Dank erst zu erwerben, sondern Dank zu erwidern haben; alsdann müssen wir größere Sorgfalt anwenden. Denn keine Pflicht ist dringender als die der Dankbarkeit. 48. Wenn man nach Hesiodos' Hesiodos, ein Griechischer Dichter aus Kyme in Aeolis, lebte zu Askra in Böotien um 800 v. Chr. Die hier angeführte Stelle ist. Hesiod. ’Έργ. καὶ ημέρ. 349 ff.:

Ευ̃ μὲν μετρει̃σθαι παρὰ γείτονος, ευ̃ δ' αποδου̃ναι
Αυτω̃ τω̃ μέτρω καὶ λώïον, αί κε δύνηαι.

Cicer. Brut. c. 4. drückt denselben Gedanken so aus. Illud Hesiodium laudatur a doctis, quod eadem mensura reddere jubet, quae acceperis, aut etiam cumulatiore, si possis.

Vorschrift das zum Gebrauche von Anderen Erhaltene, wo möglich, in reichlicherem Maße zurückgeben soll; was sollen wir erst dann thun, wenn wir uns durch eine empfangene Wohlthat dazu aufgefordert sehen? Sollen wir es nicht fruchtbaren Aeckern gleich thun, die ungleich mehr ertragen, als sie empfangen haben? Denn wenn wir keinen Anstand nehmen denen Dienste zu erweisen, von welchen wir Nutzen zu ziehen hoffen; wie müssen wir erst gegen die gesinnt sein, welche uns schon genützt haben?

Es gibt nämlich zwei Arten von Freigebigkeit, die eine Wohlthaten zu erweisen, die andere sie zu erwidern. Ob wir Wohlthaten erweisen wollen oder nicht, steht in unserer Gewalt; aber sie nicht zu erwidern ist einem braven Manne nicht erlaubt, wenn er es ohne Unrecht thun kann.

49. Indeß muß man zwischen empfangenen Wohlthaten eine Auswahl treffen, und es leidet keinen Zweifel, daß man der größten Wohlthat auch den größten Dank schuldet. Hierbei ist jedoch insbesondere zu erwägen, mit welcher Gesinnung, mit welcher Zuneigung und mit welchem Wohlwollen zu uns Einer gehandelt hat. Denn Viele thun Vieles auf's Gerathewohl, ohne Beurtheilung, entweder aus einer krankhaften Neigung morbo. Mit Unrecht hat man an diesem Ausdrucke Anstoß genommen und dafür das durchaus matte modo gesetzt. Die krankhafte Neigung zur Freigebigkeit wird ganz richtig im Sinne der Stoiker morbus, Krankheit, genannt. Der plötzliche Gemüthsdrang zur Freigebigkeit ( repentinus impetus animi) ist eine Leidenschaft ( perturbatio animi), die bleibende Neigung zur Freigebigkeit ist eine Krankheit ( morbus). Ueber den Unterschied zwischen perturbatio animi, morbus und aegrotatio vergl. Ciceron. Tuscul. IV, cap. 12 und 13. für Alle oder durch eine plötzliche Aufwallung des Gemüthes, wie durch einen Windstoß, getrieben. Solche Wohlthaten darf man nicht für ebenso hoch anschlagen als die mit Beurtheilung und Ueberlegung und nach festen Grundsätzen erwiesenen.

Uebrigens sowol bei Erweisung von Wohlthaten als bei Erwiderung derselben verlangt, wenn sonst die Verhältnisse gleich sind, die Pflicht insbesondere, daß wir dem allermeist helfen, welcher der Hülfe am Meisten bedarf. Freilich geschieht gemeiniglich das Gegentheil; denn man erweist dem vorzüglich Dienste, von dem man das Meiste hofft, auch wenn er derselben nicht bedarf.

50. Am Besten wird aber die gesellige Verbindung der Menschen bewahrt werden, wenn wir Anderen um so viel mehr Güte erweisen, je mehr sie mit uns in Verbindung stehen. Ich glaube hier etwas weiter ausholen und erklären zu müssen, welches die natürlichen Grnndlagen der menschlichen Gemeinschaft und Gesellschaft sind. Die erste nämlich ist die, welche sich in der Gesellschaft des ganzen Menschengeschlechtes zeigt. Ihr Band ist Vernunft und Sprache, die durch Lehren, Lernen, Mittheilen, Erörtern und Urtheilen die Menschen unter einander verbinden und zu einer natürlichen Gesellschaft vereinen. Durch Nichts unterscheiden wir uns mehr von dem Wesen der Thiere. Von ihnen sagen wir zwar oft auch, daß sie Tapferkeit besitzen, wie zum Beispiel von den Pferden und Löwen; niemals aber, daß sie Gerechtigkeit, Billigkeit und Güte besitzen. Denn sie sind der Vernunft und Sprache untheilhaftig.

51. Diese gesellige Verbindung der Menschen unter einander, und zwar aller mit allen, ist die, welche die weiteste Ausdehnung hat. In ihr muß an Allem, was die Natur zum gemeinsamen Gebrauche der Menschen hervorgebracht hat, ein gemeinschaftlicher Antheil stattfinden, mit der Einschränkung jedoch, daß das, was durch die Gesetze und das bürgerliche Recht Sondergut geworden ist, so im Besitze bleibe, wie es gerade durch die Gesetze bestimmt ist Die Lesart der Handschriften ist: haec ita teneantur, ut sit constitutum: e quibus ipsis cetera sic observentur etc., die man so erklärt: e quibus ipsis sc. legibus = secundum quas leges ipsas cetera sic obs. Allein in dieser Erklärung liegt ein Widerspruch; denn offenbar wird von Cicero der Gegensatz gemacht zwischen quae descipta sunt legibus und cetera, d. h. solchen Dingen, welche nicht descripta sunt legibus. Also kann von den letzteren auch nicht gesagt werden: sie sollen nach den Gesetzen angesehen werden. Ich habe daher nach der scharfsinnigen Muthmaßung des Gulielmius: ut sit constitutum legibus ipsis, cetera sic observentur übersetzt.; das Uebrige dagegen möge so angesehen werden, wie es in einem Griechischen Sprüchworte heißt: Unter Freunden ist Alles gemeinsam Im Griechischen: κοινὰ τὰ τω̃ν φίλων. Vgl. Platon. Legg. V. p. 739, C. mit Aristotel. Pol. II, cap. 3.. Gemeingut der Menschen, glaub' ich, ist Alles, was zu der Klasse von Dingen gehört, die Ennius Ueber Ennius s. zu I. 8, 26. bei Einem Falle anführt, die aber auf sehr viele andere Fälle anwendbar ist:

Der Mensch, der Irrenden den Weg gefällig zeigt,
Thut so, als zünd' an seinem Licht er fremdes an;
Nicht minder leuchtet's ihm, wenn auch das andre brennt.

Aus diesem einen Beispiele erhellt hinlänglich die Lehre: Alles, was ohne Nachtheil gewährt werden kann, soll man selbst einem Unbekannten ertheilen. 52. Daher jene allgemeinen Vorschriften: » Wehre Niemandem das vorbeifließende Wasser«, » Erlaube Jedem, der will, Feuer von deinem Feuer zu nehmen«, » Ertheile dem sich Berathenden treuen Rath«: lauter Dinge, die dem Empfänger nützlich und dem Geber nicht beschwerlich sind. Sowie uns nun der Gebrauch von diesen Dingen gestattet ist, so müssen wir auch unsererseits immer Etwas von dergleichen Dingen zum gemeinsamen Nutzen beitragen. Aber weil die Mittel des Einzelnen klein sind, die Menge der Bedürftigen dagegen unendlich groß ist; so muß man die allumfassende Freigebigkeit auf jenes Maß des Ennius beschränken: » Nicht minder leuchtet's ihm,« damit uns noch Vermögen bleibe gegen die Unserigen freigebig zu sein.

XVII. 53. Es gibt aber mehrere Stufen in der menschlichen Gesellschaft. Denn abgesehen von jener allgemeinen findet eine nähere zwischen den Menschen statt, die demselben Volke, demselben Stamme und derselben Sprache angehören. Die letztere ist ein ganz vorzügliches Mittel zur Verbindung der Menschen unter einander. Ein noch innigeres Verhältniß findet zwischen Menschen statt, die derselben Bürgerschaft angehören. Denn Bürger haben Vieles mit einander gemeinsam: den Markt, die Heiligtümer, die öffentlichen Säulenhallen, die Straßen, die Gesetze, Rechte, Gerichte, das Stimmrecht, außerdem Verbindungen durch Umgang und Freundschaft und andere Verhältnisse und Beziehungen, in denen Viele mit Vielen stehen.

Noch enger ist die Verbindung, die zwischen Anverwandten stattfindet. Denn diese schließt sich aus jener unermeßlichen Gesellschaft des Menschengeschlechts in einen kleinen und engen Kreis zusammen. 54. Da alle lebenden Geschöpfe einen natürlichen Trieb zur Fortpflanzung in sich fühlen, so besteht die erste gesellige Verbindung eben in der Ehe, die nächste in den Kindern; und so bildet sich Ein Haus, in dem Alles gemeinsam ist. Das ist die Grundlage der Stadt und gleichsam die Pflanzschule des Staates. Es folgen die Verbindungen zwischen Geschwistern, sodann die zwischen Geschwisterkindern und deren Kindern. Da nun diese Ein Haus nicht mehr fassen kann, so ziehen sie in andere Häuser, wie in Ansiedelungen, aus. Es folgen Verheirathungen und Verschwägerungen und daraus neue Verwandtschaften. Diese Verzweigung und dieser Nachwuchs ist der Ursprung der Staaten. Die Blutsverwandtschaft aber fesselt die Menschen durch Wohlwollen und Liebe. 55. Denn es ist etwas Bedeutendes dieselben Denkmäler der Vorfahren zu haben, sich derselben Gottesdienste zu bedienen und gemeinsame Begräbnißstätten zu besitzen.

Doch unter allen geselligen Verbindungen ist keine vorzüglicher, keine fester, als wenn brave, an Charakter ähnliche Männer durch vertrauten Umgang mit einander verbunden sind. Denn jenes Sittlichgute, das wir so oft erwähnten, macht, auch wenn wir es an einem Anderen bemerken, doch einen Eindruck auf uns und stimmt uns zu Wohlwollen gegen den, in dem wir es zu finden glauben. 56. Und obwol jede Tugend etwas Anziehendes für uns hat und uns Hochachtung für die Menschen einflößt, in denen wir sie zu finden glauben; so äußert doch ganz besonders die Gerechtigkeit und Freigebigkeit diese Wirkung. Nichts ist aber geeigneter Liebe zu erwecken und eine innige Verbindung hervorzurufen, als die Aehnlichkeit des Charakters bei guten Menschen. Denn wo gleiche Bestrebungen und gleiche Gesinnungen herrschen, da findet Einer an dem Anderen ebenso viel Wohlwollen wie an sich selbst, und die Folge davon ist, was Pythagoras Pythagoras aus Samos, Schüler des Pherekydes, Stifter der Italischen Schule, um 540 v. Chr. Ueber den Ausspruch des Pythagoras vgl. Aristotel. Ethic. ad Nicomach. IX, c. 4, 4: εστὶ γὰρ φίλος άλλοσ αυτός, und c. 9, 9: ως δὲ πρὸς εαυτὸν έχει ο σπουδαι̃ος καὶ πρὸς τὸν φίλον· έτερος γὰρ αυτὸς ο φίλος εστί. Vgl. Cicer. de Amicit. c. 22. in der Freundschaft als das Höchste ansieht, daß aus mehreren Personen Eine wird.

Wichtig ist auch die Gemeinschaft, welche aus gegenseitigem Erweisen und Empfangen von Wohlthaten hervorgeht. Denn so lange diese gegenseitig sind und beide Theile zu Dank verpflichten, werden die Menschen, unter denen sie stattfinden, durch ein festes Band an einander geknüpft.

57. Indeß, erwägt und durchdenkt man Alles, so ist unter allen geselligen Verbindungen keine wichtiger, keine theuerer, als die, in der ein Jeder von uns mit dem Staate steht. Lieb sind uns die Aeltern, lieb die Kinder, die Verwandten, die Freunde; aber alle Empfindungen von Liebe für Alle umfaßt das Eine Vaterland. Welcher brave Mann würde sich bedenken für dasselbe sein Leben hinzugeben, wenn er ihm dadurch nützlich werden könnte? Um so verabscheuungswürdiger ist die rohe Gesinnung jener Menschen, die durch jede Frevelthat ihr Vaterland zerfleischt haben und sich mit dessen gänzlicher Vernichtung theils beschäftigen theils beschäftigten Cicero hat besonders Männer, wie Catilina mit seinen Genossen, Clodius, Cäsar, Antonius, im Sinne..

58. Wollte man nun eine Zusammenstellung und Vergleichung anstellen, um zu sehen, wem wir die größte Verpflichtung schuldig seien; so würden das Vaterland und die Aeltern die erste Stelle einnehmen, denen wir durch die größten Wohlthaten verpflichtet sind, die nächste die Kinder und das ganze Haus, das seine Blicke auf uns allein richtet und keine andere Zuflucht haben kann. Demnächst folgen die mit uns in Eintracht lebenden Verwandten, mit denen wir auch gemeiniglich die äußeren Lebensverhältnisse gemeinsam haben. Demgemäß sind wir verpflichtet unter allen Menschen am Meisten den eben genannten die zum Leben nothwendigen Mittel zu gewähren; gemeinsames Leben und gemeinsame Lebensweise, Umgang, Rath, Gespräche, Ermahnungen, Tröstungen, zuweilen auch Verweise, das sind Dinge, die sich besonders in der Freundschaft geltend machen, und das ist die angenehmste Freundschaft, welche Charakterähnlichkeit geknüpft hat Der Zusatz: » und das ist – geknüpft hat« steht mit dem Vorhergehenden etwa so in Verbindung: Die genannten machen sich besonders in der Freundschaft geltend, und zwar vorzüglich in der Freundschaft, welche Charakterähnlichkeit geknüpft hat, und gerade dadurch wird eine solche Freundschaft höchst angenehm..

XVIII. 59. Indeß muß man bei Vertheilung aller dieser Pflichten darauf sehen, was Jeder am Meisten bedarf, und was er auch ohne uns erlangen kann oder nicht kann. Auf diese Weise werden die Stufen der Verbindungen, in denen wir zu anderen Menschen stehen, nicht mit denen der Zeitumstände die nämlichen sein, und so gibt es Pflichten, die man dem Einen mehr als dem Anderen schuldig ist. So zum Beispiel wird man seinem Nachbar bei Einsammlung seines Getreides eher behülflich sein als einem Bruder oder Freunde; handelt es sich dagegen um eine Rechtssache vor Gericht, so wird man lieber einen Verwandten oder Freund als einen Nachbar vertheidigen.

Diese und ähnliche Rücksichten muß man nun bei jeder Pflicht erwägen und Gewöhnung und Uebung anwenden, um die Pflichten gut berechnen und durch Hinzählen und Abzählen sehen zu können, welche Summe übrig bleibt, und hieraus erkennt man, wie viel man Jedem schuldet. 60. Sowie jedoch weder Aerzte, noch Heerführer, noch Redner, mögen sie auch noch so gut die Regeln ihrer Wissenschaft begriffen haben, irgend etwas sehr Lobenswerthes ohne Erfahrung und Uebung leisten können; so lassen sich auch für die Beobachtung der Pflicht allerdings Vorschriften geben, wie ich es jetzt selbst thue; allein die Wichtigkeit der Sache erfordert auch Erfahrung und Uebung.

So viel mag genug über die Art und Weise gesagt sein, wie das Sittlichgute, woran die Pflicht geknüpft ist, aus den Beziehungen, die im Rechte der menschlichen Gesellschaft stattfinden, abgeleitet werden.

61. Unter den vier Klassen, die wir als Quellen der Sittlichkeit und der Pflicht aufgestellt haben, fällt begreiflicher Weise diejenige am Meisten in's Auge, welcher die Thaten des großen, erhabenen und die Wechselfälle des Schicksals gering achtenden Geistes angehören. Daher sind, wenn man Einen beschimpfen will, besonders Worte, wie die folgenden, geläufig:

Junge Männer, ihr habt einen Sinn wie Weiber!
Jene Jungfrau aber gleicht an Muth den Männern Aus welchem Dichter diese Worte entnommen sind, läßt sich nicht bestimmen. Unter der Jungfrau versteht man entweder die Clölia oder die Artemisia oder die Camilla, die Vergilius ( Aeneid. 11, 432) erwähnt..

oder wie Folgendes:

Reich, Weichling, her die Waffen ohne Schweiß und Blut Dieser Vers ist aus Ennius entlehnt. Klotz liest mit einigen Ausgaben: Salmacida spolia etc. Die richtigere Lesart ist: Salmaci, da spolia etc. Der Sinn des Verses ist: Weichling, ergib dich ohne Kampf! Salmacis war eigentlich der Name der Nymphe einer schönen Quelle in Karien in der Nähe der Stadt Halikarnassus, dann der Name der Quelle selbst, und von dieser Quelle glaubte man, ihr Wasser entnerve und verweichliche alle diejenigen, welche darin badeten. S. Ovid Metamorphos. IV, 286 ff. Vgl. Nitsch Mytholog. Wörterbuch Th. I. S. 857. Jacobi Handwörterb. der Mythol. Th. II. S. 434. Hier ist das Wort Salmacis als ein Schmähwort für einen verweichlichten und feigen Menschen gebraucht.!

Beim Lobe dagegen nehmen wir, ich weiß nicht, wie es kommt, den Mund weit voller, wenn wir Handlungen loben, die mit hohem Geiste, mit Muth und auf vorzügliche Weise ausgeführt sind. Daher sind Marathon, Salamis, Platää, Thermopylä Vier Orte, berühmt durch die Siege der Griechen über die Persier. Marathon war ein Flecken in dem östlichen Theile von Attika, wo Miltiades siegte (490 v. Chr.); Salamis eine Insel im Saronischen Meerbusen, wo Themistokles die Persische Flotte schlug (480); Platää eine Stadt Böotiens, wo die Griechen unter dem Lakedämonier Pausanias und dem Athener Aristides die Persier besiegten (479); Thermopylä ein Engpaß Thessaliens, wo Leonidas mit seinen dreihundert Spartanern nach dem heldenmüthigsten Kampfe fiel (480). und Leuktra Leuktra war ein Flecken in Böotien, wo die Thebaner unter Epaminondas einen glänzenden Sieg über die Spartaner erfochten (371 v. Chr.). ein reiches Feld für die Redekünstler, daher unser Cocles Horatius Cocles, der in dem Kriege der Römer gegen den Etruskischen Fürsten Porsena, zu dem die vertriebenen Tarquinier ihre Zuflucht genommen hatten, die hölzerne Brücke, wodurch Rom mit dem Janiculum verbunden war, allein so lange vertheidigte, bis sie hinter ihm abgebrochen war, dann in die Tiber sprang und sich rettete (um 500 v. Chr.)., daher die Decier Es waren drei Decier, Vater, Sohn und Enkel, die für ihr Vaterland starben, der Vater im Kriege mit den Latinern und Kampanern in der Nähe des Vesuvs (340 v. Chr.), sein Sohn in Umbrien im Sentinatischen Gebiete im Kriege mit den Samniten, Umbriern, Etruskern und Galliern (295), sein Enkel im Kriege gegen Pyrrhus (279)., Gnäus und Publius Scipio Gnäus und Publius Scipio, Brüder, Heerführer der Römer im zweiten Punischen Kriege in Spanien, 212 v. Chr. durch die List der Karthager getödtet, nachdem sie den Hanno und Hasdrubal am Ebro besiegt hatten., Marcus Marcellus Marcus Claudius Marcellus, welcher den Hannibal bei Nola in Campanien in die Flucht schlug (216 v. Chr.), Syrakus belagerte und eroberte (212), die Gallier bei Clastidium im Cispadanischen Gallien besiegte, ihren König Viridomarus in einem Zweikampfe tödtete, zuletzt in dem Treffen bei Venusia in Lucanien, von Hannibal besiegt, fiel (208). und unzählige Andere, und ganz besonders zeichnet sich das Römische Volk selbst durch Hoheit des Geistes aus. Die Vorliebe für kriegerischen Ruhm tritt ja deutlich darin hervor, daß wir auch die Bildsäulen insgemein in kriegerischer Tracht sehen.

