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Christoph Columbus - Der Don Quichote des Ozeans

Jakob Wassermann: Christoph Columbus - Der Don Quichote des Ozeans - Kapitel 14
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typebiography
authorJakob Wassermann
titleChristoph Columbus - Der Don Quichote des Ozeans
publisherDeutscher Taschenbuch Verlag
isbn3784416896
year1992
correctorreuters@abc.de
senderwww.gaga.net
projectid3757a94c
created20070112
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Letztes Kapitel, das düsterste von allen

Auf dem defektesten Schiff, das man hatte auftreiben können, fährt Columbus nach Spanien. Das ist ihm so bestimmt, darüber beschwert er sich gar nicht mehr. Ovando hat ihn ohne Achtung behandelt, ohne die mindeste Rücksicht auf seine Jahre und Verdienste. Seine laufenden Renten und Anteile waren entweder nicht einkassiert, oder man verweigerte ihm die Abrechnungen. Er hat Grund zu der Beschuldigung, Ovando habe seine Angelegenheiten nicht nur vernachlässigt, sondern auch seinen Bevollmächtigten alle erdenklichen Hindernisse in den Weg gelegt. Die Auszahlung der beschlagnahmten Goldstücke ist vorläufig auf keine Weise zu erlangen.

Die Überfahrt ist stürmisch, schon am zweiten Tag zerbricht ein Windstoß den Hauptmast der Karavelle. Bartolomé muß das Kommando übernehmen, ihn selbst fesseln unerträgliche Schmerzen ans Lager. Als er in San Lucar de Barramede im November 1504 vom Borde des Schiffes getragen wird, ist sein Körper gebrochen, sein Geist fast erloschen.

Von festlichem Empfang und dergleichen ist natürlich keine Rede. Niemand, der ihn nur begrüßt. Bartolomé ist da, der Getreue, Hernando ist da, das ist alles, auch sie blicken sich vergebens nach Freunden um. Es gibt offenbar für den Admiral des Ozeans keine Freunde mehr in Spanien. Er ist ein armseliger Schiffbrüchiger, dessen Namen bereits viele vergessen haben, dessen Pläne, Hoffnungen, Erlebnisse und Lebensumstände der Nation gleichgültig sind. Er geht nach Sevilla und logiert sich in einer Matrosenherberge ein. Er beginnt Briefe zu schreiben, stundenlang, tagelang, tage- und nächtelang, unermüdlich. Es handelt sich um Rekriminationen, Rückblicke, Feststellungen erlittener Unbill, geschehener Ungerechtigkeit, endlose Klagen, wortreiche Beschwerden. Die meisten Briefe sind an seinen Sohn Diego gerichtet, der sich am Hof in Medina del Campo befindet. Sie sind im Urtext erhalten.

