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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 9
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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projectid53b9bf09
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IX.

In dem salischen Gau Toxandria, auf dem rechten Ufer der Schelde, nahe der Mündung, waren die niemals tief eingeprägten römischen und christlichen Spuren schon seit mehr als hundert Jahren völlig verwischt oder vielmehr überwachsen von germanischem Wesen, das die schon vor Julian hier eingedrungenen Salier verbreitet hatten. Auch dieser letzte große Vorkämpfer des Römertums in Gallien hatte die Franken hier nicht mehr zu vertreiben vermocht.

Zum Teil niemals gerodeter Urwald, zum Teil seit ein paar Menschenaltern aufgewucherter Frischwald bedeckte weithin das Land: ein gewaltiger Hain, hart am Stromufer, war Wodan geweiht: neun Tage und neun Nächte – rühmte die Sage – könne hier Donars heilig Tierlein, das Eichhorn, von Wipfel zu Wipfel springen, ohne den Boden berühren zu müssen. Der Hain war umhegt: Gewaffnete, im Dienst des Weihtums, hüteten die drei einzigen Eingänge im Osten, Süden und Norden, im Westen schützte der Strom. Im Norden grenzte der Götterhain mit einem stattlichen Allod, dessen Halle mit der Rückseite ebenfalls an den Fluß stieß: es war das Besitztum, das die Königin Basina – das wertvollste aus ihren Hofgütern – Guntbert und Bertrada bei ihrer Vermählung geschenkt hatte.

Nur ungern hatte Chlodovech das geschehen lassen. »Ich will den gutmütigen Menschen um mich haben, hier, im Palast,« grollte er. »Er ist mir wie ein Schild oder ein verlässig Roß oder ein wachbarer Hund so treu. Und dann: warum ihn auf einmal so reich werden lassen? Er hätte immer noch ein bißchen treuer werden müssen, weil er immer noch was zum Leben von meiner Gunst hätte erwarten mögen. Ist ja dumm.«

»Seine Mutter und ihr Vater haben wiederholt mein Leben gerettet,« hatte die Witwe grollend im Hinausschreiten gesprochen. »Ja, ja,« lachte ihr der Sohn nach, »bei jener eiligen . . . . Reise aus Thüringland!«

Dorthin war das neuvermählte Paar von dem Königshof gezogen. Die für die Arbeit erforderlichen halbfreien und unfreien Hintersassen sowie die Herden und das Gerät fand es auf dem Gute vor. Und mit freudigem Eifer schalteten die jungen Gatten in Haus und Hof, in Garten, Wiese, Feld und Wald.

An einem warmen Augustabend saßen sie bei sinkender Sonne auf der Bank, die, auf mehreren Stufen erhöht, die ganze Vorderseite des Wohnhauses umzog: von diesem ragenden Vorsprung aus konnte man über die Hofwere – den Pfahlzaun – hinweg auf das Acker- und Wiesland schauen, von dem das Gesinde nun, nach vollendetem Tagewerk, in die neben dem Herrenhause verstreuten Häuslein und Hütten zurückkehrte, die Arbeitsgeräte auf den Schultern. Der Leute frohes Scherzen und Lachen bezeugte, daß es ihnen nicht übel erging unter der Herrschaft des glücklichen Paares: gute Menschen im Glück wollen Glück um sich verbreiten.

Guntbert hatte den linken Arm um seines jungen Weibes Nacken geschlungen, die Rechte hob den römischen Becher: – wie der dunkle Wein, der ihn füllte, ein Geschenk Basinas. »Dank, Frau Sunna!« rief er dem Abendgold entgegen. »Du hast uns ein gutes Jahr gegönnt. Du bist so schön wie gut: – du bist gewiß Bertraden hier ähnlich!« Und er trank den Becher leer.

»Nicht also, Liebster,« mahnte die Frau, sich an seine breite Brust lehnend, – sie ließ die auf dem Boden wirbelnde Spindel einen Augenblick ruhen – »erzürne nicht die hohe Göttin durch frevelnden Vergleich!« »Hei,« lachte er, »Frau Sunna darf das nicht verdrießen. Hab' ich doch nichts auf Erden noch gesehen so schön und gut wie du!«

»Klein Theoda,« meinte die Mutter mit zärtlichem Blick auf ein etwa vierjährig Mädchen, das im weißen Linnenhemdchen auf der Wiese unterhalb der Hausstufen saß und sich bemühte, mit den kleinen Fingern die vielen weißen und roten Blumen, die im Kreis umherstanden, zu einem Strauße zusammenzupflücken, – »klein Theoda wird tausendmal schöner als ich. – Da sieh, da kommt Guntvalt angeritten! Hoch zu Roß!« »Ohne Sattel! Auf dem feurigen Hengst! Der Keckling,« lachte der Vater. »Aber er fällt nicht: – er sitzt fest!« Da trabte ein sechsjähriger Knabe auf die Scheune neben dem Herrenhause zu, sprang ab und öffnete weit die Thorflügel des Gebäudes; dann eilte er mit hohen Sprüngen auf das Schwesterlein im Grase zu und drückte auf das blonde Haar einen Kranz von blauen Kornblumen: die Kleine patschte vor Freude in die runden Händchen. Schon stand der Knabe vor den Eltern und wies mit ausgestrecktem Arm auf das Stoppelfeld, das sich weitgestreckt zur Linken des Hauses dehnte: »Schau, Vater, da kommt der letzte Wagen. Hoch, hoch beladen! Die drei starken Rinder können ihn kaum vorwärts bringen. Aber ich hab' auch tüchtig aufladen helfen! Das heißt: ich stand oben und strich die Garben zurecht! Da hat mir die Milchdirn den blauen Kranz geflochten: – aber der ist für Theoda, dacht' ich gleich.« »Wie du glühst,« meinte die Mutter und strich ihm über die roten Wangen. »Immer so wild, immer zuviel! Und den wilden Hengst des Vaters besteigen!« – »Ja, auf den Rindern kann ich doch nicht reiten, wie ein Knecht! Wie sagte neulich der Vater?

