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Cicero's drei Bücher von den Pflichten

Marcus Tullius Cicero: Cicero's drei Bücher von den Pflichten - Kapitel 10
Quellenangabe
typetractate
authorRaphael Kühner
firstpub1859
year1873
publisherHoffmann'sche Verlags-Buchhandlung
addressStuttgart
titleCicero's drei Bücher von den Pflichten
created20060118
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Zweites Buch.

I. 1. Wie sich die Pflichten aus der Sittlichkeit und überhaupt aus dem Wesen der Tugend ableiten lassen, das, mein Sohn Marcus, ist, wie ich glaube, in dem vorigen Buche hinreichend entwickelt. Jetzt liegt es mir ob die Arten der Pflichten zu behandeln, welche sich auf die Einrichtung des Lebens und auf die Mittel zur Erwerbung der menschlichen Bedürfnisse, nämlich auf Macht und Vermögen, beziehen. Hierbei kommt, wie ich bemerkt habe, zur Frage, bald was nützlich, was schädlich, bald was unter mehreren nützlichen Dingen das nützlichere oder das nützlichste seiDie Stelle: »Hierbei kommt . . . das nützlichste sei« »In quo tum quaeri dixi, quid utile, quid inutile, tum ex utilibus quid utilius aut quid maxime utile« wird von den meisten Herausgebern für unächt erklärt. Da sich jedoch in den guten Handschriften die Worte: In quo tum quaeri dixi quid utile quid inutile finden, so betrachte ich die Stelle noch als ächt. Die Stelle, auf die Cicero hindeutet, ist I. 3, 9 u. 10.. Ueber diese Gegenstände gedenke ich nun zu reden; zuvor jedoch werde ich einiges Wenige über mein Unternehmen und meine Ansicht darüber vorausschicken.

2. Obwol nämlich meine Schriften bei Mehreren die Lust nicht nur zum Lesen, sondern auch zum Schreiben erweckt haben, so hege ich doch zuweilen die Besorgniß, ob nicht manchen braven Männernquibusdam bonis viris ist mit einer gewissen Ironie gesagt. Männer, die es gut meinen, aber in ihren Ansichten beschränkt sind und daher die philosophische Bildung als nachtheilig für einen Römischen Staatsmann halten. der Name der Philosophie verhaßt sei, und sie sich wundern, daß ich so viel Mühe und Zeit derselben widme. So lange unser Staat durch die Männer verwaltet wurde, welchen er sich selbst anvertraut hatte; richtete ich alle meine Sorgen und Gedanken auf ihn. Als aber Alles der Gewaltherrschaft eines EinzigenJulius Cäsar. unterworfen wurde, nirgends ein Rath oder eine Vorstellung Raum fand, und ich meine GefährtenCicero führt in der zweiten Philipp c. 5, 12 folgende Consularen an: Crassus, Lucullus, Hortensius, Cato, Pompejus. in der Erhaltung des Staates verloren hatte; so gab ich mich weder ängstlichen Sorgen hin, die mich, wenn ich ihnen nicht widerstanden hätte, aufgerieben haben würden, noch aber auch dem Genusse sinnlicher Vergnügungen, der eines wissenschaftlich gebildeten Mannes unwürdig ist.

3. Ach, hätte sich doch der Staat in der Verfassung erhalten, in welche er sich wieder zu setzen angefangen hatteCicero hat den Zustand des Staates im Sinne, der unmittelbar nach Cäsar's Ermordung eingetreten war, als man hoffte, Antonius und seine Partei würden sich mit den Mördern Cäsar's vereinigen und die alte Freiheit wiederherstellen., und wäre er doch nicht MenschenAntonius und dessen Partei. in die Hände gefallen, die seine Lage nicht sowohl zu verändern als umzustoßen trachteten! Alsdann würde ich erstlich, wie ich beim Bestehen des Staates zu thun pflegte, mehr Mühe auf öffentliches Wirken als auf Schriftstellerei verwenden, und zweitens würde ich in meinen Schriften selbst nicht Untersuchungen, wie die gegenwärtige, sondern meine öffentlichen Reden niederlegen, wie ich oft that.

Seitdem aber der Staat, dem ich alle meine Sorgen, Gedanken und Bemühungen zu widmen pflegte, sein Dasein völlig verloren hat; da mußten natürlich jene Reden vor Gericht und im Senate verstummen. 4. Aber unthätig bleiben konnte mein Geist nicht.. So glaubte ich denn, da ich mich von meiner ersten Jugend an mit philosophischen Studien beschäftigt hatte, mich meines Unmuths am Schönsten entschlagen zu können, wenn ich mich zur Philosophie zurückzöge. Ihr hatte ich in meinem Jünglingsalter zur Ausbildung meines Geistes viel Zeit gewidmet; später aber, als ich Staatsämtern zu dienen anfing und mich ganz dem Staate weihte, blieb für die Philosophie nur so viel Zeit, als mir die für meine Freunde und den Staat übernommenen Arbeiten übrig ließenIch lese mit Unger: tantum erat philosophiae loci, quantum superfuerat amicorum et rei publicae tempori statt temporis, das zwar die Handschriften haben, aber einen verkehrten Sinn gibt. Der Begriff temporis ist schon im vorhergehenden loci ausgedrückt. Unter tempori amicorum et rei p. ist die den Freunden und dem Staate gewidmete Zeit zu verstehen.. Diese Zeit brachte ich jedoch nur im Lesen zu; zum Schreiben hatte ich keine Muße.

