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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 45
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
correctorreuters@abc.de
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senderwww.gaga.net
projectid53b9bf09
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XLV.

Während dieser Unterredungen waren drüben in dem Gehöft Guntberts die beiden Kinder emsig beschäftigt. Guntwalt, zu einem kräftigen Knaben herangewachsen, schoß mit des Vaters Bogen, den er nun führen durfte, auf dem weiten Raum vor den Hausstufen auf eine manneshohe, aber schmale, nicht mannesbreite Scheibe, an deren oberem Ende in rohen Strichen mit Kohle ein Manneshaupt gemalt war: auf fünfzig Schritt fehlte er nie die Scheibe, fast nie das Haupt. »Wieder getroffen! Gerade in die Stirn! Da schau' her!« rief er die Stufen hinan der Schwester zu, die Speisen und Geschirr für den einfachen Abendschmaus aus dem Hause trug und zierlich auf dem glatten, weißen Ahorntisch auf der obersten Stufe nebeneinander reihte; das bildschöne Kind neigte sich anmutig, auf den rechten Arm gestützt, über die geschnitzte Brüstung der Balustrade hinab, die Augen vor dem grell einfallenden Licht der Sonne schützend mit der vorgehaltenen Rückseite der Linken.

»Ja, Brüderlein,« nickte sie. »Der Vater meinte gestern, du triffst schon fast so sicher wie er. Und das war gut für mich neulich, da mich die zwei hungrigen Wölfe vom Beerensammeln im Scheldewald aufscheuchten und bis an die Hofwere verfolgten: du ersahst es von der Hausthür aus, zweimal schwirrte die Sehne: hart an mir vorbei zischten die Pfeile, aber sicher traf jeder sein Untier.« – »Damals schlug mir das Herz gar heiß: – das ist schlimm für den Schuß! – denn von links und rechts umsprangen dich schon dicht die beiden. – Ich habe Hunger, kämen die Eltern doch bald.« – »Ja, es wird nun auch gleich dunkel. Wo sind die Knechte?« – »Im Wald. Alle sind sie fort, beim Reuten. Was hast du denn da in den Schüsseln? Es ist doch von dem Hirsch noch was da?« – »Viel! Und sieh hier: den Lachs aus dem Strom, der sich heut an der Grundangel gefangen. Und Milch und Käse. Horch! Die Angel des Seitenpförtleins hat geknarrt. Das können nicht die Eltern sein.« – »Nein! Schau, da kommt ein Fremder. Ganz schwarz ist sein Gewand.« – »Wer mag das sein?« – »Der Vater sagte mal, . . . – doch nein! Was suchte ein Geschorener bei uns?« Er legte Bogen und Köcher ab, und ging dem Ankömmling, entgegen, der langsam und geräuschlos herankam, von weitem den Kindern mit den Fingern der Rechten zuwinkend. »Willkommen in unserer Were, guter Gast,« sprach Guntwalt, »raste hier redlich und scheide unschädlich.«

»Gut kennst du – so jung noch! – Knabe, schon die alten Sprüche,« nickte der Fremde. »Die wies der wandernde Wodan, der Gott der Gastung, unsern Ahnen.« – »So, so! . . . Also ich bin hier recht im Hofe Guntberts, Guntfrieds Sohn? Das da drüben – die finstern hohen Bäume, das ist wohl . . .?« – »Wodans heiliger Eschenhain.« – »Wo ist der Vater?« – »Drüben im Hain.« – »So, so. Aber,« rasch stieß er das hervor – »die Mutter – sie ist wohl im Haus dort?« Funkelnden Auges machte er ein paar Schritte gegen die Stufen. »Nein,« erwiderte das Mädchen, etwas zurückweichend, »sie ist auch dort: bei der großen Frau Königin weilen sie beide.« – »Ah so! – Sie sind wohl häufig dort? Auch zu opfern?« – »Gewiß, so oft es Sitte.«

