Projekt Gutenberg

Textsuche bei Gutenberg-DE:
Startseite    Genres    Neue Texte    Alle Autoren    Alle Werke    Lesetips    Shop    Information    Impressum
Autoren A-Z: A | B | C | D | E | F | G | H | I | J | K | L | M | N | O | P | Q | R | S | T | U | V | W | X | Y | Z | Alle
Gutenberg > Selma Lagerlöf >

Christuslegenden

Selma Lagerlöf: Christuslegenden - Kapitel 10
Quellenangabe
pfad/lagerloe/christus/christus.xml
typelegend
authorSelma Lagerlöf
titleChristuslegenden
publisherUllstein
printrun49.-58. Tausend
year1914
translatorHenny Bock-Neumann
correctorantenne@gmx.de
secondcorrectorMEsswein
senderwww.gaga.net
created20100808
modified20141008
projectidef37c6d5
Schließen

Navigation:

Unser Heiland und Sankt Peter

Es war damals, als unser Heiland und Sankt Peter eben ins Paradies gekommen waren, nachdem sie auf ihrer Erdenwanderung durch Jahre der Trübsal viel Schweres ertragen hatten.

Man kann es sich vorstellen, daß dies eine Freude für Sankt Peter war. Man kann es verstehen, daß es ein ander Ding war, auf dem Berge des Paradieses zu sitzen und über die weite Welt hinzublicken, als von Tür zu Tür wandern zu müssen wie ein Bettler. Es war etwas ganz anderes, in den Paradiesgärten umherzustreifen, als auf Erden umherzugehn, ohne zu wissen, ob man in einer Sturmnacht ein schützendes Dach finden oder gezwungen sein würde, in Kälte und Finsternis auf der Landstraße weiterzuziehen.

Man muß es sich nur ausmalen, welche Freude darin lag, nach einer solchen Lebensreise schließlich an den rechten Ort zu gelangen. Sankt Peter hatte wohl nicht immer so sicher sein können, daß alles gut ablaufen würde. Er hatte es durchaus nicht lassen können, manchmal zu zweifeln und beunruhigt zu sein, denn es war ja für den armen Sankt Peter fast unmöglich gewesen, zu begreifen, wozu es dienen sollte, daß sie es so schwer hatten, wenn unser Heiland ja doch einmal der Herr der ganzen Welt war.

Jetzt konnte er wirklich darüber lachen, wieviel Trübsal er und unser Heiland erduldet hatten, und mit wie wenig sie sich auf Erden begnügen mußten.

Einmal, als es ihnen so jammervoll gegangen war, daß er vermeinte, es nicht länger aushalten zu können, hatte unser Heiland ihn mitgenommen, um mit ihm einen hohen Berg zu ersteigen, ohne daß er ihm sagte, was sie dort oben zu tun hätten.

Sie waren an Städten vorbeigewandert, die am Fuße des Berges lagen, und an Schlössern, die weiter oben winkten. An Bauernhöfen und Sennhütten vorübergehend, hatten sie die Felsenhöhle des letzten Holzhauers hinter sich gelassen.

Schließlich waren sie dort angelangt, wo der kahle Berg ohne Baum und Strauch stand, und wo ein Eremit seine Hütte erbaut hatte, um bedrängten Wanderern beizustehn.

Dann waren sie über Schneefelder gegangen, wo die Murmeltiere schlafen, und hatten die zerklüfteten, hochgetürmten Eismassen erreicht, die kreuz und quer standen, wo kaum ein Steinblock vorwärts zu kommen vermag.

Dort oben hatte unser Heiland einen kleinen Vogel mit rotem Brustgefieder, der totgefroren auf dem Eise lag, aufgehoben und den kleinen Dompfaff eingesteckt. Und Sankt Peter erinnerte sich, daß er überlegt hatte, ob dieser Vogel wohl ihr Mittagessen sein würde.

Sie waren lange Zeit über die glatten Eisstücke gewandert, und Sankt Peter vermeinte, dem Lande des Todes noch niemals näher gewesen zu sein, denn es wehte ein todkalter Wind, und ein toddunkler Nebel umhüllte sie, auch gab es im weiten Umkreis nichts Lebendiges. Und dennoch hatten sie erst die Mitte des Berges erklommen.

Da hatte er unseren Heiland gebeten, umkehren zu dürfen.

»Noch nicht,« sprach unser Heiland, »denn ich werde Dir etwas zeigen, das Dir Mut verleihen wird, alles Leid zu ertragen.«

Darauf waren sie durch Nebel und Kälte weiter gewandert, bis sie eine unendlich hohe Mauer erreicht hatten, die ihren Weg hemmte.