II. 5. Bei dem großen Unglücke nun glauben wir doch das Gute gewonnen zu haben, daß wir die Gegenstände schriftlich aufzeichneten, welche einerseits unseren Landsleuten nicht gehörig bekannt waren, andererseits in hohem Grade verdienten bekannt zu werden. Denn, bei den Göttern, was ist wünschenswerther als die Weisheit, was vorzüglicher, was für den Menschen besser, was des Menschen würdiger? Die Männer, die nach ihr streben, werden Philosophen genannt, und die Philosophie ist, wenn man das Wort übersetzen will, nichts Anderes als das Streben nach Weisheit. Die Weisheit aber ist nach der Begriffsbestimmung der alten Philosophen die Wissenschaft der göttlichen und menschlichen Dinge und der Ursachen, auf denen diese beruhen. Wer das Streben nach ihr tadelt, von dem begreife ich wahrlich nicht, was er denn für lobenswerth halten kann. 6. Denn mag man nun geistige Unterhaltung und Erholung von Sorgen suchen, was läßt sich mit der Beschäftigung derer vergleichen, die immer Gegenstände untersuchen, die auf ein tugendhaftes und glückseliges Leben hinzielen und Einfluß haben? Oder mag man auf Charakterfestigkeit und Tugend Rücksicht nehmen, so ist entweder dieß die Wissenschaft, durch die wir uns diese aneignen können, oder es gibt überhaupt keine. Wollte man behaupten, es gebe für die wichtigsten Gegenstände keine Wissenschaft, da doch keiner der unbedeutendsten der Wissenschaft entbehrt: so würde man wenig besonnen reden und einen Irrthum in den höchsten Dingen an den Tag legen. Gibt es aber irgend eine Schule der Tugend, wo könnte man sie finden, wenn man von dieser Wissenschaft absehen wollte? Doch dieser Gegenstand wird mit größerer Sorgfalt da abgehandelt, wo wir zu diesem Studium ermuntern, was wir in einem anderen BucheIm Hortensius. Vgl. Cicer. de Finib. I. 1, 2: philosophiae quidem vituperatoribus satis responsum est eo libro, quo a nobis philosophia defensa et collaudata est, quom esset accusata et vituperata ab Hortensio. Mehr über diese, leider verloren gegangene Abhandlung s. in unserer Schrift: De Ciceronis in philosophiam meritis. Hamburgi sumptibus Frid. Perthes 1825. p. 51. gethan haben. Für jetzt habe ich mich nur darüber zu erklären, warum ich, von den Staatsämtern verdrängt, mich gerade dieser Beschäftigung zugewendet habe.

7. Es wird uns aber, und zwar von gelehrten und gebildeten Männern, die Einwendung mit der Frage gemacht, ob wir gehörig folgerecht zu verfahren scheinen, wenn wir behaupten, Nichts könne mit Bestimmtheit gewußt werdenCicero bekannte sich zu dem Skepticismus der neueren Akademie, die er schon in seiner Jugend unter Philo's Anleitung kennen gelernt hatte. Diese Schule, deren Stifter Arcesilas (um 300 v. Chr.) ist, leugnete die Erkenntniß der Wahrheit, ließ aber Wahrscheinlichkeit gelten., und doch sowol andere Gegenstände erörtern, als auch eben jetzt die Vorschriften der Pflicht entwickeln. Ich wünschte, daß diesen Männern die Ansicht unserer Schule bekannt wäre. Wir haben nämlich nicht die Ansicht, daß unser Geist in Ungewißheit hin- und herschweife und in keinerlei Weise feste Grundsätze habe, denen er folgen kann. Wie könnte je alsdann ein Denken oder vielmehr ein Leben bestehen, wenn nicht nur für wissenschaftliche Untersuchungen, sondern auch für das Leben das vernunftmäßige Verfahren aufgehoben würde? Wir weichen von den anderen Philosophen nur darin ab, daß, während diese Einiges für gewiß, Anderes für ungewiß, wir Einiges für wahrscheinlich, Anderes für unwahrscheinlich erklären. 8. Was dürfte mich daher hindern das anzunehmen, was mir wahrscheinlich dünkt, das Gegentheil aber zu verwerfen und so, die Anmaßung im Behaupten vermeidend, mich von der Unbesonnenheit frei zu halten, die mit der Weisheit in völligem Widerspruche steht? Alles wird aber von unserer Schule bestritten, weil ja eben dieses Wahrscheinliche nur dann einleuchten kann, wenn von beiden Seiten die Gründe gegen einander gehalten werdenDie neuere Akademie befolgte bei der Untersuchung einer Frage die Methode, daß sie alle Gründe und Momente, welche für und gegen dieselbe angeführt werden können, sorgfältigst untersuchte und gegen einander abwog und so das darin liegende Wahrscheinlichste aufzufinden suchte. S. unsere eben angeführte Schrift: De Cicer. in ph. m. p. 148 sq.. Doch diesen Gegenstand habe ich in meinen akademischen UntersuchungenIn den Akademischen Untersuchungen handelt Cicero die Philosophie der neueren Akademie ab. S. die angeführte Schrift: De Cicer. in ph. m. p. 51 sq. mit hinlänglicher Sorgfalt, wie ich denke, entwickelt.

Du nun, mein Cicero, beschäftigst dich zwar gegenwärtig mit dem ältesten und berühmtesten philosophischen LehrgebäudeNämlich der Peripatetiker. Siehe zu I. 1, 2. Anm. 58. und zu I. 2, 6. Anm. 69. Ueber Kratippus s. zu I. 1, 1. Anm. 56. unter der Leitung des Kratippus, eines Mannes, den man den Stiftern dieser herrlichen Schule an die Seite setzen kann; aber dennoch wünschte ich nicht, daß du mit unseren Grundsätzen, die den eurigen verwandt sind, unbekannt bliebest. Doch jetzt laß mich unsere Aufgabe weiter verfolgen.

III. 9. Fünf GesichtspunkteS. I. 3, 10. habe ich also in der Erörterung der Pflicht aufgestellt. Zwei derselben beziehen sich auf den Anstand und die Sittlichkeit, zwei auf die äußeren Vortheile des Lebens, als Reichtum, Macht, Vermögen, der fünfte auf die Entscheidung der Wahl in Fällen, wo die genannten Punkte unter einander im Streite zu sein scheinen. Der Theil, der von der Sittlichkeit handelt, ist zu Ende gebracht, und ich wünsche, daß du dich mit ihm recht vertraut machest.

Der Gegenstand aber, von dem wir jetzt reden wollen, betrifft das sogenannte Nützliche. In diesem Worte hat der gewöhnliche Sprachgebrauch einen Fehler gemacht und ist vom rechten Wege abgewichen, indem derselbe allmählich dahin gekommen ist, daß er, die Sittlichkeit vom Nutzen trennend, annahm, es gebe ein Sittlichgutes, das nicht nützlich, und ein Nützliches, das nicht sittlichgut sei: ein Irrthum, der auf das Leben der Menschen den verderblichsten Einfluß äußern mußte.