XIX. 62. Allein diese Hoheit des Geistes, die sich in Gefahren und Anstrengungen äußert, ist fehlerhaft, wenn sie der Gerechtigkeit ermangelt und nicht für das allgemeine Wohl, sondern für persönliche Vortheile kämpft. Denn ein solches Benehmen hat nicht nur keinen Antheil an der Tugend, sondern zeugt vielmehr von einer Rohheit, die alles menschliche Gefühl verleugnet. Daher geben die Stoiker den Begriff der Tapferkeit richtig an, wenn sie sagen, sie sei die Tugend, welche für Billigkeit kämpfe. Darum hat Niemand, der mit Hinterlist und böser Absicht zum Ruhme der Tapferkeit gelangte, sich dadurch wahres Lob erworben. Nichts kann sittlichgut sein, was der Gerechtigkeit ermangelt. 63. Vortrefflich ist daher jener Ausspruch Plato's Plato Menexen. p. 246, D.: Πα̃σα επιστήμη χωριζομένη οικαιοσύνης καὶ τη̃ς άλλης αρετη̃ς πανουργία, ου σοφία φαίνεται. Welche Stelle aber Cicero in den Worten: verum etiam . . . habeat vor Augen gehabt, läßt sich nicht bestimmen. Die von dem Herausgeber verglichene Stelle Plat. Lach. 197, B. paßt nicht hierher.: »Nicht allein das Wissen, sagt er, das sich von der Gerechtigkeit entfernt hat, verdient eher den Namen der Schlauheit als den der Weisheit, sondern auch die Entschlossenheit zu Gefahren, wenn sie Selbstsucht und nicht das allgemeine Wohl zur Triebfeder hat, mag eher den Namen der Kühnheit als den der Tapferkeit führen.« Demnach behaupten wir: tapfere und hochherzige Männer sind zugleich brav und schlicht, wahrheitsliebend und ohne allen Trug: Eigenschaften, auf denen so recht eigentlich das Lob der Gerechtigkeit beruht. 64. Aber es ist widerwärtig, daß sich bei dieser Hoheit und Größe des Geistes sehr leicht Hartnäckigkeit und übertriebene Herrschsucht erzeugt. Denn was man bei Plato Plato Lach. p. 182, E.: Λακεδαιμονίους, οι̃ς ουδὲν άλλο μέλει εν τω̃ βίω ὴ του̃το ζητει̃ν καὶ επιτηδεύειν, ό τι ὰν μαθόντες καὶ επιτηδεύσαντες πλεονεκτοι̃εν τω̃ν άλλων περὶ τὸν πόλεμον. von den Lacedämoniern liest, daß ihr ganzes Wesen von Begierde nach Sieg angesteckt sei, das gilt auch sonst von den Menschen. Je mehr sich nämlich Einer durch Geistesgröße auszeichnet, um so mehr will er der Erste unter Allen oder vielmehr der Einzige sein. Es ist aber schwierig, wenn man Alle zu überragen sucht, die Billigkeit zu beobachten, auf der doch ganz besonders das Wesen der Gerechtigkeit beruht. Daher kommt es, daß solche Menschen sich weder durch Vernunftgründe überzeugen noch irgend einem öffentlichen und gesetzlich bestimmten Rechte unterwerfen wollen, und so suchen sie im Staate gemeiniglich Bestechungen auszuüben und Parteiungen zu stiften, um eine möglichst große Macht zu erlangen und lieber durch Gewaltthätigkeit Andere zu überragen als durch Ausübung der Gerechtigkeit ihnen gleich zu stehen. Doch je schwerer dieses Nämlich die Billigkeit zu beobachten, wenn man die Anderen überragen will. ist, desto schöner ist es auch; denn zu keiner Zeit darf man die Gerechtigkeit vernachlässigen.

65. Für tapfer und großmüthig darf man daher nicht diejenigen halten, welche Unrecht thun, sondern diejenigen, welche es abwenden. Die ächte und vernünftige Seelengröße setzt aber jenes Sittlichgute, dem sie von Natur ganz besonders nachstrebt, in Thaten und nicht in den Ruhm und will lieber in Wirklichkeit vorzüglich sein als bloß scheinen. Denn wer von dem irrigen Urtheile der unerfahrenen Menge abhängt, der darf nicht unter die großen Männer gerechnet werden. Am Leichtesten lassen sich aber gerade die hochherzigsten Männer durch Ruhmbegierde zu ungerechten Schritten verleiten. Dieß ist allerdings ein bedenklicher Punkt, weil sich kaum irgend ein Mensch findet, der nach übernommenen Mühen und bestandenen Gefahren sich nicht auch Ruhm, als eine Art Lohn für seine Thaten, wünschen sollte.

XX. 66. Im Allgemeinen zeigt sich Tapferkeit und Geistesgröße besonders in zwei Stücken. Das eine besteht in der Geringschätzung der äußeren Dinge Unter äußeren Dingen versteht man Alles, was nicht in der Gewalt des Menschen steht, sondern vom Schicksale abhängt. Alle Dinge zerfallen in drei Theile; die der Seele, die des Körpers und die des Schicksales., die auf der Ueberzeugung beruht, der Mensch dürfe Nichts, als was sittlichgut und anständig ist, seiner Bewunderung, seines Wunsches oder Verlangens werth achten und sich von keinem Menschen, keiner Leidenschaft und keinem Schicksale überwältigen lassen. Das Zweite besteht darin, daß, wenn man die eben erwähnte Gesinnung hat, man Thaten ausführt, die groß und von ausgezeichnetem Nutzen sind, zugleich aber auch höchst schwierig, mühsam und gefahrvoll sowol für das Leben als auch für viele zum Leben gehörige Dinge.

67. Von diesen beiden Stücken liegt in dem letzteren aller Glanz, alles äußere Ansehen und, ich füge noch hinzu, auch aller Nutzen; der Grund hingegen und die Ursache, welche große Männer schafft, liegt in dem ersteren. Denn in der Gesinnung liegt die Kraft, welche den Seelen Vortrefflichkeit und Geringschätzung der menschlichen Dinge verleiht. Sie äußert sich aber in zwei Dingen, erstens darin, daß man das Sittlichgute allein für ein Gut achtet, zweitens daß man sich von aller Leidenschaft frei hält. Denn einmal darf man es als einen Beweis eines starken und großen Geistes ansehen das gering zu schätzen und nach unwandelbaren, festen Grundsätzen zu verachten, was der großen Menge als ausgzeichnete und herrliche Güte erscheint; sodann zeugt es von einem kräftigen Sinne und großer Standhaftigkeit die bitteren Ereignisse, die im Leben und Schicksale der Menschen in so großer Menge und Mannigfaltigkeit vorkommen, so zu ertragen, daß man Nichts von seiner natürlichen Fassung, Nichts von der Würde eines weisen Mannes aufgibt. 68. Es wäre aber widersprechend, wenn der Mensch, der durch keine Furcht gebeugt wird, sich von Begierden beugen ließe, und wenn der, welcher sich gegen Ungemach unbesiegbar bewiesen hat, sich durch die Sinnenlust besiegen ließe.

Vor beiden Fehlern muß man sich in Acht nehmen und besonders die Begierde nach Geld fliehen. Nichts verräth ja so sehr Engherzigkeit und eine kleinliche Gesinnung als Liebe zum Reichtume; Nichts ist dagegen edeler und hochsinniger als das Geld, wenn man es nicht hat, zu verachten und, wenn man es hat, zur Wohlthätigkeit und Freigebigkeit anzuwenden.

Auch vor dem Ehrgeize muß man sich, wie ich oben S. Kap. 19, §. 64 und 65. erwähnte, in Acht nehmen. Er raubt uns die Freiheit, für deren Erhaltung hochherzige Männer mit allen Kräften streiten müssen. Auch darf man nicht nach Ehrenstellen streben; ja wir sollen sie zuweilen nicht annehmen oder auch zu Zeiten niederlegen.

69. Uebrigens muß man sich von aller Leidenschaft frei halten, sei es Begierde oder Furcht, sei es Kummer oder ausgelassene Freude oder Zorn, damit im Gemüthe Ruhe und Furchtlosigkeit herrsche, die sowol Festigkeit des Charakters als auch ein würdevolles Benehmen zur Folge haben.

Viele Männer in unseren wie in früheren Zeiten haben sich, um der Gemüthsruhe, von der ich rede, theilhaftig zu werden, von den öffentlichen Geschäften zurückgezogen und zur Muße ihre Zuflucht genommen. Unter diesen befinden sich die berühmtesten und bei Weitem angesehensten Philosophen Z. B. Pythagoras, Demokritus, Anaxagoras, Plato., sowie auch einige andere Männer Z. B. Marcus Piso ( Cicer. Brut. 67, 236: laborem foronsem non diutius tulit, quod hominum ineptias ac stultitias, quae devorandae nobis sunt, non ferebat iracundiusque respuebat.) und Atticus ( Corn. Nep. Att. 6: in re publica ita versatus est, ut semper optimarum partium et esset et existimaretur, neque tamen se civilibus fluctibus committeret, quod non magis eos in sua potestate existimabat esse, qui se eis dedissent quam qui maritimis jactarentur. von strenger und ernster Sinnesart, die das Benehmen des Volkes oder der Machthaber nicht ertragen konnten, und einige von ihnen lebten auf dem Lande und fanden an der Verwaltung ihres Hauswesens ihr Vergnügen. 70. Sie hatten dabei denselben Zweck wie die unumschränkten Herrscher regibus. Die reges sind hier unumschränkte Herrscher. Cicero denkt an den Stoischen Weisen, der sich rex, König, nannte. Vergl. Cicer. Paradox. V. und p. Sulla 8, 25: nisi forte regium tibi videtur ita vivere, ut non modo homini nemini, sed ne cupiditati quidem ulli servias, contemnere omnes libidines, non auri, non argenti, non ceterarum rerum indigere, in senatu libere sentire, populi utilitati magis consulere quam voluntati, nemini cedere, multis obsistere: si hoc putas esse regium, me regem esse confiteor.: sie wollten Nichts entbehren, keinem Menschen gehorchen und ihre Freiheit genießen, was darin besteht, daß man nach eigenem Gefallen leben kann.

XXI. So haben also die nach Macht Strebenden und die eben Genannten, die ein ruhiges, von Staatsgeschäften freies Leben führen, ein gemeinsames Ziel; nur glauben die Ersteren dasselbe zu erreichen, wenn sie großes Vermögen besitzen; die Letzteren, wenn sie mit ihrer, wenn auch kleinen, Habe zufrieden sind. Beider Ansichten sind in dieser Beziehung nicht gänzlich zu verwerfen; indeß bequemer und sicherer, auch für Andere minder beschwerlich und lästig ist das Leben derer, die sich vom öffentlichen Leben zurückziehen; hingegen fruchtbarer für das Menschengeschlecht und geeigneter Ruhm und Ansehen zu gewinnen ist das Leben derer, die sich dem Staatsdienste und der Ausführung großer Thaten widmen.

71. Daher dürfen wol Männer, die sich bei ausgezeichnetem Geiste den Wissenschaften ergeben, Entschuldigung finden, wenn sie an Staatsgeschäften keinen Antheil nehmen, sowie auch die, welche sich wegen schwächlicher Gesundheit oder aus einem anderen wichtigen Grunde vom Staatsdienste zurückziehen, indem sie Anderen die Macht der Staatsverwaltung und den damit verbundenen Ruhm überlassen. Wer aber, ohne alle Gründe zu haben, sagt, er verachte das, was in den Augen der Menge Gegenstand der Verwunderung ist, Befehlshaberstellen und Staatsämter, der verdient nach meinem Dafürhalten nicht nur kein Lob, sondern sogar Tadel. Das Urtheil solcher Menschen dürfte man allerdings insofern schwerlich mißbilligen, als sie den Ruhm gering schätzen und für Nichts achten; allein es scheint, als ob sie Scheu hätten vor Mühen und Beschwerden, dann vor einer Art von Beschimpfung und Schande, die mit fehlschlagenden Bewerbungen und Abweisungen verbunden ist. Denn es gibt Menschen, die sich bei entgegengesetzten Umständen zu wenig gleich bleiben: sie verachten die Sinnenlust auf das Strengste, zeigen sich aber im Schmerze weichlich; sie schätzen den Ruhm gering, lassen sich aber durch Beschimpfung niederbeugen, und selbst hierin verfahren sie nicht gleichmäßig genug.

72. Indeß wer von der Natur die zum Staatsdienste erforderlichen Mittel erhalten hat, dem kommt es zu sich ohne alles Bedenken um Staatsämter zu bewerben und an der Staatsverwaltung Theil zu nehmen. Denn sonst könnte ja weder die Leitung des Staates bestehen, noch hochherzige Gesinnung sich äußern. Die Staatsmänner müssen sich aber ebenso, wie die Philosophen, ja vielleicht in noch höherem Grade, Hochherzigkeit und die schon oft erwähnte Geringschätzung irdischer Dinge, sowie auch Ruhe und Sorglosigkeit des Gemüthes aneignen, wenn anders sie frei von Aengstlichkeit sein und mit Würde und Charakterfestigkeit leben wollen. 73. Den Philosophen wird dieß leichter, weil ihr Leben weniger Seiten darbietet, die den Schlägen des Schicksals ausgesetzt sind, und weil sie weniger Bedürfnisse haben und beim eintretenden Mißgeschicke keinen so schweren Fall thun können. Darum werden natürlich bei den Staatsmännern stärkere Gemüthsbewegungen und größere Geschäftssorgen angeregt als bei den in Ruhe Lebenden. Um In der Ausgabe von Klotz ist so interpungirt: Quocirca ... rem publ. gerentibus quam quietis, quo magis. Ich setze mit Gernhard nach quietis ein Punkt. Quo magis steht für. eo magis igitur. so mehr müssen sich daher jene Seelengröße und Freiheit von aller Aengstlichkeit aneignen.

Uebrigens wer sich dem Staatsleben widmen will, der mag nicht bloß erwägen, wie ehrenvoll dieser Beruf sei, sondern auch, ob er die Fähigkeit besitze ihn zu erfüllen, und gerade hierbei muß man sich vorsehen, daß man nicht ohne Grund aus Feigheit verzweifle oder aus Begierde ein zu großes Selbstvertrauen habe. Bei allen Geschäften aber ist es nöthig, bevor man daran geht, sorgfältige Vorbereitung anzuwenden.

XXII. 74. Uebrigens da man gemeiniglich die Ansicht hat, die Thaten des Krieges hätten einen höheren Werth als die der inneren Staatsverwaltung; so muß ich dieses Vorurtheil entkräften. Viele nämlich haben bloß aus Ruhmbegierde Kriege gesucht, und das ist gemeiniglich bei großen Geistern und ausgezeichneten Köpfen der Fall, und zwar um so mehr, wenn sie Geschicklichkeit zum Kriege haben und ein heftiges Verlangen nach Kriegführung in sich fühlen. Wollen wir indeß hierin ein richtiges Urtheil fällen, so werden wir sehen, daß die Werke der inneren Staatsverwaltung an Wichtigkeit und Ruhm die Thaten des Krieges überragen. 75. Mag man zum Beispiel den Themistokles Themistokles, Heerführer der Athener in dem Kriege gegen Xerxes, erfocht 480 v. Chr. einen glänzenden Sieg über die Persische Flotte bei Salamis, einer Insel bei Attika, und rettete dadurch Griechenland. Ueber seine Schlauheit vgl. I. 30, 108. noch so sehr preisen, und zwar mit Recht, mag sein Name den Solon's Solon, Gesetzgeber der Athener (um 570 v. Chr.), gab dem Areopag, dem ältesten Gerichtshofe zu Athen, der von Cecrops gegründet sein soll, eine bessere Einrichtung, so daß er nicht bloß ein Gerichtshof, sondern auch eine Rathsversammlung war. überstrahlen, mag Salamis als Zeugin des herrlichsten Sieges angeführt und der Einrichtung des Areopags, welche Athen der Weisheit Solon's zu verdanken hat, vorgezogen werden: dennoch muß man dieses Werk nicht als minder vortrefflich ansehen als jenes. Denn jenes hat dem Staate nur Einmal genutzt, dieses wird ihm immer Auch noch zu Cicero's Zeiten bestand der Areopag. nützen. Diese Rathsversammlung ist es ja, die die Gesetze der Athener und die Einrichtungen der Vorfahren erhält. Und Themistokles dürfte keine Handlung anführen können, durch die er den Areopag unterstützt hätte; wohl aber weiß dieser, daß er in Wahrheit den Themistokles unterstützt hat. Denn der Krieg wurde nach dem Rathe des Senates geführt Wie der Areopag auf die Führung des Krieges eingewirkt habe, läßt sich nicht bestimmen; doch erwähnt Plutarchus aus dem Aristoteles in der Lebensbeschreibung des Themistokles, Kap. 10, Folgendes: Ουκ όντων δημοσίων χρημάτων τοι̃ς ’Αθηναίοις..., τὴν εξ ’Αρείου πάγου βουλὴν πορίσασαν εκάστω τω̃ν στρατευομένων οκτὼ δραχμὰς αιτιωτάτην γενέσθαι του̃ πληρωθη̃ναι τὰς τριήρεις., den Solon eingesetzt hatte. 76. Dasselbe ließe sich auch von Pausanias Pausanias, Feldherr der Spartaner, besiegte die Persier unter Mardonius in der Schlacht bei Platää in Böotien 479 v. Chr. und Lysander Lysander, Feldherr der Spartaner, besiegte die Athener in der Schlacht bei Aegospotamos im Hellesponte 450 v. Chr., machte durch Eroberung Athens dem Peloponnesischen Kriege ein Ende (404) und brachte die oberste Gewalt Griechenlands in die Hände der Spartaner. behaupten. Obgleich man ihren Thaten die Vergrößerung In den Handschriften ist hier ein Wort ausgefallen; es steht nämlich in denselben: quorum rebus gestis quanquam imperium Lacedaemonis putatur. Diese Lücke wird in einigen geringeren Handschriften durch den Zusatz dilatatum oder auctum oder amplificatum ausgefüllt. der Herrschaft von Lacedämon zuschreibt, so lassen sie sich doch nicht im Entferntesten mit den Gesetzen und der Staatsverfassung des Lykurgus Lykurgus, Gesetzgeber der Lacedämonier (888 v. Chr.), hatte in seiner Gesetzgebung durch eine strenge Zucht und Abhärtung für die Tüchtigkeit der Bürger im Kriege gesorgt. vergleichen. Ja gerade diese waren die Ursache, daß in ihren Heeren größere Folgsamkeit und Tapferkeit herrschte. Mir wenigstens schien weder in meiner Jugend Marcus Scaurus Marcus Aemilius Scaurus, 115 v. Chr. Consul, ein großer Staatsmann und Rechtsgelehrter. dem Gajus Marius Gajus Marius, der den Jugurtha, König von Numidien, dann die Cimbern und Teutonen (101 v. Chr.) besiegte und 88–86 den Bürgerkrieg gegen Sulla führte., noch zu der Zeit, als ich an der Verwaltung des Staates Theil nahm, Quintus Catulus Quintus Lutatius Catulus leistete als Consul (77 v. Chr.) auf das Nachdrücklichste seinem Amtsgenossen Lepidus Widerstand, der nach dem Tode des Sulla durch seine verderblichen Anordnungen einen neuen Bürgerkrieg hervorzurufen schien. Cicer. in Pison. 3, 6: M. Q. Catulus, princeps hujus ordinis (senatorii) et auctor publici consilii frequentissimo senatu parentem patriae nominavit. dem Gnäus Pompejus Gnäus Pompejus, mit dem Beinamen der Große, berühmt als Feldherr durch die Kriege in Spanien, gegen die Gladiatoren, gegen die Seeräuber, gegen Mithridates und Tigranes; bei Pharsalus wurde er von Cäsar besiegt und in Aegypten durch die Treulosigkeit des Aegyptischen Königs getödtet (49 v. Chr.). nachzustehen. Denn wenig wollen draußen die Waffen bedeuten, wenn daheim die Einsicht fehlt. Auch Africanus Publius Cornelius Scipio Africanus, der Jüngere, Sohn des Lucius Aemilius Paullus, daher Aemilianus genannt, adoptirt von dem Sohne des älteren Scipio Africanus, berühmt als Zerstörer Karthago's 146 v. Chr. und Numantia's 133., ausgezeichnet als Mensch und Heerführer, nützte dem Staate nicht mehr durch die Zerstörung Numantia's, als zu gleicher Zeit Publius Nasica Publius Cornelius Scipio Nasica, mit dem Beinamen Serapion, 139 v. Chr. Consul, tödtete als Privatmann 133 den Tiberius Sempronius Gracchus, älteren Sohn des Tiberius Sempronius Gracchus und der Cornelia, als er als Volkstribun durch die Ackergesetze einen Aufruhr erregte., da er als Privatmann den Tiberius Gracchus aus der Welt schaffte. Wiewol diese That nicht allein dem Bereiche der friedlichen Staatsverwaltung angehört; sie berührt auch die kriegerische Thätigkeit; denn sie wurde mit Gewalt und bewaffneter Hand vollbracht; gleichwol selbst dieses wurde durch Staatsklugheit ohne Mitwirkung eines Kriegsheeres ausgeführt.