»Nun, ich werde sie erwarten,« sprach er mit einem Blicke rückwärts nach der Seitenthür, aus welcher er gekommen war. »Vergönnt, daß ich mich zu euch setze, zu dir vor allem, du zauberschönes Mädchen. Heißest du auch Bertrada?« »Nein, Theoda! – Er kennt der Mutter Namen,« dachte das Kind ängstlich und wich noch scheuer zurück, wie er, nun die Stufen ersteigend, den Arm nach ihr ausstreckte. Im Augenblick stand der Bruder, über die Stufen in zwei Sätzen fliegend, an ihrer Seite. Der Gast ließ sich in den Hochsitz nieder. »Hier magst du rasten,« sprach Guntwalt, »bis der Vater kommt. Dann aber . . . – du siehst, unsere Hausmarke ist hier eingeritzt – . . . das ist des Hausherrn Sitz.« Der Gast lächelte: »In diesem Hause geht es ja streng nach alter Sitte. Man sieht's. – Erzählt einmal, wie lebt ihr das Jahr über? Muß doch öd sein in dem wilden Wald.«

»Aber gar nicht,« entgegnete Theoda, nun mutiger. »Welch' schöne Feste feiern wir!« – »Feste? Welche? Erzählt mir doch. Darf ich von dem Brote dort nehmen?«

»Breit biete das braune Brot,
Frôs freudige Frucht,
Dem gehrenden Gaste

so lehrte die Mutter,« sprach Theoda, schnitt mit dem Messer ein mächtig Stück von dem dunkeln wohlriechenden Roggenbrot und schob es – vorsichtig zurückgehalten – ihm dar. »Da ist zuerst,« hob Guntbert an, »das Fest der Wiederkehr der Götter, wann die Tage wieder wachsen im Hornung. Bekränzte Götterbilder auf offenen Wagen ziehen wir, die Kinder voran gespannt, jubelnd durch den Gau.« »Die erste Schwalbe, Frau Ostaras Botin, wird mit Willkommliedern begrüßt,« fiel Theoda ein. »Dann verbrennen wir den Winterriesen und springen über das Feuer, nachdem der andre, der Winterdrache, erstochen ist von Paltar.« – »Und das erste Gewitter! Wie schön, wann Donar Frau Ostara ins Land führt! Und rote Eier legt ihre heilige Häsin weit verstreut im Land. Da heißt es eifrig Ostarbrot backen!« – »Und wird es dann zu heiß, zu dürr auf den Feldern, bitten wir die Götter um Regen! Diesmal war es Theoda, die wir, über und über in Laub gehüllt, mit Wasser aus dem Brunnen beschütteten. Puh, wardst du triefend naß.« – »Und traurig, wehmütig, verbrennen wir zur Sommersonnenwende Paltars, des früh versterbenden, Leiche.« – »Und entzünden, alle andern Feuer verlöschend, das Notfeuer aus geriebenem Holz.« »So, so?« forschte der Gast. »Und all' das habt ihr, – haben die Eltern auch dieses Jahr getrieben!« – »Ei, gewiß. Aber es ist noch lange nicht zu Ende. Bald folgt die Weihe der Kräuter, die wir unter Heilwünschen schneiden und trocknen und dann auf der Glutpfanne verbrennen, falls nächtliche Gewitter ausbrechen.« – »Und die Fahrten und Ritte zu Freirs Weihtum im Tannenwalde, Rosse und Rinder seinem Schutz zu empfehlen für das kommende Jahr.« – »Und später Herrn Wodan, der im wilden Heer im nächtlichen Sturm die Waldweiblein jagt: – den gilt es mit Opfern zu beschwichtigen.« – »Und dann Frau Berchtas, der Spinnerin, Rundgang von Hof zu Hof, die nach den Wocken der fleißigen und der faulen Spinnmägde ausschaut.« »Und bald darauf endlich aller lichten Götter frohe Wiederkehr, die vor der Nacht des Winters in ihre lichte Heimat gewichen waren . . . – o, wie schön sind unsre Feste!« schloß Theoda. »Hm,« meinte der Gast. »Und so viele. Und all' diese haben eure Eltern dies letzte Jahr über auch gefeiert?« »Ich sagt' es schon!« antwortete Guntwalt trotzig.