10. Freilich trennen Philosophen vom höchsten Ansehen in der Begriffsscheidung die drei ihrem Wesen nach mit einander verschmolzenen Begriffe; aber sie thuen es mit sittlichem Ernste und mit AnstandDie drei Begriffe, Sittlichkeit, Gerechtigkeit und Nutzen, sind zwar dem Wesen nach mit einander verschmolzen, aber sie lassen sich in der Begriffsscheidung (cogitatione, in der Abstraktion) getrennt denken, wie dieß auch bei Philosophen von dem größten Ansehen, wie z. B. bei den Peripatetikern und alten Akademikern, geschieht. Aber aus dieser abstrakten Trennung geht kein Nachtheil für das Leben hervor. Denn sie thun dieß severe atque honeste, d. h. mit sittlichem Ernste und mit Anstande, indem sie erklären, was gerecht ist, ist auch nützlich, und was sittlichgut ist, ist auch gerecht, und was sittlichgut ist, ist auch nützlich. Allerdings ist es auffallend, daß hier das Gerechte von dem Sittlichguten getrennt wird. Deßhalb muthmaßte Beier, das Wort tria sei von einem Glossator eingeschoben, will jedoch wegen Cicer. de Finib. III. 21, 71. und Ambros. II, c. 6. keine Veränderung vornehmen. Unger aber erklärt die Worte: »Quidquid enim justum bis idem sit utile« für ein fremdes Einschiebsel und erklärt die Worte haec tria genera so: »Diese drei Arten, indem sie 1) ein honestum ohne utilitas, 2) ein utile ohne honestas, 3) ein honestum und utile zugleich aufstellen.« Er vergleicht Cicer. Offic. III. §. 22. und de Invent. II. 52.. Denn sie sind der Meinung, Alles, was gerecht sei, sei auch nützlich, und ebenso, was sittlichgut sei, das sei gleichfalls gerecht; daraus folgt, daß Alles, was sittlichgut ist, gleichfalls nützlich ist. Leute, die hierin eine weniger klare Einsicht haben, bewundern oft verschlagene und listige Menschen und sehen Arglist als Weisheit an. Ein solcher Irrthum muß beseitigt und die allgemeine Meinung zu der Ueberzeugung und Einsicht geleitet werden, daß man nur durch sittlichgute Entschließungen und gerechte Handlungen die Erfüllung seiner Wünsche erreichen kann.

11. Alles nun, was zur Erhaltung des menschlichen Lebens beiträgt, sind theils leblose Dinge, als: Gold, Silber, die Gewächse der Erde und Anderes der Art, theils lebende Wesen, welche ihre Triebe und Neigungen haben. Von den letzteren sind die Einen vernunftlos, die Anderen vernünftig. Vernunftlos sind die Pferde, das Rindvieh, die übrigen Hausthiere, die Bienen, durch deren Arbeit einiger Nutzen für die Lebensbedürfnisse der Menschen gewährt wird. Die vernünftigen Wesen theilt man in zwei Klassen, in Götter und Menschen. Das Wohlwollen der Götter verschaffen wir uns durch Frömmigkeit und unsträflichen Wandel; zunächst aber und unmittelbar nach den Göttern kann der Mensch dem Menschen am Nützlichsten sein.

12. Eine gleiche Eintheilung findet bei dem statt, was schädlich und nachtheilig ist. Aber weil man von den Göttern annimmt, daß sie nicht schaden; so nimmt man diese aus und hält dafür, daß die Menschen den Menschen den größten Nachtheil bringen.

Die DingeIm Texte steht enim: Ea enim ipsa, quae inanima diximus etc. Dieses enim gibt den Grund von der vorher ausgesprochenen Behauptung an, daß die Menschen den Menschen am Nützlichsten sein können. Die Beziehung dieses enim ist durch das kurz vorhergehende Einschiebsel: »Eine gleiche Eintheilung bis den größten Nachtheil bringen« etwas verdunkelt.. die wir leblos genannt haben, sind größtentheils Wirkungen menschlicher Arbeit, und wir würden sie nicht besitzen, wenn sich nicht die künstliche Menschenhand daran machte, noch auch von ihnen ohne menschliche Hülfleistung Gebrauch machen. Denn weder die Heilkunde, noch die Schifffahrt, noch der Ackerbau, noch die Einsammlung und Aufbewahrung der Feld- und Gartenfrüchte wäre ohne die Bemühung der Menschen auf irgend eine Weise möglich gewesen. Ferner die Ausfuhr der bei uns in Ueberfluß vorhandenen Dinge und die Einfuhr der uns abgehenden würde sicherlich gar nicht stattfinden, wenn nicht Menschen diese Geschäfte besorgten. 13. Auf gleiche Weise würden weder Steine, die zu unserem Gebrauche nöthig sind, aus der Erde gebrochen, noch auch

Eisen, Erz und Gold und Silber, in der Erde Schoß verborgenEin Vers eines unbekannten Dichters, auf den sich Cicer. auch N. D. II. 60, 151 bezieht: aeris, argenti, auri venas penitus abditas.,

ausgegraben werden ohne die Arbeit von Menschenhänden.

IV. Die Häuser aber, welche die Gewalt der Kälte abwehren und die Beschwerlichkeit der Hitze mildern, woher hätten sie zu Anfang dem Menschengeschlechte gegeben oder später wiederhergestellt werden können, wenn sie durch Gewalt eines Sturmes, oder durch ein Erdbeben, oder durch das Alter eingestürzt wären, wenn nicht die Erfahrung des Lebens gelernt hätte bei den Menschen Hülfsmittel gegen dergleichen Unfälle zu suchen?

14. Nimm dazu die Wasserleitungen, die Ableitungen der Flüsse, die Bewässerung der Felder, die Deiche gegen Sturmfluten, die künstlichen Häfen; woher könnten wir alles dieses ohne menschliche Arbeit haben? Aus diesen und vielen anderen Fällen ist es deutlich, daß wir den Vortheil und Nutzen, der aus den leblosen Dingen gezogen wird, auf keine Weise ohne menschliche Kunst und Bemühung hätten gewinnen können.

Welche Vortheile oder welchen Nutzen könnte man endlich von den Thieren ziehen, wenn nicht Menschen hierbei behülflich wären? Denn diejenigen, welche zuerst ausfindig gemacht haben, welchen Nutzen wir von jedem Thiere haben können, waren sicherlich Menschen, und auch jetzt würden wir ohne menschliche Bemühung die Thiere weder weiden noch zähmen noch ernähren oder zu rechter Zeit Vortheile von ihnen ziehen können, und ebenso sind es Menschen, welche die schädlichen unter ihnen tödten und die brauchbaren fangen.