Diego ist bei den Leuten am Hof beliebt, er kann sich für den Vater verwenden, man erreicht dort nur etwas durch Protektion und geschickte Ränke. Er belehrt ihn, wie er es anstellen soll, empfiehlt sich aufs demütigste seinem alten Gönner, dem früheren Dominikaner de Deza, jetzt Bischof von Palencia. Er rechnet, zählt, kalkuliert, addiert und jammert über die Geldsummen, die man ihm vorenthält und die er besitzen könnte, wenn alles mit rechten Dingen zugegangen wäre. »Man glaube ja nicht, daß es nur die vierzigtausend Pesos in Gold sind, die noch ausstehen, ich beschwöre es und sag es nur dir allein, daß der Verlust, den ich jährlich erleide, zehn Millionen ausmacht.« Der unverbesserliche Phantast! Er ist um Ophir betrogen, um die aurea chersonnesus, um Krösus' Reichtum. Er schlägt vor, der König soll ihn für den Verlust entschädigen. »Glaubt man, daß ich lüge, so mögen die Paraleipomenen, das Buch der Könige, Josephus de antiquitatis und andere sagen, was sie davon wissen. Grüße Diego Mendez von mir, hoffentlich werden seine Liebe zur Wahrheit und sein Eifer ebensoviel Gewicht haben wie die Lügen der beiden Porras. Wenn du mir schreibst, so schicke die Briefe an Luis de Soria, der sie mir nachschicken soll, denn wenn ich in der Sänfte reise, muß ich die Platastraße über Salamanca wählen. Unser Herr nehme dich in seinen heiligen Schutz. Dein Oheim Bartolomé leidet sehr an Zahnweh.« Jede Woche schickt er einen Kurier, gibt Aufträge und Anweisungen, entschuldigt sich, daß er wegen seiner Krankheit noch nicht an den Hof kommen kann, als ob man ihn dort sehnsüchtig erwarte. Ungeduld und Mißtrauen machen ihn schwatzhaft und geschäftig. »Es tut not, sich mit unsern Angelegenheiten zu befassen, die Klugheit rät dazu, man richtet Indien zugrunde, es steht an tausend Orten in Flammen, niemand wagt hierzulande, für mich das Wort zu nehmen, ich lebe auf Borg, das wenige Geld, das ich hatte, mußte ich für die Leute verwenden, die mit mir gekommen sind; die armen Menschen nicht ohne Hilfe zu lassen, war Gewissenssache. Du wirst den Herrn Bischof von Palencia von alledem unterrichten und ihm sagen, welches große Vertrauen ich in seine Güte setze, und dasselbe Benehmen gegen den Herrn Kämmerer beobachten.« Dann belehrt er Diego über die Wichtigkeit, daß die Familienmitglieder stets zusammenhalten: »Ich betreibe es, daß dein Oheim und dein Bruder Ihren Hoheiten die Hände küssen dürfen, auf deinen Bruder kannst du zählen, er hat ein gutes Naturell und besitzt schon die Eigenschaften eines gereiften Mannes. Zehn Brüder würden nicht zuviel für dich sein, im Glück wie im Unglück habe ich niemals bessere Freunde gefunden als meine Brüder.« Die Sorge um die Einkünfte überwiegt alles andere. »Ich hinterlasse dir eine Schrift, aus der du ersehen kannst, was mir gehört. Die Abmachungen werden nicht gehalten. Jeder führt nach Belieben Waren aus, die Folge ist, daß die Erhebung des Achtels nichts trägt. Das Achtel gehört mir, ebenso wie das Drittel des dortigen Ertrags und ferner das Zehntel von dem, was die Hoheiten bekommen und was innerhalb der Grenzen meiner Admiralität an Gold und Gütern gewonnen wird. Achte darauf, des Herrn Auge macht das Roß fett.« Wenn er ein paar Tage ohne Nachricht bleibt, wird er gleich aufgeregt und argwöhnisch: »Täglich kommen hier Boten vom Hofe an, alle Welt erhält Briefe, nur ich nicht, das beunruhigt mich sehr.« Er kümmert sich darum, welche Schiffe im Hafen liegen und welche ausfahren; er verlangt, in allen Häfen solle darüber gewacht werden, daß niemand ohne besondere Erlaubnis und Befugnis nach Indien reise, denn er hat Angst, dadurch um seine Anteile gebracht zu werden, als ob man ganz Amerika unter Steueraufsicht für ihn stellen könne. Er hat erfahren, daß das Gold, das er für die Krone an Bord gehabt, »unter einer mißvergnügten Bevölkerung«, wie er sich ausdrückt, in Strohhütten verwahrt wird; das alteriert ihn; man muß Maßregeln treffen, es zu schützen.