77. Ganz recht verhält sich aber der Ausspruch, den, wie ich höre, übelgesinnte und neidische Menschen anzugreifen pflegen:

Weicht, o Waffen, der Toga, du, Lorbeer, dem Ruhme des Bürgers Im Jahre 63 v. Chr. stattete der Senat dem Cicero in den ehrenvollsten Ausdrücken den öffentlichen Dank ab für die Unterdrückung der Catilinarischen Verschwörung. In Beziehung auf diesen Akt machte Cicero den angeführten Vers, der natürlich von seinen Gegnern vielfach angegriffen wurde.!

Denn, um andere Beispiele zu übergehen, mußten nicht damals, als ich am Ruder des Staates saß, die Waffen der Toga weichen? Nie war ja der Staat einer schwereren Gefahr ausgesetzt, und nie genoß er größerer Ruhe. So entglitten durch meine Maßregeln und meine Sorgsamkeit schnell wie von selbst den Händen der verwegensten Bürger die Waffen und fielen zu Boden. Wo ist nun jemals im Kriege eine solche That ausgeführt worden? Wo findet sich ein Triumph, der sich damit vergleichen ließe? Ich darf mich wol gegen dich, mein lieber Sohn Marcus, dessen rühmen; du sollst ja der Erbe meines Ruhmes und der Nachahmer meiner Thaten sein. 78. Wenigstens Gnäus Pompejus, ein durch Kriegsthaten höchst ausgezeichneter Mann, ertheilte mir in Vieler Gegenwart das Lob, daß er erklärte, vergebens würde er seinen dritten Triumph Im Jahre 61 v. Chr. über Mithridates, König von Pontus, und Tigranes, König von Armenien. davon getragen haben, wenn ihm nicht durch mein Verdienst um den Staat die Stätte Catilina hatte nämlich die Absicht gehabt die Stadt Rom einzuäschern; Pompejus würde also bei seiner Rückkehr aus Asien (60 v. Chr.) für seinen Triumph keine Stätte mehr gefunden haben, wenn Cicero Catilina's Plan nicht vereitelt hätte. erhalten worden wäre, wo er triumphiren konnte.

Also stehen Thaten der Tapferkeit in der inneren Verwaltung des Staates denen im Kriege nicht nach; ja auf jene ist noch mehr Mühe und Eifer zu verwenden als auf diese.

XXIII. 79. Ueberhaupt ist jene sittliche Würde, die wir durch Erhabenheit des Geistes und durch Hochherzigkeit zu gewinnen suchen, die Wirkung der geistigen und nicht der körperlichen Kräfte. Jedoch muß man den Körper üben und so gewöhnen, daß er bei Ausführung von Geschäften und bei Ertragung von Beschwerden den Entschlüssen der Vernunft Folge leisten kann. Aber das Sittlichgute, das der Gegenstand unserer Untersuchung ist, beruht ganz auf sorgsamer Bemühung des Geistes und auf Anwendung der Denkkraft, und in dieser Beziehung gewähren Männer, welche im Frieden der Leitung des Staates vorstehen, demselben ebenso großen Nutzen, wie die, welche seine Kriege führen. So sind schon oft auf den Rath der Ersteren Kriege entweder vermieden oder beendigt, zuweilen auch unternommen worden, wie zum Beispiel der dritte Punische Krieg auf den Rath des Marcus Cato Marcus Porcius Cato, der Aeltere, mit dem Beinamen Censorius oder der Weise, war 196 v. Chr. Consul und 186 Censor, und als solcher übte er eine große Strenge aus. Auch als Feldherr, Staatsmann, Redner und Schriftsteller zeichnete er sich aus. Unter anderen Werken gab er ein Geschichtswerk heraus unter dem Namen Origines (Urgeschichte), worin er in sieben Büchern die Abstammung und Geschichte der Italischen Völker behandelte. Auch sein Werk de agricultura oder de rebus rusticis ist berühmt. I. 29, 104. wird von Cato eine Sammlung von αποφθέγματα (Kernsprüchen) und III. 29, 104. eine Rede erwähnt. Als Mitglied eines Untersuchungsausschusses nach Afrika geschickt, hatte er gesehen, wie sich Karthago von dem zweiten Punischen Kriege wieder erholt hatte und herrlich aufblühte. Von der Zeit an waren seine Gedanken auf die Zerstörung Karthago's gerichtet, und er pflegte seine Reden im Senate mit den Worten zu schließen: Ceterum censeo Karthaginem esse delendam (übrigens stimme ich für die Zerstörung Karthago's). Er starb 149 v. Chr., also drei Jahre vor der Zerstörung Karthago's 146., dessen Einfluß auf denselben auch noch nach seinem Tode wirksam war.

Im Lateinischen ist ein hübsches Wortspiel: decernendi ratio quam decertandi fortitudo.; nur müssen wir uns hüten dieß mehr aus Scheu vor Kriegführung als aus Rücksicht auf den allgemeinen Nutzen zu thun. Unternimmt man aber einen Krieg, so soll es sichtbar sein, daß man dabei keine andere Absicht habe als den Frieden zu suchen.

Das Wesen der Tapferkeit und Standhaftigkeit aber besteht darin, daß man bei mißlichen Umständen nicht in Verwirrung gerathe und in der Bestürzung sich nicht, wie man zu sagen pflegt, aus seiner Stellung verdrängen lasse de gradu deici, ut dicitur. Diese sprüchwörtliche Redensart wurde eigentlich von den Kämpfern gebraucht, die von dem Gegner aus der eingenommenen Stellung verdrängt wurden., sondern Geistesgegenwart und Ueberlegung zeige und den freien Gebrauch der Vernunft nicht aufgebe. 81. Dieß sind die Eigenschaften des Muthes; zu einem großen Geiste gehört aber auch, daß man sich von der Zukunft im Voraus eine Vorstellung mache, geraume Zeit vorher die möglichen guten oder schlimmen Erfolge bestimme und wisse, welche Maßregeln man beim Eintreten eines Ereignisses zu ergreifen habe, und daher es nicht dahin kommen lasse, daß man einmal sagen müsse: »Das hätte ich nicht gedacht.« Das sind die Leistungen eines großen und erhabenen Geistes, der seiner Klugheit und Ueberlegung vertraut. Ohne Ueberlegung aber sich in der Schlacht herumtummeln und mit dem Feinde handgemein werden hat etwas Rohes und Thierisches; aber wenn die Zeit und Noth es fordert, muß man auch seinen Arm und sein Schwert brauchen und den Tod der Knechtschaft und Schande vorziehen.

XXIV. 82. In Betreff der Zerstörung und Plünderung der Städte muß man darauf sehen, daß man nicht ohne Ueberlegung, nicht mit Grausamkeit verfahre, und es ist die Pflicht eines großen Mannes nach vorangegangener Erwägung der Umstände die Schuldigen zu bestrafen, die Volksmenge zu erhalten und in jeder Lage des Lebens am Rechte und an der Tugend festzuhalten. Denn sowie es nach meiner obigen Bemerkung Leute gibt, welche die Thaten des Krieges den Geschäften der inneren Staatsverwaltung vorziehen; so findet man auch Viele, denen gefährliche und leidenschaftliche Entschlüsse glänzender und höher erscheinen als ruhige und überlegte. 83. Allerdings dürfen wir es niemals aus Scheu vor Gefahren dahin kommen lassen, daß man uns für feige und furchtsam hält; aber auch davor müssen wir uns in Acht nehmen, daß wir uns nicht ohne Grund Gefahren aussetzen, was die größte Thorheit wäre. Darum müssen wir bei gefährlichen Unternehmungen das Verfahren der Aerzte befolgen, welche leichte Kranke mit gelinden Mitteln behandeln, bei schweren Krankheiten hingegen sich genöthigt sehen gefährliche und bedenkliche Heilungsarten anzuwenden. Sowie es daher ein Unsinn wäre sich bei ruhigem Meere einen Sturm zu wünschen, so zeugt es von Weisheit dem Sturme auf jede Weise zu begegnen, und dieß alsdann um so mehr, wenn der Vortheil, der aus der glücklichen Ausführung der Sache hervorgeht, größer ist als der Nachtheil, der in dem Zustande der Unentschiedenheit liegt.

Gefährlich sind übrigens die Unternehmungen theils für die Unternehmer, theils für den Staat, und so kommt bei Einigen ihr Leben, bei Anderen ihr Ruhm und das Wohlwollen ihrer Mitbürger in Gefahr. Wir müssen daher bei solchen Gefahren entschlossener sein, welche unsere Person, als bei solchen, welche den ganzen Staat betreffen, und bereitwilliger Ehre und Ruhm auf's Spiel setzen als die übrigen Güter. 84. Es gibt aber Viele, die nicht nur ihr Vermögen, sondern auch ihr Leben für ihr Vaterland aufzuopfern entschlossen sind, an ihrem Ruhme hingegen nicht die geringste Einbuße leiden wollen, selbst nicht, wenn das Vaterland es fordert. So zum Beispiel Kallikratidas Kallikratidas, Befehlshaber der Lacedämonischen Flotte, wurde von den Athenern unter Konon bei den Arginusen, drei Inseln im Aegäischen Meere bei dem Vorgebirge Malea, Lesbos gegenüber, mit 120 Schiffen besiegt und verlor dabei sein Leben (406 v. Chr., im 26sten Jahre des Peloponnesischen Krieges). Uebrigens lautet bei Xenophon, Griech. Gesch. I. 6, 25, die Antwort des Kallikratidas minder tadelnswerth: Καλλικρατίδας δὲ ει̃πεν, ότι η Σπάρτη ουδὲν μὲν κάκιον οικει̃ται αυτου̃ αποθανόντος· φεύγειν δὲ αιρχρὸν ει̃ναι έφη. Zuvor hatte Kallikratidas Methymnä erobert, den Athenischen Feldherrn Konon bei Mitylene besiegt und die Stadt belagert., der, als Heerführer der Lacedämonier im Peloponnesischen Kriege, viele herrliche Thaten ausgeführt hatte, zuletzt aber Alles dadurch verdarb, daß er dem Rathe seine Flotte von den Arginusischen Inseln zurückzuziehen und sich in kein Treffen mit den Athenern einzulassen nicht Folge leistete. Die Lacedämonier, entgegnete er, könnten sich nach Verlust dieser Flotte eine andere anschaffen, er hingegen könne ohne persönliche Schande nicht fliehen. Doch dieser Schlag war für die Lacedämonier noch erträglich, verderblich aber der, als Kleombrotus Kleombrotus, König von Sparta mit Agesilaus, wurde von Epaminondas, dem Heerführer der Thebaner, bei Leuktra in Böotien besiegt (371 v. Chr.) und verlor sein Leben. Er hatte sich in das Treffen eingelassen, um sich von dem Verdachte, als halte er es mit den Thebanern, zu befreien. aus Furcht vor übler Nachrede unbesonnen dem Epaminondas ein Treffen lieferte, in Folge dessen die Macht der Lacedämonier zusammenstürzte. Wie viel edler handelte Quintus Maximus Quintus Fabius Maximus, im zweiten Punischen Kriege im J. 217 v. Chr. Dictator, rettete nach den unglücklichen Schlachten der Römer am Ticinus, an der Trebia und am Trasimenischen See den Römischen Staat dadurch, daß er einer Schlacht mit Hannibal auswich. Daher erhielt er den Beinamen Cunctator (d. i. Zauderer). Vgl. unten I. 30, 108.! von dem Ennius im zwölften Buche seiner Annalen, s. Macrob. Saturn. VI, 1. Ueber Ennius s. zu I. 8, 26. sagt:

Ein Mann hat uns wieder den Staat durch Zaudern gerettet;
Denn er setzte der Menschen Geschwätz nicht über das Staatswohl.
Darum strahlet je länger je heller der Name des Helden.

Vor diesem Fehler muß man sich auch in Sachen der inneren Staatsverwaltung in Acht nehmen. Denn es gibt Menschen, die ihre Ansichten, wenn sie auch die besten wären, aus Furcht sich verhaßt zu machen nicht auszusprechen wagen.

XXV. 85. Ueberhaupt mögen diejenigen, welche sich dem Staate widmen wollen, zwei Vorschriften Plato's beachten: die eine Plato. de Rep. I. p. 343, A.: Ουδεὶς εν ουδεμια̃ αρχη̃, καθ' όσον άρχων εστί, τὸ αυτω̃ ξυμφέρον· σκοπει̃ ουδ' επιτάττει, αλλὰ τὸ τω̃ αρχομένω καὶ ω̃ ὰν αυτὸς δημιουργη̃, καὶ πρὸς εκει̃νω βλέπων καὶ τὸ εκεινω ξυμφέρον καὶ πρέπον καὶ λέγει ὰ λέγει καὶ ποιει̃ ὰ ποιει̃ άπαντα., sie sollen den Nutzen der Bürger so in's Auge fassen, daß sie alle ihre Handlungen auf denselben beziehen, ohne an die eigenen Vortheile zu denken; die andere de Rep. IV. p. 420, B: Ου μὴν πρὸς του̃το βλέποντες τὴν πόλιν οικίζομεν, όπως έν τι ημι̃ν έθνος έσται διαφερόντως έτοιμον, άλλ' όπως μάλιστια όλη η πόλις., sie sollen für den ganzen Staatskörper Sorge tragen und nicht, während sie nur irgend einen Theil in's Auge fassen, die übrigen verabsäumen. Denn sowie eine Vormundschaft, so ist auch die Verwaltung des Staates zum Nutzen derer, die Einem anvertraut sind, nicht aber derer, denen sie anvertraut ist, zu führen. Wer aber für einen Theil der Bürger sorgt, einen anderen vernachlässigt, der bringt das größte Verderben über den Staat, Empörung und Zwietracht, und so kommt es, daß Einige für Volksfreunde, Andere für Anhänger der Vornehmen gelten, nur Wenige aber für Freunde der gesammten Bürgergemeinde. 86. Daher bei den Athenern so viele Beispiele großer Zwietracht und in unserem Staate nicht allein Empörungen, sondern auch verderbliche Bürgerkriege.

Solche Fehler wird der gesetzte und wackere Bürger, der an der Spitze des Staates zu stehen verdient, meiden und verabscheuen, sich mit ganzer Seele dem Staate widmen und nicht nach Einfluß und Macht streben, sondern das Ganze so in's Auge fassen, daß er für Alle sorgt. Noch weniger wird er durch falsche Beschuldigungen irgend einem Menschen Haß oder üble Nachrede zuziehen, sondern durchweg der Gerechtigkeit und Tugend so anhangen, daß er sich, wenn er nur diese bewahren kann, selbst den größten Widerwärtigkeiten aussetzt, ja selbst eher den Tod erleidet als die erwähnten Grundsätze aufgibt.

87. Höchst kläglich ist überhaupt die Ehrsucht und das wetteifernde Streben nach Ehrenämtern, worüber gleichfalls bei Plato Plat. de Rep. VI. p. 488, B: Ναύτας στασιάζοντας πρὸς αλλήλους περὶ τη̃ς κυβερνήσεως, έκαστον οιόμενον δει̃ν κυβερνα̃ν. und p. 489, C.: τοὺς νυ̃ν πολιτικοὺς άρχοντας απεικάζων οι̃ς άρτι ελέγομεν ναύταις ουχ αμαρτήση. vortrefflich geschrieben steht: »Zwei Männer, die sich streiten, wer von ihnen vielmehr den Staat verwalten solle, verfahren ähnlich, wie wenn Seefahrer sich zanken, wer von ihnen vornehmlich das Steuerruder führen solle.« Auch gibt Vgl. Plat. Legg. IX. p. 856, B. de Rep. VIII. p. 567, C. er die Vorschrift, daß wir diejenigen für unsere Gegner erachten sollen, welche die Waffen gegen uns führen, nicht aber diejenigen, welche nach ihrer Einsicht das Beste des Staates wahrnehmen wollen. Eine solche Meinungsverschiedenheit herrschte ohne Bitterkeit zwischen Publius Africanus Publius Cornelius Scipio Africanus, der Jüngere. S. zu Kap. 22, § 76, Anm. 171. und Quintus Metellus Quintus Cäcilius Metellus, mit dem Beinamen Macedonicus, weil er nach Besiegung des Andriskus Macedonien zu einer Römischen Provinz machte (148 v. Chr.); im J. 143 war er Consul. Er hatte vier Söhne, die alle Consuln waren. Worauf sich übrigens die hier angedeutete Meinungsverschiedenheit des Metellus und des Scipio beziehe, läßt sich nicht mit Bestimmtheit ermitteln. S. Beier zu dieser Stelle..

88.Auch darf man gar nicht auf die hören, welche meinen, man müsse den Feinden Es sind hier politische Feinde zu verstehen. heftig zürnen, und darin das Wesen einer muthigen und kraftvollen Seele erblicken. Denn es ist Nichts lobenswerther, Nichts eines großen und vorzüglichen Mannes würdiger als Versöhnlichkeit und Milde. Bei freien Völkern vollends, wo Gleichheit des Rechtes herrscht, muß man sich auch Leutseligkeit und eine gewisse Kaltblütigkeit altitudo animi, quae dicitur, Kaltblütigkeit, da diese die Gefühle in der Tiefe der Seele verschließt und sich die innere Bewegung nicht anmerken läßt, wie sich Unger richtig ausdrückt. Die Herausgeber vergleichen Cicer. Part. orat. 22, 77. Sall. Jug. 95, 3. Tac. Annal. III, 44 und das Griechische βαθύζης ( Cicer. ad Attic. V, 10). aneignen, um nicht, wenn wir uns über unzeitigen Besuch oder unverschämte Bitten erzürnen, in ein grämliches Wesen zu verfallen, das zu Nichts nützt und sehr anstößig ist. Indeß darf man die Sanftmuth und Milde nur mit der Einschränkung billigen, daß zum Besten des Staates auch Strenge dazu genommen werde, ohne welche ein Staat nicht verwaltet werden kann. Jede Ahndung und Zurechtweisung muß aber von Beschimpfung frei sein und sich nicht auf den Nutzen des Strafenden oder mit Worten Zurechtweisenden, sondern auf das Beste des Staates beziehen. 89. Auch muß man sich davor hüten, daß die Strafe nicht größer sei als das Vergehen, und daß nicht bei gleichen Fällen die Einen Strafe erleiden, die Anderen dagegen nicht einmal zur Rede gesetzt werden.