»Diese Mauer zieht sich um den ganzen Berg,« sprach unser Heiland, »und Du kannst sie nirgends übersteigen. Kein Lebender kann das geringste von dem erblicken, was sich jenseits dieser Mauer befindet, denn hier beginnt das Paradies, und hier am ganzen oberen Bergesabhang wohnen die seligen Toten.«

Aber Sankt Peter hatte es nicht lassen können, mißtrauisch auszusehen. »Da drinnen herrscht nicht Finsternis und Kälte wie hier,« sprach unser Heiland, »sondern dort grünt der Sommer, und Sonnen und Sterne strahlen hell und klar.«

Aber Sankt Peter mochte es ihm nicht glauben.

Da nahm unser Heiland den kleinen Vogel, den er just zuvor auf dem Eisfelde gefunden hatte, beugte sich zurück und schleuderte ihn über die Mauer, so daß er im Paradiese niederfiel.

Und alsogleich hörte Sankt Peter ein jubelndes, lustiges Gezwitscher, erkannte eines Dompfaffen Gesang und war höchlichst erstaunt.

Er wandte sich zu unserem Heiland um und sagte: »Laß uns wieder zur Erde hinabsteigen und alles erdulden, was erduldet werden muß, denn nun erkenne ich, daß Du wahr gesprochen hast, und daß es einen Ort gibt, wo das Leben den Tod überwindet.«

Und sie waren vom Berge hinabgestiegen und hatten ihre Wanderung von neuem begonnen.

Dann hatte Sankt Peter lange Jahre nichts weiteres vom Paradiese erfahren, sondern sich nur nach dem Lande hinter jener Mauer gesehnt. Und nun war er endlich dort und brauchte sich nicht mehr danach zu sehnen. Nun konnte er den ganzen Tag aus nie versiegenden Quellen die Freuden mit vollen Händen schöpfen.

Aber Sankt Peter war kaum vierzehn Tage im Paradiese, da geschah es, daß ein Engel zu unserm Heiland trat, der auf seinem Thron saß. Der Engel neigte sich siebenmal vor ihm und berichtete, daß ein schweres Unglück auf Sankt Peter zu lasten scheine. Er verschmähe Essen und Trinken und seine Augen seien so rotgerändert, als habe er nächtelang nicht mehr geschlafen. Sobald unser Heiland dies vernommen hatte, erhob er sich, um Sankt Peter aufzusuchen.

Er fand ihn in einem weit entlegenen Winkel des Paradieses. Dort lag er auf der Erde hingestreckt, als wäre er zu ermattet, um aufzustehn, er hatte seine Kleider zerrissen und sein Haupt mit Asche bestreut.

Als unser Heiland ihn so tiefbetrübt sah, setzte er sich neben ihn auf die Erde und redete geradeso zu ihm, wie er getan hätte, wenn sie noch unten auf jener Welt in Trübsal umhergewandert wären.

»Was macht Dich denn gar so traurig, Sankt Peter?« fragte unser Heiland.

Aber Sankt Peters Betrübnis war so übermächtig, daß er gar nicht zu antworten vermochte.

Und abermals fragte unser Heiland: »Was macht Dich denn gar so traurig, Sankt Peter?«

Bei der Wiederholung dieser Frage nahm Sankt Peter sich seine goldene Krone vom Haupte und warf sie unserem Heiland vor die Füße, als wollte er damit sagen, er wünsche von nun an nicht mehr an seiner Ehre und Herrlichkeit teilzuhaben.

Unser Heiland erkannte jedoch sogleich, daß Sankt Peter zu verzweifelt war, um zu wissen, was er tat. Und deshalb wurde er auch gar nicht zornig über sein Gebaren.

»Du mußt mir doch endlich sagen, was Dich so quält,« sprach er voll Sanftmut wie zuvor und mit noch zärtlicherer Stimme.

Doch nun sprang Sankt Peter auf, und da merkte unser Heiland, daß er nicht nur traurig, sondern auch ergrimmt war. Mit geballten Fäusten und funkelnden Augen trat er auf unseren Heiland zu.

»Ich will sofort meine Entlassung haben,« sprach Sankt Peter. »Nicht einen Tag länger kann ich Dir meine Dienste im Paradiese weihen.«

Unser Heiland suchte ihn zu beruhigen, wozu er früher oft genötigt war, wenn Sankt Peter aufbrauste.