Am 26. November stirbt die Königin Isabella in Medina del Campo. Am 13. Dezember schreibt er an Diego: »Man spricht hier viel davon, die Königin habe auf ihrem Totenbett den Wunsch geäußert, daß man mir den Besitz von Indien wiedergeben möge.« Es ist sein eigener Wunschtraum, er glaubt ernstlich, daß Isabella in ihrer letzten Stunde keinen andern Gedanken gehabt hat. Trotzdem muß man den König an seine Pflichten gegen den Admiral erinnern, dem die Verstorbene so wohlgeneigt war. »Ich werde die Herren vom indischen Amt zu bewegen suchen, daß sie den Governador Ovando auffordern, er solle mit dem Gold für seine Hoheit auch meines schicken. Man gestatte ihm hierbei keine Ausflüchte. Die nach meiner Abreise für mich eingegangenen Summen müssen sieben- bis achttausend Pesos betragen ohne die andern Gelder, die mit vorenthalten werden.« Er fürchtet die Verleumder, namentlich alle Personen, die aus Espaoñla zurückkehren, und trifft Anstalten, damit sie ihm beim König nicht schaden. »Camacho und Bernal, zwei Kerle, für die unser Herrgott keine Wunder tut, haben vor, an den Hof zu gehen, wahrscheinlich in böser Absicht. Dieser Bernal war einer der Urheber der Verrätereien gegen mich, er wurde wegen vieler Verbrechen festgenommen und angeklagt, für jedes einzelne hätte er geköpft zu werden verdient. Auf Bitten deines Oheims habe ich ihm unter der Bedingung verziehen, daß er nie mehr gegen mich und meine Verwaltung wühle. Den Pardon hat er verwirkt und kann als ein Gerichteter betrachtet werden. Ich schicke dir die Abschrift des Urteils über ihn. Diego Mendez kennt ihn gut, frag ihn nur. Man sagt, daß er wegen einer Kleinigkeit, um sich zu rächen, zwei Menschen vergiftet hat.«

In dieser Tonart geht es weiter, bis in den Mai, wo er endlich nach Segovia an den Hof reisen kann. Es ist die Sprache eines cholerischen, zänkischen alten Mannes, den wirkliche und eingebildete Feinde, Übervorteilungen, Ränke und Komplotte bis in den ruhelosen Schlaf seiner Nächte verfolgen.

Jeder Brief ist folgendermaßen unterzeichnet:

S. S.A.S. X.M.Y. XPOFERENS

Über die Bedeutung dieser Buchstaben gibt er niemals Auskunft, obschon er in seinem Testament dem Sohn zur Pflicht macht, die Unterschrift beizubehalten. Es ist offensichtlich eine mystische Spielerei (Sanctus Christus, Sancta Maria, Sanctus Yosephus), bei der es ihm um die geheimnisvolle Zahl Sieben zu tun gewesen ist; seinen griechischen Vornamen Christophorus hat er in den lateinischen Christoferens umgewandelt.

Es ist von jeher im ungewissen geblieben, ob seine beweglichen Jeremiaden über die Armut, in der er zu leben gezwungen sei, begründet gewesen sind. Einige Historiker behaupten, man könne sie nicht ernst nehmen, keineswegs sei er seiner legitimen Einkünfte beraubt gewesen, der König habe sie nur mit Beschlag belegt, damit die Schulden bezahlt werden könnten, die sein Admiral allenthalben gehabt. Richtig sei, daß er in Sevilla einsam gewohnt habe, aber in einer schlechten Herberge nur in der ersten Zeit, später habe er dann im vornehmsten Stadtteil ein bequemes Quartier bezogen. Nun ist allerdings erwiesen, daß er bei den italienischen Bankfirmen in Spanien ziemlich hohen Kredit hatte. In dem Brief an Diego vom 13. Dezember erwähnt er, daß er dem jungen Hernando hundertfünfzig Dukaten auf die Reise mitgegeben habe und daß ihm aus den fälligen Revenuen viertausend Castellanos (etwa fünfundzwanzigtausend Mark nach heutigem Geld) ausbezahlt worden seien. Von Not und Mangel kann nach alledem schwerlich die Rede sein. Daß er in dem Sevillaner Haus luxuriös oder auch nur behaglich gelebt hat, glaube ich freilich nicht. Aber nicht, weil ihm die Mittel gefehlt haben, sondern weil ein so karger harter Mensch nur in Kargheit und Härte zu existieren vermag. Man kann nicht jahrzehntelang auf elenden Barken in kümmerlichsten Umständen durch die Meere fahren, nicht die schrecklichsten Entbehrungen mit den geringsten der Gefährten teilen und sich dann eines Tages sorglos und besitzfroh unter den Wohlhabenden einer Stadt etablieren. Dazu war er nicht erzogen, und das lag auch nicht in seinem Temperament.