Ganz besonders aber muß man den Zorn beim Strafen fernhalten. Denn wer im Zorne zum Strafen schreitet, wird nie jene Mittelstraße halten, die zwischen dem Zuviel und dem Zuwenig liegt, und die von den Peripatetikern Ueber die Peripatetiker s. zu Kap. II. §. 6, Anm. 69. Sie billigten die mittleren Zustände der Leidenschaften und sagten zum Beispiel, der Zorn sei ein Wetzstein der Tugend. S. Cicer. Tusc. IV, Kap. 18 u ff., und zwar mit Recht, gebilligt wird, nur sollten sie nicht den Zorn loben und sagen, er sei uns zum Nutzen von der Natur gegeben. Im Gegentheil ist dieser in allen Handlungen verwerflich, und es wäre zu wünschen, daß die Lenker der Staaten den Gesetzen ähnlich wären, welche nicht aus Zorn, sondern nach Billigkeit die Strafe zuerkennen.

XXVI. 90. Auch im Glücke und wenn uns Alles nach unserem Wunsche geht, mögen wir recht angelegentlich Stolz, Hochmuth und Anmaßung meiden. Denn Unglück wie Glück ohne Mäßigung ertragen können verräth Charakterlosigkeit, und etwas Vortreffliches ist der Gleichmuth im ganzen Leben und die stets unveränderte Miene und Stirn, wie wir von Sokrates Cicer. Tusc. III. 15, 31: »Das ist jene immer gleichbleibende Miene, welche, wie man erzählt, Xanthippe an ihrem Manne Sokrates zu rühmen pflegte, indem sie sagte, sie habe ihn immer mit derselben Miene ausgehen und wieder heimkehren sehen.« und gleichfalls von Gajus Lälius Gajus Lälius, mit dem Beinamen der Weise, 140 v. Chr. Consul, ein Freund des jüngeren Scipio Africanus. Cicero's Schrift über die Freundschaft ist nach ihm Laelius benannt. Sein heiterer Sinn wird auch weiter unten Kap. 30, §. 108, erwähnt. Vergl. p. Mur. 31, 66: Quis vero C. Laelio comior, quis jucundior? Ueber seine Thätigkeit als Feldherr s. zu vernommen haben. Philippus Philippus, Sohn des Amyntas, König von Macedonien 360–336 v. Chr. Gellius N. A. IX. 3.: (Philippum) a liberali Musa et a studiis humanitatis nunquam afuisse, quin lepide comiterque pleraque et faceret et diceret. Vgl. unten II. 14. 48. 15. 53. Justin. IX, 4. und c. 8: (Alexander fuit) et virtute et vitiis patre major. – Iram pater dissimulare, plerumque etiam vincere; hic ubi exarsisset, nec dilatio ultionis nec modus erat etc., König von Macedonien, wurde, wie ich sehe, an Großthaten und Ruhm von seinem Sohne übertroffen, an Leutseligkeit und Menschenfreundlichkeit aber stand er höher. Daher zeigte sich der Erstere immer groß, der Letztere hingegen oft sehr schimpflich. Richtig erscheint daher die Vorschrift, daß, je höher wir stehen, desto herablassender wir uns benehmen sollen.

Panätius Ueber Panätius (s. zu I. 2, 7, Anm. 71). erzählt von seinem Schüler und Freunde Africanus Africanus, der Jüngere. (S. zu I. 22, 76. Anm. 171.), er habe öfters geäußert, sowie man Rosse, die wegen häufigen Schlachtengetümmels wild und unbändig geworden sind, den Bereitern zu übergeben pflege, um sie leichter behandeln zu können, so solle man Menschen, die durch ihr Glück zügellos und vermessen geworden sind, so zu sagen, in den Kreisritt der Vernunft und Wissenschaft bringen, damit sie die Hinfälligkeit alles Irdischen und den Wechsel des Glückes einsähen.

91. Und gerade im größten Glücke muß man am Meisten auf den Rath der Freunde hören und ihnen noch mehr Einfluß auf uns einräumen als zuvor. Auch müssen wir uns unter solchen Umständen hüten Schmeichlern unser Ohr zu öffnen und uns schmeicheln zu lassen; denn hierbei ist Selbsttäuschung so leicht. Wir dünken uns nämlich so vortrefflich zu sein, daß wir das Lob verdienen, und hieraus entspringen unzählige Fehltritte, indem Menschen, die durch eine hohe Meinung von sich aufgeblasen sind, Gegenstand schimpflichen Gespöttes werden und sich dabei in der größten Täuschung befinden. Doch genug hiervon.

92. Um nun aber den besprochenen Gegenstand zusammenzufassen, so läßt sich darüber folgendes Urtheil aussprechen: Allerdings werden die wichtigsten und hochherzigsten Thaten von den Männern ausgeführt, welchen die Leitung der Staatsangelegenheiten obliegt, weil die Verwaltung des Staates die umfassendste Ausdehnung hat und auf die größte Anzahl von Menschen Einfluß übt; aber auch in dem von Staatsgeschäften freien Leben gibt und gab es Viele, welche wichtige Forschungen und Versuche machten und sich doch nur auf den Bereich ihrer eigenen Angelegenheiten beschränkten, oder welche, zwischen den Philosophen und Staatsmännern in der Mitte stehend, an der Verwaltung ihres Vermögens Vergnügen fanden, jedoch so, daß sie dasselbe nicht auf jede mögliche Weise vergrößerten und von dessen Genusse ihre Angehörigen ausschlossen, sondern vielmehr den Freunden und dem Staate im Falle der Noth davon mittheilten.

Das Vermögen muß aber erstlich rechtmäßig erworben sein durch keinen schimpflichen und gehässigen Gewinn, zweitens möglichst vielen Menschen, doch nur solchen, welche es verdienen, sich nützlich erweisen; endlich durch kluge Berechnung, Fleiß und Sparsamkeit vermehrt werden, und nicht darf es der Ausschweifung und der Ueppigkeit vielmehr als der Freigebigkeit und Wohlthätigkeit dienen. Wer diese Vorschriften beobachtet, dem ist es gestattet auf eine edle, würdige und männliche Weise zu leben und damit zugleich Aufrichtigkeit, Ehrlichkeit und Menschenfreundlichkeit zu verbinden.

XXVII. 93. Wir haben nun von dem Einen noch übrigen Theile des Sittlichguten zu reden, in dem Sittsamkeit und die Tugenden liegen, die dem Leben eine gewisse Zierde verleihen, nämlich Selbstbeherrschung und Mäßigung, sowie jede Beruhigung der Leidenschaften und das rechte Maß in Allem. Hierher gehört das, was in unserer Sprache das Anständige decorum. genannt werden kann; denn Griechisch heißt es πρέπον. Sein Wesen ist von der Art, daß es sich vom Sittlichguten nicht absondern läßt. 94.Denn was wohl ansteht, ist sittlichgut, und was sittlichgut ist, steht wohl an. Worin aber der Unterschied zwischen dem Sittlichguten und dem Anständigen bestehe, kann leichter gedacht als dargelegt werden. Denn was nun immerhin das Anständige sein mag, es äußert sich stäts nur dann, wenn das Sittlichgute vorangegangen ist. Daher äußert sich das Anständige nicht nur in diesem Theile Nämlich der Mäßigung. des Sittlichguten, von dem wir hier reden müssen, sondern auch in den drei vorhergehenden Klugheit, Gerechtigkeit, Tapferkeit.. Denn seine Vernunft und seine Rede mit Einsicht gebrauchen und mit Ueberlegung thun, was man thut, und in Allem das Wahre sehen und behaupten ist anständig, dagegen sich täuschen, irren, straucheln, sich berücken lassen ist ebenso unanständig als wahnsinnig und verrückt sein. Ferner alle gerechten Handlungen sind anständig, die ungerechten hingegen wie unsittlich so unanständig. Ein gleiches Verhältniß zeigt sich bei der Tapferkeit. Denn was auf männliche Weise und mit Hochherzigkeit geschieht, das erscheint als würdig des Mannes und anständig, das Gegentheil wie unsittlich so unanständig.

95. Daher steht das, was ich das Anständige nenne, mit der sittlichen Güte überhaupt in Verbindung, und zwar in so naher Verbindung, daß es nicht erst durch tiefsinniges Nachdenken erkannt wird, sondern in die Augen springt. Denn es ist ein bestimmtes Etwas und wird in jeder Tugend bemerkt; es läßt sich aber mehr in Gedanken als in Wirklichkeit von der Tugend absondern. Sowie sich die körperliche Anmuth und Schönheit von der Gesundheit nicht trennen läßt, so ist das Anständige, von dem wir reden, ganz und gar mit der Tugend verschmolzen und läßt sich nur im Verstande und in der Vorstellung unterscheiden.

96.Die Begriffsbestimmung desselben ist doppelt. Entweder verstehen wir nämlich darunter das allgemeine Anständige, das sich in der Sittlichkeit überhaupt befindet, oder ein anderes diesem Untergeordnetes, das sich auf die einzelnen Theile der Sittlichkeit bezieht. Das erstere pflegt man so zu bestimmen: Das Anständige ist das, was der Erhabenheit des Menschen angemessen ist, inwiefern sein Wesen sich von den übrigen lebenden Geschöpfen unterscheidet. Die dieser Gattung untergeordnete Art bestimmt man so: Das Anständige ist das, was unserer Natur insofern angemessen ist, als sich darin Mäßigung und Selbstbeherrschung mit einer gewissen edlen äußeren Haltung zeigt.

XXVIII. 97. Daß man dieß darunter verstehe, können wir aus dem Anständigen abnehmen, nach dem die Dichter streben, worüber an einer anderen Stelle Dieser Gegenstand gehört den Lehrbüchern über Dichtkunst oder auch der Redekunst an, wie auch Cicero denselben im Orator. cap. XXII, §. 74 berührte. weitläufiger gesprochen zu werden pflegt. Aber von den Dichtern sagen wir, daß sie dann das Anständige beobachten, wenn sie die Personen ihrem Charakter gemäß handeln und reden lassen. Zum Beispiel, wenn Aeakus Aeakus, des Jupiter und der Aegina Sohn, König von Aegina, wurde wegen der großen Gerechtigkeit, mit der er geherrscht hatte, nach seinem Tode von Pluto mit Minos und Rhadamanthus als dritter Richter der Unterwelt eingesetzt. oder Minos Minos, König von Kreta, wurde gleichfalls wegen seiner Gerechtigkeit nach seinem Tode zum Richter in der Unterwelt eingesetzt. sagte:

Hassen mag man mich, wenn man nur auch mich fürchtet,

oder:

Der Vater selbst wird seiner Kinder Grab,

so würde dieß als unverständig erscheinen, weil wir vernommen haben, daß sie gerecht gewesen sind. Wenn hingegen Atreus Atreus, Sohn des Pelops und der Hippodamia, Enkel des Tantalus, Gemahl der Aërope, der Tochter des Eurystheus, nach des Eurystheus Tode König von Mycenä, lebte mit seinem Bruder Thyestes in der größten Feindschaft. Aus Rache schlachtete er des Thyestes Söhne und setzte sie ihm zum Essen vor. Die angeführten Verse sind wahrscheinlich aus dem Atreus, Tragödie des Accius, eines tragischen Dichters der Römer (geb. 172 v. Chr.), entlehnt. diese Worte sagt, so erhebt sich Beifallklatschen; denn die Rede ist dem Charakter angemessen.

Doch die Dichter mögen bei Jedem nach seiner Rolle das Anständige beurtheilen; uns aber hat die Natur selbst eine Rolle angewiesen, die aus unserer Vorzüglichkeit und Erhebung über die übrigen Geschöpfe beruht. 98. Deßhalb mögen die Dichter bei der großen Mannigfaltigkeit der Charaktere auch auf die fehlerhaften Rücksicht nehmen und beurtheilen, was sich für diese eigne und gezieme; uns aber hat die Natur die Rolle der Standhaftigkeit, der Mäßigung, der Selbstbeherrschung und des Zartgefühls gegeben und lehrt uns zugleich in dem Benehmen gegen Andere nicht unachtsam sein. Dadurch wird uns der weite Umfang des Anständigen anschaulich gemacht, sowol dessen, das sich auf die Sittlichkeit überhaupt bezieht, als auch dessen, das sich in jeder einzelnen Art der Tugend zeigt. Denn sowie die körperliche Schönheit durch die passende Zusammenfügung der Glieder unser Auge anspricht und gerade dadurch auf dasselbe angenehm einwirkt, daß alle Theile untereinander zu einer gewissen Anmuth übereinstimmen; so erregt auch das Anständige, das im Leben hervorleuchtet, den Beifall derer, mit denen man lebt, durch Ordnung, Beständigkeit und Mäßigung in allen Reden und Handlungen.

99. Man muß daher auch im Benehmen gegen die Menschen sowol den besten als auch den übrigen eine gewisse Achtung beweisen. Denn Gleichgültigkeit gegen das Urtheil Anderer über uns zeugt nicht allein von Anmaßung, sondern auch von der äußersten Leichtfertigkeit. Uebrigens findet bei der Rücksicht auf die Menschen zwischen Gerechtigkeit und Zartgefühl ein Unterschied statt. Die Aufgabe der Gerechtigkeit ist die Menschen nicht zu verletzen, die des Zartgefühls ihnen keinen Anstoß zu geben, und gerade hierin zeigt sich das Wesen des Anstandes. Nach der gegebenen Erörterung wird, wie ich glaube, die Beschaffenheit dessen, was wir das Anständige nennen, deutlich sein.

100. Der Pflicht aber, die davon abgeleitet wird, liegt zuerst der Weg vor, der zur Uebereinstimmung mit der Natur und deren Bewahrung führt. Denn wenn wir dieser als Führerin folgen, so werden wir uns nie verirren, sondern vielmehr zu naturgemäßer Einsicht und Scharfsichtigkeit, zu der der menschlichen Natur angemessenen Geselligkeit und zu einem kräftigen und festen Wesen gelangen.

Aber am Wirksamsten zeigt sich das Wesen des Anstandes in dem Theile der Sittlichkeit, von dem wir jetzt reden. Denn nicht allein die Bewegungen des Körpers erhalten unseren Beifall, wenn sie der Natur entsprechen, sondern in noch weit höherem Grade die Aeußerungen der Seele, wenn sie gleichfalls der Natur angemessen sind.

101. Das Wesen der Seele Klotz und Andere lesen mit dem cod. Groning.: Duplex est enim vis animorum atque natura. Ich habe die Lesart der übrigen Handschriften: D. e. e. vis animorum atque naturae beibehalten, die sich auch schon bei dem Kirchenvater Ambrosius De Offic. Clericor. I. 47, 228. findet: Non mediocris in his vis quaedam animi atque naturae est. I. d. 229: etsi vis quaedam naturae in omni appetitu sit, tamen idem appetitus rationi subjectus est lege naturae ipsius et obedit ei. Richtig erklärt G. Fr. Unger Cicero's Worte durch ein ὲν διὰ δυοι̃ν für: Duplex est enim vis naturae animorum. nämlich besteht in zwei Kräften: die eine ist das Begehrungsvermögen, das Griechisch ορμὴ heißt, das den Menschen hierhin und dorthin reißt; die andere ist die Vernunft, welche lehrt und erklärt, was zu thun oder zu lassen sei. Die Vernunft hat daher die Bestimmung zu herrschen, das Begehrungsvermögen hingegen zu gehorchen.

XXIX. Jede Handlung aber soll von Unbesonnenheit und Unachtsamkeit frei sein, und man darf Nichts thun, wovon man nicht einen vernünftigen Grund angeben kann. Das ist ja etwa die Begriffsbestimmung von Pflicht S. oben I. 3, 7 und 8.. 102. Man muß es nämlich dahin zu bringen suchen, daß die Begierden der Vernunft gehorchen und ihr weder voraneilen noch aus Trägheit oder Feigheit hinter ihr zurückbleiben, und da sie ruhig und von aller Leidenschaft frei sind, und hieraus geht als sichtbare Folge Charakterfestigkeit und Mäßigung in ihrem ganzen Umfange hervor. Die Begierden nämlich, die zu weit ausschweifen und ungestüm, sei es im Begehren, sei es im Verabscheuen, sich durch die Vernunft nicht gehörig zurückhalten lassen, überschreiten ohne Zweifel Ziel und Maß. Denn sie sträuben sich heftig gegen den Gehorsam und fügen sich nicht der Vernunft, der sie durch das Naturgesetz unterworfen sind. Durch sie gerathen nicht nur die Seelen, sondern auch die Körper in Zerrüttung. Man mag nur die Gesichter der Erzürnten oder solcher sehen, welche durch Ausgelassenheit oder Furcht aufgeregt sind oder sich vor übertriebener Sinnenlust gewaltig gebärden; Miene, Stimme. Bewegung und Stellung sind an ihnen allen verändert.

103.Man sieht hieraus, um auf die besondere Art der Pflicht ut ad officii formam revertamur. Die besondere Art der Pflicht, von der er eben gesprochen hat, ist die Mäßigung und das Anständige. zurückzukehren, daß man alle Begierden beschränken und beruhigen, sowie auch Aufmerksamkeit und Sorgfalt aufbieten muß, um Nichts unbesonnen, auf's Gerathewohl, unüberlegt und unachtsam zu thun. Die Natur hat uns ja nicht so geschaffen, daß man meinen dürfte, wir seien zu Spiel und Scherz bestimmt; nein, zum Ernste vielmehr und zu richtigeren und höheren Beschäftigungen sind wir bestimmt. Spiel und Scherz sind uns allerdings gestattet, jedoch, wie Schlaf und die anderen Erholungen, nur dann, wenn wir den wichtigen und ernsten Geschäften genügt haben. Und die Art des Scherzes selbst darf nicht ausgelassen und unmäßig sein; sie soll edel und anmuthig sein. Denn sowie wir den Kindern beim Spielen nicht unbeschränkte Freiheit lassen, sondern nur soweit sie sich nicht von den Handlungen der Sittlichkeit entfernt; so mag auch im Scherze selbst ein Schimmer eines rechtschaffenen Charakters durchleuchten.

104. Es gibt aber überhaupt zwei Arten des Scherzes; die eine ist unedel, ausgelassen, schandvoll, schmutzig, die andere geschmackvoll, fein, geistreich, anmuthig. Scherze dieser Art finden sich nicht nur bei unserem Plautus Plautus aus Sarsina in Umbrien, der geistreichste unter den Römischen Komikern, lebte zu Rom, geb. 227 v. Chr., gest. 184. Uebrigens will Cicero den Plautus und die Attischen Komiker nicht als Muster des feinen Scherzes bezeichnen; denn bekanntlich waren die Genannten auch nicht arm an unanständigen Scherzen; sondern er sagt nur, ihre Komödien sind reich an Beispielen des feinen Scherzes. und in der alten Attischen Komödie Namentlich Kratinus, Eupolis und Aristophanes, alle drei aus Athen, um 444 v. Chr., sondern auch in den Schriften der Sokratischen Philosophen, sowie auch viele witzige Einfälle von vielen Männern uns aufbewahrt sind, wie zum Beispiel die von dem alten Cato Ueber Cato s. zu I. 23, 79. Anm. 176. veranstaltete Sammlung der sogenannten αποφθέγματα αποφθέγματα, Lat. dicta, Franz. bonmots, Deutsch Sinnsprüche, Denkspüche, Kernsprüche.. Die edlen und die gemeinen Scherze lassen sich daher leicht unterscheiden. Die ersteren, wenn sie zu rechter Zeit gemacht werden, so daß dem Gemüthe eine Erholung bereitet wird Klotz liest: si tempore fit, si remisso animo, [ ingenuo] homine dignus. Ich lese mit Unger nach zwei Handschriften: si tempore fit, ut sit ( Guelph. 1 u. 2) remissio ( Guelph. 1 u. Erlang.) animo, homine dignus. Die übrigen Handschriften haben: si tempore fit ut si remisso animo homine dignus. Beier und Andere: si tempore fit, remisso homine dignus; Zumpt nach dem si t. fit, remisso homine libero dignus (offenbar interpolirt)., ziemen sich für einen Mann; die letzteren aber stehen uns auch dann nicht an, wenn wir frei von Geschäften sind, sobald für unsittliche Gedanken schmutzige Worte gebraucht werden.