»Du sollst diese Erlaubnis erhalten, aber ehe Du gehst, mußt Du mir sagen, was Dir hier mißfällt.«

»Ich kann Dir nur sagen, daß ich auf besseren Lohn rechnete, als wir beide dort unten auf jener Welt Jammer und Elend zu tragen hatten.«

Unser Heiland ward inne, daß Sankt Peters Seele von Bitterkeit erfüllt war, und er hegte keinerlei Groll gegen ihn, sondern sprach:

»Ich sage Dir, daß Du die Freiheit hast, nach Belieben von dannen zu gehen, nur mußt Du mir mitteilen, was Dich betrübt.«

Da erzählte Sankt Peter endlich, weshalb er so unglücklich sei. »Ich hatte eine alte, greise Mutter, die vor wenigen Tagen gestorben ist,« sagte er.

»Nun weiß ich, was Dich quält,« entgegnete unser Heiland. »Du leidest, weil Deine Mutter nicht hierher ins Paradies gekommen ist.«

»So ist es,« antwortete Sankt Peter, und sein Seelenleid war so übermächtig, daß er zu schluchzen und zu wehklagen begann. »Ich glaubte allerdings, daß ich es wohl verdient hätte, sie herzubekommen,« sagte er.

Als unser Heiland aber den Grund von Sankt Peters Trauer erfahren hatte, wurde er seinerseits traurig. Denn Sankt Peters Mutter war nicht so gewesen, daß sie ins Himmelreich hätte kommen können. Sie hatte immer nur daran gedacht, Geld zusammen zu scharren, und den Armen, die vor ihrer Tür gestanden hatten, gab sie niemals soviel wie einen Heller oder auch nur einen Bissen Brot. Dennoch begriff unser Heiland sehr wohl, daß Sankt Peter es nicht zu fassen vermochte, wie groß der Geiz seiner Mutter gewesen war, und daß sie dadurch die ewige Seligkeit nicht erlangen konnte.

»Sankt Peter, wie kannst Du es sicher wissen, daß es Deiner Mutter bei uns gefallen würde?« fragte er.

»Sieh, so redest Du nur, um meine Bitte nicht erhören zu müssen,« erwiderte Sankt Peter. »Wem sollte es im Paradiese nicht gefallen?«

»Wer nicht Freude über die Freude anderer empfindet, der kann sich hier nicht wohl fühlen,« antwortete unser Heiland.

»Dann sind noch andere als meine Mutter hier, die nicht hineinpassen,« sagte Sankt Peter, und unser Heiland verstand, daß er ihn damit meinte.

Da war er tief bekümmert, denn er erkannte, daß Sankt Peter in seinem tiefen Kummer gar nicht mehr wußte, was er sagte. Er wartete noch eine Zeitlang, weil er hoffte, daß Sankt Peter seine Worte bereuen und einsehen würde, daß seine Mutter nicht ins Paradies hineingehöre, aber Sankt Peter wollte nicht in sich gehen.

Da rief unser Heiland einen Engel herbei und gebot ihm zur Hölle hinunterzufahren, um Sankt Peters Mutter zum Paradiese herauszubringen.

»Laß mich dann auch zusehen, wie er sie heraufholt,« bat Sankt Peter.

Und unser Heiland faßte ihn bei der Hand und führte ihn hinaus auf einen Felsen, der auf einer Seite ganz steil und abschüssig war. Und er zeigte ihm, daß er sich nur ein wenig über den Rand zu beugen brauchte, um gerade in die Hölle hinunter blicken zu können. Anfangs vermochte Sankt Peter nicht mehr zu unterscheiden, als wenn er in einen Brunnen hinabgeschaut hätte. Es war, als hätte sich unter ihm eine unendliche Schlucht aufgetan.

Das erste, was er mit Mühe erkannte, war der Engel, der sich schon auf dem Wege nach dem Abgrund befand. Sankt Peter sah, wie der Engel in die finsterste Tiefe hinabeilte und nur seine Schwingen ein wenig ausbreitete, um nicht zu plötzlich hinabzusinken.

Aber als Sankt Peters Augen sich ein wenig an das Dunkel gewöhnt hatten, begann er immer mehr und mehr zu erkennen. Vor allem sah er, daß das Paradies auf einem ringförmigen Berge lag, der eine weite Schlucht in sich barg, und daß auf ihrem Grunde die Verdammten ihre Stätte hatten. Er sah, wie der Engel eine ganze Weile lang sank und sank, ohne die Tiefe zu erreichen. Petrus war entsetzt darüber, daß es dorthin so weit war.