Warum aber die Geschäftigkeit, das Geschimpf und Gestöhn, die ununterbrochenen Appelle, die angstvollen Bemühungen, sich die ihm zukommenden Erträgnisse zu sichern? Es ist nicht nur kaufmännischer Geist, der ihn dazu veranlaßt, obwohl er gewiß lächerliche, zerrbildhafte Stücke eines solchen in sich hat; nicht die Habsucht, die ihm von vielen Seiten nachgesagt wird, die jedoch nur heimlichere Beweggründe überlagert; nicht die krankhafte Hypochondrie, die zuletzt sein ganzes Wesen vergiftet haben muß; nicht einmal das resignierte Wissen um die Brüchigkeit der mit der Krone Spanien geschlossenen Verträge und um die treulose Willkür derer, von deren Pflicht- und Rechtsgefühl ihre Einhaltung abhing. Der Grund liegt tiefer. Es ist der klägliche Zusammenbruch seiner maßlosen Erwartungen, der ihn in die geifernde Würdelosigkeit trieb. Wenn vierzig-, wenn hunderttausend, wenn eine Million Pesos aus den Kolonien jährlich in seine Tasche fließen, was bedeutet das gegen seinen Feentraum von unerschöpflichen Reichtümern, der Vision von den goldenen Gebirgen Parias und Zipangus? von den Tempeln aus Smaragd und den Palästen aus Gold im Kaisertum des Großchans? von den Goldgruben im Lande Ophir? Schon daß er rechnen soll, ist Qual und Enttäuschung. Wie, eine Welt, und die hat ihm nicht mehr zu bieten, als daß man nur eben damit wirtschaften und seine Söhne versorgen kann? Er, Entdecker der seit Anfang der Schöpfung unbekannten Hälfte der Erde, der der Menschheit ein Geschenk in den Schoß geworfen hat, das sie nur von einem Gott erhoffen durfte, er soll feilschen mit Ämtern und Höflingen, sich herumschlagen mit betrügerischen Statthaltern, den guten Willen frecher Emporkömmlinge erschmeicheln und zittern, daß man ihm jenes mindeste, das man ihm schuldet, auch gewährt? Die Gnade des Königs? Auch diese Gnade noch ist ungerechte Schmälerung, er bedarf ihrer nicht, in seinem verschwiegenen Sinn steht er dem König ebenbürtig gegenüber: Fürst und Herr des neuen Indien. Gesalbt oder nicht gesalbt, das gilt bei so deutlicher Fügung Gottes gleich. Seine zukunftserobernden Gedanken haben ihm die Dinge anders gezeigt: das arme und verarmte Europa überschwemmt vom Golde, dessen Strom Cristobal Colón geöffnet und gelenkt, ein glückseliges Spanien, ein dankbares Genua, ein perikleisches Zeitalter, hallend von Colóns Ruhm, ein befreites Jerusalem, eine triumphierende Kirche, und er der Erlöser, der Heilige, der Messias.

Aus diesem tödlichen Zwiespalt zwischen Phantasie und Wirklichkeit erwächst sein wahres Bild, begreift sich sein Ende.