Auch beim Spiele müssen wir ein gewisses Maß halten, um nicht Alles in übertriebener Weise auszuschütten und im Taumel der Lust zu Unanständigkeiten herabzusinken. Uebrigens bieten unser Marsfeld Auf dem Marsfelde stellte die Römische Jugend allerlei gymnastische Uebungen, wie Reiten, Diskuswerfen, Ballspiel, Fechten, an. und die Uebungen der Jagd Gelegenheit zu anständigem Zeitvertreibe.

XXX. 105. Aber es ist für jede Untersuchung von dem, was Pflicht ist, wichtig, stäts vor Augen zu haben, welch einen großen Vorzug die menschliche Natur vor der der Thiere, der zahmen wie wilden, habe. Diese haben nur für sinnliche Lust Gefühl und streben danach mit allem Ungestüm; der menschliche Geist hingegen findet seine Nahrung im Lernen und Denken, immer erforscht oder thut er Etwas und wird durch das Vergnügen des Sehens und Hörens angezogen. Ja selbst, wenn Einer einen etwas großen Hang zu sinnlichen Vergnügungen hat, wenn er nur nicht zu den ganz viehischen Wollüstlingen gehört – es gibt ja Manche, die nicht in der That, sondern nur dem Namen nach Menschen sind –, wenn er, sag' ich, einiger Erhebung fähig ist, so sucht er aus Scham, wenn er sich auch noch so sehr von der Sinnenlust einnehmen läßt, das Streben nach sinnlichem Vergnügen zu verbergen und zu verleugnen.

106. Hieraus sieht man, daß das sinnliche Vergnügen der Vorzüglichkeit der menschlichen Natur nicht recht angemessen ist, daß es sich geziemt dasselbe zu verachten und zu verwerfen, und daß, wenn Einer einigen Werth auf das Vergnügen legt, er im Genusse desselben sorgfältig Maß halten muß. Daher mag man Kleidung und Pflege des Körpers auf Erhaltung der Gesundheit und der Kräfte beziehen, nicht aber auf das Vergnügen. Ja wahrlich, wenn wir erwägen wollen, was für eine Auszeichnung und Würde in der menschlichen Natur liege; so werden wir einsehen, wie schimpflich es ist in Ueppigkeit zu zerfließen und auf verzärtelte und weichliche Weise zu leben, wie ehrenwerth dagegen eine sparsame, enthaltsame, strenge und nüchterne Lebensart zu führen.

107. Auch muß man wissen, daß uns die Natur gleichsam zwei Rollen ertheilt hat. Die eine ist Allen gemeinsam, insofern wir alle an der Vernunft und dem Vorzuge Theil nehmen, durch den wir vor den Thieren hervorragen. Hieraus wird alle Sittlichkeit und aller Anstand abgeleitet, und hierin wird die Grundlage zur Auffindung der Pflicht gesucht. Die andere ist jedem Einzelnen eigentümlich zuertheilt. Sowie sich nämlich in dem Körper große Verschiedenheiten finden: wir sehen ja, wie die Einen sich durch Schnelligkeit im Laufe, Andere durch Stärke im Ringen auszeichnen, wie ferner in der Gestalt sich bei Einigen Würde, bei Anderen Anmuth zeigt: ebenso tritt auch im Geiste eine große, ja eine noch größere Mannigfaltigkeit hervor. 108. Lucius Crassus Lucius Licinius Crassus, Sohn des Publius Licinius Crassus, geb. 140 v. Chr., gest. 91, Consul 95, der größte Redner in der vorciceronischen Periode; besonders wird auch an ihm der feine Witz von Cicero ( de Orat. II. 54, 220) gerühmt, indem er sagt: Nicht leicht wird man außer dem Crassus Jemanden finden, der in beiden Arten des Witzes ausgezeichnet ist, sowol in der, welche sich durch die ganze Rede hindurchzieht, als auch in der, welche sich in schnellen scharftreffenden Einfällen äußert. Genaueres über Crassus s. in unserer Einleitung zu der Uebersetzung der drei Bücher Cicero's vom Redner S. 18–21. und Lucius Philippus Lucius Marcus Philippus, Volkstribun 104 v. Chr., Consul im Jahre 91, Censor 86, gleichfalls ein großer Redner. Als Volkstribun stand er ganz auf Seiten der Volkspartei, später aber als Consul ergriff er die Partei der Aristokraten. Ueber seinen Witz s. Cicer. Brut. 47, 173. besaßen viel heitere Laune, in noch höherem Grade und mehr mit Vorsatz Gajus Cäsar Gajus Julius Cäsar Strabo, 95 v. Chr. Quästor und 90 curulischer Aedil, 87 von Marius ermordet; als Redner übertraf er alle früheren und gleichzeitigen Redner an seinem Witze und Scherze und heiterer Laune. Daher läßt ihn Cicero in dem zweiten Buche vom Redner einen ausführlichen Vortrag über den Witz halten. S. unsere eben angeführte Einleitung zu Cicero vom Redner S. 25., des Lucius Sohn; hingegen zu derselben Zeit lebten Marcus Scaurus Ueber Scaurus s. oben zu I. 22, 76. Anm. 167. Ueber seinen Ernst vgl. Cicer. Brut. 29, 111: In Scauri oratione, sapientis hominis et recti, gravitas summa et naturalis quaedam auctoritas inerat, non ut causam, sed ut testimonium dicere putares, quom pro reo diceret. und der junge Marcus Drusus Marcus Livius Drusus, der Jüngere, wurde im J. 91 v. Chr. als Volkstribun in einem Streite, den die Ritter gegen den Senat führten, wobei sich Drusus der Sache des Senates annahm, meuchlings ermordet. S. unsere Einl. zu Cic. von d. Redner I. 7, 24. Als Redner bezeichnet ihn Cicero im Brutus 62, 222 als einen gravem oratorem, ita duntaxat, quom de re publica diceret. Er war der Sohn des Marcus Drusus, der ein Gegner seines Amtsgenossen, des Gajus Gracchus, im Tribunate war (122 v. Chr.) und 112 als Consul in Macedonien gegen die Völker an der Donau Krieg führte. Von ihm sagt Cicer. or. 28, 109: vir et oratione gravis et auctoritate., die sich beide durch außerordentlich großen Ernst auszeichneten; ferner Gajus Lälius Ueber Lälius s. zu Kap. 26, §. 90. Anm. 193 und über Scipio Africanus s. zu Kap. 22, § 171. Anm. 14., der viel Heiterkeit besaß, und dessen Freund Scipio, der ein so großes Bestreben heiter zu scheinen zeigte, aber in seinem Leben finster war. Unter den Griechen war, wie wir wissen, Sokrates einnehmend, witzig und von heiterer Laune in der Unterhaltung, und in allen seinen Vorträgen übte er eine schalkhafte Verstellung, weßhalb ihn auch die Griechen είρων Das Griechische Wort είρων erklärt Quintil. IX. 2, 46: agens imperitum et admiratorem aliorum tanquam sapientum. nannten; hingegen Pythagoras Ueber Pythagoras s. zu Kap. 17, §. 56. Ueber seinen Ernst sagt Diog. Laert. VIII. § 20. in.: απείχετο καταγέλωτος καὶ πάσης αρεσκείας, οι̃ον σκωμμάτων. und Perikles Perikles, der berühmte Feldherr, Staatsmann und Redner der Athener. Von seinem Ernste sagt Plutarch. Pericl. cap. 5.: πρωσώπου σύστασις άθρυκτος εις γέλωτα, und cap. 7. erwähnt er des Perikles σεμνότης. gewannen das höchste Ansehen, ohne Etwas von einem aufgeräumten Wesen zu haben. Unter den Puniern war Hannibal Vgl. Liv. XXI, 4. listig, und unter unseren Landsleuten besaß Quintus Maximus Ueber Quintus Maximus s. zu Kap. 24, §. 84. Anm. 181. die Fähigkeit seine Pläne zu verhehlen, Schweigen zu beobachten, Verstellung anzunehmen, Nachstellungen zu bereiten, den Absichten der Feinde zuvorzukommen. In dieser Hinsicht geben die Griechen dem Themistokles Ueber Themistokles s. zu Kap. 22, §. 75. Anm. 159. und dem Jason Jason, König von Pherä in Thessalien, 370 v. Chr. ermordet, wird von Xenophon in den Hellen. VI, 1 geschildert und zu den bedeutenderen Männern seiner Zeit gezählt. Von seiner Schlauheit s. Xenoph. a. a. O. VI. 4. aus Pherä vor Allen den Vorzug, und ganz besonders rühmen sie die Schlauheit und List Solon's Die Athener hatten die Insel Salamis, die für sie sowol wegen des Handels, als auch wegen der Sicherheit des Landes von großer Bedeutung war, im Kriege mit den Megareern verloren und zu wiederholten Malen vergeblich versucht dieselbe wieder zu erobern. Sie verboten daher bei Todesstrafe einen Antrag auf Fortsetzung des Krieges mit Megara wegen der Insel zu machen. Solon aber, in der Meinung, der rechte Zeitpunkt sei gekommen die Insel den Megareern wieder zu entreißen, stellte sich, um der Strafe des Verbotes zu entgehen, wahnsinnig und entflammte durch einen Gesang den Muth der Athener dergestalt, daß sie das Verbot aufhoben und unter seiner Anführung die Insel wieder eroberten. Darauf wurde Solon im J. 594 v. Chr. zum Archon gewählt und mit dem Geschäfte einer neuen Gesetzgebung betraut. S. Plutarch. Sol. 2. Justin. II, 7., der, um sein Leben zu sichern und um ein Bedeutendes mehr dem Staate zu nützen, sich wahnsinnig stellte.

109. Diesen sind Andere sehr unähnlich, Männer von schlichtem und offenem Charakter, die keine im Verborgenen, keine mit Hinterlist ausgeführte Handlung zulassen, Freunde der Wahrheit, Feinde des Truges; ingleichen gibt es Andere, die sich Alles gefallen lassen, Jedermann unterthänig sind, wenn sie nur ihren Zweck erreichen, wie wir an Sulla Ueber Sulla s. zu Kap. 14, §. 48. Anm. 133. Vgl. Sallust Jug. 95, 96. Plutarch Sull. c. 5. 6. ( c. 28 wird er αλώπηξ genannt). und Marcus Crassus Ueber Crassus s. zu Kap. 8, §. 25. Anm. 94. Vgl. unten III.  19, 75. Plutarch. Crass. c. 3.: Ουδενὶ γὰρ ούτως απήντησε Ρωμαίων αδόξω καὶ ταπεινω̃ Κράσσος, ὸν ασπασάμενος ουκ αντιπροσηγόρευσεν εξ ονόματος. sahen. Hierher ist auch, wie wir aus der Geschichte wissen, der so geschmeidige und schmiegsame Lacedämonier Lysander Ueber Lysander s. zu Kap. 22, §. 76. Anm. 164. Vgl. Plutarch. Lys. c. 6 u. 7. zu rechnen; das Gegentheil von ihm war Kallikratidas Ueber Kallikratidas s. zu Kap. 24, §. 84. Anm. 179. Vgl. Xenoph. Hellen. I. 6, 7. Plutarch. Lysand. c. 7. extr., wo Kallikratidas mit Lysander verglichen wird., der unmittelbar nach Lysander Anführer der Flotte war; ferner wissen sich Andere Klotz liest: itemque in sermonibus alium [ quemque]. Die Lesart ist in den Handschriften verschieden interpolirt. Nicht unwahrscheinlich ist die Muthmaßung von Pearcius: aliquem. bei allem Ansehen, das sie im Staate besitzen, in ihren Unterredungen so zu benehmen, daß man sie für ganz gewöhnliche Leute hält, wie wir dieß an den beiden Catulus Quintus Lutatius Catulus, der Vater, im J. 102 v. Chr. Consul, besiegte mit Gajus Marius die Cimbern, der ihn aber im J. 87 tödten ließ. Ueber Catulus, den Sohn, s. zu Kap. 22, §. 76. Anm. 169., Vater und Sohn, sowie auch an Quintus Mucius Mancia Wer dieser Mancia gewesen sei, ist unbekannt. gesehen haben. Von älteren Personen habe ich gehört, dieselbe Eigenschaft habe Publius Scipio Nasica Publius Cornelius Scipio Nasica, der Sohn, der 114 v. Chr. als Consul starb, war der Sohn des oben Kap. 22, §. 76 (s. daselbst die Anm. 172) erwähnten Scipio Nasica. besessen, sein Vater hingegen, der, welcher des Tiberius Gracchus verderbliche Unternehmungen bestrafte, habe im Umgange gar keine Freundlichkeit gehabt. Ein Gleiches wissen wir von Xenokrates Xenokrates aus Chalcedon in Bithynien, Schüler Plato's, Vorsteher der Akademie von 339 v. Chr. 25 Jahre hindurch. Seine gegen alle Bestechung feste Sittenstrenge wird von den alten Schriftstellern gerühmt. – Die handschriftliche Lesart, die Klotz beibehalten hat: ne Xenocratem quidem ist höchst wahrscheinlich verderbt. Beier hat ne gestrichen; Unger erklärt die Worte ne Xenocr. quidem sever. philosophorum für eingeschoben, indem er sagt: Hier, wo von dem Benehmen des Vornehmen gegen den gemeinen Mann die Rede ist, ist für den Griechischen Philosophen keine Stelle, und ist die Unächtheit dieser Worte schon aus dem Mangel an Verbindung mit dem Uebrigen ersichtlich., der der ernsteste aller Philosophen gewesen und gerade dadurch groß und berühmt geworden sein soll. So gibt es unzählige andere Verschiedenheiten in den Naturanlagen und im Charakter, die jedoch keineswegs Tadel verdienen.

110. Ganz besonders muß aber Jeder an seinem Wesen festhalten, nicht dem fehlerhaften, aber doch ihm eigentümlichen, um desto leichter das Anständige, das wir suchen, zu behaupten. Unser Streben muß nämlich sein Nichts zu thun, was gegen die allgemeine Natur des Menschen streitet, sondern diese zu beobachten, dabei jedoch auch unserer eigentümlichen Natur zu folgen, so daß wir unsere Bestrebungen, auch wenn andere erhabener und besser sind, dennoch nur nach der Richtschnur unserer eigenen Natur bemessen. Es ist ja vergeblich seiner Natur sich zu widersetzen und Etwas zu erstreben, was man nicht erreichen kann. Hieraus erhellt das Wesen des Anständigen noch deutlicher; denn Nichts steht an, was wir, wie man sagt, gegen den Willen der Minerva thun, das heißt wogegen unsere Natur streitet und sich widersetzt.

111. Ueberhaupt wenn irgend Etwas anständig ist, so ist es in der That Nichts mehr als die Gleichmäßigkeit in der ganzen Lebensweise Lambin's Muthmaßung: aequabilitas quom universae vitae, tum hat Klotz aufgenommen, jedoch quom in Klammern eingeschlossen. Diese Muthmaßung ist durchaus nicht nothwendig. S. unsere Bemerk. ad Cicer. Tuscul. V. 3, 7., sowie auch in den einzelnen Handlungen, die man jedoch nicht behaupten kann, wenn man die Naturanlagen Anderer nachahmt und seine eigenen aufgibt. Denn sowie wir in unserer Muttersprache Ich lese mit mehreren Ausgaben qui natus est nobis statt notus, das Klotz beibehalten hat. Curtius VI. 10, 23. (39) sagt dafür sermo nativus. reden sollen, um uns nicht durch Einmischung Griechischer Wörter, wie es manche Menschen thun, mit vollem Rechte lächerlich zu machen; so sollen wir auch in unsere Handlungen und unsere ganze Lebensweise kein Mißverhältniß hineinbringen.

112. Und dieser Unterschied der Naturen hat eine so große Bedeutung, daß zuweilen der Eine sich den Tod geben darf, während ein Anderer unter gleichen Umständen es nicht darf. Befand sich zum Beispiel Marcus Cato Marcus Porcius Cato Uticensis, Anhänger der Stoischen Philosophie, nahm sich in dem Bürgerkriege zwischen Cäsar und Pompejus zu Utika, einer Stadt Afrika's, 46 v. Chr. das Leben. Der Selbstmord war nach der Ansicht der Stoiker in gewissen Lebensverhältnissen gestattet. Cicer. Fin. III. 18, 60: In quo enim plura sunt, quae secundum naturam sunt, hujus officium est in vita manere; in quo autem sunt plura contraria aut fore videntur, hujus officium est e vita excedere. Vgl. Tuscul. I. 30, 74. in einer anderen Lage als die Anderen, die sich in Afrika dem Cäsar ergaben? Und doch würde es diesen vielleicht als ein Vergehen angerechnet worden sein, wenn sie sich entleibt hätten, deßhalb weil ihr Benehmen gelassener und ihr Charakter nachgiebiger gewesen war; Cato hingegen, der von Natur eine unglaubliche Festigkeit besaß, diese durch seine stäts gleiche Standhaftigkeit befestigt hatte und immer in seinen Vorsätzen und gefaßten Entschlüssen verblieben war, mußte eher sterben als dem Gewaltherrscher ins Antlitz schauen. 113. Wie Vieles erlitt Ulixes auf jener langwierigen Irrfahrt, da er Weibern, wenn Circe und Calypso Erdichtete Weiber, von denen die Circe des Ulixes Begleiter in Schweine verwandelte, Calypso aber den Ulixes sieben Jahre hindurch auf ihrer Insel zurückhielt. Weiber zu nennen sind, diente und sich in allen seinen Reden gegen Alle leutselig und liebenswürdig zeigen wollte. In seiner Heimat angelangt, ertrug er sogar Beschimpfungen von Sklaven und Mägden, um endlich einmal das Ziel seiner Wünsche zu erreichen. Ajax Ajax, Sohn des Telamon, Königs von Salamis, nach Achilles der tapferste aller Griechen vor Troja. Nach des Achilles Tode hatte er gehofft dessen Waffen zu erhalten, aber durch die List des Ulixes wurden dieselben diesem zuertheilt. Darüber verfiel er in Raserei und tödtete sich selbst. hingegen hätte nach der Gemüthsart, die ihm beigelegt wird, den Tod lieber erleiden als solches erdulden wollen.

Solche Betrachtungen müssen uns zu der Prüfung führen, was jeder von uns Eigentümliches habe; dieses müssen wir nach dem rechten Maße berichtigen und nicht versuchen wollen, wie Fremdes uns anstehe; denn das steht Jedem am Besten an, was ihm am Meisten eigentümlich ist.

114. Jeder möge daher seine natürlichen Anlagen kennen lernen und sich zum strengen Richter seiner Vorzüge wie seiner Fehler machen, damit man nicht glaube, die Schauspieler hätten mehr Einsicht als wir. Denn jene wählen nicht die besten, sondern die ihnen angemessensten Stücke: die sich auf ihre Stimme verlassen können, die Epigonen Die Epigonen waren ein Trauerspiel des Accius, eines Römischen Tragikers (gebor. 172 v. Chr.). In demselben war das Schicksal der Epigonen behandelt; Epigonen hießen die Söhne der bei dem ersten Kriege gegen Theben gefallenen Helden, die zehen Jahre nachher einen Feldzug gegen Theben (Epigonenkrieg) auf Antrieb des Adrastus, Königs von Argos, unternahmen. und den Medus Medus war eine Tragödie des Pacuvius, eines Römischen Tragikers (gebor. 219 v. Chr.), in welcher das Schicksal des Medus, eines Sohnes des Aegeus und der Medea behandelt war.; die sich im Gebärdenspiele auszeichnen, die Melanippe und die Klytämnestra Melanippe und Klytämnestra sind Tragödien des Accius.; Rupilius Rupilius, ein Schauspieler. Die Rollen der Weiber wurden auf den Theatern der Alten von Männern gespielt., dessen ich mich noch erinnere, spielte immer die Antiopa Die Antiopa, eine Tragödie des Pacuvius.; Aesopus Aesopus, berühmter Schauspieler zu Rom, Freund Cicero's. nicht oft den Ajax Ajax, eine Tragödie des Ennius (s. zu I. 8, 26.) oder des Livius Andronicus aus Tarent, eines tragischen Dichters der Römer (um 230 v. Chr.), der ein Freigelassener des Marcus Livius Salinator war.. Also sollte dieses der Schauspieler auf der Bühne beurtheilen, und der weise Mann im Leben es nicht beurtheilen?

