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Chlodovech

Felix Dahn: Chlodovech - Kapitel 41
Quellenangabe
typefiction
authorFelix Dahn
titleChlodovech
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XLI.

Chlodovechs Quetschwunden schmerzten so sehr und heilten so langsam, daß man, sobald er nur erst aus dem Bereiche der Verfolgung war, ihn vom Sattel hob, auf einen breiten, mit Kissen bedeckten Erntewagen legte und ihn, jedes Rütteln vermeidend, auf der alten guten Römerstraße im Schritte zurückfuhr. So währte es geraume Zeit, bis er Paris erreichte.

Die Ostgoten, ihres großen Königs Geist und Auftrag gemäß, trugen den Krieg zunächst noch nicht in Feindesland: sie begnügten sich, das westgotische Gebiet von den feindlichen Besatzungen, die noch in manchen Städten und Kastellen lagen, zu säubern, was ihnen fast überall gelang: der Burgunde erbat und erhielt Friede, seine Mannschaften zogen unbehelligt ab. Diese Aufgaben in Gallien löste Graf Vitigis, während Herzog Ibba nach Spanien ging, dort den Anmaßer Gesalich schlug, ihn – nach allerlei Abenteuern des Flüchtigen – vernichtete und für den Knaben Amalarich, den seine Getreuen mit der Mutter Theodogotho in das feste Saragossa gerettet hatten, im Namen des Großvaters eine vormundschaftliche Regentschaft einrichtete.

In grimmiger Laune, der Verzweiflung nahe, kam der Merowing, immer noch leidend, in sein Palatium zu Paris, das er mit so stolzen Hoffnungen verlassen hatte. Bissig fuhr er, nachdem ihm Cautinus, der neben ihm gesessen, von dem Wagen geholfen hatte, Frau Hrothehild an, die ihn unter Thränen in die Arme schließen wollte. »Was denn? Was denn? Was denn? Ist ja ganz dumm. Laß mich! Thust mir nur weh! Jetzt heulst du! Hättest du lieber fleißig zu deinen Heiligen gebetet.« – »Ich habe gebetet – Tag und Nacht! Mit Genoveva und . . .« »Remigius, weiß schon! – Höre, ich bin sehr unzufrieden mit deinen Heiligen. Aber sehr! Herbere Hiebe hätt' ich auch als Heide nicht davontragen können. Und wie hab' ich sie geschont und beschenkt! Bitter bereu' ich's. Ich habe große Lust, arianisch zu werden, wie der Tugendprediger zu Ravenna.«

»Vielleicht,« wandte da nachdrucksam Cautinus ein, der des Wunden steter Begleiter und eifriger Pfleger gewesen und immer höher in dessen Gunst gestiegen war, »vielleicht, o Herr, hast du den Heiligen nicht in der rechten Weise gedient.« – »Was denn? Bist doch sonst nicht dumm, Cautine. Soll ich vielleicht noch mehr schenken?« Der Priester schüttelte den schwarzen Kopf und machte eine abwehrende Handbewegung: »Behüte! Darin hast du übergenug gethan. Im Gegenteil: ich meine vielmehr, die so reich von dir Beschenkten sollten sich nun dankbar erweisen und dir in deiner Not beispringen.« »Cautinus,« rief der König, sich von dem Lager, auf das sie ihn in dem schattigen Garten des Palatiums gebettet, sich halb erhebend, »du bist der gescheiteste Mensch in meinem Reich und mein treuester Diener. Ich höre, mein Kanzler Leontius ist inzwischen gestorben: hier, nimm' meinen Ring: – du bist fortab mein Kanzler. Du taugst besser in meinen Palast als in einen Bischofsitz.« Wie funkelten die dunkeln Augen, als der Priester das Zeichen und Mittel höchster Amtsgewalt ergriff und eilig an den Finger steckte! »Und ich glaube,« fuhr er nach tiefer Verbeugung des Dankes fort, »ich glaube dir auch versprechen zu können, daß viele, ja vielleicht alle Bischöfe und Äbte dir von ihrem Reichtum spenden werden: – ich habe unterwegs viel darüber nachgedacht und, während du schliefest, über dreißig Briefe geschrieben . . .«

»Wacker! Treu! Eifrig! wie keiner! Remigius hat nur gebetet!« – »Denn ich wußte ja doch und weiß es: seit jenem Tag an der Isère füllt meines stolzen Helden Hirn nur Ein Gedanke . . .« »Rache!« schrie Chlodovech so wild, daß die Königin heftig erschrak. Er fuhr empor mit geballter Faust.