Am 5. Februar 1505 meldet er seinem Sohn, Amerigo Vespucci sei bei ihm gewesen, sie hätten viel miteinander gesprochen. Über den Gegenstand des Gesprächs läßt er nichts verlauten; daß die Unterhaltung nicht aufbewahrt ist, scheint mir ein ebenso großer Verlust wie der Untergang einer Armada oder die Zerstörung eines Meisterwerks der Renaissance. Wenn die Worte, die zwischen den beiden Männern gewechselt wurden, im Weltraum noch vorhanden sind, was zu vermuten steht, als Ätherwellen in einem fernen Planetensystem vielleicht, müßte man sie zurückzufangen suchen. Schade, daß solche Apparate noch nicht erfunden sind.

Hier gilt es, ein welthistorisches Unrecht in die Erinnerung zu rufen. Vespucci hatte zwei Reisen nach dem amerikanischen Festland unternommen, eine im Auftrag Lorenzos de Medici im Jahre 1499 und eine im Dienst des Königs Emanuel von Portugal im Jahre 1503. Der lateinisch geschriebene Bericht über die zweite Expedition, der 1505 in Straßburg erschien, verschaffte ihm eine sensationelle Berühmtheit und war der Anlaß, daß die Neue Welt den Namen Amerika erhielt. Ein unbedeutender deutscher Gelehrter, Waldseemüller, mehr Schulmeister als Forscher, hat als erster diesen Namen auf einer von ihm verfertigten Karte eingezeichnet. Nun hatte aber Columbus den mittelamerikanischen Kontinent, genauer gesagt die Küste von Paria, bereits im Jahre 1498 entdeckt, und um ihm diese Entdeckung streitig zu machen, sei es aus Neid gegen ihn, sei es aus Gefälligkeit gegen den Florentiner, sei es aus Liebedienerei gegen den portugiesischen König, sei es aus irgendwelchen andern trüben Motiven, verlegten die Anhänger und Verkündiger des Vespucci dessen Expedition um ein Jahr zurück, also in das Jahr 1497. Diese betrügerische Verschiebung kam klar zutage, als Diego Colón den Prozeß um seine ererbten Privilegien gegen die spanische Krone führte. Als Zeuge wurde unter vielen andern auch Alonzo de Ojeda geladen, der an der ersten Reise Vespuccis teilgenommen hatte; er stellte vor den Richtern ausdrücklich die Priorität des Columbus fest und erklärte, daß er selbst die Seekarte gesehen habe, die der Admiral damals den Majestäten geschickt; dann erst habe Vespucci mit ihm und Juan de la Cosa die Fahrt gewagt. Amerigo Vespucci ist wohl an der ganzen intriganten Machenschaft unschuldig, er war ein bescheidener vornehmer Mensch, der das Gefühl der Rivalität nicht kannte und dem es nie eingefallen wäre, den Ruhm des Vorgängers verdunkeln zu wollen; es sind vielmehr die unkritischen Bücherschreiber und geschwätzigen Chronisten, die, nachrichtengierig oder Opfer ihrer Leichtgläubigkeit, jene schier unausrottbare Falschmeldung in den geschichtlichen Verlauf gebracht haben; findet sie sich doch z. B. noch in der Brockhausschen Enzyklopädie vom Jahre 1819. Es muß damals in Spanien eine ganze Partei geschworener Feinde und anonymer Widersacher des Columbus gegeben haben; sie hatten überall ihre Hände im Spiel, wo sein Andenken getrübt und seine unsterbliche Tat verkleinert werden sollte. Aber im vorliegenden Fall läßt sich nichts tun. Wir können Amerika nicht mehr in Columbia umtaufen, es bleibt Amerika, und es hat einen eigentümlich finstern Witz, ganz in der Geist- und Lebenslinie seines Entdeckers, daß der Erdteil infolge eines Mißverständnisses und der kleinen Ränke kleiner Leute gleichsam unter falscher Flagge segelt.