Zu welchen Verrichtungen wir nun das meiste Geschick haben, die müssen unsere Hauptbeschäftigung bilden. Sollte uns aber einmal die Noth in solche drängen, welche unserer Gemüthsart nicht entsprechen; so müssen wir alle Sorgfalt, alles Nachdenken und alle Umsicht anwenden, um dieselben, wenn auch nicht mit Anstand, doch mit möglichst geringem Uebelstande thun zu können, und unser Streben soll nicht sowol darauf gerichtet sein Vorzügen, die uns nicht gegeben sind, nachzustreben als unsere Fehler zu vermeiden.

115. An die beiden oben erwähnten Rollen schließt sich eine dritte an, welche ein Zufall oder ein Zeitumstand uns auferlegt, ja auch eine vierte, welche wir uns selbst nach unserem Ermessen anpassen. Königsthrone nämlich, Befehlshaberstellen, edle Geburt, Ehrenämter, Reichtum, Macht und das Gegentheil von diesen Dingen beruht auf Zufall und wird durch die Zeitumstände bestimmt. Was wir aber selbst für eine Rolle spielen wollen, das geht von unserem eigenen Willen aus. So widmen sich Einige der Philosophie, Andere dem bürgerlichen Rechte, Andere der Beredsamkeit, und selbst in Betreff der Tugenden will sich der Eine in dieser, ein Anderer in einer anderen auszeichnen.

116. Deren Väter oder Vorfahren aber sich in irgend einem Fache hervorthaten, die suchen gemeiniglich sich in der nämlichen Art des Lobes auszuzeichnen, wie Quintus Mucius Quintus Mucius Scävola, der Oberpriester, im J. 95 v. Chr. Consul mit dem großen Redner Crassus, ein berühmter Rechtskundiger; Lehrer Cicero's im Römischen Rechte. Er war der erste, der das bürgerliche Recht systematisch bearbeitete. Sein Vater, Publius Scävola, 133 Consul, zeichnete sich besonders durch die Kenntnis des jus pontificium aus., des Publius Sohn, im bürgerlichen Rechte, des Paullus Sohn, Africanus S. zu I. 22, 76. Anm. 171. Des Afrikanus Vater, Lucius Aemilius Paullus, hatte den letzten König von Macedonien Perseus in der Schlacht bei Pydna in Macedonien (168 v. Chr.) besiegt. Daher er den Beinamen Macedonicus erhielt. Ueber die Beredsamkeit des Africanus vgl. Cicer. de Orat. III. 7, 28., im Kriegswesen. Einige aber fügen zu dem Lobe, das sie von ihren Vätern ererbten, noch ein eigenes hinzu, wie eben dieser Africanus seinen Kriegsruhm durch Beredsamkeit krönte. Ein Gleiches that Timotheus Timotheus war ein großer Feldherr und Redner der Athener (um 360 v. Chr.). Vgl. Cicer. de Orat. III. 34, 139. Sein Vater Konon war gleichfalls ein berühmter Feldherr der Athener., Konon's Sohn, der seinem Vater an Kriegsruhm nicht nachstand und diesem Lobe auch den Ruhm der Gelehrsamkeit und jenes großen Geistes hinzugesellte. Zuweilen geschieht es aber, daß man die Nachahmung der Vorfahren aufgibt und seinen eigenen Lebensplan verfolgt. Ein solches Streben zeigen gemeiniglich die, welche, von geringer Abkunft, sich ein hohes Ziel setzen.

117. Alle diese Punkte müssen wir nun bei der Frage, was anständig sei, in unserem Geiste und Nachdenken zusammenfassen. Vor Allem aber ist zu bestimmen, was und wie wir sein und welche Lebensart wir wählen wollen: eine Ueberlegung, die unter allen die schwierigste ist. Denn beim Eintritte in das Jünglingsalter, wo die Einsicht sehr schwach ist, bestimmt sich Jeder für die Lebensweise, für welche er die größte Neigung gewonnen hat. Und so läßt er sich in eine bestimmte Lebensart und Lebensbahn hineinziehen, bevor er beurtheilen konnte, was das Beste sei. 118. Vom Herkules des Prodikus Die Mythe von Herkules am Scheidewege ist von dem Sophisten Prodikus aus Chios (zur Zeit des Sokrates) gedichtet und von Xenophon, dem Schüler des Sokrates, in den Denkbüchern von Sokrates II. Buch, 1. Kap. mitgetheilt. freilich erzählt man nach Xenophon's Bericht, er sei beim Eintritte in die mannbaren Jahre, in dem Zeitpunkte also, der uns von der Natur zur Wahl unseres künftigen Lebensweges gegeben ist, in die Einsamkeit hinausgegangen, und daselbst sitzend habe er, als er zwei Wege vor sich sah, den der Wollust und den der Tugend, lange und ernstlich bei sich überlegt, welchen von den beiden Wegen einzuschlagen besser sei. Das konnte sich vielleicht bei dem Herkules ereignen, einem Sohne des Jupiter; nicht aber geschieht dieß bei uns. Denn wir richten uns nach denen, die uns gerade ansprechen, und werden zu ihren Beschäftigungen und Lebenseinrichtungen hingetrieben; gemeiniglich aber lassen wir uns, durch die Vorschriften unserer Aeltern gebildet, zu deren Gewohnheit und Sitte hinleiten. Andere lassen sich durch das Urtheil des großen Haufens bestimmen, und, was der großen Menge als das Schönste erscheint, das machen sie hauptsächlich zum Gegenstande ihres Wunsches. Einige jedoch schlagen, sei es durch glücklichen Zufall oder durch gute Naturanlagen oder durch die älterliche Erziehung, den richtigen Lebensweg ein.

XXXIII. 119. Sehr klein ist aber die Anzahl derer, die im Besitze einer ausgezeichneten Geistesgröße oder einer vorzüglichen Ausbildung und Gelehrsamkeit oder beider Vorzüge auch Zeit zur Ueberlegung haben, welche Lebensbahn sie vorzüglich betreten wollen. Bei dieser Berathschlagung ist die ganze Ueberlegung auf die eigentümliche Naturanlage eines Jeden zu beziehen. Denn wenn wir nach unserer obigen Bemerkung bei allen Handlungen das Anständige nach den natürlichen Anlagen eines Jeden beurtheilen, so muß man bei der Bestimmung der ganzen Lebensweise eine noch weit größere Sorgfalt anwenden, damit wir uns in dem ganzen Verlaufe des Lebens fortwährend gleich bleiben und in keiner Pflicht einen Fehltritt thun können.

120. Da nun bei dieser Betrachtung die Naturanlage die größte Bedeutung hat und nächst dieser die Glücksumstände, so muß man bei der Wahl der Lebensweise allerdings auf Beides Rücksicht nehmen, aber mehr auf die Naturanlage; denn diese zeigt eine weit größere Festigkeit und Beständigkeit, so daß die Glücksgöttin im Kampfe mit der Natur wie eine Sterbliche erscheint, die Natur hingegen als eine Unsterbliche Die Glücksgöttin ( Fortuna) im Kampfe mit der Natur, d. h. das Schicksal kämpft zuweilen gegen des Menschen Naturanlage an, zeigt sich aber schwächer als diese. Statt Schicksal ist hier Schicksalsgöttin ( Fortuna) gesetzt; diese ist als Göttin unsterblich, aber ihrem Wesen nach veränderlich wie eine Sterbliche; des Menschen Natur hingegen ist sterblich, zeigt sich aber in dem Kampfe mit dem Schicksale zuweilen, wie eine Unsterbliche, unerschütterlich fest und beharrlich und geht siegreich daraus hervor..

Wer nun seinen ganzen Lebensplan nach seiner Naturanlage, wenn diese nicht fehlerhaft ist, bestimmt hat; der mag denselben mit Beharrlichkeit ausführen – darauf beruht ja am Meisten das Anständige –; es müßte denn sein, daß er einsehe, er habe sich in der Wahl der Lebensart geirrt. Tritt dieser Fall ein, und er kann eintreten, so muß man in seiner Lebensweise und in seinem Lebensplane eine Veränderung vornehmen. Sind dieser Veränderung die Zeitumstände günstig, so werden wir sie leichter und bequemer vornehmen; wo nicht, so muß sie allmälich und Schritt für Schritt vorgenommen werden, wie hinsichtlich der Freundschaften, die nicht gefallen und nicht beifallswerth erscheinen, weise Männer es für anständiger halten dieselben allmälich aufzulösen als plötzlich abzubrechen. 121. Ist aber ein Wechsel unserer Lebensweise eingetreten, so muß es unsere angelegentliche Sorge sein der Welt zu zeigen, daß wir es aus guten Gründen gethan haben.

Wenn ich nun kurz zuvor gesagt habe, man solle seinen Vor ältern nachahmen; so müssen doch zwei Ausnahmen gemacht werden; erstens, daß man nicht ihre Fehler nachahme, sodann, wenn es die Natur nicht zuläßt Manches an ihnen nachzuahmen, wie zum Beispiel der Sohn des älteren Africanus, der den Sohn des Paullus an Kindesstatt annahm, wegen seiner schwächlichen Gesundheit nicht so seinem Vater ähnlich sein konnte, wie dieser dem seinigen gewesen war Cicer. de Senect. 11, 35: quam fuit imbecillus P. Africani filius! quam tenui aut nulla potius valetudine! Quod ni ita fuisset, alterum ille exstitisset lumen civitatis. Ad paternam enim magnitudinem animi doctrina uberior accesserat. Ueber Gnäus und Publius Scipio s. zu Kap. 18, §. 61. über den jüngeren Africanus zu Kap. 21, §. 76. und über Paullus zu Kap. 32, §. 116.: wenn es also Einem nicht möglich ist Rechtshändel zu führen oder das Volk durch Reden zu fesseln oder Krieg zu führen, so ist er doch das zu leisten verpflichtet, was in seiner Gewalt steht, nämlich Gerechtigkeit, Redlichkeit, Freigebigkeit, Bescheidenheit, Selbstbeherrschung zu üben, damit man die fehlenden Vorzüge weniger vermisse. Das beste Erbtheil aber, das Aeltern ihren Kindern hinterlassen können, und das vorzüglicher ist, als alles Erbvermögen, ist der Ruhm der Verdienste und der Thaten, und diesen zu beflecken muß als Frevel und Sünde angesehen werden.

XXXIV. 122. Da nun den verschiedenen Altersstufen nicht die nämlichen Pflichten zugetheilt werden, und die jungen Leute andere haben als die alten; so muß auch über diesen Unterschied Etwas gesagt werden. Dem Jünglinge also kommt es zu vor älteren Leuten Achtung zu haben und aus ihrer Mitte die besten und bewährtesten zu erwählen, um in ihrem Rathe und ihrer Leitung einen Stützpunkt zu haben; denn die Unerfahrenheit der Jugend muß durch die Einsicht des Alters geordnet und geleitet werden. Insbesondere aber muß man dieses Alter vor Ausschweifungen bewahren und in Anstrengungen und Ausdauer der Seele und des Körpers üben, damit es im Kriege und im Staatsdienste eine rührige Thätigkeit zeige. Und auch, wenn sich die jungen Leute erholen und sich der Fröhlichkeit überlassen, mögen sie sich vor Unmäßigkeit hüten und der Sittsamkeit eingedenk sein, und dieß wird ihnen leichter werden, wenn sie bei dergleichen Gelegenheiten ältere Personen hinzuziehen wollen.

123. Alte Leute hingegen dürfen, wie ich glaube, die körperlichen Anstrengungen vermindern, die Uebungen des Geistes aber müssen sie sogar noch vermehren. Ihr Bestreben muß vorzüglich darauf gerichtet sein, daß sie ihre Freunde, die Jugend und besonders den Staat durch ihren Rath und ihre Klugheit so viel als möglich unterstützen. Vor Nichts aber hat sich das Greisenalter mehr in Acht zu nehmen, als daß es sich nicht der Schlaffheit und Trägheit hingibt. Schwelgerei vollends ist, wie für jedes Alter schimpflich, so für das Greisenalter durchaus häßlich. Kommt nun aber auch noch Unmäßigkeit in sinnlichen Vergnügungen hinzu, so ist das Uebel doppelt, weil das Alter einerseits sich selbst Schande zuzieht, andererseits die Unmäßigkeit der Jugend schamloser macht.

124. Auch ist es nicht unstatthaft über die Pflichten der Obrigkeiten und der Privatpersonen, der Bürger Die Lesart, die Klotz ausgenommen hat: de privatorum civium ist offenbar falsch. Ich lese daher mit Beier, Orelli u. A. de privatorum, de civium. Offenbar sind den Obrigkeiten die Privatpersonen und den Bürgern die Fremden entgegengestellt. und der Fremden zu reden. Die besondere Aufgabe der obrigkeitlichen Personen also beruht darauf, daß sie einsehen, sie seien die Vertreter des Staates und verpflichtet dessen Würde und Ehre aufrecht zu erhalten, die Gesetze zu wahren, das Recht zu bestimmen und eingedenk zu sein, daß alles dieses ihrer Rechtlichkeit anvertraut ist. Der Privatmann aber soll mit seinen Mitbürgern als ihnen gleich berechtigt leben und weder sich erniedrigen und wegwerfen noch sich überheben, und dann dem Staate gegenüber friedliche und edle Gesinnungen hegen; denn als einen solchen pflegen wir uns einen guten Bürger zu denken und ihn so zu benennen. 125. Die Pflicht des Fremden und Insassen incolae. Incola ist der Insaß im Gegensatz zu civis, Bürger; er hat zwar das Recht in der Stadt zu wohnen, besitzt aber das Bürgerrecht nicht. aber ist Nichts außer seinem eigenen Geschäfte zu treiben, um Anderer Sachen sich nicht zu bekümmern und am Wenigsten in einem fremden Staate sich vorwitzig in dessen Angelegenheiten einzumischen.

So lassen sich etwa die Pflichten finden, wenn gefragt wird, was in Beziehung auf die verschiedenen Stände, Verhältnisse und Lebensstufen der Anstand und die Schicklichkeit erfordern. Nichts aber ist in dem Grade anständig, als in allen Handlungen und Entschlüssen Uebereinstimmung zu bewahren.

XXXV. 126. Dieser Anstand zeigt sich nun in allen Handlungen und Reden, ja in der Bewegung und Stellung des Körpers, und seine drei Bestandtheile sind Schönheit, Ordnung und ein zur Handlung passender Schmuck formositate, ordine, ornatu ad actionem apto. Die Uebersetzung schließt sich genau an das Lateinische an, ist aber, wie die Lateinischen Ausdrücke, undeutlich und erhält erst aus dem Folgenden Licht. Richtig bemerkt Garve: Cicero übersetzt hier ohne Zweifel drei Griechische philosophische Kunstwörter, und da er vollkommene Synonymen derselben in seiner Sprache nicht fand, da er keine Erklärungen derselben hinzufügte, so ließ er unvermeidlicher Weise die Unterschiede, welche bei dieser Eintheilung des Originalschriftstellers zum Grunde lagen, zweifelhaft und dunkel.: Begriffe, die schwierig mit Worten auszudrücken sind, die jedoch mit dem Verstande zu begreifen genügt. In diesen drei Stücken ist aber auch die Bemühung enthalten den Beifall derer zu gewinnen, mit denen und unter denen mit denen, darunter sind die Hausgenossen, Verwandten, Freunde zu verstehen; unter denen, darunter sind die Bürger zu verstehen. wir leben. Es mag daher auch hierüber einiges Wenige gesagt werden.

Zuvörderst scheint die Natur selbst auf unseren Körper große Rücksicht genommen zu haben. Denn sie hat unser Gesicht und die übrige Bildung unseres Körpers, welche ein wohlgefälliges Aeußere darbietet, dem Auge offen hingestellt; die Theile des Körpers aber, die uns für die natürlichen Bedürfnisse gegeben sind, einen häßlichen und widrigen Anblick aber gewähren würden, hat sie verdeckt und verborgen. 127. Nach dieser so sorgsamen Einrichtung der Natur hat sich das Anstandsgefühl des Menschen gerichtet. Denn was die Natur verborgen hat, dasselbe entziehen alle Menschen von gesundem Verstande dem Auge, und gewisse natürliche Bedürfnisse bemühen sie sich möglichst geheim zu befriedigen, und die Theile des Körpers, die zur Verrichtung solcher Bedürfnisse dienen, sowie ihre Verrichtungen nennen sie nicht bei ihrem eigentlichen Namen, und was zu thun nicht schimpflich ist, sobald es nur im Verborgenen geschieht, das auszusprechen gilt für unanständig. Daher ist sowol die öffentliche Verrichtung solcher Dinge als auch die unanständige Rede darüber ein Zeichen von Frechheit.

128. Auch verdienen die Cyniker Die Cyniker sind die Anhänger des Philosophen Antisthenes, eines Schülers von Sokrates. Er lehrte zu Athen in dem Gymnasium Cynosarges; daher der Name Cyniker. und einige der Stoiker Zeno, der Gründer der Stoa (s. zu I. 2, 6. Anm. 68) war ein Schüler des Cynikers Krates; daher wurden manche Ansichten der Cyniker von den Stoikern gebilligt. Ueber den hier angeführten Punkt vgl. Cicer. ad Famil. IX. 22., die fast Cyniker sind, kein Gehör, wenn sie es tadelnswerth und lächerlich finden, daß wir Dinge, die an sich nicht schimpflich sind, mit ihrem Namen zu bezeichnen, als etwas uns Beschimpfendes ansehen, während wir Dinge, die wirklich schimpflich sind, bei ihrem Namen benennen. Straßenraub, Betrug, Ehebruch sind an sich schimpflich, aber die Namen nicht anstößig. Kinder zeugen ist an sich ehrbar, die Benennung aber anstößig. In diesem Sinne ist noch mehr von diesen Philosophen in Beziehung auf das Anstandsgefühl gesprochen.

Wir hingegen wollen der Natur folgen und Alles meiden, was der Billigung unserer Augen und Ohren zuwiderläuft. 129. Die Stellung, der Gang, der Sitz, das Liegen bei Tische, die Mienen, die Augen, die Bewegungen der Hände, – Alles beobachte den Anstand. Hierbei muß man sich vor zwei Fehlern besonders in Acht nehmen, einmal vor einem weibischen oder weichlichen, und dann vor einem rohen oder bäuerischen Wesen. Auch darf man wahrlich nicht den Schauspielern und Rednern den Vorzug einräumen, daß sich bei ihnen dieß wohlgeordnet finde, während es bei uns vernachlässigt werde. Wenigstens beobachtet die Sitte der Schauspieler nach alter Zucht einen so großen Anstand, daß Niemand ohne einen Schurz auf die Bühne tritt; denn sie besorgen, daß, wenn durch irgend einen Zufall gewisse Theile des Körpers entblößt würden, ein nicht anständiger Anblick bewirkt werde. Nach unserer Sitte baden sich erwachsene Söhne nicht mit ihren Vätern, Schwiegersöhne nicht mit ihren Schwiegervätern. An einer solchen Sittsamkeit muß man also festhalten, zumal da die Natur selbst hierbei Lehrmeisterin und Führerin ist.