15. Was soll ich die Menge der Künste auswählen, ohne die das Leben gar nicht hätte bestehen können? Denn wo gäbe es eine Hülfe für die Kranken oder ein Vergnügen für die Gesunden, wo Nahrung und Kleidung, wenn nicht so viele Künste uns dienstbar wären? Durch sie veredelt, unterscheidet sichKlotz liest nach einigen Handschriften und Ausgaben: hominum vita tantum destitit a victu. Ich ziehe die andere Lesart distat vor; denn destitit kann gar nicht in diesem Sinne gebraucht werden. Gäbe es ein Perfekt von distare distitit, so würde ich geneigt sein, diese Lesart aufzunehmen. das Leben der Menschen so sehr von der LebensweiseIm Texte steht a victu et cultu bestiarum. Unger hält die Worte: et cultu für unächt; die vorhergehenden Worte victus aut cultus konnten leicht einen Abschreiber zu einer Wiederholung veranlassen. Cultus ist ja, wie Unger bemerkt, gerade das, was die Menschen vor den Thieren voraus haben. Sind die Worte ächt, so muß man übersetzen: von der Nahrungs- und Lebensweise der Thiere. der Thiere. Die Städte vollends hätten ohne gesellschaftliche Vereine der Menschen weder erbaut noch bevölkert werden können, und die Folge davon war die Gründung von Gesetzen und Sitten, dann von der gleichmäßigen Anordnung des Rechtes und einer bestimmten Lebensordnung, und eine Folge hiervon war Milderung der Gemüther und Sittsamkeit. sowie auch daß unser Leben eine größere Sicherheit erhielt und durch gegenseitiges Geben und Empfangen und durch Entlehnenmutuandisque. Die andere Lesart ist mutandisque, wie I. 7, 22: mutatione officiorum, durch den Austausch von Diensten, d. i. wechselseitige Dienste; allein das Wort mutuandis entspricht besser dem folgenden commodandis. und Leihen der Güter unserem Mangel abgeholfen wurde.

V. 16. Ich halte mich bei diesem Gegenstande länger auf, als nöthig ist. Denn wem möchte nicht die Wahrheit von dem einleuchten, was PanätiusUeber Panätius s. zu I. 2, 7 Anm. 71. ausführlich erwähnt, daß kein Heerführer im Kriege und kein Staatsmann zu Hause ohne die eifrige Theilnahme anderer Menschen große und heilsame Unternehmungen hätte ausführen können? Er erwähnt den ThemistoklesUeber Themistokles s. zu I. 22, 75 Anm. 159; über Perikles zu I. 30, 108 Anm. 221., Perikles, CyrusCyrus, Stifter des Persischen Reiches, um 555 v. Chr., AgesilausAgesilaus, König von Sparta, um 400, als Mensch und als Feldherr gleich ausgezeichnet. Xenophon, der ihn auf seinen Feldzügen in Asien begleitete, und Cornelius Nepos haben sein Leben beschrieben., AlexanderSohn Philipps, Königs von Macedonien, 356–323 v. Chr. und sagt, ohne den Beistand anderer Menschen hätten sie so große Thaten nicht zu Stande bringen können. In einer unbestrittenen Sache führt er unnöthige Zeugen an.

Sowie wir nun große Vortheile durch das Zusammenwirken und die Uebereinstimmung der Menschen erreichen, so gibt es kein so verabscheuungswürdiges Verderben, das nicht dem Menschen vom Menschen erwüchse. Man hat eine Schrift des DicäarchusDicäarchus aus Messana in Sicilien, Philosoph, Mathematiker und Redner, Schüler des Aristoteles, hat viele Bücher geschrieben, die aber verloren gegangen sind., eines großen und kenntnißreichen Peripatetikers, über den Untergang der Menschen, worin er die Ursachen davon zusammenstellt, als: Ueberschwemmung, ansteckende Krankheiten, Mißwachs, sowie auch die plötzliche Vermehrung von Thieren, durch deren Ueberfall, wie er zeigt, ganze Völkerstämme vernichtet worden sindSo wird erzählt, daß Gegenden Aethiopiens durch Scorpionen und Spinnen verödet (Aelian. V. H. 7, 40.), die Abderiten durch Frösche (Justin. 15, 2., Diod. 20, 129.), die Myusier und Atarniten durch Mücken (Paus. Ach. 2, 11.), die Phaseliten durch Wespen (Aelian. V. H. 11, 28.) vertrieben worden sind.; sodann beweist er aus einer Vergleichung, daß eine weit größere Anzahl von Menschen durch Angriffe der Menschen, das heißt durch Kriege oder Staatsumwälzungen, als durch alles übrige Unglück zusammengenommen vernichtet sei.

17. Da nun der Punkt keinem Zweifel unterliegt, daß die Menschen den Menschen sowol den größten Nutzen als den größten Schaden bereiten: so urtheile ich, die Aufgabe der Tugend sei zu bewirken, daß wir die Gemüther der Menschen gewinnen und sie uns zu unserem Nutzen verbinden. Während daher der in den leblosen Dingen und in dem Gebrauche und der Behandlung der Thiere für das Leben der Menschen liegende Nutzen den mühsamen Künsten und Gewerben zugeschrieben wird, so wird hingegen die für die Förderung unseres Wohles entschlossene und willfährige Zuneigung der Menschen durch die Weisheit und Tugend vortrefflicher Menschen erweckt.

18. Die Tugend in ihrem ganzen Umfange nämlich zeigt sich etwa in drei StückenKlugheit, Mäßigkeit, Gerechtigkeit. Da hier nur drei Kardinaltugenden erwähnt, die vierte, die Tapferkeit, aber übergangen ist; so haben mehrere Kritiker den achtzehnten Paragraphen für eingeschoben erklärt, aber gewiß ohne Grund. Denn einmal hat man auf das Adverb fere (tribus in rebus fere vertitur) nicht geachtet, wodurch deutlich angedeutet wird, daß Cicero nicht sämmtliche Kardinaltugenden anführen wollte; sodann kommt es hier auf die Tugenden an, durch die vorzüglich wir unsere Nebenmenschen für unseren Vortheil gewinnen können, also auf Klugheit, Mäßigkeit und Gerechtigkeit; die Tapferkeit ist weniger dazu geeignet. Vgl. I. 15, 46.. Das erste besteht in der Einsicht, was in jeder Sache wahr und ächt, was ihr angemessen sei, was aus ihr folge, woher sie entspringe, was ihre Ursache sei. Das zweite ist die stürmischen Gemüthsbewegungen, welche die Griechen πάθη nennen, in Schranken zu halten und die Begierden, welche diese ορμαὶ nennen, der Vernunft unterwürfig zu machen. Das dritte ist die Menschen, mit denen wir zusammenleben, gemäßigt und verständig zu behandeln, um uns durch ihre Bemühungen die natürlichen Bedürfnisse in vollem Maße erfüllt zu verschaffen und mit Hülfe derselben, wenn uns ein Nachtheil treffen sollte, ihn abzuwehren und uns an denen zu rächen, die uns zu schaden versuchen, und sie mit einer Strafe zu belegen, soweit es Billigkeit und Menschlichkeit zulassen.

VI. 19. Durch welche Mittel wir uns aber die Befähigung aneignen können die Zuneigung der Menschen zu gewinnen und zu erhalten, wollen wir gleich nachher erklären; zuvor jedoch ist einiges Wenige vorauszuschicken.