Ich stelle mir vor, daß der Admiral in jener Unterredung den Vespucci zur Rechenschaft aufforderte, daß er ihn der Feigheit, der Unlauterkeit zieh und ihn fragte, warum er nicht wenigstens den Übereifer seiner Freunde gezügelt habe. Wußtet ihr nicht, daß ich längst vor euch im Lande Paria gewesen bin, daß ich dieses Brasilien längst vor euch betreten habe? mag er gefragt haben. Oder hat er ihn nur still angehört, selber feig in gewohnter Menschenfurcht, sich mit heimlichem Seufzen begnügend in gewohnter Menschenverachtung? Die Rede wird wohl auf den neuen Kontinent gekommen sein, und da allerdings wird der Admiral aufgebraust sein, da wird sein Auge fanatisch geflammt haben. Neuer Kontinent? Für ihn gab es keinen neuen Kontinent. Er anerkannte ihn nicht. Für ihn gab es Zipangu, gab es die Länder Mangi und Cathaja, gab es das Festland von Asien. Dort ist er gewesen, dort ist er unzweifelhaft gelandet, und nur ein klein weniges, ein wenig Zeit, ein wenig Geduld, ein wenig Schicksalsgunst, ein wenig Gesundheit noch, und er hätte die Durchfahrt zu den Ländern am Ganges gefunden. Haben nicht seine Leute in Cuba mit heiligem Eid beschworen, daß sie die asiatische Küste betreten haben? Die Protokolle sind vorhanden, sie liegen in der königlichen Kanzlei, man kann sie zu jeder Stunde prüfen. Ich sehe, wie das hagere, von tausend Wettern gegerbte Grecogesicht des greisen Seefahrers von Leidenschaft erbebt, wie das fahle Grau seiner verloschenen Augen wieder in der alten Prophetenglut sich entzündet, als er diesem emporgekommenen Piloten und Zufallsentdecker den großen Leitgedanken seines Lebens auseinandersetzt und mit dem zitternden Zeigefinger auf der Erdkarte ihm beweist, daß alle diese indischen Inseln von Guanahani bis Trinidad, von Janahica bis zur Landschaft Veragua nur der Vorhof zum gewaltigen Reich des Großchans sind, von dem er in Cuba einen vorgeschobenen Zipfel erfaßt hat. Es gibt kein Amerika, dieses Amerika bildet ihr euch nur ein, es ist ein teuflischer Spuk.

Amerigo Vespucci senkt still den Kopf. Er wundert sich. Man schreibt ja das Jahr 1505 und nicht mehr 1492. Man hat ungeahnte Erkenntnisse gewonnen. Wo war der Admiral in der Zwischenzeit? Wo hat er gelebt, geistig nämlich? Die Wissenschaft ist weitergeschritten. Die Berechnungen Toscanellis sind längst überholt. Die Kosmographen des vorigen Jahrhunderts haben sich getäuscht. Die Zahl der Längengrade, die sie als Entfernung angenommen, stimmen mit dem Umfang der Erde nicht überein. Man hat den Fehler gefunden und korrigiert. Schon vor fünf Jahren hat der große Lionardo da Vinci die indische Hypothese für falsch erklärt. Infolgedessen existiert Amerika. Es muß existieren, denn Asien liegt Tausende von Seemeilen darüber hinaus. Das ist mathematisch errechnet, darüber gibt es keine Debatte.

Aber Vespucci verschweigt diese Argumente. Er ist ein Weltmann, er weiß, was sich gegen den Nestor der Seefahrtskunde ziemt, er beugt sich vor dem furchtlosen Bemeisterer des Ozeans, er ist stolz auf ihn als Landsmann, er empfindet Ehrfurcht vor seiner Person und Bewunderung für seine ungeheure Leistung, ihn jammert das abgehärmte Antlitz, die hinfällige Gestalt, und schließlich, er achtet seinen Irrtum, der etwas Großartiges und Erschütterndes hat. Vielleicht muß man in solchem Irrtum sterben, wenn man wahr gelebt hat. Der Irrtum war das Zeugende. Don Quichote ist stärker als Sancho Pansa. Vielleicht ist das »Reich des Großchans« am Ende noch wirklicher als Amerika.