XXXVI. 130. Die Schönheit aber zerfällt in zwei Arten, von denen die eine die Anmuth, die andere die Würde umfaßt. Die Anmuth müssen wir als Eigenschaft des Weibes, die Würde als Eigenschaft des Mannes ansehen. Demnach möge von dem Antlitze des Mannes jeder seiner unwürdige Putz ferngehalten, und ein ähnlicher Fehler in den Gebärden und Bewegungen vermieden werden. Denn die in der Ringschule erlernten Bewegungen palaestrici motus. Die Ringschule ( palaestra) der Alten lehrte nicht bloß das Ringen und dergleichen Leibesübungen, sondern diente auch dazu jungen Leuten Anstand in Bewegung, Stellung, Haltung des Körpers beizubringen; die Ringschule hatte also in dieser Beziehung die Aufgabe unserer modernen Tanzschule. Quintil. I. 11, 16 (a palaestricis) gestus motusque formantur, ut recta sint brachia, ne indoctae rusticaeque manus, ne status indecorus, ne qua in proferendis pedibus inscitia, ne caput oculique ab alia corporis inclinatione dissideant. haben oft etwas recht Widriges, und einige Schauspielergebärden sind nicht frei von abgeschmackter Ziererei. In beiden Hinsichten verdient das Schlichte und Einfache Lob. Der Ausdruck der Würde aber ist dem Antlitze durch eine gute Farbe zu erhalten und die Farbe durch körperliche Uebungen.

Außerdem muß man sich auch der Reinlichkeit befleißigen, die jedoch nicht auf widrige Weise auffallen noch allzu gesucht sein darf, sondern nur eine bäuerische und rohe Nachlässigkeit meiden soll. Eine gleiche Rücksicht muß man auf die Kleidung nehmen, wobei, wie in den meisten Dingen, die Mittelstraße das Beste ist. 131. Auch soll man sich ferner in Acht nehmen eine zu weichliche Langsamkeit im Gange zu zeigen, um nicht eine Aehnlichkeit mit den Traggerüsten Die Traggerüste ( fercula) waren Bahren, auf denen bei feierlichen Aufzügen die Bildnisse der Götter oder bei einem Triumphe die dem Feinde abgenommene Beute langsam in der Stadt herumgetragen wurden. bei festlichen Aufzügen hervorzurufen, oder wenn es auf Eile ankommt, eine übertriebene Schnelligkeit anzunehmen, wodurch kurzes Athemholen bewirkt, die Miene verändert, das Gesicht verdreht wird: Alles deutliche Zeichen, daß es uns an gesetzter Haltung gebricht.

Jedoch noch weit mehr müssen wir dahin arbeiten, daß die Bewegungen der Seele sich nicht von den Gesetzen der Natur entfernen, und wir werden dieß erreichen, wenn wir uns in Acht nehmen in Leidenschaften und besinnungslose Zustände zu verfallen und wenn wir die Aufmerksamkeit unserer Gemüther auf die Beobachtung des Anstandes richten. 132. Die Bewegungen der Seele sind übrigens von doppelter Art; die einen gehören dem Denkvermögen, die anderen dem Begehrungsvermögen an. Das Denkvermögen beschäftigt sich vorzüglich mit der Erforschung der Wahrheit, das Begehrungsvermögen treibt zu Handlungen an. Wir müssen also dafür sorgen, daß wir unser Denkvermögen auf die möglichst besten Gegenstände richten und das Begehrungsvermögen der Vernunft unterthänig machen.

XXXVII. Von großer Wichtigkeit ist auch die Rede. Sie ist doppelter Art. Die eine ist die gesteigerte, mit Anstrengung gesprochene Im Lateinischen kürzer: contentionis. Contentio eigentlich die Anstrengung, die angestrengte Rede, d. h. die öffentliche Rede, wobei mit Anstrengung und Nachdruck gesprochen wird., die andere die ruhige Umgangssprache. Die gesteigerte Rede werde bei Verhandlungen vor Gericht, bei Volksversammlungen, im Senate angewandt; die Umgangssprache finde ihre Stelle in gesellschaftlichen Vereinen, in gelehrten Unterhaltungen, in freundschaftlichen Zusammenkünften; auch stelle sie sich bei Tischgesellschaften ein. Für die gesteigerte Rede werden von den Redekünstlern Vorschriften ertheilt, für die Umgangssprache aber keine, obwol es vielleicht auch dafür welche geben könnte. Doch wo sich Lernlust zeigt, da finden sich auch Lehrer; auf diese Nämlich die Umgangssprache. aber will Niemand Fleiß verwenden, von der Menge der Redekünstler ist Alles überfüllt. Indeß lassen sich die Vorschriften für den Ausdruck und die Gedanken gleichfalls auf die Umgangssprache anwenden.

presse. So Cicer. de Orat. III. 12, 45: non vaste, non rustice, non hiulce, sed presse et aequabiliter et leniter (locutus). und sanft Redenden erhöhen. Die beiden Catuler Ueber die Catuler s. zu Kap. 30, §. 109, Anm. 232. und zu Kap. 22, §. 76. Anm. 169. Vgl. Cicer. Brut. 35, 133, wo dem älteren Catulus sonus vocis et suavitas appellandarum litterarum (Lieblichkeit in der Aussprache der Laute) ertheilt wird. besaßen Nichts, was zu der Annahme hätte berechtigen können, daß sie eine besonders feine wissenschaftliche Bildung gehabt hätten; wiewol sie wissenschaftlich gebildet waren, aber das sind auch Andere; aber sie standen in dem Rufe, daß sie die Lateinische Sprache am Besten sprächen. Ihr Ton war lieblich, die Laute weder zu stark ausgedrückt noch verschluckt, so daß ihre Sprache weder dumpf noch geziert war; ihre Stimme ohne Anstrengung war weder matt noch singend. Der Vortrag des Lucius Crassus Ueber Lucius Crassus s. zu Kap. 30, §. 108. Anm. 213. war reichhaltiger und nicht minder geistreich; aber darum war der Ruhm der Catuler wegen ihrer schönen Sprache nicht geringer. An Witz und heiterer Laune aber übertraf Cäsar Ueber Cäsar s. zu Kap. 30, §. 108. Anm. 215. Dieser Cäsar und der ältere Catulus hatten die Popilia zur Mutter, ihre Väter aber waren verschieden, da Popilia sich zum zweiten Male mit Lucius Cäsar verheirathet hatte. Cicer. de Orat. II. 21. 89. Vgl. III. 12, 47., der Bruder des älteren Catulus, Alle dergestalt, daß er selbst in der gerichtlichen Rede die mit Anstrengung und Nachdruck gehaltenen Vorträge Anderer durch den Gesprächston übertraf. Bei allen Dingen nun muß man Fleiß anwenden, wenn wir überall das Schickliche berücksichtigen wollen.

134. Die Umgangssprache also, in der sich besonders die Sokratiker Namentlich Plato und Xenophon. auszeichnen, sei gelassen und frei von Rechthaberei; heitere Laune belebe sie. Nicht jedoch schließe sie, als ob sie im Besitze des Eigentumsrechtes wäre, andere Ausdrucksweisen Nec vero (hic sermo) ... excludat alios, scil. alios sermones, d. h. andere Arten des Ausdruckes, wie man deutlich aus dem ganzen Zusammenhange sieht. aus, sondern sowie in den übrigen Dingen, so halte sie auch in der geselligen Unterhaltung Abwechslung für nicht unbillig. Insbesondere mag man darauf sehen, über welche Gegenstände man redet; sind sie ernst, so mag man sich eines ernsten Tones, sind sie scherzhaft, einer heiteren Laune bedienen. Und vorzüglich sehe man sich vor, daß das Gespräch nicht einen Fehler im Charakter verrathe: was am Meisten dann zu geschehen pflegt, wenn man geflissentlich von nicht anwesenden Personen aus Verkleinerungssucht entweder im Scherze oder im Ernste auf verleumderische und ehrenrührige Weise redet.

135. Die Gespräche werden übrigens gemeiniglich über häusliche Angelegenheiten oder über den Staat oder über wissenschaftliche Bestrebungen und gelehrte Gegenstände gehalten. Man muß sich nun hierbei bemühen die Rede, wenn sie auf andere Gegenstände abschweift, auf die eigentlichen zurückzuführen, doch mit Rücksicht auf die jedesmalige Gesellschaft; denn wir finden nicht an denselben Gegenständen und nicht zu jeder Zeit und in gleichem Grade Geschmack. Auch ist zu beachten, inwieweit das Gespräch Unterhaltung gewährt, und sowie zum Anfange eine Veranlassung gewesen ist, so sei auch für das Ende ein richtiges Maß.

XXXVIII. 136. Aber sowie es für das Leben überhaupt eine sehr richtige Vorschrift ist, daß wir die Leidenschaften meiden, d. h. die allzu heftigen Gemüthsbewegungen, die sich der Herrschaft der Vernunft nicht fügen wollen; ebenso muß sich auch das Gespräch von dergleichen Bewegungen frei halten. Es soll also in ihm weder Zorn hervortreten, noch irgend eine leidenschaftliche Begierde oder Verdrossenheit oder Lässigkeit oder sonst Etwas von der Art sich zeigen.

Besonders ist auch dafür zu sorgen, daß wir den Personen, mit denen wir uns unterhalten, Verehrung und Hochachtung an den Tag legen.

Auch tritt zuweilen der Fall ein, daß Verweise nothwendig sind. Alsdann müssen wir vielleicht mit größerer Anstrengung der Stimme und in nachdrücklicheren und schärferen Ausdrücken reden; ja man muß den Schein annehmen, als ob man dieß im Zorne thue. Aber sowie zum Brennen und Schneiden, so schreiten wir auch zu dieser Art der Zurechtweisung nur selten und ungern und niemals, als nur im Nothfalle, wenn sich kein anderes Heilmittel auffinden läßt; jedoch der Zorn selbst muß fern bleiben; denn mit ihm kann Nichts verständig und mit Ueberlegung gethan werden. 137. Großentheils aber genügt es eine sanfte Zurechtweisung anzuwenden, jedoch in Verbindung mit würdevollem Ernste, so daß man zwar Strenge zeigt, aber persönliche Beschimpfung fern hält; auch muß man zu erkennen geben, daß man sich zu der Bitterkeit, die in dem Verweise liegt, nur zum Besten dessen, dem der Vorwurf gemacht wird, entschlossen habe.

Aber auch bei jenen Streitigkeiten, die wir mit unseren erbittertsten Feinden haben, geziemt es, selbst wenn wir von ihnen Dinge hören müssen, die unser unwürdig sind, dennoch ein gesetztes Wesen beizubehalten und den Jähzorn fernzuhalten. Denn was in leidenschaftlicher Aufregung geschieht, das kann weder mit gesetzter Haltung geschehen, noch die Billigung der Anwesenden finden.

Häßlich ist es auch mit sich selbst groß zu thun und von sich selbst zumal Unwahres rühmend anzuführen und unter dem Spotte der Zuhörer den großprahlerischen Soldaten Der prahlerische Soldat ( Miles gloriosus) war eine bei den alten Komikern der Griechen und Römer häufig vorkommende Rolle. Von Plautus besitzen wir noch ein ganzes Lustspiel, das diesen Namen führt. Bei Terentius findet sich im Eunuch II, 1. dieselbe Rolle in der Person des Thraso. zu spielen.

XXXIX. 138. Da wir nun alle Verhältnisse behandeln – wenigstens ist es unsere Absicht –, so müssen wir uns auch darüber aussprechen, wie das Haus eines Mannes von Stand und Ansehen beschaffen sein soll. Der Hauptzweck desselben ist Befriedigung des Bedürfnisses, und nach diesem muß sich der Bauplan richten, jedoch so, daß zugleich auch auf Bequemlichkeit und Schönheit Rücksicht genommen werde. Dem Gnäus Octavius Gnäus Octavius, der 168 v. Chr. als Prätor die Flotte des Perseus im letzten Macedonischen Kriege besiegte, im Jahre 165 Consul, Bruder vom Urgroßvater des Augustus., dem ersten in seiner Familie, der zum Consulate gelangte, gereichte es, wie wir wissen, zur Ehre, daß er einen herrlichen Palast im edelsten Stile auf dem Palatium Unter Palatium ist der Palatinische Berg zu verstehen. gebaut hatte. Denn da derselbe von allen Menschen in Augenschein genommen wurde, so glaubte man, er habe seinem Besitzer, einem Emporkömmling, die Stimme zum Consulate verschafft. Dieses Haus ließ Scaurus Marcus Aemilius Scaurus, Sohn des oben Kap. 21, §. 76 (s. daselbst die Anmerk. 167) erwähnten Scaurus, bewarb sich im J. 54 v. Chr. um das Consulat, wurde aber abgewiesen und mußte, im J. 52, wegen Amtserschleichung ( ambitus) verurtheilt, in die Verbannung gehen. Seine Aedilität im J. 58 zeichnete sich durch prachtvolle Spiele aus (s. II. 16, 57). Sein herrlicher Palast wird von Plinius 36, 15. beschrieben. niederreißen und machte daraus einen Anbau zu seinem Hause. Aber sowie jener das erste Consulat in sein Haus eingeführt hatte, so brachte dieser, der Sohn eines höchst ausgezeichneten und berühmten Mannes, in das vielfach vergrößerte Haus nicht allein eine Abweisung vom Consulate, sondern auch Schimpf und Unglück Das Wort Schimpf bezieht sich auf des Scaurus vergebliche Bewerbung um das Consulat, und das Wort Unglück auf seine Verurtheilung wegen Amtserschleichung.. 139. Denn die Würde des Mannes soll zwar durch das Haus gehoben, aber nicht ganz und gar im Hause gesucht, und der Herr nicht durch das Haus, sondern das Haus durch den Herrn geehrt werden.

Und sowie wir in den übrigen Dingen nicht auf uns allein, sondern auch auf Andere Rücksicht nehmen sollen; so muß auch in dem Hause eines angesehenen Mannes, das vielen Fremden Aufnahme und einer Menge von Menschen jeglicher Art Zutritt gestatten soll, für Geräumigkeit gesorgt werden. Sonst gereicht ja ein geräumiges Haus, wenn in ihm Einöde herrscht, seinem Besitzer zur Schande, und besonders, wenn es ehedem unter einem anderen Besitzer häufig besucht zu werden pflegte. Denn es ist verdrießlich, wenn die Vorübergehenden sagen:

O du altes Haus, wie wenig gleicht dein neuer Herr
Dem alten Diese Verse werden den Ennius zugeschrieben.!

Worte, die man in unseren Tagen von so vielen Häusern Nach dem Siege Cäsar's über Pompejus waren viele prachtvolle Häuser der besiegten Pompejaner (Aristokraten) in den Besitz der Cäsarianer gekommen, und das Haus des Pompejus selbst hatte Marcus Antonius, der spätere Triumvir, in Beschlag genommen. Vgl. Cicer. Philipp II. 41. sagen könnte.

140. Auch muß man sich, zumal wenn man selbst baut, in Acht nehmen in Aufwand und Pracht das Maß zu überschreiten; in dieser Hinsicht liegt auch in dem Beispiele viel Verderbliches. Denn gar zu Viele streben eifrig, zumal in diesem Stücke, dem Thun und Treiben der Vornehmen nach, wie wir dieß zum Beispiel bei Lucius Lucullus Lucius Lucullus besaß ausgezeichnete Tugenden (s. Cicer. Academic. II. im Anf. und Manil. 8, 20 f.), war aber wegen seiner Prachtliebe und seines ungeheuren Aufwandes berüchtigt. sehen. Wer hat diesem ausgezeichneten Manne in seinen Verdiensten, wie Viele aber in der Pracht seiner Landhäuser nachgeeifert! Und gerade in Betreff dieser letzteren geziemt es sicherlich Maß zu halten und sich auf die Mittelstraße zu beschränken. Und eben diese Mittelstraße ist es, die man auf Alles anwenden soll, was zu den Bedürfnissen und zu der Verschönerung des Lebens gehört. So viel hiervon.

141. Bei jeder Handlung aber, die wir übernehmen, haben wir drei Dinge zu beobachten: zuerst, daß das Begehrungsvermögen der Vernunft Gehorsam leiste, was für die Erfüllung der Pflichten das Förderlichste ist; sodann, daß man erwäge, von welcher Wichtigkeit der Gegenstand sei, den man ausführen will, um nicht mehr und nicht weniger Sorgfalt und Mühe darauf zu verwenden, als die Sache erfordert; der dritte Punkt ist dafür Sorge zu tragen, daß in dem, was zu einem anständigen Aeußeren und zu einer edlen Würde gehört, das richtige Maß beobachtet werde. Das beste Maß aber liegt gerade darin, daß wir uns an den Anstand halten, von dem wir zuvor gesprochen haben, und nicht darüber hinaus gehen. Das wichtigste unter diesen drei Stücken jedoch ist die Unterwerfung des Begehrungsvermögens unter die Herrschaft der Vernunft.

XL. 142. Zunächst S. oben Kap. 35, §. 124. zu Anfang. ist von der Ordnung in den Handlungen und von der Berücksichtigung des schicklichen Zeitpunktes zu reden. Dieß ist in der Wissenschaft enthalten, welche die Griechen ευταξία nennen, aber nicht in der Bedeutung des Wortes, nach der wir es »Maßhaltung« modestiam; Maßhaltung entspricht hier am Besten dem Lateinischen Worte. übersetzen; denn in diesem Worte liegt der Begriff des Maßes quo in verbo modus inest. ; sondern es ist jene ευταξία, unter der man die Beobachtung der Ordnung versteht. Wir könnten sie jedoch auch »Maßhaltung« nennen; denn der Begriff dieser wird von den Stoikern so aufgestellt: »Maßhaltung ist die Wissenschaft unsere Handlungen und Reden an ihren rechten Ort zu stellen.« So scheinen die Worte Ordnung und Stellung dieselbe Bedeutung zu haben. Denn auch die Ordnung erklären sie durch Zusammenstellung der Dinge an den passenden und geeigneten Orten; der Ort der Handlung ist aber nach ihrer Erklärung die für dieselbe gelegene Zeit. Die für die Handlung gelegene Zeit heißt Griechisch ευκαιρία, bei uns Gelegenheit occasio. . Auf diese Weise bedeutet, wie gesagt, das Wort »Maßhaltung«, mit dem wir das Griechische übersetzen, die Wissenschaft der für die Handlungen passenden Zeiten. 143. Aber dieselbe Begriffsbestimmung kann von der Klugheit gelten, von der ich zu Anfang gesprochen habe S. oben Kap. 6.; hier aber haben wir es nur mit der Mäßigung, Selbstbeherrschung und ähnlichen Tugenden zu thun. Die Eigenschaften der Klugheit sind daher an ihrem Orte angeführt; jetzt aber müssen die Eigenschaften der Tugenden angeführt werden, von denen ich schon lange rede, die sich auf die Sittsamkeit und den Beifall derer beziehen, mit denen wir leben.

144.Man muß also bei unseren Handlungen eine solche Ordnung anwenden, daß, wie bei einer gleichmäßig ausgearbeiteten Rede, so auch im Leben Alles unter einander passe und übereinstimme. So ist es zum Beispiel unanständig und sehr fehlerhaft bei einer ernsten Angelegenheit Dinge anzubringen, wie sie bei Gastgelagen vorkommen Klotz und die meisten Herausgeber lesen: in re secera convivii dicta, d. h. Witze, wie sie bei Gastmählern gemacht werden. Ich lese mit Unger nach den besten Handschriften: convivio digna. Vgl. Cicer. de Orat. II. 6, 252: obscoenitas non solum non foro digna, sed ne convivio quidem liberorum., oder schlüpfrige Reden einzumischen. Ganz Recht hatte Perikles Ueber Perikles s. oben zu Kap. 30, §. 108. Anm. 221., daß er dem Sophokles Sophokles, der berühmte Tragiker der Athener, wurde im J. 440 v. Chr. im Kriege gegen Samos mit Perikles zum Feldherrn erwählt., seinem Amtsgenossen in der Feldherrenwürde, der bei einer Zusammenkunft wegen eines gemeinsamen Geschäftes, als zufällig ein schöner Knabe vorüberging, ausrief: »Siehe da den schönen Knaben, Perikles!« entgegnete: »Wie, Sophokles? Für einen Feldherrn ziemt es nicht allein die Hände, sondern auch die Augen enthaltsam zu haben.« Hätte Sophokles die nämliche Aeußerung bei einer Prüfung von Kämpfern gethan, so wäre er von jedem gerechten Tadel frei gewesen. Eine solche Bedeutung haben Ort und Zeit. Wenn zum Beispiel Jemand, der einen Rechtshandel zu führen hat, auf der Reise oder auf einem Spaziergange bei sich darüber nachsänne oder sonst Etwas mit großer Aufmerksamkeit überdächte; so würde er keinen Tadel verdienen; thäte er hingegen das Nämliche bei einem Gastmahle, so würde er wegen seiner Unkunde die Zeit zu unterscheiden für einen ungebildeten Menschen gelten.