Daß das Schicksal auf Beides, auf Wohl und Weh, einen großen Einfluß habe, wer sollte das nicht wissen? Denn haben wir von ihm günstigen Fahrwind, so gelangen wir zu dem erwünschten Ziele; weht aber sein Wind uns entgegen, so scheitern wir. Das Schicksal nun für sich allein verursacht uns die seltenen Unfälle, die erstens von leblosen Dingen ausgehen. als: Stürme, Ungewitter, Schiffbruch, Einsturz, Feuersbrunst, sodann von den Thieren, als: Stöße, Bisse, Angriffe. Dieß also sind, wie gesagt, die selteneren.

20.Hingegen der Untergang von Kriegsheeren, wie jüngst von dreienBei Pharsalus in Thessalien im J. 48 v. Chr., bei Thapsus in Afrika im J. 46, bei Munda in Spanien im J. 45. und sonst oft von vielen, die Niederlage von Feldherren, wie vor Kurzem die des größten und ausgezeichnetsten MannesDes Gnäus Pompejus, des Großen., ferner der Neid der Volksmenge und die hieraus oft hervorgehende Vertreibung, der Verlust und die Flucht wohlverdienter Bürger; sowie hingegen glückliche Umstände, Ehrenämter, Befehlshaberstellen, Siege. Alle diese Dinge hängen zwar vom Schicksale ab, jedoch können weder die ersteren noch die letzteren ohne Einfluß und Bemühungen der Menschen zu Stande gebracht werden.

Nach dieser Betrachtung nun muß ich angeben, auf welche Weise wir die Zuneigung unserer Mitmenschen für unseren Vortheil gewinnen und zur lebhaften Theilnahme anregen können. Sollte mein Vortrag hierüber zu lang werden, so möge man dagegen die Größe des Nutzens halten, und so dürfte er vielleicht sogar zu kurz erscheinen.

21. Alles nun, was die Menschen zu der Erhöhung des Glückes und Ansehens ihrer Nebenmenschen beitragen, thun sie entweder aus persönlicher Zuneigung, wenn sie Einen aus irgend einem Grunde werth halten, oder aus Ehrerbietung, wenn sie Jemandes Verdienste hochschätzen und ihn des glänzendsten Glückes würdig achten, oder weil sie ihm Vertrauen schenken und die Ueberzeugung hegen, er sorge für ihr Bestes, oder weil sie seinen Einfluß fürchten, oder im Gegentheil aus Erwartung auf Vortheil, wie zum Beispiel wenn Fürsten oder Männer, die nach Volksgunst streben, Schenkungen verheißen, oder endlich, weil sie sich durch Geld und Lohn dazu bestimmen lassen. Der letzte Beweggrund ist der schmutzigste und entehrendste sowol für die, welche sich hierdurch binden lassen, als auch für die, welche dazu ihre Zuflucht zu nehmen versuchen. Denn da muß es schlecht stehen, wo man das durch Geld zu erreichen sucht, was persönliches Verdienst erwirken soll. Aber weil nun einmal dieses Hülfsmittel zuweilen unentbehrlich ist, so werde ich auseinander setzen, auf welche Weise man davon Gebrauch machen soll; zuvor jedoch will ich über die Mittel reden, die der Tugend näher liegen.

22. Ebenso gibt es auch mehrere Ursachen, weßhalb sich die Menschen der Herrschaft und Gewalt eines Anderen unterwerfen. Sie lassen sich nämlich dazu bestimmen, entweder durch persönliche Zuneigung oder durch große Wohlthaten oder durch hervorragende Würde oder durch Hoffnung auf Vortheile oder durch Furcht mit Gewalt zum Gehorsam gezwungen zu werden, oder durch Hoffnung aus Geschenke und Versprechungen oder endlich, wie wir es oft in unserem Staate erlebenCicero deutet auf Antonius, Clodius und Andere, welche durch Geld Soldaten oder gemeines Volk zu gewinnen suchten., dadurch, daß sie sich durch Lohn dingen lassen.

VII. 23. Unter allen Mitteln aber ist keines tauglicher, um sich in seiner Macht zu behaupten und zu erhalten, als die Liebe, und keines ungeeigneter als die Furcht. Vortrefflich sagt ja Ennius:

Wen man fürchtet, haßt man, und man wünscht des Allverhaßten TodWahrscheinlich aus dem Thyestes des Ennius. Ueber Ennius s. zu I. 8, 26, Anm. 95..

Daß aber dem Hasse Vieler keine Macht widerstehen könne, haben wir, wäre es vorher unbekannt gewesen, unlängst erkanntDurch Cäsars Ermordung. Was übrigens hier Cicero von Cäsar sagt, verhält sich gewiß nicht ganz richtig. Denn dem Cäsar war vielleicht eine ebenso große Anzahl von Römern zugethan, als dem Pompejus und den Aristokraten.. Und wahrlich, wie verderbenbringend der Haß der Menschen ist, beweist nicht allein der Untergang dieses Gewaltherrschers, den der durch Waffengewalt unterdrückte Staat ertrug und dem er auch jetzt noch nach seinem TodeInsofern nämlich die Verfügungen (acta) Cäsar's gewissenhaft ausgeführt wurden, und Antonius, Cäsar's Anhänger, mit großer Willkür herrschte. gehorcht, sondern auch das ähnliche Ende der übrigen Gewaltherrscher, von denen nicht leicht irgend einer einem solchen Untergange entging. Denn eine schlechte Hüterin dauernden Besitzes ist die Furcht, hingegen eine treue selbst für immer die Liebe. 24. Freilich die Gewaltherrscher, die ihre mit Gewalt unterdrückten Unterthanen durch Zwingherrschaft in Schranken halten, mögen immerhin genöthigt sein die strengsten Mittel anzuwenden, wie die Herren gegen die Sklaven, wenn diese sich auf eine andere Weise nicht in Ordnung halten lassen. Wenn man aber in einem freien Staate eine solche Stellung einnimmt, daß man gefürchtet wird; so läßt sich kein größerer Unsinn denken.. Denn mögen auch durch die Uebermacht eines Einzelnen die Gesetze noch so tief zu Boden gedrückt, mag auch der Freiheitssinn noch so sehr eingeschüchtert sein, dennoch tauchen sie zu Zeiten wieder hervor, entweder in stummen UrtheilenWenn sich zum Beispiel hochherzige und edle Männer vom öffentlichen Leben und Staatsdienste zurückziehen. oder in geheimen Stimmen bei Besetzung von EhrenämternWenn zum Beispiel freigesinnte Männer zu Ehrenämtern gewählt werden. So erzählt Sueton. Caes. 80., daß Cäsetius und Marullus, denen Cäsar, weil sie ihn beleidigt hatten, das Volkstribunat genommen hatte, in den nächsten Consularcomitien mehrere Stimmen zum Consulate erhalten hatten.. Schärfer sind aber die Bisse des freien Wortes, wenn es eine Zeit lang gehemmt, als wenn es ungestört beibehalten worden ist.