»Wenn er nur mit meiner Mutter wieder heraufgelangen möchte!« sagte er.

Unser Heiland blickte ihn nur mit großen, traurigen Augen an und sprach: »Es gibt keine noch so schwere Last, die mein Engel nicht zu heben und zu tragen vermöchte.«

Der Abgrund war so tief, daß kein Sonnenstrahl hineindringen konnte, nur schwarzes Dunkel herrschte dort. Aber es schien, als habe der Engel in seinem Fluge ein wenig Klarheit und Helligkeit mitgebracht, so daß es Sankt Peter gelang zu erkennen, wie es dort unten aussah. Er sah eine unendliche, schwarze Felsenwildnis. Scharfes, spitzes Felsgestein bedeckte den ganzen Grund, und zwischen dem Gestein blickten schwarze Wasserlachen. Kein grüner Halm, kein Baum, kein Zeichen des Lebens war weit und breit zu entdecken.

Aber überall waren die unseligen Toten auf die scharfen Felsspitzen hinaufgeklettert. Sie hingen an dem Gestein, das sie in der Hoffnung erklettert hatten, sich aus der Schlucht emporzuschwingen, und da sie erkannt hatten, daß sie nirgendwohin gelangen konnten, waren sie vor Verzweiflung wie versteinert dort oben geblieben.

Sankt Peter sah einige von ihnen sitzen, andere liegen, die Arme in unablässiger Sehnsucht ausgestreckt und die Augen nach oben gerichtet. Manche hatten ihr Gesicht mit den Händen bedeckt, als wollten sie dadurch das hoffnungslose Grausen ringsumher von sich absondern. Sie alle lagen regungslos, da war keiner, der es über sich gewann, irgend eine Bewegung zu machen. Einige lagen ganz still in den Wasserlachen und versuchten nicht einmal, sich daraus zu befreien.

Das allerschrecklichste war jedoch, daß es eine solche Menge von Unseligen gab. Es war, als sei der ganze Grund der Schlucht nur aus Leibern und Köpfen gebildet.

Und Sankt Peter ward von neuer Besorgnis erfaßt: »Du wirst sehen, daß er sie nicht findet,« sagte er zu unserem Heiland.

Jesus blickte ihn ebenso traurig an wie zuvor. Er wußte ganz genau, daß Sankt Peter sich des Engels wegen nicht zu beunruhigen brauchte.

Aber Sankt Peter hatte noch immer den Eindruck, daß der Engel inmitten der großen Menge dieser Unseligen seine Mutter nicht zu finden vermöchte. Er sah, wie der Engel mit ausgebreiteten Schwingen über dem Abgrund hin und her schwebte, um sie zu suchen.

Plötzlich erblickte einer der armen Unseligen den Engel. Er sprang auf, streckte ihm die Arme entgegen und rief: »Nimm mich mit, nimm mich mit!«

Da kam auf einmal Leben in die ganze große Menge. Alle die Millionen und Millionen, die dort unten in der Hölle verschmachteten, stürmten in demselben Augenblick heran, erhoben ihre Arme und riefen dem Engel zu, er solle sie doch nach dem seligen Paradiese mitnehmen.

Auch unser Heiland und Sankt Peter vernahmen oben diese Schreie, und ihre Herzen erbebten vor Leid und Betrübnis.

Der Engel schwebte hoch über den Verdammten, flog aber hin und her, um die Gesuchte herauszufinden, während alle ihm nachstürmten, als habe sie ein Wirbelwind zusammengefegt.

Endlich erblickte der Engel jenes Weib, das er holen sollte. Er faltete seine Schwingen auf dem Rücken zusammen und fuhr hinab wie der Blitz. Und Sankt Peter stieß einen Ruf froher Ueberraschung aus, als er sah, wie der Engel seinen Arm um die Mutter schlang und sie emporhob. Und er rief alsbald:

»Selig seist Du, der mir meine Mutter zuführt!«

Unser Heiland legte seine Hand sanft auf Sankt Peters Schulter, als wollte er ihn warnen, sich zu früh der Freude hinzugeben.

Doch Sankt Peter war nahe daran, vor Freude über die Rettung seiner Mutter zu weinen. Er konnte nicht begreifen, daß noch irgend etwas sie zu trennen vermöchte. Und seine Freude wurde noch größer, als er bemerkte, daß es trotz der Behendigkeit des Engels, der sogleich mit Petrus' Mutter emporschwebte, einigen Verdammten dennoch geglückt war, sich fest an sie zu klammern, die nun erlöst werden sollte, weil jene hofften, dadurch zugleich mit ihr ins Paradies gebracht zu werden.