»Die Rache ist mein,« mahnte die Frau, »ich will vergelten, spricht der Herr!« – »Nein, bei Wodans Speer! Mein ist diese Rache, mein ganz allein. Die soll Gott nur mir überlassen. Ich will, ich kann nicht mehr ruhen und rasten, bis ich die ungeheure Schmach abgespült habe mit dem Blut von ungezählten dieser amalischen Hunde. Rache! Rache! Hört's alle Geister, Götter und Dämonen: wer mir Rache schafft, der hat mich!«

»Hör' ihn nicht, Herr Christus,« jammerte die Gattin, »oder vergieb ihm. Er weiß nicht, was er spricht.« – »O ja, nur allzugut. Und ich werde . . .! O daß mein Vater den Mund schloß, bevor er noch das Eine Wort gesagt.« – »Welches Wort?« – »Den Namen des einzigen Mannes, der da weiß, wo sein Hort liegt und . . . das Siegesschwert.« – »Mein Gemahl! Du wirst doch nicht die Waffe in die Hand nehmen, in die jener oberste der Heidengötter seinen scheußlichen Zauber gelegt hat?« – »Was denn? Ist ja dumm. O hätt' ich es gehabt das Siegesschwert, gegen jenen Vitigis!« »Herr König,« unterbrach der neue Kanzler, »ich vertraue, du bedarfst des Heidenschwertes nicht: die Heiligen werden dir ihre Gunst wieder zuwenden, wenn . . .« – »Wodurch hab' ich sie verwirkt? Vielleicht durch die Gaben, die meinen ganzen Schatz erschöpften?« – »Durch allzu große, sträfliche Milde.« »Na, nun höre! Was denn?« staunte der Merowing, »Ich dächte doch . . .« – »Sträfliche Milde gegen die Ketzer und die Heiden in deinem Reich.« »Aha,« meinte Chlodovech, eifrig hörend. »Das klingt schon anders. Das mag ja sein!« – »Es ist so! Sehr zahlreich sind die Ketzersekten der frechen Monophysiten und Monothelisten auch hier, in deiner Königstadt Paris, die vor deinen Ohren Christus lästern, indem sie ihm nur Eine Natur und nur Einen Willen beilegen.« – »Ja, weißt du, lieber Kanzler,« meinte Chlodovech kopfschüttelnd, »das sind recht schwer zu denkende, spitzige, kitzliche Sachen.« – »Sie sollen nicht denken, glauben sollen sie, was die Väter der Kirche lehren. Und vor allem: – es sind steinreiche Leute darunter: Kaufherren, aus Griechenland, Syrer, getaufte Juden.« – »Hm, das ist freilich ganz was andres. Denen könnte man ja . . .« – »Ohne Zweifel. Und zwar von Rechts wegen. Es sind ausschließend Römer, leben also nach römischem Recht: wohlan: dies Recht bedroht die Ketzerei mit Gütereinziehung,« – »O Cautine, dich mach' ich auch noch zum Reichsschatzmeister. Morgen schon nehmen wir ihnen alles.«

»Geht nicht so rasch. Erst muß doch diese Lehre auch in deinem Reich als Irrlehre feierlich erklärt sein.« –

»Was denn? Ich erkläre sie dafür, – auf dem Fleck, hier, – eh' ich den Becher da leer trinke.« »Du kennst sie ja nicht,« lächelte der Kanzler. »Auch kann das nur die Kirche. Deshalb – und noch aus andern Gründen – mußt du – hör' es, Herr König – ein Konzil berufen.« – »Meinetwegen!« – »Dies Konzil eröffnest du selbst: du findest dort alle Bischöfe deines Reiches beisammen und kannst sie so am bequemsten – und mündlich eindringlicher als durch Briefe – um Geldspenden angehn.« – »Vortrefflich! Jawohl! Und sagen sie nein, sperr' ich sie alle ein: – auf einen Griff.«

»Du wirst,« mahnte die Frau, »nichts gegen Remigius . . .« – »Was denn?« erwiderte Chlodevech giftig. »Der? Der hat mir im Leben nichts gegeben als gute Lehren: – noch nie einen guten Rat wie dieser Cautinus da.«

»Allein,« fuhr dieser fort, »die Verfolgung jener Ketzer allein wird dir die Huld der Heiligen nicht wieder zuwenden und deinen Schatz nicht füllen.« – »Nun, was noch? Rasch heraus damit. Ich brauche viel Geld, sehr viel. Wie meine Kriegsvorräte, meine Waffen, liegen viele Tausend meiner Heermänner auf dem Felde von Romans. Meine Franken allein bringen kein Heer mehr auf, das der Übermacht jener Verbündeten gewachsen wäre: denn auch der treulose Gundobad wird's nun gewiß mit ihnen halten. Ich muß Söldner werben: Friesen, Sachsen, Thüringe!« »Das sind Heiden,« rief Hrothehild entsetzt. »Meinethalben Teufel, wenn sie nur fechten. Aber das kostet Geld.«