Was nun seine weiteste Anwendung findet und nicht allein auf Sicherheit, sondern auch auf Ansehen und Macht den größten Einfluß übt, das wollen wir festhalten: die Furcht nämlich möge entfernt, die Liebe aber beibehalten werden. So werden wir am Leichtesten sowol in den eigenen Angelegenheiten als in dem Staate unsere Absichten erreichen.

Und in der That diejenigen, welche gefürchtet sein wollen, müssen nothwendiger Weise auch die fürchten, von denen sie gefürchtet werden. 25. Von welch quälender Furcht mag zum Beispiel jener ältere DionysiusDionysius, der Aeltere, Herrscher von Syrakus (368–348 v. Chr.). Cicer. Tusc. V. 20, 58 erzählt, er habe seine Töchter mit brennenden Nußschalen ihm das Haar absengen gelehrt. geängstigt worden sein, der aus Furcht vor den Scheermessern sich mit glühenden Kohlen das Haar absengte? In welcher Gemüthsstimmung mag AlexanderAlexander, Selbstherrscher von Pherä in Thessalien, Nachfolger des oben I. 30, 108 erwähnten Jason, auf Veranstaltung seiner Gattin Thebe, einer Tochter dieses Jasons, durch deren Brüder 357 v. Chr. ermordet. S. Xenoph. Hellen. VI. 4, 35 ff., Diodor. XVI, 14. von Pherä gelebt haben, der, wie wir in Geschichtsbüchern lesen, so oft er nach Tische seine Gemahlin Thebe, die er zärtlich liebte, in dem Schlafgemache besuchen wollte, einen Barbaren, und zwar, wie geschrieben steht, einen mit Thracischen Zeichen gebrandmarktencompunctum notis Thraciis. Diese Worte lassen eine doppelte Uebersetzung zu: entweder gebrandmarkt (nämlich wegen Verbrechen) oder tätowirt; es wird nämlich von den Thraciern, die von den Zwingherren damaliger Zeit häufig zur Leibwache benutzt wurden (s. Herod. V. 6), sowie auch von anderen barbarischen Volksstämmen erzählt, sie hätten sich tätowirt. Ich habe die erstere Bedeutung vorgezogen, theils weil dadurch der Kontrast, daß Alexander einem verworfenen Sklaven mehr Vertrauen als seiner Gattin geschenkt habe, weit stärker hervortritt, theils wegen des folgenden Wortes stigmatias, das ganz eigentlich von gebrandmarkten Sklaven gebraucht wird., mit gezücktem Schwerte vorangehen hieß und einige von seiner Leibwache vorausschickte, welche die Schränke des Weibes durchsuchen und nachsehen sollten, ob nicht irgend eine Waffe unter den Kleidungsstücken verborgen sei. O des Unglücklichen, der einen Barbaren und Gebrandmarkten für treuer hielt als seine Gattin! Und er hatte sich nicht in ihr getäuscht, Denn sie war es, die ihn wegen Verdachtes ehelicher Untreue tödtete.

Aber wahrlich keine Herrschergewalt ist so mächtig, daß sie unter dem Drucke der Furcht von langer Dauer sein könnte. 26. Ein Beleg dafür ist PhalarisPhalaris, Tyrann von Agrigent in Sicilien um 560 v. Chr. Er ließ durch Perillus einen ehernen Stier machen, in dem die Verurtheilten durch unter demselben angezündetes Feuer gebraten wurden und durch ihr Geschrei den Ton eines Stieres bewirkten., der wegen seiner Grausamkeit vor allen Anderen berüchtigt ist. Er fand seinen Tod nicht durch Hinterlist, wie der eben genannte Alexander, auch nicht durch die Hand Weniger, wie der bei uns, sondern die ganze Bevölkerung Agrigents machte einen Angriff auf ihn. Wie? Verließen die Macedonier nicht den DemetriusDemetrius, mit dem Beinamen Poliorketes (Städteeroberer), König von Macedonien 294–288 v. Chr. Aber auch Pyrrhus hielt sich nur sieben Monate auf dem Macedonischen Throne. Ueber Pyrrhus s. zu I. 12, 38. Anm. 127. und begaben sich insgesammt unter die Herrschaft des Pyrrhus? Wie? Als die Lacedämonier eine ungerechte Herrschaft übten, fielen da nicht plötzlich fast alle ihre Bundesgenossen von ihnen ab und machten die müßigen Zuschauer des Unglücks bei LeuktraS. zu I. 24, 84. Anm. 180.?

VIII. An auswärtige Beispiele denke ich bei einem solchen Gegenstande lieber als an einheimische. Indeß muß ich doch Folgendes erwähnen. Solange die Herrschaft des Römischen Volkes sich auf Wohlthaten gründete und nicht auf Ungerechtigkeiten, wurden die Kriege entweder für unsere Bundesgenossen oder um unsere Herrschaft geführt; der Ausgang der Kriege war entweder milde oder doch nicht härter, als nothwendig war; Königen, Völkern und Nationen galt unser Senat als Hafen und Zufluchtsort. 27. Unsere Beamten und Feldherren suchten die größte Ehre darin, daß sie unsere Provinzen, daß sie unsere Bundesgenossen mit Billigkeit und Treue in Schutz nahmen. So konnte denn dieses Verhältniß richtiger eine Schutzherrschaft des Erdkreises als eine Oberherrschaft genannt werden.