»Dank euch. Ich weiß nun, was ich wissen mußte.« Er stand rasch auf und that einen gellenden Pfiff. Sofort drang durch jene Seitenthür, die in den Wald führte, ein Haufe von Gewaffneten herein. »Hierher, Gero, Frecho!« befahl der Gast, »ergreift die Kinder hier. Sie sind Geiseln für die Eltern: – dies ist ein Haus des ärgsten Heidentums.« Im selben Augenblick betraten von dem Hauptthor aus, von dem Haine zurückkehrend die Eltern den Hofraum.

»Cautinus!« schrie Bertrada. »Ja, Cautinus, dein Richter, schöne Frevlerin!« »Des Königs Mordbuben!« rief Guntbert und riß das Schwert aus der Scheide. Guntwalt war die Stufen hinabgesprungen: – schon hatte er Bogen und Köcher errafft. Aber Gero hatte sich Theodas bemächtigt. »Hilf, Vater!« schrie das Mädchen.

»Ich komme, mein Kind!« rief Guntbert. Rasch hatte er in einem Sprunge die Reihe der Speerträger durchbrochen: Frecho warf sich ihm mit gezückter Lanze entgegen: er stieß ihn nieder, erreichte Gero, schlug ihm das Schwert aus der Faust, spaltete ihm das Haupt und riß sein Kind an sich.

»Werft!« befahl Cautinus, sich mit der Platte des umgeworfenen Tisches deckend, »werft, ihr Speerleute, alle auf den Hausherrn.«

Sechs Speere flogen: – sterbend sank Guntbert um: »O, Bertrada,« stöhnte er sterbend – »rette dich!« Die Frau war, gefolgt von beiden Kindern, zurückgewichen bis an die Westseite des Gehöfts an dem steilabfallenden Ufer des Stroms. Hitzig folgte ihr Cautinus. »Nun, schöne Büßerin,« rief er ihr zu. »Nun sollst du reichlich Buße thun für jahrelange Qual, die ich um dich ertrug. Deine spröde Herbe soll gar weich und zahm werden! In Klostermauern! Und in diesen Armen. Komm, – endlich!«

Begehrlich sprang er vorwärts, mit ausgestreckten Armen. »Stirb, du Hund!« rief da eine junge Stimme. Eine Sehne schwirrte, ein Pfeil zischte: in die Stirn geschossen stürzte Cautinus. »Rächt mich,« stöhnte er noch, »greift sie, bringt sie alle um – alle drei.« Die Speerträger eilten vor: da umfaßte Bertrada mit beiden Armen ihre beiden Kinder: »Wir kommen, Guntbert!« rief sie und sprang, beide Kinder umschlingend, in den tiefen reißenden Strom. Hoch auf spritzten nach dem dumpfen Schlag die Wellen.

Im gleichen Augenblick schlugen aus dem Weihtum Wodans hohe Flammen auf. Gleichzeitig mit der Schar Geros und Frechos war ein starker Haufe Berittener, die nun absprangen, in den heiligen Hain gedrungen, hatte nach kurzem Widerstand die wenigen Knechte des Altars bezwungen, die meisten Priesterinnen ergriffen und den ganzen Wald sowie die Holzhallen darin in Brand gesteckt: alsbald loderte auch das geplünderte Gehöft Guntberts in Flammen auf. In dem Getümmel des Kampfes, der Plünderung, des Brandes, ward es nicht bemerkt, wie das Pferd eines der Krieger, das vor dem Eingang des Haines angebunden stand, losgeknüpft ward. Es trug alsbald durch den Wald auf der Römerstraße nach Paris eine hohe Frauengestalt.

 


 

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