145.Aber die groben Verstöße gegen ein feines Benehmen, wie zum Beispiel, wenn Jemand auf dem Forum sänge oder irgend etwas sehr Verkehrtes thäte, fallen leicht ins Auge und bedürfen keiner ausdrücklichen Erinnerung und besonderer Vorschriften; hingegen von den anscheinend unbedeutenden Verstößen, die von Vielen gar nicht bemerkt werden, muß man sich sorgfältig fern halten. Sowie beim Saitenspiele oder bei Blasinstrumenten auch der geringste Mißton von dem Kenner bemerkt zu werden pflegt, so muß man auch leben und keinen Mißton in seinem Leben zeigen, ja in noch weit höherem Grade, je wichtiger und schöner der Einklang in den Handlungen als in den Tönen ist.

146. Sowie nun beim Saitenspiele die Ohren der Tonkünstler die geringsten Verstöße bemerken, so werden auch wir, wenn wir scharfe und sorgfältige Beobachter unserer Fehler sein wollen, oft aus Kleinigkeiten wichtige Schlüsse machen. Aus dem Blicke der Augen, aus der Entfaltung oder Zusammenziehung der Stirn, aus der Traurigkeit, aus der Heiterkeit, aus dem Lachen, aus dem Sprechen, aus dem Schweigen, aus der Hebung und Senkung der Stimme und den übrigen ähnlichen Aeußerungen werden wir leicht beurtheilen, was hierin schicklich ist, und was zu der Pflicht des Anstandes und zur Natur nicht stimmt. In dieser Beziehung ist es nicht unangemessen an Anderen zu beurtheilen, wie sich jedes dieser Dinge ausnimmt. Denn wir sehen, ich weiß nicht, wie es kommt, an Anderen mehr als an uns selbst, wenn ein Fehler begangen wird. Daher ist es ein sehr leichtes Mittel die Fehler der Schüler zu verbessern, wenn die Lehrer zu diesem Behufe dieselben nachmachen.

147. Auch ist es nicht unzweckmäßig in Fällen, deren Beurtheilung zweifelhaft ist, wissenschaftlich gebildete oder auch erfahrene Männer zu Rathe zu ziehen und ihr Urtheil über das, was in den einzelnen Fällen die Pflicht erfordert, auszuforschen. Denn die Mehrzahl der Menschen pflegt sich gemeiniglich dahin zu neigen, wohin sie schon durch das natürliche Schicklichkeitsgefühl geleitet wird. Hierbei muß man sehen, nicht nur was Jeder spricht, sondern auch was Jeder denkt und auch aus welchem Grunde er so denkt. Denn sowie die Maler und Bildhauer, ja selbst die Dichter ihre Werke der großen Menge zur Prüfung vorlegen, um zu verbessern, was von der Mehrheit getadelt werden möchte, und wie sie theils für sich theils mit Anderen untersuchen, worin der Fehler liege: so müssen wir Vieles nach dem Urtheile Anderer thun und nicht thun und verändern und verbessern.

148. Ueber die Handlungen aber, die auf dem Herkommen und den bürgerlichen Einrichtungen beruhen, braucht man keine Vorschriften zu ertheilen; denn diese Gebräuche sind an und für sich schon Vorschriften, und nicht dürfen wir uns durch die irrige Ansicht leiten lassen, daß wir meinen, wenn ein Sokrates oder Aristippus Aristippus, Schüler des Sokrates, aus Cyrene, einer Stadt Afrika's, Gründer der Cyrenäischen Schule, erklärte das Vergnügen für das höchste Gut und den Schmerz für das höchste Uebel. Etwas gegen die Sitte und Gewohnheit ihrer Mitbürger gethan oder gesprochen haben, ein Gleiches sei auch uns gestattet. Ihre großen und unvergleichlich herrlichen Vorzüge verschafften ihnen dieses Vorrecht. Die Lehre der Cyniker Ueber die Cyniker s. zu Kap. 35, §. 128. Anm. 258. aber ist durchaus verwerflich; denn sie steht dem sittlichen Gefühle feindlich entgegen, und ohne dieses kann nichts Tugendhaftes, nichts Sittlichgutes bestehen.

149. Männern, deren Leben sich in edlen und großen Handlungen bewährt hat, die gegen den Staat gut gesinnt sind und sich um denselben wohl verdient machten und noch machen, sind wir ebenso, wie Männern, die mit einem Ehrenamte oder einer Befehlshaberstelle bekleidet sind, Hochachtung und Verehrung zu erweisen verpflichtet. Auch das Greisenalter sollen wir ehren und gegen die obrigkeitlichen Personen zurücktreten und einen Unterschied zwischen einem Bürger und einem Fremden machen, und bei dem Fremden selbst, ob er in eigenen oder in Staatsangelegenheiten zu uns gekommen ist. Kurz, um nicht alle einzelnen Verhältnisse zu erwähnen, es ist unsere Pflicht die gemeinsame Verbindung und Vereinigung des ganzen Menschengeschlechtes zu achten, zu schützen und zu erhalten.

XLII. 150. In Betreff der Künste und Gewerbe haben wir, inwieweit sie für edel, und inwieweit sie für niedrig zu achten sind, etwa folgende Ansichten kennen gelernt.

Zuerst mißfallen die Gewerbe, durch die man sich den Haß der Menschen zuzieht, wie das der Zöllner und der Wucherer. Unedel und niedrig ist ferner das Gewerbe der Taglöhner, denen man bloß die Arbeit und nicht die Kunst bezahlt; denn bei ihnen ist gerade der Lohn das Handgeld, für das sie sich zu einem Sklavendienste verbindlich machen. Für niedrig müssen auch die Krämer gelten, die von den Großhändlern Waaren kaufen, um sie sogleich wieder zu verkaufen; denn sie können Nichts gewinnen, wenn sie nicht die Käufer gehörig belügen, und wahrlich es gibt doch nichts Schimpflicheres als die Lüge. Auch alle Handwerker treiben ein niedriges Gewerbe; denn eine Werkstätte kann nichts Edles in sich schließen. Am Wenigsten sind die Beschäftigungen zu billigen, welche Dienerinnen der sinnlichen Lüste sind:

Die Seefischhändler, Fleischer, Köche, Würstemacher, Fischer,

wie Terentius Terent. Eunuch. II. 2, 26. sagt. Füge noch hinzu, wenn du willst, die Salbenkrämer, die Tänzer und die ganze Bande von Glücksspielern.

151. Die Künste hingegen, die auf einer tieferen Einsicht beruhen oder einen nicht unerheblichen Nutzen gewähren, wie die Arzeneikunde, die Baukunst, der Unterricht in den edlen Wissenschaften, sind für Leute, mit deren Stande sie sich vertragen Aus einer Kunst oder Wissenschaft ein Gewerbe zu machen war eines vornehmen Römers unwürdig., ehrenvoll. Der Kleinhandel muß als eine niedrige Beschäftigung angesehen werden; der Großhandel hingegen, der aus allen Ländern viele Waaren herbeischafft und den Genuß derselben vielen Menschen gewährt, ohne sie zu betrügen, verdient nicht eben Tadel. Ja sogar kann der Kaufmann, wie ich glaube, mit dem vollsten Rechte Anspruch auf Lob machen, wenn er, gesättigt oder vielmehr zufrieden mit seinem Gewinne, sowie er vormals oft von dem hohen Meere in den Hafen einlief, nunmehr sich aus dem Hafen auf seine ländlichen Besitzungen zurückzieht. Unter allen Erwerbmitteln aber ist keines so gut, so ergiebig, so angenehm, so eines freien Mannes würdig als die Landwirtschaft. Von ihr habe ich in meinem älteren Cato Cicero vom Alter, Kap. 15–17. zur Genüge gesprochen; du magst daher aus ihm das auf diesen Gegenstand Bezügliche entlehnen.

XLIII. 152. Es ist nun hinlänglich, wie ich glaube, auseinandergesetzt, auf welche Weise sich von den einzelnen Theilen, aus denen das Wesen der Sittlichkeit besteht, die Pflichten ableiten lassen. Indeß kann oft zwischen den sittlichguten Handlungen selbst ein Streit eintreten und eine Vergleichung stattfinden, welche von zwei sittlichguten Handlungen den Vorzug verdiene: ein Punkt, den Panätius übergangen hat. Da nämlich Alles, was sittlichgut ist, aus vier Quellen entspringt, aus der Erkenntniß, aus dem Gemeinsinne, aus der Hochherzigkeit und aus der Mäßigung: so muß man diese oft nothwendig bei der Wahl der Pflicht unter einander vergleichen.

153. Ich bin nun der Ansicht, daß die Pflichten der Natur angemessener seien, welche sich von dem Gemeinsinne, als diejenigen, welche sich von der Erkenntniß ableiten lassen, und dieß kann durch folgenden Beweis bestätigt werden. Gesetzt, einem weisen Manne würde ein solches Leben zu Theil, daß er bei dem Ueberflusse aller Lebensbedürfnisse alles Wissenswürdige in der größten Muße bei sich selbst betrachten und beschauen könnte: so würde er dennoch, wenn er dabei in einer Einsamkeit leben müßte, wo er keinen Menschen sehen könnte, lieber aus dem Leben scheiden. Ferner Als zweiter Beweisgrund für die Behauptung, daß die aus dem Gemeinsinne hervorgehenden Pflichten den aus der Erkenntniß hervorgehenden vorzuziehen seien, führt Cicero folgenden an: Auch die Weisheit, die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge, erfüllt nur dann ihren Zweck, wenn sie zugleich mit der Handlung verbunden ist, d. h. wenn sie auf Förderung des gemeinsamen Wohles gerichtet ist. ist das Haupt aller Tugenden die Weisheit, welche die Griechen σοφία nennen. Unter der Klugheit nämlich, welche die Griechen φρόνησις nennen, verstehen wir etwas Anderes; denn diese ist die Wissenschaft der zu erstrebenden und zu vermeidenden Dinge Die Klugheit, prudentia, φρόνησις, ist eine der vier Kardinaltugenden: Klugheit, Gerechtigkeit, Mäßigkeit, Tapferkeit; die Weisheit aber, sapientia, σοφία, umfaßt alle Tugenden in sich. Sie ist die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge.. Jene Weisheit also, die ich das Haupt der Tugenden genannt habe, ist die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge, auf der die Gemeinschaft der Götter und Menschen und ihre gegenseitige Verbindung beruht. Ist nun diese die wichtigste Tugend, wie sie es wirklich ist; so muß nothwendiger Weise die Pflicht, welche sich von dem Gemeinsinne ableiten läßt, die wichtigste sein. Denn die Erkenntniß und Betrachtung der Natur würde etwas Mangelhaftes und Unvollendetes sein, wenn sie von keiner Handlung begleitet würde. Diese Handlung aber thut sich vornehmlich in Förderung und Erhaltung der Vortheile unserer Nebenmenschen kund. Ihr Zweck ist demnach die menschliche Gesellschaft. Also ist sie der Erkenntniß vorzuziehen. 154. Und dieß beweisen die edelsten Menschen durch die That und ihr Urtheil. Denn wer möchte in der Erforschung und Untersuchung der Natur so leidenschaftlich sein, daß, wenn ihm während der Behandlung und Betrachtung der wissenswürdigsten Gegenstände plötzlich die Nachricht zukäme, sein Vaterland schwebe in der äußersten Gefahr, und er demselben helfen und beistehen könnte, er nicht Alles verlassen und von sich werfen sollte, selbst wenn er die Sterne zählen oder die Größe der Welt messen zu können vermeinte? Und ein Gleiches würde er bei einer Angelegenheit oder Gefahr seines Vaters, seines Freundes thun.

155. Hieraus erhellt, daß den Bestrebungen und Pflichten der Wissenschaft die Pflichten der Gerechtigkeit vorzuziehen sind; denn sie haben die Menschenliebe zum Zwecke, welche den Menschen unter allen Dingen am Meisten am Herzen liegen muß.

XLIV. Ja auch Männer, die alle ihre Bestrebungen und ihr ganzes Leben der Erforschung der Dinge widmen, entziehen sich darum doch nicht der Pflicht den Nutzen und Vortheil ihrer Nebenmenschen zu fördern. Denn durch ihren Unterricht machen sie viele Menschen zu besseren und dem Staatswesen nützlicheren Bürgern. So zum Beispiel wurden der Thebaner Epaminondas Epaminondas aus Theben, der berühmte Feldherr der Thebaner, der in der Schlacht bei Mantinea in Arkadien 262 v. Chr. fiel. Vgl. oben zu Kap. 24, §. 84. Anm. 180. von dem Pythagoreer Lysis Lysis aus Tarent, ein Schüler des Pythagoras, hielt in Theben philosophische Vorträge. Vgl. Cicer. de Orat. III. 34, 139. Cornel. Nep. Epamin. c. 2., der Syrakuser Dio Dio von Syrakus, Sohn des Hipparinus, Feldherr der Syrakuser unter dem Könige Dionysius I. (um 360 v. Chr.) und nach dessen Tode Vormund von Dionysius II., dem Sohne und Nachfolger von Dionysius I. Auf seinen Rath kam Plato zweimal nach Syrakus zu dem älteren und dem jüngeren Dionysius. Während des Aufenthaltes Plato's in Syrakus gab Dio sich mit ganzer Seele dem Unterrichte dieses Philosophen hin. Vgl. Corn. Nep. Dio c. 2. von Plato und viele Andere von Vielen gebildet. Auch ich selbst verdanke Alles, was ich dem Staate geleistet habe, wenn anders ich wirklich Etwas geleistet habe, meinen Lehrern, durch deren Unterricht ich in den Stand gesetzt wurde mit den gehörigen Kenntnissen ausgerüstet an der Verwaltung des Staates Theil zu nehmen. Und nicht allein bei ihren Lebzeiten und durch persönlichen Unterricht bilden und belehren solche Männer lernbegierige Schüler, sondern auch nach ihrem Tode erreichen sie denselben Zweck durch schriftliche Denkmäler. Denn kein Punkt, der sich auf die Gesetzgebung, auf die Sittenlehre, auf die Staatsverfassung bezieht, ist von ihnen übergangen, so daß man von ihnen sagen kann, sie haben ihre Geschäftslosigkeit zum Besten unserer Geschäftsthätigkeit Geschäftslosigkeit – Geschäftsthätigkeit, im Originale: ut otium suum ad nostrum negotium contulisse videantur, ein Wortspiel. verwendet. [ So] sehen wir also, daß selbst die Gelehrten und Weisen ihre Klugheit und Einsicht ganz vorzüglich auf den Nutzen der Menschen verwenden, und aus diesem Grunde ist die Fähigkeit sich beredt auszudrücken, doch zugleich auch mit Einsicht, besser als selbst das scharfsinnigste Denken ohne Beredsamkeit, weil das Denken auf sich beschränkt ist, während die Beredsamkeit sich auch auf die erstreckt, mit denen wir in gemeinsamer Verbindung leben.

157. Und sowie die Bienenschwärme nicht, um Waben zu bilden, in Gesellschaft leben, sondern, da sie von Natur den Trieb zur Geselligkeit haben, Waben bilden; so wenden die Menschen und in noch höherem Grade, als von Natur gesellige Wesen, Geschicklichkeit im Handeln und Denken an. Wenn daher die Tugend, die in der Erhaltung der Menschen, das heißt, der menschlichen Gesellschaft, besteht, nicht zu der Erkenntniß der Dinge hinzutritt; so dürfte die Erkenntniß einsiedlerisch und unfruchtbar erscheinen, und ebenso würde sich großer Muth ohne den Sinn für Gemeinschaft und Vereinigung der Menschen als Wildheit und Rohheit kund thun. Hieraus folgt also, daß der Gesellschafts- und Gemeinsinn der Menschen höher steht als das Streben nach Erkenntniß.

158. Auch ist nicht wahr, was Einige behaupten, daß die Menschen nur aus Noth, weil sie die natürlichen Bedürfnisse ohne den Beistand Anderer nicht erreichen und sich verschaffen könnten, sich mit einander zur Gemeinschaft und Gesellschaft verbunden hätten, und daß, wenn ihnen alles zum Bedarf und zur Pflege des Lebens Gehörige gleichsam durch eine Wünschelruthe quasi virgula divina, Wünschelruthe, Zauberstab. Es ist hier eine Anspielung auf den Stab des Mercurius. Hymn. in Mercur. 529: όλβου καὶ πλούτου ράβδις. Lucian. dial. 7, 4: θαυμασία τὴν δύναμιν., wie man sagt, dargeboten würde, alsdann die Begabtesten nach Hintansetzung aller Geschäfte sich ganz in die Erforschung der Dinge und in die Wissenschaft vertiefen würden. So aber verhält sich die Sache nicht. Denn er würde die Einsamkeit fliehen und einen Genossen seiner Beschäftigung suchen; bald zu lehren bald zu lernen bald zu hören bald zu reden würde er wünschen.

Also ist jede Pflicht, welche auf die Verbindung der Menschen und Erhaltung der Gesellschaft einen Einfluß hat, der Pflicht vorzuziehen, welche auf der Erkenntniß und Wissenschaft beruht.

XLV. 159. Vielleicht dürfte noch die Frage aufgeworfen werden, ob dieser Geselligkeitstrieb, welcher der Natur ganz besonders entspricht, auch der Mäßigung und Sittsamkeit zu jeder Zeit vorzuziehen sei. Dieser Ansicht bin ich nicht. Denn es gibt gewisse Handlungen, die theils so abscheulich theils so schmachvoll sind, daß sie der Weise selbst zur Erhaltung des Vaterlandes nicht begehen würde. Dergleichen Fälle hat Posidonius Posidonius aus Apamea in Syrien, Schüler des Panätius (s. zu I. 2, 7.), Stoischer Philosoph, Lehrer Cicero's, der ihn auf seiner Reise von Athen nach Asien zu Rhodus hörte. in großer Anzahl gesammelt, aber einige sind so häßlich, so schmutzig, daß selbst ihre bloße Erwähnung das Anstandsgefühl verletzen würde. Solchen Handlungen nun wird sich Niemand zum Besten des Staates unterziehen, und der Staat wird auch gar nicht verlangen, daß man für ihn dieß thue. Doch hat die Sache um so weniger Schwierigkeit, weil solche Zeitumstände nicht eintreten können, in welchen dem Staate daran läge, daß der Weise irgend Etwas von der Art thäte.

160. So viel wäre also erwiesen, daß bei der Wahl der Pflichten denjenigen der Vorzug gebühre, welche sich auf den Gesellschaftstrieb der Menschen gründen. Denn eine überlegte Handlung ist die Folge der Erkenntniß und Einsicht. Folglich hat das überlegte Handeln einen höheren Werth als das kluge Denken.

160.[?] So viel nun hiervon. Der Gegenstand ist ja seinem Wesen nach erläutert, so daß es bei der Prüfung der Pflichten keine Schwierigkeit macht einzusehen, welcher Pflicht jedesmal vor der anderen der Vorzug gebühre.

Indeß gibt es in der geselligen Verbindung selbst Abstufungen der Pflichten, nach denen man beurtheilen kann, welche Pflicht jedesmal den Vorrang habe. Die ersten gebühren den unsterblichen Göttern, die zweiten dem Vaterlande, die dritten den Aeltern und so stufenweise weiter den Uebrigen.

161. Aus dieser kurzen Untersuchung kann man einsehen, daß die Menschen nicht allein darüber ungewiß zu sein pflegen, ob eine Handlung sittlichgut oder sittlichschlecht sei, sondern auch, wenn zwei sittlichgute Handlungen vorliegen, welche einen höheren sittlichen Werth habe. Diesen Punkt hat Panätius, wie ich oben Kap. 43, §. 152. erwähnte, übergangen. Doch wir wollen nun zu den noch übrigen Theilen unserer Untersuchung fortschreiten.

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