»Wohlan, so nimm auch jenen ihre Güter, die du,– wie die Ketzer, – all' diese Zeit ihren freveln Götzendienst hast treiben lassen.« – »Was denn? Wen meinst du?« »Die Heiden!« fuhr der Kanzler grimmig heraus: seine Augen blitzten unheimlich: er kniff den schmalen, bartlosen Mund zusammen. »Die Heiden?« erwiderte Chlodovech, fast erschrocken. »Nein, das geht nicht. Das . . . das thu' ich nicht. Wenigstens nicht, so lange sie lebt . . .« fügte er vorsichtig hinzu. »Wer?« – »Meine Mutter!« »Und warum geht das nicht?« forschte Cautinus ungehalten. Da mischte sich die Königin in das Gespräch: »Weil mein Chlodovech ein allzu zartes Gewissen hat.« Erstaunt richtete der sich auf und sah sie groß an: »Was denn? Nicht daß ich wüßte!« meinte er. »Ja, in andren Dingen freilich – leider! – oft nicht. Aber an diesem Einen thörichten Eide hängt er mit unbeugsamem Eigensinn.« – »An welchem Eid?« – »Er hat seinem sterbenden Vater vor den Ohren der Mutter geschworen, die Heiden nie zu verfolgen, ihren Götzendienst zu dulden.« »Was?« rief Cautinus wild. »Wie? – Dieser Eid ist Sünde! Ist nicht bindend. Sünde war es, ihn zu schwören, Sünde ist es, ihn zu halten. Pflicht, zur Rettung deiner Seele, ist es, ihn zu brechen. Du bist ein Sohn der Kirche, du hast die Macht, diese Greuel zu vertilgen: so versündigest du dich durch deine Duldung gegen deine Mutter.« »Was denn?« fragte Chlodovech ganz verdutzt. »Meine Mutter? – Die ist ja selbst Heidin und aller Heiden Haupt.« – »Deine wahre Mutter, die Mutter deiner Seele, ist die heilige Kirche. Was will dagegen die fleischliche Mutter bedeuten, die dich – in Sünden! – empfangen und geboren hat? Wage nicht, beide zu vergleichen. Jener Eid ist ein Nichts.« »Nein, nein! Das sag' du nicht,« erwiderte der Hartbedrängte. »Denk' ich an jenes Sterbelager, seh' ich die brechenden Augen des Vaters auf mir ruhen, hör' ich seine furchtbar ernst mahnende Stimme: – dann überläuft mich's kalt. Nein! Diesen Eid breche ich nicht! Ich fürchte nichts auf Erden: – auch nicht diese verfluchten Ibba und Vitigis!« – er ballte die Faust – »aber in Frau Basinas Augen sehen, nachdem ich jenen Schwur gebrochen, – nein! Warte bis sie tot ist.« »Gut. Ich kann's erwarten,« sprach der Kanzler achselzuckend. »Nicht mir zürnen die Heiligen. Nicht ich will ihre Gunst wieder gewinnen. Nicht ich brauche Geld zum Kriege. Nicht ich habe gerufen: Rache, Rache!«

»Beim Satan, Mensch,« schrie Chlodovech, »reize mich nicht!« Er schlug mit der Faust auf den runden Erztisch, der vor ihm stand, daß der Wein hoch aus dem Becher spritzte.

Aber jener fuhr ganz ruhig fort: »Dann kannst du dir auch das ganze Konzil ersparen. Das Geld jener Ketzer reicht doch bei weitem nicht aus: du brauchst die Habe, das Grundeigen, der vielen Heiden, die deinem Banne sicher nicht gehorchen würden. Und wenn du den Götzendienst duldest, kann ich es nicht übernehmen, die Bischöfe um Geld für dich anzugehen. Verstatte, o Herr, daß ich mich in die Kapelle zurückziehe und zu den Heiligen für dich bete.«

»Was denn? Um was?« – »Um Erleuchtung deines verdunkelten Sinnes, Erweichung deiner Verstockung, Vergebung deiner sündhaften Duldung des Götzendienstes. Aber ich fürchte, – das vergeben sie nicht!« Nach tiefer Verbeugung ging er langsam, feierlichen Schrittes, aus dem Garten. Unwirsch sah ihm der König nach: »Sie sind doch darin alle gleich, diese Priester, die schlauen wie die dummen, die hageren wie die dicken, die Weltlinge wie die Heiligen unter ihnen: für alles, was sie durchsetzen wollen, finden sie ein gottselig Wörtlein. Aber ich gebe nicht nach: – noch lange nicht. Ich setze jetzt all' mein Hoffen auf einen andern.« – »Auf Gott, mein Gatte?« – »Was denn? Der hat mich ja im Stich gelassen! Nein: auf Kaiser Anastasius in Byzanz. Der hat mir versprochen, die Ostgoten in Italien zur See anzugreifen: das hat er auch offenbar gethan: sonst wäre die verhaßte blaue Fahne viel früher in Gallien aufgetaucht. Also wird er wohl auch sein zweites Wort halten, mir, falls ich die Westgoten anfalle, dreitausend Pfund Gold Hilfsgelder zu senden. Unterwegs traf mich ein Bote mit der Nachricht, Gesandte des Kaisers an mich seien eingetroffen im Hafen von Marseille: sie führen, hieß es, eine mächtige Truhe mit. Ist die gefüllt mit jenem Golde, so brauch' ich meine Herrn Bischöfe nicht anzugehen und meinen Eid nicht zu brechen.«

 


 

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