Noch ein Jahr. Es ist Verhauchen, Versickern, Schattenspiel. Ende Februar erlaubt ihm der König, statt zu Pferde auf einem Maultier an den Hof zu kommen, ein Vorrecht, das nur selten gewährt wurde, doch erst drei Monate später kann er aufbrechen. Als er in Segovia anlangt, ist der König nach Leon gereist. Er begibt sich über Salamanca nach Valladolid, wo er den König endlich trifft. Diese Irrfahrten sind ihm nicht unbekannt. Alles in seinem Leben ist Irrfahrt gewesen, so hat es begonnen, so muß es enden. Unbemerkt, in einen braunen Mantel gehüllt, von Alter und Krankheit gebeugt, nur von seinem Bruder Bartolome (dessen unabänderliche Treue hier tragisch umwittert ist) und einem einzigen Diener begleitet, zieht er in der Stadt ein. Der König läßt ihn tagelang warten, ehe er ihn empfängt. »Ich bin in der Tat so unglücklich, wie ich es sage; bisher habe ich über andere geweint, möge der Himmel mir die Gnade gewähren, daß die Menschen über mich weinen.« Diese Stelle aus der sogenannten lettera rarissima ist der Ausdruck seiner Stimmung in dieser ganzen Zeit.

Über alle Beschwerden, über jede Forderung behält sich der König die Entscheidung vor. Er lächelt dem Admiral zu, er überhäuft ihn mit Lobsprüchen, er beteuert, daß er die Größe seiner Verdienste vollkommen anerkenne, er verspricht Untersuchung, gerechtes Gericht: und dabei bleibt es. Der bloße Vorschlag auf Wiedereinsetzung in die Ämter und Würden stößt auf eisiges Befremden. Es wird ein Prozeßfall konstruiert und zum Urteil ein Tribunal berufen, das den sonderbaren Titel Junta de descargos führt, Rat zur Gewissensentlastung des Königs und der verstorbenen Königin. Was dahinter steckt, ist der plötzliche Einwand Ferdinands, daß Colón die Privilegien von der hingeschiedenen Isabella erhalten habe und daß er für seine Person, obschon er ja seinen Namen unter die Verträge gesetzt, für ihre Erfüllung nicht verantwortlich sei. Erbärmlicher Schacher. Durch das Gewebe der erniedrigenden Verhandlungen, Scheinbewilligungen, Verschleppungen und Rechtsklaubereien tritt der Charakter Ferdinands in seiner unergründlichen Falschheit plastisch hervor. Mochte ihn die auferlegte Verpflichtung zu hoch dünken, was sie auch war, unvernünftig und undurchführbar, und das war sie, er hätte den Weg zur äußerlichen Befriedigung, Beruhigung nur, des maßlos gekränkten Mannes finden und ihn nicht in seinen Vorzimmern als Bettler und in seinen Kanzleien, genau wie vor fünfzehn Jahren, als verlachten Störenfried demütigen lassen müssen. Es hätte wenig gekostet, weniger vielleicht, als er später dann doch zu zahlen gezwungen war. Und diese fünfzehn Jahre, dank eben jenem Mann, bedeuteten einen dynastischen, politischen und wirtschaftlichen Aufschwung von einem Tempo und einer Intensität, daß es dafür kaum ein Beispiel in der Geschichte der Völker gab.