Diese Gewohnheit und diese Grundsätze fingen wir allmählich schon vor dem Siege Sulla'sLucius Cornelius Sulla besiegte den Marius und die Partei der Demokraten 81 v. Chr. seltener zu beobachten an; nach seinem Siege aber haben wir sie gänzlich aufgegeben; man hörte nämlich auf irgend Etwas gegen die Bundesgenossen für unbillig zu halten, nachdem die Grausamkeit gegen die Bürger eine solche Höhe erreicht hatte. So zeigte es sich an ihm, wie einer edlen Sache ein nicht edler Sieg folgteSulla war der Vertreter der aristokratischen Partei, der auch Cicero zugethan war, und kämpfte gegen Marius und die demokratische Partei, die den Senat und den ganzen Adel vernichten wollte; also war die Sache, die Sulla verfocht, eine edle; aber sein Sieg war ein unedler, da er mit den größten Grausamkeiten und Ungerechtigkeiten verbunden war.. Denn als er in öffentlicher Versteigerung auf dem Markte die Güter braver und begüterter Männer, wenigstens seiner Mitbürger, verkaufte, hatte er die Frechheit zu sagen, er verkaufe seine Beute. Auf ihn folgte ein AndererCajus Julius Cäsar., der bei einer ruchlosen Sache nach noch schmachvollerem Siege nicht die Güter einzelner Bürger einzog, sondern ganze Provinzen und Länder nach dem nämlichen verderblichen Rechtszustande in Beschlag nahm. 28. Und so mußten wir, nachdem auswärtige VölkerHelvetier, Gallier, Germanen, Britannen, Spanier, Afrikaner. mißhandelt und zu Grunde gerichtet waren, zum Beweise, daß unsere Herrschaft dahin sei, sehen, wie bei der Siegesfeier Massilia'sMassilia (das heutige Marseille in Frankreich), eine wichtige Stadt in Gallia Narbonensis, blieb, obwol es manche Wohlthaten von Cäsar empfangen hatte, dem Pompejus treu und verschloß daher dem Cäsar, als er gegen die Unterfeldherren des Pompejus nach Spanien zog, die Thore. Es wurde daher belagert und nach hartnäckiger Vertheidigung eingenommen. Cäsar feierte nach seiner Rückkehr aus Afrika in dem Gallischen Triumphe die Eroberung Massilia's. Bild zur Schau einhergetragen und über die Stadt ein Siegeszug gehalten wurde, ohne deren Beistand unsere Heerführer niemals aus den Kriegen jenseit der Alpen eine Siegesfeier davongetragen haben. Viele andere Frevelthaten gegen die Bundesgenossen könnte ich außerdem erwähnen, wenn diese eine nicht das Abscheulichste wäre, das je die Sonne beschienen hat. Mit gerechter Strafe werden wir daher gezüchtigt. Denn hätten wir nicht so Vieler Frevelthaten ungeahndet ertragen, so wäre nie eine so unbegränzte Macht in die Hand eines Einzigen gekommen, dessen Vermögen sich nur auf WenigeSueton. Caes. 83: tres instituit heredes sororum nepotes, C. Octavianum ex dodrante et L. Pinarium et Q. Pedium ex quadrante reliquo., dessen Leidenschaften aber sich auf viele Unredliche vererbt haben.

29. Und wahrlich zu keiner Zeit wird es an Stoff und Veranlassung zu Bürgerkriegen gebrechen, so lange verdorbene Menschen jenen mit Blut befleckten Versteigerungsspieß im Andenken haben und ihn wiederzusehen hoffen werden, den Publius SullaPublius Sulla, der Neffe des Diktators, stand der Versteigerung der von dem Diktator eingezogenen Güter vor im J. 82 v. Chr., wobei er großen Gewinn zog; daher stellte er sich auch wieder bei der Cäsarianischen Versteigerung ein, die im J. 46 gehalten wurde. unter der Dictatur seines Anverwandten geschwungen hatte, derselbe, der auch sechsunddreißig Jahre nachher vor einem noch verruchteren Versteigerungsspieße nicht zurückwich; ein AndererCornelius, ein Client des Sulla, erwähnt in Sallust. orat. Lepidi §. 17: Scilicet quia non aliter salvi satisquo tuti in imperiis eritis; nisi Vettius Picens, scriba Cornelius aliena bene parata prodegerint. aber, der unter jener Dictatur Schreiber gewesen war, wurde unter dieser Stadtquästor. Hieraus muß man einsehen, daß es da, wo solche Belohnungen ausgesetzt sind, nie an Bürgerkriegen gebrechen wird. So werden denn nur die Mauern Roms stehen bleiben, und selbst diese müssen schon die äußersten Frevel befürchten; des Staates aber sind wir gänzlich verlustig gegangen. Und in dieses Unglück sind wir gerathen – denn ich muß auf meinen Satz zurückkommen –, indem wir lieber gefürchtet als geliebt und geachtet sein wollten. Konnte nun dieses dem Römischen Volke wegen seiner ungerechten Herrschaft begegnen, was hat der Einzelne zu erwarten?

Da es nun einleuchtet, daß das Wohlwollen eine große, die Furcht aber nur eine schwache Kraft besitzt; so liegt mir nun ob die Mittel zu besprechen, durch die wir am Leichtesten die erstrebte Liebe zugleich mit Achtung und Vertrauen gewinnen können. 30. Doch wir entbehren derselben nicht alle in gleichem Maße. Denn nach eines Jeden Lebensplane ist zu bestimmen, ob es ihm nöthig sei von Vielen, oder ob es ihm genüge nur von Wenigen geliebt zu werden. Es muß also nothwendiger Weise vor Allem unser fester Vorsatz sein vertrauten und zuverlässigen Umgang mit Freunden zu haben, die uns lieben und unsere Vorzüge hochachten. Denn das ist gewiß der einzige Gegenstand, in dem zwischen den hohen und geringen Ständen kein großer Unterschied stattfindet, und für beide ist die Freundschaft beinahe unentbehrlich. 31. Ehre, Ruhm und Wohlwollen unserer Mitbürger entbehren vielleicht nicht Alle in gleichem Maße; indeß, wer sie besitzt, dem leisten sie einen nicht geringen Vorschub, wie zu anderen Dingen, so besonders zur Anknüpfung freundschaftlicher Verhältnisse.

IX. Doch über die Freundschaft habe ich in einer anderen Schrift gesprochen, welche die Aufschrift LäliusIn der Schrift, die Cicero Lälius benannt hat, weil als Hauptperson in der Unterredung über die Freundschaft Lälius, der mit dem jüngeren Africanus in dem vertrautesten Freundschaftsverhältnisse stand, redend eingeführt wird. führt. Jetzt will ich von dem Ruhme reden. Wiewol auch über diesen Gegenstand ein WerkCicero meint sein Werk über den Ruhm, das er kurz vor den Büchern über die Pflichten noch in demselben Jahre 44 v. Chr. herausgegeben hat, von dem aber nur ganz wenige Bruchstücke erhalten worden sind. von mir in zwei Büchern vorhanden ist; doch ich will ihn auch hier berühren, weil er bei der Verrichtung wichtiger Angelegenheiten von dem größten Nutzen ist.

Der höchste und vollendete Ruhm also besteht aus drei Stücken: die Menge muß uns lieben, sie muß uns Vertrauen schenken, sie muß aus einem Gefühle von Hochachtung uns einer geehrten Stellung würdig halten. Die Mittel aber dieß zu erreichen sind, wenn ich mich einfach und kurz ausdrücken soll, bei der Menge so ziemlich dieselben wie bei Einzelnen. Doch gibt es auch noch eine andere ArtHauff bezieht diese Worte auf die Kunst durch Beredsamkeit zu überzeugen; richtiger werden sie auf die Worte des folgenden Paragraphen: »Ganz vorzüglich aber wird die Liebe« u. s. w. bezogen. bei der Menge Zugang zu finden, wodurch wir uns der Herzen des ganzen Volkes bemeistern können.