›Der freie Franke gehört auf den Hengst,
In der hauenden Hand das geschwungne Schwert.‹«

»Gut merkst du dir so was!« lächelte die Mutter, »du Wildling. Aber hast du auch den Spruch behalten, den ich dir neulich vorsagte, da du einschliefst?«

»Ich . . . ich glaube wohl:

›Waltender Wodan
Und du, dröhnender Donar,
Schützet und schirmt in der Schlacht
Guntbert, den guten.‹«

»Und« – »ja, das von den Göttinnen? . . . . Das hab' ich vergessen!«

»Und,« schloß die Mutter:

»Freia und Frigg, befreundet, befriedet
Haus ihm und Hof.«

»Sieh, da wankt und schwankt der Wagen heran,« sprach der Vater. »Wahrlich, Gott Frô gab gute Ernte! Aber heiß war der Tag, die Arbeit schwer! Lauf, Guntwaltlein, und sag' dem Kellerknecht, er solle jedem der Leute zum Abend einen Becher Metes mehr reichen.« Als der Knabe mit einem Satz die vielen hohen Stufen übersprang, schüttelte Frau Bertrada das blonde Haupt und klagte: »Der Bub' ist allzuwild. Sein Mut ist ohne Maß. Du solltest ihn mäßigen.«

»Nein. Nur ihn lehren, die Gefahr auch kennen, und sie doch nicht fürchten. Jetzt ist er furchtlos . . . aus Unwissenheit. Der wird schon recht! Hat ein Auge wie der Falke! Schießt jetzt schon mit seinem Knabenbogen fast wie ich. Der wird schon recht!« wiederholte er, dem Sohne freudig nachschauend, wie der dahin flog über die Wiese. »Ja! Denn er wird ganz wie du! – O mein lieber, lieber Mann.« Sie blickte sich scheu um, – ob jemand herschauen könne, dann küßte sie ihn zärtlich. »Wie hab' ich dich lieb! Wie glücklich sind wir! Sind wir all' die Jahre her gewesen. Ich hab' es nicht geglaubt, daß ein Herz soviel Glück aufnehmen mag. Oft wird mir bang zu Sinn: ob's wohl dauern kann?« – »Du thöricht Kind! Warum denn nicht? Was quälst du dich!« – »Schilt mich, aber ich kann's nicht lassen. Ja, in deiner Nähe, hör' ich deine klare Stimme, seh ich in dein stetes Auge, dann fühl' ich mich so sicher, wie unter Donars Schild. Aber abends – spät abends, – wann die Kinder schlafen und auf die öde Halle die langen Schatten fallen – dort vom Nordwald her, – wann die grauen Nebel aus dem Schilf steigen und du bist noch immer nicht zurück von der Jagd unter jenen düstern Föhren, – dann, dann beschleicht mich oft ein fröstelnd Grauen. Wenn du mir einmal gar nicht mehr wiederkehrtest . . .?« Er lachte: »So leicht bezwingt mich weder Ur noch Bär.« – »Es giebt Schlimmeres –.« – »Doch nicht, daß ich wüßte!« – »Böse Menschen!« – »Die zwingen mich erst recht nicht.« – »Nicht im Kampf! Aber . . .! Ich muß immer denken an einen Blick abgrundtiefen Hasses, – du sahst ihn nicht – aber ich fing ihn auf!« – Sie schauerte zusammen. »Nun? Wer? . . .«

»Jener Priester . . . der freche Römer – aus dem Burgundenreich.« Jetzt lachte der Mann noch fröhlicher. »Cautinus? Nun, der, mein' ich, sucht nicht mehr meine Nähe. Wohl gedenk' ich's! Er kam als Bote seines Oheims aus Burgundenreich zum König, gerade als ich dich nach einem Besuch bei der Königin auf das Pferd hob, dich wieder hierher – nach Hause zu holen.« – »Schon als Laie hat er . . .« – »Um dich geworben, dich keck verfolgt. Er ward nun – der Priester! – ganz bleich, als er dich, von meinem Arm auf den Sattel gehoben, wieder sah. Unter dem Vorwand, dich mit dem Kreuzeszeichen zu segnen . . .« – »Wie durft' er's wagen! Von Donar stammen mir die Ahnen!« – »Berührte er dich an der Stirn und einer Schulter. Eh er an die andere gelangte, lag er – ein paar Schritte weit von dir – im Staub. Er hat diesen Arm gespürt: er kommt mir nicht wieder.«

»Ich sah seinen Blick, als er sich – stöhnend – aufraffte, und ich . . . Horch, was ist das?« – »Hufschlag! Ein paar Gäule nahen rasch.« Guntbert stand auf und schritt die Stufen hinab, auf die Thüre der Hofwere zu. Schon tauchten aus dem Saum des nahen Gehölzes mehrere Reiter auf dem Stoppelfeld auf, bald waren sie heran: noch vom Gaul herab, vor dem Abspringen, rief der vorderste ihm zu: »Eile dich, Guntbert! Steig zu Roß! Der König entbietet dich sofort. Er entsendet dich auf wichtige Fahrt.« – »Wohin?« – »An den Königshof der Burgunden!«

 


 

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