Der Admiral hatte nicht mehr die physischen Kräfte, den höfischen und juristischen Ränkespielen entgegenzutreten. Er hatte noch eine schwache Hoffnung: die Ankunft Philipps von Österreich mit seiner Gattin, Isabellas Tochter. Es wurde ihm zwar gesagt, wie es mit Donna Juana stand, daß ihre jahrealte tiefe Schwermut bereits alle Merkmale des Wahnsinns zeigte; was konnte er von ihr erwarten? was von dem leichtsinnigen und genußsüchtigen Habsburger? Dennoch wollte er dem neuen Herrscherpaar entgegenreisen, ein schwerer Gichtanfall warf ihn unterwegs auf irgendein Zufallslager, und er beauftragte an seiner statt Bartolome, Philipp und der jungen Fürstin »die Hände zu küssen«. Das Schreiben, das er ihm mitgab, schloß mit den Worten: »Eure Hoheiten können versichert sein, daß ich, so sehr mich auch mein Übel gegenwärtig peinigt, gleichwohl imstande sein werde, Ihnen noch Dienste zu leisten, wie sie die Welt bisher nicht gesehen hat.«

Ist es der nahe Tod, der ihn zu so hohlen Verheißungen aufpeitscht und ihm den Sinn trübt selbst für die Wirklichkeit des Sterbens? Als er seine letzte Stunde kommen fühlte, ließ er Notar und Zeugen rufen, um sein Testament aus dem Jahre 1498 zu annullieren und ein neues abzufassen. Dieses beginnt mit dem donquichotischen Diktum: »Als ich dem König und der Königin mit Indien ein freiwilliges Geschenk machte...« Er bleibt in seinem Stil, es ist dieselbe Fanfare, dieselbe feierliche Grandezza, dieselbe Verstiegenheit, mit denen er einstmals den Prior von La Rabida verblüfft hat. Jetzt wandte er sich an die Nachwelt damit. Und die Nachwelt tat das beste, was sie unter solchen Umständen tun konnte: sie begrub seine Worte in Schweigen und behielt nur seinen Namen und seine Tat im Gedächtnis. Am 19. Mai traf er die letzten Anordnungen, am 20. Mai, dem Tag vor Christi Himmelfahrt, starb er. Vielleicht gab es niemals müdere Augen als die seinen, da sie sich für ewig schlössen.

Die Unrast, die über den Lebenden verhängt gewesen, war auch Los und Stigma des Toten. Zuerst wurde er im Gewölbe des Franziskanerklosters zu Valladolid bestattet. Vier Jahre später brachte sein Sohn Diego den Leichnam in das Kartäuserkloster Santa Maria de las Cuevas bei Sevilla. Nach Diegos Tod erbat seine Witwe von Kaiser Karl V. die Erlaubnis, die Überreste des ersten Admirals, wie es sein Wunsch gewesen, in Españiola beisetzen zu dürfen. Die Bitte wurde gewährt. Im Jahre 1673 zerstörte ein Erdbeben die Kathedrale von San Domingo, die Gebeine des Entdeckers vermischten sich mit den Knochen aus den andern Gräbern, sie wurden mit vieler Mühe wieder zusammengesucht und abermals begraben. Als im Jahre 1745 die Insel an Frankreich kam, ließ der spanische Admiral d'Artibazel die Gruft öffnen, das Skelett trotz seiner zweifelhaften Identität herausnehmen und in den Dom von Habana überführen.

Es war, als habe Christoph Columbus in Hader mit seinem Schicksal kein Ende finden können; als habe er noch im Grab sehnsüchtig hingestrebt nach seinem Indien, seinem geliebten Espanola, um sich auch dort noch, Schatten und Gerippe, störrisch gegen die augenscheinliche Existenz jenes Amerika zu wehren, das die Leugnung seines hohen Traums vom Paradies und dem Märchenreich des Großchans war.

Sein Ruhm ist Scherbenwerk; man setzt es mühselig zusammen, und plötzlich entschwebt ihm ein Geist, der uns brüderlich grüßt.

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