32. Zuerst wollen wir von den erwähnten drei Stücken die Vorschriften betrachten, die sich auf das Wohlwollen beziehen. Dieses wird am Meisten durch Wohlthaten gewonnen; zweitens wird es auch durch den bloßen guten Willen hervorgerufen, auch wenn vielleicht die Kräfte nicht ausreichen. Ganz vorzüglich aber wird die Liebe der Menge durch den bloßen Ruf und die Meinung erregt, die man von unserer Freigebigkeit, Wohlthätigkeit, Gerechtigkeit, Redlichkeit und allen den Tugenden hat, auf welche sich ein sanftmüthiger und leutseliger Charakter gründet. Denn weil das, was wir das Sittlichgute und Anständige nennen, an und für sich unseren Beifall findet und die Gemüther Aller durch sein inneres Wesen und seine äußere Erscheinung anspricht und vorzüglich aus den erwähnten Tugenden hervorleuchtet: so werden wir durch die Natur selbst genöthigt die zu lieben, bei denen wir diese Tugenden vermuthen. Das sind die wichtigsten Ursachen, durch welche Liebe erweckt wird; es können aber auch noch einige andere sein von geringerer Bedeutung.

33. Daß man uns aber Vertrauen schenkt, kann durch Zweierlei bewirkt werden: durch den Ruf, daß wir uns Klugheit, die mit Gerechtigkeit gepaart ist, angeeignet haben. Erstens nämlich schenken wir denen Vertrauen, von denen wir die Ueberzeugung haben, daß sie eine höhere Einsicht besitzen als wir, und die wir für befähigt halten nicht nur einen Blick in die Zukunft zu thun, sondern auch in dem Augenblicke der Handlung und Entscheidung eine Sache glücklich zu Stande zu bringen und einen zeitgemäßen Entschluß zu fassen; das ist ja nach der Menschen Ansicht die nützliche und wahre Klugheit. Sodann schenkt man gerechten und redlichen Menschen, das heißt braven Männern, Vertrauen, weil sie von jedem Verdachte des Betruges und Unrechtes frei sind: ihnen glauben wir daher unser Wohl, ihnen unsere Glücksgüter, ihnen unsere Kinder mit dem vollsten Rechte anvertrauen zu können.

34. Von den beiden Mitteln nun Zutrauen zu gewinnen, ist die Gerechtigkeit das wirksamere. Natürlich; denn diese besitzt auch ohne Klugheit hinreichendes Ansehen, während die Klugheit ohne Gerechtigkeit keine Geltung hat, um Vertrauen zu gewinnen. Denn je gewandter und schlauer ein Mensch ist, um so verhaßter und verdächtiger ist er, wenn der Glaube an seine Rechtschaffenheit fehlt. Deßhalb wird die mit Einsicht verbundene Gerechtigkeit eine unermeßlich große Kraft haben, um Zutrauen zu gewinnen; Gerechtigkeit ohne Klugheit wird viel vermögen, ohne Gerechtigkeit aber wird die Klugheit nichts vermögen.

X. 35. Indeß mag man sich nicht darüber wundern, daß, obgleich der Satz, wer Eine Tugend besitze, besitze alleDas ist die confusio virtutum (d. h. die innige Verbindung der Tugenden), wie sich Cicer. de Finib. V. 23, 67. ausdrückt., unter allen Philosophen feststeht und von mir oft erörtert worden ist, ich jetzt eine Trennung der Tugenden vornehme, als ob Einer gerecht sein könne, ohne zugleich auch klug zu sein. Denn etwas Anderes ist es, wenn die Wahrheit an und für sich in einer philosophischen Betrachtung mit Gründlichkeit untersucht wird, etwas Anderes, wenn der ganze Vortrag der gewöhnlichen Ansicht der Menschen anbequemt wird. Deßhalb rede ich hier nach Art der großen Menge und nenne Einige tapfer, Andere gerecht, Andere klug. Ich muß mich nämlich geläufiger Volksausdrücke bedienen, da ich von Volksvorstellungen rede, und auf die nämliche Weise ist auch PanätiusS. zu I. 2, 7. Anm. 71. verfahren. Doch kehren wir zu unserem Gegenstande zurück.

36. Von den drei Stücken also, die sich auf den Ruhm beziehen, war das dritte, daß die Menschen aus einem Gefühle von Hochachtung uns einer geehrten Stellung würdig halten. Im Allgemeinen nun bewundert man Alles, was man an Anderen als etwas Großes und Außerordentliches bemerkt, insbesondere aber an Einzelnen gewisse Vorzüge, die man gegen seine Erwartung an ihnen entdeckt. So achtet man die Männer hoch und preist sie mit den größten Lobeserhebungen, an denen man gewisse ausgezeichnete und seltene Eigenschaften zu entdecken meint; hingegen verachtet man die Männer und schätzt sie gering, bei denen wir keine Tugend, keinen Muth, keine Kraft vermuthen. Denn man verachtet nicht alle diejenigen, von welchen man eine schlechte Meinung hat. Denn diejenigen, welche man für unredlich, schmähsüchtig, betrügerisch, gerüstet zur Ausübung von Unrecht hält, verachtet man allerdings nicht, aber man hat von ihnen eine schlechte Meinung. Darum werden, wie gesagt, diejenigen verachtet, welche, wie man sich auszudrücken pflegt, weder für sich noch für Andere etwas taugen, welche keiner Anstrengung, keiner Thätigkeit, keiner Sorgfalt fähig sind.

37. Bewundert hingegen werden diejenigen, von welchen man glaubt, daß sie die Anderen an Tugend überragen und sowie von jedem entehrenden Fehler, so insbesondere von solchen Lastern, welchen Andere nicht leicht widerstehen können, frei sind. Denn theils drängen die sinnlichen Lüste, die einschmeichelndsten Herrinnen, die Gemüther der Mehrzahl vom Pfade der Tugend hinweg, theils gerathen sehr Viele, wenn der Schmerz mit seinen brennenden Fackeln naht, in übermäßige Bangigkeit. Leben und Tod, Reichtum und Armut machen auf alle Menschen einen gewaltigen Eindruck. Wer daher auf diese beiderlei Dinge mit großem und erhabenem Geiste herabblickt und, sobald sich ihm ein herrlicher und edler Gegenstand darbietet, sich ganz von demselben erfassen und hinreißen läßt: wie sollte man da nicht an ihm die Schönheit und den Glanz der Tugend bewundern?

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