Es war gewiß ein Dutzend Menschen, die sich an die alte Frau gehängt hatten, und Sankt Peter dachte, daß es für seine Mutter doch eine große Ehre sei, so viele Unglückliche von der Verdammnis zu befreien.

Der Engel hinderte sie auch durchaus nicht daran. Die große Last schien ihn nicht im geringsten zu beschweren, sondern er schwebte immer höher und höher empor, und seine Schwingen bedurften nicht größerer Anstrengung, als trüge er ein totes Vögelein zum Himmel. Doch nun gewahrte Sankt Peter, daß seine Mutter sich von den Unseligen zu befreien begann, die fest an ihr hingen. Sie griff nach deren Händen und löste ihren festen Griff, so daß einer nach dem anderen wieder in die Hölle hinabstürzte.

Sankt Peter konnte es deutlich hören, wie die Unseligen sie baten und beschworen, doch die alte Frau schien nicht zulassen zu wollen, daß noch jemand außer ihr selber selig werden sollte. Sie befreite sich von einem nach dem anderen und ließ sie alle in ihr Elend hinabtaumeln. Wehklagen und Verwünschungen erfüllten während ihres Sturzes den weiten Raum.

Da rief Sankt Peter seine Mutter an und beschwor sie, sich barmherzig zu erweisen, sie aber wollte nichts davon hören und tat wie zuvor.

Und Sankt Peter sah, wie der Engel immer langsamer emporschwebte, je leichter seine Last wurde. Und Sankt Peter erschrak so heftig, daß seine Knie schlotterten, und plötzlich sank er zu Boden.

Schließlich war nur eine einzige Unselige übrig geblieben, die sich an Sankt Peters Mutter angeklammert hatte. Es war ein junges Weib, das an ihrem Halse hing und dicht an ihrem Ohr bat und flehte, sie möchte ihr doch erlauben, ihr ins gesegnete Paradies zu folgen.

Der Engel war indessen mit seiner Last so weit gekommen, daß Sankt Peter schon seine Arme ausstreckte, um seine Mutter in Empfang zu nehmen. Er meinte, daß der Engel nur noch ein paar Flügelschläge zu machen brauche, um oben auf dem Berge anzulangen.

Aber plötzlich ließ der Engel seine Schwingen gänzlich ruhen, und sein Antlitz wurde dunkel wie die Nacht.

Denn eben hatte die alte Frau ihre Hände rücklings ausgestreckt und die Arme der Unglücklichen fest angepackt, die an ihrem Halse hing. So lange riß und zerrte sie, bis es ihr gelang, die ineinander gefalteten Hände zu lösen, so daß sie auch von dieser befreit war.

Als die Unselige hinabzustürzen begann, sank der Engel mehrere Klafter tief hinunter, und es hatte den Anschein, als vermöge er nicht mehr die Schwingen zu erheben. Er blickte voll Trauer auf die alte Frau nieder, sein Arm löste sich von ihrem Leib, und er ließ sie fallen, als sei sie jetzt, da er sie allein trug, eine zu schwere Last für ihn geworden.

Dann schwang er sich mit einem einzigen Flügelschlage zum Paradiese empor.

Aber Sankt Peter blieb lange Zeit auf derselben Stelle liegen und weinte bitterlich, und unser Heiland stand schweigend neben ihm. Schließlich sprach er: »Sankt Peter, ich hätte niemals geglaubt, daß Du so weinen würdest, nachdem Du ins Paradies gekommen bist.«

Da hob Gottes alter Diener sein Haupt und entgegnete: »Was ist das für ein Paradies, in dem ich meiner Nächsten Wehklagen höre und meiner Mitmenschen Leiden sehe!«

Und des Heilands Antlitz verdüsterte sich in tiefster Trauer. »Was wollte ich lieber, als Euch allen ein Paradies reinen, strahlenden Glückes zu bereiten?« sprach er. »Begreifst Du nicht, daß ich nur um dessentwillen zu den Menschen hinabstieg und sie lehrte, ihren Nächsten zu lieben wie sich selber? Denn solange sie das nicht tun, gibt es weder im Himmel noch auf Erden eine Freistatt, wo Schmerz und Trübsal sie nicht erreichen können.«

 << Kapitel 9  Kapitel 11 >> 






TOP
Die Homepage wurde aktualisiert. Jetzt aufrufen.
Hinweis nicht mehr anzeigen.